Die Sache mit dem Ami

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Blumenberg

Mitglied
Mein Großvater sieht nicht mehr gut, deswegen komme ich montags mit der S-Bahn aus Deutz und lese ihm die Zeitung vor. Zum Einstieg den Lokalteil. Der Traktorunfall in Lechenich interessiert ihn. „Mit diesen neuen Ungetümen muss man höllisch aufpassen. Sind viel größer als die, mit denen wir früher die Ernte eingebracht haben. Da kommt leicht einer unter die Räder.“ Es ist keiner unter die Räder gekommen, nur ein Sachschaden, aber das stört meinen Großvater nicht. „Die Polen passen nie richtig auf, die sind faul und saufen den ganzen Tag. Ich hab die nie auf meinen Trecker gelassen.“

„Wann hat denn jemals ein Pole für dich gearbeitet? Das hast du doch wieder von irgendeinem deiner Kumpel“, entgegne ich etwas genervt. Es passiert in den letzten Wochen häufig, dass sich fremde Geschichten in seine eigenen mischen. Ich glaube, er merkt das, denn er erzählt weniger als früher. Ich nehme mir den Anzeigenteil vor. Das Schützenfest in Türnich will er am Wochenende besuchen. „Ich frage Mamma. Mal sehen, ob wir hin können oder ob es zu anstrengend ist.“

„Da bin ich jedes Jahr gewesen“, sagt er scharf, „seit achtundvierzig!“

„Das stimmt doch gar nicht Opa, du warst seit Jahren nicht mehr dort. Du siehst doch auch fast nichts mehr vom Zug.“
„Jedes Jahr …, seit achtundvierzig“, wiederholt er leiser.
„Ich rede mit Mamma, versprochen“, sage ich sanft und habe ein schlechtes Gewissen. Es fühlt sich falsch an, jemandem Vorschriften zu machen, der so viel älter ist als ich. Wahrscheinlich hat er es bis zum Wochenende ohnehin wieder vergessen. Ich nehme mir vor, trotzdem zu fragen.

„Für das Ausland bin ich zu alt“, sagt er, als ich mit dem Überregionalen beginne. Ausland ist alles, was über Köln hinausgeht, wobei ich nicht weiß, ob er einen Besuch dort oder die Nachrichten meint. „Lies lieber die Angebote, ich brauche noch Möhren und Milch.“

Ich lese ihm die Werbeprospekte vor. Im Hit gibt es Tomaten billig, im Aldi ist Bratwurst im Angebot, beides wandert zu den Möhren und der Milch auf die Liste. „Bring Tomaten mit, die sind fast geschenkt! Eine Mark das Kilo.“ Ich habe es aufgegeben, ihm den Euro zu erklären, die Zahl stimmt ja.
„War doch alles anders, als ich damals gedacht hab“, sagt er unvermittelt.

Der Satz bringt mich aus dem Konzept und ich lege den Werbeprospekt zur Seite. „Was war denn anders, Opa?“, frage ich, ohne recht zu wissen, auf was der alte Mann hinaus will, der mir gegenüber im Gartenstuhl sitzt. Er ist schmal geworden mit den Jahren. Ich bin froh, dass es wieder wärmer wird, die frische Luft tut ihm gut. Er blickt auf und sieht mich mit trüben Augen an, ich merke an dem Zucken im Gesicht, dass er konzentriert ist. „Na, das mit dem Ami“, sagt er nach einer Pause und schweigt danach.

„Mit welchem Ami?“, hake ich nach, ohne große Hoffnung, wirklich verstehen zu können, wo sein Gedächtnis nun wieder ist.

„Na mit dem, der im Baum hing. Ich hab ihn beim Spielen im Wald gefunden, gar nicht weit von der Erft weg. Der Fallschirm hatte sich in den Ästen verfangen. Er hat immer wieder dran gerüttelt, kam aber nicht los. Ich hab ihn beobachtet. Sah ganz anders aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Irgendwie hilflos und ein Bein stand komisch ab. Ich hatte mal einen Vogel mit gebrochenem Flügel gesehen, der stand genauso ab. Später bin ich nach Hause gelaufen und hab es Mamm erzählt. Sie hat mir verboten, nochmal in den Wald zu gehen. Der Ami hat ihr Angst gemacht, das hab ich gesehen. Ich hab ihr gesagt, sie muss keine Angst haben. ‚Der hängt da, ganz eingewickelt in den Fallschirm und kann sich nicht rühren. Und böse hat er auch nicht ausgesehen, eher traurig.‘ Meinst du, es war richtig, es ihr zu sagen?“

„Keine Ahnung“, erwidere ich, immer noch unschlüssig, worauf die Geschichte hinauslaufen soll.

„Sie hat gesagt, ich soll im Haus bleiben, weil sie zum Joppich geht. Der war damals Bürgermeister“, sprudelt es aus dem alten Mann heraus, den ich lange nicht mehr so viel habe sagen hören. ,Wenn einer im Baum festhängt, muss man dem doch helfen‘, hab ich Mamm gesagt. Sie hat mich angesehen und nach einer Weile genickt. ‚Ja, den muss man aus dem Baum holen und aus dem Wald‘, hat sie gesagt. Dann ist sie zum Joppich gegangen und der ist kurz darauf mit dem Wachtmeister und dem Linkens und dessen Knecht gekommen. Wo ich den Ami denn gefunden hätt´, haben sie gefragt. Ich müsse mich genau erinnern, das sei sehr wichtig.“

Ich höre Opa Werner zu. Sein Gesicht zuckt immer wieder, als ringe irgendeine Gefühlsregung darum, sich auf dem wettergegerbten Gesicht zu zeigen. Das tut es immer, wenn er sich auf seine Erinnerungen konzentriert. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals über diese Zeit gesprochen hat.
„Erst wollt‘ ich es nicht sagen. Ich mochte den Joppich nicht, der roch nach Zigarettenrauch, hatte einen dicken Bauch, kleine Schweinsaugen. Hat sich immer aufgespielt. Besonders nachdem der Krieg losgegangen war, aber auch davor schon. ‚Bürgermeister ist der nur, weil der von Anfang an in der Partei war‘, hat Mamm immer geschimpft. Als der Krieg losging, hat sie das nicht mehr gesagt …, da hat sie nichts mehr gegen den Joppich gesagt. Ich habe aber gesehen, dass sie ihn manchmal böse angeguckt hat, wenn er´s nicht gemerkt hat. Ich glaub, sie war wütend, dass Papp in den Osten musste und der Joppich hierbleiben durfte.“

„Was war denn jetzt mit dem Ami?“, hake ich nach.

„Dem Joppich hab ich es nicht sagen wollen und der wurde wütend deswegen. Dann hat der Linkens den Joppich und die anderen rausgeschickt und sich zu mir heruntergebeugt. ‚Wir können den da doch nicht einfach hängen lassen, dem muss man doch helfen‘, hat er leise gesagt. ‚Ich mag den Joppich nicht‘, hab ich dem Linkens zugeflüstert, wegen dem dicken Bauch, der Schweinsaugen und dem Gehabe. Da hat er gelacht und gezwinkert und ich hab gewusst, der mag den Joppich auch nicht. Das hab ich aber für mich behalten. ‚Das Bein vom Ami steht ganz komisch ab‘, hab ich dem Linkens gesagt. Ich hab ihm von dem Vogel erzählt, den ich auf unserem Hof gefunden habe, und dem Flügel, der zur Seite weggestanden hat. Ich habe ihm erzählt, dass wir den Vogel so lange gefüttert und gepflegt haben, bis der Flügel wieder heil war. Er hat genickt und gelächelt und ich hab ihm von meinem geheimen Platz nicht weit von der Erft erzählt und wie ich an der alten Weide, in die im Sommer der Blitz eingeschlagen hat, vorbeigegangen bin, Richtung Süden und dann über den kleinen Hügel und dass dort der Ami im Baum hängt. Er hat mir versprochen, dass sie es wie mit dem Vogel machen, das Bein richten, ihn pflegen, bis es wieder heil ist. Dann ist er mit dem Joppich, dem Wachtmeister und dem Knecht in den Wald gegangen. Ich wollt mit, aber Mamm hat es mir verboten.“

Ich warte darauf, wie es weitergeht mit dem Ami, aber mein Großvater schweigt, wie er es meistens tut. Er sackt ein wenig in sich zusammen und ich rutsche ungeduldig auf meinem Stuhl hin und her. Nach einer Weile richtet sich der alte Mann wieder etwas auf und sieht mich an.

„Bring Tomaten mit, die kosten nur eine Mark das Kilo, das ist fast geschenkt“, sagt er.
 

FrankK

Mitglied
Hallo Blumenberg
Na, das ist ein "offenes Ende", wie es realistischer und überzeugender nicht kommen kann. Die zu einer zünftigen Kurzgeschichte gehörige "überraschende Wendung" ist auch enthalten und nicht unerwartet ebenso überzeugend und ... tragisch.

Insgesamt nur etwas "zäh" zu lesen. Viele - fast schon zu viele - Randinformationen, die es nicht unbedingt braucht. Nehmen wir nur mal den ersten Satz:
Mein Großvater sieht nicht mehr gut, deswegen komme ich montags mit der S-Bahn aus Deutz und lese ihm die Zeitung vor.
Was gänge verloren, wäre er reduziert auf:
"Mein Großvater sieht nicht mehr gut, deswegen lese ich ihm die Zeitung vor."

Was meinst du, findest du noch mehr Punkte zum straffen? Nur damit der Spannungsbogen nicht gar so überdehnt wird und deine Leser nicht schon ab dem "überregionalen Ausland" (Köln) die Leselust verlieren.

Besonders gelungen empfinde ich den Moment, als Opa in seine Kindheitserinnerungen abdriftet. Sein Sprachstil scheint sich sogar zu verändern. Ich sehe ihn praktisch vor mir, mit seinem alten, trüben Augen und dem kindlich verkläreten Blick, der zum Schluss wieder ins Leere driftet ...


Abendliche Grüße
Frank
 

Blumenberg

Mitglied
Lieber Frank,

besten Dank für deine hilfreichen Anmerkungen. Es freut mich, dass du die Grundidee und die Umsetzung, gerade des zweiten Teils, gelungen findest. Das offene Ende, ist dabei vermutlich Geschmackssache, es wird bestimmt den ein oder anderen geben, der die fehlende Auflösung als unbefriedigend empfindet, mir schien es aber in dieser Geschichte, das einzig passende Ende zu sein.

Was die zu vielen "Randinformationen" im ersten Teil angeht, glaube ich, dass du recht hast. Ich hatte mir auch schon überlegt, den Teil ein wenig zu straffen, wollte aber noch mal das Feedback hier abwarten.

Ich habe dies nun in einer neuen Version umgesetzt und den ein oder anderen Satz etwas zurechtgestutzt. Ist aber, wie man so schön sagt, alles noch work in progress.

Liebe Grüße

Blumenberg
 

Blumenberg

Mitglied
Mein Großvater sieht nicht mehr gut, deswegen lese ich ihm die Zeitung vor. Zum Einstieg den Lokalteil. Der Traktorunfall im Nachbarort interessiert ihn. „Mit diesen neuen Ungetümen muss man aufpassen. Sind viel größer als die, mit denen wir früher die Ernte eingebracht haben. Da kommt leicht einer unter die Räder.“ Es ist keiner unter die Räder gekommen, aber das stört meinen Großvater nicht. „Die Polen passen nie richtig auf, die sind faul und saufen den ganzen Tag. Ich hab die nie auf meinen Trecker gelassen.“

„Wann hat denn jemals ein Pole für dich gearbeitet? “, entgegne ich etwas genervt. Es passiert in den letzten Wochen häufig, dass sich fremde Geschichten in seine eigenen mischen. Ich glaube, er merkt das, denn er erzählt weniger als früher.

Das Schützenfest am Wochenende in Türnich will er unbedingt besuchen. „Ich frage Mamma. Mal sehen, ob wir hin können oder ob es zu anstrengend ist.“

„Da bin ich jedes Jahr gewesen“, sagt er scharf, „seit achtundvierzig!“

„Das stimmt doch gar nicht Opa, du warst seit Jahren nicht mehr dort. Du siehst doch auch fast nichts mehr vom Zug.“

„Jedes Jahr …, seit achtundvierzig“, wiederholt er leiser.

„Ich rede mit Mamma, versprochen“, sage ich sanft und habe ein schlechtes Gewissen. Es fühlt sich falsch an, jemandem Vorschriften zu machen, der so viel älter ist als ich. Wahrscheinlich hat er es bis zum Wochenende ohnehin wieder vergessen. Ich nehme mir vor, trotzdem zu fragen.

„Für das Ausland bin ich zu alt“, sagt er, als ich mit dem Überregionalen beginne. Ausland ist alles, was über Köln hinausgeht. „Lies lieber die Angebote, ich brauche noch Möhren und Milch.“

Also nehmen wir uns die Werbeprospekte vor. Im Hit gibt es Tomaten billig, im Aldi ist Bratwurst im Angebot, beides wandert zu den Möhren und der Milch auf die Liste. „Bring Tomaten mit, die sind fast geschenkt! Eine Mark das Kilo.“ Ich habe es aufgegeben, ihm den Euro zu erklären, die Zahl stimmt ja.

„War doch alles anders, als ich damals gedacht hab“, sagt er unvermittelt.

Der Satz bringt mich aus dem Konzept und ich lege den Werbeprospekt zur Seite. „Was war denn anders, Opa?“, frage ich, ohne recht zu wissen, auf was der alte Mann hinaus will, der mir gegenüber im Gartenstuhl sitzt. Er ist schmal geworden mit den Jahren. Ich bin froh, dass es wieder wärmer wird, die frische Luft tut ihm gut. Er blickt auf und sieht mich mit trüben Augen an, ich merke an dem Zucken im Gesicht, dass er konzentriert ist. „Na, das mit dem Ami“, sagt er nach einer Pause und schweigt danach.

„Mit welchem Ami?“, hake ich nach, ohne große Hoffnung, wirklich verstehen zu können, wo sein Gedächtnis nun wieder ist.

„Na mit dem, der im Baum hing. Ich hab ihn beim Spielen im Wald gefunden, gar nicht weit von der Erft weg. Der Fallschirm hatte sich in den Ästen verfangen. Er hat immer wieder dran gerüttelt, kam aber nicht los. Ich hab ihn beobachtet. Sah ganz anders aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Irgendwie hilflos und ein Bein stand komisch ab. Ich hatte mal einen Vogel mit gebrochenem Flügel gesehen, der stand genauso ab. Später bin ich nach Hause gelaufen und hab es Mamm erzählt. Sie hat mir verboten, nochmal in den Wald zu gehen. Der Ami hat ihr Angst gemacht, das hab ich gesehen. Ich hab ihr gesagt, sie muss keine Angst haben. ‚Der hängt da, ganz eingewickelt in den Fallschirm und kann sich nicht rühren. Und böse hat er auch nicht ausgesehen, eher traurig.‘ Meinst du, es war richtig, es ihr zu sagen?“

„Keine Ahnung“, erwidere ich, immer noch unschlüssig, worauf die Geschichte hinauslaufen soll.

„Sie hat gesagt, ich soll im Haus bleiben, weil sie zum Joppich geht. Der war damals Bürgermeister“, sprudelt es aus dem alten Mann heraus, den ich lange nicht mehr so viel habe sagen hören. ,Wenn einer im Baum festhängt, muss man dem doch helfen‘, hab ich Mamm gesagt. Sie hat mich angesehen und nach einer Weile genickt. ‚Ja, den muss man aus dem Baum holen und aus dem Wald‘, hat sie gesagt. Dann ist sie zum Joppich gegangen und der ist kurz darauf mit dem Wachtmeister und dem Linkens und dessen Knecht gekommen. Wo ich den Ami denn gefunden hätt´, haben sie gefragt. Ich müsse mich genau erinnern, das sei sehr wichtig.“

Ich höre Opa Werner zu. Sein Gesicht zuckt immer wieder, als ringe irgendeine Gefühlsregung darum, sich auf dem wettergegerbten Gesicht zu zeigen. Das tut es immer, wenn er sich auf seine Erinnerungen konzentriert. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals über diese Zeit gesprochen hat.
„Erst wollt‘ ich es nicht sagen. Ich mochte den Joppich nicht, der roch nach Zigarettenrauch, hatte einen dicken Bauch, kleine Schweinsaugen. Hat sich immer aufgespielt. Besonders nachdem der Krieg losgegangen war, aber auch davor schon. ‚Bürgermeister ist der nur, weil der von Anfang an in der Partei war‘, hat Mamm immer geschimpft. Als der Krieg losging, hat sie das nicht mehr gesagt …, da hat sie nichts mehr gegen den Joppich gesagt. Ich habe aber gesehen, dass sie ihn manchmal böse angeguckt hat, wenn er´s nicht gemerkt hat. Ich glaub, sie war wütend, dass Papp in den Osten musste und der Joppich hierbleiben durfte.“

„Was war denn jetzt mit dem Ami?“, hake ich nach.

„Dem Joppich hab ich es nicht sagen wollen und der wurde wütend deswegen. Dann hat der Linkens den Joppich und die anderen rausgeschickt und sich zu mir heruntergebeugt. ‚Wir können den da doch nicht einfach hängen lassen, dem muss man doch helfen‘, hat er leise gesagt. ‚Ich mag den Joppich nicht‘, hab ich dem Linkens zugeflüstert, wegen dem dicken Bauch, der Schweinsaugen und dem Gehabe. Da hat er gelacht und gezwinkert und ich hab gewusst, der mag den Joppich auch nicht. Das hab ich aber für mich behalten. ‚Das Bein vom Ami steht ganz komisch ab‘, hab ich dem Linkens gesagt. Ich hab ihm von dem Vogel erzählt, den ich auf unserem Hof gefunden habe, und dem Flügel, der zur Seite weggestanden hat. Ich habe ihm erzählt, dass wir den Vogel so lange gefüttert und gepflegt haben, bis der Flügel wieder heil war. Er hat genickt und gelächelt und ich hab ihm von meinem geheimen Platz nicht weit von der Erft erzählt und wie ich an der alten Weide, in die im Sommer der Blitz eingeschlagen hat, vorbeigegangen bin, Richtung Süden und dann über den kleinen Hügel und dass dort der Ami im Baum hängt. Er hat mir versprochen, dass sie es wie mit dem Vogel machen, das Bein richten, ihn pflegen, bis es wieder heil ist. Dann ist er mit dem Joppich, dem Wachtmeister und dem Knecht in den Wald gegangen. Ich wollt mit, aber Mamm hat es mir verboten.“

Ich warte darauf, wie es weitergeht mit dem Ami, aber mein Großvater schweigt, wie er es meistens tut. Er sackt ein wenig in sich zusammen und ich rutsche ungeduldig auf meinem Stuhl hin und her. Nach einer Weile richtet sich der alte Mann wieder etwas auf und sieht mich an.

„Bring Tomaten mit, die kosten nur eine Mark das Kilo, das ist fast geschenkt“, sagt er.
 

molly

Mitglied
Lieber Blumenberg,

in jeder Geschichte können Nebensächlichkeiten gelöscht werden. Doch diesen Satz hätte ich so beibehalten:

"Mein Großvater sieht nicht mehr gut, deswegen komme ich montags mit der S-Bahn (aus Deutz) und lese ihm die Zeitung vor."

Er erklärt auch, warum der Enkel am Anfang etwas "genervt" reagiert, später aber sehr geduldig zuhört und nachfragt.

Kann ja sein, dass der Opa an einem anderen Tag die Geschichte vom "Ami" weiter erzählt. Das Ende Deiner Geschichte ist sehr glaubwürdig.

Viele Grüße

molly
 

Blumenberg

Mitglied
Mein Großvater sieht nicht mehr gut, deswegen komme ich montags mit der S-Bahn aus Deutz und lese ihm die Zeitung vor. Zum Einstieg den Lokalteil. Der Traktorunfall im Nachbarort interessiert ihn. „Mit diesen neuen Ungetümen muss man aufpassen. Sind viel größer als die, mit denen wir früher die Ernte eingebracht haben. Da kommt leicht einer unter die Räder.“ Es ist keiner unter die Räder gekommen, aber das stört meinen Großvater nicht. „Die Polen passen nie richtig auf, die sind faul und saufen den ganzen Tag. Ich hab die nie auf meinen Trecker gelassen.“

„Wann hat denn jemals ein Pole für dich gearbeitet? “, entgegne ich etwas genervt. Es passiert in den letzten Wochen häufig, dass sich fremde Geschichten in seine eigenen mischen. Ich glaube, er merkt das, denn er erzählt weniger als früher.

Das Schützenfest am Wochenende in Türnich will er unbedingt besuchen. „Ich frage Mamma. Mal sehen, ob wir hin können oder ob es zu anstrengend ist.“

„Da bin ich jedes Jahr gewesen“, sagt er scharf, „seit achtundvierzig!“

„Das stimmt doch gar nicht Opa, du warst seit Jahren nicht mehr dort. Du siehst doch auch fast nichts mehr vom Zug.“

„Jedes Jahr …, seit achtundvierzig“, wiederholt er leiser.

„Ich rede mit Mamma, versprochen“, sage ich sanft und habe ein schlechtes Gewissen. Es fühlt sich falsch an, jemandem Vorschriften zu machen, der so viel älter ist als ich. Wahrscheinlich hat er es bis zum Wochenende ohnehin wieder vergessen. Ich nehme mir vor, trotzdem zu fragen.

„Für das Ausland bin ich zu alt“, sagt er, als ich mit dem Überregionalen beginne. Ausland ist alles, was über Köln hinausgeht. „Lies lieber die Angebote, ich brauche noch Möhren und Milch.“

Also nehmen wir uns die Werbeprospekte vor. Im Hit gibt es Tomaten billig, im Aldi ist Bratwurst im Angebot, beides wandert zu den Möhren und der Milch auf die Liste. „Bring Tomaten mit, die sind fast geschenkt! Eine Mark das Kilo.“ Ich habe es aufgegeben, ihm den Euro zu erklären, die Zahl stimmt ja.

„War doch alles anders, als ich damals gedacht hab“, sagt er unvermittelt.

Der Satz bringt mich aus dem Konzept und ich lege den Werbeprospekt zur Seite. „Was war denn anders, Opa?“, frage ich, ohne recht zu wissen, auf was der alte Mann hinaus will, der mir gegenüber im Gartenstuhl sitzt. Er ist schmal geworden mit den Jahren. Ich bin froh, dass es wieder wärmer wird, die frische Luft tut ihm gut. Er blickt auf und sieht mich mit trüben Augen an, ich merke an dem Zucken im Gesicht, dass er konzentriert ist. „Na, das mit dem Ami“, sagt er nach einer Pause und schweigt danach.

„Mit welchem Ami?“, hake ich nach, ohne große Hoffnung, wirklich verstehen zu können, wo sein Gedächtnis nun wieder ist.

„Na mit dem, der im Baum hing. Ich hab ihn beim Spielen im Wald gefunden, gar nicht weit von der Erft weg. Der Fallschirm hatte sich in den Ästen verfangen. Er hat immer wieder dran gerüttelt, kam aber nicht los. Ich hab ihn beobachtet. Sah ganz anders aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Irgendwie hilflos und ein Bein stand komisch ab. Ich hatte mal einen Vogel mit gebrochenem Flügel gesehen, der stand genauso ab. Später bin ich nach Hause gelaufen und hab es Mamm erzählt. Sie hat mir verboten, nochmal in den Wald zu gehen. Der Ami hat ihr Angst gemacht, das hab ich gesehen. Ich hab ihr gesagt, sie muss keine Angst haben. ‚Der hängt da, ganz eingewickelt in den Fallschirm und kann sich nicht rühren. Und böse hat er auch nicht ausgesehen, eher traurig.‘ Meinst du, es war richtig, es ihr zu sagen?“

„Keine Ahnung“, erwidere ich, immer noch unschlüssig, worauf die Geschichte hinauslaufen soll.

„Sie hat gesagt, ich soll im Haus bleiben, weil sie zum Joppich geht. Der war damals Bürgermeister“, sprudelt es aus dem alten Mann heraus, den ich lange nicht mehr so viel habe sagen hören. ,Wenn einer im Baum festhängt, muss man dem doch helfen‘, hab ich Mamm gesagt. Sie hat mich angesehen und nach einer Weile genickt. ‚Ja, den muss man aus dem Baum holen und aus dem Wald‘, hat sie gesagt. Dann ist sie zum Joppich gegangen und der ist kurz darauf mit dem Wachtmeister und dem Linkens und dessen Knecht gekommen. Wo ich den Ami denn gefunden hätt´, haben sie gefragt. Ich müsse mich genau erinnern, das sei sehr wichtig.“

Ich höre Opa Werner zu. Sein Gesicht zuckt immer wieder, als ringe irgendeine Gefühlsregung darum, sich auf dem wettergegerbten Gesicht zu zeigen. Das tut es immer, wenn er sich auf seine Erinnerungen konzentriert. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals über diese Zeit gesprochen hat.
„Erst wollt‘ ich es nicht sagen. Ich mochte den Joppich nicht, der roch nach Zigarettenrauch, hatte einen dicken Bauch, kleine Schweinsaugen. Hat sich immer aufgespielt. Besonders nachdem der Krieg losgegangen war, aber auch davor schon. ‚Bürgermeister ist der nur, weil der von Anfang an in der Partei war‘, hat Mamm immer geschimpft. Als der Krieg losging, hat sie das nicht mehr gesagt …, da hat sie nichts mehr gegen den Joppich gesagt. Ich habe aber gesehen, dass sie ihn manchmal böse angeguckt hat, wenn er´s nicht gemerkt hat. Ich glaub, sie war wütend, dass Papp in den Osten musste und der Joppich hierbleiben durfte.“

„Was war denn jetzt mit dem Ami?“, hake ich nach.

„Dem Joppich hab ich es nicht sagen wollen und der wurde wütend deswegen. Dann hat der Linkens den Joppich und die anderen rausgeschickt und sich zu mir heruntergebeugt. ‚Wir können den da doch nicht einfach hängen lassen, dem muss man doch helfen‘, hat er leise gesagt. ‚Ich mag den Joppich nicht‘, hab ich dem Linkens zugeflüstert, wegen dem dicken Bauch, der Schweinsaugen und dem Gehabe. Da hat er gelacht und gezwinkert und ich hab gewusst, der mag den Joppich auch nicht. Das hab ich aber für mich behalten. ‚Das Bein vom Ami steht ganz komisch ab‘, hab ich dem Linkens gesagt. Ich hab ihm von dem Vogel erzählt, den ich auf unserem Hof gefunden habe, und dem Flügel, der zur Seite weggestanden hat. Ich habe ihm erzählt, dass wir den Vogel so lange gefüttert und gepflegt haben, bis der Flügel wieder heil war. Er hat genickt und gelächelt und ich hab ihm von meinem geheimen Platz nicht weit von der Erft erzählt und wie ich an der alten Weide, in die im Sommer der Blitz eingeschlagen hat, vorbeigegangen bin, Richtung Süden und dann über den kleinen Hügel und dass dort der Ami im Baum hängt. Er hat mir versprochen, dass sie es wie mit dem Vogel machen, das Bein richten, ihn pflegen, bis es wieder heil ist. Dann ist er mit dem Joppich, dem Wachtmeister und dem Knecht in den Wald gegangen. Ich wollt mit, aber Mamm hat es mir verboten.“

Ich warte darauf, wie es weitergeht mit dem Ami, aber mein Großvater schweigt, wie er es meistens tut. Er sackt ein wenig in sich zusammen und ich rutsche ungeduldig auf meinem Stuhl hin und her. Nach einer Weile richtet sich der alte Mann wieder etwas auf und sieht mich an.

„Bring Tomaten mit, die kosten nur eine Mark das Kilo, das ist fast geschenkt“, sagt er.
 

Blumenberg

Mitglied
Liebe Molly,


Doch diesen Satz hätte ich so beibehalten:

"Mein Großvater sieht nicht mehr gut, deswegen komme ich montags mit der S-Bahn (aus Deutz) und lese ihm die Zeitung vor."
das ist ein guter Hinweis. So ganz glücklich bin ich mit der Änderung nicht geworden und habe sie jetzt wieder zurückgesetzt. Mir geht es im ersten Teil auch darum, dass eine gewisse Routine erkennbar wird, die dann mit dem Satz "War doch alles anders..." durchbrochen wird. Dafür eignet sich der urspüngliche Satz glaube ich besser besser.

Die übrigen Kürzungen sind etwas Anderes. Sie erscheinen mir nach wie vor sinnvoll, da dort auch keine wesentlichen Informationen transportiert werden.

Kann ja sein, dass der Opa an einem anderen Tag die Geschichte vom "Ami" weiter erzählt.
Wer weiß das schon :) Das ist ja gerade das Tragische an Demenzerscheinungen im Alter. Aber hoffen ist immer erlaubt.

Ich freue mich, dass dir der Text aber insgesamt gefallen zu haben scheint.

Liebe Grüße und noch einmal Danke für die konstruktive Anmerkung

Blumenberg
 

FrankK

Mitglied
Hallo Molly und Blumenberg
Ich glaube, ich muss noch einmal meine Intention für die Reduzierung des ersten Satzes erläutern.
Vorab - ja, ihr habt recht, durch die Mühen, die der Enkel auf sich nimmt wird das leicht "genervte" Verhalten deutlich herausgestellt. Für meinen Geschmack fast schon etwas "überdeutlich".

Storytechnisch ist es Egal ...
... ob der Enkel Montags oder Dienstags oder an irgendeinem anderen Tag in der Woche den Opa besucht ...
... ob der Enkel die Mühe einer S-Bahnfahrt auf sich nimmt oder (möglicherweise) mit dem Fahrrad oder zu Fuß ...
... ob er aus Deutz kommt oder aus Nippes oder ...

Hier gibt es gleich zu Anfang einen heftigen Infoschub, der mich als Leser mit der Nase direkt auf den Enkel stößt, der mich als Leser direkt darüber informiert: "Hier, schau her. Welche Mühen der Enkel auf sich nimmt. Ist er nicht ein 'Guter Mensch'? Wie er sich so 'selbstlos' um seinen Opa kümmert?"
Ich weiß, das ist jetzt etwas übertrieben.

Anders argumentiert (vom Story-Konstrukt):
Ich lerne den Enkel kennen, dann lerne ich den Enkel kennen (durch sein Verhalten gegenüber dem Opa) und ich lerne den Opa kennen.
Das "genervte" erscheint gut und (für mein Empfinden) ausreichend dargestellt bei den Reaktionen auf das Schützenfest sowie bei den Erläuterungen zum Euro.
Die Mühen die der Enkel auf sich nimmt (bzw. auf sich genommen hat) erscheinen mir innerhalb des Textes viel angemessener dargestellt.

Noch anders formuliert:
Diese Kurzgeschichte überzeugte mich durch ihre leisen Töne, der Enkel schluckt seinen Unmut, das genervte, herunter. Er zeigt sich dem Opa gegenüber weiterhin wohlwollend. Das ganze Stück erschien mir wie das eindringliche Spiel einer Panflöte.
Der Original-Einstieg wirkte dagegen eher wie "Pauken und Trompeten", fast wie mit Fanfaren begleitet betritt der Enkel die Showbühne (mein Empfinden).


Nerv ich?
Das will ich nicht. Ehrlich nicht. Ich bin mir sicher, Blumenberg, du hast dir bei diesem Einstieg etwas gedacht. Und jetzt kommt so ein Knallkopf daher und fordert: Streich das!
Ich fordere nichts, und schon gar nicht, dass du Deine Geschichte nach meinem Gusto umbaust.

Aber es würde mich schon interessieren, welche Absicht der Story- oder Figurenentwicklung in diesen Details im ersten Satz für dich drinsteckt.


Die restlichen Kürzungen haben dem Text gutgetan. Für mein Empfinden.


Herzliche Grüße an euch beide
Frank
 

Blumenberg

Mitglied
Lieber Frank,
vorab:

Überhaupt nicht, warum solltest du das tun. Ich freue mich, wenn ein bisschen über den Text gesprochen wird, dafür ist ein Literaturforum ja genau da. Wenn dann eine Nachfrage zu einem bestimmten Abschnitt kommt oder konstruktive Kritik geäußert wird ist das doch begrüßenswert und hilft den Text besser zu machen und sei es nur, dass man sich als Autor in Erinnerung ruft warum man etwas so geschrieben hat.

Nun zu deinen Anmerkungen. Ich will versuchen in Bezug auf den ersten Satz, die dahinterstehenden Überlegungen etwas deutlicher zu machen. Du schriebst:

Hier gibt es gleich zu Anfang einen heftigen Infoschub, der mich als Leser mit der Nase direkt auf den Enkel stößt, der mich als Leser direkt darüber informiert: "Hier, schau her. Welche Mühen der Enkel auf sich nimmt. Ist er nicht ein 'Guter Mensch'? Wie er sich so 'selbstlos' um seinen Opa kümmert?"
Das ist nicht die Intention des ersten Satzes und kommt hoffentlich auch nicht so rüber. Es geht mir nicht um die Mühen, die der Enkel auf sich nimmt oder darum ihn bzw. sein Verhalten irgendwie zu bewerten, sondern um die Regelmäßigkeit der Handlung aus der sich eine gewisse Routine des ganzen Besuchs ableitet. Um mal deine Wendung aufzugreifen: Der Enkel betritt nicht mit Pauken und Trompeten die Bühne, sondern weil er das montags immer macht. Der Enkel kommt immer am selben Tag mit derselben Bahn, von derselben Haltestelle um vorzulesen, das zu notieren, was besorgt werden muss und (das kommt in der Geschichte nicht mehr vor) anschließend einzukaufen. Ob er das Montags, Dienstags oder Mittwochs tut spielt keine Rolle, wichtig ist nur, dass er es immer am gleichen Tag tut. Die Ortsangabe und die S-Bahn werden aus einem anderen Grund eingeführt. Aus ihnen, den anderen Ortsangaben (Türnich, Erft) und der Bemerkung zum Überregionalen ergibt sich eine ungefähre Lokalisierung des Geschehens im Kölner Umland am Ufer der Erft. Der Weg von Köln aus dorthin ist übrigens auch nicht sehr weit, sind nur gut 20 Minuten.

Das Genervte ist auch kein zentrales Motiv der Geschichte.Ich habe mir den Enkel ehrlich gesagt auch nicht so vorgestellt, dass er diese Besuche hasst oder nur tut, weils halt gemacht werden muss. Wer den Umgang mit sehr alten Menschen selbst erlebt hat, wird denke ich auch gut nachvollziehen können, dass da manchmal ein Gefühl des Genervtseins oder der Ungeduld aufkommt, das aber eigentlich gar nicht die Person als solche, sondern eher die Umstände oder die durch die Demenzerkrankung häufig sehr zähe Kommunikation meint. Das ist, wie das sonderbare Gefühl jemandem Vorschriften zu machen, der älter ist als man selbst, eine Reaktion auf ein Gegenüber, dass man anders in Erinnerung hat und dessen Persönlichkeit sich durch das Alter ändert. Meist verfliegt ein solcher Ärger auch schnell wieder. Es geht mir in der Geschichte, wie ich auch Molli schon schrieb, eher um das plötzliche Hereinbrechen eines Erinnerungsfetzens, der die montägliche Routine stört und dafür sorgt, dass die sonst gewohnten Bahnen (Zeitung lesen, Liste machen, Einkaufen) zumindest für einen Moment in den Hintergrund treten.

Liebe Grüße

Blumenberg
 

molly

Mitglied
Hallo ,ihr Beiden

nein,Frank, du nervst nicht, es ist doch interessant, wie verschieden man eine Geschichte lesen kann.

Das Wichtige und Verlässliche für den Opa ist der Tag, an dem sein Enkel kommt. Der schreibt den Einkauf auf die Liste und Opa kann ihm erzählen, von "Damals".

Liebe Grüße und ein gutes Nächtle

molly
 

xavia

Mitglied
Diese Geschichte, lieber Blumenberg, hat mich vom ersten bis zum letzten Wort gefesselt. Zum einen ist da das Wiedererkennen des »Alten Mannes«, den man lieb hat, obwohl er manchmal nervt und zum anderen die Spannung, worauf es hinausläuft. Auch das Ende finde ich sehr gelungen, könnte mir kein besseres vorstellen.
LG Xavia.
 

Blumenberg

Mitglied
Liebe Xavia,

vielen Dank für das Lob. Ich freue mich, dass dir die Geschichte gefallen, auch wenn sie eher traurig als fröhlich ist. Es ist immer gut zu hören, wenn eine Geschichte fesseln konnte. Ich bin mit der jetzigen, leicht bearbeiteten Version insgesamt schon sehr zufrieden.
Ich muss gestehen, auf den Schluss bin ich diesmal ein wenig stolz, da ich es beim Schreiben, trotz offenem Ende, als runden Abschluss empfunden habe und an den Kommentaren sehe, dass ich mit der Einschätzung nicht völlig daneben liege.

Liebe Grüße

Blumenberg

p.s. Besten Dank dem/der Unbekannten für die positive Bewertung.
 

FrankK

Mitglied
Werter Blumenberg
Ich habe den Text jetzt etwas ruhen lassen ... und bin immer noch der Meinung, der Einstieg ist zu plakativ, zu herausstellend.
Die notwendige Regelmäßigkeit (vor allen bei Demenzkranken) hätte viel leiser irgendwo im Text erfolgen können. Irgendwo an einer Stelle, wo sich der Erzähler ein klein wenig genervt zeigt ... da könnte er sich fragen, ob sich die Mühe, jeden Montag mit der S-Bahn von Deutz bis hierher zu kommen ...
In leiseren Tönen halt, etwas dezenter.
Aber die Mehrheit scheint damit zufrieden - und wer bin ich schon, dass ich meine Vorstellungen über einen Text als Verbindlich einstufen könnte? ;)


Mollys Einwand über die Regelmäßigkeit im Umgang mit Demenzkranken war für mich nichts neues. Ich erlebe es selbst (ebenfalls jeden Montag ;) ) wenn ich eine Warenlieferung zur "Tagesklinik für Demenzkranke" bringe - die alten Leutchen erwarten mich gegen 10:30, bin ich um 11:00 noch nicht da, kommt Unruhe auf. Dabei beschäftige ich mich gar nicht so sehr mit den Leuten, ich liefere nur frische Waren für die Küche, dafür muss ich aber quer durch die Tagesklinik.


Die Lesbarkeit und die Interpretation eines Textes hängt stark von der Persönlichkeit des Lesers ab. In meinem Fall bin ich ebenfalls mit verschiedenen Ausprägungen der Demenz halbwegs vertraut, ich habe die „Situation“ in deiner Kurzgeschichte recht schnell erkannt – an der Stelle, als es um den regelmäßigen Besuch des Schützenfestes ging:
„Da bin ich jedes Jahr gewesen“, sagt er scharf, „seit achtundvierzig!“
Erinnerungen, Wünsche und Vorstellungen vermischen sich, den Kranken erzählte Geschichten werden nach einiger Zeit von ihnen als selbst erlebt empfunden.
Eine Betreuerin erzählte mir einmal, manche/r Demenzkranke/r würde eine plötzliche, künstlerische Kreativität entwickeln. Das war, als mir eine alte Dame „zum Abschied“ einmal ein selbst gemaltes Bild überreichte. Die Betreuerin (etwa 30 - 35) wusste damit nichts anzufangen – ich habe es sofort erkannt. Es handelte sich um den „Stutenteich“, einem alten Ententeich nahe dem Zentrum der Stadt, in seinem früheren Zustand. Es gibt ihn noch, aber er sieht heute ganz anders aus.

Deshalb – in dieser meiner Erfahrungswelt – hätte ich den leiseren Einstieg bevorzugt.



Nächtliche Grüße
Frank
 

molly

Mitglied
Lieber Frank,

"wo sich der Erzähler ein klein wenig genervt zeigt ... da könnte er sich fragen, ob sich die Mühe, jeden Montag mit der S-Bahn von Deutz bis hierher zu kommen."

Dieser Satz, mitten in der Geschichte, wäre mir sicher bitter aufgestoßen. Muss sich ein Besuch lohnen?


Ich habe vor einiger Zeit ein wunderbares Büchlein gelesen:
"Mein Leben als Sohn". Es ist zwar der Sohn, der sich um den Vater kümmert, als dieser immer mehr Hilfe benötigt. Aber auch hier geht es, wie in Blumenbergs Geschichte, um viel Geduld und Freundlichkeit.

Liebe Grüße an alle

molly
 

FrankK

Mitglied
Liebe Molly

Natürlich würde ich es Blumenberg zutrauen, es nicht gar so plump im Text darzustellen.

Diese Kurzgeschichte besteht überwiegend aus innerem Monolog (Ich-Erzähler) und äußerem Dialog (Enkel - Großvater).
Der Einstieg in die Geschichte sticht hervor - er wirkt etwas zu sehr auf der rationalen Erklärebene.

Was spräche gegen eine solche Sequenz?
„Jedes Jahr …, seit achtundvierzig“, wiederholt er leiser.

„Ich rede mit Mamma, versprochen“, sage ich sanft und habe ein schlechtes Gewissen. Es fühlt sich falsch an, jemandem Vorschriften zu machen, der so viel älter ist als ich. Wahrscheinlich hat er es bis zum Wochenende ohnehin wieder vergessen. Ich nehme mir vor, trotzdem zu fragen [blue]und verdränge den Gedanken, ob er überhaupt die Mühe bemerkt, dass ich mich jeden Montag mit der S-Bahn von Deutz hierher auf den Weg mache.[/blue]
Auch noch nicht richtig rund, zu sehr auf die schnelle aus dem Bauch heraus - aber emotionaler (für mein Empfinden) im Bezug auf die gefühlvolle Gesamtkomposition als die eher rationale Einleitung.

Vermutlich könnten wir noch stundenlang darüber philosophieren welche Form besser geeignet ist, diese Informationen zu tragen. Der entscheidende Faktor ist Blumenberg - wenn er mit dem Stück zufrieden ist, brauchen wir unsere Denkapparate nicht heißlaufen lassen ...


Dir noch ein schönes Wochende
Grüßend
Frank
 

xavia

Mitglied
Liebe Molly, ich habe mir gerade »Mein Leben als Sohn« besorgt. Bin gespannt. Anscheinend hat sich Philip Roth in mehreren Büchern mit dem Sterben auseinandergesetzt. Ein interessantes Thema.
LG Xavia.
 

xavia

Mitglied
Lieber FrankK,

ich hatte deinen Beitrag noch nicht in der Anzeige, als ich auf Molly geantwortet habe aber da du nun noch mal nachhakst will ich mich auch zu dem Anfang äußern.

Mir gefällt er sehr gut so, mich versetzt er schnell in die Situation hinein und aus meiner Sicht ist man als Angehöriger eines Demenzkranken nicht dauernd auf der leisen Rücksichtsschiene. Der Einstieg zeigt, dass der Protagonist sich kümmert, aber auch, dass es manchmal schwierig ist. Dass er liebevoll mit seinem Opa umgeht, das wird an vielen Stellen des weiteren Textes fühlbar und da gehört es aus meinem Empfinden auch hin, nicht an den Anfang, wo relativ sachlich die Lage umrissen wird.

LG Xavia.
 
Hallo Blumenberg,

auf alle Fälle eine interessante und gut erzählte Geschichte.
Als ich die Kommentare gelesen habe, habe ich allerdings festgestellt, dass für mich hier nicht die Demenz und die Folgen für die Angehörigen im Vordergrund steht, sondern dass es mich brennend interessiert, was denn nun damals mit dem Ami passiert ist. Das wird nicht aufgelöst, da der Opa es entweder wirklich selbst nicht mehr weiß oder sich Erinnerungen mit Fantasie mischen (was ja eigentlich dann doch auf die Demenz zurückzuführen wäre), und dass diese Sache dann offen bleibt, ist gut so.

LG SilberneDelfine
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Blumenberg,

eine überzeugende Geschichte. Ich habe mich unwillkürlich gefragt, wie lange Opa noch alleine leben (bleiben) kann ...

Viele Grüße,

DS
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Zusammen,

da ist man mal ein paar Tage weg und dann das… Vielen Dank für die zahlreichen Rückmeldungen und Wertungen! Ich mache mich mal ans Abtragen der angestauten Kommentare. Entschuldigt die etwas lange Leitung.

@DocSchneider

Ich habe mich unwillkürlich gefragt, wie lange Opa noch alleine leben (bleiben) kann..
.

Noch reicht eine Teilzeitpflege, denn bis auf das Sehen und die leichte Altersdemenz ist der alte Mann eigentlich noch ganz rüstig. Aber das Kreuz mit dem Alter ist ja, es schreitet immer weiter voran und irgendwann wird das nicht mehr reichen.

@SilberneDelfine.

Du hast schon ganz Recht damit, die Sache vom Ami ist das Kernstück der Geschichte, während der erste Teil eher die Rahmenhandlung darstellt. Mich freut, dass dir das offene Ende gefällt. Du hast ganz richtig erkannt, dass die Geschichte des Großvaters auch die Deutung eines Fantasiegespinstes zulässt, da der Opal ein unzuverlässiger Erzähler ist. Ob er die Geschichte so erlebt hat und was denn nun mit dem Ami geschehen ist überlasse ich ganz der Phantasie des Lesers.

@FrankK, @molly, @xavia

Lieber Frank,

besten Dank für deinen Vorschlag:
„…und verdränge den Gedanken, ob er überhaupt die Mühe bemerkt, dass ich mich jeden Montag mit der S-Bahn von Deutz hierher auf den Weg mache.“
In deiner Version reflektiert der Enkel seine Mühen und ärgert sich, dass der Großvater sie wohl nicht bemerkt. Leider geht der Vorschlag für mich in eine falsche Richtung, weil er mit dem Bemerken der Mühen den Erzähler anders charakterisiert als ich es möchte. Dein Enkel ist durch diese Reflexion selbstbezogen auf seine Umstände und deswegen genervt, weil er sich ungerecht behandelt oder zu wenig wertgeschätzt fühlt.

Ich habe mir den Enkel völlig anders vorgestellt, als Jemanden, der gerne Zeit mit seinem Großvater verbringt. Deshalb schreibe ich den ersten Satz auch ohne irgendeine Wertung von Seiten des Enkels. Das genervt-Sein des Enkels bezieht sich auf etwas anderes und steht deswegen auch in einem neuen Absatz. Den Enkel nervt ein ganz konkreter Umstand, nämlich dass er merkt, dass sein Großvater seine Geschichten immer wieder mit wo anders Aufgeschnapptem versieht und damit verfälscht. Hier liegt der Fokus auch auf dem Erzähler, aber als emphatische Reflexion der Demenz des Großvaters. Ich glaube so haben Molly und Xavia den Enkel empfunden (Euch beiden noch einmal vielen Dank für das hilfreiche Feedback).

Liebe Grüße und noch einmal vielen Dank euch allen für das konstruktive Feedback.

Blumenberg
 

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