ein letzter beweis

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Dimpfelmoser

Mitglied
Liebe Ubertas,

vielleicht ist dies ein Nachdenken über eine Zweisamkeit, die doch keine mehr ist? Zwar beginnt das Gedicht mit dem „wir“, nur, was ist dies noch wert? Der Blick richtet sich nach draußen, wo eine Wärme (die im Inneren nicht empfunden werden kann?) vermutet, und etwas Übergroßes wahrgenommen wird, was ja Platz lässt für etwas, das, oder auch jemanden, der schlicht fehlt (vielleicht sogar die frühere Version einer funktionierenden Beziehung).
Die folgenden Skizzen bzw. knappen Szenen tragen etwas Distanziertes in sich. Und es wird kühler, ganze zwei Tropfen (die durchaus Tränen sein könnten, keine, die Freude ausdrücken). Und schließlich das Du, vom zuvor Beschriebenen distanziert. Nichts Herzliches, Wärmendes, geht mit diesem "du" einher, vielmehr ist es wohl eher Ursache der zuvor gezeigten Tristesse.
Ein letzter Beweis – wofür? Vielleicht für die verloren gegangene Innigkeit und Zuneigung? Der Abdruck auf dem Glas (gleichfalls Kühle symbolisierend) und nicht sinnlich erspürt mit den eigenen Lippen – so lese ich es. Oder vielleicht ist’s doch die Interpretation eines Kusses, aber wenn dieser der „Windhauch – unter der Tür“ ist, und Leidenschaft nur noch ein flackernder Docht, verbleibt er als wertloses Ritual bar jeder Leidenschaft.
Ich habe natürlich keine Ahnung, ob dies irgendwo in die Nähe deiner eigenen Interpretation kommt, aber so wirkt das Gedicht auf mich. Und in der Reduktion (einmal mehr) umso eindrücklicher.

Liebe Grüße
Dimpfelmoser
 

Ubertas

Mitglied
Liebe Chandrika, lieber Dimpfelmoser, liebe Maren:),
ich danke Euch sehr für Euer Lesen und den Sternenregen. Und jetzt ein nicht in Großbuchstaben ausdrückbares Danke für diese wunderbaren und so ausführlichen, tiefgründigen Kommentare von Euch. Ich bin überwältigt und suche gerade nach einer Rückantwort, die zum Ausdruck bringt, wie sehr ich Euer Hineingehen zu schätzen weiß. Hoffentlich gelingt es mir ein wenig.

Liebe Chandrika,
ich zitiere deinen Wortlaut:
„Besonders schön und befremdlich ist, dass sie Wärme „dort draußen“ vermuten. Gewöhnlich verspricht das Innere Geborgenheit. Hier liegt die Hoffnung jenseits des Fensters, und „vermuten“ lässt offen, ob sie sich erfüllen könnte.“
Plus:
„Dann dringt mit dem Windhauch die Außenwelt in den Raum. Die Bewegung führt vom Fenster über Glas und Lippen bis zum Docht, wird also immer kleiner und genauer. Zugleich gerät das wenige Wärmende ins Flackern.“
Letztlich könnte ich alle deine Worte zitieren, ich mag gar nicht in die Bewegungen deiner Gedanken eingreifen, weil ich es so schön finde, ihnen selbst nachzugehen.

Lieber Dimpfelmoser,
ich zitiere deinen Wortlaut:
„Zwar beginnt das Gedicht mit dem „wir“, nur, was ist dies noch wert? Der Blick richtet sich nach draußen, wo eine Wärme (die im Inneren nicht empfunden werden kann?) vermutet, und etwas Übergroßes wahrgenommen wird, was ja Platz lässt für etwas, das, oder auch jemanden, der schlicht fehlt (vielleicht sogar die frühere Version einer funktionierenden Beziehung).“
Plus:
„Die folgenden Skizzen bzw. knappen Szenen tragen etwas Distanziertes in sich. Und es wird kühler, ganze zwei Tropfen (die durchaus Tränen sein könnten, keine, die Freude ausdrücken). Und schließlich das Du, vom zuvor Beschriebenen distanziert. Nichts Herzliches, Wärmendes, geht mit diesem "du" einher, vielmehr ist es wohl eher Ursache der zuvor gezeigten Tristesse.“
Jedes deiner Worte blickt so tief in mein Gedicht hinein, ich bin staunend sprachlos!

Ihr habt von außen in dieses Fenster hineingesehen, so wie ich es von innen niemals hätte öffnen können. Ich danke Euch von ganzem Herzen dafür.

Liebe Grüße,
ubertas
 

Tula

Mitglied
Liebe Ubertas
Du beherrschst die Kunst der Poesie, nicht zu viel zu verraten, damit sich der Leser das Gedicht erarbeiten darf (denn gerade darin liegt ja der Spaß dabei). So durfte ich auch dieses mehrmals lesen, um es tatsächlich (für mich) zu verstehen. Ich lese es insgesamt als lyrisches Stillleben, fast ein stehendes Bild, nicht ganz, denn was sich da noch bewegt, ist unscheinbar und dennoch 'schwer' zugleich. Ich lese die Rückkehr des anderen, in einer Beziehung, die schon lange keine herzlichen Umarmungen mehr erfährt, von wärmender Sprache zu schweigen. Dass die Tropfen auch Tränen sein können ... schade, dass ich das beim Überfliegen der Kommentare sah, ich hätte mich über diese Interpretation als eigenen Fund noch mehr gefreut. Natürlich steht die Flamme als Metapher im Raum, noch flackert sie, trotz kühlender Wirkung von Tropfen und Wind.
Die persönliche Erschließung des letzen Verses, nicht zuletzt im Sinne des Titels (ein Beweis - wofür?) hängt wohl von der Intonation ab. Man darf es durchaus als Erleichterung lesen. Muss es aber nicht

LG Tula
 

Ubertas

Mitglied
Lieber Tula,
dir einen ganz lieben Dank für dein Lesen, dein Verstehen und für die vielen Sterne. Dein Kommentar zu meinem Gedicht hat mich so erfreut und tut es, denn er erfasst etwas in seiner Wesentlichkeit, für das ich gar kein eigenes Wort hätte so präzise treffend finden können:

„Ich lese es insgesamt als lyrisches Stillleben, fast ein stehendes Bild, nicht ganz, denn was sich da noch bewegt, ist unscheinbar und dennoch 'schwer' zugleich.“

Genau so ist das Gedicht entstanden, aus einer inneren Wahrnehmung verschränkt mit einer äußeren. Mir gelang etwas vor einigen Tagen, das mir schon lange als Wunsch im Kopf umherschwebte: ein Besuch des Diözesanmuseums. Der Weg zum Supermarkt ist meistens kürzer;), doch dieses Mal schaffte ich es sogar bis in mein Lieblingsmuseum. Ich stand lange im Saal II der Schausammlung, dem memento mori gewidmet. Dort gibt es eine Art Rundbogengang, in dem viele sakrale und auch nicht sakralen Ursprungs, ausgestellte Objekte hinter den Vitrinen liegen. Vieles hatte den Eindruck statischen Daseins, dazwischen gab es aber auch Dinge, die sich weiterhin bewegten. Immer dann, wenn der Blick nicht auf das Gesehene allein fiel, sondern auf seine Erinnerungen. Und in einem ähnlichen Zustand habe ich das Gedicht geschrieben, nicht alles wissend. Deine Schlusssätze gefallen mir sehr:

„Die persönliche Erschließung des letzen Verses, nicht zuletzt im Sinne des Titels (ein Beweis - wofür?) hängt wohl von der Intonation ab. Man darf es durchaus als Erleichterung lesen. Muss es aber nicht“

Es gibt keinen besseren Weg, in ein Gedicht zu schauen, auch kein schöneres Unterfangen, als mit dem eigenen Verständnis in jenem zu verweilen. Genau das ist der Spaß und die Freude daran: eigens erarbeitet, eigens erfühlt und dadurch dem Dichter näher als gedacht:).

Liebe Grüße,
ubertas
 



 
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