Ein Tag bei der Flotte - Teil 1

Ein Tag bei der Flotte (Der Menschenraum) - Teil 1

An diesem Morgen erlaubte sich Kommandantin Azila san‘Mersuzen den Luxus, im Bett liegen zu bleiben. Zwar war zum Zeitpunkt ihrer üblichen Aufweckzeit bereits ein lautstarker Alarm ertönt, aber sie hatte sich dazu entschlossen, diesen zu ignorieren, denn ihr Jägerschiff hatte zurzeit an der Raumstation Kitsune Eins angedockt. Deshalb ging sie davon aus, dass es keine dringenden Probleme gab, die sie zu lösen hatte. Oder sie hoffte zumindest darauf, denn sie wollte sich diese zusätzliche Zeit unbedingt gönnen. Und dies lag nicht nur daran, dass sie noch keine Lust darauf hatte, sich mit dem angesammelten virtuellen Papierkram zu beschäftigen.

Sie reckte sich genüsslich und drehte sich dann zu dem Mann an ihrer Seite um. Einen ziemlich langen Moment schwelgte sie einfach nur in der Betrachtung ihres unbekleideten Gefährten und der Gewissheit, dass sie es war, die die Bedingungen ihres Sexuallebens bestimmen konnte. Dies traf zumindest an Bord ihres eigenen Schiffes zu. Sie hatte lange genug darauf gewartet und betrachtete dies als ein nicht zu verachtendes Privileg, das sie als kommandierender Offizier eines Schiffes genoss. Und sie hatte sich darauf mindestens genauso sehr gefreut, wie darauf, das Kommando übernehmen zu dürfen. Ihre Freude war dann allerdings dadurch gedämpft worden, dass ihr Gefährte – ihr Hajya – sich zwar als Mann, aber nicht als Mensch herausstellte. Als er an Bord kam, musste sie feststellen, dass es sich bei ihm um einen Azhuan handelte. In diesem Moment empfand sie es auch nicht als Vorteil, dass er zu den Xo gehörte, obwohl man denen nachsagte, sie wären den Umgang mit Menschen weit mehr gewöhnt als die restlichen Rudel. Aber Azila besaß trotz einer liberalen Erziehung eine eher konservative Einstellung und hatte bis dahin nur solche Erfahrungen mit den Raubtierabkömmlingen ihrer Heimatwelt gesammelt, die nichts mit dem Bett und den darin ausgeübten Tätigkeiten zu tun hatten. Sein Anblick hatte sie einfach nur schockiert. Inzwischen konnte sie aber tatsächlich über ihre damalige Reaktion lächeln. Ramax hatte sich als äußerst kompetent herausgestellt, sowohl außerhalb, als auch im Bett und in der Zwischenzeit hatte sie herausgefunden, dass es tatsächlich der Wahrheit entsprach, dass Azhuan und Menschen völlig kompatibel waren und dies trotz ihrer so unterschiedlichen Herkunft. Und sie hatte sogar begriffen, dass ihr Gefährte mit seinem goldbraunen Fell und den dunkelgrauen Flecken bei den Azhuan als gutaussehend galt.

Ihrem Azhuan-Stellvertreter war weder entgangen, dass sie bereits - reichlich lautstark - geweckt worden war, noch, dass sie sich zu ihm umgedreht hatte, denn seine mit feinen Haarbüscheln versehenen Ohren waren überaus empfindlich. Trotzdem hielt er seine Augen weiterhin geschlossen. Er hatte nicht lange gebraucht, um zu lernen, dass er auf ihre Aufforderung zu warten hatte, bevor er sie ebenfalls ansehen durfte, denn sie hatte nicht vor drastischen Maßnahmen zurückgeschreckt, um dafür zu sorgen, dass er das schnell verstand. Sie war nicht gewillt gewesen, ihren Standpunkt wer-weiß-wie-oft wiederholen zu müssen. Und was immer er auch zuvor für Erfahrungen mit vorgesetzten Offizieren gemacht hatte, an ihre Vorlieben hatte er sich auf jeden Fall rasch angepasst. Dies war etwas, das sie manchmal ein bisschen bedauerte, denn ihn zu bestrafen, hatte sie unweigerlich erregt. Aber ihr blieb immer noch die Möglichkeit, ihm Schmerzen zuzufügen, denn auch das erregte sie. Ihm hingegen hatte es überhaupt nicht gefallen, bestraft zu werden. Sie hatte nicht lange gebraucht, um zu erkennen, dass er ebenfalls ein Jäger war, mit den gleichen Instinkten und Vorlieben, wie sie selbst. Zu seinem Leidwesen war er aber nicht derjenige, der hier an Bord bestimmen durfte. Vielleicht hatte er sich ja bereits auf die Suche nach einem anderen Mitglied des Jagdrudels gemacht, dem es im Gegensatz zu ihm gefiel, bestraft zu werden. Sie hatte zwar nicht mit ihm darüber gesprochen, aber inzwischen war ihm hoffentlich klar geworden, dass sie nichts davon hielt, jemand anderen in ihr Bett zu lassen. Sie würde einer Änderung niemals zustimmen, selbst wenn er fündig geworden sein sollte. Vielleicht hatte er aber auch nur nach jemanden gesucht, der dazu dienen konnte, dass er seine Frustrationen loswerden konnte. Gegen ein solches Arrangement hatte sie nichts einzuwenden, solange es ihn nicht daran hinderte, in ihrem Bett das Beste zu geben. Bisher hatte es dafür aber keine Anzeichen gegeben und deshalb hatte sie auch keinen Grund gesehen, sich einzumischen. Sie hatte sich noch nicht entschieden, ob sie darauf hoffen sollte, dass es dabeiblieb oder nicht.

Azila war sich natürlich bewusst, dass Angehörige anderer Raumflotten die Art und Weise, wie die Ymzhuaan die Interaktionen ihrer Flottenangehörigen regelten, mehr als nur seltsam fanden. Nicht wenige nannten es sogar abartig. Sie fanden allerdings auch die Aggressivität und die Grausamkeit – die sadistische Freude – der meisten Jägerinnen und Jäger mehr als nur gewöhnungsbedürftig. Wenn sie es dann geschafft hatten, dies zu akzeptieren, war ihre Verwirrung groß, sobald sie feststellten, dass sich an Bord der Ymzhuaan-Raumer auch Personen befanden, die nicht im Geringsten aggressiv waren. An diese enormen Unterschiede in den Persönlichkeiten der Ymzhuaan-Raumfahrer konnten sich die meisten nicht so schnell gewöhnen, vor allem nicht diejenigen, die aus Kulturen stammten, die viel Wert auf persönliche Ausgeglichenheit legten. Diese tolerierten die Ymzhuaan auch nur deshalb, weil sie als Jäger äußerst effizient und erfolgreich waren. Dies galt besonders bei der Verfolgung von Piraten und anderer Verbrecherbanden, die auf mehreren Planeten agierten. Die Kritiker übersahen bei der ganzen Angelegenheit nur, dass Zhuan’jall ein souveräner Planet war, dessen Gesetze, Bräuche und Moralvorstellungen niemanden etwas angingen. Und es war ja nicht so, dass es nicht auch andere Völker gab, deren Sitten und Gebräuche den Menschen seltsam vorkamen. Aber es machte offenbar doch einen gewaltigen Unterschied, dass es sich bei den anderen ausschließlich um Fremdwesen handelte. Auf Zhuan‘jall hingegen lebten auch Menschen, die sich tatsächlich erdreisteten, sich wie besagte Fremdwesen zu benehmen.

Die Kommandantin konnte sich nicht erklären, wieso sie sich ausgerechnet an diesem Morgen Gedanken über die anderen raumfahrenden Nationen machte. Vielleicht lag das daran, dass sie hier an dieser Raumstation angedockt hatten. Aber eigentlich wollte sie sich jetzt mit etwas ganz anderem beschäftigen. Deshalb strich sie mit ihren Fingerspitzen leicht über die überaus empfindlichen Ränder von Ramax Bauchfalte, unter der sich sein Penis verbarg. Sie hatte in der Zeit, in der er jetzt auf ihrem Schiff war, gelernt, dass die unbehaarte Haut über den Muskeln, die die Falte geschlossen hielten, äußerst empfindsam auf taktile Reize reagierte. Dabei war es egal, welche Reize das waren. Heute Morgen berührte sie den Azhuan auf eine Weise, die ihn außerordentlich erregte, aber sie könnte ihm genauso gut auch starke Schmerzen zufügen, was sie aber gerade nicht vorhatte. Sie hatte allerdings bereits alle Möglichkeiten ausprobiert, schließlich musste sie ja Bescheid wissen. Sofort bemerkte sie, wie er auf ihre Berührung reagierte, stellte aber gleichzeitig mit großer Zufriedenheit fest, dass er seine Augen immer noch geschlossen hielt. So wollte sie es schließlich haben. Sie intensivierte ihr Streicheln und er atmete scharf ein. Es fiel ihm ganz offensichtlich außerordentlich schwer, so regungslos liegen zu bleiben. Aber sie hatte ihm beigebracht, dass er erst auf ihre Aufforderung zu warten hatte und wenn diese nicht kam, dann hatte er ihre Aufmerksamkeiten passiv über sich ergehen zu lassen. Selbstverständlich war er nicht in der Lage, seinen Körper von einer Reaktion abzuhalten. Wenn sie weitermachte, dann würde er nicht verhindern können, dass seine Bauchfalte sich öffnete und sein gut durchbluteter Penis sich aufrichtete. Sein Glied war ebenso empfindlich, wie das eines Menschen und es erfüllte in Hinblick auf den Geschlechtsverkehr auch die gleiche Funktion, allerdings war das auch seine einzige Aufgabe. Bei den Azhuan gab es keine Körperteile, die sowohl für die Fortpflanzung, als auch für die Ausscheidung zuständig waren.

Sie genoss es immens, eine derartige Kontrolle über ihn und seinen Körper auszuüben. Dies gefiel ihr sogar noch besser, als wenn sie ihm gestattete, sie zu berühren und deshalb erlaubte sie es ihm an diesem Morgen auch nicht. Sie sah dabei zu, wie sich die Ränder seiner Bauchfalte langsam öffneten, sich dabei immer weiter voneinander entfernten und dadurch noch mehr der äußerst empfindsamen Hautpartien zum Vorschein kamen, die sie stimulieren konnte. Damit würde sie ihn noch mehr erregen können. Aus seiner Kehle löste sich ein leises Stöhnen. Diese Laute könnte er auch dann nicht zurückhalten, wenn sie ihm befohlen hätte, still zu bleiben. Vielleicht hätte sie das tun sollen, denn dies hätte ihr einen legitimen Grund gegeben, ihn zu bestrafen, aber sie war heute nicht in der richtigen Stimmung für so etwas und dafür sollte er ihr dankbar sein. In der Zwischenzeit hatte sich seine Bauchfalte so weit geöffnet, dass sein Penis sich aufrichten konnte und sie verlagerte ihre Aufmerksamkeit auf ihn. Als sie ihre Hand um seinen festen Stab schloss, spürte sie, wie das Blut in ihm pulsierte. Ramax Stöhnen wurde erheblich lauter. Seine Finger krümmten sich und als sie ihm ins Gesicht blickte, entging ihr nicht, wie seine Augenlider zuckten. Ein nicht besonders angenehm wirkendes Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht.

„Was liegt heute an?“, fragte sie ihn, gänzlich unerwartet. Er öffnete seine Augen, weil ihm eine Frage das Schiff betreffend dazu die Erlaubnis gab und versuchte ihr eine Antwort zu geben, ohne sich von den Reaktionen seines Körpers zu stark ablenken zu lassen. Allerdings fiel ihm das ziemlich schwer und das fand sie wiederum gut. Dies war auch der Grund dafür gewesen, dass sie ihm gerade jetzt diese Frage stellte, während ihre Finger sich immer noch fest um sein Glied schlossen.

„Heute steht das Treffen mit den Terranovern auf der Raumstation an“, brachte er schließlich hervor. Obwohl er sich redlich bemühte, konnte er ein erneutes Stöhnen nicht unterdrücken. Ihre Erregung steigerte sich, weil sie ihn derart in der Hand hatte, aber dann erinnerte sie sich mit einem Mal daran, wie sie sich selbst in solchen Situationen immer gefühlt hatte und dies brachte sie tatsächlich dazu, ihm endlich seinen Höhepunkt zu verschaffen. Damit erklärte sie dann auch ihre gemeinsame Nacht als beendet. Sobald sie gleich aufgestanden waren, würden sie sich im Tagmodus befinden. Dies war an Bord der Raumschiffe die offizielle Bezeichnung dafür, dass der kommandierende Offizier und ihr Stellvertreter nun mit ihrer Tagschicht begonnen hatten. Im Gegensatz zum Rest des Jagdrudels waren diese beiden nicht an feste Zeiten gebunden. Sie könnten sich auch mitten in der Schiffsnacht im Tagmodus befinden. Allerdings änderte sich dadurch nichts an ihren Positionen in der Befehlskette des Schiffes.

Nachdem sie sich als erste erhoben hatte, stand er ebenfalls auf. Dabei bewegte er sich mit der lässigen Eleganz eines geborenen Jägers. Sie hatte ihn im Auge behalten, denn sie liebte seine Art, sich zu bewegen, genau wie sie die tödliche Eleganz des Azhuan und das Spiel der Muskeln unter seinem gefleckten Fell liebte. Aber dies betraf auch die Art und Weise, wie seine Mähne den Rücken hinabfloss. Er hatte eine außerordentlich lange Mähne, die aus feinen, seidigen Haaren bestand und diese bedeckten nicht nur seinen Schädel, sondern auch seinen muskulösen Nacken und sogar den oberen Teil seiner Wirbelsäule. Wenn er wütend wurde oder erregt war, stellten sich diese ungefähr fünfzehn Zentimeter langen Haare wie Borsten auf und dieser Anblick erregte sie dann wiederum. Sie fand vieles an ihm äußerst faszinierend, wie sie nun erneut feststellte. Sie wusste überhaupt nicht mehr, warum sie sich so dagegen gesträubt hatte, ihn in ihr Bett zu holen.

„Dieses Treffen würde ich am liebsten ausfallen lassen“, gab sie ihm gegenüber freimütig zu, während sie den Gürtel ihres Lemayns schloss, „aber leider sind wir ja deswegen hierhergekommen.“ Wie es sich für ihren Status als Offizier gehörte, reichte ihr aus besticktem Stoff gefertigter Lemayn fast bis zu den Knien. Ihren Rang als Kommandantin der „Semaja“ konnte dagegen jeder an ihrer Kette erkennen. In der Zwischenzeit war auch Ramax mit Ankleiden fertig geworden. Sein Lemayn sah selbstverständlich nicht so edel aus, wie ihr eigener und seine Kette kennzeichnete ihn als Ersten Offizier. Er zog noch einmal kurz an den Beinen der kurzen Hose, die er unter seinem kiltähnlichen Kleidungsstück trug, bevor er sich ihr zuwandte. An Bord von Raumschiffen mussten auch die Azhuan eine Hose tragen, die normalerweise sonst nur ihre menschlichen Mitbürger anzogen. Allerdings war Ramax dies, als Angehöriger der Xo, nicht fremd, denn sein Rudel hatte bereits vor einigen Jahrhunderten damit begonnen, etwas unter dem Lemayn zu tragen, während die anderen Azhuan dies nicht für notwendig hielten, da ihre Bauch- und Rückenfalten die empfindlichen externen Organe schützten. Aber an Bord eines Raumschiffes kam aus Sicherheitsgründen niemand darum herum.

Azila war schon dabei sich aus ihrer gemeinsamen Kabine hinauszubewegen, als Ramax sich leise räusperte. Sie drehte sich um und sah ihn fragend an.

„Es sind Terranover …“, begann er und sie konnte ein Seufzen nicht unterdrücken. Sie wusste sofort, was er ihr sagen wollte und begab sich deshalb noch einmal zu ihrem Kleiderschrank. Sie hasste es, eine Tunika tragen zu müssen, aber ihre Vorgesetzten hatten sie vor ihrer Abreise ausdrücklich darauf hingewiesen, sie müssten Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Terranover nehmen. Diese stießen sich nun einmal daran, wenn die weiblichen Angehörigen der Ymzhuaan-Raumflotte nur einen Lemayn trugen. Selbstverständlich könnte sie sich auch später noch umziehen, dies hätte die ganze Angelegenheit allerdings nur um einige Stunden hinausgezögert. Aber sie war immer schon der Meinung gewesen, es wäre besser, etwas Unangenehmes sofort hinter sich zu bringen.

„Hast du etwas darüber gehört, wer uns erwartet?“, wollte sie von ihrem Ersten Offizier wissen, während sie ihre Kette gegen die Tunika tauschte. Das bei ihr so unbeliebte Kleidungsstück besaß Rangabzeichen, deshalb konnte sie die Kette weglassen.

Er schüttelte den Kopf. „Sie haben es nicht für nötig gehalten, uns darüber zu informieren. Ich hoffe nur, sie gehören nicht zu denjenigen, die der Auffassung sind, wir schuldeten ihnen etwas, weil bei der Wiederentdeckung von Zhuan‘jall einige Terranover bei uns geblieben sind.“ Er hatte genügend eigene unerfreuliche Erfahrungen mit solchen Personen gemacht.

Das war ihr selbst auch nicht anders ergangen. „Es wäre einmal eine angenehme Überraschung, wenn das nicht zur Sprache käme. Aber wir können ja zumindest hoffen.“ Sie drehte sich zu ihm um und lächelte ihn an. Und dieses Mal beinhaltete ihr Lächeln keinerlei sexuelle Anspielungen. Nicht während sie sich im Tagmodus befanden und Arbeit auf sie beide wartete. Schließlich besaß sie genügend Erfahrung, um ohne Probleme die beiden Bereiche strikt voneinander trennen zu können. Aber er war dazu genauso in der Lage. Auch dies war etwas, dass die meisten Außenstehenden nicht verstanden oder nicht verstehen wollten. Aber wenn sie aus diesem Grund die Ymzhuaan falsch einschätzten, waren sie ihrer Meinung nach selbst schuld daran. Darüber wollte sie sich allerdings nicht den Kopf zerbrechen.

Mit einer Handbewegung wies sie Ramax schließlich an, die Kabine vor ihr zu verlassen. Gemeinsam machten sie sich dann auf den Weg zur Brücke und damit auch zu ihrem Büro. Bevor ihr Stellvertreter sich auf seinen Brückenposten begeben konnte, wartete erst noch administrative Arbeit auf sie beide. Gleichzeitig würden sie aber die Zeit auch dafür nutzen, ein Frühstück zu sich zu nehmen. Dieser Arbeitsablauf hatte sich in den letzten Monaten herauskristallisiert und sie hatten festgestellt, dass ihnen das beiden entgegenkam. Sobald Ramax mit seinem Teil fertig war, konnte er sich auf die Brücke begeben und dann musste sie sich allein durch den restlichen Papierkram kämpfen. Dabei hoffte sie am heutigen Tag darauf, den bürokratischen Berg bezwungen zu haben, bevor sie zur Raumstation aufbrechen mussten.

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Ramax hatte bereits die Hälfte der kurzen Strecke bis zum Sessel des kommandierenden Offiziers, im Zentrum der Brücke, zurückgelegt, als sich hinter ihm die Tür zum Büro der Kommandantin langsam wieder vollständig schloss. Eine Stunde hatte er dort drinnen damit verbracht, sich an der Seite seiner Vorgesetzten, durch den obligatorischen Papierkram zu kämpfen. Dabei war er sich nur zu bewusst, dass sich bis zum nächsten Morgen wieder genauso viel angesammelt haben würde. Aber er hatte nebenbei noch ein kräftiges Frühstück zu sich nehmen können. Seitdem er vor ein paar Monaten den Posten des Ersten Offiziers an Bord dieses Schiffes angetreten hatte, musste er feststellen, dass sich der Energiebedarf seines Körpers immens erhöht hatte. Dies war ein Aspekt seines neuen Postens, über den er im Vorhinein nicht Bescheid gewusst hatte.

Langsam ließ er sich auf dem Platz des Wachhabenden nieder, den Jägerin Madava gerade für ihn freigemacht hatte. Solange Kapitänleutnant Azila noch mit der restlichen administrativen Arbeit beschäftigt war, war dies hier sein Platz und ihm war bereits nach kurzer Zeit auf diesem Schiff klar geworden, dass es der beste Platz auf der Brücke war. Aber sobald die Kommandantin erschien, musste er ihn freimachen.

Als er vor vier Monaten endlich die Beförderung zum Ersten Offizier erhielt, war er überglücklich gewesen. Dies war ja schließlich ein wichtiger und unerlässlicher Schritt auf dem Weg, einmal ein eigenes Schiff kommandieren zu dürfen. Dann jedoch hatte er seinen endgültigen Marschbefehl erhalten und seine Freude hatte sich schlagartig verflüchtigt. Entgegen der Erwartungen, die er aufgrund der Beziehungen seiner Familie gehegt hatte und entgegen aller Versprechungen seines Vaters, war er nicht auf eines der von ihm gewünschten Schiffe abkommandiert worden. Er war davon ausgegangen, einen bestimmten Posten zu erhalten oder zumindest einen Posten auf ganz bestimmten Schiffen. Er hatte absolut nicht verstehen können, wieso das nicht geklappt hatte, denn als Angehöriger einer wichtigen alten Familie war er das sein gesamtes Leben gewöhnt gewesen. Die Beziehungen seiner Familie, hatten ihm immer den Weg geebnet, aber auf einmal war damit aus unerfindlichen Gründen Schluss.

Natürlich hatte er die Versetzung auf ein Jägerschiff angestrebt, aber auf keinen Fall als Erster Offizier, schließlich wusste er nur zu genau, was alles zu dessen Aufgabengebieten gehörte. In der Raumflotte der Ymzhuaan hatte niemand etwas dagegen, wenn die Mitglieder der Jagdrudel miteinander ins Bett stiegen, allerdings geschah dies immer auf freiwilliger Basis. Manche Raumfahrer waren der Meinung, dies könnte eine gute Gelegenheit sein, sich bei einem Vorgesetzten ins rechte Licht zu setzen, aber sie mussten dann immer feststellen, dass dies nicht gute Leistungen und Kompetenz ersetzen konnte. Aber normalerweise diente diese Regelung der Entspannung und förderte den Zusammenhalt des Jagdrudels. Das dies funktionierte, hatte er im bisherigen Verlauf seiner Karriere immer wieder erleben können. Aber es gab eine Ausnahme von dieser Freiwilligkeit und diese betraf den Ersten Offizier. Die Admiralität war der Meinung, kommandierenden Offizieren stünde die gleiche Art von Entspannung zu – oder zumindest die Möglichkeit dazu - wie der Zhuaan’asaa oder dem k’Maliq. Seit alten Zeiten war es üblich, den Herrschern der Azhuan und der Nisu Hajyaa – Gefährten –anzubieten. Und dies hatte immer auch schon bedeutet, das Bett zu teilen und diese Aufgabe war an Bord der Raumschiffe dem Ersten Offizier übertragen worden.

Natürlich machte es einen erheblichen Unterschied, ob der kommandierende Offizier ein sanftes oder ein aggressives Naturell besaß. Genau aus diesem Grund sollte seine Familie ihm einen Posten bei der Heimatflotte besorgen, deren Kommandanten in der Regel von eher sanftem Naturell waren. Stattdessen aber war er auf diesem Jägerschiff gelandet und bei einer Kommandantin, mit einem ausgeprägten aggressiven Naturell. Er war im Bett einer Person gelandet, die ihm selbst sehr ähnlich war. Für seinen Geschmack sogar viel zu ähnlich. Und er hatte feststellen müssen, dass sie nicht nur ein aggressives Naturell besaß, sondern auch einen Hang zum Sadismus, wie es bei den Angehörigen der Nisu-Häuser häufiger vorkam. Und eines der ersten Dinge, die ihm seine Kommandantin über sich selbst erzählt hatte, war ihre Zugehörigkeit zu einem dieser Häuser. Er hatte noch nicht einmal die Möglichkeit, sich ihr zu widersetzen. Es würde das sofortige Ende seiner Karriere bedeuten, wenn er sich einer der Aufgaben eines Ersten Offiziers entzöge und er würde dann niemals ein Jägerschiff kommandieren können. Und es war ja nicht so, als ob ihm diese Regelung unbekannt gewesen wäre. Er war nur davon ausgegangen, sie würde erst dann für ihn wirklich wichtig werden, wenn er selbst der kommandierende Offizier war, aber in dieser Hinsicht hatte er sich gründlich verschätzt.

Es gab nur einen einzigen Lichtblick in der ganzen Angelegenheit. Zu seiner Erleichterung war er auf ein Schiff mit einem weiblichen kommandierenden Offizier abkommandiert worden. Dass sie eine Nisu, ein Mensch, war, störte ihn nicht, schließlich war er selbst ein Xo und seine Leute lebten seit Generationen aufs engste mit der anderen Spezies zusammen. Ganz im Gegensatz zu den meisten Azhuan aus den östlichen und nördlichen Rudeln. Dahingegen wäre es ihm sehr schwergefallen, zu einem Mann ins Bett zu steigen. Vielleicht hätte er bei seinen vorherigen Missionen Erfahrungen in dieser Hinsicht sammeln sollen, aber dazu hatte er sich nie durchringen können. Wozu hatte seine Familie denn so viel Einfluss, wenn er ihn nicht zu seinem eigenen Vorteil nutzen konnte. Aber zu seinem Leidwesen hatte er sich geirrt. Und nun fragte er sich schon seit Monaten, was schiefgelaufen war. Welcher Widersacher seiner Familie mochte seinen Einfluss geltend gemacht haben, um ihm das Leben schwer zu machen. Er war ja immer der Meinung gewesen, er wäre viel zu unwichtig, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber vielleicht hatte er sich nur etwas vorgemacht. Aber welcher Grund nun auch dahintersteckte, er hatte zum ersten Mal feststellen müssen, dass es nicht immer nur angenehm war, aus einer der oberen Familien zu stammen.

Mit Mühe konzentrierte er seine Gedanken wieder auf das Geschehen hier auf der Brücke. Er hatte keine Ahnung, wieso er sich ausgerechnet an diesem Tag von seinen Problemen ablenken ließ, obwohl er sich bewusst war, dass er sich das nicht leisten konnte. Er durfte sich das auch nicht leisten, denn er hatte eine Verantwortung, diesem Schiff und den Jägern gegenüber, die unter ihm und der Kapitänleutnant dienten. Als Erster Offizier trug er Verantwortung und die anderen Mitglieder des Jagdrudels verließen sich darauf, dass er aufmerksam bei der Sache blieb. Und er wollte auch seiner Kommandantin nicht unangenehm auffallen. Er musste sich jetzt wirklich zusammenreißen.

„Was hat sich in den letzten Stunden an der Raumstation getan?“, erkundigte er sich beim taktischen Offizier der Wache.

Die junge Azhuan-Jägerin drehte sich halb zu ihm herum. „Wenn sich unser Schiff und die Delegation der anderen Flotte nicht hier aufhalten würden, dann wäre hier so gut wie nichts los. Heute Nacht ist ein einziger Frachter angekommen und in den sechsunddreißig Stunden davor, hat es überhaupt keine Ankunft gegeben.“

Ramax schnaubte. Die Worte der Jägerin stellten die reinste Untertreibung dar. Das System, das von den beiden Admiralitäten als Treffpunkt für diese Zusammenkunft ausgesucht worden war, lag in einem sehr abgelegenen Winkel des bekannten Weltalls. Es befand sich tatsächlich am äußersten Rand des Menschenraums, wie der Bereich des Weltalls genannt wurde, der von den Menschen kolonisiert worden war. Ungeachtet der Tatsache, dass die Azhuan nicht die einzige nichtmenschliche Spezies waren, die in diesem Bereich lebten.

Nachdem die „Semaja“ in das Kitsune-System eingetreten war, wurde jedem auf der Brücke schnell klar, wie abgeschieden die Menschen hier lebten. Der Planet, der ebenfalls den Namen Kitsune trug, war vor ungefähr hundertfünfzig Jahren besiedelt worden, aber was immer sich die Kolonisten von ihrer neuen Welt erhofft hatten, war nicht eingetreten. Damals war auch diese Raumstation im Orbit der Welt, aus einem der Kolonieschiffe, entstanden. Für die Anzahl an Schiffen, die sich in dieses System verirrten, war sie viel zu groß geraten. Kitsune stellte das Ende einer Handelsroute dar, denn weiter draußen gab es keine weiteren besiedelten Welten mehr. Vor anderthalb Jahrhunderten war allerdings etwas anderes geplant gewesen. Kitsune hatte nur ein Brückenkopf für die Kolonisierung des dahinterliegenden Raumes sein sollen. Diese hatte allerdings nie stattgefunden, weil auf der gegenüberliegenden Seite des Menschenraumes einige der terranischen Kolonien aneinandergeraten waren. Daraus entwickelte sich der erste echte Raumkrieg, der erste größere bewaffnete Konflikt seit dem Aufbruch der Menschen von der Erde. Zhuan’jall, aber auch Terranova, hatten sich zu ihrem Glück aus diesem Krieg heraushalten können, trotzdem hatte er natürlich auch Auswirkungen auf sie gehabt. Aber diese waren nicht so gravierend gewesen, wie für Kitsune.

„Herr“, unterbrach der Kommunikationsoffizier seinen Gedankengang und machte ihn damit darauf aufmerksam, dass er sich schon wieder hatte ablenken lassen. Wenn er damit weitermachte, musste er sich bald keine Sorgen mehr um die Zuwendungen der Kommandantin machen. „Kitsune Eins ruft uns.“

„Den Anruf zu mir“, befahl Ramax ihm sofort und aktivierte den kleinen Bildschirm am Sessel des Wachhabenden. Es dauerte nur einen kurzen Augenblick, bis er in das Gesicht einer hellhäutigen und hellhaarigen Menschenfrau blickte.

„Ramax’so’Xo‘Mayho, Erster Offizier der ‚Semaja’m’Agadir‘“, stellte er sich vor, die Linguafranca der Menschen benutzend.

„Yamada Ayuka, Assistentin der Stationskommandantin“, antwortete die Gegenseite.

„Assistentin Yamada“, Ramax hatte keine Ahnung, wie die Assistentin einer Stationskommandantin angeredet wurde. „Wie können wir dir behilflich sein?“

Das Gesicht der Frau verzog sich. Sie war offensichtlich nicht sehr geübt darin, ihre Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten, was Ramax wegen ihrer Position an Bord der Raumstation allerdings seltsam vorkam und dann fiel ihm reichlich verspätet ein, dass die meisten Menschen, die nicht von Zhuan’jall stammten, es nicht mochten, derart informell angesprochen zu werden. Diese Erkenntnis brachte ihn dann auch auf die Idee, wieso sie sich ihm gegenüber so nachlässig aufgeführt hatte. Lag das vielleicht daran, dass sie ihn nicht als ebenbürtig ansah? Oder war dies nun Paranoia? Auf jeden Fall sorgte dieser Gedanke dafür, dass er sich nicht nachträglich korrigieren wollte. Ob es ihr gefiel oder nicht, er würde den eingeschlagenen Weg einfach weiterverfolgen.

„Die Kommandantin informiert euch darüber, dass der Beginn des Treffens mit den Terranovern um zwei Stunden vorverlegt wurde und ihr in neunzig Minuten auf der Station erwartet werdet. Die Kommandantin geht nicht davon aus, dass ihr damit Probleme haben werdet. Ich wünsche noch einen schönen Tag.“ Die Verbindung brach ab, bevor der Erste Offizier noch etwas äußern konnte.

Ramax unterdrückte einen heftigen Fluch, aber er verdammte die menschliche Arroganz und fragte sich gleichzeitig, ob sie einen Nisu-Offizier ebenfalls so behandelt hätte. Aber er bezweifelte dies und er war sich nun sicher, dass er soeben nicht paranoid reagiert hatte. Die Azhuan wurden immer wieder so behandelt, als ob sie Wilde wären. Dabei wirkte Kitsune im Vergleich mit seinem Heimatplaneten wie ein Bauerndorf. Einen Moment lang war er so wütend geworden, dass er ganz unbewusst seine Krallen ausgefahren hatte. Nur mit viel Mühe schaffte er es, sich so weit zu entspannen, dass er sie wieder einziehen konnte.

Dann fiel ihm ein, dass er die Kommandantin sofort über die Veränderung informieren musste.

„Madava, du hast die Brücke“, wies er den Taktischen Offizier an und erhob sich. Er bewegte sich so schnell, dass ihr „Sofort, Herr“ ihn erst erreichte, als er bereits vor der Tür stand.

Kurz drückte er auf die neben der Tür angebrachte Ruftaste, um sich anzukündigen, wartete aber Azilas Reaktion nicht ab. In solchen Situationen war er durchaus berechtigt, seine Vorgesetzte auch ohne ihre Erlaubnis zu stören und davon machte er jetzt Gebrauch.

Die rothaarige Frau hinter dem Schreibtisch blickte sofort auf, als die Tür sich öffnete. Sie sah nicht erfreut aus, aber ihr „Ja?“ klang ruhig.

„Die Station hat das Treffen mit den Terranovern um zwei Stunden vorverlegt“, teilte er ihr mit.

Auf ihren Zügen machte sich Ärger bemerkbar. Ärger, der aber zum Glück nicht gegen ihn gerichtet war. „Sonst noch etwas?“

„Sie gehen davon aus, dass uns das keine Probleme bereitet und fordern uns auf, in neunzig Minuten auf der Station zu erscheinen.“ Er selbst war nicht in der Lage, seinen Ärger zurückzuhalten, wahrscheinlich weil er das auch als sinnlos ansah. Die Kommandantin würde ihn verstehen.

„Arrogante Idioten“, schimpfte sein Gegenüber. Auch sie hielt sich nicht zurück, da sie genau wusste, dass er ebenfalls so dachte.

Zum Glück hatte die „Semaja“ bereits an der Station angedockt, so dass sie zumindest keine Zeit durch eine lange Anreise verlieren würden. Der Kommandantin war von Anfang an klar gewesen, dass sie bei dieser Mission sorgfältig planen musste und dies schloss auch die Hindernisse ein, die ihr die eigenen Verbündeten in den Weg legen mochten. Allerdings hatte sie nicht vorgehabt, unvorbereitet zu diesem Treffen zu gehen und leider gab es da einiges, das im Vorhinein noch zu besprechen war. Und wie sie jetzt feststellte, konnte sie das nicht auf einen Zeitpunkt verschieben, nachdem sie mit ihrem Papierkram fertiggeworden war.

Sie seufzte. An der Situation war nun nichts mehr zu ändern. „Setz dich“, wies sie ihren Ersten Offizier an und schob ihre Arbeit zur Seite. „Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns an deren Zeitplan anzupassen. Schließlich sind wir nur ein kleines Jägerschiff.“ Sie verdrehte die Augen.

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Kapitänleutnant Azila stand an diesem Tag nun bereits zum zweiten Mal vor ihrem Kleiderschrank. Heute Morgen war sie noch bereit gewesen, auf die Befindlichkeiten der Terranover Rücksicht zu nehmen. Aber nachdem sie nun hatte feststellen müssen, dass diese auf keinen Fall auf sie Rücksicht nehmen wollten, hatte sie sich anders entschieden. Deswegen stand sie nun erneut in ihrer Kabine und dachte darüber nach, was sie tragen wollte. Zuerst hatte sie sich über diese Zeitverschwendung geärgert, aber nun nutzte sie diese Gelegenheit, ihren Ersten Offizier beim Umziehen zu beobachten, der im Gegensatz zu ihr, auch keine Wahl bei dem hatte, was er anziehen musste. Ihm war vorgeschrieben, dass er seine Ausgehuniform zu tragen hatte, wenn er das Schiff verließ. Auch wenn er wie jedes Mal versuchte, darum herumzukommen. Aber sie erlaubte ihm das natürlich nie und dieser Gedanke vertrieb ihren Ärger und brachte ein Lächeln auf ihr Gesicht.

„Die Kitsuner halten uns offenbar tatsächlich für Barbaren“, teilte sie ihm ihre Überlegungen mit und drehte sich halb zu ihrem Hajya um, nur um festzustellen, dass er mit einem unglücklichen Gesichtsausdruck auf dem Bett hockte.

„Und?“, gab er grummelnd zurück, obwohl er genau wusste, worauf sie hinauswollte.

„In dem Fall bin ich dafür, ihnen die Barbaren zu geben!“ Sie grinste ihn an, aber er reagierte nicht darauf.

Stattdessen schüttelte er den Kopf. „Muss das wirklich sein, Herrin?“ Sie konnte ihm seine mangelnde Begeisterung ansehen und sie kannte auch die Ursache dafür. Dies war einer der Gründe, warum sie immer auf der Einhaltung der Vorschriften bestand. Am heutigen Tag kam dann noch dazu, dass sie die Kitsuner und mit ihnen die Terranover schockieren wollte. Ursprünglich hatte sie schon vorgehabt, sich an die Empfehlungen ihrer Vorgesetzten, in Hinblick auf ihr eigenes Erscheinungsbild, zu halten, aber sie war eine Jägerin und diese waren für seltsame und unüberlegte Handlungen bekannt. Dies könnte ihr unter Umständen einen Tadel einbringen oder aber auch nicht, aber das war ihr in diesem Augenblick egal. Sie war die herablassende Behandlung durch die Menschen einfach nur satt.

„Du erinnerst dich, dass wir uns im Umgang mit den Terranovern zurückhalten sollen, oder?“ Er hatte nicht vor, sich so einfach geschlagen zu geben. Sie befanden sich im Tagmodus und es war seine Pflicht, sie auf Fehler und Versäumnisse hinzuweisen. Darüber hinaus, diskutierte er diesen Punkt jedes Mal mit ihr. Bisher aber immer ohne Erfolg.

„Du musst nicht befürchten, dass dies auf dich zurückfallen wird. Die Verantwortung liegt, genau wie die Entscheidung, einzig bei mir.“ Sie hatte sich entschieden und begann verschiedene Dinge aus dem Schrank hervorzuholen.

„Aber niemand außer uns hält sich noch daran!“ Das brachte er immer vor und er hatte noch nicht einmal unrecht damit. Nur noch wenige Kommandanten der Raumflotte bestanden auf der Einhaltung dieser speziellen Regelung.

„Es wurde aber nie aus den Vorschriften gestrichen, selbst wenn viele diese Regelung nicht mehr anwenden, weil sie sie als altmodisch ansehen“, antwortete sie ihm so sanft, wie sie dazu in der Lage war.

„Weil sie genau wissen, dass man uns ansonsten für Barbaren hält“, hielt er ihr aufgebracht entgegen.

„Aber man hält uns doch auch so für Barbaren. Warum sollten wir also nicht ein bisschen Spaß dabei haben und ihnen diese Barbaren auch zeigen.“

„Spaß? Du hast vielleicht Spaß dabei, ich aber ganz bestimmt nicht!“ Aber er befand sich jetzt schon auf dem Rückzug, das konnte sie seinem Tonfall entnehmen. Wieder einmal hatte er sich ihr geschlagen gegeben. In den letzten Monaten hatte er lernen müssen, dass er in diesem Punkt nicht gegen sie ankam. Sie würde ihre Meinung niemals ändern.

Er richtete sich auf. „Nun denn, geben wir die Barbaren. Vielleicht hast du ja recht und es macht tatsächlich Spaß.“ Er hatte ein Grinsen aufgesetzt, das sie allerdings nicht überzeugte. Aber sie wusste, er würde sich ihrem Befehl auch dieses Mal nicht widersetzen.

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Als sie endlich vor der Tür des Konferenzraums angekommen waren, musste Ramax zugeben, dass es auch ihm durchaus Spaß bereitet hatte, den schockierten Ausdruck auf den Gesichtern der Stationsbesatzung zu entdecken. Das Ganze würde ihm allerdings noch mehr Spaß machen, wenn er der Kommandant und nicht der Erste Offizier wäre. Da er daran aber nichts ändern konnte, musste er sich mit den Reaktionen zufriedengeben, die er bisher bei ihren Gastgebern ausgelöst hatte.

Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf, auch wenn er zu seinem Leidwesen dreizehn Zentimeter kleiner war als seine Kommandantin und achtete darauf, dass seine Mähne richtig lag. Er würde allerdings niemals zugeben, dass er in dieser Hinsicht eitel war. Schließlich blieb er einen Schritt hinter Azila stehen. Seine Vorgesetzte sah ziemlich gut aus, in ihrem reichbestickten knöchellangen Lemayn, dem breiten Gürtel, in dem selbstverständlich ein Dolch steckte und der massiven Kette, die ihren Rang anzeigte. Ansonsten trug sie nichts und dies hatte bei den Terranovern zu großer Verlegenheit geführt. Ihre langen Haare hatte sie zu der Art Zopf hochgesteckt, den die Krieger der Nisu bereits in früheren Jahrhunderten getragen hatten. Dies dürfte aber auf der Station niemandem bekannt sein und wenn doch, würde es nur umso mehr den Eindruck verstärken, es mit Barbaren zu tun zu haben. Auf jeden Fall hatte es dazu geführt, dass man sie auf dem ganzen Weg vom Schiff bis hierher angestarrt hatte. Die beiden Posten, die rechts und links von der Tür standen, reagierten auch nicht anders, während Azila und er kurz warten mussten.

Allerdings hatten immer alle nur solange auf die Kommandantin gestarrt, bis ihr Blick auf ihn fiel. Dann konnten sie nicht mehr woanders hinsehen. Er trug ebenso wie seine Vorgesetzte einen knöchellangen Lemayn, der aber nicht ganz so reich verziert war wie ihrer, der ebenfalls von einem Gürtel gehalten wurde, in dem selbstverständlich auch ein Dolch steckte. Seine Halskette war natürlich nicht so massiv wie ihre, aber sie zeigte ebenfalls seinen Rang an. Genau wie sie trug er keine Fußbekleidung und die Krallen seiner nackten Füße klackten unüberhörbar auf dem harten Boden der Stationsflure. Während er hier vor der Tür warten musste, klappte er seine sechste Zehe, mit der langen scharfen Kralle, wieder aus, die beim Gehen und Laufen nach hinten gelegt wurde. Weil er trotz seiner Belustigung über die Reaktionen der Menschen angespannt war, hatte sich seine mahagonifarbene Mähne etwas aufgestellt. Aber auch weil ihm bewusst war, dass er nicht wegen seiner Kleidung angestarrt wurde und auch nicht, weil er ein Azhuan war. Er wusste genau, dass alle ihre Augen nicht von den, mit einer Kette verbundenen, Fesseln abwenden konnten, die seine Handgelenke schmückten. Fesseln, die zu seinem großen Leidwesen immer noch zur offiziellen Ausgehuniform eines Ersten Offiziers der Flotte gehörten und die er jedes Mal anlegen musste, wenn er das Schiff verlassen wollte. Diese Fesseln hatte, seiner Meinung nach, in den letzten Jahrzehnten niemand mehr außerhalb von Zhuan’jall getragen, weil man einen kommandierenden Offizier, der darauf bestand, genau wie seine Begleitung, für Barbaren halten würde. Aber dies scherte seine Vorgesetzte überhaupt nicht. Er hatte lernen müssen, dass sie tatsächlich noch verrückter war, als er ursprünglich gedacht hatte. Und er konnte sich ihrem Befehl noch nicht einmal widersetzen, denn es entsprach immer noch den Vorschriften, auch wenn es ihn jedes Mal gestört hatte, dass ihn jemand so zu Gesicht bekam. Und dass, obwohl er bisher nur von Ymzhuaan so gesehen worden war. Die heutige Situation empfand er als sehr viel schlimmer.

Aber bevor er Gelegenheit bekam, weiter über die ganze Angelegenheit mit seiner Uniform nachzudenken, öffnete sich die Tür und Azila betrat den dahinterliegenden Raum. Er folgte ihr mit den vorgeschriebenen zwei Schritten Abstand, nur um direkt hinter dem Eingang schon wieder stehen bleiben zu müssen, da die Kommandantin, die Anwesenden bereits provozierend, nicht weiter in den großen Raum hineingegangen war.

Ungefähr fünfundzwanzig Personen – Menschen beiderlei Geschlechts – blickten die Neuankömmlinge an. Sie brachten gerade noch so viel Disziplin auf, nicht mit offenem Mund zu starren, aber bei keinem von ihnen war die Überraschung über das Aussehen der beiden Offiziere des Jägerschiffes zu übersehen. Ganz eindeutig war dies ein Anblick, den niemand von ihnen erwartet hatte. Und auf einmal war Ramax froh darüber, nicht der Kommandant zu sein. Er hatte ganz plötzlich eine gute Vorstellung davon, was die anderen denken würden und vor allem wie sie reagieren würden, wäre er mit einer menschlichen Frau im Schlepptau hier aufgetaucht, die Handfesseln trug. Ihm ging auf, dass in diesem Fall keiner der Terranover, Kitsuner und wer sonst noch dort am Tisch saß, etwas mit ihm hätte besprechen wollen. Bei diesem Gedanken stellte sich seine Mähne noch weiter auf und er schätzte sich in dem Moment glücklich, dass die Anwesenden zu wenig über die Azhuan wussten, um zu verstehen, wieso sich seine Haare aufrichteten.

„Jägerin Azila san’Mersuzen, Kapitänleutnant und kommandierender Offizier des Jägerschiffes ‚Semaja’m’Agadir‘ und mein Erster Offizier und Hajya Ramax’so’Xo’Mayho“, stellte die Jägerin sich und ihn vor. Dann wartete sie scheinbar ungerührt auf die Reaktion der anderen.

Eine hochgewachsene dunkelhäutige Frau mit kurzem grauem Haar räusperte sich vernehmlich und riss ihren Blick, wenn auch mit einiger Mühe, von den beiden Personen los, die gerade durch die Tür getreten waren. „Konsularassistentin Illayuk Chakana, Leiterin der terranovischen Delegation“, stellte sie sich ihrerseits vor.

Dann wies sie mit der Hand auf eine weitere ältere Frau, die ihr gegenübersaß. „Dies ist Unterhändlerin Kawashima Misao, die kitsunische Vermittlerin.“

Chakana drehte sich halb zu dem Mann um, der links von ihr Platz genommen hatte. „Und dies ist mein Kollege, der stellvertretende Konsularassistent Kashtiliash Jowan Tremayne. Er wird für die Uruker sprechen.“

Ramax war bekannt, dass die Uruker eine Minderheit auf Terranova darstellten und man sie angeblich an ihren antiken Vornamen erkennen konnte, mit denen sie ihre Verbundenheit mit der Vergangenheit der Erde, mit der Mutterwelt aller Menschen, demonstrieren wollten. Es hieß, sie hätten sich auch nach etlichen Jahrhunderten in ihrer neuen Heimat nicht mit den restlichen Terranovern vermischt.

Die Terranoverin zeigte schließlich auf zwei freie Stühle. „Nehmt Platz, dann können wir beginnen.“ Was sie nicht aussprach, aber was ihr Tonfall trotzdem implizierte, war die Tatsache, dass alle auf die beiden Jäger hatten warten müssen. Azila war mit voller Absicht ein paar Minuten zu spät eingetroffen, weil das ihrer Meinung nach vorzüglich zu ihrem barbarischen Auftreten passte. Ramax ging aber davon aus, dass sie damit auch ihre Verärgerung über die Behandlung der Ymzhuaan ausdrücken wollte.

Er wartete, bis seine Kommandantin sich niedergelassen hatte und setzte sich dann auf den Stuhl neben ihr. Und dann legte er mit voller Absicht seine mit den Fesseln geschmückten Handgelenke auf den Tisch, wo sie niemand übersehen konnte. Die meisten konnten ihren Blick nur mit Mühe davon abwenden.

„Können wir nun darüber sprechen, weswegen wir alle uns hier zusammengefunden haben?“, kam die Jägerin direkt zur Sache. Damit überraschte sie Chakana, die offensichtlich die Sprecherin der aus Terranovern und Urukern zusammengesetzten Gruppe war.

Die Terranoverin räusperte sich erneut. „Wir sind hier zusammengekommen, … äh … Kapitänleutnant … äh …“ Sie stoppte sich selbst, während sie wahrscheinlich in ihrem Gedächtnis nach den erforderlichen Informationen suchte.

Mit seiner peripheren Sicht nahm er wahr, wie Azila die ältere Frau anlächelte. Oder sollte er ihren Gesichtsausdruck doch eher als Grinsen bezeichnen? „Die korrekte Bezeichnung ist Jägerin Azila.“ Sie machte eine Pause, sah kurz zu ihm hinüber und fuhr dann fort: „Und Hajya Ramax, solange mein Erster Offizier sich nicht an Bord der ‚Semaja‘ aufhält.“

„Und wie lautet die korrekte Anrede an Bord eures Schiffes?“ Die Frage kam von dem Uruker, der neugierig wirkte.

Azila blickte ihn direkt an und ihr Grinsen verwandelte sich nun in ein echtes Lächeln. „An Bord wäre die korrekte Bezeichnung Jäger Ramax.“ Von weiteren Erläuterungen sah sie offensichtlich mit Absicht ab.

Tremayne nickte und erweckte den Eindruck, alle seine Fragen wären damit beantwortet worden. Ramax bezweifelte das allerdings.

„Also dann, Jägerin Azila und Hajya Ramax“, Chakana hatte einige Probleme den Begriff aus dem Azhuan‘lugh korrekt auszusprechen, „wir sind hier zusammengekommen, um über eine potentielle Kolonisierung weiterer Welten jenseits von Kitsune zu sprechen. Und wir wollen darüber reden, wie wir die Sicherheit dieser Kolonien gewährleisten könnten.“

Die Nisu richtete sich etwas mehr auf und straffte ihre Schultern, zeigte aber ansonsten kein Anzeichen von Überraschung bei den Worten der Terranoverin. Ramax wusste natürlich, dass sie auch nicht von ihnen überrascht worden war, schließlich hatte sie ihn ja selbst über den Zweck dieses Treffens aufgeklärt. Aber es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass man den Ymzhuaan nicht alles mitgeteilt hatte. An diesem Tag schien das aber nicht der Fall zu sein. In dem Zusammenhang fragte er sich allerdings, wieso die Regierungen auf Zhuan‘jall nur ein einzelnes Jägerschiff zu diesem Zusammentreffen geschickt hatten. Oder stellte er die falsche Frage? War ihm vielleicht etwas Entscheidendes entgangen? Hätte er eher darüber nachdenken müssen, wieso ausgerechnet die „Semaja“ für diese Mission ausgesucht worden war?

„Von wie vielen potentiellen Welten sprechen wir hier, Konsularassistentin?“ Azila blickte die Terranoverin direkt an.

„Damit sich die Kolonisierung dieses Raumabschnittes tatsächlich lohnt, müssen wir von mindestens zehn Welten sprechen. Die Besiedelung so vieler Planeten abzuschließen, läge allerdings in weiter Zukunft und ich bezweifle, dass irgendjemand von den Anwesenden das Ende einer solchen Kolonisierung noch miterleben würde. Jetzt wollen wir tatsächlich nur über einen bestimmten Planeten sprechen, der circa neunzig Lichtjahre von Kitsune entfernt liegt.“

„Und an welchen Zeitrahmen wird in Hinsicht auf diesen Planeten gedacht, Konsularassistentin Chakana?“ Azilas Stimme klang so ruhig, dass Ramax davon überzeugt war, sie verfüge über mehr Informationen als er.

„Im Prinzip könnten wir sofort loslegen, Jägerin Azila. Die Uruker stehen bereit, die Schiffe stehen ebenfalls bereit, es fehlt nur noch das Sicherheitskonzept. Und darüber wollen wir hier und heute sprechen. Weitab vom Schuss“, die Kitsunerin zuckte leicht zusammen, „ohne, dass sonst jemand etwas davon mitbekommt. Und eure Regierungen haben uns zugesagt, jemanden hierher zu entsenden, der mit uns verhandeln kann.“

„Die Uruker?“ Das Lächeln der Jägerin glich jetzt eher einem Zähnefletschen. „Wollen alle von ihnen Terranova verlassen?“

Chakana nickte, aber es war nun Tremayne, der das Wort ergriff. „Wir haben den Terranovern lange genug Platz auf ihrem Planeten weggenommen. Meine Vorfahren hatten nie geplant, derart lange dort zu bleiben. Aus diesem Grund möchten wir diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen. Die Terranover unterstützen uns mit Schiffen, alles andere haben wir selbst in Angriff genommen. Mit Ausnahme der Sicherheit natürlich, denn der Weltraum um Uruk herum ist berüchtigt dafür, eine Zuflucht für eine ganze Reihe von Piraten zu sein. Deshalb ist es unser Wunsch, dass eure Jägerschiffe beim …“, Tremaynes Lächeln ähnelte dem der Jägerin, „… Aufräumen behilflich sind.“

Azila nickte und blickte dann zu Kawashima hinüber. „Und was haben die Kitsuner damit zu tun, Unterhändlerin?“

Die zierliche, dunkelhaarige Frau blickte die Jägerin mit einem unschuldig wirkenden Gesichtsausdruck an. „Wir haben uns nur für diese Besprechung angeboten, weil ein abgelegener Ort dafür gesucht wurde. Weder die Terranover noch die Uruker, aber auch nicht die Ymzhuaan, wollen die Kolonisierung von Uruk an die große Glocke hängen. Und was könnte auf dieser Seite des Menschenraumes abgelegener sein als Kitsune?“ Sie brachte es sogar fast fertig, ihre Unzufriedenheit über die mangelnde Wichtigkeit ihrer Heimatwelt zu verbergen.

„Über die Abgeschiedenheit dieses Systems lässt sich nicht streiten. Aber wenn die hinter Kitsune liegenden Welten tatsächlich kolonisiert werden sollten, dann ist es damit vorbei. Ihr könnt dann davon ausgehen, dass es endlich aufwärts geht, mit eurer Wirtschaft, ebenso wie mit dem Stellenwert unter den Welten des Menschenraums. Dafür kann man dann auch noch ein letztes Mal in Kauf nehmen, als unwichtig eingestuft zu werden, oder?“ Die Jägerin gab sich keine Mühe, mitfühlend zu klingen.

Kawashima störte sich aber weder an den Worten, noch an Azilas Tonfall. Ihre einzige Reaktion war ein, erstaunlicherweise echt wirkendes, Lächeln und ein zustimmendes Nicken.

„In diesem Zusammenhang schadet es niemandem, wenn der Unterhändler auch einen Vorteil aus der Übereinkunft zieht. Schließlich wollen wir im Prinzip alle das Gleiche. Die Jäger eventuell ausgenommen. Allerdings hatte ich immer den Eindruck, es bereite euch Spaß, auf die Jagd zu gehen. Liege ich da etwa falsch?“

Nun war es an Azila, ein echtes Lächeln zu zeigen. „Wir nennen uns nicht ohne Grund Jäger, Unterhändlerin. Die Jagd auf Piraten hat etwas durch und durch Befriedigendes an sich. Es ist etwas das - wie du es ausgedrückt hast - Spaß macht. Und es ist doch eine angemessene Beschäftigung für uns Barbaren, oder?“

Ramax genoss das Gefühl der Genugtuung, als er erkannte, die Kitsunerin konnte nicht verhindern, dass man ihr ihre Schuld ansah. Auch wenn ihm schon zuvor klar geworden war, dass sie diejenige war, die für die Vorverlegung des Termins gesorgt hatte. Sie hatte sicherlich gedacht, die Verärgerung der Jäger in Kauf nehmen zu können. Schließlich handelte es sich bei ihnen ja nur um Barbaren.

Er bewegte seine Arme und die Kette der Handfesseln klapperte auf der Platte des Konferenztisches. Bei dem von ihnen nicht erwarteten Geräusch zuckten die anderen zusammen, als hätte er sie geschlagen. Sie blickten zu ihm hinüber und schraken direkt ein zweites Mal zusammen, weil er seine Zähne gebleckt hatte und sich auch keine Mühe gab, die Reißzähne zu verbergen. Keiner von ihnen konnte übersehen, dass dies kein freundschaftliches Raubtierlächeln war, denn er hatte seine Lippen nicht geschlossen gehalten. Sie hatten es auch alle korrekt als den Beginn eines lässigen Gähnens erkannt, welches ein Jäger zeigte, bevor er sich auf die Pirsch machte und daher sahen die meisten schnell wieder weg. Nur die Kitsunerin betrachtete ihn mit großem Interesse einen Augenblick länger und ihm ging auf, diese Frau sei sehr viel gefährlicher, als er anfänglich gedacht hatte. Unterhändlerin war ein irreführender Titel und wahrscheinlich aus genau diesem Grund gewählt worden. Er verkniff sich allerdings einen Seitenblick zu seiner Kommandantin, denn er musste sich nicht vergewissern, ob sie diesen kurzen Informationsaustausch mitbekommen hatte. Einer Jägerin ihres Formats blieb so etwas nicht verborgen.

In dem Moment stellte er aber auch fest, dass sie recht gehabt hatte, mit ihrer Behauptung, den Barbaren zu geben würde ihm Spaß machen. Er hatte es nicht glauben wollen, vor allem nicht in Hinsicht auf seine eigene Rolle, aber es stimmte tatsächlich. Er hatte bei seiner anfänglichen Einschätzung einfach nicht bedacht, dass diese Menschen den Kontakt mit echten Raubtieren nicht gewöhnt waren. Und die Nisu-Jägerinnen konnten in dieser Hinsicht ohne Probleme mit den Azhuan mithalten. Ehrlicherweise musste er zugeben, er wäre hier derjenige, der sich anstrengen musste, um es seiner Vorgesetzten gleich zu tun und er war als Raubtier auf die Welt gekommen. Nie zuvor hatte er verstanden, wie zutreffend der alte Spruch über die Menschen wirklich war. Sie waren tatsächlich die schlimmsten Raubtiere der Erde.

„Niemand hier hält die Ymzhuaan für Barbaren“, bemühte sich Chakana, allerdings nicht sehr erfolgreich, zu versichern. Ihre Augen hatten sich geweitet und diese unwillkürliche Reaktion hatte sie natürlich nicht verhindern können. Selbstverständlich hätte dies Überraschung sein können, aber er war nicht dieser Meinung, denn hier im Raum hatte es begonnen, nach Angst zu riechen.

Und dann blickte er doch zu Azila hinüber, weil ihm auffiel, dass alle anderen auf einmal sie anstarrten. Aber als er den Grund dafür erkannte, blieb ihm nichts anderes übrig, als zuzugeben, ihre Art die Lippen zurückzuziehen war trotz ihres nicht übermäßig raubtierhaft anmutenden Gebisses auf jeden Fall dazu angetan, den anderen deutlich zu machen, sie wäre eine ebenso erfolgreiche Jägerin, wie ihr Erster Offizier.

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Azila wünschte sich, ihre Nase wäre so empfindlich, wie die ihres Ersten Offiziers. Wer ihn nicht so gut kannte, wie sie, dem war wahrscheinlich entgangen, wie seine breite flache Nase ganz kurz gezuckt hatte, wie sich die beiden Nasenschlitze kaum merklich zusammengezogen und er kaum hörbar Luft eingesogen hatte. Ihr war bekannt, dass dies eine, von ihm nicht bewusst zu kontrollierende, Reaktion auf die Situation in diesem Raum war und sie war sich sicher, er könne die Angst der Terranover, der Uruker und der Kitsunerin tatsächlich riechen. Sie selbst konnte das nur anhand der geweiteten Pupillen oder der leicht geöffneten Lippen schlussfolgern. Das kurze Einatmen seinerseits wäre ihr ebenfalls fast entgangen, weil er ansonsten keine Reaktionen gezeigt hatte.

Sie hatte es genossen, so barbarisch aufzutreten, wie die anderen sie und ihren Hajya sahen. Einerseits lag das daran, weil sie es tatsächlich geschafft hatte, den anderen Delegierten Angst einzujagen, andererseits, weil ihr von vornherein klar war, es würde Ramax überhaupt nicht gefallen, die traditionelle Ausgehuniform eines Ersten Offiziers zu tragen. Natürlich hatte er recht damit, wenn er sie darauf hinwies, dass kaum noch jemand die entsprechenden Vorschriften anwandte, aber sie waren eben auch noch nicht abgeschafft worden. Und wenn es nach ihr ging – und in dieser Hinsicht hatte sie durchaus einigen Einfluss – würden sie auch weiterhin in Kraft bleiben. Sie war sich inzwischen auch sicher, dass er ebenfalls seinen Spaß hatte. Dies war für sie allein an der Art ersichtlich, wie er sich am Tisch in Position gebracht und seine Handfesseln zur Schau gestellt hatte.

Aber sie musste sich selbst gegenüber zugeben, dass sie sich zuvor nicht ganz sicher gewesen war, ob er seine Gefühle tatsächlich zur Seite schieben konnte. Ihr war bekannt, wie unangenehm es ihm war, vor Fremden in seiner Ausgehuniform erscheinen zu müssen. Ihr war auch nicht verborgen geblieben, wie schwer er sich damit tat, sich als Erster Offizier auf einem Jägerschiff wiederzufinden. Schließlich hatte er die feste Überzeugung gehegt, auf einem Schiff der Heimatflotte stationiert zu werden. Und normalerweise hätte der Einfluss seiner Familie auch ausgereicht, ihn nicht in eine solch unangenehme Situation zu bringen. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde es aber nicht mehr lange dauern, bis er erfuhr, dass er mit dem Einverständnis seines Vaters auf die „Semaja“ versetzt worden war. Er war alles andere als dumm und würde ihr daher bald die Frage stellen, wer dafür verantwortlich war und die Antwort würde ihn sicherlich erschüttern. Bei diesem Gedanken konnte sie gerade noch ein - in diesem Moment unangebrachtes - Lächeln unterdrücken. Aber dann rief sie sich zur Ordnung, denn hier und jetzt ging es um etwas ganz anderes.

„Aber ihr hättet gerne, dass wir Nicht-Barbaren für euch die Gegend säubern, bevor die Uruker ihren eigenen Planeten besiedeln? Das habe ich doch richtig verstanden, oder?“

Sowohl Chakana, als auch Tremayne nickten. Es war dann allerdings die kitsunische Unterhändlerin, die wiederum das Wort ergriff.

„Im Gegenzug dafür, dass Zhuan’jall für die Sicherheit des Planeten ‚Uruk‘ sorgt, bieten die Uruker euch bevorzugte Handelsrechte an. Wir Kitsuner wiederum, bieten an zwischen den beiden Parteien zu vermitteln, wobei wir die Terranover als der Partei der Uruker zugehörig ansehen. Es sei denn, eine der beiden Parteien wäre damit nicht einverstanden, dass wir diese Aufgabe übernehmen.“

„Wir haben kein Problem mit der Vermittlung durch die Unterhändlerin“, meldete sich Tremayne zu Wort und blickte dann zu der Jägerin hinüber. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob die andere Partei hier durch jemanden vertreten ist, die befugt ist, verbindliche Verhandlungen zu führen.“

Azila schnaubte. Und zog dann eine kurze schmale Lederröhre aus der Tasche ihres Gürtels und warf diese der Kitsunerin zu. Kawashima hatte kein Problem damit, das gut gezielte Wurfobjekt aufzufangen. Ebenso wenig, wie sie ein Problem damit hatte, die Lederröhre zu öffnen und das darin befindliche Pergament herauszuziehen. Sie entfaltete es vorsichtig. Es zeigte einen kurzen, in kleiner Schrift gehaltenen, Text, den in diesem Moment niemand außer ihr lesen konnte, und darunter gut sichtbar die drei Siegel der Herrscher der Azhuan, der Nisu und der Xo.

Während Kawashima mit der Lederröhre beschäftigt war, hatte Azila ihre rechte Hand unauffällig auf den Oberschenkel von Ramax gelegt. Damit wollte sie verhindern, dass er seine Überraschung über das Pergament zeigte. Vielleicht wäre es günstiger gewesen, sie hätte ihn bereits vorher eingeweiht, aber man hatte ihr eingeschärft, die Existenz ihrer Autorisierung so lange wie möglich geheim zu halten. Es hätte genauso gut möglich sein können, dass sie sie nicht benutzen musste. Nur aus diesem Grund hatte sie ihm nichts darüber erzählt. Nun konnte sie daran nichts mehr ändern und er würde an diesem Nachmittag ja auch mit großer Wahrscheinlichkeit noch andere Überraschungen erleben. Trotzdem war sie erleichtert, als er nicht zusammenzuckte, auch wenn sie nicht wusste, ob dies an ihrer Berührung lag. Aber er blieb so ruhig, wie sie es sich wünschte. In den kommenden Nächten hatte er sich einige Belohnungen verdient.

„Ich kann Ihnen bestätigen, stellvertretender Konsularassistent Tremayne, dass Jägerin Azila ausreichend für diese Verhandlungen autorisiert ist“, versicherte die Kitsunerin dem Uruker, nachdem sie das Pergament ausgiebig studiert hatte.

Dieser wirkte aber nicht so, als ob ihre Worte ihn überzeugt hätten. „Ich komme nicht umhin, mich zu wundern, wieso nur ein einzelnes Jägerschiff zu diesen so ungemein wichtigen Verhandlungen geschickt wurde.“

Azila konnte nur noch den Kopf schütteln. Diese Leute waren bereit, ihre Sicherheit in die Hände der Jäger zu legen und trotzdem musste sie gerade feststellen, dass sie keine Ahnung von ihnen hatten. Überhaupt keine.

Ramax neben ihr hatte ebenfalls reagiert. Er versteifte sich sichtbar und seine orange-gelben Augen funkelten mit mühsam unterdrückter Wut, über die aus den Worten des Urukers zu entnehmende Verachtung, für die Azhuan und die Nisu. Seine Mähne hatte sich nun vollends aufgerichtet und dies hätte die anderen am Tisch eigentlich in größere Furcht versetzen müssen, als sein zuvor gezeigtes Gähnen. Falls sie denn gewusst hätten, was es bedeutet. Da sie ihre Hand immer noch auf seinem Oberschenkel liegen hatte, spürte sie das Zittern seiner Muskulatur. Befände er sich in diesem Moment zu Hause im westlichen Wald, würde es jetzt nur noch Sekunden dauern, bis er sich auf seinen Widersacher warf. Aber hier – unter diesen zivilisierten Personen – musste er sich zügeln. Seine Atmung hatte sich allerdings ebenfalls beschleunigt und dies wiederum war ein Anzeichen, das niemandem verborgen blieb.

„Ich wollte damit niemandem beleidigen“, beeilte Tremayne sich festzustellen.

„Ihr habt alle keine Ahnung von den Jägern, die euch beschützen sollen“, Azila gab sich keine Mühe die Verärgerung aus ihrer Stimme herauszuhalten. „Wäre dies anders, würdet ihr die Wichtigkeit eines einzelnen Jägerschiffs nicht anzweifeln. Selbst wenn ihr nichts über die anwesenden Offiziere wisst.“

Sie machte eine kurze Pause, sah jeden einzelnen am Tisch an und blickte zum Schluss auch zu ihrem Ersten Offizier hinüber. Ramax erwiderte ihren Blick, beruhigte seinen Atemrhythmus wieder und versuchte aus dem Tunnel herauszukommen, in den ihn seine Jägerinstinkte gerade geführt hatten. Während sie ihn ansah, wurde er zusehends ruhiger und dann nickte er ihr kaum merklich zu. Er vertraute ihr und würde alles unterstützen, was sie unternahm.

„Unsere Regierungen sind sich durchaus der Wichtigkeit dieser Verhandlungen bewusst. Aber sie haben auch gewusst, dass eure Seite dies zu diesem Zeitpunkt möglichst geheim halten wollte oder ihr hättet euch nicht diesen Treffpunkt ausgesucht. Aus diesem Grund wurde von unserer Seite aus ein einzelnes Jägerschiff gesandt. Allerdings ist die ‚Semaja‘ nicht irgendein Schiff oder besser gesagt, die Kommandantin und der Erste Offizier der ‚Semaja‘ sind nicht irgendwelche Jäger.“

Das einzige Anzeichen für die Überraschung, die ihre Worte bei Ramax auslösten, war das Anspannen seiner Muskulatur und sie selbst bemerkte dies nur, weil ihre Hand immer noch auf seinem Oberschenkel lag.

Tremayne war nicht der einzige, der die Stirn runzelte. „Was wollt ihr uns damit sagen, Jägerin Azila?“

Die ganze Situation amüsierte Azila, aber zu ihrem Leidwesen würde sie das Geheimnis nun lüften müssen. Dann würde auch Ramax verstehen, dass er nicht zufällig auf die „Semaja“ abkommandiert worden war. Er würde auch verstehen, dass kein Widersacher seines Vaters dafür verantwortlich zu machen war.

„Ich will dir damit folgendes sagen, Kashtiliash Jowan Tremayne“, der Uruker wedelte mit der Hand und warf kurz ein „Jowan reicht durchaus“, ohne die Jägerin damit tatsächlich zu unterbrechen, „ich entstamme der Linie von Sediva und Jonas, und Ramax ist ein Nachfahre von Zyanok und seines Gemahls Misyn. Aber da ihr alle so gar nichts über uns wisst, sagen euch diese Namen wahrscheinlich nichts.“

Tremayne machte tatsächlich nicht den Eindruck, als ob er mit ihrer Aussage etwas anfangen konnte und Chakana ebenfalls nicht. Aber einer der anderen Terranover nickte zustimmend und dies blieb der Konsularassistentin nicht verborgen. „Leutnant Peterson, sagen Ihnen diese Namen etwas?“

Der junge dunkelhaarige und dunkelhäutige Raumfahrer nickte. „Ich kenne diese Namen, weil meine Familiengeschichte mit ihnen verbunden ist. Einer meiner Vorfahren war der Kommandant des Rettungsschiffes, das auf der Suche nach einigen verschollenen Wissenschaftlern Zhuan’jall wiederentdeckte. Aus diesem Grund habe ich mich mit den wichtigsten Personen beschäftigt, die damals in die ganzen Vorgänge verwickelt waren. Selbstverständlich waren dies in der Hauptsache Terranover, wie mein Vorfahre Samson Peterson oder Dr. Rafael Dumont, der Leiter der wissenschaftlichen Expedition. Aber ich konnte natürlich nicht umhin, auch die Namen der anderen Personen zu erfahren. Wie der von Dr. Jonas Willowby, der wohl ein Mitglied von Dumonts Expedition war und irgendwie der Ehegatte einer örtlichen Herrscherin mit dem Namen Sediva wurde, wie auch immer dies geschehen konnte. Und auch der Name Zyanok fiel in diesem Zusammenhang. Allerdings habe ich mich mit dem Teil der Geschichte, der sich auf Zhuan’jall selbst abgespielt hat, nicht eingehender beschäftigt. Der terranovische Teil war ja eindeutig der wichtigere.“

‚Was für ein arroganter Idiot‘, dachte Azila. ‚Merkt er überhaupt nicht, was er für einen Eindruck auf uns macht? Ich kann das nicht glauben! Zu gerne würde ich ihn in die Finger bekommen!‘

Ihre Erfahrung machte es ihr allerdings möglich, ihre Gedanken vor den anderen zu verbergen. „Sediva aus dem Haus Joron war zu der Zeit, als die Besatzung der ‚Umbra II‘ notlanden musste, die k’Maliqa. Als das Rettungsschiff ‚Shadowhunter‘ nach etlichen Jahren endlich mit einem Gesandten der Terranover landete, hatte sie in der Zwischenzeit Dr. Jonas Willowby oder Jonas aus dem Haus Willowby, wie er sich inzwischen nannte, zu ihrem Alzawi, ihrem Gatten, erwählt. Ich stamme in direkter Linie von diesen beiden Personen ab. Ramax Vorfahre Zyanok war zur gleichen Zeit der Zhuan’asa, der Führer der Xo, und damit ein Verbündeter der k’Maliqa und der damaligen Zhuaan’asaa der Azhuan. Viele seiner Nachkommen, also viele Vorfahren meines Ersten Offiziers, wurden ebenfalls zum Zhuan’asa der Xo gewählt. Wir sind also nicht bloß irgendwelche Jäger mit der Autorisierung unserer Regierungen.“

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Die Verhandlungen zwischen den Urukern und den Jägern – unauffällig moderiert von der kitsunischen Unterhändlerin – zogen sich über die nächsten Stunden hin und dies gab Ramax genügend Zeit, sich von der Überraschung zu erholen, die ihm die Worte seiner eigenen Kommandantin bereitet hatten. Er fand zwischendurch sogar die Zeit, darüber nachzudenken, auf welchem Weg er denn nun wirklich auf die „Semaja“ gekommen war. Nun war er sich nicht mehr sicher, dass tatsächlich ein Gegenspieler seines Vaters seine Finger im Spiel gehabt hatte, um ihn zum Ersten Offizier auf einem Jägerschiff zu machen. Wenn er sich die ganze Angelegenheit jetzt noch einmal durch den Kopf gehen ließ, dann hielt er es inzwischen durchaus für möglich, es wäre seine eigene Familie gewesen, die für seine Versetzung gesorgt hatte. Er musste zugeben, dass die Verhandlungen mit den Urukern auf jeden Fall wichtiger waren, als das Schicksal eines jungen Jägers, mochte er auch aus einer noch so bedeutenden Familie stammen. Er hatte nur das Pech gehabt, ein paar Jahre zu jung zu sein, ansonsten hätte er das Kommando übernehmen können. Nun musste er damit leben und zwar mit großer Wahrscheinlichkeit noch etliche Monate. Wenn er dazu nicht in der Lage war, musste er seinen Traum von einem eigenen Jägerschiff begraben.

Jetzt sah es allerdings danach aus, als ob diese Verhandlungsrunde abgeschlossen wäre. Beide Seiten würden mit dem erzielten Ergebnis in aller Heimlichkeit wieder nach Hause zurückkehren, nicht ohne der anderen Seite zuvor absolute Vertraulichkeit zugesichert zu haben. Trotzdem es jetzt eigentlich nichts mehr zu sagen gab, hatte er aber das Gefühl, seine Kommandantin habe noch etwas auf dem Herzen, denn sie machte keinerlei Anstalten aufzustehen. Deshalb blieb auch ihm nichts anderes übrig, als Platz zu behalten und abzuwarten.

„Wir müssen noch einmal über dieses Problem reden. Über die Tatsache, dass ihr so wenig über uns wisst“, begann die rothaarige Jägerin. Inzwischen hatten die Terranover, die Uruker und die Kitsunerin sich zumindest soweit an den Anblick einer halbnackten menschlichen Frau gewöhnt, dass sie nicht mehr dauernd woanders hinsahen oder, sobald ihr Blick auf sie fiel, sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrten. Er konnte nicht ganz nachvollziehen, warum dies so ein Problem für sie war, denn diese Männer und Frauen hatten doch in ihrem Leben bestimmt schon mal einen unbekleideten Frauenoberkörper gesehen.

„Das muss doch überhaupt kein Problem sein“, ließ sich der junge Raumfahrer vernehmen, dessen Vorfahre die „Shadowhunter“ kommandiert hatte.

„Wie kommen Sie darauf, Leutnant Peterson?“, wollte Illayuk Chakana, in nicht gerade freundlichem Tonfall, wissen.

„Wenn wir einfach nur einen Personalaustausch arrangieren würden, Konsularassistentin, hätten wir damit eine Gelegenheit, unser Wissen über befreundete Flotten, ihre Besatzungen und deren kulturellem Hintergrund zu erweitern.“

Ramax hatte den Eindruck, der junge Terranover sähe in der ganzen Angelegenheit tatsächlich keinerlei Schwierigkeiten.

Chakana schüttelte den Kopf. „So einfach ist das nicht, Leutnant. Wir können nicht auf gut Glück unsere Leute auf Jägerschiffe schicken oder Jäger auf unsere Schiffe lassen.“ Sie war ganz offensichtlich nicht gewillt, die Idee des Raumfahrers weiterzuverfolgen.

Die Worte des jungen Mannes hatten bei Ramax einen Gedanken ausgelöst. Den ganzen Nachmittag über, hatte er mehr oder weniger nichts anderes getan, als seiner Kommandantin und den Terranovern bei den Verhandlungen zuzuhören, weil er nicht über ausreichend Informationen verfügte, um sich einzubringen. Aber hierzu konnte er sich durchaus äußern. Und er wollte sich auch äußern, denn die Arroganz des Leutnants ärgerte ihn immens.

„Ich habe eine Frage, Leutnant Peterson“, fing er vorsichtig an.

Peterson machte eine auffordernde Handbewegung und vermittelte den Eindruck, er würde mit einem Untergebenen sprechen.

„Du bist offenbar der Meinung, dieser Austausch ließe sich ganz einfach arrangieren und es gäbe keine Probleme für das involvierte Personal. Habe ich das richtig verstanden?“

Der junge Terranover nickte enthusiastisch. „Warum sollten dabei Probleme auftreten?“

Ramax lächelte, allerdings mit geschlossenen Lippen, und wandte sich dann an Illayuk Chakana. „Konsularassistentin, du bist hingegen der Meinung, man könne eurem und unserem Flottenpersonal einen derartigen Austausch zurzeit nicht zumuten. Habe ich das ebenfalls richtig verstanden?“

Die ältere Terranoverin nickte, enthielt sich aber eines Kommentars. Sie wollte offensichtlich abwarten, wohin seine Worte führen würden.

Der Jäger richtete sich auf und schüttelte seine Mähne. Er hielt seine Augen auf den Leutnant gerichtet, aber sein peripherer Blick zeigte ihm das leichte Lächeln auf den Lippen seiner Kommandantin. Er selbst musste sich zusammenreißen, um nicht seine Zähne zu zeigen.

„Glaubst du, Leutnant Peterson, dass du ohne Probleme auf einem Jägerschiff Dienst tun könntest?“, wandte er sich wieder an den jungen Mann.

Offenbar war dies genau die Frage, auf die der terranovische Raumfahrer gewartet hatte. „Davon bin ich fest überzeugt. Ich bin schließlich ein gut ausgebildeter Angehöriger der terranovischen Raumflotte und habe keinerlei Probleme damit, mich auch schwierigen Situationen anzupassen.“ Dem jungen Mann war offenbar überhaupt nicht bewusst, wie viel von seiner Arroganz er den Anwesenden gerade gezeigt hatte.

Der Jäger mit dem gefleckten Fell konnte den Tunnelblick, der ihm nur noch die potentielle Beute zeigte, nicht mehr völlig unterdrücken. Und am Druck der, wieder auf seinem Oberschenkel liegenden, Hand seiner Kommandantin, erkannte er, dass sie genau wusste, worauf er hinauswollte. Sollte sie damit nicht einverstanden sein, dann würde sie jetzt etwas sagen, deshalb wartete er noch einen kurzen Augenblick. Aber sie blieb stumm.

„Warum erlaubst du diesem jungen Mann nicht, uns Jägern zu zeigen, wie gut eure Flottenangehörigen ausgebildet werden, Konsularassistentin Chakana? Meine Kommandantin und ich würden Leutnant Peterson gerne bei uns an Bord willkommen heißen. Heute noch und nicht etwa als Gast, sondern als vollwertiges Mitglied unserer Besatzung, mit allen Rechten und Pflichten. Wir würden einen verantwortungsvollen Posten für ihn frei machen und der jetzige Posteninhaber würde sich auf eine erklärende Funktion zurückziehen.“ Inzwischen war er nicht zu mehr in der Lage, als den jungen Mann wahrzunehmen. Er versuchte die äußeren Anzeichen für seine Jagdlust zu unterdrücken, aber er wusste, dass seine Mähne sich schon wieder aufgerichtet hatte. Dagegen konnte er einfach nichts ausrichten.

Die Augen des jungen Mannes hatten angefangen zu leuchten und er wandte sich nun an die Leiterin der terranovischen Delegation. „Ich bitte um die Erlaubnis, an Bord des Jägerschiffes ‚Semaja‘ gehen zu dürfen. Bitte stellen Sie mich von meinen jetzigen Aufgaben frei.“

Ramax konnte seinen Blick nur mit Mühe auf die Terranoverin richten und stellte dann fest, dass Illayuk Chakana nicht begeistert wirkte, aber auf ihrem Gesicht zeigte sich auch noch etwas anderes, das der Azhuan nicht genau identifizieren konnte. Es sah allerdings fast wie Genugtuung aus. Aber worüber?

„Wenn ich Ihnen diese Erlaubnis erteilen würde, Leutnant, dann nur unter der Voraussetzung, dass sie tatsächlich als ein Besatzungsmitglied, mit den gleichen Rechten und Pflichten wie die anderen Besatzungsmitglieder, an Bord des Jägerschiffes gehen würden. Egal, auf welchem Posten man Sie einsetzen wird.“

Bevor Peterson etwas darauf antworten konnte, ließ sich Jägerin Azila vernehmen. „Ich versichere dir, dass wir ihn auf dem Posten eines Offiziers einsetzen werden. Gesetz den Fall, er erklärt sich damit einverstanden, nein, er gelobt, sich an alle unsere Vorschriften zu halten und alle rechtmäßigen Befehle zu befolgen.“ Der Azhuan merkte, wie sich seine Atmung beschleunigte und hoffte, der junge arrogante Terranover bekäme davon nichts mit. Aber er glaubte nicht, dass er sich in dieser Hinsicht Sorgen machen musste.

„Ich habe kein Problem dies zu geloben, Jägerin Azila.“ Die Falle schnappte hinter dem unbedarften Opfer zu. Und über Chakanas Gesicht huschte ein wissendes Lächeln. In dem Moment verstand der junge Jäger, dass die Leiterin der terranovischen Delegation mehr von den Bräuchen der Azhuan und Nisu wusste, als sie hatte zugeben wollen. Und er verstand auch, dass ein gewisser junger Leutnant ganz offensichtlich nicht nur ihn und seine Vorgesetzte mit seiner Arroganz verärgert hatte.

„Dann habe ich kein Problem damit, meine Erlaubnis zu erteilen. Wie sieht es aus, Jägerin Azila? Kann ich euch Leutnant Peterson in zwei Stunden übergeben? Länger kann ich diesen eifrigen jungen Offizier wahrscheinlich nicht zurückhalten.“ Chakanas Lächeln würde jedem Jäger gut zu Gesicht stehen.

Aber Azilas Lächeln stand ihrem in nichts nach. „Zwei Stunden stellen kein Problem für uns dar. Wir erwarten Leutnant Peterson dann pünktlich an Bord. Allerdings müssen mein Erster Offizier und ich uns deshalb jetzt empfehlen. Meiner Meinung nach, ist auch alles Erforderliche gesagt worden. Ich werde das Ergebnis dieser Verhandlungen den Regierungen meines Heimatplaneten übermitteln.“ Sie stand auf, verbeugte sich kurz vor Illayuk Chakana und drehte sich zur Tür um. Ramax tat es ihr gleich und verließ zwei Schritte hinter ihr den Raum.

Wird fortgesetzt in "Ein Tag bei der Flotte (Der Menschenraum) - Teil 2"
 
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