Ephemeroptera

Ephemeroptera (Der Menschenraum)

Jadesplitter und Perlenschein hatten sich, in den letzten paar Stunden, ausgiebig miteinander beschäftigt und sich in dieser Zeit mehrmals miteinander gepaart, und es hatte ganz den Anschein gehabt, als ob die beiden auch noch mehr Zeit miteinander verbringen würden. Sie hatten darüber nachgedacht, noch ein angenehmes Gespräch zu führen oder sich sogar zu einem gemeinsamen Mahl zusammenzusetzen, bevor sich ihre Wege wieder trennen würden. Aber sie hatten auch nicht ausgeschlossen, die ganze Nacht miteinander zu verbringen, schließlich hatte es keiner von ihnen in irgendeiner Weise eilig. Alles, was sie sich vornahmen, alles, was ihnen Freude bereitete, würden sie in aller Ruhe angehen können, denn niemand würde sie drängen, sie selbst eingeschlossen. Sollten sie das Bedürfnis haben, sich auszuruhen, hatten sie alle Zeit dazu, stand ihnen eher der Sinn nach Essen, dann hätten sie dazu ebenfalls jede Gelegenheit und falls sie sich erneut paaren wollten, dann würde niemand sie davon abhalten. Sobald sie sich dazu entscheiden würden, doch getrennter Wege zu gehen, würden sie sich höflich voneinander verabschieden – wie es bei ihnen üblich war - und sich trennen. So war es immer schon gewesen und so würde es auch in Zukunft immer sein.

Als Jadesplitter sich jedoch kurz in Richtung Stadt umdrehte und danach wieder Perlenschein zuwandte, da musste sier entdecken, dass dier andere sich bereits einige Meter von ihrm entfernt hatte und sich schnellen Schrittes in Richtung der Höhlen bewegte, und Jadesplitter verstand in diesem Moment, dass sier Perlenschein das letzte Mal zu Gesicht bekommen hatte. Der Gedanke beunruhigte sier allerdings nicht im Geringsten, denn schließlich war dies der Lauf der Natur. Anstatt Perlenschein weiter hinterher zu blicken und siehn auf seihrem letzten Weg zu beobachten, wandte Jadesplitter sich in Richtung Stadt und machte sich nun ebenfalls auf den Weg. Nachdem sier vielleicht hundert Meter zurückgelegt hatte, war Perlenschein bereits weitgehend aus seihrem Gedächtnis verschwunden, wenn sier sich auch immer mit Wohlgefallen an die Paarungen mit ihrm erinnern würde, aber ihrm war – zumindest auf einer unbewussten Ebene – klar, wer in die Höhlen ging, kehrte nie mehr zurück und war daher nicht mehr von Interesse. Niemand dachte über Personen nach, die kein möglicher Paarungspartner mehr sein konnten.

Bereits nach relativ kurzer Zeit erreichte Jadesplitter den Rand der Stadt. Sier begegnete niemandem, wunderte sich aber nicht darüber. Wer irgendwo ein gemütliches Plätzchen gefunden hatte, neigte nicht zu Wanderungen. Während sier durch die Straßen schlenderte, stellte sich Hunger bei ihrm ein und sier steuerte auf das nächstgelegene Gebäude zu. Dabei hatte sier allerdings keinen Blick für die Schönheit der Stadt übrig, sier achtete nicht im Geringsten auf die elegant geschwungenen und in allen Farben schillernden Häuser oder die filigranen Brücken, die die Gebäude auf den verschiedensten Ebenen miteinander verbanden. All dies war völlig selbstverständlich für sier, da sier es nicht anders kannte. Es war ihrm ganzes Leben nicht anders gewesen. Schönheit umgab sier auf allen Seiten und wenn ihrm danach war, wenn ihrm etwas nicht mehr gefiel, dann gestaltete sier es um. Wenn sier nicht mit jemandem zusammen war und sich paarte, wenn sier nicht schlief oder aß oder Musik hörte, dann malte sier und seihre Leinwand waren die Wände der Häuser oder die Oberfläche der Straße oder andere Dinge, die sier in die Finger bekam und bemalen konnte. Manchmal bemalte sier auch lange Stoffbahnen und ließ diese in Häusern oder auf der Straße liegen, und jemand anderes nahm das dann an sich und machte Kleidung daraus.

So lief das Leben in der Stadt ab, so war es immer schon abgelaufen und so würde es auch in Zukunft ablaufen. In den anderen Städten sah das auch nicht anders aus. Daran änderte sich nie etwas und niemanden verlangte es nach Veränderungen. Und sollte es seihr hier wirklich einmal zu langweilig

werden, dann würde sier zu einer der anderen Städte reisen. Vielleicht würde siehr sich jemanden suchen, dier sier begleitete und sie würden sich auf jeden Fall Zeit lassen, auf ihrer Reise. Tagsüber würden sie durch die wunderschöne und gepflegte Landschaft wandern, und nachts unter dem Sternenhimmel liegen und das himmlische Schauspiel über ihren Köpfen bewundern. Es war aber auch möglich, dass sie stattdessen nachts unterwegs waren und ihre eigenen, vom Licht der Monde geworfene, Schatten jagten und sich tagsüber im hohen Gras vergnügten. Jadesplitter war bereits mehrmals zwischen den verschiedenen Städten hin und her gewandert, aber sier hatte dabei nie Eile verspürt. Niemals. Sier hatte nur immer darauf geachtet, nie zu lange alleine zu bleiben, weil ihrm das nicht behagte. Ihrm war auch niemand bekannt, dier gerne alleine blieb. Alle sahen immer zu, sich mit anderen zu treffen oder sich gemeinsam auf den Weg zu machen, wenn sie unterwegs waren. Schließlich verschaffte ihnen das die Gelegenheit, sich öfter zu paaren. Sier hatte kein Problem damit, zuzugeben, dass die Paarung ihrme Hauptbeschäftigung war. Warum sollte sier dies auch nicht zugeben? Alle Personen fanden ihr Vergnügen daran und dies war die Triebfeder ihres Lebens. Warum sollte sier sich also Gedanken darüber machen? Oder über irgendetwas anderes. Sollte sier Hunger bekommen, dann konnte sier sicher sein, dass sier etwas zu essen fand. Egal wo sier sich befand. Und wenn sier fror, dann fand sier Schutz. Oder etwas Wärmendes. Egal ob in den Städten oder auf Reisen. Sier fand Kleidung oder Musik oder Materialien, um sich zu beschäftigen. Immer wurde für alles gesorgt. Zu jeder Zeit und an jedem Ort.

Und wenn sier irgendwann einmal keinen Gefallen mehr an all dem haben würde, dann wusste sier, dass es Zeit war, sich zu den Höhlen zu begeben.

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Am heutigen Tag hatten Roter Lehm und Schwarzer Ton die ehrenvolle Aufgabe übertragen bekommen, die Höhlen in der Umgebung von „Dunkler Ort, der sich tief in die Erde erstreckt“ zu kontrollieren. Die beiden waren deswegen bereits am frühen Morgen aufgebrochen, mit einem der kleinen elektrisch angetriebenen Wagen, mit dem sie ohne Probleme auch die schmalen gewundenen Tunnel außerhalb der Stadt passieren konnten. Jedes Mal, wenn Roter Lehm diese Aufgabe übernahm, wünschte es sich natürlich Erfolg und das war dieses Mal nicht anders. Aber es musste auch immer damit rechnen, nichts finden zu können. Wenn es ganz ehrlich zu sich selbst war, dann musste es akzeptieren, dass mit leeren Händen zurückzukehren, nicht nur möglich war, sondern eher wahrscheinlich. Allerdings hoffte Roter Lehm sehr stark darauf, dass das Glück ihm heute hold sein würde, vor allem wegen Schwarzer Ton, das länger als es selbst kein Glück mehr gehabt hatte. Es hatte beobachten müssen, wie Schwarzer Ton in den letzten Wochen immer schwermütiger wurde und Roter Ton fürchtete um seinen langjährigen Freund. Schwermut konnte einen Erdenen genauso sicher töten, wie ein Erdrutsch. Und leider war es so, dass man sich gegen einen Erdrutsch besser absichern und schützen konnte, als gegen Schwermut. Roter Lehm wollte seinen Freund auf keinen Fall verlieren und vor allem wollte es ihn nicht auf diese Art und Weise verlieren. Aus diesem Grund musste ihre heutige Suche einfach erfolgreich sein.

Aber sie waren jetzt bereits einen halben Tag unterwegs und hatten bisher nichts anderes als leere Höhlen vorgefunden. Inzwischen schien es selbst Roter Lehm so, als hätte sich das Glück doch von ihnen abgewandt. Es sprach diese Befürchtung aber nicht laut aus, sondern verschloss sie stattdessen sorgsam in seinem Herzen, um seinen Freund nicht damit zu belasten. „Was hältst du davon, wenn wir noch eine Höhle inspizieren und danach eine Pause machen, mein Freund?“, fragte es bei Schwarzer Ton nach und sein Freund nickte, wenn es auch mit wenig Begeisterung zustimmte. Aber es war schon mit wenig Begeisterung am heutigen Morgen aufgebrochen, also störte sich Roter Lehm nicht weiter daran. Zumindest nicht allzu sehr und vor allem nicht zu diesem Zeitpunkt. Es wollte sich jetzt einfach keine Sorgen machen, da es nicht wusste, ob es dies vor seinem Freund erfolgreich verbergen konnte.

Sie ließen den Wagen im Gang stehen – außer ihnen war an diesem Tag niemand in dieser Gegend unterwegs – und betraten vorsichtig und ehrfurchtsvoll die Höhle. Sie mussten erst einmal einen Augenblick lang im Dunkeln stehenbleiben, und versuchten dabei, die Atmosphäre dieses Ortes in sich aufzunehmen, bevor sie ihre tragbaren Lampen einschalteten. Die meisten Höhlen waren niedrig, verwinkelt und dunkel, mit engen gewundenen Gängen, die nach draußen an die Oberfläche führten und einem Eingang, der gerade hoch genug war, dass die Erdenen - die nicht sehr groß waren, dafür aber umso kräftiger gebaut - hindurch schlüpfen konnten. In ihrem normalen Leben liebten die Erdenen die Dunkelheit in ihren unterirdischen Behausungen, aber wenn sie diese Höhlen absuchten, leuchteten sie in jede Ecke, in jeden Spalt und in jeden Winkel. Sie wussten nie, an welcher Stelle sie auf ein Juwel stoßen konnten. Unerfahrene Sucher liefen sogar Gefahr, dass ihnen auch schon mal eines entging. Aber Roter Lehm war nicht unerfahren und sein Freund ebenfalls nicht. Die Blöße, etwas zu übersehen, wollten sie sich auf keinen Fall geben. Dies wäre nicht nur ein schlechtes Omen für die ganze Stadt, sondern würde auch Schwarzer Ton weiteren Schaden zufügen. Deshalb hatte Roter Lehm sich bereits am Morgen, bevor es aufbrach, vorgenommen, heute besonders sorgfältig vorzugehen.

„Dort!“, rief sein Freund auf einmal aus und riss Roter Lehm aus seinen Gedanken. Erregung schwang in seiner Stimme mit, aber in erster Linie war Freude zu hören. Roter Lehm leuchtete sofort in die angezeigte Richtung und spürte dann, wie es selbst von der Aufregung gepackt wurde. Dort lag etwas und wenn es sich nicht täuschte, dann war dies tatsächlich ein Juwel. Endlich. Erleichtert atmete es aus. Und hoffte im gleichen Moment, sein Freund hätte dies nicht mitbekommen.

„Ich hole das Schlepptuch“, teilte es dem anderen mit, schließlich hatte Schwarzer Ton das Juwel gefunden. Aus diesem Grund ging es selbst gerne den Weg zurück, denn es freute sich sehr für seinen Freund, dessen Stimme schon viel von der, vorher unschwer darin zu erkennenden, Schwermut verloren hatte.

Die Strecke, die es zurücklegen musste, war auch nicht wirklich lang, da diese Höhle – wie die meisten Höhlen in der Umgebung der Stadt– nicht sonderlich groß war und deshalb brauchte es auch nicht sehr lange, bis es wieder bei Schwarzer Ton und seinem Fund ankam. Sein Freund hatte in der Zwischenzeit seine Lampe auf dem Boden abgestellt, um damit alles auszuleuchten, trotzdem aber seine Hände freizuhaben und Roter Lehm erkannte auf Anhieb, dass das Juwel direkt an der Höhlenwand lag, zu einer Kugel zusammengerollt – wie es ihre Art war – allerdings war es viel größer, als es sie in Erinnerung hatte. Entweder konnte es sich nicht besonders gut erinnern oder sie hatten tatsächlich ein ziemlich altes Juwel gefunden. Sollte dies der Fall sein, dann sollte es dem Glück auf jeden Fall ausgiebig danken.

„Hast du gesehen, wie groß es ist?“, machte sein Freund ihn darauf aufmerksam, sobald es wieder neben ihm stand. Also hatte es sich die Größe nicht eingebildet. Am liebsten hätte es einen Freudensprung gemacht, aber dies gehörte sich nicht.

„Ich hoffe, du hast gut gefrühstückt“, scherzte es und Schwarzer Ton schnaubte. Sie würden Mühe haben, das Juwel auf den Wagen zu bekommen, aber natürlich würden sie sich davon nicht abhalten lassen. Nachdem sie das Tuch auf dem Boden ausgebreitet hatten, begannen sie vorsichtig, das Juwel von der Wand weg zu bewegen. ‚Wie praktisch, dass sie sich immer so zusammenrollen‘, dachte Roter Lehm nicht zum ersten Mal.

Am Ende bereitete ihnen der Transport dann doch ziemlich große Mühe und sie schafften es nur unter großen Anstrengungen, aber selbstverständlich würden sie niemals aufgeben. An so etwas würde keiner von ihnen jemals denken und so konnten sie sich dann auch endlich überglücklich auf den Rückweg in die Stadt machen. Es ging nur langsam voran, denn der Wagen verfügte nur über einen schwachen Elektromotor und sie mussten kräftig ziehen und schieben, um in den engen Tunneln vorwärtszukommen. Die Freude über ihren Fund beflügelte sie aber und sie bemerkten nicht einmal, wie lange sie für die Strecke brauchten. Es war nicht wichtig für sie.

Um die Brutstätte zu erreichen, mussten sie allerdings zuerst die Stadt durchqueren. Zum Glück waren die Wege hier sehr viel breiter und wurden immer gut in Ordnung gehalten, außerdem waren auch nicht sehr viele Personen auf ihnen unterwegs, deshalb fiel es ihnen hier viel leichter, den Wagen vorwärtszubewegen. Der Motor schaffte es schließlich, das Gefährt fast alleine zu bewegen und Roter Lehm und Schwarzer Ton bekamen endlich Gelegenheit, sich etwas von der Plackerei zu erholen. Die wenigen Personen, die sie erblickten, blieben direkt stehen, als sie ihrer ansichtig wurden, aber ihnen war bereits im Vorfeld klar gewesen, dass sie einiges an Aufsehen erregen würden. Aber niemand folgte ihnen, niemand sprach sie an und niemand kam näher, um sich ihren Fund genauer anzusehen. Dies wäre ungehörig gewesen und kein Erdener würde sich in dieser Situation so verhalten.

Als sie endlich an der Brutstätte ankamen, mussten sie jedoch feststellen, dass ihnen die frohe Kunde bereits – diskret - vorausgeeilt war und deshalb wunderten die beiden sich auch nicht darüber, dass Rötliches Erz in Person auf sie und ihren Fund wartete. Das andere konnte seine Aufregung kaum hinter seinem professionellen Verhalten verbergen und öffnete ihnen persönlich alle Türen. Es ging ihnen den gesamten Weg voran, bis sie gemeinsam an einem der kleinen dunklen Räume ankamen, die einer Höhle nachempfunden worden waren. Das Juwel aus dem Wagen zu heben und dafür zu sorgen, dass es auf dem konkav geformten Podest zur Ruhe kam, war nicht nur deswegen einfacher, weil die Öffnung groß genug für ihr Gefährt war, sondern auch, weil sie nun zu dritt diese Arbeit erledigen konnten. Zufrieden blickten sie schließlich auf den Fund, der hier die nächsten Monate verbringen würde.

Rötliches Erz betrachtete mit großer Ehrfurcht das zusammengerollte Juwel. „Dies ist ein wahrlich alter Fund“, bemerkte es mit leiser Stimme.

„Das Glück war uns hold“, antwortete Roter Lehm ihm und es nickte zustimmend.

„Was meinst du, wie viele befruchtete Eier es enthält?“, wollte Schwarzer Ton wissen. Eine Frage, deren Antwort Roter Lehm ebenfalls interessierte. Schließlich war dies eine lebenswichtige Angelegenheit für die Erdenen und etwas, das alle anging und seien sie auch noch so ehrfurchtsvoll mit dem Fund umgegangen.

„Bei dieser Größe würde ich auf ungefähr zweihundert tippen.“ Man konnte Rötliches Erz anhören, wie beeindruckt es war und den anderen beiden ging es nicht anders. Leise machten sie sich daran, den Wagen aus dem Brutraum zu entfernen, um ja nicht weitere Störungen zu verursachen. Zweihundert neue Leben waren für Roter Lehm und Schwarzer Ton eine fast nicht vorstellbare Anzahl. Normalerweise trug ein Juwel nur um die fünfzig bis achtzig mit sich herum, aber dieses hier musste tatsächlich sehr lange gelebt haben.

An der Tür verbeugten die beiden sich noch einmal, bevor sie sich wieder auf den Weg machten. Sie hatten an diesem Tag noch einige weitere Höhlen zu kontrollieren.

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Jadesplitter schlief tief und fest, als unbekannter Donner durch die Stadt dröhnte. Die Gebäude wurden derart stark erschüttert, dass sier tatsächlich aus dem Bett geworfen wurde. Voller Verwunderung rappelte sier sich wieder vom Boden auf und lief hinaus auf die Straße. Nach und nach verließen immer mehr Personen die Häuser und starrten in die Richtung, aus der der Lärm gekommen war, aber hinter den Bäumen war nichts zu erkennen. Dies stellte ein derart ungewöhnliches Ereignis dar, dass tatsächlich jeder in der Nachbarschaft sich dafür interessierte. Soweit Jadesplitter sich erinnern konnte, war so etwas noch nie geschehen, aber offensichtlich wollten alle erfahren, was passiert war. Die ganze Stadt war in helle Aufregung versetzt worden und so machte sich bereits nach kurzer Zeit eine größere Gruppe voller Neugier auf den Weg, um die Ursache für all dies herauszufinden.

Aber keine Gruppe blieb jemals für längere Zeit so groß wie zu Beginn. Einige Personen verloren schnell das ursprüngliche Interesse und beschäftigten sich lieber mit anderen Dingen, in erster Linie natürlich mit Paarungen. Auch wenn der Grund für die gemeinsame Suche in diesem Fall äußerst ungewöhnlich war und sehr interessant zu sein schien, änderte dies nichts daran, dass die meisten sich nicht sehr lange auf die gleiche Sache konzentrierten konnten. Nach und nach wandten sich einzelne Personen oder Paare, manchmal auch kleine Gruppen, ab und verschwanden. Am Ende blieb Jadesplitter alleine übrig, aber sier bemerkte dies zuerst überhaupt nicht oder sier wäre ebenfalls umgekehrt. Aber nachdem sier bereits so weit gekommen war, trieb die Neugier siehr weiter und erst als sier eine große Lichtung erreichte, fiel ihrm auf, dass sier allein war. Beinahe wäre sier voller Angst geflohen – sier hatte sich schon halb wieder umgedreht – als sier endlich die Ursache für den ungewohnten Lärm entdeckte. Und dabei entdeckte sier auch die Fremden.

Jadesplitter war immer schon um einiges neugieriger gewesen als andere Juwelen – zumindest wurde ihrm das immer wieder nachgesagt - und Angst kannte sier sowieso nicht. Sier hatte nie Grund gehabt, sich zu fürchten, denn sier war nie etwas oder jemanden begegnet, der ihrm Grund dafür gegeben hätte. Deshalb betrat sier furchtlos die Lichtung und näherte sich den Fremden.

Ihrm Erscheinen sorgte für reichlich Aufregung unter den Wesen. Sie kamen in großer Zahl aus etwas herausgeströmt, das Jadesplitter für ein großes Fahrzeug hielt. Sier war erstaunt darüber, es als ein Fahrzeug identifizieren zu können, sier hatte nicht gewusst, dass sier über ein solches Wissen verfügte. Allerdings war dies nicht das erste Mal, dass ihrm Wissen in dem Moment zur Verfügung stand, in dem sier es benötigte. Offenbar hatte sier diese Dinge irgendwann einmal gelernt. Da war es sehr viel verwunderlicher, dass sier so überhaupt kein Wissen über die Fremden besaß.

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Aliyah Martin befehligte seit mehr als fünfzehn Jahren Erkundungsschiffe – dieses hier seit ungefähr sieben Jahren – aber sie flog bereits seit mehr als dreißig Jahren Erkundungsmissionen. Dies war eine Arbeit, die ihr sehr gut gefiel und die auch ihre eigene, besondere, Befriedigung mit sich brachte, aber leider konnte sie dabei kein Vermögen anhäufen. Und der Mannschaft ihres Schiffes erging es in dieser Hinsicht nicht anders. Natürlich waren ihre Vorgesetzten der Auffassung, die Art ihrer Arbeit und die Ergebnisse, die sie zurückbrachten, wären an sich schon Belohnung genug – wahrscheinlich hätten sie es am liebsten gesehen, wenn sie die Leute ohne jegliches Gehalt beschäftigten könnten, aber so blöd war dann doch niemand – und diese Reden hatten bei ihr immer einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Dabei überkam sie jedes Mal das Gefühl, man wolle ihr ein schlechtes Gewissen einreden, weil sie es tatsächlich wagte, Geld für ihre Arbeit zu verlangen. Dazu kam noch, dass sie sehr schnell hatte feststellen müssen, welchen gehobenen Lebensstandard besagte Vorgesetzte pflegten. Dies passte ihrer Meinung nach überhaupt nicht zusammen. Aber leider hatte sie in all den Jahren, die sie schon für die Organisation arbeitete, nie einen Weg gefunden, etwas an ihrer eigenen Situation zu ändern. Um in die oberen Ränge aufzusteigen, um dorthin zu gelangen, wo sich die Personen befanden, die ihr die Befehle erteilten, fehlten ihr die Beziehungen. Sie stammte weder aus der richtigen Familie, noch besaß sie die entsprechenden Freunde. So blieb ihr nichts anderes übrig, als weiterzuarbeiten und ihre Anflüge von Neid zu unterdrücken. Und dabei die Augen aufzuhalten.

Niemanden durfte es deshalb verwundern, dass sie keine Gewissensbisse dabei verspürte, die Erkenntnisse ihrer letzten Reise nicht ins Hauptquartier zurückzubringen. Sie wusste ganz genau, wohin sie sich begeben musste, um endlich auch einmal auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen. Und sie wusste ebenfalls ganz genau, dass ihre Mannschaft in dieser Hinsicht bedingungslos hinter ihr stand, weil sie alle, auch einmal, etwas für sich selbst tun wollten. Und in diesem Fall konnten sie sich ziemlich sicher sein, nie wieder für ihren Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Womit sie recht behalten sollten.

Aber ihre Passagiere hatten auch nichts dagegen einzuwenden, dass das Erkundungsschiff sie nicht an einen Ort brachte, wo sie, bestenfalls, von einer Menge alter – aber wissbegieriger und wahrscheinlich auch skrupelloser - Wissenschaftler untersucht würden, bis man alle ihre Geheimnisse aufgespürt und entschlüsselt hatte. Stattdessen würden sie sich auf einem Planeten wiederfinden, der sich voll und ganz dem Vergnügen verschrieben hatte. Die beiden Fremdwesen, die gemeinsam mit ihnen die Rückreise angetreten hatten, würden sich dort sicherlich wohlfühlen, denn sie schienen sich auch völlig dem Vergnügen verschrieben zu haben. Die Besatzung – und auch sie selbst – hatten das die gesamte Reise über ohne Probleme feststellen können.

Jadesplitter und Muschelglanz, die beiden, die sie von „Wells“ – wie der neuentdeckte Planet getauft worden war – mitgenommen hatten, waren die reinste Offenbarung. Intelligent, gutaussehend, anpassungsfähig, gesellig und ohne Furcht, hatten sie die Rückreise zu einem wahren Vergnügen gemacht. Einem anhaltenden Vergnügen.

Als Jadesplitter auf der Lichtung erschienen war und auf das Schiff zumarschierte, hatten alle einen gehörigen Schrecken bekommen. Sie waren zwar nicht davon ausgegangen, ihre Ankunft könne unbemerkt geblieben sein, aber sie hatten durchaus gehofft, ihnen bliebe genügend Zeit zu verschwinden, bevor die Einheimischen – die nach ihren Beobachtungen nicht über irgendeine Art der Luftfahrt, geschweige denn der Raumfahrt, verfügten, und auch nicht über bodengebundene Fahrzeuge – sich auf den Weg zu ihrem Landeplatz machten. Wie bei jeder Landung auf einem Planeten mit intelligentem Leben, hatten sie geplant gehabt, wieder verschwunden zu sein, bevor man sie entdeckte. Aber dieses Mal war ihnen das nicht gelungen und nun mussten sie damit klarkommen, gegen die Vorschriften der Organisation und vor allem gegen die Gesetze ihres Planeten, Erstkontakte betreffend, verstoßen zu haben. Sie waren nachlässig geworden, weil ihre Vorgehensweise auf anderen Planeten immer hervorragend funktioniert hatte und deshalb waren sie einfach davon ausgegangen, auch hier würde es nicht anders sein.

Allerdings war das alles nicht mehr von Belang. Nachdem sie sowieso schon gegen die Regeln verstoßen hatten – und dies auf eklatante Weise – konnten sie die ganze Angelegenheit nicht noch schlimmer machen. Aus diesem Grund beendeten sie ihre Arbeit nun auf diese Weise. Aber trotzdem hatten sie einige Vorbereitungen zu treffen, daher sorgten sie als erstes dafür, sich mit den Fremden verständigen zu können und dafür legten sie das weibliche Wesen unter den Hypnoschuler. Damit waren sie in der Lage, direkt zwei ihrer Anliegen miteinander zu verbinden, sofern alles gutging. Sollten sie es schaffen, der Fremden auf diese Weise ihre Sprache beizubringen, dann würden sie sich nicht nur mit ihr – und später dann auch mit ihrem Begleiter – verständigen können, sie hätten auch nachgewiesen, es mit vernunftbegabten, intelligenten Wesen zu tun zu haben, da der Schuler bei Tieren nicht funktionierte. Aber obwohl sie sich zuvor gegenseitig zugesichert hatten, es könnten keine Probleme auftreten, waren sie immens erleichtert, als Jadesplitter sich nach der Schulungssitzung erhob und die ersten Worte in Martins Sprache äußerte. Bei Muschelglanz konnten sie das Gerät dann ohne jegliche Bedenken anwenden, um sich ebenfalls mit ihm verständigen zu können.

Zur Überraschung der Menschen hatten die beiden, von Beginn an, kein Interesse daran gezeigt, in die Städte zurückzukehren, aus denen sie gekommen waren. Sie beantworteten, ohne zu zögern, alle Fragen, waren aber viel mehr an der Besatzung interessiert, als daran, zu ihresgleichen zurückzukehren und als der Zeitpunkt der Rückreise herankam, war allen bereits klar, dass die beiden sie auf ihrer weiteren Reise begleiten würden. Es war dieser Moment, in dem Aliyah Martin die Idee kam, welchen Planeten sie zum Ziel ihrer Reise machen sollte. Ihr war auf einmal aufgegangen, dass es dafür genau genommen nur eine Möglichkeit für das Schiff gab.

Im Laufe dieser Reise wurde ihr dann mehr und mehr bewusst, dass sie dieses Mal tatsächlich den Schatz am Ende des Regenbogens gefunden hatten. Jadesplitter – deren hellgrüne Haut ein interessantes Muster dunkelgrüner länglicher Flecken aufwies und deren Haare aussahen, als wären sie feingesponnene dunkelgrün-glänzende Jade – sah jeden Tag mehr wie der fleischgewordene Traum der männlichen Besatzungsmitglieder aus. Es war nicht von der Hand zu weisen, dass sie sich den Wünschen der Männer möglichst genau anzupassen versuchte. Aber der weibliche Teil der Besatzung konnte sich ebenfalls nicht beschweren, denn Muschelglanz – dessen Haut tatsächlich wie Perlmutt schimmerte – veränderte sich auch jeden Tag und ohne Zweifel nach den Vorstellungen der Frauen. Beide hatten einen ausgeprägten – man konnte sogar sagen, einen unersättlichen - Sexualtrieb und offensichtlich kein Problem damit, diesen mit den Menschen auszuleben. Weder gab es irgendwelche Schwierigkeiten in körperlicher Hinsicht, noch in geistiger oder kultureller.

Martin wunderte sich zwar darüber, dass die beiden kein einziges Mal miteinander ins Bett gingen, aber es war ja durchaus möglich, dass sie sich nicht ausstehen konnten. Die Mannschaft störte sich nicht daran, und ihre Kommandantin dachte nach einiger Zeit auch nicht mehr darüber nach. Die Anwesenheit der beiden Eloi – wie man ihre Spezies getauft hatte – wurde für die Besatzung des Erkundungsschiffes eine ganz normale Sache. Der leichte Duft nach Orangen und Zitronen, der die beiden immer umgab – sie hatten eine sehr große Vorliebe für Zitrusfrüchte entwickelt – wurde an Bord des Schiffes zu einem Vorboten unvorstellbaren Vergnügens.

Nur die vermutete Größe des Finderlohns, konnte den Abschied von den beiden etwas erträglich gestalten.

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Nachtschatten war, über die Grenzen des eigenen Quadranten hinaus, als der Planet bekannt, der Vergnügungen für jeden Geldbeutel und für jeden Geschmack anbot. Was immer man sich wünschte, Nachtschatten lieferte es. Was immer man sich vorstellen konnte, Nachtschatten machte es möglich. Dabei gab es sowohl Angebote für kleines Geld, als auch welche für riesige Vermögen. Jede Spezies und jedes Geschlecht wurde auf diesem Planeten willkommen geheißen und bedient.

Wenn jemand nach Nachtschatten kam und viel Geld auszugeben wünschte, aber nichts von Glücksspiel und Wetten hielt, wenn jemand sich lieber vergnügen und verwöhnen lassen wollte, dann war die- oder derjenige bei den Eloi-Kurtisanen auf jeden Fall richtig. Und unter diesen gab es in diesen Tagen zwei, die die höchsten Preise verlangen konnten – und deren Kunden zahlten diese auch ohne zu zögern - und sie trugen die Namen Diamantenstaub und Saphirschimmer.

Die Eloi waren eine sehr menschenähnliche Spezies, deren Herkunft nur den auf Nachtschatten ansässigen Kartellen bekannt war. Auch wenn dies viele Menschen auf anderen Planeten und in anderen Quadranten störte, verstieß es trotzdem gegen kein einziges Gesetz. Zumindest gegen keines, das auf Nachtschatten Geltung besaß und dies war der einzige Planet, auf dem man die Eloi antreffen konnte.

Diamantenstaub wurde von allen Eloi, die bis dahin nach Nachtschatten gekommen waren, als die Schönste angesehen. Ihre elfenbeinfarbene Haut schimmerte, als wäre sie tatsächlich mit dem Staub gepudert worden, dem sie ihren Namen verdankte. Ihr langes Haar floss wie eine silbrige Flut ihren Rücken hinunter und ihre rosafarbenen Augen schimmerten wie geschliffene Edelsteine. Ihr Körper schließlich, ließ keine Wünsche ihrer Kunden und Bewunderer offen und seien sie auch noch so extravagant. Ihre Formen waren sinnlich, mit Kurven an den richtigen Stellen und schlanken, wohlgeformten Gliedmaßen. Ihr Gesicht war herzförmig, mit einer breiten makellosen Stirn, elegant geschwungenen Brauen über großen, von langen dunklen Wimpern umrahmten Augen, einer geraden, schmalen Nase, einem üppigen, rosaroten Mund und einem zierlichen Kinn. Ein langer schlanker Hals verband Kopf und Oberkörper, und führte den Betrachter zu dem Tal zwischen ihren festen Brüsten und dann weiter hinunter, zu ihrem flachen Bauch und den Gefilden der Lust.

Sie war die Verkörperung jedes männlichen Traums, aber nur die wenigsten, die nach Nachtschatten kamen, konnten sich leisten, sie auch nur anzusehen, geschweige denn mit ihr zu sprechen … oder etwas anderes. Ihre Gesellschaft zu genießen – auf welche Weise auch immer - kostete die Kunden ein Vermögen, aber nie beschwerte sich jemand im Nachhinein darüber. Ganz offensichtlich war sie ihren Preis wert.

Aber wer ihre Gesellschaft auf Nachtschatten suchte – und dafür bezahlen konnte – war sich auch schmerzlich bewusst, dass ihre Zeit kostbar war. Sie befand sich jetzt bereits seit zwei Jahren auf dem Planeten und die meisten Eloi lebten dort nicht sehr viel länger als fünf Jahre. Ihre Spezies schien nicht sehr langlebig zu sein, allerdings gab es niemanden, der genaue Angaben dazu machen konnte - oder sich zu dem Vorwurf äußern wollte, sie vertrügen die Umgebung auf Nachtschatten nicht - denn es gab keine frei verfügbaren Informationen über ihre Spezies und deren Herkunft. Die Eloi, die auf dem Planeten des käuflichen Vergnügens lebten und arbeiteten, waren offiziell Bürger von Nachtschatten und besaßen gültige Papiere - aber auch dies war etwas, das man hier ohne Probleme erwerben konnte – und selbst von denjenigen, die ihre Anwesenheit hier kritisierten, wurde nicht bestritten, dass es sich bei ihnen um vernunftbegabte Wesen handelte, die ihren Aufenthalt selbst bestimmen konnten. Es gab auch keine Handhabe gegen die Verträge, die sie mit den entsprechenden Häusern auf dem Vergnügungsplaneten abschlossen, auch wenn es den Behörden auf vielen anderen Planeten nicht gefiel. Nachtschatten jedoch war unabhängig und solange man Eloi nicht im Einflussgebiet anderer planetarer Nationen begegnete, gab es keine Möglichkeit, sich mit ihnen aus rechtlichen Gründen zu beschäftigen. Somit konnte auch niemand das lukrative Geschäft mit ihnen stören. Oder sogar beenden.

Saphirschimmer war das aktuelle männliche Gegenstück zu Diamantenstaub und der Traum aller – mit einem ausreichend großen Geldbeutel ausgestatteten – Kundinnen. Er war groß, breitschultrig, mit gut definierter Muskulatur und schmalen Hüften. Seine Haut besaß einen hellbläulichen Farbton und schimmerte, als wäre er aus einem polierten Edelstein gefertigt worden und sein langes dunkelblaues Haar erinnerte an feingesponnene – aber seidig weiche - Metallfäden. Seine Augen waren nicht nur extrem groß, sondern auch von einem derart durchscheinenden Dunkelblau, als wären sie tatsächlich die Edelsteine, die in seinem Namen vorkamen. Aber er lebte bereits seit vier Jahren auf Nachtschatten und wer es sich leisten konnte, der versuchte, ihn jetzt zu buchen.

Diese relativ kurze Verfügbarkeit machte sie für die Kartelle auf diesem Planeten noch interessanter. Und lukrativer. Die Kartelle wussten aber auch, woher sie Nachschub bekommen konnten, wo sie weitere Eloi finden konnten, die willig waren, ihnen zu folgen. Sie waren die einzigen, die über diese Informationen verfügten und sie hüteten sie, wie jedes ihrer Geschäftsgeheimnisse.

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Jules Desmarais saß mit einem überaus trübsinnigen Gesichtsausdruck in seinem Arbeitszimmer, hinter seinem imposanten Schreibtisch. Er saß dort inmitten all der Bücher, die er für die Ausübung seines Berufes in den Jahren vor der Diaspora gebraucht hätte – und die heutzutage nur das Bedürfnis des Sammlers in ihm befriedigten - und blätterte freudlos in den Unterlagen, die aus dem Nachlass seines Freundes Harry Morgan stammten. Als er plötzlich mitbekam, wie seine Ehepartnerin Raphaelle Lebeau in das von ihnen gemeinsam bewohnte Haus zurückkehrte, erinnerte er sich auf einmal daran, dass sie einen Vortrag der Exoplanetaren Erkundungsmission besucht hatte.

Sie hatte ihm vor etlichen Tagen erzählt, dass sie sich eine Präsentation über die Ruinenstädte eines neuentdeckten Planeten ansehen wollte und er hatte ihr versprochen, sie dorthin zu begleiten. Zwar fiel dies nicht in den Bereich seines eigenen Berufes, aber er hatte die Vorträge der XPE immer wieder als interessant empfunden. Am frühen Nachmittag allerdings stand plötzlich ein Bote vor ihrer Haustür und bestand darauf, ihm das kleine Paket, das er bei sich trug, persönlich überreichen zu müssen. Natürlich weckte dies sofort seine Neugier und er zog sich damit in sein Arbeitszimmer zurück. Als Raphaelle ihn später an den Vortrag erinnerte, brachte er es gerade noch fertig, ihr mitzuteilen, er habe gerade vom Tod eines Freundes erfahren, den er seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte und er wäre nicht in der Lage, sie zu begleiten. Sie hatte dies direkt verstanden und ihm zugesichert, ihm einige Unterlagen mitzubringen, damit er sich diese dann in Ruhe zu Hause ansehen könnte. Er hatte sich zwar noch bei ihr bedankt, aber in Gedanken war er nicht bei ihr gewesen und sie ging, ohne dass er es bewusst mitbekam. Kim, seine andere Ehepartnerin, hatte sich zu diesem Zeitpunkt auch noch im Haus befunden, sie verließ es aber kurz darauf ebenfalls und Jules blieb alleine zurück.

Die Bilder und Berichte, die er vor sich auf seinem Schreibtisch ausgebreitet hatte – und die von Harrys Großmutter stammten – hatten ihn in eine ziemlich niedergeschlagene Stimmung versetzt. Nachdem er sie sorgsam studiert hatte, gab es – seiner Meinung nach – nur eins, was er tun konnte. Er musste – so unangenehm er dies auch empfand - einen hundert Jahre zurückliegenden Verstoß gegen die Erstkontakt-Gesetze melden und würde damit das Andenken an seinen Freund beschmutzen und das Ansehen seiner Familie beschädigen. Er war alles andere als erfreut darüber. Aber in seiner Position, als oberster Richter von Quebec, konnte er nicht anders handeln.

Als seine Ehepartnerin Raphaelle einige Stunden später in sein Arbeitszimmer trat – die Unterlagen hatte er weggeschlossen, sobald er mitbekommen hatte, dass sie zurückgekehrt war - unternahm er einen, wie er hoffte, erfolgreichen Versuch, sie nicht merken zu lassen, was ihn tatsächlich beschäftigte. „Wie war der Vortrag?“, wollte er stattdessen von ihr wissen, nicht vorhandenes Interesse vortäuschend.

„Sehr interessant, aber auch ziemlich deprimierend. Die XPE musste darüber berichten, dass die Bevölkerung des Planeten sehr wahrscheinlich erst im letzten Jahrzehnt so dezimiert worden ist, dass sie wahrscheinlich bald ausgestorben sind.“ Sie seufzte. Und nahm in dem Sessel vor seinem Schreibtisch Platz. „Sie sind sich nämlich nicht sicher, dass sie sich noch einmal von diesem Bevölkerungsrückgang erholen können.“ Sie seufzte.

„Wo ist Kim?“, wollte sie von ihm wissen. Offenbar war sie nicht gewillt, ihm – in diesem Moment – mehr über den Vortrag zu berichten. Ihm war das nur recht. „Wollte sie heute Abend nicht zu Hause bleiben?“

„Du hattest gerade erst das Haus verlassen, als uns die Nachricht erreichte, Sam befände sich an Bord eines Raumschiffs, das gerade in den Orbit eingeschwenkt ist und sein Shuttle werde bald landen. Oder besser gesagt“, ergänzte er nach einem Blick auf die Uhr, „ist es inzwischen bereits gelandet.“

„Sam ist bereits zurück? Ging er nicht davon aus, mindestens noch einen Monat auf Nachtschatten zu verbringen?“ Raphaelle klang genauso überrascht, wie Kim und er selbst es gewesen waren. Sam – neben Kim ein weiterer Teil ihres Ehebündnisses – war ein Künstler, der permanente Lichtskulpturen kreierte und über die Grenzen des Quadranten für seine Werke bekannt war. Er war verreist, um eine Skulptur von den derzeit auf Nachtschatten lebenden Eloi zu machen, weil dies, seiner Meinung nach, seine letzte Chance sein würde. Er glaubte fest daran, dass es bald keine Eloi mehr auf dem Vergnügungsplaneten geben würde und es störte ihn auch nicht, dass so gut wie kein anderer der gleichen Meinung wie er selbst war. Er hatte nie jemandem verraten, aus welcher Quelle er diese Erkenntnis schöpfte, aber er war ziemlich überstürzt abgereist und offensichtlich genauso überstürzt wieder zurückgekehrt. Jules war auf seinen Bericht gespannt. Er hoffte, seine Vermutung habe sich nicht bestätigt, er hoffte aber auch, dass er in der Kürze der Zeit seine Arbeit hatte ausreichend vorbereiten können, um sie zu Hause in aller Ruhe abzuschließen.

„Ich habe dir – wie versprochen - einige Unterlagen mitgebracht“, kehrte Raphaelle zu dem Vortrag zurück, der ihn an einem anderen Tag brennend interessiert hätte. Wenn er sie aber nicht darauf aufmerksam machen wollte, wie es ihm gerade ging und was ihn plagte, dann blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr Aufmerksamkeit zu schenken. Und er wollte sie auf keinen Fall auf sein Problem aufmerksam machen, da er wusste, er wäre zurzeit nicht in der Lage, darüber zu sprechen.

„Wir haben noch Zeit, bevor Kim und Sam eintreffen, also zeig mir, was so interessant daran war“, täuschte er ihr Interesse vor. Sie war in Gedanken wohl schon bei den Unterlagen, die sie mitgebracht hatte, denn ihr fiel sein erzwungen neugieriger Tonfall nicht auf. Sie öffnete die mitgebrachte Mappe, entnahm ihr einige Fotos und breitete sie auf seinem Schreibtisch aus.

Er warf nur einen kurzen Blick auf die Fotos, aber sein Herz blieb fast stehen. Einen Augenblick lang war er nicht in der Lage, zu atmen. Zum Glück war seine Ehepartnerin gerade damit beschäftigt, sich noch einmal die Unterlagen anzusehen und bekam nichts davon mit. Sobald sie sich mit etwas aus ihrem Spezialgebiet beschäftigte, konnte sie alles andere ohne Probleme ausblenden.

„Die Expedition hat sowohl über als auch unter der Planetenoberfläche Ruinen von Städten gefunden, die sich derart stark voneinander unterscheiden, dass man zuerst davon ausging, es mit zwei unterschiedlichen Spezies zu tun zu haben. Bis man in den unterirdischen Städten Unterlagen entdeckte, aus denen hervorgeht, es handele sich wohl doch nur um eine Spezies. Zumindest sprechen diejenigen, die unter der Erde siedeln, mit großer Hochachtung von den anderen Mitgliedern ihrer Spezies, die über der Erde leben. Leider hat man bisher nur schriftliche Berichte gefunden und keine Bilder, deshalb kann zu diesem Zeitpunkt niemand sagen, wie diese Unbekannten aussehen. Und im Gegensatz zu den Unterirdischen hat man von den oberirdisch Lebenden niemanden gefunden.“ Sie seufzte. „Aber sieh dir nur die Ruinen dieser Stadt an! Ich habe selten etwas so Elegantes und Schönes zu Gesicht bekommen. Warum konnten wir sie nicht zwanzig Jahre eher entdecken, dann hätten wir sie bestimmt retten können. Und sie hätten uns erklären können, warum einige von ihnen in dunklen unterirdischen Behausungen hausten und andere im Sonnenlicht lebten.“ Sie machte eine kurze Pause. „Vielleicht gab es bei ihnen ja so etwas Ähnliches wie Kasten?“, murmelte sie.

Raphaelle redete weiter, aber Jules hörte ihre Worte nicht mehr. Wie gerne hätte er ihr gezeigt, wie die Spezies aussah, die bis vor wenigen Jahren noch die Oberfläche dieses Planeten bevölkert hatte. Wie gerne hätte er ihr die Bilder der wunderschönen Eloi gezeigt, die Juwelen gleich in den Städten über der Erde lebten und sich so stark von den madig-weißlichen und gedrungenen Morlocks unterschieden, die sich unter die Erde zurückgezogen hatten, vielleicht weil sie das Sonnenlicht nicht vertrugen, und die nur nachts herauskamen, um sich um die Eloi zu kümmern und diese zu versorgen.

Raphaelle hörte auf zu reden – ohne auch nur mitbekommen zu haben, dass er in Gedanken ganz woanders war – als sie hörte, wie die Eingangstür ihres Hauses geöffnet wurde und ging, um ihre anderen Ehepartner zu begrüßen. Voller Traurigkeit raffte Jules sich dazu auf, diese Gelegenheit zu nutzen, um die Unterlagen seines Freundes zu vernichten. Es brach ihm das Herz, die Fotos zu zerstören, aber ihm war klargeworden, er würde niemals in der Lage sein, diesen enormen Verstoß gegen die Gesetze ans Licht zu bringen. Dies würde bei weitem seine Kraft übersteigen. Aber das Wissen darum würde ihn sein gesamtes Leben lang belasten und die Unterlagen zu behalten, würde alles nur noch schlimmer machen.

Als er sein Arbeitszimmer schließlich verließ, um Kim und Sam ebenfalls zu begrüßen, stellte er sich selbst die Frage, wie er es fertigbringen sollte, mit dieser Last weiterzuleben. Aber sobald er seine Ehepartner zu Gesicht bekam, wurde ihm bewusst, dass sein Pflichtgefühl es ihm nicht erlauben würde, sie wegen etwas im Stich zu lassen, dass nicht ihre Schuld war. Er hatte aber keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.

Ende
 
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