Das Matrioschka-Komplott (1) Erinnerungen - Teil 1

Das Matrioschka-Komplott (1) Erinnerungen (Der Menschenraum) – Teil 1


Arian starrte auf die hölzerne Konstruktion, die direkt vor ihm, in der Mitte des riesigen Platzes, aufragte. Obwohl er sich den Kopf darüber zerbrach, kam er aber einfach nicht darauf, was sie darstellen sollte. Es musste sich aber um etwas Wichtiges handeln, denn außer ihm, befanden sich noch viele andere Menschen auf diesem Platz. Und auch sie starrten alle auf diese Konstruktion. Zumindest hatte er diesen Eindruck gewonnen, obwohl er den meisten den Rücken zukehrte. Allerdings interessierte ihn in diesem Moment etwas anderes viel mehr, als herauszufinden, auf was er und die anderen hier so aufmerksam blickten. Er konnte sich nämlich beim besten Willen nicht daran erinnern, wo sich dieser Platz befand, aber auch nicht daran, was er hier tat. Ihm war allerdings nicht entgangen, dass die Menschenmenge sich unerwartet ruhig verhielt. Es erschien ihm beinahe so, als wenn der Anblick dieser seltsamen Konstruktion sie hypnotisiert hätte, denn die Stille wurde nur von vereinzelten Rufen durchbrochen. Er selbst kam sich auf jeden Fall so vor, als wenn er hypnotisiert worden wäre.

Noch einmal, versuchte er sich ins Gedächtnis zu rufen, worum es hier ging, aber seine Bemühungen waren vergeblich. Er entschloss sich deshalb, sich vorsichtig umzublicken. Dabei fiel ihm auf einmal auf, dass er selbst an einer Stelle stand, von der aus er nur auf eine Seite dieser Konstruktion blicken konnte. Die Menschen, die sich hinter ihm befanden, standen dagegen vor der, diesen Platz dominierenden, Konstruktion und blickten auf ihre Vorderseite. Einige wenige, hielten sich aber auch in seiner Nähe auf. Er nahm ihre Gegenwart hinter und neben sich wahr. Zum Teil waren sie ihm sogar so nahe, dass er ihre Berührungen spürte. Manche standen so dicht bei ihm, dass sie seine Bewegungsmöglichkeiten stark einschränkten. Bevor er sich ihnen aber zuwenden konnte, fiel sein Blick auf den Rücken eines großen, breitschultrigen Mannes, dessen blondes Haar ihm bis auf die Schultern fiel und der, in diesem Moment, die Stufen an der Seite der Konstruktion hinaufschritt. Dann sah er genauer hin und begriff, dass der Mann ein Gefangener war und er verstand nicht, wieso er das erst jetzt erkannt hatte, denn eigentlich hätte er nicht übersehen dürfen, dass man ihm die Hände auf den Rücken gefesselt hatte. Trotzdem hatte der Mann kein Problem, den Umstehenden zu vermitteln, dass er nicht freiwillig hinaufstieg. Arian sandte seinen Blick dem Mann voraus, folgte den Stufen in die Höhe und verstand in dem Moment, als er die Schlinge zu Gesicht bekam, die über der Plattform im leichten Wind hin- und herpendelte, wieso dies der Fall war. Er verstand es in dem Moment, als ihm klar wurde, dass die hölzerne Konstruktion, mit der er zuvor nichts hatte anfangen können, ein Galgen war.

Sobald er das begriffen hatte, ging sein Blick sofort wieder zu dem Mann zurück, der vergeblich gegen seine Bewacher kämpfte. Dabei fiel ihm erneut etwas auf, was ihm unerklärlicherweise zuvor entgangen war. Der Gefangene hatte etwas seltsam Vertrautes an sich und Arian konnte das Gefühl nicht loswerden, er wäre ihm bereits einmal begegnet. Aber erneut war er nicht in der Lage, sich zu erinnern. Er zermarterte sein Hirn ohne jeden Erfolg und währenddessen hatte der andere das obere Ende der Treppe erreicht und wurde von seinen Bewachern zu einer Stelle im vorderen Bereich der Plattform geführt, direkt unterhalb der Seilschlinge. Arian vermutete, dass er nun auf der, von unten nicht einsehbaren, Falltür stand.

Die Zuschauer auf dem Platz hatten einen guten Blick auf den Verurteilten und bekamen deshalb ohne Probleme mit, wie man ihm die Schlinge um den Hals legte und diese zuzog. Der Mann hatte aufgehört zu kämpfen und stand nun, stattdessen, regungslos dort oben und blickte über die Menschenmenge hinweg. Dann jedoch wandte er sich etwas zur Seite und blickte Arian direkt an, der sofort erstarrte. In diesem Moment hatte er nämlich erkannt, um wen es sich bei der Person handelte, die dort oben, mit dem Hals in der Schlinge, stand. Voller Schrecken musste Arian feststellen, dass es sich um Sorken handelte. Dessen Blick ging ihm durch Mark und Bein. In ihm mischten sich Angst, Verzweiflung und Traurigkeit, aber auch eine große Portion Zuneigung. Auch wenn dies Arian sehr seltsam vorkam, war er sich seiner Beobachtung ganz sicher. Genau, wie er sich sicher war, dass es sich tatsächlich um Sorken handelte, auch wenn er ihn seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte und sie sich nicht unter den besten Bedingungen voneinander verabschiedet hatten. Danach hatte Arian vergeblich versucht, den anderen zu vergessen.

Ohne jegliche Vorwarnung öffnete sich die Falltür unter Sorkens Füßen und er stürzte in die Tiefe, bis die Schlinge um seinen Hals den Fall stoppte. Aber zu Arians großem Entsetzen, war der Sturz nicht tief genug und vor allem auch nicht heftig genug, um Sorkens Genick zu brechen, sodass der Sturz ihn nicht auf der Stelle tötete. Stattdessen zappelte sein Körper nun dort oben, mit unkontrollierten Bewegungen, während ihn die Seilschlinge langsam erdrosselte. Arian wollte vor Schreck und Schmerz aufschreien, er wollte rufen, dass man ihm zur Hilfe kommen sollte, aber er bekam kein verständliches Wort heraus. Daher versuchte er einen Moment später, nach vorne zu stürzen, auf die Stufen zu, um Sorken selbst zu helfen, aber auch dazu war er nicht in der Lage. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde ihm bewusst, dass auch seine Hände hinter dem Rücken gefesselt worden waren. Ihm war völlig unverständlich, wieso er dies nicht bereits früher bemerkt hatte. Er hatte aber auch nicht begriffen, dass die Männer, die so nah bei ihm standen, in Wirklichkeit seine Bewacher waren. Nun hinderten sie ihn mit festem Griff daran, von sich aus loszurennen und zerrten ihn dann nach vorne, auf die Treppe zu. Die Erkenntnis, dass es nun an ihm war, die Stufen hinaufzusteigen, versetzte ihn in Panik. Er würde der Nächste sein, dem man die Schlinge um den Hals legte. Sein Entsetzen war derart groß, dass er nicht in der Lage war, sich zu wehren, während man ihn auf die Plattform schleifte. Während ihn die Wachen immer noch in ihrem unerbittlichen Griff hielten, musste er jetzt aus nächster Nähe beobachten, wie Sorken den Kampf um sein Leben verlor. Er hing in der Schlinge, die ihm unbarmherzig die Luft abschnürte, und, mit auf dem Rücken gefesselten Händen, hatte er nicht die geringste Chance. Er konnte weder sein Leben retten, noch seinen Tod beschleunigen.

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Behaglich kuschelte er sich in die weichen Decken und verspürte absolut kein Bedürfnis, aus diesem Halbschlaf aufzuwachen. Zwar konnte er sich, in diesem Zustand zwischen Schlafen und Wachen, nicht daran erinnern, wo er sich gerade befand, aber das war für ihn kein Grund zur Beunruhigung. Auch wenn er sich noch nicht ganz aus seinem Traum befreit hatte, war ihm nicht entgangen, dass er nicht alleine in diesem Bett lag. Aber er fühlte sich in der Gegenwart seines Liebsten geborgen und völlig sicher. Er hatte keinen Zweifel daran, dass er vor nichts Angst haben musste, solange sie nur zusammen waren. Egal, was auch geschehen würde, es würde ihn nicht erschrecken. Und dann spürte er auf einmal die Hände des anderen Mannes auf seinem nackten Rücken. Diese zarte Berührung sandte wohlige Schauer, wie die Vorboten einer angenehmen Erregung, durch seinen Körper und entlockte ihm ein leises Stöhnen.

Sein Liebhaber begann vorsichtig damit, ihn zu küssen, zuerst seine Schultern, dann sein langes Haar und schließlich seinen Arm. Er tat das mit behutsamer Zärtlichkeit, als würde er ihn für ein zartes und zerbrechliches Wesen halten. Aber Sorken war alles andere als zerbrechlich oder zart. Er hatte immer darauf geachtet, in Form zu bleiben und er war stolz auf seinen durchtrainierten Körper. Er war sich auch bewusst, dass sein Geliebter dies an ihm liebte. Und vieles andere mehr. Dies wusste er mit absoluter Sicherheit, genau wie die Tatsache, dass er sich noch nie derart geliebt gefühlt hatte. Und er wusste auch, dass er noch nie jemanden derart geliebt hatte, wie seinen Liebsten.

Er runzelte unwillkürlich die Stirn, als er feststellte, dass er sich in diesem Moment nicht an den Namen seines Geliebten erinnern konnte. Er fragte sich, wie ihm der entfallen konnte? Und aus welchem Grund konnte er sich auch nicht an dessen Gesicht erinnern, obwohl er kein Problem damit gehabt hatte, die Hände seines Liebsten auf seinem Rücken zu erkennen. Einerseits war er davon überzeugt, dass diese Berührung ihm niemals fremd sein würde und andererseits konnte er sich nicht an dessen Namen und Gesicht erinnern, und das verwirrte ihn. Und dies ließ ihn davon ausgehen, dass es nicht real sein konnte. Träumte er vielleicht noch? Er hoffte es, denn er würde nicht leben wollen, ohne zu wissen, wer sein Geliebter war.

Ganz vorsichtig drehte er sich zu dem anderen Mann um.

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Arian starrte voller Entsetzen auf Sorken, der immer noch nicht gestorben war. Aber während er noch versuchte, sich über seine Empfindungen, dem anderen gegenüber, klar zu werden, was ihm angesichts der Umstände ziemlich schwerfiel, erwischte ihn ohne jegliche Vorwarnung ein Flashback. Diese Erinnerung überkam ihn mit einer derartigen Intensität, dass er den Eindruck bekam, er würde alles noch einmal durchleben.

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Arian kam es so vor, als hätte er die letzten Stunden wie ein Schlafwandler verbracht und wäre gerade, an einem ihm unbekannten Ort, erwacht. Er erkannte zwar, dass er sich in einem Gerichtssaal befand, stellte dann aber erneut fest, dass seine Erinnerung ihn im Stich ließ. Einerseits war er der Meinung, schon einmal hier gewesen zu sein, aber andererseits war ihm dieser Ort völlig fremd. Kein Wunder, dass er verwirrt war. Dazu kam noch, dass er das Gefühl nicht loswerden konnte, dieser Saal müsse eigentlich ganz anders aussehen. Er wusste genau, dass er nicht das erste Mal bei Gericht war und er war sich sicher, dass Gerichtssäle mit moderner Technik ausgestattet waren, um den Beteiligten in einem ordnungsgemäßen Verfahren die Möglichkeit zu eröffnen, jede Entscheidung zweifelsfrei nachvollziehen zu können. Aber dieser Raum besaß nichts von dieser Ausstattung und diese Erkenntnis stellte ihn vor ein Problem. Denn nur eine seiner Erinnerungen konnte wahr sein, aber er wusste nicht welche. Er war nicht in der Lage, herauszufinden, was mit ihm los war, daher konzentrierte er sich erst einmal auf seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort. Allerdings konnte er in diesem Moment nicht mehr sehen, als einen gutgekleideten Mann, der etwas erhöht, hinter einem massiven Tisch thronte und ganz offensichtlich dem Verfahren vorsaß. Arian ging davon aus, dass es sich bei ihm, mit großer Wahrscheinlichkeit, um den zuständigen Richter handelte. Ihm gegenüber saßen zwei weitere Personen, aber deren, nicht so imposant wirkende, Tische waren einige Stufen unter seinem aufgestellt worden. Einer der beiden befand sich direkt vor Arian.

Für seine Verhältnisse benötigte er wieder unverhältnismäßig lange, um sich seiner eigenen Situation bewusst zu werden. Vielleicht hatte er ja nicht begreifen wollen, dass er sich keineswegs als Zuschauer in diesem Saal aufhielt. Wieder einmal war ihm erst mit einiger Verspätung aufgefallen, dass er erneut von bewaffneten Männern umgeben war. Und erst nachdem ihm dies klargeworden war, bemerkte er auch, dass man ihn erneut gefesselt hatte. Danach dauerte es aber nicht mehr lange, bis er verstanden hatte, dass er in diesem Verfahren der Angeklagte war. Oder besser gesagt, einer der beiden Angeklagten, wie ein Blick zur Seite ihm offenbarte, denn er konnte in einigen Metern Entfernung Sorken erkennen, der ebenfalls von Bewaffneten umringt war und den man ebenfalls gefesselt hatte. Als wenn der andere seinen Blick gespürt hätte, drehte er sich auch zur Seite und ihre Blicke trafen sich. Arian wurde auf der Stelle von einer Welle aus Zuneigung, Sorge und Angst überschwemmt. Ihn überwältigte ein unwiderstehliches Bedürfnis, dem anderen nahe zu sein und ohne bewusst darüber nachzudenken, versuchte er, sich in Richtung seines Liebsten zu bewegen, ungeachtet der Männer, die zwischen ihm und Sorken standen. Im gleichen Moment bewegte sich auch Sorken in seine Richtung. Aber keiner von ihnen hatte auch nur den Hauch einer Chance auf Erfolg. Und leider führten ihre Bemühungen nur dazu, dass er für einen ganz kurzen Moment einen ungehinderten Blick auf seinen Freund werfen konnte. Sofort wünschte er sich, er hätte diese Gelegenheit nicht erhalten, denn auf Sorkens Gesicht und auf seinem nackten Oberkörper zeigten sich blaue Flecken, sowie die Spuren zahlreicher Verletzungen.

Aber dann war er doch froh, einen Blick auf Sorken hatte werfen zu können, obwohl ihn die Spuren erschreckt hatten, die nur aus einem Kampf stammen konnten oder von Misshandlungen durch seine Bewacher. Letzteres war leider sehr viel wahrscheinlicher. Und dieser Anblick hatte Arian bewusst werden lassen, dass auch er selbst nicht unverletzt war. Erst in diesem Moment hatte er seine eigenen Schmerzen wahrgenommen, die allerdings gegen das Gefühl der Hilflosigkeit verblassten, das in ihm aufgestiegen war, sobald ihm klar wurde, dass er keine Möglichkeit hatte, in Sorkens Nähe zu gelangen, um ihm beizustehen. Er würde alles dafür geben, ihn einfach nur berühren zu können. Er wollte ihn so gerne beruhigen, aber auch von ihm beruhigt werden. Doch ihre Wachen sorgten mit aller Härte dafür, dass sie einander zwar sehen konnten, aber ohne sich nahe kommen zu können. Man verweigerte ihnen die Möglichkeit, noch einmal zusammen zu sein. Und er war sich sicher, dass seine Bewacher dies genauso als Folter verstanden, wie er selbst. Das war auch Sorken nicht verborgen geblieben.

Und dann verstand er noch etwas anderes. Seine Verletzungen schmerzten längst nicht so stark, wie die Erkenntnis, dass er noch nicht einmal mehr die Möglichkeit hatte, Sorken etwas zuzurufen.

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Sorken spähte vorsichtig um den Felsblock herum, hinter dem er und Arian Deckung gefunden hatten. Eigentlich hätte er nicht so sorgfältig darauf achten müssen, dass ihn niemand sehen konnte, denn es war viel zu dunkel, um ihn von dem Felsen unterscheiden zu können. In dieser Hinsicht hatte er nichts zu befürchten. Auf der anderen Seite machte das allerdings auch seinen eigenen Versuch, etwas zu erkennen, mehr als nur zwecklos. Aber in seiner Ausbildung hatte man ihm beigebracht, dass er sich nicht nur auf seine Augen verlassen durfte. Da ihm keines der Geräte zur Verfügung stand, mit denen er normalerweise im Feld ausgestattet war, konzentrierte er sich stattdessen auf das, was man ihm vor vielen Jahren beigebracht hatte. Wenn ihm seine Augen in dieser Situation nicht helfen konnten, musste er eben seine anderen Sinne einsetzen. Aber zuvor hatte er sich vergewissern wollen, dass ihre Gegner sich ihnen nicht doch zeigen würden, aber leider waren sie nicht so dumm und unvorsichtig.

Aus diesem Grund war ihm nichts anderes übriggeblieben, als sich auf sein Gehör zu verlassen und auf diese Weise hatte er herausgefunden, dass sich eine größere Gruppe ihrer Gegner in etwa fünfzig Metern Entfernung von ihnen befand. Allerdings gefiel ihm diese Erkenntnis nicht besonders, denn sie hatten nicht wirklich versucht, sich leise zu verhalten. Er musste also davon ausgehen, dass ihre Absicht darin bestand, Arian und ihn auf sich aufmerksam zu machen. Sie hatten offensichtlich überhaupt nicht vor, zu verbergen, dass sie sich ihnen gegenüber sammelten. Vielleicht wollten sie ihnen damit aufzeigen, dass sie ihnen den einzigen Ausweg aus ihrem Versteck versperrt hatten und sie keine Möglichkeit besaßen, ihren Verfolgern zu entkommen. Und sehr wahrscheinlich hatten sie ihnen ebenfalls zu verstehen geben wollen, dass sie ihnen keine Chance geben wollten.

Er wandte sich seinem Gefährten zu, den er allerdings genauso wenig sehen konnte, wie den Gegner. Das war aber auch nicht notwendig, denn er wusste genau, dass der andere sich direkt neben ihm befand. Er konnte dessen leise Atemzüge hören und das Rascheln seiner Kleidung, sobald er sich bewegte. Er war ihm so nahe, dass er ihn auch riechen konnte. Vorsichtig streckte er einen Arm aus und legte dem anderen seine Hand auf den Oberschenkel. Alleine diese Berührung reichte schon aus, ihn zu beruhigen, weil sie ihm bewusst machte, dass er nicht allein war. Aber sie bereitete ihm auch Sorgen, weil er sich mehr als alles andere wünschte, sein Geliebter befände sich woanders und in Sicherheit. Aber leider war das nicht der Fall und nun hatte er noch nicht einmal die Möglichkeit, dem anderen, im Angesicht ihres sicheren Todes, noch einmal ansehen zu können. Auf ihrer Seite der Deckung war es nämlich genauso dunkel, wie davor.

„Es hat keinen Zweck noch länger zu warten. Wir sollten jetzt angreifen. Wir können zwar nicht davon ausgehen, durchzubrechen, aber ich bin mir sicher, dass wir dafür sorgen können, erschossen zu werden. Aber egal wie es ausgeht, wir werden dieser Situation hier entkommen.“

Er spürte Arians Hand auf seinem Arm. Sein Geliebter drückte einmal kurz zu und gab ihm damit seine Zustimmung, bevor er sich erhob. Sorken bekam dies aber nur wegen der leisen Geräusche mit, die der andere dabei verursachte, denn er konnte ihn ja nicht sehen. Aber daraufhin stand er ebenfalls auf und bewegte sich, mit der Waffe in der Hand, lautlos um den Felsblock herum.

Auf leisen Sohlen näherten Arian und er sich in der Dunkelheit dem Feind. Als sie der Meinung waren, nahe genug herangekommen zu sein, eröffneten sie das Feuer, damit die anderen der ganzen Angelegenheit ein Ende bereiten konnten.

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Arian war sich nicht sicher, wie lange der Flashback angedauert hatte. Er meinte zwar, sich minutenlang im Griff dieser, so extrem intensiven, Erinnerung befunden zu haben, aber trotzdem glaubte er, in Wirklichkeit könne es sich nur um wenige Sekunden gehandelt haben, denn Sorken war immer noch am Leben. Als ihm das bewusst wurde, hätte er nichts lieber getan, als sich von diesem schrecklichen Anblick abzuwenden, aber dies war ihm nicht möglich. Er war einfach nicht in der Lage, sich zu bewegen. Er verstand allerdings auch sofort, dass dies absolut nichts mit den Wachen zu tun hatte, die ihn mit eisernem Griff festhielten. Er selbst war es, der sich daran hinderte, sich von Sorken abzuwenden, denn er war davon überzeugt, dass er es dem anderen schuldig war, hinzusehen. Er hatte sich ganz offensichtlich selbst die Pflicht auferlegt, zu beobachten, wie der andere, langsam aber sicher, erdrosselt wurde, wie das Gewicht des eigenen Körpers die Schlinge um seinen Hals immer weiter zuzog. Ihm entging nicht, wie die Blutzufuhr zum Gehirn und damit auch die Versorgung mit Sauerstoff immer weiter gedrosselt wurde, aber er wusste, dass er sich diesem Anblick nicht entziehen durfte, auch wenn er das Gefühl hatte, man würde ihm das Herz bei lebendigem Leib herausreißen.

Er war nicht fähig, seine Augen von dem Gehängten zu nehmen, trotzdem wurde ihm mit einem Mal bewusst, dass auf dem Platz keine Stille mehr herrschte. Die Menschenmenge, die dem schaurigen Spektakel beiwohnte, war in lautstarke Rufe ausgebrochen. Rufe, die er als Zustimmung für das Gesehene, als Ausbrüche ungezähmter Freude und als lautstark, gegen ihn und Sorken gerichtete, Beleidigungen erkannte. Die Menschen, die sich dort unten aufhielten, befanden sich ganz eindeutig in einer äußerst blutrünstigen Stimmung. Gleichzeitig machten sie auf ihn aber auch den Eindruck, ein Fest zu feiern. Ganz eindeutig genossen sie, was ihnen auf der Plattform geboten wurde und machten den beiden Gefangenen damit klar, dass sie dem Urteil, das hier vollstreckt wurde, von ganzem Herzen zustimmten. Diese Menschen hatten keine Zweifel daran, dass Sorken und er all das verdienten, was ihnen gerade angetan wurde oder, in seinem Fall, was ihm noch angetan werden würde. Er hörte keinerlei Äußerungen, die ihn auch nur vermuten lassen könnten, irgendeiner dieser Menschen hätte auch nur das geringste Mitleid mit Sorken, auch nicht angesichts seines verlängerten Leidens. Was er dagegen mitbekam, war die unverhohlen geäußerte Meinung, ihn selbst ebenfalls länger leiden sehen zu wollen. Bis zu diesem Moment war Arian davon ausgegangen, Sorkens Genick wäre wegen eines Fehlers nicht durch den Sturz gebrochen worden, aber nun verstand er, dass dem nicht der Fall war. Diese Erkenntnis erschütterte ihn bis ins Mark, aber dies lag nicht etwa daran, dass ihm in diesem Moment klar wurde, er würde auf die gleiche Art sterben, sondern, weil es Sorken war, der dort vor ihm in der Schlinge hing und unter unvorstellbaren Qualen starb.

Und dann erwischte ihn erneut, völlig unvermittelt, ein weiterer Flashback und hinderte ihn daran, Sorken weiterhin seine Aufmerksamkeit zu schenken.

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Die beiden Männer hatten ihre Gegner trotz der Gewissheit angegriffen, ihnen nicht entkommen zu können. Schließlich waren sie sich bewusst, dass ihnen eine Übermacht gegenüberstand. Daher waren sie in der festen Überzeugung vorgestürmt, an diesem Tag und zu dieser Stunde, zu sterben. Nur aus diesem Grund hatten sie überhaupt angegriffen. Zwei Personen, die ohne jegliche Deckung, gegen die Masse ihrer Feinde anstürmten und sogar das Feuer auf die gegnerischen Bewaffneten eröffneten, konnten so etwas nur in selbstmörderischer Absicht tun. Im Angesicht ihres sicheren Todes hatten sie keine Angst gezeigt, denn sie hatten bereits zuvor mit ihrem Leben abgeschlossen. Sie hatten die ihnen verbliebene Zeit dafür genutzt, sich voneinander zu verabschieden. Dabei hatten sie sich gegenseitig versichert, dass sie bereit waren, zu sterben. Sie waren so bereit, wie sie es in dieser Situation nur sein konnten, aber das nützte ihnen nichts. Das Glück war nicht mit ihnen gewesen.

Ihre Widersacher hatten sie um ihren Tod betrogen. Den beiden Männern war es nicht gelungen, die anderen aus der Reserve zu locken. Ihre Gegner hatten einfach abgewartet, bis sie ihre Munition verschossen hatten, auch wenn das einigen von ihnen das Leben gekostet hatte. Aber deren Auftraggeber hatten dies offensichtlich billigend in Kauf genommen und sie hatten auch dafür gesorgt, dass ihr Wille durchgesetzt wurde. Schließlich musste Arian feststellen, dass er und Sorken durch die Waffen ihrer Gegner noch nicht einmal verletzt worden waren.

Letztendlich war es die schiere Menge an Personen, durch die sie überwältigt wurden. Und sobald man sie unter Kontrolle hatte, wurden sie brutal voneinander getrennt. Ab diesem Zeitpunkt hielten ihre Gegner sich nicht mehr zurück und ließen sie ihren Hass spüren. Sie wurden geschlagen und getreten, aber trotz der großen Wut, die die anderen offenbar mit sich herumtrugen, waren ihre Angreifer diszipliniert genug, sie dabei, mit kalter Berechnung, nicht so schwer zu verletzten, dass ihr Leben bedroht wäre. Aber sie fügten den beiden große Schmerzen zu und sie hielten sich mit Beleidigungen auch nicht zurück. Als ihre Feinde endlich von ihnen abließen und fürs erste genug zu haben schienen, waren die Körper der Gefangenen mit Wunden und Blutergüssen übersät. Und die Männer hatten auch einen Weg gefunden, die beiden zu erniedrigen, denn sie hatten sie auch vollständig entkleidet, bevor sie gefesselt wurden. So führte man sie schließlich durch die Stadt, wahrscheinlich in der Absicht, den Bewohnern zu zeigen, dass man sie überwältigt hatte. Dies verschaffte den Stadtbewohnern die Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, dass von ihnen keine Gefahr mehr ausging. Erst nach einiger Zeit fielen Sorken und ihm auf, dass ihre Bewacher die ganze Zeit darauf achteten, dass sie einander zwar sehen konnten, aber keine Möglichkeit hatten, den anderen auch nur für einen flüchtigen Moment zu berühren. Zu diesem Zeitpunkt war ihnen allerdings noch nicht klargeworden, was mit ihnen in Zukunft geschehen sollte.

Arian schien es so, als würde es eine Ewigkeit dauern, bis sie das Gefängnis erreichten, bis er verstand, dass ihre Bewacher sie offensichtlich mit Absicht auf Umwegen dorthin brachten. Als sie endlich an ihrem Ziel ankamen, war er so erschöpft, dass ihn noch nicht einmal der Gedanke an die Zelle, in die er gleich gesperrt würde, erschrecken konnte.

Aber er hatte auf keinen Fall mit dem gerechnet, was man tatsächlich für sie vorbereitet hatte und er stellte, trotz seiner Erschöpfung, sofort fest, dass er nicht für das bereit war, was man für ihn und Sorken vorgesehen hatte. Er hätte sich niemals vorstellen können, dass jemand einen anderen Menschen so behandeln könnte, aber ganz offensichtlich hatte er sich in dieser Hinsicht geirrt.

In dem, von hohen Mauern umschlossenen, Innenhof des Gebäudes waren zwei Käfige aufgebaut worden und offenbar war für jeden von ihnen einer davon vorgesehen. Unter dem Gejohle und den Beleidigungen der Wachen, die auch nicht vor Schlägen und Tritten zurückschreckten, wurden sie regelrecht in diese Käfige getrieben. Wenn er nicht so müde gewesen wäre, dann hätte Arian wahrscheinlich sofort begriffen, dass es kein Zufall war, dass man ihnen keine Privatsphäre mehr gelassen hatte. Aber erst nachdem er etwas Zeit gehabt hatte, sich von der Tortur, zumindest etwas, zu erholen, begriff er, ihre Gegner hatten mit Absicht dafür gesorgt, dass es ab jetzt keinen Augenblick mehr geben würde, in dem sie unbeobachtet waren. Ab jetzt würde nichts mehr vor ihren Bewachern verborgen bleiben. Darüber hinaus waren die Käfige so weit voneinander aufgebaut worden, wie es der vorhandene Platz auf dem Hof erlaubt hatte. Arian verstand aber sehr schnell, dass das eigentlich egal war, denn selbst zwei Meter Abstand stellten in ihrer Situation eine unüberbrückbare Entfernung dar. Er hatte auch verstanden, dass sie weiterhin voneinander getrennt gehalten werden sollten.

Nachdem man sie in die Käfige gebracht hatte, blieb ihnen nur noch, sich gegenseitig Aufmunterungen zuzurufen. Und obwohl ihnen bewusst war, dass ihre Bewacher alles mitbekamen, hielten sich dabei nicht zurück. Ihre Rufe schallten immer wieder über den kleinen Hof und immer wieder wurden sie von den Wachen dafür geschlagen. Arian wusste nicht, ob man sie mit den Schlägen von ihrem Vorhaben abbringen wollte oder ob man sie auf jeden Fall geschlagen hätte, aber das änderte für ihn nichts, und für Sorken auch nicht, denn es war das einzige, was ihnen noch geblieben war. Ihre Feinde hatten ihnen sonst nichts mehr gelassen.

Aber ihre Bewacher zeigten ihnen schließlich, wie weit sie bereit waren, zu gehen. Irgendwann hatten sie offensichtlich die Geduld mit ihnen verloren und dann sorgten sie dafür, dass zumindest einem von ihnen auch diese Möglichkeit genommen wurde, seine Liebe auszudrücken. Nachdem sie mit Arian fertig waren, konnte er nur noch zuhören, wie Sorken ihm Ermunterungen und Liebesbeteuerungen zurief. Und er konnte nur noch zusehen, wie sein Geliebter jedes Mal dafür verprügelt wurde.

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Das Urteil, das der Richter am Ende des Prozesses fällte, überraschte Sorken nicht im Geringsten. Nach allem, was man ihm und Arian im Vorfeld bereits angetan hatte, nach der Behandlung, die man ihnen hatte angedeihen lassen, konnte ihn dieses Urteil nicht mehr verwundern. Schon während der Zeit, die er in dem Käfig zubringen musste, der als Gefängniszelle für ihn diente, war ihm klargeworden, worauf all dies hinauslief. Und er ging davon aus, dass Arian das ebenfalls erkannt hatte. Aber Sorken hatte sich trotz dieser Erkenntnis nicht von seinen Bemühungen abhalten lassen, seinem Geliebten weiterhin Ermunterungen zuzurufen, auch wenn dies nur weitere Prügel für ihn zu bringen schien. Aber er war sich sicher, sie konnten ihm nichts antun, dass ihn davon abhalten würde, weiterzumachen, außer sie taten ihm auch an, was sie Arian angetan hatten. Er würde diesen Moment niemals vergessen können, denn Arian konnte ihm nie mehr antworten. Sein Geliebter musste nun für etwas leiden, dass nicht seine Schuld war und es war nur gerecht, dass nun alles an ihm hängenblieb.

Er hatte seine Verantwortung ohne Zögern akzeptiert, denn schlussendlich hatte sein Verhalten sie beide in diese Situation gebracht. Er wusste, er war derjenige, der Arian in den ganzen Schlamassel hineingezogen hatte. Er wusste, es war seine Schuld, dass sein Liebster mit ihm in den Tod gehen musste. Deshalb war es für ihn selbstverständlich, die Prügel auf sich zu nehmen. Außerdem ging er davon aus, dass die ganze Angelegenheit nicht mehr allzu lange dauern würde. Oder besser gesagt, er hoffte auf ein baldiges Ende, denn ihm war klargeworden, dass sie beide nicht mehr lebend aus der Sache herauskommen würden.

Aus diesem Grund hatte er den Zeitpunkt herbeigesehnt, an dem man sie für ihren Prozess in das Gericht bringen würde. Mit Erstaunen stellte er fest, dass man ihnen für diesen Zweck sogar ein Minimum an Kleidung zugestand, obwohl die Hose wahrscheinlich nur die Würde des Gerichts wahren sollte. Vielleicht sollten auch die sensiblen Gemüter der Zuschauer geschützt werden, die keine unbekleideten Männer sehen wollten. Aber nach der ganzen Zeit, die sie beide völlig nackt, und allen Blicken ausgesetzt, in ihren Käfigen hatten verbringen müssen, wehrte er sich nicht gegen die Möglichkeit, mit diesem Kleidungsstück ein kleines bisschen ‚Privatsphäre‘ zurückzuerhalten, wenn auch nur für eine kurze Zeit.

Weil ihre Bewacher ihnen seit dem Zeitpunkt ihrer Inhaftierung nicht mehr die Möglichkeit gegeben hatten, einander nahe zu kommen, war er auch nicht davon ausgegangen, dass es im Gerichtssaal anders sein würde. Auch wenn er sich das von ganzem Herzen gewünscht hatte, war er dennoch nicht überrascht, in dieser Hinsicht recht zu behalten. Sie sollten tatsächlich keine Gelegenheit erhalten, sich noch einmal zu berühren. Deshalb hatte er Arian gleich, nachdem sie im Gerichtssaal angekommen waren, etwas zugerufen, aber die Wachen hatten sofort reagiert und gedroht, ihn zu knebeln, wenn er nicht still blieb. Eigentlich würde ihn diese Drohung nicht schrecken, aber er hatte sich noch etwas vorgenommen und daher konnte und wollte er nicht riskieren, sie weiter zu reizen. Er wollte sich nicht der Möglichkeit berauben, ihren Feinden, nach der Urteilsverkündung, noch seine und Arians Botschaft entgegen zu schleudern, weil sie seinem Geliebten diese Möglichkeit ja bereits genommen hatten.

Aber es gab doch etwas, was er nicht vorhergesehen hatte, und das war die blutrünstige Stimmung der Zuschauer im Saal. Dies war eine mehr als unangenehme Überraschung für ihn, auch weil er nicht verstand, aus welchem Grund man Arian und ihn derart leiden sehen wollte. Die Haltung des Anklagevertreters stellte sich auch nicht als sehr viel besser heraus, aber ihm konnte er zumindest zu Gute halten, dass er versuchte, den Schein der Professionalität zu wahren. Der Mann, der für ihre Verteidigung ausgesucht worden war, brachte hingegen kaum ein Wort heraus. Er konnte ihm deutlich anmerken, dass er nicht mit dem Ziel hierhergekommen war, sie freizubekommen. Genau genommen, wollte er sie, wie alle anderen Anwesenden auch, sterben sehen. Und der Richter war im Übrigen derselben Meinung und machte auch kein Hehl daraus.

Er folgte dieser Farce, die er eigentlich nicht als Prozess bezeichnen wollte, die ganze Zeit über sehr aufmerksam und wurde daher, als der Richter das Urteil verkündete, davon nicht überrascht. Selbst die, mit Beleidigungen gespickte, Urteilsbegründung verwunderte ihn nicht und auch nicht die anschließend geäußerten Worte des Richters, mit denen er sein Bedauern ausdrückte, das Urteil nicht selbst vollstrecken zu können. Offenbar als Ausgleich dafür, ließ er sich in drastischen Worten darüber aus, ihr Verbrechen stelle in seinen Augen eine Abscheulichkeit dar. Seiner Meinung nach, hatten sie gewissenlos die Grundfesten der Gesellschaft erschüttert und damit ihn, und alle seine Landsleute, in große Gefahr gebracht. Dies wäre etwas, dass er ihnen auf keinen Fall verzeihen könne. Allerdings hatte er auf Sorken zu keinem Zeitpunkt während der Verhandlung den Eindruck gemacht, dies käme für ihn in Betracht.

Nachdem der Richter endlich mit seiner Tirade zu Ende gekommen war, herrschte für einen kurzen Moment Stille im Gerichtssaal. Sorken wusste, nun war der Zeitpunkt gekommen, den Anwesenden seine und Arians Meinung kundzutun. Ihm war klar, dass er schnell handeln musste und ihm war ebenfalls klar, dass er keine Gelegenheit bekommen würde, viel zu sagen. Die Wachen würden ihn schnell zum Schweigen bringen.

Er holte tief Luft. „Ihr könnt uns töten. Aber ihr könnt uns nicht auseinanderbringen. Und ihr könnt die Geschichte unserer Liebe nicht unterdrücken.“ Gerne hätte er noch mehr hinausgeschrien, aber weiter kam er nicht, denn die Wachen stürzten sich auf ihn. Sie schlugen ihn brutal zu Boden und hinderten ihn mit Gewalt daran, weiterzusprechen. Offensichtlich hatten sie ihre Befehle für so einen Fall, denn sie zögerten nicht, noch im Gerichtssaal dafür zu sorgen, dass er niemals wieder etwas sagen würde. Aber er hatte bereits im Vorhinein damit gerechnet, dass sie mit ihm das Gleiche machen würden, was sie Arian bereits im Gefängnis angetan hatten.

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Sorkens Körper hatte endlich aufgehört zu zucken. Jetzt bestand für Arian kein Zweifel mehr daran, dass der andere tatsächlich tot war, aber er hatte mehrere Minuten benötigt, um zu sterben. Mehrere Minuten, in denen Arian nichts anderes hatte tun können, als seinem Freund beim Sterben zuzusehen, denn er hatte nicht die Möglichkeit gehabt, ihm zur Hilfe zu eilen. Ihm war nichts anderes übriggeblieben, als diesem langen Leiden zuzusehen und den Schmerz zu ertragen.

Aber niemand machte Anstalten, die Leiche seines Geliebten vom Seil zu lösen und so musste er weiterhin auf den Körper starren. Mehrere Minuten schwang der Tote langsam von Seite zu Seite, drehte sich mal hierhin und mal dorthin, während die Menge unten auf dem Platz lautstark johlte. Dann erst löste jemand die Verankerung des Seils und der Körper fiel, wie ein Stück Abfall, durch die immer noch geöffnete Falltür, auf den darunterliegenden staubigen Boden. Eine der Wachen warf noch einen Blick durch die Öffnung, als ob er sicher gehen wollte, dass der Tote nicht wieder aufgestanden war und erst dann wurde das Loch in der Plattform geschlossen und eine neue Seilschlinge darüber platziert. Arian begriff, dass es nun an ihm war, zu sterben. Er wusste inzwischen auch, wie sein Tod aussehen würde, schließlich hatte er dies bei Sorken aus nächster Nähe beobachten können, in aller Ausführlichkeit und allen Einzelheiten. Er hegte auch keine Hoffnung mehr, dass sein Tod schneller eintreten oder vielleicht weniger schmerzhaft sein würde.

Er sah keinen Sinn darin, Widerstand zu leisten, als man ihn schließlich zu der geschlossenen Falltür führte, ihm die Schlinge um den Hals legte und diese dann zuzog. Schließlich war ihm nichts mehr geblieben, für das es sich lohnen würde, zu kämpfen. Er hatte alles verloren, seine Gegner hatten ihm alles genommen. Und der Grund dafür hatte sich ihm immer noch nicht erschlossen. Schließlich hatten Sorken und er niemandem schaden wollen und, seiner Meinung nach, hatten sie auch niemandem geschadet. Sie hatten nichts anderes gewollt, als zusammen zu sein und nichts anderes hatten sie getan. Trotzdem hatte man ihnen das nicht erlauben wollen und sie nicht in Ruhe gelassen. Schließlich hatte man sogar begonnen, sie zu jagen. Sie hatten alles versucht, um zu entkommen und an einen Ort zu gelangen, wo niemand sie kannte, aber sie hatten keine Chance gehabt. Man hatte sie gefangengenommen und eingesperrt und am Ende waren sie zum Tode verurteilt worden. Der Richter hatte sein Urteil damit begründet, sie hätten die Gesellschaft in Unordnung gebracht. Er warf ihnen auch vor, einen Umsturz geplant und daraufhin gearbeitet zu haben, alles zu zerstören, was ihre Mitmenschen sich hier aufgebaut hatten. Er hatte sie als Feinde der Gesellschaft bezeichnet. Und alle anderen hatten ihm dies nicht nur abgenommen, sondern ihm sogar darin zugestimmt. Selbst Menschen, die Arian persönlich kannten.

Jetzt stand er hier oben und wartete darauf, dass sich die Falltür unter seinen Füßen öffnete. Er dachte an den zerbrochenen Körper Sorkens, der einige Meter unter ihm, im Staub des Platzes, lag. Aber dann kam ihm ganz plötzlich der Gedanke, dass er seinem Geliebten doch noch einmal nahekommen würde. Zwar würde er nichts mehr davon mitbekommen, aber sie würden auch seine Leiche, wie Abfall, durch die Falltür entsorgen. Er stellte sich vor, wie ihrer beider Körper im Tod wieder vereint wären und behielt dieses Bild im Kopf, während er auf die johlende Menge starrte, die ungeduldig darauf wartete, dass er ebenfalls in der Schlinge zappelte, die ihn langsam ersticken würde.

Ohne jegliche Vorwarnung öffnete sich die Falltür und er verlor den Boden unter den Füßen, fiel in die Tiefe. Und genauso, wie er es im Voraus geahnt hatte, genauso, wie er es befürchtet hatte, brach ihm der Sturz nicht das Genick. Er hatte darauf gehofft, wenigstens sofort das Bewusstsein zu verlieren, aber nun musste er feststellen, dass ihm auch dies nicht vergönnt war. In diesem Augenblick hatte der letzte und der schrecklichste Abschnitt seines Lebens begonnen.

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Arian hatte zuvor in seinem gesamten Leben noch nie in einem Bett geschlafen, das derart luxuriös war, wie das, in dem er gerade lag. Als er darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass er sich nicht erinnern konnte, schon einmal in die Nähe eines solchen Bettes gekommen zu sein. Daher war es auch nicht verwunderlich, dass er nie zuvor auf die Idee gekommen war, sich in einem solchen Bett zu vergnügen. Dies könnte allerdings auch damit zusammenhängen, dass er sich bisher noch nie in irgendeinem Bett vergnügt hatte. Es hatte sich einfach nie eine solche Gelegenheit für ihn ergeben, aber er hatte das auch nie zuvor vermisst.

Wie sollte er auch etwas vermissen, was er nie kennengelernt hatte, weil es für ihn Luxus darstellte. Und Luxus war nie ein Teil seines Lebens gewesen. Es gab auch in seiner Umgebung niemanden, der die Gelegenheit gehabt hätte, Luxus zu genießen, schließlich gehörten weder er, noch seine Verwandten oder seine Freunde zu den Familien. Es entsprach der Wahrheit, dass er Aussicht auf ein solches Leben gehabt hatte, allerdings erst in einigen Jahren, und er war immer davon ausgegangen, dass dies dann mehr Pflicht als Vergnügen sein würde. Seine Mitmenschen hatten von ihm erwartet, dass er sich deswegen mit allem zurückhielte, um dies nicht zu gefährden. Aus diesem Grund war er nie zuvor mit einem anderen Menschen zusammengekommen. Er hatte alle Komplikationen vermeiden wollen, aber es hatte ihn schon belastet, dass seine Mitmenschen nichts mit ihm zu tun hatten haben wollen, um keine Probleme zu bekommen. Sein Leben schien vorherbestimmt gewesen zu sein, aber dann war alles anders gekommen, denn er war seinem Liebsten begegnet.

Er genoss das hervorragende Essen, den Luxus dieses Zimmers und die Bequemlichkeit des Bettes, aber er wusste genau, dass all dies nebensächlich war. Es hatte nicht lange gedauert, bis er begriff, dass die Person, die neben ihm im Bett lag, das Wichtigste in seinem Leben war. Neben ihm verblasste alles anderes. Er würde sich niemals am Anblick der wohlgeformten Gestalt sattsehen, würde niemals des Anblicks des nackten Rückens oder des langen blondes Haares oder irgendetwas anderes an seinem Freund überdrüssig werden. Nicht anders als zu Beginn ihrer Beziehung stieg Erregung in ihm auf, sobald sein Blick auf den anderen fiel.

Er hatte sich nie vorstellen können, jemals eine derartige Liebe für einen anderen Menschen zu empfinden. In seiner Zukunft sollte etwas völlig anderes geschehen und daher hatte er sich auch nur damit beschäftigt. Er hatte sich gewissenhaft auf diese Aufgabe vorbereitet, auf die er schon in jungen Jahren verpflichtet worden war. Er hatte in seiner Generation derjenige sein sollen, der, gemäß dem Abkommen zwischen dem Volk und den Familien, die Pflicht auf sich nehmen musste, die Verbindung zwischen den Arbeitern und denjenigen zu werden, die über diesen Planeten und die auf ihm lebenden Menschen herrschten. Bereits von Kindesbeinen an, war ihm von jedem in seiner Umgebung mitgeteilt worden, dieser Pflicht dürfe er sich nicht entziehen. Dies hatte dazu geführt, dass er nie davon ausgegangen war, sein Leben würde ihm persönliche Freude und Erfüllung bringen, auch wenn er Luxus auf jeden Fall erwarten konnte.

Aus diesem Grund konnte er immer noch nicht glauben, dass er sich nun in diesem Bett wiederfand. Statt ein freudloses Leben führen zu müssen, durfte er jetzt mit seinen Händen zärtlich über die nackte Haut des Mannes zu streichen, der neben ihm lag. Er durfte sein Gesicht in dem langen weichen Haar des anderen zu vergraben und Küsse auf seiner Haut verteilen. Dabei fühlte er nichts anderes als pures Glück, aber ab und zu gesellte sich ein leichtes Schuldgefühl dazu, denn er hatte sich der Aufgabe entzogen, die man ihm zugedacht hatte. Immer mal wieder fühlte er sich schuldig, weil er sein persönliches Glück vor diese Pflicht gestellt hatte und er war sich durchaus bewusst, dass es Leute gab, die ihm das nicht verzeihen wollten. Manche hatten ihm auch ziemlich deutlich ihre Meinung darüber mitgeteilt, dass sie seine Entscheidung als Verrat ansahen. Bis zu einem gewissen Grad konnte er seine Mitmenschen verstehen, aber er würde sich trotzdem nicht umstimmen lassen. Mit den Äußerungen der anderen zu leben, stellte für ihn, inzwischen, kein Problem mehr dar.

Die Person, die neben ihm lag, drehte sich herum und einen kurzen Moment war er erstaunt. Aber wie konnte das sein? Wieso war er darüber verwundert, dass er neben sich Sorken erblickte. Für einen kurzen Moment war es ihm so vorgekommen, als hätte er nicht gewusst, wer sein Liebster war. Aber dann verwarf er diesen Gedanken so schnell, wie er gekommen war. Natürlich lag Sorken neben ihm. Schließlich war er derjenige, der so plötzlich und unerwartet in sein Leben getreten war. Sorken hatte vom ersten Augenblick an gewusst, dass er ihn liebte, wohingegen er selbst länger gebraucht hatte, zu verstehen, dass er Sorken ebenfalls liebte. Der andere Mann hatte ihm den Mut gegeben, zu seiner Liebe zu stehen.

Sein Geliebter lächelte ihn an und Arian vergaß all seine Sorgen, denn dieses Lächeln bedeutete für ihn, niemals wieder alleine zu sein. Dieses Lächeln bedeutete auch, sie würden niemandem erlauben, sie wieder auseinanderbringen zu können. Dieses Lächeln war das sichtbare Zeichen dafür, dass sie beide zusammengehörten und zwar an jedem Tag ihres Lebens.

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Sorken hatte sich geweigert, es den Wachen zu leicht zu machen, als sie ihn die Stufen hinaufzerrten. Schließlich war ihm nur zu bewusst, was ihn dort oben erwartete. Diese Erkenntnis war ihm auch nicht erst gekommen, als er die Schlinge zu Gesicht bekommen hatte, denn dies war genauso offensichtlich gewesen, wie die Tatsache, dass sich dort oben eine Falltür befand. Die musste er ja auch nicht erst gesehen haben, um von ihrer Existenz überzeugt zu sein. Genau wie jeder andere hier auf diesem Platz wusste er, dass der Tod dort oben auf der Plattform auf ihn wartete. Er wusste, dass seine Gegner seinem Leben dort oben ein Ende bereiten und die kurze Zeit seines Glücks beenden würden. Aus diesem Grund war er der Meinung, dass es sich durchaus lohnte, noch etwas Widerstand zu leisten. Aber er wusste auch, dass dieser sinnlos war.

Er hatte von vornherein nie in Frage gestellt, dass er an seinem Schicksal nichts mehr ändern konnte. Er hatte nicht daran gezweifelt, dass er schlussendlich dort oben auf der Plattform ankommen würde und daher stellte er seinen Widerstand ein, sobald er das Ende der Treppe erreicht hatte. Niemals hatte er vorgehabt, auch noch auf der Plattform Widerstand zu leisten, denn in seiner Lage würde ihm das nichts mehr bringen, selbst nicht mehr als rein symbolischer Akt. Daher fiel es ihm nicht schwer, darauf zu verzichten. Ohne Widerstand ließ er zu, dass ihn die Männer auf die Falltür stellten. Er ließ sich die Schlinge um den Hals legen, ohne sich dagegen zu wehren. Sein Henker, oder einer seiner Gehilfen, zog diese fest und er nutzte diesen Moment dazu, noch einmal zu Arian zu schauen. Ihm war zwar bewusst, dass der andere seine Angst erkennen würde und seine Verzweiflung. Aber er hoffte darauf, er könne auch seine Liebe sehen. Schließlich war er selbst ja auch in der Lage, diese Empfindungen und Gefühle auf dem Gesicht seines Liebsten zu erkennen, der noch am Fuß der Treppe, zwischen seinen Wachen, darauf wartete, ebenfalls zu seinem Tod geführt zu werden. Wie gerne hätte er ihm noch einmal gesagt, wie sehr er ihn liebte, aber diese Möglichkeit hatte man ihm genommen. Aber eigentlich war er davon überzeugt, dies wäre nicht notwendig, denn schließlich wussten sie beide, was der andere empfand. Und dies würde ihnen keine Macht der Welt nehmen können.

Noch während er in Gedanken bei seinem Liebsten weilte, öffnete sich ohne Vorwarnung die Falltür unter seinen Füßen und er fiel in die Tiefe, bis das Seil seinen Sturz abrupt stoppte. Er hatte sich darauf vorbereitet, in diesem Moment zu sterben, aber dann musste er, zu seinem großen Entsetzen, feststellen, dass der Sturz ihm nicht das Genick gebrochen hatte. Er war immer noch am Leben und er war sogar noch bei Bewusstsein und er spürte, wie ihm die Schlinge die Luft abschnürte. Und er begriff, mit absoluter Sicherheit, dass es noch etliche Minuten dauern würde, bis er tatsächlich tot war. Er begriff ebenfalls, dass dies mit Absicht geschehen war. Die Gesellschaft dieses Planeten konnte ihm nicht verzeihen, dass er ihnen etwas gestohlen hatte, das ihrer Überzeugung nach, niemals hätte gestohlen werden können.

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Arian fiel langsam, viel zu langsam, in die Dunkelheit der Bewusstlosigkeit, während sein Körper darum kämpfte, zu überleben. Er konnte ihn nicht daran hindern, auch wenn er schon aufgegeben hatte und das Ende seiner Existenz herbeisehnte.

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In dem großen Raum herrschte eine unbeschreibliche Hektik und eine der Ursachen dafür, waren die zahlreichen Geräte, die sich darin befanden und die Geräusche, die diese von sich gaben. Die vielen Geräte, zum Teil von sehr unterschiedlicher Art, aber zum Teil einander auch sehr ähnlich, waren offenbar alle dafür da, den Zustand des Mannes zu überwachen, der in der Mitte des Raumes, nackt, auf einem sterilen Tisch lag. Viele der Personen, die sich ebenfalls hier befanden, hielten sich in der Nähe dieses Mannes auf, denn bei ihnen handelte es sich um Ärzte und medizinische Assistenten. Und diese Personen kämpften alle um das Leben des Mannes auf dem Tisch, um ein Leben, das aus ihnen unbekannten Gründen zu Ende zu gehen drohte. Dies war etwas, das aus der Sicht dieser Spezialisten nicht geschehen dürfte und das sich dennoch in diesen Momenten ereignete. Die Spezialisten waren frustriert, weil sie keinen Grund finden konnten, wieso ihr Patient Gefahr lief, auf diesem Tisch, unter ihrer Obhut, zu sterben. Sein Zustand stellte sie vor ein besorgniserregendes Rätsel, denn es ließ ihnen keine Zeit für Frust und Ärger. Es ließ ihnen auch keine Zeit, sich der Lösung dieses Rätsels zu widmen, denn sie mussten die ihnen verbleibende Zeit dafür nutzen, ihn am Leben zu erhalten. Darauf mussten sie sich mit ihrer ganzen Kraft konzentrieren und erst wenn sie sich sicher waren, dass ihnen das gelungen war, würden sie sich wieder mit diesem Rätsel beschäftigen können. Und keiner von ihnen wollte auch nur einen Gedanken an die Möglichkeit verschwenden, dass es ihnen nicht gelingen könnte, den Mann zu retten, aber ein Scheitern war für keinen von ihnen eine Option. Unter keinen Umständen.

Dem Beobachter, der still vor einer der Wände stand, war nicht entgangen, dass sich die Hektik des medizinischen Personals noch einmal gesteigert hatte. Dies gefiel ihm nicht, denn er hatte nicht geglaubt, dass dies möglich war. Aber auch die Worte, die rund um den Tisch geäußert wurden, gefielen ihm nicht. Begriffe wie „Erstickungstod“ riefen bei ihm Bilder hervor, auf die er durchaus verzichten konnte. Und festzustellen, dass diese Spezialisten für die Vorkommnisse genauso wenig eine Erklärung hatten, wie er selbst, gefiel ihm erst recht nicht. Und den Spezialisten natürlich auch nicht, denn das waren sie nicht gewohnt. Aber trotzdem durften sie sich davon nicht ablenken lassen, sie durften sich nicht an ihrem fehlenden Wissen stören, damit der Stress, dem der Körper ihres Patienten, bei diesem Kampf auf Leben und Tod, ausgesetzt war, sein Herz nicht noch mehr gefährdete.

Die Ärzte und ihre Assistenten hatten es zu ihrer höchsten Priorität gemacht, dieses Herz am Schlagen zu halten. Alles andere war nebensächlich. Im Nachhinein betrachtet war es daher nicht verwunderlich, dass es der, zur Untätigkeit verdammte, Zuschauer war, dem als erster ein dunkler Abdruck auf der Kehle des Patienten auffiel, der abrupt, ohne jegliche Vorwarnung, sichtbar geworden war. In der einen Sekunde war von ihm noch nichts zu sehen gewesen und dann konnte ihn niemand mehr übersehen. Aber dieser Abdruck schien nicht lebensbedrohend zu sein und so ignorierten die Ärzte ihn, zumal sie auch dafür wohl keine Ursache feststellen konnten. Dies wurde dem Beobachter auch schnell klar, aber er verhielt sich trotzdem still, denn er wusste es besser, als die Ärzte in diesem Augenblick in ihrer Konzentration zu stören. Außerdem war ihm bekannt, dass alles, was sich in diesem Raum ereignete, aufgezeichnet wurde. Und er war sich schmerzlich der Tatsache bewusst, dass er selbst nichts zur Lösung des Rätsels beitragen konnte. Er war, zu dieser Zeit und an diesem Ort, nicht mehr als ein hilfloser Zuschauer und dies war ein Zustand, den Vyvian noch nie hatte leiden können.

Weil der Beobachter sich völlig auf den Mann konzentriert hatte, der auf dem Tisch lag, ließ ihn das urplötzliche Absinken des Geräuschpegels zusammenschrecken. Zahlreiche der diagnostischen Geräte hatten im gleichen Moment damit aufgehört, ihr nerviges Piepsen von sich zu geben. Vyvians erster Gedanke war, Arian wäre gestorben, denn dies war der einzige Grund, der ihm als Erklärung dafür einfiel, wieso es auf einmal so viel leiser geworden war. Es war auch der einzige Grund, der ihm dafür einfiel, wieso die Hektik des medizinischen Personals merklich nachgelassen hatte. Doch dann wurde ihm auf einmal bewusst, dass genau das Gegenteil eingetreten war und er konnte, trotz all seiner in langen Jahren antrainierten Disziplin, ein erleichtertes Aufatmen nicht zurückhalten. Erst in diesem Moment, als er begriff, dass das Leben seines Kollegen nicht mehr in Gefahr war, fiel ihm seine Anspannung auf. Unauffällig versuchte er seine Muskeln zu lockern und hoffte, niemanden wäre aufgefallen, wie sehr ihn die ganze Situation belastet hatte.

Aber bevor er sich völlig auf die neue Situation eingestellt hatte, kam bereits einer der Ärzte auf ihn zu. „Kapitän Gyasi“, sprach er ihn mit leiser, ruhiger Stimme an, „ihr Kollege ist nun außer Lebensgefahr. Wir gehen davon aus, dass wir ihn in kurzer Zeit aufwachen lassen können, da sich alle Parameter wieder im normalen Bereich befinden.“

Dies hörte sich gut an. Sehr gut sogar. Aber Vyvian hatte trotzdem Fragen. „Und was war die Ursache, Doktor?“, wollte er als erstes wissen.

Der andere Mann schüttelte den Kopf. „Wir haben bisher nichts gefunden. Es gibt keine Auffälligkeiten, wenn man von …“. Er drehte sich halb um und blickte zu dem Patienten hinüber.

„Wenn man von den Abdrücken absieht?“ Für Gyasi gab es keinen Grund, dem anderen zu verheimlichen, dass ihm diese aufgefallen waren. Schließlich spielten hier alle im gleichen Team.

Der Arzt nickte. „Diese Abdrücke stellen auf jeden Fall eine Auffälligkeit dar. Sie erschienen ziemlich abrupt am Hals und an den Handgelenken. Und fast gleichzeitig manifestierten sich überall auf seinem Körper Hämatome. Von einem Moment auf den anderen. Aber mehr als das kann ich jetzt noch nicht dazu sagen, da wir keine Ursache dafür feststellen konnten. Selbstverständlich haben wir alles dokumentiert. Sie wissen ja, dass dieser Tisch, genau wie die ganze restliche Ausrüstung, alles automatisch aufzeichnet und die Daten gespeichert werden. Dadurch haben wir die Möglichkeit, alles in Ruhe zu studieren. Ich habe bereits veranlasst, dass Ihnen eine Kopie unverzüglich zur Verfügung gestellt wird, Kapitän.“

Kapitän Gyasi runzelte unwillkürlich die Stirn, weil er in diesem Moment nicht verstand, was er, und seine Kollegen, mit den medizinischen Aufzeichnungen anfangen sollten. Schließlich war er kein Arzt, sondern arbeitete für den Nachrichtendienst.

„Wieso, Doktor?“ Was hatte der Arzt gesehen, was ihm selbst entgangen war? War ihm überhaupt etwas entgangen? Wenn ja, war das ein weiterer Grund für Unzufriedenheit. Unzufriedenheit mit sich selbst. Er war es nicht gewohnt, dass ihm etwas entging.

„Wäre das überraschende Auftauchen der Male nicht Grund genug, Kapitän?“ Vyvian musste ihm zustimmen, aber der Arzt war noch nicht fertig mit seinen Erläuterungen. „Korvettenkapitän Silver erweckt den Eindruck, gründlich verprügelt worden zu sein. Dies ist auf jeden Fall Grund genug für mich!“ Gyasi musste feststellen, er habe tatsächlich einen Augenblick lang nicht daran gedacht, dass der Arzt nicht zum ersten Mal mit dem Flotten-Nachrichtendienst zusammenarbeitete. Eine Tatsache nicht in ausreichendem Maße zu bedenken, passierte ihm nur äußerst selten. Er konnte es sich nur dadurch erklären, dass er sich einfach zu viele Sorgen um Arian gemacht hatte.

Bevor Gyasi Gelegenheit hatte, auf die Bemerkung des Arztes zu antworten, bekam er mit, dass Silver offensichtlich genau in diesem Moment beschlossen hatte, wieder aufzuwachen. In einer Sekunde musste er den Personen, die ihn umstanden, noch wie ein Bewusstloser, oder jemand im Tiefschlaf, vorgekommen sein und in der nächsten Sekunde war er hellwach. Mit diesem abrupten Übergang erschreckte er das medizinische Personal, das nicht mit so etwas gerechnet hatte. Außenstehenden kam das fast immer erschreckend vor, obwohl das nichts anderes war, als die Folge eines rigorosen Trainings, dem sich viele Angehörigen des Nachrichtendienstes unterzogen. Auf jeden Fall trainierten alle, die in den Außeneinsatz gingen, diese Fähigkeit, denn sie hatten nicht immer die Möglichkeit, langsam und in Ruhe zu erwachen. Sie waren sich schließlich bewusst, dass sie jederzeit in Situationen geraten konnten, in denen dies ihr Tod gewesen wäre. Und in seiner Lage hatte Arian, ganz offensichtlich instinktiv, auf dieses Training zurückgegriffen.

„Was …“, begann er, bevor ihm bewusst wurde, wo er sich aufhielt. Als er begriff, dass er sich nicht in unmittelbarer Gefahr befand, versuchte er nicht mehr, seine Verwirrung zu verbergen, denn dafür gab es keinen Grund. „Was ist passiert? Wieso bin ich hier?“ Er blickte sich um.

Gyasi trat an dem Arzt vorbei, um näher an den Tisch heranzukommen. Sein Kollege hatte es in der Zwischenzeit geschafft, sich aufzusetzen. Vyvian konnte ohne Probleme erkennen, dass der Abdruck am Hals des anderen schon wieder verblasste, ebenso wie die Hämatome, von denen der Arzt gesprochen hatte. Oder besser gesagt, die Male, die wie Hämatome ausgesehen hatten. „Du hattest ein signifikantes medizinisches Problem, Arian“, klärte er ihn auf und fuhr dann in seiner üblichen Direktheit fort. „Du wärst beinahe im Schlaf gestorben. Aber frag mich nicht warum, denn die Ärzte haben bisher keinen Grund dafür feststellen können. Im Moment steht nur fest, dass dein Körper einem erheblichen Stress ausgesetzt war.“ Er sah auf den Mann herab, der in den letzten Monaten mehr als nur ein weiterer Kollege für ihn geworden war. Die beiden hatten sehr eng miteinander gearbeitet und, zu Vyvians großer Überraschung, hatte sich zwischen ihnen ziemlich schnell eine Freundschaft entwickelt. Dies hatte er nicht erwartet, weil er sich darum bemüht hatte, auf Abstand zu bleiben. Nicht weiter verwunderlich, wenn man Silvers Vorgeschichte bedachte, die aus ihm nicht irgendeinen neuen Kollegen gemacht hatte. Gyasi hatte misstrauisch bleiben wollen, aber er hatte sich dieser Entwicklung nicht entziehen können. Und im Nachhinein betrachtet, bedauerte er es auch nicht.

„Wir sollten hier nicht weiter darüber sprechen. Lass dir etwas zum Anziehen geben, Arian, damit wir uns in unsere Gefilde begeben können.“ Er blickte ihm direkt ins Gesicht. „Dort können wir in Ruhe über alles reden. Außerdem wollen die anderen auch wissen, was geschehen ist. Schließlich haben uns alle Sorgen um dich gemacht.“ In Korvettenkapitän Silvers Augen blitzte kurz Unglauben auf, aber dann nickte er, ohne etwas zu erwidern.

Daraufhin drehte sich Gyasi wieder zu dem Arzt um, während einer der medizinischen Assistenten Arian Unterwäsche, einen Overall und ein Paar Schiffsstiefel brachte. „Haben sie die Daten bereits weitergeleitet, Doktor?“

„Sie müssten alles vorfinden, wenn sie in den Bunker zurückkehren“, versicherte ihm der Arzt und Gyasi musste schmunzeln, denn an Bord eines Raumschiffes gab es nicht wirklich einen Bunker. Aber der Begriff hatte sich aus jener Zeit erhalten, als der Nachrichtendienst tatsächlich noch in einem Bunker hauste. Auf der Oberfläche eines Planeten.

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Arian goss sich einen Kaffee ein. Er ließ sich Zeit dabei, weil er sich nicht sicher war, dass seine Hände nicht wieder zu zittern anfangen würden. Er fühlte sich immer noch etwas unsicher auf den Beinen, auch wenn die Ärzte ihm versichert hatten, es sei alles in Ordnung mit ihm. Es sei wieder alles in Ordnung mit ihm. Aber er rang noch mit seiner Verwirrung. Und verwirrt zu sein, passierte ihm nur selten. Aber heute war das anders, weil er am gestrigen Abend, wie üblich, in seiner Kabine zu Bett gegangen war, aber dann hatte er sich heute Morgen auf der Krankenstation wiedergefunden. Umgeben von all den medizinischen Geräten und dem medizinischen Personal. Und unter den Augen des Kapitäns. Er war sich noch nicht im Klaren darüber, was er als unangenehmer empfunden hatte. Wahrscheinlich letzteres.

Er suchte sich einen Platz am Konferenztisch, die Tasse mit beiden Händen haltend. Während er auf seine Kollegen wartete, nippte er ab und zu an seinem Getränk, das aber noch viel zu heiß war, um es trinken zu können und dachte dabei darüber nach, was ihm in der letzten Nacht passiert war. Er kam allerdings, mangels Informationen, mit seinen Überlegungen nicht sehr weit und machte sich stattdessen Gedanken darüber, aus welchem Grund überhaupt jemand mitbekommen hatte, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Er hatte aber In dieser Hinsicht ziemlich schnell einen Verdacht, würde aber Gyasi deswegen fragen müssen. Ob dieser ihm allerdings eine ehrliche Antwort geben durfte, stand auf einem ganz anderen Blatt, aber er konnte zumindest darauf hoffen. Schließlich hatte er schon den Eindruck gewonnen, der andere hätte ihn in der Zwischenzeit akzeptiert. Er würde sogar noch weiter gehen, und behaupten, die ganze Einsatzgruppe habe ihn akzeptiert.

Dieser Einsatzgruppe setzte sich aus all den Personen zusammen, mit denen er in den letzten Monaten eng zusammengearbeitet hatte. Und mit einigen von denen verband ihn, seiner Meinung nach, inzwischen auch Freundschaft. Trotzdem war er sich in diesem Moment nicht sicher, ob sie ihm tatsächlich trauten. An einem Tag, wie dem heutigen, kamen unvermeidlich wieder Zweifel hoch, Zweifel, die er nie ganz losgeworden war. In einer solchen Situation kam jedes Mal die Frage auf, ob er damals die richtige Entscheidung getroffen hatte. Aber wenn er darüber nachdachte, dann blieb ihm nichts anderes übrig, als festzustellen, dass er keine andere Wahl gehabt hatte, als seine Dienste dem Flotten-Nachrichtendienst des Planetenbundes anzubieten. Die Alternative wäre, im besten Fall, der Entzug seiner Freiheit gewesen, im schlimmsten Fall sein Tod.

Ywain Delacroix war der erste, der sich zu ihm an den Tisch setzte. Der Quebecer teilte sich mit Kapitän Gyasi die Leitung der Einsatzgruppe, der Arian vor einigen Monaten hinzugefügt worden war. Kapitän Delacroix war für die Außeneinsätze zuständig und er hatte Arian von Anfang an nicht anders behandelt, als seine übrigen Kollegen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er den Amarner sofort mit ins Feld genommen, aber das hatten seine Vorgesetzten, verständlicherweise, nicht zugelassen. Stattdessen war Arian dem Brendaner zugeordnet worden, der sich um die Datenanalyse kümmerte, wo er den neuen Kollegen in den letzten Monaten beschäftigt hatte. Zu Beginn hatte Gyasi Arian den Eindruck vermittelt, nur notgedrungen mit ihm zusammenzuarbeiten, aber das hatte sich schnell geändert. Die beiden kamen nicht nur bei der Arbeit gut miteinander aus, sondern es hatte sich zwischen ihnen auch eine Freundschaft entwickelt. Dahingegen hatte Arian eigentlich keine Gelegenheit erhalten, Delacroix näher kennenzulernen, was er sehr bedauerte.

Nach und nach gesellten sich auch die anderen Mitglieder der Einsatzgruppe zu ihnen. Leutnant Bacri - von der Flotte für ihre Arbeit mit Kapitän Gyasi freigestellt – betrat gemeinsam mit Zahir Sanluca - einem zivilen Mitarbeiter - den Konferenzraum. Die beiden waren sich zwar erst vor kurzer Zeit begegnet, aber sie nutzten bereits jede freie Sekunde für ihr inniges Zusammensein. Arian ging davon aus, die letzte Nacht habe keine Ausnahme dargestellt, was bedeutete, dass sie gemeinsam in einer Kabine geschlafen hatten. Falls er das, was sie dort mit aller Wahrscheinlichkeit getrieben hatten, so nennen konnte. Aber solche Beziehungen waren in der Flotte nicht verboten und daher hatten die beiden, von Anfang an, keinen Hehl aus ihrer gegenseitigen Anziehung gemacht. Direkt hinter ihnen trudelte der Nachwuchs der Einsatzgruppe ein, die Kadetten Ewynn Isaacs und Devid Rodrigues, beide von Uruk stammend, beide groß und schlank, aber ansonsten so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Die silberblonde, hellhäutige Ewynn war still und zurückhaltend, es sei denn, es ging gerade um eine Analyse, während der schwarzhaarige, schwarzäugige Devid so wandelbar war, wie jeder Einsatzleiter es sich von einem Feldagenten nur wünschen konnte. Und wenn der junge Mann sich nicht im Einsatz befand, war er gutgelaunt und extrovertiert. Beide hatten sich gut in die Gruppe eingefügt.

Kapitänleutnant Mayari Batut komplementierte die Einsatzgruppe. Die Einwanderin von Saba setzte sich, mit der obligatorischen Kaffeetasse in der Hand, neben Delacroix, mit dem sie sich eine Kabine teilte. Und ein Bett. Die beiden waren bereits ein Paar, bevor sie zur Gruppe stießen und ihre Vorgesetzten hatten keinen Grund gesehen, ein bei ihrer Arbeit so erfolgreiches Team auseinanderzureißen. Bei ihnen handelte es sich um zwei Personen, denen es gelungen war, Arbeit und Privatleben zu einem gut funktionierenden Ganzen zusammenzufügen.

Sobald alle Platz genommen hatten, gesellte sich auch Kapitän Gyasi zu ihnen, der sich zuvor noch, an einem separaten Tisch, mit einigen Unterlagen beschäftigt hatte. Die Gruppe hatte sich – wahrscheinlich mehr aus Gewohnheit, als mit Absicht - derart platziert, dass sie alle einen guten Blick auf den großen Bildschirm hatten, der an der Stirnwand des Raumes hing, wobei Vyvian am Kopfende des Tisches saß, denn Delacroix hatte ihm an diesem Morgen die Leitung überlassen. Der Brendaner wartete noch einen Moment, bis er sich sicher war, dass alle ihm ihre volle Aufmerksamkeit schenkten.

Dann begann er aber zügig mit seinen Erläuterungen. „Hier an Bord gab es in der letzten Nacht einen ernsthaften medizinischen Zwischenfall. Die Ursache dieses Alarms war Arian. Leider entwickelte sich diese Situation in einer Art und Weise, die die Ärzte dazu zwang, um sein Leben zu kämpfen. Im Endeffekt waren sie erfolgreich damit, ihn am Leben zu erhalten, wie ihr ja auch alle sehen könnt. Aber sie haben zugeben müssen, dass sie noch nicht nicht in der Lage sind, eine Erklärung für diesen medizinische Notfall zu liefern.“ Arian, dem Vyvian direkt nach seinem Aufwachen auf der Krankenstation mitgeteilt hatte, dass er beinahe gestorben sei, lief bei diesen Worten ein kalter Schauder den Rücken hinunter. Diese Worte hatten ihm noch einmal vor Augen geführt, wie nahe ihm der Tod in der letzten Nacht gekommen war. Darüber hinaus rührten sie an eine Erinnerung, die ihn seit seinem Aufwachen beschäftigte. Eine Erinnerung, die er zu verdrängen versucht hatte, weil der Tod in ihr eine gewichtige Rolle spielte. Er hatte versucht, diese Erinnerung als einen Traum abzutun, als ein Hirngespinst der letzten Nacht, aber nach und nach war er zu der Überzeugung gekommen, dass er dies nicht mehr tun konnte. Er war sich nicht mehr sicher, was von den Bildern und Eindrücken, die in seinem Kopf herumspukten, Traum war und was er tatsächlich erlebt hatte. Aus diesem Grund hatte er sich offenbar durch Vyvians Worte genauso betroffen gefühlt, wie der Rest seiner Kollegen.

„Ich habe von Admiral Mihailoff den Befehl erhalten, Licht ins Dunkel zu bringen. Sie hat uns damit beauftragt, dieser Sache auf den Grund zu gehen.“ Gyasi blickte Arian direkt an. „Du wirst dich bereits gefragt haben, wieso überhaupt ein medizinischer Alarm ausgelöst wurde.“ Silver nickte, aber er war erstaunt darüber, dass Gyasi dies so unverblümt ansprach. Direkt anschließend schalt er sich aber selbst für diesen Gedanken, denn das hätte er besser wissen müssen.

Vyvian, der von Arians Gedanken ja nichts mitbekommen hatte, fuhr bereits fort: „Dazu kann ich dir allerdings nur sagen, dass die Admiralin zugegeben hat, deine Kabine immer noch überwachen zu lassen. Sie hat zugegeben, dass dies keineswegs versehentlich geschehen ist. Falls du dir eine Entschuldigung für ihre Anweisung wünschst, sollte dir klar sein, dass du etwas in dieser Art, aus ihrem Mund, nicht hören wirst. Und in Anbetracht der Tatsache, dass du andernfalls jetzt tot wärst, hoffe ich, du gibst dich mit meiner Entschuldigung zufrieden. Ich kann ehrlich sagen, dass es mir leidtut, auf der anderen Seite war ich in Mihailoffs Pläne nicht eingeweiht. Ich hoffe, du glaubst mir, wenn ich sage, ich hätte ihnen auf jeden Fall widersprochen. Mich oder Ywain hat jedoch niemand informiert, geschweige denn nach unserer Meinung gefragt.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich rate dir, auch keinen großen Akt aus etwas zu machen, auf das du, oder auch ich, keinen Einfluss hat. Ich gehe davon aus, dass die Überwachung eingestellt wird, sobald wir Mihailoff davon überzeugen können, dass dir keine Gefahr mehr droht.“ Er zuckte mit den Schultern. Vielleicht wollte er damit andeuten, dass das Thema für ihn damit erledigt war, vielleicht aber auch, dass er keinen Einfluss auf die Entscheidungen der Admiralin hatte. Zumindest nicht in dieser Hinsicht.

Vyvian schaltete den Bildschirm ein, weil er mit seinem Bericht fortfahren wollte. „Wenn ihr euch gleich die Aufzeichnung aus der Krankenstation anseht, möchte ich, dass ihr euch auf die Tatsachen konzentriert und nicht darauf, dass ihr auf den nackten Körper eures Kollegen blickt. Ich möchte, nein, ich setze voraus, dass ihr euch nicht davon ablenken lasst, dass wir es diesmal mit jemandem zu tun haben, der uns persönlich bekannt ist. Wir sind alle Profis, daher gehe ich davon aus, dass dies für niemanden hier am Tisch ein Problem darstellen wird.“

Gyasi startete die Aufzeichnung der medizinischen Geräte, ohne auf weitere Reaktionen der Anwesenden zu warten. Er hatte all dies persönlich beobachten können, aber für alle anderen, einschließlich Arian, war der Kampf der Ärzte um das Leben ihres Patienten etwas Neues. Angespannt und aufmerksam verfolgten sie die Aktionen des medizinischen Personals und beobachteten die Veränderungen des bewusstlosen Körpers in dieser Zeit. Vor allem die Male, die auf einmal auf der Haut erschienen, überraschten alle, aber auch das unerwartete Verschwinden der Hautverfärbungen, falls es sich denn um solche gehandelt haben sollte. Dabei fiel ihnen nur ein einziger Unterschied auf. Keinem von ihnen entging, dass die Male nur langsam verblassten, obwohl sie von einer Sekunde auf die andere entstanden waren.

Nachdem der Bildschirm wieder dunkel geworden war, wollte sich offensichtlich erst einmal niemand von ihnen äußern. Alle dachten wohl intensiv über das nach, was sie gerade gesehen hatten. Und obwohl Kapitän Gyasi sie alle als Profis bezeichnet hatte, und sie das ohne Zweifel auch waren, hatte keiner von ihnen tatsächlich vergessen können, dass der nackte Körper, den sie gerade auf dem medizinischen Tisch liegen gesehen hatten, zu ihrem Kollegen Arian gehörte, der zu aller Erleichterung mit ihnen hier saß.

„Wüsste ich es nicht besser, dann könnte mich niemand davon abbringen, ich hätte eben einen Teilnehmer, oder das Opfer, einer Schlägerei gesehen“, ließ sich Batut als erste vernehmen. Sie war auf diesem Gebiet gewiss eine Expertin, hatte sie doch, in ihren jüngeren Jahren, zahlreiche, einschlägige und sehr persönliche Erfahrungen in dieser Hinsicht gesammelt. Bevor sie zur Flotte kam, hatte sie quasi dem Hobby „Schlägerei“ mit großem Enthusiasmus gefrönt. Und auch mit großem Erfolg. Inzwischen praktizierte sie das nur noch auf einer professionellen Ebene.

„Und ich wäre der erste, der dir zustimmen würde“, entgegnete ihr Arian. „Allerdings bin ich mir in Hinsicht auf meinen Aufenthaltsort, während der letzten Nacht, absolut sicher. Und genauso sicher bin ich mir dabei, dass ich nicht zum Schlafwandeln neige. Davon abgesehen muss ich sagen, dass mich das abrupte Auftauchen dieser ‚Hämatome‘ ziemlich erschreckt hat.“ Ihm lief ein kalter Schauer den Rücken hinab, denn ihn plagte wieder diese Erinnerung, bei der er sich immer noch nicht sicher war, ob sie tatsächlich echt war oder mit seinem seltsamen Traum zusammenhing.

Mehr noch als die Abbilder der Hämatome hatte ihn der Abdruck auf seiner Kehle verunsichert. Genauer gesagt, hatte ihn dieser Teil der Aufzeichnung bis ins Mark erschüttert, handelte es sich doch bei dem Körper, auf den alle starrten, um seinen eigenen. Und genau wie die anderen und genau wie die Ärzte hatte er keine Erklärung für das Vorgefallene parat. Zumindest keine rationale. Aber er besaß diese unleidlichen Erinnerungen, diese verstörenden Szenen, die ihm sein Hirn seit dem Aufwachen immer wieder anbot. Und sie waren ganz eindeutig mit der letzten Nacht verknüpft. Es waren Erinnerungen, denen er misstraute und die trotzdem die einzigen Anhaltspunkte waren, die er hatte. Deshalb blieb ihm nichts anderes übrig, als sie zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen zu machen. Er wusste auch, dass er nicht umhinkam, sie mit seinen Kollegen zu erörtern. Aber in diesem Moment sah er sich noch nicht in der Lage dazu.

Deshalb versuchte er sich dem Thema erst einmal aus einer anderen Richtung zu nähern. „Was hatten die Ärzte über meinen Zustand zu sagen, Vyvian? Ich weiß, du hast uns bereits mitgeteilt, dass sie bisher nichts über die Gründe herausbekommen haben, trotzdem muss ich dich fragen, was mit mir los war. Über das Offensichtliche hinaus...“. Er zeigte kurz mit der linken Hand auf den Bildschirm, während er Gyasi weiterhin unverwandt ansah.

Sein Vorgesetzter blickte kurz auf die Unterlagen, die er vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatte. „Ich mache es kurz, Arian. Ich kann dir nur sagen, dass dein Herz aufgehört hatte zu schlagen. Und nach Meinung der Ärzte lag dies ausschließlich an dem Stress, dem dein Körper ausgesetzt war.“

Diese Antwort gefiel Arian überhaupt nicht, aber dies machte sie nicht weniger wahr. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich dem Kernpunkt der Angelegenheit weiter zu nähern. Mit aller gebotenen Vorsicht. „Kann ich darunter Stress in der Art verstehen, als wenn ich panisch um mein Leben gekämpft hätte?“, stellte Arian dem Leiter der Einsatzgruppe daher die nächste Frage.

Diesmal war es Delacroix, der ihm antwortete. „Wir wissen alle, dass ein Kampf auf Leben und Tod zu Panik und Stress führt, aber er führt auch immer zur Ausschüttung von Adrenalin und noch anderen Stoffen. Fällt die Reaktion deines Körpers noch in diesen Bereich? Oder ging das nicht eher darüber hinaus.“

Arian nickte, da er dem Quebecer recht geben musste. Schließlich war dies etwas, mit dem jeder von ihnen bereits Erfahrungen hatte sammeln dürfen. Zumindest jeder, der sich bereits einmal in einem Außeneinsatz befunden hatte. „Wie sähe es aus, wenn ich gewusst hätte, ich könnte nicht überleben?“ Er musste der Runde jetzt diese provokative Frage stellen.

Sofort erkannte er ohne Problem, dass jeder von ihnen sich intensiv mit seiner Frage beschäftigte. Mayari Batut war schließlich diejenige, die sich dazu äußerste. Sie war die erste, die etwas dazu sagen wollte oder konnte. „Ich bin zwar kein Arzt, aber ich habe kein Problem mit der Vorstellung, dass diese Art von Stress jemanden töten könnte. Für den Betroffenen würde das am Ende ja auch keinen Unterschied mehr machen. Schwierig da eine eindeutige Aussage zu treffen, oder?“ Sie sah die anderen der Reihe nach an.

„Ich neige dazu, dir in dieser Hinsicht zuzustimmen, Mayari. Natürlich bin ich auch kein Arzt.“ Kapitän Gyasi sah Arian scharf an. „Ich frage mich allerdings, worauf du hinaus willst? Oder genauer gesagt, aus welchem Grund hast du deine Frage auf diese Weise formuliert?“

„Glaube mir, ich habe einen gewichtigen Grund dafür, Vyvian. Und ich sage dir auch, worauf ich hinauswill. Ich spreche über die körperliche Reaktion eines Mannes, der am Galgen hängt, Kapitän. Ein Mann, dessen Genick durch den Sturz nicht gebrochen wurde, sondern der langsam durch die Seilschlinge erstickt wird. Auf genau diese Situation will ich hinaus.“ Er hatte inzwischen begriffen, dass er die Erinnerungen aus der letzten Nacht nicht zur Seite schieben durfte, so schwer ihm das auch fiel. Er hatte auch begriffen, dass er sich mit ihnen auseinandersetzen musste, so bizarr sie ihm auch erscheinen mochten. Und obwohl es ihm sehr unangenehm war, musste er sie mit seinen Kollegen teilen, in all ihren schrecklichen Einzelheiten. Auch wenn ihn der Gedanke an die scheinbar endlose Zeitspanne, die er anscheinend in der Schlinge hängend verbracht hatte, schaudern ließ.

Gyasi blätterte in den ihm vorliegenden medizinischen Unterlagen und runzelte dann die Stirn. Offensichtlich hatte er etwas gefunden. „Die Ärzte haben hier tatsächlich vermerkt, dass die Sauerstoffzufuhr zu deinem Hirn für eine Zeitlang stark vermindert war. Dein Körper hat also tatsächlich so reagiert, als würdest du ersticken. Und wenn ich über das von dir angesprochene Szenario nachdenke, fällt mir als erstes ein, dass eine Schlinge genau die Art von Abdruck an deinem Hals hinterlassen hätte, der zu sehen war, Arian.“ Er sah auf. „Ein Abdruck, der allerdings nicht lange sichtbar blieb.“

„Psychosomatisch nennen die Ärzte so etwas, oder?“, Kadett Isaacs hatte mit so leiser Stimme gesprochen, als hätte sie nicht geplant gehabt, diese Worte überhaupt laut zu äußern.

Arian war nicht der einzige, der zustimmend nickte. Und seine Kollegen wirkten noch verwirrter, als er sich fühlte. Jeder - er selbst eingeschlossen - wusste ja, dass er sich in seiner Kabine aufgehalten hatte. Allein. Den Beweis dafür hatte seine anhaltende Überwachung erbracht.

„Wieso hast du ausgerechnet dieses Szenario gewählt?“, wollte der Kapitän von ihm wissen. Es war für alle offensichtlich, dass er auf keinen Fall auf eine Antwort verzichten wollte. Und er würde auch nicht zu lange auf diese warten wollen.

Arians Herz hämmerte wie verrückt und sein Mund wurde trocken. Und doch war ihm klar, dass er über das sprechen musste, was ihm in der letzten Nacht passiert war. Auch wenn er es selbst nicht verstand. Es erfüllte ihn mit großem Schrecken, nur darüber nachzudenken, dass er sich an seinen eigenen Tod erinnern konnte.

„In der letzten Nacht hatte ich einen seltsamen Traum, oder besser gesagt, eine Reihe von Träumen“, begann er mit leiser Stimme. „Als ich heute Morgen so überraschend in der Krankenstation aufgewacht bin – zumindest war es für mich überraschend – war ich erst einmal mit anderen Dingen beschäftigt, wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt. Deshalb habe ich die Erinnerungen an die Nacht erst einmal zur Seite geschoben, auch weil sie mir einfach zu bizarr vorkamen. Ich wollte mich nicht ernsthaft mit ihnen beschäftigen. Aber nachdem ich nun die Aufzeichnungen aus der Krankenstation gesehen habe, muss ich mir eingestehen, dass an meinen Erinnerungen doch etwas dran sein muss.“ Er holte tief Luft. „Für mich ist jetzt auch klar, dass ich euch davon erzählen muss. Zwar fällt mir das nicht leicht, aber mir bleibt nichts anderes übrig, als euch alle Einzelheiten mitzuteilen. Allerdings möchte ich mit ein paar Punkten beginnen, die mir persönlich wichtig sind.“

Er blickte zu Gyasi hinüber, als wenn er ihn um die Erlaubnis bitten würde. Und vielleicht traf das auch tatsächlich zu, denn Arian merkte, dass es ihm nur recht wäre, wenn der andere bestätigen würde, er solle auf seine Weise fortzufahren. Vyvian hatte das wohl ebenfalls gespürt, denn er nickte und teilte ihm so mit, dass er einverstanden war.

„Lasst mich damit beginnen, dass mein Traum aus mehreren einzelnen Episoden bestand, die aber inhaltlich miteinander verbunden waren. Allerdings ist mir dies nicht sofort aufgefallen, da ich sie in chronologisch umgekehrter Reihenfolge durchlebt habe. Zu Beginn des ersten Traums habe ich noch erkannt, dass mit dieser ‚Erinnerung‘ etwas nicht stimmen konnte, aber diese Erkenntnis habe ich schnell verloren und danach bin ich sozusagen in die Rolle eines anderen geschlüpft. Obwohl das so auch nicht ganz richtig ist, denn grundsätzlich bin ich ‚Ich‘ selbst geblieben. Falls ihr das genauso verwirrend findet, wie ich, dann sollte ich euch erklären, ich wusste die ganze Zeit über, dass ich Arian Silver war. Allerdings war ich nicht der ‚Arian Silver‘, den ihr kennt. Ich habe mich selbst nicht gekannt. Die beiden ‚Versionen‘ haben überhaupt nichts miteinander gemein.“ Er blickte die anderen an und fragte sich, ob seine Worte für sie verständlich waren.

„Das scheint mir allerdings eine mehr als ungewöhnliche Art von Traum gewesen zu sein, Arian“, ließ sich Sanluca vernehmen.

„Da kann ich dir nur völlig recht geben, Zahir.“ Arian machte eine kurze Pause und dachte darüber nach, wie er am besten fortfahren sollte. „Die erste – ich nenne sie mal ‚Episode‘ - fand auf einem großen Platz statt, von dem ich nicht wusste, wo er sich befindet. Ich weiß bis jetzt nicht, wo das gewesen sein könnte. Auf diesem Platz war ein Galgen errichtet worden und dieser Galgen stellte den Ort meines Todes dar. Dort wurde ich gehängt. Der Traum war derart realistisch, dass ich selbst jetzt noch das Gefühl habe, mich tatsächlich dort befunden zu haben. Sehr wahrscheinlich hat mein Tod in diesem Traum den Stress ausgelöst, der dann in der realen Welt zu meinem Herzstillstand geführt hat. Ihr müsst aber auch wissen, dass in allen Traumepisoden eine weitere Person eine sehr wichtige Rolle spielte. Damit meine ich, dass diese Person sehr wichtig für mein ‚Traum-Ich‘ war. Ich habe zwar bis zum Ende nicht erkannt, wo ich mich befinde, aber diese Person war mir durchaus bekannt. Bei ihm handelte es sich nämlich um Mizuno Sorken.“

„Wer ist Mizuno Sorken?“, wollte Devid wissen. Der junge Mann hatte bisher noch an keinem Einsatz außerhalb des Gebietes des Planetenbundes teilgenommen und daher fehlte ihm noch das entsprechende Hintergrundwissen, zu dem auch Informationen über diejenigen Personen gehörte, denen man bei solchen Einsätzen, mit großer Wahrscheinlichkeit, begegnen konnte. Oder deren Wirken man entgegenzuarbeiten hatte.

„Mizuno ist einer der wichtigsten Unterhändler des Kartells“, klärte Ywain den jungen Mann auf.

„Ich habe früher mit Sorken zusammengearbeitet“, erläuterte Arian den beiden Kadetten, die noch nicht völlig mit seinem Werdegang vertraut waren. „Zu einer Zeit, als ich noch für das Kartell gearbeitet habe. Damals war er in den Rängen der Unterhändler noch nicht so weit aufgestiegen wie heute. Wir waren auch mehr als nur Kollegen, wir hatten uns angefreundet, obwohl so etwas bei unseren Vorgesetzten nicht gerne gesehen wurde. Aber er hatte gute Verbindungen, daher ließen sie ihm das durchgehen. Allerdings sind wir im Streit auseinandergegangen und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dies hätte nichts damit zu getan gehabt, dass ich schließlich beim Planetenbund gelandet bin.“ Es war nicht einfach für ihn, über diese Zeit zu sprechen, denn er hatte nicht nur einen Freund zurückgelassen, mit dem er nicht mehr einer Meinung hatte sein können. Das war aber nicht weiter verwunderlich, wenn man bedachte, wie fundamental sich das Kartell und der Planetenbund voneinander unterschieden. Er war fest davon überzeugt, dass dies der Hauptgrund war, wieso ihm einige Personen auch nach über fünf Jahren noch nicht trauten.

„In meinem Traum war ich gezwungen, mit anzusehen, wie Sorken gehängt wurde. In diesem Moment war ich sehr erstaunt darüber, ihn dort anzutreffen, aber sein Tod hat mich sehr geschmerzt. Vor allem, weil er auf eine derart grausame Art und Weise sterben musste. In den weiteren Episoden kam es mir dann überhaupt nicht mehr seltsam vor, ihn an meiner Seite zu haben. Wir waren uns sehr, sehr nahe in diesen Träumen, und damit meine ich, wirklich sehr nahe, denn wir waren ein Liebespaar. Und bevor ihr mich fragt, wir sind in Wirklichkeit nie miteinander ins Bett gegangen. Ich habe nie auch nur einen Gedanken an diese Möglichkeit verschwendet und ich glaube auch nicht, dass Sorken je darüber nachgedacht hat. Aber in meinem Traum sah das völlig anders aus. Dort stand für mich fest, dass wir füreinander bestimmt waren.“


Wird fortgesetzt in "Das Matrioschka-Komplott (1) Erinnerungen (Der Menschenraum) - Teil 2"
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo Isabeau,

ich bin noch neu hier und vermute mal, dass es bei Romanprojekten (um so etwas handelt es sich bei deiner "Fortsetzungsgeschichte" ja) keine Exposés (Prämisse, Pitches, Inhaltsangaben, Personenverzeichnis etc.) gibt. Das finde ich persönlich schade. Gäbe es eigentlich die Chance, so etwas separat / vorab / am Anfang einzustellen?

Zu deinem Text:

Arian starrte auf die hölzerne Konstruktion, die direkt vor ihm, in der Mitte des riesigen Platzes, aufragte. Obwohl er sich den Kopf darüber zerbrach, kam er aber einfach nicht darauf, was sie darstellen sollte. Es musste sich aber um etwas Wichtiges handeln, denn außer ihm, (KEIN KOMMA) befanden sich noch viele andere Menschen auf diesem Platz. Und auch sie starrten alle auf diese Konstruktion.
Wenn ich ein Buch kaufe, möchte ich schon wissen, worum es geht. Klappentext. Buchrücken ...
Hier werde ich direkt in die Handlung geworfen und habe keine Ahnung, ob es um Raumschiffe, eine Fantasywelt oder was geht.
Gut, ist den fehlenden o.g. Elementen geschuldet.
Von daher sollte hier der Anfang schon so exakt sein, dass Zeit und Ort und Umstände direkt am Anfang erkannt werden.
Ich lese einen Namen (Arian), höre was über einen Platz und eine Konstruktion. Könnte alles gut zur heutigen Zeit in Erkrath oder Ludenberg stattfinden. Das nur mein Eindruck zur Verortung aus den ersten Sätzen.

aber, aber --> Wortwiederholung so knapp hintereinander sollte man vermeiden

Mir fällt auf, dass du viele Füllwörter benutzt. Die meisten kannst du streichen.
Auch einige Sätze wirken nur wie eine Erklärung des bereits gesagten.

Alles, was ich aufführe, ist nur meine persönliche Meinung.

Zumindest hatte er diesen Eindruck gewonnen, obwohl er den meisten den Rücken zukehrte.
Wofür ist das (in diesem Moment oder später) wichtig, das mit dem Rücken zukehren?

Er konnte sich nämlich beim besten Willen nicht daran erinnern, wo sich dieser Platz befand, aber auch nicht daran, was er hier tat. Ihm war allerdings nicht entgangen, dass die Menschenmenge sich unerwartet ruhig verhielt. Es erschien ihm beinahe so, als wenn der Anblick dieser seltsamen Konstruktion sie hypnotisiert hätte, denn die Stille wurde nur von vereinzelten Rufen durchbrochen. Er selbst kam sich auf jeden Fall so vor, als wenn er hypnotisiert worden wäre.
Hier mal ein paar markierte Füllwörter oder zu umständliche Satzkonstrukte.

"was er hier tat" --> Besser: Was er hier vorhatte. Denn was er tut, sieht man ja, das Anschauen.

"erschien / beinahe so" --> Warum so doppelt eingeschränkt? Schreibe prägnanter.
Z.B. in Gedanken aus der Sicht von Arian: Sind sie denn alle hypnotisiert?, fragte er sich.
"wurde ... durchbrochen" --> Passivsätze sind immer mäh und so schlimm wie "dass-Konstrukte" und unendlich lange Sätze. Schreibe aktiv: "Vereinzelt hörte er Rufe ..."

Gedanken haben auch den Vorteil, dass man den Prota besser kennenlernt. Wie fühlt er sich? Was für ein Typ ist er?

Dabei hilft es generell, auch Gefühle, Gerüche, Ängste im Text einzubauen. Der Leser soll sich bestenfalls selbst in die Situation/Lage des Protas versetzen können. Mitfühlen, mitfiebern ...

Noch einmal, (KEIN KOMMA) versuchte er sich ins Gedächtnis zu rufen, worum es hier ging, aber seine Bemühungen waren vergeblich. Er entschloss sich deshalb, sich vorsichtig umzublicken. Dabei fiel ihm auf einmal auf, dass er selbst an einer Stelle stand, von der aus er nur auf eine Seite dieser Konstruktion blicken konnte. Die Menschen, die sich hinter ihm befanden, standen dagegen vor der, diesen Platz dominierenden, Konstruktion und blickten auf ihre Vorderseite.
Ich würde kürzere Sätze wählen. Diese langen bedürfen großer Aufmerksamkeit. Wenn dann auch mal ein Komma fehlt oder zu viel ist oder es viele (eingeschobene) Nebensätze gibt, lässt die Konzentration schnell nach.
Kürze Sätze im Wechsel mit langen geben auch das Tempo innerhalb der Geschichte an. Kurze wirken z.B. gut in spannenden Szenen.

So weit mein erster Eindruck.

LG, Franklyn
 
Danke für dein Feedback, Francis.

Meine Geschichten unterliegen einem steten Wandel (ich bin nie zufrieden), daher versuche ich alle Anregungen zu verarbeiten. Aber ich muss auch gestehen, dass dieses Projekt noch nicht beendet ist und sich die Story noch ändern könnte.
 
Wenn ich ein Buch kaufe, möchte ich schon wissen, worum es geht. Klappentext. Buchrücken ...
Hier werde ich direkt in die Handlung geworfen und habe keine Ahnung, ob es um Raumschiffe, eine Fantasywelt oder was geht.
Gut, ist den fehlenden o.g. Elementen geschuldet.
Von daher sollte hier der Anfang schon so exakt sein, dass Zeit und Ort und Umstände direkt am Anfang erkannt werden.
Ich lese einen Namen (Arian), höre was über einen Platz und eine Konstruktion. Könnte alles gut zur heutigen Zeit in Erkrath oder Ludenberg stattfinden. Das nur mein Eindruck zur Verortung aus den ersten Sätzen.
Mit einem Klappentext kann ich leider nicht dienen, aber die Geschichte ist als SF gedacht (und soll sich auch so weiterentwickeln). (Wobei SF heutzutage ein sehr großes Gebiet darstellt).

Ich liebe es, wenn ein Buch mich mit in die Handlung hineinwift. Ich liebe es auch, wenn die Autorin/der Autor mir nach und nach seine Welt enthüllt, da gibt es hier eben keine Einleitung (wenn du auch nicht der einzige bist, der das moniert).

Ich denke aber über jede Anregung nach, es kann allerdings etwas dauern, bis sich das dann in der Geschichte wiederspiegelt.
 
Hallo Isabeau,

ich verstehe es so, dass du deine Geschichte immer weiterschreibst, ohne zumindest eine Skizze zu haben, wohin die Reise gehen soll? Stelle ich mir unmöglich vor.

Ich denke aber über jede Anregung nach, es kann allerdings etwas dauern, bis sich das dann in der Geschichte wiederspiegelt.
Das finde ich gut.
Ich denke, es gibt allein schon hier im ersten Teil genug Dinge, die man umsetzen kann, mit in die nächsten Teile nehmen kann, bevor man immer (gleich) wieder schreibt.

Ein paar Beispiele (neben den o.g. RS-/orthografischen Fehlern, die man sofort bearbeiten sollte, damit weitere Leser nicht wieder drüber stolpern):

Schau mal: In den beiden ersten Absätzen wird 7 mal Konstruktion genannt. Vielleicht könntest du ab und an mal ein Synonym verwenden wie Bau, Gebilde, Bauwerk, Errichtung.

kam er aber einfach nicht darauf, was sie darstellen sollte.
Du ziehst das alles sooo in die Länge, um womöglich Spannung zu erzeugen. Aber das funzt m.E. nicht. Und: Was ist daran so schwer, einen Galgen zu erkennen?

Die ganzen ersten vier Absätze drehen sich m.E. im Kreis. Es geht überhaupt nicht voran.
Es geht nur ums Beobachten, Starren, Sehen, Blicken, Erkennen, Feststellen ... (Gähn)

starrte auf die hölzerne Konstruktion,
Und auch sie starrten alle auf diese Konstruktion.
als herauszufinden, auf was er und die anderen hier so aufmerksam blickten.
ich vorsichtig umzublicken.
dieser Konstruktion blicken konnte.
Dann sah er genauer hin
nicht übersehen dürfen
Arian sandte seinen Blick
ging sein Blick sofort wieder
hatten einen guten Blick
und blickte Arian direkt an
er nämlich erkannt, um wen es sich bei der Person handelte, die dort oben, mit dem Hals in der Schlinge, stand. Voller Schrecken musste Arian feststellen,
seiner Beobachtung
nicht mehr gesehen hatte
Das nur ein paar Beispiele. Habe bestimmt noch einige übersehen, weil ich es einfach nur noch – wegen Stillstand in der Story – überfliegen konnte.

Folgende Tipps kann ich dir allgemein geben: Kürzen, Kürzen, Kürzen. Konkreter, prägnanter schreiben. Synonyme verwenden. Auf die Handlung konzentrieren.

LG, Franklyn
 
Vielleicht war die Veröffentlichung hier noch etwas verfrüht, allerdings benötige ich auch Anregungen von anderen, um überhaupt weiterzukommen. Ansonsten sehe ich ja alles nur mit dem (internen) Autorenblick.
 


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