No quiero un corazón quieto,
ni piedra ni flor marchita.
Quiero el que sangra y tiembla,
porque aún en su herida... grita.
Ich will kein stilles Herz,
keinen Stein, keine welke Blume.
Ich will, dass es blutet und zittert,
denn selbst in seiner Wunde... schreit es.
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Einmal schlich ich mich nachts aus dem Haus und kletterte auf den alten Kirschbaum im Garten.
Als ich in den Himmel schaute, war er so weit und hell wie ein weit geöffnetes Fenster, und ich fühlte mich plötzlich leichter, als hätte jemand die Fäden gelöst, an denen der Tag noch an mir hing.
Ich dachte an all die Worte, die ich tagsüber verschluckt hatte, und wie sie nun, hier zwischen Ast und Sternen, langsam in mir zu brennen begannen. Kein Verbot reichte bis hier oben, keine Forderung, nur diese ungeheure Weite, die mich ansah, als hätte sie längst gewusst, dass ich kommen würde.
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Málaga, im Juli
I
...Irgendwie bin ich froh, dass der Tag endlich vorbei ist – obwohl es mein Geburtstag war. Oma hat vorhin am Telefon gesagt, ich solle zufrieden und dankbar sein für das, was ich habe. Das sagt Oma immer. Und ich bin ja dankbar, nur zufrieden fühle ich mich trotzdem nicht.
Papa war heute schon sehr früh wach. In der Küche stand der Tisch gedeckt, fast festlich: frisches Brot, Honigmelone, Erdbeeren. Der Orangensaft war frisch gepresst, mit ein paar Spritzern daneben, als hätte er sich beeilt. In der Mitte des Tischs stand ein Strauß Ranunkeln in der Vase. Er trat hinter mich, legte die Arme um mich und begann ein Geburtstagslied zu singen, völlig schief und albern. Dann drückte er mir einen Kuss auf die Wange und reichte mir ein kleines Päckchen. Ich riss das Papier auf und öffnete die dunkelblaue Schatulle, in der ein goldenes Armband lag, mit einem winzigen Kolibri am Anhänger. So zart, dass es fast zerbrechlich wirkte.
Ich wollte das Armband gerade anprobieren, als Alma in die Küche kam – mit einem Kuchen in den Händen. Zitronenkuchen. Sie hatte eine Kerze hineingesteckt und hielt ihn lächelnd vor sich. Die kleine Flamme flackerte.
Vielleicht wäre der Tag besser verlaufen, wenn ich mir einfach auf die Zunge gebissen und meinen Gram runtergeschluckt hätte. Aber der Duft traf mich wie ein Schlag, so heftig, dass es wehtat.
Ich hörte mich sagen, sie solle aufhören. Dass ich diesen Kuchen nicht will. Dass sie Mama nicht kopieren soll. Dass es nichts besser, sondern alles kaputt macht. Meine Stimme wurde lauter, kratziger, bis es fast schon in meinem Hals brannte. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, die Worte purzelten einfach aus mir heraus, ungefiltert und hässlich. Ich wollte, dass sie hört, wie sehr es wehtut, aber erst als ich Almas Gesicht sah, merkte ich, was ich da eigentlich anrichtete. Alma sah mich mit großen Augen an, als verstünde sie nicht. Dann kamen ihre unbeholfenen Aber-Aber-Sätze. Ich ließ sie nicht ausreden. Alma senkte den Kopf, ihre Lippen formten sich zu dünnen Strichen. Sie stellte den Kuchen wortlos auf die Anrichte, drehte sich um und ging aus der Küche. Papa schaute ihr nach. Dann zu mir. Dann wieder zur Tür. Für einen Moment stand er nur da, als könnte er nicht entscheiden, wo er mehr gebraucht wurde. Schließlich legte er die Serviette hin und folgte ihr – nicht ohne mir vorher einen wütenden Blick zuzuwerfen.
Am späten Nachmittag kam Ruby, mit einer kleinen Tüte voller bunter Schleifen, die sie – wie sie erzählte – aus alten Geschenkbändern gesammelt hatte. Sie hatte sich einige Bänder in die Haare geflochten und sah aus wie ein überladener Weihnachtsbaum. Ruby wackelte grinsend mit dem Kopf, drückte mich kurz und fragte, ob Geburtstage hier immer so steif seien.
Ich wollte nicht antworten. Der Vormittag hatte mich müde gemacht. Wir setzten uns unter die Zitrusbäume, dorthin, wo die Schatten dichter waren. Die Luft stand still, schwül und schwer. Ruby drehte ein Blatt zwischen den Fingern, als überlege sie, was sie sagen soll. Dann fragte sie plötzlich mit leiser Stimme, ob ich manchmal Angst habe, dass sie weg ist. Für immer. Zum ersten Mal klang Ruby völlig ernst. Sie erzählte, sie liege manchmal wach, wenn ihre Mutter in diesen Ländern sei, in denen es gefährlich ist. Dass sie sich vorstellt, wie etwas passiert – ein Schuss, eine falsche Straße. Und dass sie dann ganz still wird, weil sie nicht weiß, wohin mit dieser Angst.
Ich habe nichts gesagt. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil ich das Gefühl hatte, wenn ich jetzt den Mund aufmache, bricht etwas in mir los, das ich nicht mehr einfangen kann. Dabei hätte ich so gern etwas Tröstliches gesagt. Ruby setzte sich einfach neben mich, ganz nah. Sie zog eines ihrer Bänder aus dem Haar und band es mir ums Handgelenk, direkt neben das Armband mit dem Kolibri. Es war rot.
Jetzt sitze ich vor dem Fenster und betrachte Rubys Band an meinem Arm. Ruby, die einfach nur ist, wie sie ist – und dabei alles so durcheinanderbringt. Ignacio hat einmal zu mir im Streit gesagt, ich sei egoistisch, weil ich als Einzelkind nie gelernt hätte, die Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen. Aber Ignacio hat gar keine Ahnung davon, wie es ist, als Einzelkind aufzuwachsen.
Mir geht so vieles durch den Kopf...
II
...Heute habe ich versucht, Ruby zu zeichnen. Es war einer dieser Nachmittage, an denen die Luft flimmert und selbst die Zikaden erschöpft klingen. Ruby hielt natürlich keine Minute still. Erst lag sie bäuchlings auf dem Rasen, die Beine in der Luft, und beschwerte sich, dass sie sich unmöglich zeichnen lassen könne, wenn sie stillhalten müsse wie ein Stein. Dann sprang sie wie ein Frosch auf, rannte zwischen den Sträuchern umher und zog dabei Grimassen, bis ich den Stift fast weggeworfen hätte.
Ich sagte, sie solle wenigstens kurz ruhig bleiben, aber sie meinte nur, ruhig sein sei etwas für Statuen. Ich musste die ganze Zeit lachen und immer wieder neu ansetzen. Am Ende sah Ruby auf der Zeichnung aus wie eine Vogelscheuche mit zu großen Augen. Ruby war trotzdem begeistert und meinte, das sehe nach „innerer Schönheit“ aus.
Papa kam später dazu, brachte uns gekühlte Limonade auf die Terrasse. Er stellte sich zwischen uns, zog einen Stuhl heran und tat so, als würde er das Werk einer großen Künstlerin inspizieren. Ruby beugte sich sofort nach vorne, stolz wie ein Pfau, und Papa nickte ernst, meinte dann mit übertriebener Begeisterung, meine Zeichnung sei ein Meisterwerk, das bestimmt ein halbes Vermögen wert sei.
Dann sah er Ruby und mich an, als würde ihm gerade etwas einfallen. Er sagte, dass wir zusammen mal rausmüssten, ein paar Tage irgendwohin. Vielleicht nach Südfrankreich, Carcassonne oder Collioure. Ich dachte erst, er macht einen Scherz und schaute Papa ungläubig an. Ruby war sofort begeistert und begann laut aufzuzählen, welche Speisen sie dort alle probieren wollte. Sie meinte, ihre Eltern hätten bestimmt nichts dagegen. Doch in mir zog sich augenblicklich etwas zusammen, als er sagte, dass Alma bestimmt auch Lust hätte mitzukommen.
Ich lächelte, weil Papa es tat...