Es schlägt noch

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booklies

Mitglied
In deiner stillen Wohnung stapelt sich dein Leben.
Jede Ecke vibriert, ist bis zum Zerbersten gefüllt.

Wir tauchen ab bis in den Keller,
und wühlen in den Taschen
alter Nerzfellmäntel.
So voll, wie gestopfte Weihnachtsgänse.

Wir lassen los, mit leeren Händen treiben wir hinauf.
In deiner Wohnung fliegt uns um die Ohren,
was du nicht mitnehmen konntest.

Deine Schuhe, Bilder und die Figuren aus Glas.
Wir strecken uns und stecken ein, was hängen bleibt.

Und in all deinem stummen Trubel
stehen wir hier ohne dich,
und wo du weg bist,
ist alles erfüllt von dir.
 
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jon

Mitglied
Das ist natürlich keine Prosa, auch keine Kurzprosa. Aber das nur am Rande.

Ich verstehe das Thema, aber für mich bleibt das alles kopfig. Ob die merkwürdigen Bilder schuld daran sind oder den Effekt nur unterstützen, kann ich nicht bestimmen.

In deiner stillen Wohnung stapelt sich dein Leben.
Jede Ecke vibriert, ist bis zum Zerbersten gefüllt.
  • Das doppelte "dein" mag inhaltlich korrekt sein, fühlt sich aber wie mangelndes Interesse am Stil an.
  • Warum vibrieren nur die Ecken? Und wie kann die Wohnung dann still sein, es muss doch in allen Ecken (die je gefüllt sind) klappern und klirren.
  • Zerbersten ist doppelt gemoppelt, bersten heißt ja schon schlagartig kaputtgehen/aufplatzen.
Wir tauchen ab bis in den Keller,
und wühlen in den Taschen
alter Nerzfellmäntel.
So voll, wie gestopfte Weihnachtsgänse.
  • Die beiden Kommas sind falsch.
  • Abtauchen impliziert ein Medium oder eine Medium-Grenze, durch das/die man taucht. Was ist das hier?
  • Wer oder was ist voll? Formal "wir". Seltsam. Aber auch prall gefüllte Manteltaschen wären seltsam.

Wir lassen los, mit leeren Händen treiben wir hinauf.
In deiner Wohnung fliegt uns um die Ohren,
was du nicht mitnehmen konntest.
  • Was wird losgelassen?
  • Wenn einem etwas um die Ohren fliegt, dann heißt das, es fliegt herum und man steht mitten in dieser Wolke. Seltsam. Und warum fliegt es jetzt, vorhin "vibrierten" nur die Ecke. Sind die etwa inzwischen geborsten (wie immer es aussehen sollte, wenn Ecken bersten)?

Deine Schuhe, Bilder und die Figuren aus Glas.
Wir strecken uns und stecken ein, was hängen bleibt.
  • Wenn Glasfiguren herumfliegen, gibt es schnell Splitter.
  • Warum strecken "wir" uns? Fliegt das alles direkt unter der Zimmerdecke?
  • Woran hängen bleibt?

Und in all deinem stummen Trubel
stehen wir hier ohne dich,
und wo du weg bist,
ist alles erfüllt von dir.
  • Wo sie/er nicht weg ist, ist es nicht erfüllt von ihm/ihr? Seltsam. Und wo ist das?

Und zum Schluss: Was schlägt noch?
 
Hallo noch mal, diesmal auch an jon gewandt.

Mit Interesse habe ich jons Kritik gelesen. Es entstand bei mir vor allem großes Erstaunen darüber, wie unterschiedlich solch ein Text wie "Es schlägt noch" gelesen werden kann. Nun will ich gern reingrätschen, wie beim Fußball. Also unmittelbar reagieren, möglichst ohne Foul den Ball wegschießen, bevor er im Tor landet. Ein seltsames Bild, ich weiß.

In deiner stillen Wohnung stapelt sich dein Leben.
Jede Ecke vibriert, ist bis zum Zerbersten gefüllt.
Ich glaube, das stieß mir beim Lesen auch leicht auf. Ich veränderte für mich in:
In der still gewordenen Wohnung stapelt sich dein Leben.
Jede Ecke vibriert, bis zum Zerbersten gefüllt.

Das Vibrieren beschreibt hier weniger ein tatsächliches physisches Bewegtsein, sondern ist Ausdruck der Wahrnehmung dieser Hinterbliebenen, welche mitderschweren Aufgabe betraut sind, die Wohnung einer (wahrscheinlich verstorbenen) Mutter, Oma, Tante, älteren Freundin (weiblich, weil Nerzfellmäntel, Glasnippes usw.) oder wem auch immer zu räumen - vielleicht sind sie auch nur hier, sich Erinnerungsstücke aus der Hinterlassenschaft zu wählen; man erfährt es nicht konkret, aber ich bin auf diese Fährten getreten, weil es mir alles recht anschaulich in diese Richtung geht. Wenn man sich in solch einer Situation befindet, erlebt man schnell einen irren Strudel von Erinnerungen, Emotionen, Gedanken an vielleicht unausgesprochen Gebliebenem, ... und man spürt eine schwere Last des Moments.
Die pralle Fülle der Wohnung und des Kellers deutet darauf hin, dass da jemand wie ein "Messi" gelebt hat, wohinter oft interessante Lebensgeschichten stecken.

Das Bild der vollen Manteltaschen "wie gestopfte Weihnachtsgänse" finde ich genial.
Und dass den Besuchern der stillen Wohnung Dinge um die Ohren fliegen oder alles noch gefüllt ist von dem ehemaligen Bewohner sind Bilder für die Gefühle derer, die mitten in dem überwältigenden Nachlass stehen.
Vielleicht liege ich mit mancher Deutung voll daneben. Ich hoffe, es liest sich nicht übergriffig.


Ach so. Was schlägt noch? Das Wesen des Herzens der nicht mehr anwesenden Person, denke ich.

Manchmal sind mir Texte, die viel Unausgesprochenes beinhalten, ein großes Fragezeichen. Hier aber gefällt mir gerade das Ungewisse, weil dennoch so viel gesagt ist, dass es mir ganz starke Bilder eröffnet.

Und: Ob der Text Kurzprosa, Lyrik oder tagebuchartig genannt werden kann oder sollte, ist mir egal. Er funktioniert. Das ist mir wichtig.
 

jon

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die Gefühle derer, die mitten in dem überwältigenden Nachlass stehen.
… tatsächlich habe ich die emotionale Seite nicht sehen können, alles wirkt eher distanziert, als wären (ich überspitze mal) "Nachlassplünderer" am Werk. Vielleicht würde es schon helfen, wenn mit dem Objekten Erinnerungen verbunden werden.
 
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booklies

Mitglied
Komische Bilder :D danke für deine ehrliche Analyse! Hier finde ich es aber auch vor allem ironisch, dass du ihn als kopflastig bezeichnest ;)
 



 
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