Hallo noch mal, diesmal auch an jon gewandt.
Mit Interesse habe ich jons Kritik gelesen. Es entstand bei mir vor allem großes Erstaunen darüber, wie unterschiedlich solch ein Text wie "Es schlägt noch" gelesen werden kann. Nun will ich gern reingrätschen, wie beim Fußball. Also unmittelbar reagieren, möglichst ohne Foul den Ball wegschießen, bevor er im Tor landet. Ein seltsames Bild, ich weiß.
In deiner stillen Wohnung stapelt sich dein Leben.
Jede Ecke vibriert, ist bis zum Zerbersten gefüllt.
Ich glaube, das stieß mir beim Lesen auch leicht auf. Ich veränderte für mich in:
In der still gewordenen Wohnung stapelt sich dein Leben.
Jede Ecke vibriert, bis zum Zerbersten gefüllt.
Das Vibrieren beschreibt hier weniger ein tatsächliches physisches Bewegtsein, sondern ist Ausdruck der Wahrnehmung dieser Hinterbliebenen, welche mitderschweren Aufgabe betraut sind, die Wohnung einer (wahrscheinlich verstorbenen) Mutter, Oma, Tante, älteren Freundin (weiblich, weil Nerzfellmäntel, Glasnippes usw.) oder wem auch immer zu räumen - vielleicht sind sie auch nur hier, sich Erinnerungsstücke aus der Hinterlassenschaft zu wählen; man erfährt es nicht konkret, aber ich bin auf diese Fährten getreten, weil es mir alles recht anschaulich in diese Richtung geht. Wenn man sich in solch einer Situation befindet, erlebt man schnell einen irren Strudel von Erinnerungen, Emotionen, Gedanken an vielleicht unausgesprochen Gebliebenem, ... und man spürt eine schwere Last des Moments.
Die pralle Fülle der Wohnung und des Kellers deutet darauf hin, dass da jemand wie ein "Messi" gelebt hat, wohinter oft interessante Lebensgeschichten stecken.
Das Bild der vollen Manteltaschen "wie gestopfte Weihnachtsgänse" finde ich genial.
Und dass den Besuchern der stillen Wohnung Dinge um die Ohren fliegen oder alles noch gefüllt ist von dem ehemaligen Bewohner sind Bilder für die Gefühle derer, die mitten in dem überwältigenden Nachlass stehen.
Vielleicht liege ich mit mancher Deutung voll daneben. Ich hoffe, es liest sich nicht übergriffig.
Ach so. Was schlägt noch? Das Wesen des Herzens der nicht mehr anwesenden Person, denke ich.
Manchmal sind mir Texte, die viel Unausgesprochenes beinhalten, ein großes Fragezeichen. Hier aber gefällt mir gerade das Ungewisse, weil dennoch so viel gesagt ist, dass es mir ganz starke Bilder eröffnet.
Und: Ob der Text Kurzprosa, Lyrik oder tagebuchartig genannt werden kann oder sollte, ist mir egal. Er funktioniert. Das ist mir wichtig.