Flucht über die Nordsee 1: Das Kleid

ahorn

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1. Das Kleid

tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack. Das Rattern einer Nähmaschine erfüllte den seelenlosen Hausflur eines Gründerzeithauses. Die Schallwellen brachen an hüfthoch, giftgrün gefliesten Wänden. Es schien, als drang das Geräusch, das Hämmern der Maschine aus einer Wohnung im zweiten Obergeschoss, tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack. Er wusste, dass er nur diesem Lockruf folgen musste. Das Messer, welches er zuvor geschärft hatte, fest mit seiner Hand umklammernd, schlich er die steinerne Treppe herauf. Es war nicht das erste Mal, dass er sie bestieg. Er kannte sein Ziel. Eine von den Wohnungen, mit geräumig hohen Zimmern und mit Stuckornamenten verzierten Decken, in deren Ecken gerne Spinnen ihre Nester bauen.
Das Schlagen der alten Nähmaschine setzte die Luft in der Diele dieser Wohnung in Schwingung, sodass die weißen Holztüren der Wohnung leicht vibrierten, tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack. Obwohl durch die geöffnete Küchentür die Strahlen der Frühlingssonne fielen, blieb die fensterlose Diele in einem Halbdunkel, welches nicht zum Verweilen einlud.
Sein Vorhaben zwang ihn, den Ort der kommenden Tat zu betreten. Er wollte dem Jungen keine Schmerzen zufügen. Er war kein Mörder. Ein Draufgänger, ein Tunichtgut, ein skrupelloser Hochstapler, das war er. Hatte er eine andere Wahl? Nein! Der Plan der Nichte seiner Geliebten würde ihn nicht zum Mörder machen, aber ein Täter würde er bleiben und sein Opfer für immer Zeuge seiner Tat.
Tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack erklang es wieder.
Aus dem Raum, in dem die Nähmaschine zu stehen schien, verschmolz das Schlagen mit den Schallwellen einer Frauenstimme, die den Namen eines Jungen krächzte.
Der Leichensack ist fertig, dachte er, während seine Hand zitterte. Er würde ihr folgen, sich an ihr vorbeischleichen und ihren Neffen den tödlichen Stich geben.
Die Frau wechselte ihre Stimmlage. Aus dem anfänglichen Krähen wurde ein Schrei.
Das Schlagen verstummte. Eine Tür zum Flur flog auf. Eine grauhaarige, buckelige Frau in einem bodenlangen rattengrauen Gewand trat in die Diele. Ihr langes zu einem Dutt geknüpftes Haar schimmerte im fahlen Licht, während sie durch den Flur stampfte. Bei jedem Schritt knackten die hölzernen Dielen, als wollten sie die Alte begleiten. Das Flehen des Bodens verstummte im selben Moment, als sie die Zimmertür des anliegenden Raumes erreichte und stehen blieb. Ihre blutroten Fingerspitzen umschlangen den Knauf der Tür. Sie öffnete die sich wehrende Tür und ihr Kopf lugte durch den Spalt. Ihre flehende Stimme …


»Torben!«, dröhnte es durch den Flur in das Kinderzimmer.
Der Junge versteckte das Buch unter einer auf seinem Schreibtisch liegenden Mappe.
»Mensch! Hörst du mich nicht?«, donnerte eine kräftige Frauenstimme.

Torben als normales Kind zu bezeichnen, hätte ihn beleidigt. Er war Stolz darauf, anders zu sein. Gern grenzte er sich von den Mitschülern ab. Den schreienden Jungen, die wild einem Ball hinterherliefen. Ihre Freunde in den Schwitzkasten nahmen, bis sie mit hochroten Kopf zusammensackten. Er brauchte sie nicht, nicht die blauen Flecke, wenn er es doch einmal versuchte, ihnen näher zu kommen. Mit stechenden Blick wehrte er jeden Spickversuch eines Mädchens ab. Dann umklammerte, schütze, er sein Wissen vor diesen nichtwissenden Eindringlingen.
Meist saß er allein mit erhobenen Kopf, der Genialität, die er besaß, bewusst, lauschte den Ausführungen der Lehrkräfte und half ihm beim Versagen der unfähigen Schüler.
Er hatte wahre Gefährten, die ihn in verstanden, die mit ihm sprachen, egal an welchen Ort, gleichgültig zu welcher Stunde. Die Bücher, die Literatur der Welt, die ihn abholte, ja ihn gefangen nahm. Er las alles, sogar Kochrezepte oder Handarbeitsanleitungen seiner Tante, wenn ihm keine anspruchsvolle Lektüre zur Verfügung stand. Am liebsten las er Kurzgeschichten manchmal Novellen, die er aus Sammlungen kopierte und auf dem Smartphone speicherte. Damit er sie jederzeit griffbereit hatte, um in ihnen zu schmökerte, bis er in der Lage war sie zu rezitieren. Ein Umstand, der ihm in der Schule den Spitznamen Cicero einbrachte, von dem geschrieben wurde, dass er nachts durch Rom wandelte, seine Plädoyers einstudierte.
Wie dieser große Politiker, Anwalt und Philosoph murmelten die Texte, einzig unterbrochen vom Kauen seiner Lieblingsspeise – Streuselkuchen, aus seinem Mund. Nur, dass er nicht wandelte sonder schlich.

Er strich sein currygelbes Haar zurück, gab vor, das Arbeitsblatt auf seinem Schreibtisch zu studieren.
Die Frau betrat den Raum. »Torben!«, zischte sie, stemmte ihre Fäuste in die Taille.
»Ja!« Er sengte den Kopf.

Tante Bärbel hatte die Blütezeit ihres Leben überschritten. Die Frau ruhte, ihren Fähigkeiten bewusst, mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Sie konzentrierte sich auf das Wesentliche und lehnte ab, was sie für Träumereien hielt, hatte ihre Prinzipien, die oft im Widerspruch zu ihren Glauben standen. Die herrschsüchtigen Ansprüche, gepaart mit ihrer Barmherzigkeit, hatten ihr den Beinamen Admiral eingebracht. Denn das war sie. Sie lenkte ihre Flotte ohne Widerstreit, dennoch mit Seele, um ihre Schlacht zu gewinnen.

Bärbel schritt auf ihren Neffen zu. »Schau mich an, wenn ich mit dir spreche.«
Torben wandte sich der Frau zu, sah in ihre Richtung, knetete die Finger.
»Tante du siehst nicht gut aus«, murmelte er, wich ihrem stechenden Blick aus.
»Kind, sitzt du mehrere Nächte vor der Nähmaschine«, stöhnte sie, drückte die Hände an die Rippen, schwang den Kopf mit verzerrten Gesicht von einer auf die andere Schulter. »Ich habe schon einen krummen Rücken.« Bärbel reckte die Arme in die Höhe, verschränkte sie hinter dem Genick. »Du wolltest mir doch helfen!«
Er schielte zum Schreibtisch, zog die Beine überkreuzt unter den Drehstuhl, rieb die Hände. »Ich muss … lernen.«

Tante Bärbel marschierte auf ihren Neffen zu, zog das Buch unter der Mappe hervor, betrachtete den Einband, auf dem ein blutverschmiertes Messer prangte.
»Kind«, schnaufte sie, schlug auf den Buchdeckel, »kannst du nicht etwas anderes lesen?« Sie warf das Buch auf den Schreibtisch, stemmte die Hände in die Taille, atmete tief ein. Wie ein Ballon, dessen Knoten aufspringt, entwich die Luft aus ihren Lungen. »Hanni und Nanni«, lächelte sie und strich über seine Haare, »hat deiner Schwester gefallen.«
Torben verdrehte die Augen.
»Oder Die drei Fragezeichen, das sind herrliche Krimis.«
Er ließ die Schultern hängen und spitzte die Zunge. »Tante, das ist Kinderkram!«, blies er entgegen.
»Mein Liebling!« Sie drohte mit dem Zeigefinger, pumpte sich abermals auf. »Du bist erst zwölf!«
»Fast dreizehn«, warf er ein.
»Dann lies Liebesroman«, zischte sie und presste ihr Kinn auf den Hals, »da fließt kein Blut und niemanden wird der Kopf abgerissen.«
Torben öffnete den Mund, als wolle er sein Frühstück hervorwürgen.
Bärbel stupste seinen Hinterkopf an. »Benimm dich und komm mit!«

Er erhob sich, folgte ihr mit gesenktem Blick.
»Morgen kommt deine Schwester«, sang sie, regte die Arme wie ein Apfelpflücker, »und bis dahin müssen wir unbedingt fertig sein.« Sie blieb stehen, wandte ihm das Gesicht zu. »Wir haben es ihr versprochen.«
Torben erinnerte sich nicht an eine derartige Beteuerung.

In dem Raum angekommen, in dem die Nähmaschine stand, wies die Frau ihrem Neffen an, sich seines Jogginganzugs zu entledigen.
»Muss das sein!«, knurrte er.
Bärbel verschränkte ihre Arme.
»Stell dich nicht an. In unserer Wohnung kann dich niemand beobachten und außerdem …«. Sie schloss die Augen.
Torben sackte zusammen »… kann ich besser an einem Menschen, als an einer Schneiderpuppe … bla, bla.«
»Werde nicht frech!« Sie erhob die Hand. »Sei still! Stell dich bitte dort drauf und zappel nicht.«
Er stellte sich auf die Kiste. Sie streifte ihm einen schweren seidig-glänzenden Rock über die Beine, den er festhielt. Sie nahm das zugehörige Oberteil, zog es Torben an, befestigte es mit Stecknadeln am Rock.
»Na, mein Schatz hat doch gar nicht wehgetan«, grinste sie und betrachtete ihr Werk. »Meine Tanja wird begeistert sein!«

Das Brautkleid war für seine Schwester. Schneidern war Bärbels Leidenschaft. Sie hatte den Beruf erlernt. Gearbeitet hatte sie nie als Schneiderin, wenn man von dem vielen Stunden absah, die sie für Bekannte, Freunde und die Familie ihrem Hobby nachging. Was sie nach ihrer Ausbildung unternommen hatte, gab sie nicht preis. Sie erzählte nie von früher. Außer, dass damals die Welt in Ordnung war, bis das Unglück über sie kam. Er konnte nicht einmal sagen, ob er das Elend war oder der Autounfall, bei den die Eltern kurz nach seiner Geburt starben. Tante Bärbel die Zwillingsschwester von Torbens Mutter übernahm daraufhin die Pflegschaft von ihm. Sie hatte keine eigenen Kinder.

»Bleib bitte zu Hause?« Sie befreite ihm von dem Kleid. »Ich brauch später kurz deine Hilfe!«, bat sie.
Er quittierte mit einem Kopfnicken, entschwand in seinem Zimmer.
Die Nähmaschine fing wieder an zu rattern.

Es wurde früher Nachmittag. Er erneut versunken in dem Krimi.
»Torben, Torben!«, donnerte es mehrmals.
Der Junge legte das Buch zur Seite, stand auf, trottete der Rufenden entgegen.
Bärbel saß ermattet vor ihrer Nähmaschine. Das schneeweiße Brautkleid lag auf ihren Schoß.
»Dann lass uns sehen, ob ich mich nicht vernäht habe«, zwinkerte sie.
Torben entkleidete sich wieder, diesmal ohne zu murren.
Bärbel hielt ihr Werk über seinen Kopf. Er schlüpfte in das weiße, glänzende Brautkleid, woraufhin sie ihn mit prüfenden Blick umkreiste. Jede einzelne Naht kontrollierte sie auf Perfektion.

Die schwere Wohnungstür fiel ins Schloss.
»Hallo! Hallo! Wo seit ihr?«, erklang eine Frauenstimme aus dem Flur.
»Im Arbeitszimmer!«, antwortete Bärbel.
Die Zimmertür flog auf, eine Frau in einem knappen Minikleid hüpfte herein.
»Tanja!«, rief Torben.
Er wollte zu ihr, verfing sich im Kleid, mehr noch er fiel seiner Tante in die Arme.
»Kannst du nicht aufpassen!«, harschte Bärbel ihn an. »Bleib einfach nur stehen!«
Die Tante half ihm auf die Kiste. Seine Schwester warf ihm ein knappes hallo Torben entgegen. Von ihr hätte er mehr erwartet, als ein hallo Torben, Dankeschön Bruder, dass du dich opferst oder so ähnlich.

Tanja die dritte im Bunde war eine Frau, die das Leben liebte, dieses zeigte. Prinzipien waren ihr fremd. Jeden Tag genoss sie, als würde es ihr Letzter sein. Ein Wink des Schicksals sie in den Abgrund trieb, alles das Nehmen, was sie besaß.
Ihre Launigkeit bereitete ihn oft angst. In einem Moment kabbelten sie, wie gleichaltrige Geschwister. Dann benahm sie sich ihrem Bruder gegenüber, wie eine Mutter zu ihrem unartigen Kind. Manchmal, ignorierte sie ihn.

Nur ein Dankeschön für seine Hilfsbereitschaft.

Er hatte kein Problem damit, für die Tante, als lebende Schneiderpuppe zu fungieren. Es war das erste Mal, dass er ein Brautkleid trug. Für Kinder und Jugendkleidung stand er öfter zur Anprobe, egal, ob für Mädchen oder Jungen. Außer Bärbel sah ihn niemand, wenn er in einem Rock posierte.

Nur ein Dankeschön dafür, dass er seine Zeit geopfert hat.

Die Nichte umarmte ihre Tante, hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.
Woraufhin Bärbel ihre Hand nahm. »Tanja, du schon hier?«, fragte sie.
»Der morgige Flug wurde gestrichen, da habe ich einen früher genommen.« Sie wedelte mit den Fingern vor dem Gesicht. »Der Nächste nach Bremen ist erst Montag«, sie kratzte sich an der Nase, »und dreimal umsteigen wollte ich nicht.«
Tanja stellte zwei Flaschen Sekt auf dem Nähtisch ab, der Rechts neben ihr stand.
»Schau, ich bin fertig geworden.« Bärbel strich über das Kleid. »Wie gefällt es dir?«
Tanja betrachtete das Werk mit leuchtenden Augen.
»Super! Wunderschön!« Sie betastete die kleinen Perlen auf dem breiten Gürtel des Brautkleides. »Wie schön du die Taillenschärpe genäht hast.« Sie tupfte eine Träne vom Lid.

Er hoffte, in diesem Augenblick, an dem sie ihn berührte, eine Spur von Erkenntlichkeit zu bekommen, sie betastete nur den Stoff, der schlaff über seinem Körper hing.
Bärbel ergriff Tanjas Hand, zog ihre Nichte in Richtung der Zimmertür.
»Tanja, du hast bestimmt keinen Bissen zu dir genommen!«, ermahnte sie und legte den Arm um ihre Taille.

Die beiden Frauen verschwanden aus dem Zimmer, jede eine Flasche Sekt in der Hand. Sie ließen den Jungen im Hochzeitskleid allein, gleich einer Modepuppe, deren einziger Sinn darin besteht, die angepriesene Ware zu präsentieren, bis der letzte Kunde das Warenhaus verließ. Mit der Sehnsucht auf die Öffnung der Pforten am nächsten Morgen. Unzählige Kundinnen ihre Kleidung bewunderten. In der Hoffnung, dass eine Person sie wahrnahm.

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Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

Peter

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Moin Ahorn,
das mit der Sau war daneben. Entschuldige bitte! Doch zu den Rechtschreibfehlern… Du hast doch von Jon zum selben Text schon Anmerkungen erhalten und den Text korrigiert/überarbeitet, oder?
Also, die Rechtschreibprüfung von der Fensterfirma hat genau die von mir markierten Rechtschreibfehler und grammatischen Ungereimtheiten herausgefunden. Damit du das nicht falsch verstehst… ich bin nicht explizit auf Fehlersuche gegangen. Ich hatte deinen Text lediglich in ein Word-Dokument kopiert und auf einen zweiten Bildschirm gepackt, damit ich parallel lesen und Anmerkungen machen konnte. Und Word hat die Sachen angezeigt. Eine Standartrechtschreibprüfung würde dir wirklich weiterhelfen!
Habe im Forum, weis nicht wo, gelesen, dass ein weitestgehend fehlerfreier Text so etwas wie ein Akt der Höflichkeit ist. Dem stimme ich zu.
Mit welchem Schreibprogramm arbeitest du? Ich nutze am liebsten libreoffice. Wenn ich allerdings im flow bin, dann arbeite ich mit Word und einer Dragon-Spracherkennung. Dann diktiere ich. Geht leider nicht mit libreoffice. Aber nur mal rüber mit deinen Tipps zu Hilfsmitteln!
Ich weiß nicht, wie „quote“ eingebaut wird. Sry. Wer ist den der ominöse Autor? Damit ich gewarnt bin
 

ahorn

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Hallo Peter,
die ... habe ich mit einem Schmunzeln gestrichen.
Den Rest schicke ich dir, wenn ich Zeit habe per E-Mail!

Ahorn
 

ahorn

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1. Das Kleid

tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack. Das Rattern einer Nähmaschine erfüllte den seelenlosen Hausflur eines Gründerzeithauses. Die Schallwellen brachen an hüfthoch, giftgrün gefliesten Wänden. Es schien, als drang das Geräusch, das Hämmern der Maschine aus einer Wohnung im zweiten Obergeschoss, tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack. Er wusste, dass er nur diesem Lockruf folgen musste. Das Messer, welches er zuvor geschärft hatte, fest mit seiner Hand umklammernd, schlich er die steinerne Treppe herauf. Es war nicht das erste Mal, dass er sie bestieg. Er kannte sein Ziel. Eine von den Wohnungen, mit geräumig hohen Zimmern und mit Stuckornamenten verzierten Decken, in deren Ecken gerne Spinnen ihre Nester bauen.
Das Schlagen der alten Nähmaschine setzte die Luft in der Diele dieser Wohnung in Schwingung, sodass die weißen Holztüren der Wohnung leicht vibrierten, tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack. Obwohl durch die geöffnete Küchentür die Strahlen der Frühlingssonne fielen, blieb die fensterlose Diele in einem Halbdunkel, welches nicht zum Verweilen einlud.
Sein Vorhaben zwang ihn, den Ort der kommenden Tat zu betreten. Er wollte dem Jungen keine Schmerzen zufügen. Er war kein Mörder. Ein Draufgänger, ein Tunichtgut, ein skrupelloser Hochstapler, das war er. Hatte er eine andere Wahl? Nein! Der Plan der Nichte seiner Geliebten würde ihn nicht zum Mörder machen, aber ein Täter würde er bleiben und sein Opfer für immer Zeuge seiner Tat.
Tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack erklang es wieder.
Aus dem Raum, in dem die Nähmaschine zu stehen schien, verschmolz das Schlagen mit den Schallwellen einer Frauenstimme, die den Namen eines Jungen krächzte.
Der Leichensack ist fertig, dachte er, während seine Hand zitterte. Er würde ihr folgen, sich an ihr vorbeischleichen und ihren Neffen den tödlichen Stich geben.
Die Frau wechselte ihre Stimmlage. Aus dem anfänglichen Krähen wurde ein Schrei.
Das Schlagen verstummte. Eine Tür zum Flur flog auf. Eine grauhaarige, buckelige Frau in einem bodenlangen rattengrauen Gewand trat in die Diele. Ihr langes zu einem Dutt geknüpftes Haar schimmerte im fahlen Licht, während sie durch den Flur stampfte. Bei jedem Schritt knackten die hölzernen Dielen, als wollten sie die Alte begleiten. Das Flehen des Bodens verstummte im selben Moment, als sie die Zimmertür des anliegenden Raumes erreichte und stehen blieb. Ihre blutroten Fingerspitzen umschlangen den Knauf der Tür. Sie öffnete die sich wehrende Tür und ihr Kopf lugte durch den Spalt. Ihre flehende Stimme …

(*OB*Torben?*OB*)
»Toni!«, dröhnte es durch den Flur in das Kinderzimmer.
Er hasste es, wenn sie ihn so rief. Torben war sein Name, dass sie es nicht akzeptierte, ärgerte ihn. Er versteckte das Buch unter einer auf seinem Schreibtisch liegenden Mappe.
»Mensch! Hörst du mich nicht?«, donnerte die kräftige Frauenstimme.

Torben als normales Kind zu bezeichnen, hätte ihn beleidigt. Er war Stolz darauf, anders zu sein. Gern grenzte er sich von den Mitschülern ab. Den schreienden Jungen, die wild einem Ball hinterherliefen. Ihre Freunde in den Schwitzkasten nahmen, bis sie mit hochroten Kopf zusammensackten. Er brauchte sie nicht, nicht die blauen Flecke, wenn er es doch einmal versuchte, ihnen näher zu kommen. Mit stechenden Blick wehrte er jeden Spickversuch eines Mädchens ab. Dann umklammerte, schütze, er sein Wissen vor diesen nichtwissenden Eindringlingen.
Meist saß er allein mit erhobenen Kopf, der Genialität, die er besaß, bewusst, lauschte den Ausführungen der Lehrkräfte und half ihm beim Versagen der unfähigen Schüler.
Er hatte wahre Gefährten, die ihn in verstanden, die mit ihm sprachen, egal an welchen Ort, gleichgültig zu welcher Stunde. Die Bücher, die Literatur der Welt, die ihn abholte, ja ihn gefangen nahm. Er las alles, sogar Kochrezepte oder Handarbeitsanleitungen seiner Tante, wenn ihm keine anspruchsvolle Lektüre zur Verfügung stand. Am liebsten las er Kurzgeschichten manchmal Novellen, die er aus Sammlungen kopierte und auf dem Smartphone speicherte. Damit er sie jederzeit griffbereit hatte, um in ihnen zu schmökerte, bis er in der Lage war sie zu rezitieren. Ein Umstand, der ihm in der Schule den Spitznamen Cicero einbrachte, von dem geschrieben wurde, dass er nachts durch Rom wandelte, seine Plädoyers einstudierte.
Wie dieser geniale Politiker, Anwalt und Philosoph murmelten die Texte, einzig unterbrochen vom Kauen seiner Lieblingsspeise – Streuselkuchen, aus dem Mund. Nur, dass er nicht wandelte sonder schlich.

(*OB*Torben*OB*)Er strich sein currygelbes Haar zurück, gab vor, das Arbeitsblatt auf seinem Schreibtisch zu studieren.
Bärbel betrat den Raum. »Toni!«, zischte sie, stemmte ihre Fäuste in die Taille.

Tante Bärbel hatte die Blütezeit ihres Leben überschritten. Die Frau ruhte, ihren Fähigkeiten bewusst, mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Sie konzentrierte sich auf das Wesentliche und lehnte ab, was sie für Träumereien hielt, hatte ihre Prinzipien, die oft im Widerspruch zu ihren Glauben standen. Die herrschsüchtigen Ansprüche, gepaart mit ihrer Barmherzigkeit, hatten ihr den Beinamen Admiral eingebracht. Denn das war sie. Sie lenkte ihre Flotte ohne Widerstreit, dennoch mit Seele, um ihre Schlacht zu gewinnen.


»Ja!« Er sengte den Kopf.
Bärbel schritt auf ihren Neffen zu. »Schau mich an, wenn ich mit dir spreche.«
Torben wandte sich ihr zu, sah in ihre Richtung, knetete die Finger.
»Tante du siehst nicht gut aus«, murmelte er, wich ihrem stechenden Blick aus.
Sie drückte die Hände an die Rippen, schwang den Kopf mit verzerrten Gesicht von einer auf die andere Schulter. »Sitzt du mehrere Nächte vor der Nähmaschine«, stöhnte sie, »Ich habe einen krummen Rücken.« Bärbel reckte die Arme in die Höhe, verschränkte sie hinter dem Genick. »Du wolltest mir doch helfen!«
Er schielte zum Schreibtisch, zog die Beine überkreuzt unter den Drehstuhl, rieb die Hände. »Ich muss … lernen.«

Bärbel marschierte auf ihren Neffen zu, zog das Buch unter der Mappe hervor, betrachtete den Einband, auf dem ein blutverschmiertes Messer prangte.
»Kind«, schnaufte sie, schlug auf den Buchdeckel, »kannst du nicht etwas anderes lesen?« Sie warf das Buch auf den Schreibtisch, stemmte die Hände in die Taille, atmete tief ein. Wie ein Ballon, dessen Knoten aufspringt, entwich die Luft aus ihren Lungen. »Hanni und Nanni«, lächelte sie und strich über seine Haare, »hat deiner Schwester gefallen.«
Torben verdrehte die Augen.
»Oder Die drei Fragezeichen, das sind herrliche Krimis.«
Er ließ die Schultern hängen und spitzte die Zunge. »Tante, das ist Kinderkram!«, blies er entgegen.
»Mein Liebling!« Sie drohte mit dem Zeigefinger, pumpte sich abermals auf. »Du bist erst zwölf!«
»Fast dreizehn«, warf er ein.
»Dann lies Liebesroman«, zischte sie und presste ihr Kinn auf den Hals, »da fließt kein Blut und niemanden wird der Kopf abgerissen.«
Torben öffnete den Mund, als wolle er sein Frühstück hervorwürgen.
Bärbel stupste seinen Hinterkopf an. »Benimm dich und komm mit!«

Er erhob sich, folgte ihr mit gesenktem Blick. Kurz vor dem Verlassen des Zimmers zwinkerte er einem Foto zu. Ein Bild von einem Segelboot, auf dessen Deck er mit geschwollener Brust stand.

»Morgen kommt deine Schwester«, sang sie, regte die Arme wie ein Apfelpflücker. »Bis dahin müssen wir unbedingt fertig sein.« Sie blieb stehen, wandte ihm das Gesicht zu. »Wir haben es ihr versprochen.«
Dabei betonte sie das wir in einer Tonlage, als hätte er ein Versprechen abgeben. Er erinnerte sich nicht an eine derartige Beteuerung.

Sie beraten den Raum, in dem die Nähmaschine stand. Sie wies ihn an, seines Jogginganzugs auszuziehen.
»Muss das sein!«, knurrte er.
Bärbel verschränkte ihre Arme.
»Stell dich nicht an. In unserer Wohnung beobachten dich niemand und außerdem …«. Sie schloss die Augen.
Torben sackte zusammen »… kann ich besser an einem Menschen, als an einer Schneiderpuppe … bla, bla.«
Sie erhob die Hand. »Werd nicht frech!«, zürnte sie. »Sei still! Stell dich bitte dort drauf und zappel nicht.«
Er stellte sich auf die Kiste. Sie streifte ihm einen schweren seidig-glänzenden Rock über die Beine, den er festhielt. Sie nahm das zugehörige Oberteil, zog es Torben an, befestigte es mit Stecknadeln am Rock.
»Na, mein Schatz hat es wehgetan«, grinste sie und betrachtete ihr Werk. »Meine Tanja wird begeistert sein!«

Das Brautkleid war für seine Schwester. Schneidern war Bärbels Leidenschaft. Sie hatte den Beruf erlernt. Gearbeitet hatte sie nie als Schneiderin, wenn man von dem vielen Stunden absah, die sie für Bekannte, Freunde und die Familie ihrem Hobby nachging. Was sie nach ihrer Ausbildung unternommen hatte, gab sie nicht preis. Sie erzählte nie von früher. Außer, dass damals die Welt in Ordnung war, bis das Unglück über sie kam. Er konnte nicht einmal sagen, ob er das Elend war oder der Autounfall, bei den die Eltern kurz nach seiner Geburt starben. Tante Bärbel die Zwillingsschwester von Torbens Mutter übernahm daraufhin die Pflegschaft von ihm. Sie hatte keine eigenen Kinder.

»Bleib zu Hause«, befahl sie und befreite ihm von dem Kleid. »Ich brauch später erneut deine Hilfe!«, bat sie.
Er quittierte mit einem Kopfnicken, entschwand in seinem Zimmer.
Die Nähmaschine fing wieder an zu rattern.

Es wurde früher Nachmittag. Er erneut versunken in dem Krimi.
(*OB*weiter*OB*)»Toni! Toni!«, donnerte es mehrmals.
Er legte das Buch zur Seite, stand auf, trottete der Rufenden entgegen.
Bärbel saß ermattet vor ihrer Nähmaschine. Das schneeweiße Brautkleid lag auf ihren Schoß.
»Dann lass uns sehen, ob ich mich nicht vernäht habe«, zwinkerte sie.
Torben entkleidete sich wieder, diesmal ohne zu murren.
Bärbel hielt ihm Werk über seinen Kopf. Er schlüpfte in das weiße, glänzende Brautkleid, woraufhin sie ihn mit prüfenden Blick umkreiste. Jede einzelne Naht kontrollierte sie auf Perfektion.

Die schwere Wohnungstür fiel ins Schloss.
»Hallo! Hallo! Wo seit ihr?«, erklang eine Frauenstimme aus dem Flur.
»Im Arbeitszimmer!«, antwortete Bärbel.
Die Zimmertür flog auf, eine Frau in einem knappen Minikleid hüpfte herein.
»Tanja!«, rief Torben.
Er wollte zu ihr, verfing sich im Kleid, mehr noch er fiel seiner Tante in die Arme.
»Kannst du nicht aufpassen!«, harschte Bärbel ihn an. »Bleib einfach nur stehen!«
Die Tante half ihm auf die Kiste. Seine Schwester warf ihm ein knappes hallo Torben entgegen.
Von ihr hätte er mehr erwartet, als ein hallo Torben, Dankeschön Bruder, dass du dich opferst oder ähnlich.

Tanja die dritte im Bunde war eine Frau, die das Leben liebte, dieses zeigte. Prinzipien waren ihr fremd. Jeden Tag genoss sie, als würde es ihr Letzter sein. Ein Wink des Schicksals sie in den Abgrund trieb, alles das Nehmen, was sie besaß.
Ihre Launigkeit bereitete ihn oft angst. In einem Moment kabbelten sie, wie gleichaltrige Geschwister. Dann benahm sie sich ihrem Bruder gegenüber, wie eine Mutter zu ihrem unartigen Kind. Manchmal, ignorierte sie ihn.

Nur ein Dankeschön für seine Hilfsbereitschaft.

Er hatte kein Problem damit, für die Tante, als lebende Schneiderpuppe zu fungieren. Es war das erste Mal, dass er ein Brautkleid trug. Für Kinder und Jugendkleidung stand er öfter zur Anprobe, egal, ob für Mädchen oder Jungen. Außer Bärbel sah ihn niemand, wenn er in einem Rock posierte.

Nur ein Dankeschön dafür, dass er seine Zeit geopfert hat.

Die Nichte umarmte ihre Tante, hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.
Woraufhin Bärbel ihre Hand nahm. »Tanja, du schon hier?«, fragte sie.
»Der morgige Flug wurde gestrichen, da habe ich einen früher genommen.« Sie wedelte mit den Fingern vor dem Gesicht. »Der Nächste nach Bremen ist erst Montag«, sie kratzte sich an der Nase. »Dreimal umsteigen wollte ich nicht.«
Tanja stellte zwei Flaschen Sekt auf dem Nähtisch ab, der Rechts neben ihr stand.
»Schau, ich bin fertig geworden.« Bärbel strich über das Kleid. »Wie gefällt es dir?«
Tanja betrachtete das Werk mit leuchtenden Augen.
»Super! Wunderschön!« Sie betastete die winzigen Perlen auf dem breiten Gürtel des Brautkleides. »Wie schön du die Taillenschärpe genäht hast.« Sie tupfte eine Träne vom Lid.

Er hoffte, in diesem Augenblick, an dem sie ihn berührte, eine Spur von Erkenntlichkeit zu bekommen, sie betastete nur den Stoff, der schlaff über seinem Körper hing.
Bärbel ergriff Tanjas Hand, zog ihre Nichte in Richtung der Zimmertür. »Tanja, du hast bestimmt keinen Bissen zu dir genommen!«, ermahnte sie und legte den Arm um ihre Taille.

Die beiden Damen verschwanden aus dem Zimmer, jede eine Flasche Sekt in der Hand. Sie ließen ihn im Hochzeitskleid zurück.
Gleich einer Modepuppe, deren einziger Sinn darin besteht, die angepriesene Ware zu präsentieren, bis der letzte Kunde das Warenhaus verließ. In Sehnsucht auf das Öffnen der Pforten am nächsten Morgen, damit unzählige Kundinnen ihre Kleidung vergötterten. In Hoffnung auf eine Person, die ihren Schmerz wahrnahm.

weiter zum nächsten Teil 2. Die Wette
 

ahorn

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1. Akt - Die Segel werden gehisst


1. Das Kleid


tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack. Das Rattern einer Nähmaschine erfüllte den seelenlosen Hausflur eines Gründerzeithauses. Die Schallwellen brachen an hüfthoch, giftgrün gefliesten Wänden. Es schien, als drang das Geräusch, das Hämmern der Maschine aus einer Wohnung im zweiten Obergeschoss, tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack. Er wusste, dass er nur diesem Lockruf folgen musste. Das Messer, welches er zuvor geschärft hatte, fest mit seiner Hand umklammernd, schlich er die steinerne Treppe herauf. Es war nicht das erste Mal, dass er sie bestieg. Er kannte sein Ziel. Eine von den Wohnungen, mit geräumig hohen Zimmern und mit Stuckornamenten verzierten Decken, in deren Ecken gerne Spinnen ihre Nester bauen.
Das Schlagen der alten Nähmaschine setzte die Luft in der Diele dieser Wohnung in Schwingung, sodass die weißen Holztüren der Wohnung leicht vibrierten, tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack. Obwohl durch die geöffnete Küchentür die Strahlen der Frühlingssonne fielen, blieb die fensterlose Diele in einem Halbdunkel, welches nicht zum Verweilen einlud.
Sein Vorhaben zwang ihn, den Ort der kommenden Tat zu betreten. Er wollte dem Jungen keine Schmerzen zufügen. Er war kein Mörder. Ein Draufgänger, ein Tunichtgut, ein skrupelloser Hochstapler, das war er. Hatte er eine andere Wahl? Nein! Der Plan der Nichte seiner Geliebten würde ihn nicht zum Mörder machen, aber ein Täter würde er bleiben und sein Opfer für immer Zeuge seiner Tat.
Tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack erklang es wieder.
Aus dem Raum, in dem die Nähmaschine zu stehen schien, verschmolz das Schlagen mit den Schallwellen einer Frauenstimme, die den Namen eines Jungen krächzte.
Der Leichensack ist fertig, dachte er, während seine Hand zitterte. Er würde ihr folgen, sich an ihr vorbeischleichen und ihren Neffen den tödlichen Stich geben.
Die Frau wechselte ihre Stimmlage. Aus dem anfänglichen Krähen wurde ein Schrei.
Das Schlagen verstummte. Eine Tür zum Flur flog auf. Eine grauhaarige, buckelige Frau in einem bodenlangen rattengrauen Gewand trat in die Diele. Ihr langes zu einem Dutt geknüpftes Haar schimmerte im fahlen Licht, während sie durch den Flur stampfte. Bei jedem Schritt knackten die hölzernen Dielen, als wollten sie die Alte begleiten. Das Flehen des Bodens verstummte im selben Moment, als sie die Zimmertür des anliegenden Raumes erreichte und stehen blieb. Ihre blutroten Fingerspitzen umschlangen den Knauf der Tür. Sie öffnete die sich wehrende Tür und ihr Kopf lugte durch den Spalt. Ihre flehende Stimme …


»Toni!«, dröhnte es durch den Flur in das Kinderzimmer.
Er hasste es, wenn sie ihn so rief. Torben war sein Name, dass sie es nicht akzeptierte, ärgerte ihn. Er versteckte das Buch unter einer auf seinem Schreibtisch liegenden Mappe.
»Mensch! Hörst du mich nicht?«, donnerte die kräftige Frauenstimme.

Torben als normales Kind zu bezeichnen, hätte ihn beleidigt. Er war Stolz darauf, anders zu sein. Gern grenzte er sich von den Mitschülern ab. Den schreienden Jungen, die wild einem Ball hinterherliefen. Ihre Freunde in den Schwitzkasten nahmen, bis sie mit hochroten Kopf zusammensackten. Er brauchte sie nicht, nicht die blauen Flecke, wenn er es doch einmal versuchte, ihnen näher zu kommen. Mit stechenden Blick wehrte er jeden Spickversuch eines Mädchens ab. Dann umklammerte, schütze, er sein Wissen vor diesen nichtwissenden Eindringlingen.
Meist saß er allein mit erhobenen Kopf, der Genialität, die er besaß, bewusst, lauschte den Ausführungen der Lehrkräfte und half ihm beim Versagen der unfähigen Schüler.
Er hatte wahre Gefährten, die ihn in verstanden, die mit ihm sprachen, egal an welchen Ort, gleichgültig zu welcher Stunde. Die Bücher, die Literatur der Welt, die ihn abholte, ja ihn gefangen nahm. Er las alles, sogar Kochrezepte oder Handarbeitsanleitungen seiner Tante, wenn ihm keine anspruchsvolle Lektüre zur Verfügung stand. Am liebsten las er Kurzgeschichten manchmal Novellen, die er aus Sammlungen kopierte und auf dem Smartphone speicherte. Damit er sie jederzeit griffbereit hatte, um in ihnen zu schmökerte, bis er in der Lage war sie zu rezitieren. Ein Umstand, der ihm in der Schule den Spitznamen Cicero einbrachte, von dem geschrieben wurde, dass er nachts durch Rom wandelte, seine Plädoyers einstudierte.
Wie dieser geniale Politiker, Anwalt und Philosoph murmelten die Texte, einzig unterbrochen vom Kauen seiner Lieblingsspeise – Streuselkuchen, aus dem Mund. Nur, dass er nicht wandelte sonder schlich.

Er strich sein currygelbes Haar zurück, gab vor, das Arbeitsblatt auf seinem Schreibtisch zu studieren.
Bärbel betrat den Raum. »Toni!«, zischte sie, stützte ihre Fäuste in die Taille.

Tante Bärbel hatte die Blütezeit ihres Leben überschritten. Die Frau ruhte, ihren Fähigkeiten bewusst, mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Sie konzentrierte sich auf das Wesentliche und lehnte ab, was sie für Träumereien hielt, hatte ihre Prinzipien, die oft im Widerspruch zu ihren Glauben standen. Die herrschsüchtigen Ansprüche, gepaart mit ihrer Barmherzigkeit, hatten ihr den Beinamen Admiral eingebracht. Denn das war sie. Sie lenkte ihre Flotte ohne Widerstreit, dennoch mit Seele, um ihre Schlacht zu gewinnen.


»Ja!« Er sengte den Kopf.
Bärbel schritt auf ihren Neffen zu. »Schau mich an, wenn ich mit dir spreche.«
Torben wandte sich ihr zu, sah in ihre Richtung, knetete seine zierlichen Finger.
»Tante du siehst nicht gut aus«, murmelte er, wich ihrem stechenden Blick aus.
Sie drückte ihre faltigen Hände an die Rippen, schwang den Kopf mit verzerrten Gesicht von einer auf die andere Schulter. Das linke Auge verschlossen, verdrehte sie ihren dürren Hals, strich das kastanienbraune gewellte Haar von den eingefallenen Wangen und klemmte es hinter die Ohren. »Sitzt du mehrere Nächte vor der Nähmaschine«, stöhnte sie, »Ich habe einen krummen Rücken.« Bärbel reckte ihre hageren Arme in die Höhe, verschränkte sie am Genick bis die schlaffe Haut des Oberarms, wie das Tuch einer Fahne flatterte. »Du wolltest mir doch helfen!«
Er schielte zum Schreibtisch, zog seine dünnen Beine überkreuzt unter den Drehstuhl, rieb die Hände. »Ich muss … lernen.«

Bärbel marschierte auf ihren Neffen zu, zog das Buch unter der Mappe hervor, betrachtete den Einband, auf dem ein blutverschmiertes Messer prangte.
»Kind«, schnaufte sie, schlug auf den Buchdeckel, »kannst du nicht etwas anderes lesen?« Sie warf das Buch auf den Schreibtisch, stemmte die Hände an ihre gepolsterte Taille, atmete tief ein. Wie ein Ballon, dessen Knoten aufspringt, entwich die Luft aus ihren Lungen. »Hanni und Nanni«, lächelte sie und strich über sein curryfarbenes Haar, »hat deiner Schwester gefallen.«
Torben verdrehte die Augen.
»Oder Die drei Fragezeichen, das sind herrliche Krimis.«
Seine schmächtigen Schultern sanken herab und er spitzte die Zunge. »Tante, das ist Kinderkram!«, blies er entgegen.
»Mein Liebling!« Sie drohte mit ihrem knochigen Zeigefinger, pumpte sich abermals auf. »Du bist erst zwölf!«
»Fast dreizehn«, warf er ein.
»Dann lies Liebesroman«, zischte sie und presste ihr breites Kinn auf den faltigen Hals, »da fließt kein Blut und niemanden wird der Kopf abgerissen.«
Torben öffnete Mund, als wolle er sein Frühstück hervorwürgen.
Bärbel stupste seinen Hinterkopf an. »Benimm dich und komm mit!«

Er erhob sich, folgte ihr mit gesenktem Blick. Kurz vor dem Verlassen des Zimmers zwinkerte er einem Foto zu. Ein Bild von einem Segelboot, auf dessen Deck er mit geschwollener Brust stand.

»Morgen kommt deine Schwester«, sang sie, regte die Arme wie ein Apfelpflücker. »Bis dahin müssen wir unbedingt fertig sein.« Sie blieb stehen, wandte ihm das Gesicht zu. »Wir haben es ihr versprochen.«
Dabei betonte sie das wir in einer Tonlage, als hätte er ein Versprechen abgeben. Er erinnerte sich nicht an eine derartige Beteuerung.

Sie beraten den Raum, in dem die Nähmaschine stand. Sie wies ihn an, seines Jogginganzugs auszuziehen.
»Muss das sein!«, knurrte er.
Bärbel verschränkte ihre Arme vor ihrer ausladenden Brust.
Sie schloss ihre opalgrünen Augen und lies ihre schmalen Lippen hängen. »Stell dich nicht an. In unserer Wohnung beobachten dich niemand und außerdem …«.
Torben sackte zusammen »… kann ich besser an einem Menschen, als an einer Schneiderpuppe … bla, bla.«
Sie erhob ihre schlankgliedrig, faltige Hand. »Werd nicht frech!«, zürnte sie. »Sei still! Stell dich bitte dort drauf und zappel nicht.«
Er stellte sich auf die Kiste. Sie streifte ihm einen schweren seidig-glänzenden Rock über die zierlichen Beine. Er faste an den Bund. Sie ergriff das zugehörige Oberteil, zog es Torben über den Kopf, befestigte es mit Stecknadeln am Unterteil.
»Na, mein Schatz hat es wehgetan«, grinste sie und betrachtete ihr Werk. »Meine Tanja wird begeistert sein!«

Das Brautkleid war für seine Schwester. Schneidern war Bärbels Leidenschaft. Sie hatte den Beruf erlernt. Gearbeitet hatte sie nie als Schneiderin, wenn man von dem vielen Stunden absah, die sie für Bekannte, Freunde und die Familie ihrem Hobby nachging. Was sie nach ihrer Ausbildung unternommen hatte, gab sie nicht preis. Sie erzählte nie von früher. Außer, dass damals die Welt in Ordnung war, bis das Unglück über sie kam. Er konnte nicht einmal sagen, ob er das Elend war oder der Autounfall, bei den die Eltern kurz nach seiner Geburt starben. Tante Bärbel die Zwillingsschwester von Torbens Mutter übernahm daraufhin die Pflegschaft von ihm. Sie hatte keine eigenen Kinder.

»Bleib zu Hause«, befahl sie und befreite ihm von dem Kleid. »Ich brauch später erneut deine Hilfe!«, bat sie.
Er quittierte mit einem Kopfnicken, die Nähmaschine ratterte und er entschwand in seinem Zimmer.

Es wurde früher Nachmittag. Er erneut versunken in dem Krimi.
»Toni! Toni!«, donnerte es mehrmals.
Er legte das Buch zur Seite, stand auf, trottete der Rufenden entgegen.
Bärbel saß die Augen geschlossen, den Oberkörper gebeugt mit hängenden Armen vor ihrer Nähmaschine. Das schneeweiße Brautkleid lag auf ihren Schoß.
»Dann lass uns sehen, ob ich mich nicht vernäht habe«, zwinkerte sie.
Torben entkleidete sich - ohne zu murren.
Bärbel hielt ihm das Werk über den Kopf. Er schlüpfte in das weiße, glänzende Brautkleid. Sie umkreiste ihn mit prüfenden Blick. Jede einzelne Naht kontrollierte sie auf Perfektion.

Die schwere Wohnungstür fiel ins Schloss.
»Hallo! Hallo! Wo seit ihr?«, erklang eine Frauenstimme aus dem Flur.
»Im Arbeitszimmer!«, antwortete Bärbel.
Die Zimmertür flog auf, eine Frau in einem knappen Minikleid hüpfte herein.
»Tanja!«, rief Torben.
Er wollte zu ihr, verfing sich im Kleid, mehr noch er fiel seiner Tante in die Arme.
»Kannst du nicht aufpassen!«, harschte Bärbel ihn an. »Bleib einfach nur stehen!«
Die Tante half ihm auf die Kiste. Seine Schwester warf ihm ein knappes hallo Torben entgegen.
Von ihr hätte er mehr erwartet, als ein hallo Torben, Dankeschön Bruder, dass du dich opferst oder ähnlich.

Tanja die dritte im Bunde war eine Frau, die das Leben liebte, dieses zeigte. Prinzipien waren ihr fremd. Jeden Tag genoss sie, als würde es ihr Letzter sein. Ein Wink des Schicksals sie in den Abgrund trieb, alles das Nehmen, was sie besaß.
Ihre Launigkeit bereitete ihn oft angst. In einem Moment kabbelten sie, wie gleichaltrige Geschwister. Dann benahm sie sich ihrem Bruder gegenüber, wie eine Mutter zu ihrem unartigen Kind. Manchmal, ignorierte sie ihn.

Nur ein Dankeschön für seine Hilfsbereitschaft.

Er hatte kein Problem damit, für die Tante, als lebende Schneiderpuppe zu fungieren. Es war das erste Mal, dass er ein Brautkleid trug. Für Kinder und Jugendkleidung stand er öfter zur Anprobe, egal, ob für Mädchen oder Jungen. Außer Bärbel sah ihn niemand, wenn er in einem Rock posierte.

Nur ein Dankeschön dafür, dass er seine Zeit geopfert hat.

Die Nichte umarmte ihre Tante, hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.
Woraufhin Bärbel ihre Hand ergriff. »Tanja, du schon hier?«, fragte sie.
»Der morgige Flug wurde gestrichen, da habe ich einen früher genommen.« Sie wedelte mit ihren langen Fingern vor dem Gesicht. »Der Nächste nach Bremen ist erst Montag«, sie kratzte sich an der Nase. »Dreimal umsteigen wollte ich nicht.«
Tanja stellte zwei Flaschen Sekt auf dem Nähtisch ab, der Rechts neben ihr stand.
»Schau, ich bin fertig geworden.« Bärbel strich über das Kleid. »Wie gefällt es dir?«
Tanja betrachtete das Werk mit leuchtenden Augen.
»Super! Wunderschön!« Sie betastete die winzigen Perlen auf dem breiten Gürtel des Brautkleides. »Wie schön du die Taillenschärpe genäht hast.« Sie tupfte eine Träne vom Lid.

Er hoffte, in diesem Augenblick, an dem sie ihn berührte, eine Spur von Erkenntlichkeit zu bekommen, sie betastete nur den Stoff, der schlaff über seinem Körper hing.
Bärbel ergriff Tanjas Hand, zog ihre Nichte in Richtung der Zimmertür. »Tanja, du hast bestimmt keinen Bissen zu dir genommen!«, ermahnte sie und legte den Arm um ihre Taille.

Die beiden Damen verschwanden aus dem Zimmer, jede eine Flasche Sekt in der Hand. Sie ließen ihn im Hochzeitskleid zurück.
Gleich einer Modepuppe, deren einziger Sinn darin besteht, die angepriesene Ware zu präsentieren, bis der letzte Kunde das Warenhaus verließ. In Sehnsucht auf das Öffnen der Pforten am nächsten Morgen, damit unzählige Kundinnen ihre Kleidung vergötterten. In Hoffnung auf eine Person, die ihren Schmerz wahrnahm.

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Die Segel werden gehisst

Anker eingeholt
1. Das Kleid

tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack. Das Rattern einer Nähmaschine erfüllte den seelenlosen Hausflur eines Gründerzeithauses. Die Schallwellen brachen an hüfthoch, giftgrün gefliesten Wänden. Es schien, als drang das Geräusch, das Hämmern der Maschine aus einer Wohnung im zweiten Obergeschoss, tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack. Er wusste, dass er nur diesem Lockruf folgen musste. Das Messer, welches er zuvor geschärft hatte, fest mit seiner Hand umklammernd, schlich er die steinerne Treppe herauf. Es war nicht das erste Mal, dass er sie bestieg. Er kannte sein Ziel. Eine von den Wohnungen, mit geräumig hohen Zimmern und mit Stuckornamenten verzierten Decken, in deren Ecken gerne Spinnen ihre Nester bauen.
Das Schlagen der alten Nähmaschine setzte die Luft in der Diele dieser Wohnung in Schwingung, sodass die weißen Holztüren der Wohnung leicht vibrierten, tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack. Obwohl durch die geöffnete Küchentür die Strahlen der Frühlingssonne fielen, blieb die fensterlose Diele in einem Halbdunkel, welches nicht zum Verweilen einlud.
Sein Vorhaben zwang ihn, den Ort der kommenden Tat zu betreten. Er wollte dem Jungen keine Schmerzen zufügen. Er war kein Mörder. Ein Draufgänger, ein Tunichtgut, ein skrupelloser Hochstapler, das war er. Hatte er eine andere Wahl? Nein! Der Plan der Nichte seiner Geliebten würde ihn nicht zum Mörder machen, aber ein Täter würde er bleiben und sein Opfer für immer Zeuge seiner Tat.
Tack … tack, tack, tack … tack … tack, tack, tack erklang es wieder.
Aus dem Raum, in dem die Nähmaschine zu stehen schien, verschmolz das Schlagen mit den Schallwellen einer Frauenstimme, die den Namen eines Jungen krächzte.
Der Leichensack ist fertig, dachte er, während seine Hand zitterte. Er würde ihr folgen, sich an ihr vorbeischleichen und ihren Neffen den tödlichen Stich geben.
Die Frau wechselte ihre Stimmlage. Aus dem anfänglichen Krähen wurde ein Schrei.
Das Schlagen verstummte. Eine Tür zum Flur flog auf. Eine grauhaarige, buckelige Frau in einem bodenlangen rattengrauen Gewand trat in die Diele. Ihr langes zu einem Dutt geknüpftes Haar schimmerte im fahlen Licht, während sie durch den Flur stampfte. Bei jedem Schritt knackten die hölzernen Dielen, als wollten sie die Alte begleiten. Das Flehen des Bodens verstummte im selben Moment, als sie die Zimmertür des anliegenden Raumes erreichte und stehen blieb. Ihre blutroten Fingerspitzen umschlangen den Knauf der Tür. Sie öffnete die sich wehrende Tür und ihr Kopf lugte durch den Spalt. Ihre flehende Stimme …


»Toni!«, dröhnte es durch den Flur in das Kinderzimmer.
Er hasste es, wenn sie ihn so rief. Torben war sein Name, dass sie es nicht akzeptierte, ärgerte ihn. Er versteckte das Buch unter einer auf seinem Schreibtisch liegenden Mappe.
»Mensch! Hörst du mich nicht?«, donnerte die kräftige Frauenstimme.

Torben als normales Kind zu bezeichnen, hätte ihn beleidigt. Er war Stolz darauf, anders zu sein. Gern grenzte er sich von den Mitschülern ab. Den schreienden Jungen, die wild einem Ball hinterherliefen. Ihre Freunde in den Schwitzkasten nahmen, bis sie mit hochroten Kopf zusammensackten. Er brauchte sie nicht, nicht die blauen Flecke, wenn er es doch einmal versuchte, ihnen näher zu kommen. Mit stechenden Blick wehrte er jeden Spickversuch eines Mädchens ab. Dann umklammerte, schütze, er sein Wissen vor diesen nichtwissenden Eindringlingen.
Meist saß er allein mit erhobenen Kopf, der Genialität, die er besaß, bewusst, lauschte den Ausführungen der Lehrkräfte und half ihm beim Versagen der unfähigen Schüler.
Er hatte wahre Gefährten, die ihn in verstanden, die mit ihm sprachen, egal an welchen Ort, gleichgültig zu welcher Stunde. Die Bücher, die Literatur der Welt, die ihn abholte, ja ihn gefangen nahm. Er las alles, sogar Kochrezepte oder Handarbeitsanleitungen seiner Tante, wenn ihm keine anspruchsvolle Lektüre zur Verfügung stand. Am liebsten las er Kurzgeschichten manchmal Novellen, die er aus Sammlungen kopierte und auf dem Smartphone speicherte. Damit er sie jederzeit griffbereit hatte, um in ihnen zu schmökerte, bis er in der Lage war sie zu rezitieren. Ein Umstand, der ihm in der Schule den Spitznamen Cicero einbrachte, von dem geschrieben stand, dass er nachts durch Rom wandelte, seine Plädoyers einstudierte.
Wie dieser geniale Politiker, Anwalt und Philosoph murmelten die Texte, einzig unterbrochen vom Kauen seiner Lieblingsspeise – Streuselkuchen, aus dem Mund. Nur, dass er nicht wandelte sonder schlich.

Er strich sein currygelbes Haar zurück, gab vor, das Arbeitsblatt auf seinem Schreibtisch zu studieren.
Bärbel betrat den Raum. »Toni!«, zischte sie, stützte ihre Fäuste in die Taille.

Tante Bärbel hatte die Blütezeit ihres Leben überschritten. Die Frau ruhte, ihren Künsten bewusst, mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Sie konzentrierte sich auf das Wesentliche und lehnte ab, was sie für Träumereien hielt, hatte ihre Prinzipien, die oft im Widerspruch zu ihren Glauben standen. Die herrschsüchtigen Ansprüche, gepaart mit ihrer Milde, hatten ihr den Beinamen Admiral eingebracht. Denn das war sie. Sie lenkte ihre Flotte ohne Widerstreit, dennoch mit Seele, um ihre Schlacht zu gewinnen.


»Ja!« Er sengte den Kopf.
Bärbel schritt auf ihren Neffen zu. »Schau mich an, wenn ich mit dir spreche.«
Torben wandte sich ihr zu, sah in ihre Richtung, knetete seine zierlichen Finger.
»Tante du siehst nicht gut aus«, murmelte er, wich ihrem stechenden Blick aus.
Sie drückte ihre faltigen Hände an die Rippen, schwang den Kopf mit verzerrtem Gesicht von einer auf die andere Schulter. Das linke Auge verschlossen, verdrehte sie ihren dürren Hals, strich das kastanienbraune gewellte Haar von den eingefallenen Wangen und klemmte es hinter die Ohren. »Sitzt du mehrere Nächte vor der Nähmaschine«, stöhnte sie, »Ich habe einen krummen Rücken.« Bärbel reckte ihre hageren Arme in die Höhe, verschränkte sie am Genick bis die schlaffe Haut des Oberarms, wie das Tuch einer Fahne flatterte. »Du wolltest mir doch helfen!«
Er schielte zum Schreibtisch, zog seine dünnen Beine überkreuzt unter den Drehstuhl, rieb die Hände. »Ich muss … lernen.«

Bärbel marschierte auf ihren Neffen zu, zog das Buch unter der Mappe hervor, betrachtete den Einband, auf dem ein blutverschmiertes Messer prangte.
»Kind«, schnaufte sie, schlug auf den Buchdeckel, »kannst du nicht etwas anderes lesen?« Sie warf das Buch auf den Schreibtisch, stemmte die Hände an ihre gepolsterte Taille, atmete tief ein. Wie ein Ballon, dessen Knoten aufspringt, entwich die Luft aus ihren Lungen. »Hanni und Nanni«, lächelte sie und strich über sein curryfarbenes Haar, »hat deiner Schwester gefallen.«
Torben verdrehte die Augen.
»Oder Die drei Fragezeichen, das sind herrliche Krimis.«
Seine schmächtigen Schultern sanken herab und er spitzte die Zunge. »Tante, das ist Kinderkram!«, blies er entgegen.
»Mein Liebling!« Sie drohte mit ihrem knochigen Zeigefinger, pumpte sich abermals auf. »Du bist erst zwölf!«
»Fast dreizehn«, warf er ein.
»Dann lies Liebesroman«, zischte sie und presste ihr breites Kinn auf den faltigen Hals, »da fließt kein Blut und niemanden wird der Kopf abgerissen.«
Torben öffnete Mund, als wolle er sein Frühstück hervorwürgen.
Bärbel stupste seinen Hinterkopf an. »Benimm dich und komm mit!«

Er erhob sich, folgte ihr mit gesenktem Blick. Kurz vor dem Verlassen des Zimmers zwinkerte er einem Foto zu. Ein Bild von einem Segelboot, auf dessen Deck er mit geschwollener Brust stand.

»Morgen kommt deine Schwester«, sang sie, regte die Arme wie ein Apfelpflücker. »Bis dahin müssen wir unbedingt fertig sein.« Sie blieb stehen, wandte ihm das Gesicht zu. »Wir haben es ihr versprochen.«
Dabei betonte sie das wir in einer Tonlage, als hätte er ein Versprechen abgeben. Er erinnerte sich nicht an eine derartige Beteuerung.

Sie beraten den Raum, in dem die Nähmaschine stand. Sie wies ihn an, seines Jogginganzugs auszuziehen.
»Muss das sein!«, knurrte er.
Bärbel verschränkte ihre Arme vor ihrer ausladenden Brust.
Sie schloss ihre opalgrünen Augen und lies ihre schmalen Lippen hängen. »Stell dich nicht an. In unserer Wohnung beobachten dich niemand und außerdem …«.
Torben sackte zusammen »… kann ich besser an einem Menschen, als an einer Schneiderpuppe … bla, bla.«
Sie erhob ihre schlankgliedrig, faltige Hand. »Werd nicht frech!«, zürnte sie. »Sei still! Stell dich bitte dort drauf und zappel nicht.«
Er stellte sich auf die Kiste. Sie streifte ihm einen schweren seidig-glänzenden Rock über die zierlichen Beine. Er faste an den Bund. Sie ergriff das zugehörige Oberteil, zog es Torben über den Kopf, befestigte es mit Stecknadeln am Unterteil.
»Na, mein Schatz hat es wehgetan«, grinste sie und betrachtete ihr Werk. »Meine Tanja wird begeistert sein!«

Das Brautkleid war für seine Schwester. Schneidern war Bärbels Leidenschaft. Sie hatte den Beruf erlernt. Gearbeitet hatte sie nie als Schneiderin, wenn man von dem vielen Stunden absah, die sie für Bekannte, Freunde und die Familie ihrem Hobby nachging. Was sie nach ihren Lehrjahren unternommen hatte, gab sie nicht preis. Sie erzählte nie von früher. Außer, dass damals die Welt in Ordnung war, bis das Unglück über sie kam. Er konnte nicht einmal sagen, ob er das Elend war oder der Autounfall, bei den die Eltern kurz nach seiner Geburt starben. Tante Bärbel die Zwillingsschwester von Torbens Mutter übernahm daraufhin die Pflegschaft von ihm. Sie hatte keine eigenen Kinder.

»Bleib zu Hause«, befahl sie und befreite ihm von dem Kleid. »Ich brauch später erneut deine Hilfe!«, bat sie.
Er quittierte mit einem Kopfnicken, die Nähmaschine ratterte und er entschwand in seinem Zimmer.

Es wurde früher Nachmittag. Er erneut versunken in dem Krimi.
»Toni! Toni!«, donnerte es mehrmals.
Er legte das Buch zur Seite, stand auf, trottete der Rufenden entgegen.
Bärbel saß die Augen geschlossen, den Oberkörper gebeugt mit hängenden Armen vor ihrer Nähmaschine. Das schneeweiße Brautkleid lag auf ihren Schoß.
»Dann lass uns sehen, ob ich mich nicht vernäht habe«, zwinkerte sie.
Torben entkleidete sich - ohne zu murren.
Bärbel hielt ihm das Werk über den Kopf. Er schlüpfte in das weiße, glänzende Brautkleid. Sie umkreiste ihn mit prüfenden Blick. Jede einzelne Naht kontrollierte sie auf Perfektion.

Die schwere Wohnungstür fiel ins Schloss.
»Hallo! Hallo! Wo seit ihr?«, erklang eine Frauenstimme aus dem Flur.
»Im Arbeitszimmer!«, antwortete Bärbel.
Die Zimmertür flog auf, eine Frau in einem knappen Minikleid hüpfte herein.
»Tanja!«, rief Torben.
Er wollte zu ihr, verfing sich im Kleid, mehr noch er fiel seiner Tante in die Arme.
»Kannst du nicht aufpassen!«, harschte Bärbel ihn an. »Bleib einfach nur stehen!«
Die Tante half ihm auf die Kiste. Seine Schwester warf ihm ein knappes hallo Torben entgegen.
Von ihr hätte er mehr erwartet, als ein hallo Torben, Dankeschön Bruder, dass du dich opferst oder ähnlich.

Tanja die dritte im Bunde war eine Frau, die das Leben liebte, dieses zeigte. Prinzipien waren ihr fremd. Jeden Tag genoss sie, als würde es ihr Letzter sein. Ein Wink des Schicksals sie in den Abgrund trieb, alles das Nehmen, was sie besaß.
Ihre Launigkeit bereitete ihn oft angst. In einem Moment kabbelten sie, wie gleichaltrige Geschwister. Dann benahm sie sich ihrem Bruder gegenüber, wie eine Mutter zu ihrem unartigen Kind. Manchmal, ignorierte sie ihn.

Nur ein Dankeschön für seine Hilfsbereitschaft.

Er hatte kein Problem damit, für die Tante, als lebende Schneiderpuppe zu fungieren. Es war das erste Mal, dass er ein Brautkleid trug. Für Kinder und Jugendkleidung stand er öfter zur Anprobe, egal, ob für Mädchen oder Jungen. Außer Bärbel sah ihn niemand, wenn er in einem Rock posierte.

Nur ein Dankeschön dafür, dass er seine Zeit geopfert hat.

Die Nichte umarmte ihre Tante, hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.
Woraufhin Bärbel ihre Hand ergriff. »Tanja, du schon hier?«, fragte sie.
»Der morgige Flug wurde gestrichen, da habe ich einen früher genommen.« Sie wedelte mit ihren langen Fingern vor dem Gesicht. »Der Nächste nach Bremen ist erst Montag«, sie kratzte sich an der Nase. »Dreimal umsteigen wollte ich nicht.«
Tanja stellte zwei Flaschen Sekt auf dem Nähtisch ab, der Rechts neben ihr stand.
»Schau, ich bin fertig geworden.« Bärbel strich über das Kleid. »Wie gefällt es dir?«
Tanja betrachtete das Werk mit leuchtenden Augen.
»Super! Wunderschön!« Sie betastete die winzigen Perlen auf dem breiten Gürtel des Brautkleides. »Wie schön du die Taillenschärpe genäht hast.« Sie tupfte eine Träne vom Lid.

Er hoffte, in diesem Augenblick, an dem sie ihn berührte, eine Spur von Dank zu bekommen, sie betastete nur den Stoff, der schlaff über seinem Körper hing.
Bärbel ergriff Tanjas Hand, zog ihre Nichte gen Zimmertür. »Tanja, du hast bestimmt keinen Bissen zu dir genommen!«, ermahnte sie und legte den Arm um ihre Taille.

Die beiden Damen verschwanden aus dem Zimmer, jede eine Flasche Sekt in der Hand. Sie ließen ihn im Hochzeitskleid zurück.
Gleich einer Modepuppe, deren einziger Sinn darin besteht, die angepriesene Ware zu präsentieren, bis der letzte Kunde das Warenhaus verließ. In Sehnsucht auf das Öffnen der Pforten am nächsten Morgen, damit unzählige Kundinnen ihre Kleidung vergötterten, hoffte auf eine Person, die ihren Schmerz wahrnahm.


weiter zum nächsten Teil 2. Die Wette
 
Zunächst einmal eine allgemeine Bemerkung: Es ist verdammt umständlich, sich in Mehrteilern hier zurecht zu finden, selbst, wenn man "nur" einen lesen will. Ich habe eine Viertelstunde gebraucht, bis ich hier im ersten Teil war.

Hallo ahorn,

eine Stelle in deinem Text fiel mir sofort auf:

Das Messer, welches er zuvor geschärft hatte, fest mit seiner Hand umklammernd, schlich er die steinerne Treppe herauf. Es war nicht das erste Mal, dass er sie bestieg.
umklammernd - ist ein Partizip und sollte man vermeiden. Besser: "Er hatte das Messer zuvor geschärft und umklammerte es fest mit seiner Hand."

"Es war nicht das erste Mal, dass er sie bestieg" hört sich ziemlich komisch an, wenn man weiß, dass es um die Treppe geht - die "besteigt" "man nicht. Besser wäre:" es war nicht das erste Mal, dass er die Treppenstufen hinauf stieg".

Mehr folgt noch.

LG SilberneDelfine
 

ahorn

Mitglied
Hallo SilberneDelfine,
du hast recht. Durch die Umstellung auf LeLu 2 und einer möglichen Säuberungsaktion fehlt der Einstieg.
Die neueste Version des ersten Teiles "Im süden Afrikas" fehlt vollständige"
Ich wundere mich, dass es seit fast einem halben Jahr keinen Leser aufgefallen ist und bedanke mich herzlich bei dir.
Die neuste Version wird von mir zeitnah eingestellt.
Hier der Link zur Vorversion: Vorversion
Aktuelles Inhaltsverzeichnis: Inhaltsverzeichnis
Gruß
Ahorn
 

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