Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen „kleine Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig
Baruch de Spinoza (1632-1677)
Spinoza wurde in Amsterdam geboren. Er ist der Sohn einer jüdischen Familie, die aus Spanien eingewandert war, da die Juden zu dieser Zeit die Wahl hatten, sich der spanischen, christlichen Umwelt zu unterwerfen, die Taufe anzunehmen oder auszuwandern. Als aussergewöhnlich begabtes Kind wurde Spinoza von seinem Vater für die Laufbahn des Rabbiners bestimmt. Als Jugendlicher studierte Spinoza die Bibel, den Talmud, die mittelalterlichen jüdischen Philosophen, und nachdem er Latein gelernt hatte, auch die mittelalterliche christliche Scholastik, durch ihre Vermittlung die Griechen und schliesslich die neuere Philosophie, insbesondere auch Giordano Bruno und Descartes. Durch diese weitausgreifenden Studien geriet er zu gegensätzlichen Ansichten zu seinen jüdischen Glaubensgenossen. Er war noch nicht vierundzwanzig Jahre alt, hatte noch keine Schriften veröffentlicht, und wurde dennoch, auf Grund mündlichen Äusserungen, der Ketzerei angeklagt, aus der Gemeinde ausgestossen und verbannt, verflucht und verdammt mit allen Flüchen, die im Buche des Gesetzes niedergeschrieben sind – wie es uns erhaltenen Urkunde geschrieben steht. Dies führte Spinoza zur Vereinsamung aber auch zu einer Unabhängigkeit und Freiheit von Vorurteilen. Er lebte in grösster Bescheidenheit und Zurückgezogenheit an verschiedenen Orten in Holland. Obwohl von seinen wesentlichen Schriften, die Aufschluss über sein eigenes Denken geben, zu seinen Lebzeiten nur eine veröffentlicht wurde, verbreitete sich sein Ruhm, teils durch den Umgang mit Freunden, teils durch brieflichen Kontakt mit Männern wie Huyghens und Leibniz, über ganz Europa. Das Angebot im Jahre 1673 an der Universität Heidelberg Philosophie zu lehren lehnte er ab. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit Schleifen von optischen Gläser. Ein Handwerk, das er in seiner Jugend erlernt hatte.
Die Schrift «Theologisch-Politische Traktat» hat Spinoza selbst veröffentlicht. Zu dieser Zeit, im Zeitalter der Glaubenskriege, als jede Konfession ihre eigenen Lehren und Dogmen mit grösster Erbitterung verfocht, löste diese Veröffentlichung einen Sturm aus und Spinoza verzichtete auf weitere Veröffentlichungen. Möglicherweise gab es aber auch keine praktische Möglichkeit für weitere Veröffentlichungen seiner Schriften.
Spinoza geht davon aus, dass die Bibel für das ganze Volk, für die ganze Menschheit offenbart wurde und nicht nur für wenige Auserwählte. Das bedeutet aber, dass die Bibel in einer dem Volke angepassten Sprache und Verfassung angepasst werden musste. Während die Gelehrten die Macht und Grösse Gottes in den unabänderlichen Gesetzen des Weltlaufs erkennen können, glaubt das Volk, dass sich Gott gerade dort offenbart, wo der gewöhnliche Naturablauf durch Wunder durchbrochen wird. Deshalb muss die Heilige Schrift in zweierlei Sinne verstanden und ausgelegt werden. Zitat: «Sie hat gewissermassen eine für das Volk bestimmte Oberfläche, die dessen Verlangen nach einer mit Bildern und Wundern geschmückte Religion entgegenkommt; hinter dieser erblickt der Philosoph – für den diese Oberfläche Widersprüche und Irrtümer enthalten mag – die tiefen und ewigen Gedanken grosser geistiger Führer ihrer Völker und Bahnbrecher der Menschheit. Beide Arten der Deutung haben ihre Berechtigung…. Spinoza fordert, die Gestalt Jesu müsse von den sie umgebenden Dogmen, die nur zu Zwiespalt und Unduldsamkeit geführt haben, befreit werden. Er hält Christus nicht für Gottes Sohn, aber für den Grössten und Edelsten aller Menschen. In der Nachfolge eines so verstandenen Heilands und seiner Lehre, glaubte Spinoza, würden sich nicht nur Juden und Christen zusammenfinden können, sondern alle Völker könnten in seinem Namen vielleicht geeinigt werden.
Sein Hauptwerk, die «Ethik, nach geometrischer Methode dargestellt», hielt Spinoza bis zu seinem Tode in seinem Schreibpult verschlossen. Nach seinem Tode wurde es von Freunden noch in seinem Todesjahr herausgegeben und hat eine kaum abzuschätzende Wirkung ausgeübt.
Die «Ethik» gehört nicht zu den Büchern, die man dem in der Philosophie nicht Vorgebildeten zum ersten Studium empfehlen kann. Wie schon der Titel sagt, ist es «in geometrischer Ordnung» abgefasst, nach Art eines mathematischen Werkes, mit vorangestellten Axiomen, Behauptungen, Lehrsätzen, Beweisen, Folgerungen usw. …. Die Schwierigkeiten beim Lesen des Buches erwachsen einerseits aus dieser Methode, andererseits aus seiner Kürze…. Spinoza hat den Extrakt einer lebenslangen Gedankenarbeit unter rigoroser Ausmerzung jedes entbehrlichen Wortes auf etwa 200 Seiten Latein zusammengedrängt…. Ausgangspunkt ist der Begriff der Substanz. Darunter ist nicht, wie man nach heutigem Sprachgebrauch annehmen könnte, die Materie zu verstehen…Spinoza meint mit diesem Begriff das Eine oder Unendliche, das unter oder hinter allen Dingen steht, das alles Sein in sich vereinigt und begreift. Die Substanz ist ewig, unendlich, aus sich selbst existierend. Es gibt nichts ausserhalb ihrer. So verstanden ist aber der Substanzbegriff gleichbedeutend mit dem Begriff Gott und als Inbegriff alles Seienden zugleich auch gleichbedeutend mit dem Begriff der Natur. So steht am Anfang der Gedanken Spinozas die Gleichung.
Substanz = Gott = Natur
Der Substanz steht der Begriff «Modus» gegenüber. Modus ist alles, was nicht wie die Substanz aus sich selbst heraus zugleich frei und notwendig besteht (denn Notwendigkeit und Freiheit fallen hier zusammen) – also alles, was durch anderes bedingt ist; wir können sagen, die Welt der Dinge im weitesten Sinne, die Welt der (endlichen) Erscheinungen. Im normalen Sprachgebrauch bezeichnen wir diese Welt eigentlich als Natur. Auch Spinoza ist das bekannt. Um hier ein Missverständnis auszuschliessen, verwendet er zwei Begriffe der Natur: Natur im oben zuerst genannten, allumfassenden Sinne bezeichnet er als «schaffende Natur» (natura naturans), Natur als Inbegriff der endlichen Dinge als «geschaffene Natur» (natura naturata). Da die menschliche Sprache keine der Welt der mathematischen Symbole vergleichbare Zeichensprache ist, geschieht es bei Spinoza, dass er sich an die von ihm festgelegten Definitionen selbst oft nicht genau hält. So zum Beispiel für «schaffende Natur» lieber Gott und für «geschaffene Natur» Natur schlechthin gebraucht.
Spinoza lehrt, dass jedes endliche Ding immer nur durch andere endliche Dinge bestimmt ist, dass aber kein endliches Ding Gott unmittelbar zu seiner (nächsten) Ursache hat. Wenn kein endliches Wesen unmittelbar aus Gott folgt, mittelbar aber alles, so muss zwischen Gott als der unendlichen Substanz und den einzelnen Modi noch ein Zwischenglied sein…. Die absolute Summe aller Modi nennt Spinoza «unendliche Modifikation», die unmittelbar aus Gott folgt. Wir haben also eine Stufenfolge von drei Begriffen:
Die unendliche Substanz (= Gott)
Die absolute Summe aller Modi (= alles)
Die einzelnen Modi
Die unendliche Substanz – oder Gott – hat zwei Eigenschaften (jedenfalls können wir nur zwei wahrnehmen): Denken und Ausdehnung.
Gott ist einerseits unendliche Ausdehnung (also nicht Körper, denn jeder Körper ist begrenzt),
anderseits unendliches Denken (also nicht bestimmtes oder beschränktes Denken).
Da alles in Gott ist, kann jedes Einzelwesen ebenfalls unter diesen zwei Gesichtspunkten betrachtet werden:
Unter dem Gesichtspunkt des Denkens erscheint es als Idee,
und unter dem Gesichtspunkt der Ausdehnung erscheint es als Körper.
Sowenig wie es zwei verschiedene Substanzen gibt, sondern nur eine, die unter diesen zwei Aspekten zu betrachten ist, so wenig besteht auch ein Einzelwesen, insbesondere der Mensch, aus zwei getrennten Substanzen Körper und Seele, sondern beides sind die zwei Seiten ein und desselben Wesens.
Jedes Einzelwesen strebt, sein Dasein zu behaupten – nach Spinoza fällt das mit seiner Natur zusammen. Der Mensch, wie jedes Wesen, stösst in diesem Bestreben notwendig mit anderen Wesen zusammen und verhält sich damit einerseits tätig (aktiv), indem er auf diese einwirkt, andererseits leidend (passiv), indem diese auf ihn einwirken. Wird der Trieb zur Selbstbehauptung befriedigt, so entsteht Freude; wird er gehemmt, Trauer. All dies, menschliches Handeln und menschliches Leiden, Liebe und Hass, alle Leidenschaften, die den Menschen mit den ihn umgebenden Körpern verketten, vollzieht sich mit Naturnotwendigkeit und unbeirrbarer Folgerichtigkeit. Es ist daher möglich und auch notwendig, die menschlichen Triebe und Leidenschaften mit kühler, mathematischer Sachlichkeit zu betrachten und zu analysieren… Die Untersuchung, die Spinoza von diesem Standpunkt aus im dritten Teil der «Ethik» durchführt, zeigt ihn als überaus nüchternen, scharfsinnigen Kenner der Menschenseele. Seine Erkenntnisse sind von der späteren wissenschaftlichen und medizinischen Seelenkunde immer aufs Neue bestätigt worden. Für das, was man gemeinhin unter Willensfreiheit, Freiheit der Entscheidung versteht, ist darin kein Raum. Spinoza vergleicht den Menschen, der sich einbildet, frei zu wählen und entscheiden zu können, mit einem Stein, welcher, in die Luft geschleudert, seine Bahn zurücklegt und dabei glaubt, er selbst bestimme den Weg, den er nehme, und den Platz, an dem er niederfällt. Unsere Handlungen folgen den gleichen ehernen Gesetzen wie alles Naturgeschehen. Es gibt auch keine allgemeingültigen Begriffe des Guten und des Bösen. Was die Selbstbehauptung des Einzelwesens fördert, das nennt es «Gut», was sie hindert, das nennt es «Übel»…. Tugend ist nichts anderes als die Fähigkeit des Menschen, dieses sein Streben durchzusetzen. Also ist Tugend dasselbe wie Macht. Und genauso weit wie diese seine Macht reicht das natürliche Recht des Menschen, denn unter natürlichem Recht, sagt Spinoza, ist nichts anderes zu verstehen als die Naturgesetze oder die Macht der Natur. «Unbedingt aus Tugend handeln ist dasselbe wie nach den Gesetzen der eigenen Natur handeln.» Welches ist nun aber die eigentliche Natur des Menschen, nach deren Gesetzen er sein Sein zu erhalten und zu vervollkommnen trachtet? Hier folgt der Schritt, der der weiteren Gedankenentwicklung entscheidend die Richtung gibt: Der Mensch ist seiner Natur nach Vernunftwesen. Der Mensch handelt also dann seiner Natur gemäss, wenn er auf der Grundlage des Strebens nach dem eigenen Nutzen unter der Leitung der Vernunft handelt, und da die Vernunft nach Erkenntnis strebt, so ist «Einsicht» - die erste und einzige Grundlage der Tugend.
Freilich ist der Mensch nicht nur Vernunftwesen. Er wird weitgehend beherrscht und hin- und hergeworfen von Instinkten, Trieben, Leidenschaften…. Die Vernunft erst, verhilft uns zu einem Gesamtüberblick und zum richtigen Handeln. Als treibende Kraft, als Motor des Lebens, bedürfen wir des Triebs. Die Vernunft aber lehrt uns, die widerstrebenden Triebe miteinander zu koordinieren, ins Gleichgewicht zu bringen und sie damit zum wahren Nutze der ganzen harmonischen Persönlichkeit einzusetzen. Ohne Leidenschaft können die Menschen nicht sein. Aber die Leidenschaften sollen durch das Licht der Vernunft geordnet werden. Die Vernunft vermag jedoch noch mehr als dies. Sie kann nämlich selbst zur Leidenschaft, zum Affekt werden und als solcher wirken. Eben darauf, dass die Erkenntnis des Guten und Schlechten selbst als Affekt wirkt, beruht die Möglichkeit, dass der Mensch Erkenntnis zur Richtschnur seines Handelns machen kann.» Zitatende
Die Vernunft führt uns aber noch einen Schritt weiter: Es gibt einfachste Wesen, «Individuen erster Ordnung». Es gibt aber auch zusammengesetzte Wesen höherer Ordnung. Das komplizierteste Wesen, das wir kennen, ist der Mensch. Zitat: «Denkt man sich die unendliche Substanz dargestellt durch eine unermessliche grosse Fläche, etwa ein Blatt Papier, so entsprechen die Modi, die Einzeldinge, den Figuren, die in die Fläche hineingezeichnet werden können. Teilen wir die Fläche beispielsweise in lauter kleine Quadrate ein, fassen ein bestimmtes ins Auge und fragen, wodurch dieses Quadrat bedingt sei, so ist die Antwort: durch die es umgebenden Nachbarquadrate, nicht dagegen, mindestens nicht unmittelbar, durch die ganze Fläche. Natürlich würde es nicht sein, wenn nicht zuvor diese Fläche wäre. Denken wir uns eine sehr komplizierte Figur in die Fläche hineingezeichnet, so ist klar, dass sie zahlreiche Quadrate ganz in sich enthalten wird. Eine grosse Anzahl anderer Einzelquadrate aber wird sie schneiden und nur zum Teil in sich enthalten. Unter dem Gesichtspunkt der Ausdehnung also als Körper betrachtet, wird ein solches Wesen deshalb die Bewegungen seiner Bestandteile nicht vollständig beherrschen, andere Körper wirken mit darauf ein und stören sie. Auch unter dem Gesichtspunkt des Denkens, als Geist, betrachtet, wird ein solches Individuum manche Quadrate ganz in sich begreifen, andere nur teilweise. Die Idee, die der Geist ganz besitzt, nennt Spinoza «adäquate», das heisst angemessene Idee, die übrigen «inadäquate». In seinen Trieben und Leidenschaften ist der Mensch auf andere Körper als deren Gegenstand gerichtet und gewinnt deshalb, da diese immer zugleich auf ihn einwirken nur inadäquate Ideen, nur ein zerstückeltes und verworrenes Wissen von ihnen. Das gleiche gilt für die sinnliche Wahrnehmung anderer Körper. Ganz anders – insbesondere in ihrer höchsten Form, die Spinoza «unmittelbare Anschauung» nennt – die Vernunft! Sie vermittelt nur adäquate Ideen, sie liefert nicht verworrene Erkenntnis der Dinge in ihrer Vereinzelung, sondern betrachtet alles in seinem ewigen, notwendigen Zusammenhang.» Zitatende. Indem Spinoza an der Vernunft nicht zweifelt, sondern sagt, dass die Vernunft die Dinge rein, adäquat erfasst, begreift er sie in ihrer gesetzmässigen Notwendigkeit. Zitat: «Da man das, was man als notwendig begreift, von dem man also eingesehen hat, dass es so sein muss und nicht anders sein kann, auch bejahen muss, ist Einsehen gleich Bejahen, Bejahen ist aber nichts anderes als Wollen (dies lehrte schon Descartes). Was wir zweifelsfrei erkannt haben, dem stehen wir nicht mehr als einem von aussen an uns Herantretenden, nicht gewünschten gegenüber, vielmehr steht es vor uns als ein von uns selbst Gebilligtes, Bejahtes, Gewolltes. Wir sind ihm gegenüber nicht unfrei, leidend, sondern selbstbestimmend und frei! Der Mensch gelangt daher nur dadurch zu immer höherer Freiheit – und dies ist zugleich die einzige Art von Freiheit, die er erlangen kann -, und er vermag sich damit in immer zunehmendem Masse vom Leiden zu befreien, indem er erkennt. Da alles was notwendig ist, Gottes Wille ist (denn Gottes Wille und das Notwendige sind ja eins), so ist fortschreitendes Erkennen und Bejahen des Notwendigen zugleich wachsende Liebe zu Gott und Fügung in seinen Willen. Diesen höchsten dem Menschen erreichbaren Zustand nennt Spinoza «amor Dei intellectualis», geistige Liebe zu Gott». Sie ist zugleich eine «amor fati», eine Liebe zum unabänderlichen Schicksal. Auch Religion und Seligkeit bestehen nur in der selbstverständlichen Hingabe des Menschen an das Notwendige, das heisst an den Willen Gottes. In diesem Sinne ist, wie der Schlusssatz der Ethik sagt, die Seligkeit nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst ist die Seligkeit.» Zitatende
Politik
Die politische Anschauung Spinozas streift Joachim Störig nur kurz wie folgt: Spinoza fordert Geistes-, das heisst Rede- und Gedankenfreiheit im Staat. Zitat: «er begründet dies durchaus mit Erwägungen der Vernunft: Nachdem die Menschen sich zur staatlichen Gemeinschaft zusammengeschlossen und dieser Macht übertragen haben, reicht für sie als Staatsbürger nicht mehr ihr Recht einfach so weit wie ihre Macht – wie es der Fall ist, solange der Einzelne dem Einzelnen gegenübersteht. Sie haben sich zugunsten des Staates eines Teils ihrer Macht und damit ihres Rechts entäussert, dafür aber Sicherheit gewonnen. Der Staat selbst befindet sich aber weiterhin sozusagen im Naturzustand, in welchem alles, was möglich, auch erlaubt ist. Dies gilt für das Verhältnis des Staates zu anderen Staaten. Verträge binden ihn stets nur so lang, wie ihre Einhaltung ihm vorteilhaft erscheint. Es gilt aber auch für die Macht des Staates nach innen, gegenüber seinen Bürgern. Sein Recht reicht so weit wie seine Macht. In seiner Macht liegt alles, was er erzwingen kann. Da religiöse und wissenschaftliche Überzeugungen zum Beispiel nicht erzwungen werden können, würde der Staat die Grenze seiner Macht und damit seines Rechts überschreiten und sich nur lächerlich machen, wenn er es versuchen würde. Jede mögliche Freiheit zu gewähren, ist für den Staat auch insofern ein Gebot der Klugheit, als die Menschen ihrer Natur nach nichts weniger vertragen können, als dass Meinungen, die sie für wahr haben, als Verbrechen gelten sollen.
Nachwirkung Spinozas – Kritik
Zitat: «Die Wirkung Spinozas auf die Nachwelt setzte nach seinem Tode nicht sogleich in voller Stärke ein. Wie zu Lebzeiten wurde er auch nach seinem Tode gehasst, verspottet und verboten. Das Judentum hatte ihn ausgestossen, die katholische Kirche setzte seine Werke auf den Index der verbotenen Bücher. In Deutschland wurde sein Einfluss zunächst auch durch die fast gleichzeitig entstandene Philosophie Leibniz zurückgehalten, Wie weit sein Einfluss unter der Oberfläche trotzdem reichte, lässt sich ermessen an der Zahl der Streit- und Widerlegungsschriften, die immer wieder gegen ihn erschienen. In Deutschland war der grosse Dichter und Kritiker Lessing der erste, der Spinoza öffentlich Achtung zollte. Ihm folgten Herder und Goethe, der sich ausdrücklich zu ihm und seiner Lehre bekannt hat. Zu den Philosophen, auf die Spinozas Gedanken eingewirkt haben, gehören unter anderen Schopenhauer, Nietzsche und Bergson….
Das Werk Spinozas ist, wie es nicht anders sein kann, Ausdruck seiner Persönlichkeit und seines Schicksals. Niemand kann dem entgehen… die Herkunft Spinozas prägt sich aus in einem Wesenszug seiner Philosophie, den man orientalisch nennen kann. Ein Zug fatalistischer Ergebenheit, der zu lässiger Tatenlosigkeit freilich nicht führen muss, aber doch leicht führen kann, ist in ihr enthalten. Man hat Spinozas Lehre daher auch mit der Buddhas verglichen. Seiner Herkunft und seinem Schicksal gleichermassen ist es wohl zuzuschreiben, dass in seinem System Wert und Bedeutung der natürlichen menschlichen Lebensgemeinschaften Ehe, Familie und Volk keine rechte Stätte haben. Spinoza war ferner eine so theoretisch gerichtete Natur, dass für ihn das Verstehen mit dem Bejahen zusammenfiel. Er konnte sich kaum vorstellen, dass ein Mensch das, was ihm die Erkenntnis als zwingende Einsicht lieferte, trotzdem nicht anerkennen und bejahen sollte. Für ihn wurde tatsächlich «die Erkenntnis selbst zum Affekt». Endlich ist es aus seinem Charakter wie aus seinem Schicksal der Ausgestossenheit und Vereinsamung zu begreifen, dass Spinoza es niemals für möglich und daher auch nicht für erstrebenswert hielt, den natürlichen Egoismus des Menschen zu überwinden, und dass ihm der Gedanke, ein Mensch könne sich für einen anderen aufopfern, absurd erschien. Dies unterscheidet ihn auch, trotz Gleichklangs in mancher anderen Hinsicht, vom Kern des Christentums.