Helgas hellblauer Mercedes

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Ji Rina

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Es war zu Beginn eines Sommers, als sie mich besuchte. Morgens um sieben stand sie vor der Tür.
>Helga!<
>Tach!<
>Was machst du denn hier?<, Ich dachte, ich sehe nicht richtig.
>Bin die Nacht durchgefahren<
Sie war aus Berlin und hatte sich gerade diesen hellblauen Mercedes gekauft. Wir standen oben auf der Terasse und sie zeigte auf den Parkplatz, wo der Wagen stand.
>Musste ich haben!<
Ich fand ihn furchtbar. Keinerlei Eleganz, irgendwie eckig, hässlich, keine Ahnung, wahrscheinlich eins dieser älteren Modelle. Und dann diese Farbe. Eine Beleidigung für das Auge.
>Hm. Sieht gut aus …Und wieso diese Farbe?<
>Geil was? 'n Freund aus Berlin hat ihn mir lackiert!<
>Hm …<
Wir gingen rein und ich schlug vor, zu frühstücken. Helga setzte sich auf die Holzbank und ich machte mich ans Werk, während sie von ihrer Reise, von Berlin, und den Leuten, die wir gemeinsam kannten, erzählte.
So ein deutsches Frühstück hat mit einem spanischen ja nichts zu tun. Wir essen höchstens ein Croissant oder ein paar Kekse und trinken dazu einen Kaffee. Aber wenn Freunde aus Deutschland zu Besuch kamen, holte ich alles Essbare raus, was ich nur finden konnte: Graubrot, Toast, Butter, Honig, Eier, Schinken, Käse, Wurst, Jogurt, Obst, Gurke, Quark, Erdbeer-Marmelade, Müsli, Nüsse. Das musste reichen.
>Was macht eigentlich Timo?<
>Der ist in Portugal<
Aha. Timo war Helgas Freund. Ich dachte immer, ihre Beziehung sei nicht das Gelbe vom Ei, aber nun waren sie schon seit sieben Jahre zusammen.
>Und was macht er da?<
>Braucht Ruhe.<
So war das immer. Dieser Timo schien immer Ruhe zu brauchen. Und so reiste er ständing durch die Gegend – ohne Helga. Seltsame Beziehung.
>Wollen wir irgendwo hinfahren?<, fragte sie, >Wir könnten eine kleine Reise machen … in den Süden oder so … Der Wagen steht ja schon bereit …<
Ich grinste: >Nach Portugal?<
>Ach Quatsch! Sag, wo du hinwillst! Nach Sevilla? Nach Madrid? Wollen wir einfach mal nach Paris fahren?<
Ich dachte darüber nach, legte zwei Eier in das kochende Wasser und plötzlich fiel mir was ein.
>Ja. Wir könnten wohin fahren!<.
>Sach!<
>Saintes-Maries-de-la-Mer <
>Watt?<
>Das ist ein kleiner Ort im Süden Frankreichs, nicht weit von der spanischen Grenze<.

Ich nahm Platz, schenkte uns Kaffee ein und erzählte ihr von diesem Argentinier namens Diego, den ich zwei Monate zuvor im Dorf kennengelernt hatte. An jenem Morgen trank ich einen Kaffee in einer Bar und las ein Buch und er saß einen Tisch weiter. Und ja, es war nicht so, dass ich ihn nicht längst bemerkt hätte. Ich beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und überlegte aus welcher Ecke er wohl herkam; da ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Alter Schwede, wie der aussah: Braungebrannt, längere dunkle gepflegte Haare, irre Augen, schöne Hände, tolle Figur. Und eine Aura, die nur so um sich sprühte! Er sah ein paarmal zu mir rüber, und plötzlich fragte er mich, was für ein Buch ich läse. Ich sagte es ihm, versuchte aber, dabei cool zu bleiben. Denn wenn Männer einem perfekten Ideal gleichen, ist das ein schlechtes Omen. Aber für mich waren die Männer zu der Zeit sowieso ein schlechtes Omen, denn ich fand gar keinen. Umso überraschter war ich, als er plötzlich an meinem Tisch saß und über Hemingway redete (Das Buch, das ich las, war: “49 Stories”) Verblüfft stellte ich fest, dass er fast alles von ihm kannte. Wie dem auch sei, wir unterhielten uns über alles Mögliche: Das Wetter, das spanische Essen, die unterschiedlichen Mentalitäten, und so weiter. Als ich ihn fragte, ob er als Tourist unterwegs sei, erklärte er, er habe Freunde im Dorf, in dessen Wohnung er eine Woche lang Urlaub machte. Und dass er am nächsten Tag jedoch zurück nach Saintes-Maries-de-la-Mer müsse, da er dort am Hafen arbeite und Segelboote betreue. Wir tranken zwei Kaffees und dann fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, ihm ein wenig das Dorf zu zeigen. Ja, hatte ich.
Wir liefen an den Hafen, dann auf der anderen Seite wieder rauf ins Dorf, wo ich ihm ein paar Aussichts-Terassen zeigte, von denen aus man das Meer und die Umgebung sehen konnte. Dann landeten wir wieder in einer Bar und mir kam es so vor, als wollten wir uns gar nicht mehr trennen. Es herrschte eine knisternde Energie zwischen uns. So, als würden wir uns ein Leben lang kennen. Ich war bereits verknallt, ließ mir aber nichts anmerken. Seine Blicke durchdrangen mich wie Pfeile. Und wenn er lachte, zeigte er eine ganze Reihe schneeweißer Zähne. Um es kurz zumachen: Ich fiel in so eine Art Romantic Flash. Auf jeden Fall verabschiedeten wir uns an dem Tag vor dem Café in dem wir uns kennengelernt hatten und das Letzte, was er sagte, war, ich solle doch mal nach Saintes-Maries-de-la-Mer kommen und ihn besuchen. Es sei eine wunderschöne Gegend.

>Oha …<, sagte Helga und zog die Augenbrauen hoch, >Und bei dir hat's ordentlich geknallt, was?<
>Kann man wohl sagen<, antwortete ich und köpfte sehr konzentriert das Ei.
>Na dann, nix wie los!<
Unsere Entscheidung war also rasch getroffen. Es machte nichts, wenn ich drei, vier Tage verschwand. Zu dem Zeitpunkt kümmerte ich mich um vier Wohnungen, die ich für einen Amerikaner verwaltete, und dort war alles in Ordnung. Die Mieten waren kassiert, die Reparaturen in den Wohnungen erledigt. Der Amerikaner war auf Reisen, und ich hatte Zeit.
Am darauffolgenden Tag warf ich meine Tasche mit ein paar Kleidungsstücken, einem Bikini und ein paar CDs auf den Rücksitz des Mercedes, und wir fuhren los. Bis nach Valencia hörten wir Supertramp. Irgendwann kam die Sonne raus. Ein roter Ball über dem Meer. Helga fuhr sehr konzentriert. Hier und da machte sie Bemerkungen über den Mercedes, wie gut er doch führe und wie geil er aussehe. Sie war überrascht, wie wenig Benzin er brauchte, und erklärte mir den Preis pro Liter und Kilometer. Ich nickte und sah aus dem Fenster. Die Sonne hatte sich über dem Meer erhoben und tauchte Dörfer und Täler in orangerotes Licht. Ich dachte an Diego, und in manchen Augenblicken war ich so abwesend, dass ich nicht mal mehr hörte, was Helga erzählte.
Die Vorstellung, vor seinem Boot aufzutauchen und ihn zu überraschen, jagte mir ein Kribbeln durch den Körper. Ich malte mir die Szene so intensiv wie möglich aus; sein überraschter Blick, sein Lächeln. Tja, wenn der Prophet nicht zum Berg kommt …
>Was arbeitet dieser Typ eigentlich?<
>Irgendwas mit Booten.<, sagte ich >Er lebt da am Hafen und erledigt Jobs.<
>Und wie sieht er aus?<
>Göttlich!<
>Mh … Du bist verknallt! Das merke ich dir doch an! Du bist über beide Ohren verknallt! Fährst neunhundert Kilometer zu einem Typen, dem du an einem Tag begegnet bist.<

Das stimmte. Als wir uns damals verabschiedeten, lag eine Art Vertrautheit, etwas wie ein geheimes Einverständnis in unseren Blicken, so als ob es zwischen uns noch etwas Unerledigtes gäbe, irgendetwas, das irgendwann noch kommen musste. Nun. Mit jedem Kilometer, den wir Richtung Frankreich fuhren, war ich ihm näher.

>Nicht, dass ich dann da das fünfte Rad am Wagen bin?<, sagte Helga und lachte.

Daran hatte auch ich gedacht. Denn diesmal würden Diego und ich Zeit haben. Wir könnten so lange spazierengehen und uns Dinge erzählen, wie es uns Spaß machte. Wir würden guten Wein trinken, vielleicht in seiner Bootsküche irgendetwas kochen, einen selbst geangelten Fisch braten. War es nicht das, was man auf Booten so machte? Und irgendwann würden wir uns in Diegos Koje zurückziehen…So stellte ich es mir vor. Gedanklich sah ich das kleine Liebesgemach bereits vor mir: ein Regal mit ein Paar Büchern über Segelboote, drei, vier herumfliegende Kleidungstücke und ein Bett mit einem angegrauten, zerknitterten Laken, auf dem wir unsere wildesten Träume ausleben würden. Und was würde Helga währenddessen machen? In einer Chauffeurjacke am Tisch sitzen und warten? Darüber wollte ich mir jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Es würde sich schon regeln.

Irgendwann machten wir halt um in einer Raststätte etwas zu essen. Wir bestellten Tapas und ein Glas Wein. Ab Narbonne war es dann nicht mehr weit. In früheren Jahren war ich hier oft entlanggefahren. Erinnerte mich plötzlich auch ganz vage an den Namen Saintes-Maries-de-la-Mer. Aber als ich ihn diesmal las, bekam ich Herzklopfen. Und als wir den Ort erreichten und in Richtung des Hafens fuhren, dachte ich plötzlich, dass das Ganze völlig absurd war. Was, wenn wir ihn gar nicht finden würden? Was wenn er wieder verreist war?

Wir suchten das Hafenbüro auf und parkten direkt vor dem Eingang. Außer einer freundlich aussehenden Dame mit kurzem, burschikosem Haarschnitt war niemand zu sehen. Ich fragte nach einem Argentinier namens Diego, der Boote reparierte und hier irgendwo einen Liegeplatz hatte. Zu meiner Überraschung wusste sie sofort, wen ich meinte.
>Diego? Na klar, Diego Quina! Sein Boot liegt gleich hier fünfzig Meter weiter. Sie müssen nur nach links gehen, und wenn Sie auf der Höhe des Cafés sind, stehen Sie direkt davor. Sein Boot heißt Soledad.<
>Wissen Sie, ob er da ist?<, fragte ich so cool wie möglich, und spürte das Schlottern meiner Beine.
Sie kniff die Augen zu, und überlegte: >Also, vor zwei Tagen habe ich ihn noch gesehen. Da war er mit einem Herrn hier im Büro.<
Er war da! Nur wenige Meter von uns entfernt! Das Ganze hatte sich doch gelohnt. Meine Intuition hatte mich nicht getäuscht. Wir bedankten uns und gingen hinaus.
>Nervös?<, Helga grinste.
Ja. Ich war nervös. Und ich war verdammt verliebt. Als wir am Kai vor dem Café standen, entdeckte ich es als Erste. Ein kleines Segelboot mit weiß und türkisfarbenem Anstrich und
seitlich einer kleinen schrägen Aufschrift: ›Soledad‹. Auf dem Boot war niemand zu sehen. Aber ich bemerkte eine kleine, gespannte Hängeleiter. Falls er also nicht an Bord war, so war er zumindest in der Nähe. Wir standen unschlüssig da und blickten auf das Boot, das sanft auf dem Wasser schaukelte.
>Soledad …<, sagte ich beeindruckt. >Das bedeutet Einsamkeit. Was für ein suggestiver, poetischer Name …<
>Mh…<, machte Helga, >Und nu?<

Ich zuckte mit den Schultern und nahm all meinen Mut zusammen. Dann rief ich laut seinen Namen. Zuerst etwas zögernd, doch dann entschlossener. >Dieeegooo?<
Eine Weile passierte nichts, aber dann hörten wir etwas. Eine Luke wurde aufgeschoben, und ein dunkler Haarschopf tauchte auf. Ich erkannte ihn sofort. Diego. Sein Gesicht, seine Augen, sein Lächeln.
>Das gibt’s doch nicht!<, er lachte und zeigte seine weißen göttlichen Zähne.
Und ich stellte sofort fest, dass er genauso gut aussah wie zwei Monate zuvor. Nein, jetzt sah er noch viel besser aus.
>Wir wollten dir einen kleinen Besuch abstatten<, sagte ich und lachte.
>Ich kann’s nicht fassen!<, rief er, trat zur Hängeleiter und hielt uns die Hand entgegen. >Kommt rüber! Seid ihr von Alicante bis hierher gefahren? Habt ihr wirklich hierhergefunden? Kommt rein! Kommt rein!<
>Na, schwer war’s nicht<, sagte Helga. >Immer geradeaus und dann rechts.<
Er reichte uns die Hand und half uns über den Steg. Und als ich seine Hand hielt, spürte ich eine Elektrizität, die wie ein Blitz durch meinen Körper fuhr.

Wir stiegen hinab durch die Luke in einen kleinen, abgedunkelten Wohnraum. Diego knipste ein Lämpchen an. Ich blinzelte, sah dann einen Tisch mit Stühlen, dahinter eine Holzbank, auf der ein Mädchen saß. Sie trug ein knöchellanges Seidenkleid in Pastellrosa, hatte hüftlange, hellblonde Locken und sah sehr nordisch aus. Sie schien überrascht, lächelte aber freundlich.
>Silvie!<, rief er. >Ich habe Besuch aus Spanien, ist das nicht irre?< Er bedeutete uns, auf den Stühlen Platz zu nehmen, und setzte sich neben das Mädchen auf die Bank.
Ich sah mich um, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte, und weil ich plötzlich eine eisige Wand spürte, die in mir hochkroch und ein befremdliches Gefühl auslöste. Auf dem Tisch standen eine ausgetrunkene Flasche Wein und zwei Gläser. Eine leere, zusammengedrückte Schachtel Gauloise. Ein halb voller Aschenbecher. Landkarten …
Was ist mit dir los?, fragte meine innerliche Stimme. Gehst du jetzt unter, nur weil ein Mädchen da sitzt? Wahrscheinlich ist sie seine Cousine aus Argentinien oder die Schwester seines besten Freundes. Oder sie ist die Besitzerin des Nachbarbootes und einfach nur mit ihm befreundet.
>Wann haben wir uns damals getroffen?<, fragte er mich, als ob er mit einer alten Bekannten spräche. >Wann war das? Vor drei Monaten? Vor vier?<
>Vor zwei<, antwortete ich sehr sachlich. Ein rascher Blick auf das Mädchen machte mir bewusst, wie unheimlich schön sie war. So schön, dass es fast schmerzte. Der Schnitt ihres Gesichts mit den hohen Wangenknochen – wie gemeißelt. Die hellblonden Naturlocken, die ihr von den Schultern bis zu den Hüften fielen. Das pastellrosa Kleid ließ sie wie ein Engel aussehen. Ja, wahrhaftig, das Mädchen sah aus wie ein Engel. Es fehlten ihr nur die Flügel.
>Um wieviel Uhr seit ihr denn abgefahren?<, fragte er und legte den Arm um sie. >Wie lange habt ihr denn gebraucht?<
Ich gab keine Antwort, sondern starrte auf irgendeinen Fleck an der Holzwand. Ich spürte eine Art Lähmung, etwas sehr Seltsames, das mein Sprachzentrum traf.
>Um sechs Uhr heute Morgen<, antwortete Helga, >War ’ne geile Fahrt, nicht viel Verkehr. Hab’n an einer Raststätte noch was gegessen.<

Das Mädchen legte nun ebenfalls ihren Arm um Diegos Schultern und sah uns aufmerksam an. Dann kraulte sie mit ihren Fingern zwischen seinen Locken. >Wo seid ihr den ursprünglich her?<, wollte sie wissen.
>Ich komme aus Berlin<, hörte ich Helga sagen. Ihre Stimme klang plötzlich ganz weit weg. >Und sie<, sie reckte das Kinn in meine Richtung, >lebt schon seit vielen Jahren in Spanien<
Silvie warf mir einen nachdenklichen Blick zu. >Interessant<, sagte sie. >In Spanien … Wow! Ist ja echt interessant.<
Diego lachte. >Unglaublich!<, sagte er und legte seinen Kopf in ihre Halsgrube. >Da haben wir Besuch aus Spanien!< Er hob seinen Kopf, lächelte Silvie an und küsste sie auf die Wange.
Für einen kurzen Augenblick sahen sie sich stumm in die Augen, und dann verschmolzen ihre Lippen miteinander. Zuerst zaghaft, sanft, dann entschlossener. Und schließlich so heiß und innig, dass Helga und ich schnelle Blicke austauschten. Ich wusste nicht, wo ich hinschauen sollte, wusste nicht, ob ich lachen oder heulen sollte, war völlig überfordert.
Sie waren so bei der Sache, dass es ihnen völlig egal war, wer da gerade vor ihnen saß. Diese Liebe musste noch ganz frisch sein. Wahrscheinlich hatten sie sich gerade erst kennengelernt. Er, gut gebaut, braungebrannt, mit einem Dreitagebart, der ihn so abgefuckt gut aussehen ließ, dass es einen umhaute, und sie wie eine vom Himmel hinabgestiegene Fee. Der liebe Gott hatte sie wohl zusammengebracht, weil sie sich finden sollten. Karma. Ja, weil sie zusammengehörten. Sie waren so vertieft, so in ihrem Rausch, wie es nur zwei sind, die sich nach langer Suche gefunden haben.
Helga grinste und warf mir immer wieder rasche Blicke zu. Und ich wusste nicht, was dieses dämliche Dauergrinsen zu bedeuten hatte. Die beiden hingen eng umschlungen da, während ihre Lippen über die Wangen, die Stirn und die Augen des anderen wanderten. Und wären Helga und ich in dem Moment nicht dagewesen, hätten wir nicht da vor ihnen am Tisch gesessen, hätten sie dort Liebe gemacht. Sie hätten sich wie in Trance ihrer Kleidung entledigt und es da auf der Holzbank getrieben. Ich starrte auf den vollen Aschenbecher und versuchte, mich zu sammeln. Zweifellos waren wir zur falschen Zeit am falschen Ort. Irgendetwas war hier völlig schief gelaufen.

Vor meinem geistigen Augen sah ich den Hafen von Saintes-Maries-de-la-Mer. Ich sah den blauen Himmel und die kleinen, in der Sonne glitzernden Boote; das graue Bürogebäude und die darüber kreisenden Möwen. Und dann kam mir der Mercedes in den Sinn, der in seiner ganzen Hässlichkeit dort einsam vor dem Hafenbüro stand. Groß und unübersehbar. Hellblau. Deutsches Nummernschild. Weit weg von zu Hause, fremd in dieser Gegend. Was hatte einen hellblauen Mercedes aus Berlin nach Saintes-Maries-de-la-Mer verschlagen? Und unversehens sah ich diesen Mercedes als unsere einzige Rettung. Bald würden wir uns verabschieden. Wir würden irgendeine Ausrede finden. Sagen, dass wir eigentlich noch weiterwollten. Nach Saint Tropez, um an den Strand zu gehen. Oder nach Cannes, um uns die Lavendelfelder anzusehen, oder weiß der Geier was.
Wir würden stumm zurück zum Hafengebäude trotten und in den Mercedes steigen. Und dieser dämliche hellblaue Mercedes würde uns die neunhundert Kilometer zurück nach Hause fahren.

Die aktuelle Fassung findet ihr an dieser Stelle im Thread.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

ThomasQu

Mitglied
Tolle Geschichte und toll geschrieben.
Nur der Anfang überzeugt mich nicht so ganz.
Der wirkt auf mich so kalt und gefühllos.
Keine Umarmung, nur ein plattes “Tach“ und “Was machst du denn hier?“
Kommt bei mir so rüber, als wäre der Besuch gar nicht willkommen.
Sternchen gibt´s natürlich trotzdem, denn der Rest ist stark!
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Thomas,

Oh, ist das so? Habs nochmal gelesen – und ja, ist etwas spärlich….Da hast Du recht…Das hat sich wohl aus der Figuren-Beschreibung der Helga so ergeben: Sie ist ja ein wenig kühl und verliert nicht viele Worte. Und hinzu wollte ich ohne grosse Ausschweifungen zum Kern der Geschichte. Aber vielleicht ist es so, dass der Anfang zu kühl wirkt und ich es ein wenig vermasselt habe.

Mh…Schade, dass Ciconia keine Meinung hinterlassen hat. Vielleicht meldet sich ja noch jemand und ich erfahre mehr. Wenn es so ist, dann muss ich das ändern.

Dir lieben Dank fürs reinschauen und Deine Sterne als Zeichen, dass es Dir trotz der Kritik, gefallen hat. Ich dachte schon, Du hättest dich von der LL verabschiedet…:rolleyes:

Mit Gruss, Ji
 

Ciconia

Mitglied
Hallo JiRina,

ich hab die Geschichte als spannend geschrieben und lebensnah empfunden - allerdings ist der Anfang wirklich ein wenig zu spröde. Auch wenn jemand nicht viele Worte verliert, könnte die Begrüßung doch ein wenig herzlicher sein. Das kriegst Du sicher hin.
Sonst hätte ich keine weiteren Vorschläge. Aber gib der Terrasse noch ein zweites "r". ;)

Gruß, Ciconia
 

molly

Mitglied
Morgens um sieben stand sie vor der Tür.
Liebe Ji,

wenn mich eine Bekannte um diese Zeit besucht, fiele ich ihr bestimmt auch nicht um den Hals, jedenfalls nicht gleich.
Wie tröstlich doch das alte Auto und die schreckliche Farbe himmelblau sein kann.

Viele Grüße

molly
 
Zuletzt bearbeitet:

Ji Rina

Mitglied
Hallo Ciconia:
Danke, das hilft weiter. Ja, die Terrasse...Irgendwo an einer Stelle, ist mir der Text auch in die nächste Zeile abgerutscht....Aber da wars zu spät.
 

Ji Rina

Mitglied
Es war zu Beginn eines Sommers, als sie mich besuchte. Morgens um sieben stand sie vor der Tür.
>Helga!< Ich dachte, ich sehe nicht richtig.
>Tach!<
>Was machst du denn hier?< Sie lebte in Berlin. Und da stand sie nun, in einem blaugepunkteten leichten Kleid, die Sonnebrille hoch über die Stirn gezogen.
>Bin die Nacht durchgefahren<
So war sie. Immer kam sie unangemeldet. Seit einem halben Jahr hatten wir uns nicht mehr gesehen. Wir fielen uns um den Hals.
>Konntest nicht vorher Bescheid sagen?<
>Nö. Wollte dich überraschen!<
Die Überraschung war gelungen. Wir standen auf der Terrasse und sie zeigte auf den Parkplatz.
>Schau mal, was sagste nu?<
Ich blickte auf einen großen hellblauen Mercedes.
>Ist das deiner?<
>Musste ich haben!<
Schön fand ich ihn nicht. Zu groß, irgendwie eckig, hässlich, keine Ahnung, wahrscheinlich eins dieser älteren Modelle. Und dann diese Farbe …
>Hm, sieht gut aus …< Ich kratzte mich am Kinn. >Und wieso diese Farbe?<
>Geil was? 'n Freund aus Berlin hat ihn mir lackiert!<
>Hm … nicht schlecht!<
Wir gingen rein und ich schlug vor, zu frühstücken. Helga setzte sich auf die Holzbank und ich machte mich ans Werk, während sie von ihrer Reise, von Berlin, und den Leuten, die wir gemeinsam kannten, erzählte.
So ein deutsches Frühstück hat mit einem spanischen ja nichts zu tun. Wir essen höchstens ein Croissant oder ein paar Kekse und trinken dazu einen Kaffee. Aber wenn Freunde aus Deutschland zu Besuch kamen, holte ich alles Essbare raus, was ich nur finden konnte: Graubrot, Toast, Butter, Honig, Eier, Schinken, Käse, Wurst, Jogurt, Obst, Gurke, Quark, Erdbeer-Marmelade, Müsli, Nüsse. Das musste reichen.
>Was macht eigentlich Timo?<
>Der ist in Portugal<
Aha. Timo war Helgas Freund. Ich dachte immer, ihre Beziehung sei nicht das Gelbe vom Ei, aber nun waren sie schon seit sieben Jahre zusammen.
>Und was macht er da?
>Braucht Ruhe.<
So war das immer. Dieser Timo schien immer Ruhe zu brauchen. Und so reiste er ständing durch die Gegend – ohne Helga. Seltsame Beziehung.
>Wollen wir irgendwo hinfahren?<, fragte sie, >Wir könnten eine kleine Reise machen … in den Süden oder so … Der Wagen steht ja schon bereit …<
Ich grinste: >Nach Portugal?<
>Ach Quatsch! Sag, wo du hinwillst! Nach Sevilla? Nach Madrid? Wollen wir einfach mal nach Paris fahren?<
Ich dachte darüber nach, legte zwei Eier in das kochende Wasser und plötzlich fiel mir was ein.
>Ja. Wir könnten wohin fahren!<.
>Sach!<
>Saintes-Maries-de-la-Mer <
>Watt?<
>Das ist ein kleiner Ort im Süden Frankreichs, nicht weit von der spanischen Grenze<.

Ich nahm Platz, schenkte uns Kaffee ein und erzählte ihr von diesem Argentinier namens Diego, den ich zwei Monate zuvor im Dorf kennengelernt hatte. An jenem Morgen trank ich einen Kaffee in einer Bar und las ein Buch und er saß einen Tisch weiter. Und ja, es war nicht so, dass ich ihn nicht längst bemerkt hätte. Ich beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und überlegte aus welcher Ecke er wohl herkam; da ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Alter Schwede, wie der aussah: Braungebrannt, längere dunkle gepflegte Haare, irre Augen, schöne Hände, tolle Figur. Und eine Aura, die nur so um sich sprühte! Er sah ein paarmal zu mir rüber, und plötzlich fragte er mich, was für ein Buch ich läse. Ich sagte es ihm, versuchte aber, dabei cool zu bleiben. Denn wenn Männer einem perfekten Ideal gleichen, ist das ein schlechtes Omen. Aber für mich waren die Männer zu der Zeit sowieso ein schlechtes Omen, denn ich fand gar keinen. Umso überraschter war ich, als er plötzlich an meinem Tisch saß und über Hemingway redete (Das Buch, das ich las, war: “49 Stories”) Verblüfft stellte ich fest, dass er fast alles von ihm kannte. Wie dem auch sei, wir unterhielten uns über alles Mögliche: Das Wetter, das spanische Essen, die unterschiedlichen Mentalitäten, und so weiter. Als ich ihn fragte, ob er als Tourist unterwegs sei, erklärte er, er habe Freunde im Dorf, in dessen Wohnung er eine Woche lang Urlaub machte. Und dass er am nächsten Tag jedoch zurück nach Saintes-Maries-de-la-Mer müsse, da er dort am Hafen arbeite und Segelboote betreue. Wir tranken zwei Kaffees und dann fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, ihm ein wenig das Dorf zu zeigen. Ja, hatte ich. Wir liefen an den Hafen, dann auf der anderen Seite wieder rauf ins Dorf, wo ich ihm ein paar Aussichts-Terassen zeigte, von denen aus man das Meer und die Umgebung sehen konnte. Dann landeten wir wieder in einer Bar und mir kam es so vor, als wollten wir uns gar nicht mehr trennen. Es herrschte eine knisternde Energie zwischen uns. So, als würden wir uns ein Leben lang kennen. Ich war bereits verknallt, ließ mir aber nichts anmerken. Seine Blicke durchdrangen mich wie Pfeile. Und wenn er lachte, zeigte er eine ganze Reihe schneeweißer Zähne. Um es kurz zumachen: Ich fiel in so eine Art Romantic Flash. Auf jeden Fall verabschiedeten wir uns an dem Tag vor dem Café in dem wir uns kennengelernt hatten und das Letzte, was er sagte, war, ich solle doch mal nach Saintes-Maries-de-la-Mer kommen und ihn besuchen. Es sei eine wunderschöne Gegend.

>Oha …<, sagte Helga und zog die Augenbrauen hoch, >Und bei dir hat's ordentlich geknallt, was?<
>Kann man wohl sagen<, antwortete ich und köpfte sehr konzentriert das Ei.
>Na dann, nix wie los!<
Unsere Entscheidung war also rasch getroffen. Es machte nichts, wenn ich drei, vier Tage verschwand. Zu dem Zeitpunkt kümmerte ich mich um vier Wohnungen, die ich für einen Amerikaner verwaltete, und dort war alles in Ordnung. Die Mieten waren kassiert, die Reparaturen in den Wohnungen erledigt. Der Amerikaner war auf Reisen, und ich hatte Zeit.
Am darauffolgenden Tag warf ich meine Tasche mit ein paar Kleidungsstücken, einem Bikini und ein paar CDs auf den Rücksitz des Mercedes, und wir fuhren los. Bis nach Valencia hörten wir Supertramp. Irgendwann kam die Sonne raus. Ein roter Ball über dem Meer. Helga fuhr sehr konzentriert. Hier und da machte sie Bemerkungen über den Mercedes, wie gut er doch führe und wie geil er aussehe. Sie war überrascht, wie wenig Benzin er brauchte, und erklärte mir den Preis pro Liter und Kilometer. Ich nickte und sah aus dem Fenster. Die Sonne hatte sich über dem Meer erhoben und tauchte Dörfer und Täler in orangerotes Licht. Ich dachte an Diego, und in manchen Augenblicken war ich so abwesend, dass ich nicht mal mehr hörte, was Helga erzählte.
Die Vorstellung, vor seinem Boot aufzutauchen und ihn zu überraschen, jagte mir ein Kribbeln durch den Körper. Ich malte mir die Szene so intensiv wie möglich aus; sein überraschter Blick, sein Lächeln. Tja, wenn der Prophet nicht zum Berg kommt …
>Was arbeitet dieser Typ eigentlich?<
>Irgendwas mit Booten.<, sagte ich >Er lebt da am Hafen und erledigt Jobs.<
>Und wie sieht er aus?<
>Göttlich!<
>Mh … Du bist verknallt! Das merke ich dir doch an! Du bist über beide Ohren verknallt! Fährst neunhundert Kilometer zu einem Typen, dem du an einem Tag begegnet bist.<

Das stimmte. Als wir uns damals verabschiedeten, lag eine Art Vertrautheit, etwas wie ein geheimes Einverständnis in unseren Blicken, so als ob es zwischen uns noch etwas Unerledigtes gäbe, irgendetwas, das irgendwann noch kommen musste. Nun. Mit jedem Kilometer, den wir Richtung Frankreich fuhren, war ich ihm näher.
>Nicht, dass ich dann da das fünfte Rad am Wagen bin?<, sagte Helga und lachte.

Daran hatte auch ich gedacht. Denn diesmal würden Diego und ich Zeit haben. Wir könnten so lange spazierengehen und uns Dinge erzählen, wie es uns Spaß machte. Wir würden guten Wein trinken, vielleicht in seiner Bootsküche irgendetwas kochen, einen selbst geangelten Fisch braten. War es nicht das, was man auf Booten so machte? Und irgendwann würden wir uns in Diegos Koje zurückziehen…So stellte ich es mir vor. Gedanklich sah ich das kleine Liebesgemach bereits vor mir: ein Regal mit ein Paar Büchern über Segelboote, drei, vier herumfliegende Kleidungstücke und ein Bett mit einem angegrauten, zerknitterten Laken, auf dem wir unsere wildesten Träume ausleben würden. Und was würde Helga währenddessen machen? In einer Chauffeurjacke am Tisch sitzen und warten? Darüber wollte ich mir jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Es würde sich schon regeln.

Irgendwann machten wir halt um in einer Raststätte etwas zu essen. Wir bestellten Tapas und ein Glas Wein. Ab Narbonne war es dann nicht mehr weit. In früheren Jahren war ich hier oft entlanggefahren. Erinnerte mich plötzlich auch ganz vage an den Namen Saintes-Maries-de-la-Mer. Aber als ich ihn diesmal las, bekam ich Herzklopfen. Und als wir den Ort erreichten und in Richtung des Hafens fuhren, dachte ich plötzlich, dass das Ganze völlig absurd war. Was, wenn wir ihn gar nicht finden würden? Was wenn er wieder verreist war?

Wir suchten das Hafenbüro auf und parkten direkt vor dem Eingang. Außer einer freundlich aussehenden Dame mit kurzem, burschikosem Haarschnitt war niemand zu sehen. Ich fragte nach einem Argentinier namens Diego, der Boote reparierte und hier irgendwo einen Liegeplatz hatte. Zu meiner Überraschung wusste sie sofort, wen ich meinte.
>Diego? Na klar, Diego Quina! Sein Boot liegt gleich hier fünfzig Meter weiter. Sie müssen nur nach links gehen, und wenn Sie auf der Höhe des Cafés sind, stehen Sie direkt davor. Sein Boot heißt Soledad.<
>Wissen Sie, ob er da ist?<, fragte ich so cool wie möglich, und spürte das Schlottern meiner Beine.
Sie kniff die Augen zu, und überlegte: >Also, vor zwei Tagen habe ich ihn noch gesehen. Da war er mit einem Herrn hier im Büro.<
Er war da! Nur wenige Meter von uns entfernt! Das Ganze hatte sich doch gelohnt. Meine Intuition hatte mich nicht getäuscht. Wir bedankten uns und gingen hinaus.
>Nervös?<, Helga grinste.
Ja. Ich war nervös. Und ich war verdammt verliebt. Als wir am Kai vor dem Café standen, entdeckte ich es als Erste. Ein kleines Segelboot mit weiß und türkisfarbenem Anstrich und seitlich einer kleinen schrägen Aufschrift: ›Soledad‹. Auf dem Boot war niemand zu sehen. Aber ich bemerkte eine kleine, gespannte Hängeleiter. Falls er also nicht an Bord war, so war er zumindest in der Nähe. Wir standen unschlüssig da und blickten auf das Boot, das sanft auf dem Wasser schaukelte.
>Soledad …<, sagte ich beeindruckt. >Das bedeutet Einsamkeit. Was für ein suggestiver, poetischer Name …<
>Mh…<, machte Helga, >Und nu?<
Ich zuckte mit den Schultern und nahm all meinen Mut zusammen. Dann rief ich laut seinen Namen. Zuerst etwas zögernd, doch dann entschlossener. >Dieeegooo?<

Eine Weile passierte nichts, aber dann hörten wir etwas. Eine Luke wurde aufgeschoben, und ein dunkler Haarschopf tauchte auf. Ich erkannte ihn sofort. Diego. Sein Gesicht, seine Augen, sein Lächeln.
>Das gibt’s doch nicht!<, er lachte und zeigte seine weißen göttlichen Zähne.
Und ich stellte sofort fest, dass er genauso gut aussah wie zwei Monate zuvor. Nein, jetzt sah er noch viel besser aus. >Wir wollten dir einen kleinen Besuch abstatten<, sagte ich und lachte.
>Ich kann’s nicht fassen!<, rief er, trat zur Hängeleiter und hielt uns die Hand entgegen. >Kommt rüber! Seid ihr von Alicante bis hierher gefahren? Habt ihr wirklich hierhergefunden? Kommt rein! Kommt rein!<
>Na, schwer war’s nicht<, sagte Helga. >Immer geradeaus und dann rechts.<
Er reichte uns die Hand und half uns über den Steg. Und als ich seine Hand hielt, spürte ich eine Elektrizität, die wie ein Blitz durch meinen Körper fuhr.

Wir stiegen hinab durch die Luke in einen kleinen, abgedunkelten Wohnraum. Diego knipste ein Lämpchen an. Ich blinzelte, sah dann einen Tisch mit Stühlen, dahinter eine Holzbank, auf der ein Mädchen saß. Sie trug ein knöchellanges Seidenkleid in Pastellrosa, hatte hüftlange, hellblonde Locken und sah sehr nordisch aus. Sie schien überrascht, lächelte aber freundlich.
>Silvie!<, rief er. >Ich habe Besuch aus Spanien, ist das nicht irre?< Er bedeutete uns, auf den Stühlen Platz zu nehmen, und setzte sich neben das Mädchen auf die Bank.
Ich sah mich um, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte, und weil ich plötzlich eine eisige Wand spürte, die in mir hochkroch und ein befremdliches Gefühl auslöste. Auf dem Tisch standen eine ausgetrunkene Flasche Wein und zwei Gläser. Eine leere, zusammengedrückte Schachtel Gauloise. Ein halb voller Aschenbecher. Landkarten …
Was ist mit dir los?, fragte meine innerliche Stimme. Gehst du jetzt unter, nur weil ein Mädchen da sitzt? Wahrscheinlich ist sie seine Cousine aus Argentinien oder die Schwester seines besten Freundes. Oder sie ist die Besitzerin des Nachbarbootes und einfach nur mit ihm befreundet.
>Wann haben wir uns damals getroffen?<, fragte er mich, als ob er mit einer alten Bekannten spräche. >Wann war das? Vor drei Monaten? Vor vier?<
>Vor zwei<, antwortete ich sehr sachlich. Ein rascher Blick auf das Mädchen machte mir bewusst, wie unheimlich schön sie war. So schön, dass es fast schmerzte. Der Schnitt ihres Gesichts mit den hohen Wangenknochen – wie gemeißelt. Die hellblonden Naturlocken, die ihr von den Schultern bis zu den Hüften fielen. Das pastellrosa Kleid ließ sie wie ein Engel aussehen. Ja, wahrhaftig, das Mädchen sah aus wie ein Engel. Es fehlten ihr nur die Flügel.
>Um wieviel Uhr seit ihr denn abgefahren?<, fragte er und legte den Arm um sie. >Wie lange habt ihr denn gebraucht?<
Ich gab keine Antwort, sondern starrte auf irgendeinen Fleck an der Holzwand. Ich spürte eine Art Lähmung, etwas sehr Seltsames, das mein Sprachzentrum traf.
>Um sechs Uhr heute Morgen<, antwortete Helga, >War ’ne geile Fahrt, nicht viel Verkehr. Hab’n an einer Raststätte noch was gegessen.<

Das Mädchen legte nun ebenfalls ihren Arm um Diegos Schultern und sah uns aufmerksam an. Dann kraulte sie mit ihren Fingern zwischen seinen Locken. >Wo seid ihr den ursprünglich her?<, wollte sie wissen.
>Ich komme aus Berlin<, hörte ich Helga sagen. Ihre Stimme klang plötzlich ganz weit weg. >Und sie<, sie reckte das Kinn in meine Richtung, >lebt schon seit vielen Jahren in Spanien.<
Silvie warf mir einen nachdenklichen Blick zu. >Interessant<, sagte sie. >In Spanien … Wow! Ist ja echt interessant.<
Diego lachte. >Unglaublich!<, sagte er und legte seinen Kopf in ihre Halsgrube. >Da haben wir Besuch aus Spanien!< Er hob seinen Kopf, lächelte Silvie an und küsste sie auf die Wange.
Für einen kurzen Augenblick sahen sie sich stumm in die Augen, und dann verschmolzen ihre Lippen miteinander. Zuerst zaghaft, sanft, dann entschlossener. Und schließlich so heiß und innig, dass Helga und ich schnelle Blicke austauschten. Ich wusste nicht, wo ich hinschauen sollte, wusste nicht, ob ich lachen oder heulen sollte, war völlig überfordert.
Sie waren so bei der Sache, dass es ihnen völlig egal war, wer da gerade vor ihnen saß. Diese Liebe musste noch ganz frisch sein. Wahrscheinlich hatten sie sich gerade erst kennengelernt. Er, gut gebaut, braungebrannt, mit einem Dreitagebart, der ihn so abgefuckt gut aussehen ließ, dass es einen umhaute, und sie wie eine vom Himmel hinabgestiegene Fee. Der liebe Gott hatte sie wohl zusammengebracht, weil sie sich finden sollten. Karma. Ja, weil sie zusammengehörten. Sie waren so vertieft, so in ihrem Rausch, wie es nur zwei sind, die sich nach langer Suche gefunden haben.
Helga grinste und warf mir immer wieder rasche Blicke zu. Und ich wusste nicht, was dieses dämliche Dauergrinsen zu bedeuten hatte. Die beiden hingen eng umschlungen da, während ihre Lippen über die Wangen, die Stirn und die Augen des anderen wanderten. Und wären Helga und ich in dem Moment nicht dagewesen, hätten wir nicht da vor ihnen am Tisch gesessen, hätten sie dort Liebe gemacht. Sie hätten sich wie in Trance ihrer Kleidung entledigt und es da auf der Holzbank getrieben. Ich starrte auf den vollen Aschenbecher und versuchte, mich zu sammeln. Zweifellos waren wir zur falschen Zeit am falschen Ort. Irgendetwas war hier völlig schief gelaufen.

Vor meinem geistigen Augen sah ich den Hafen von Saintes-Maries-de-la-Mer. Ich sah den blauen Himmel und die kleinen, in der Sonne glitzernden Boote; das graue Bürogebäude und die darüber kreisenden Möwen. Und dann kam mir der Mercedes in den Sinn, der in seiner ganzen Hässlichkeit dort einsam vor dem Hafenbüro stand. Groß und unübersehbar. Hellblau. Deutsches Nummernschild. Weit weg von zu Hause, fremd in dieser Gegend. Was hatte einen hellblauen Mercedes aus Berlin nach Saintes-Maries-de-la-Mer verschlagen? Und unversehens sah ich diesen Mercedes als unsere einzige Rettung. Bald würden wir uns verabschieden. Wir würden irgendeine Ausrede finden. Sagen, dass wir eigentlich noch weiterwollten. Nach Saint Tropez, um an den Strand zu gehen. Oder nach Cannes, um uns die Lavendelfelder anzusehen, oder weiß der Geier was.
Wir würden stumm zurück zum Hafengebäude trotten und in den Mercedes steigen. Und dieser dämliche hellblaue Mercedes würde uns die neunhundert Kilometer zurück nach Hause fahren.
 

Ji Rina

Mitglied
Lieber Cellist,
Nie hätte ich gedacht, dass du diese zehn Seiten lesen würdest!
Meine Freude darüber - kannst du dir ja vorstellen ;)
Lieben Dank!
Ji
 

CPMan

Mitglied
Liebe JiRina,

>Helga!< Ich dachte, ich sehe nicht richtig.
Ich finde die Zeichen, die du hier zum Markieren der wörtlichen Rede benutzt, häßlich. Was hast du gegen Gänsefüßchen?

>Musste ich haben!<
Du benutzt häufig Ausrufezeichen, selbst am Ende von Sätzen, die m.E. keiner Ausrufezeichen bedürfen.

>Der ist in Portugal<
Hier kein Punkt.

Hier plötzlich ein Punkt.
Ich beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und überlegte aus welcher Ecke er wohl herkam; da ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte.
Warum ein Semikolon? Ein Komma täte es doch auch.
Braungebrannt, längere dunkle gepflegte Haare, irre Augen, schöne Hände, tolle Figur.
Da fehlen Kommata.
Eine leere, zusammengedrückte Schachtel Gauloise.
Gauloises.

Eine nette Geschichte. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht herabwürdigend. Mir gefällt, wie du die Entäusschung beschreibst und diese dann mit dem hellbaluen Mercedes verknüpfst. Weniger gut gefällt mir die Beschreibung von Diego. Absolutes Klischee, meiner Meinung nach. Helga als Berliner Sidekick mit ihrer Art gefällt mir wiederum gut und verleiht der Geschichte Dynamik. Wie die Ich-Erzählerin mit ihrer Liebe vor Helga angeben will und sie in Gedanken loszuwerden versucht und wie sich dann alles gegen sie wendet.

LG,

CPMan
 

Ji Rina

Mitglied
Lieber CPMan,

Habe mich gefreut, dass du hier mal reingeschaut hast. Vielen Dank für deine Arbeit. Es ist immer wieder interessant zu lesen, wie ein Text bei einem Leser angekommen ist.

Ich wollte auch noch ein paar kurze Anmerkungen zu deinem Kommentar schreiben:

Ich finde die Zeichen, die du hier zum Markieren der wörtlichen Rede benutzt, häßlich. Was hast du gegen Gänsefüßchen?
Ich habe garkeine Gänsefüsschen in meinem PC installiert. Bisher war es mir nie so wichtig, was für Zeichen da stehen. Aber im nächsten Text werd ich mal die Gänsefüsschen benutzen.

Ji Rina schrieb:
>Musste ich haben!<
Du benutzt häufig Ausrufezeichen, selbst am Ende von Sätzen, die m.E. keiner Ausrufezeichen bedürfen.

Und ich dachte, hier müsste eins hin. Ich stellte mir Helga vor, die dieses “Musste ich haben” mit nachdruck sagt – also mir unmissverständlich zu verstehen gibt, dass sie es haben “musste”. Aber war wohl falsch.

Ji Rina schrieb:
>Der ist in Portugal<
Hier kein Punkt.

Mit den Punkten bin ich manchmal schluderig. Der Grund dafür sind meine schlechten Augen. Und wenn ich abends im halbdunkel am PC sitze, sehe ich da irgendwo ein Komma – obwohl es ein Punkt ist…Und andersherum.

Warum ein Semikolon? Ein Komma täte es doch auch.
Und eine neue Brille, brauch ich auch.

Ji Rina schrieb:
Braungebrannt, längere dunkle gepflegte Haare, irre Augen, schöne Hände, tolle Figur.
Da fehlen Kommata.
Das stimmt.:rolleyes:

Ji Rina schrieb:
Eine leere, zusammengedrückte Schachtel Gauloise.
Gauloises.

Oh, das ist verkehrt. Ich dachte, Gauloises wird ohne s am ende geschrieben. Danke.

Eine nette Geschichte. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht herabwürdigend.


Nein. Zum einen, sollte es nichts anderes als eine “nette Geschichte” sein. Gerade nach meinen letzten beiden hier veroffentlichten Texten wollte ich mal wieder eine "nette Geschichte" hochladen . Und ja.... auch “nette Geschichten” können ja durchaus lesenswert sein.

Mir gefällt, wie du die Entäusschung beschreibst und diese dann mit dem hellbaluen Mercedes verknüpfst.
Das hat mich gefreut. Danke.

Weniger gut gefällt mir die Beschreibung von Diego. Absolutes Klischee, meiner Meinung nach.

Tja, wir jungen Mädels damals…..Wenn dann mal so einer um die Ecke kam, haben wir uns natürlich gefreut. Die Geschichte ist nicht erfunden. Und da wollte ich aus Diego nicht einen anderen machen, nur weil er gut aussah. Die Prot. sieht der Sache ja auch gleich zu Anfang mit Skepsis entgegen. Und gerade das ist ja am Ende auch ein bisschen die Clue der Geschichte.

Helga als Berliner Sidekick mit ihrer Art gefällt mir wiederum gut und verleiht der Geschichte Dynamik.

Joh. Diese Helga ist eine ulkige Nudel.

Wie die Ich-Erzählerin mit ihrer Liebe vor Helga angeben will und sie in Gedanken loszuwerden versucht und wie sich dann alles gegen sie wendet.

Angeben will die ich Erzählerin eigentlich nicht. Sie vertraut nur ihrer Freundin ihre wahren Gefühle an. Im Text erzählt sie kurz wie sie Diego kennenlernte (was eigentlich mehr ein direktes Erzählen an den Leser ist) und im Rest des Textes antwortet sie dann nur noch auf Helgas Fragen. Meiner Meinung nach, finde ich keinen Hinweis darauf, dass die Erzählerin( im stillen) Helga beeindrucken möchte. Deshalb, komisch wenn das so rüber kommt. Aber gerade das ist immer interessant:, wie jeder Text anders aufgenommen wird.


Nochmals vielen Dank für deine Eindrücke und auch für die Hilfe zu den Fehlern!

Gruss, Ji
 
Hallo Ji Rina,
ich fand Deine Geschichte toll. Sie wird ein wenig von der Melacholie getragen, weil sich Helga mit einem guten Gefühl auf die Reise macht, am Ende aber doch enttäuscht wird. Deshalb muss man eine Geschichte halt immer zuende lesen, weil man sonst etwas verpasst, nicht wahr?
Schöne Grüße
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Rainer Zufall,

Danke fürs Lesen der Geschichte, es hat mich gefreut, dass sie dir gefallen hat. Ja, ein bisschen traurig ist das Mädel zurückgeblieben. Aber das Leben geht ja weiter. Auch wenn das wieder eine andere Geschichte ist, die man noch nicht zu ende lesen kann. ;)

Mit Gruss, Ji
 

jon

Foren-Redakteur
Teammitglied
Für alle, die Texte als E-Book oder Print-Buch veröffentlichen möchten: In deutschen Texten werden entweder die deutschen Anführungszeichen oder - das findet man auch sehr oft - die Chevrons verwendet.
So: „Das ist toll!", sagte Susi.
Oder so: »Das ist toll!«, sagte Susi.
 

Ji Rina

Mitglied
Danke jon!
Es ist das erste mal in zehn Jahren Lit. Foren dass mich jemand auf die Zeichen aufmerksam macht.
Werde in den nächsten Texten die deutschen Anführungszeichen benutzen.;)
Lieben Gruss, Ji
 

Else Marie

Mitglied
Hallo Ji,

mich hat deine Erzählung sehr gut unterhalten. Und ich habe mitgelitten...
Das mit dem Frühstück ist witzig. Die Beschreibung hier find ich persönlich aber etwas zu platt:
"So ein deutsches Frühstück hat mit einem spanischen ja nichts zu tun. Wir essen höchstens ein Croissant oder ein paar Kekse und trinken dazu einen Kaffee."
Das könntest du eleganter aufzeigen. Vielleicht, indem du sie erst die Kekse auf den Tisch stellen lässt, dann hält sie inne und holt noch alles andere aus dem Kühlschrank. Eine Erklärung ist meiner Meinung da gar nicht nötig.
Ein paar schöne Details hast du eingearbeitet. Zum Beispiel , wie sie sehr konzentriert das Ei köpft. Da kommt kurz darauf nochmal konzentriert. Das müsste nicht sein.
Gut finde ich auch die Idee, den Mercedes als Rahmen einzusetzen. Hässlich ist er zwar, aber dann doch die Rettung.
Am Anfang könntest du durch kleine Anspielungen dem Leser klar machen, dass wir uns in Spanien befinden. Die Hitze, die Sprache, Gerüche, Ausstattung...
Dass du das Liebespaar, das sich ja kaum zurückhalten kann, so "perfekt" beschrieben hast, find ich passend, schließlich ist es ja aus der Sicht der Erzählerin und sie sieht ihn und seine Freundin eben so.
Die Beschreibung der Situation in dem Boot ist dir gut gelungen. Man spürt richtig die Anspannung, die Peinlichkeit, die in der Luft liegt, die zumindest die Frauen spüren. Der gute Diego scheint ja nix zu raffen.
Tolle Geschichte, lockerleicht erzählt, mit einer Wendung, bei der man Schreien möchte ;)

Grüße, Else Marie
 

Ji Rina

Mitglied
Halle Else Marie,
Vielen Dank fürs Lesen und für Deine Verbesserungsvorschläge!
Hier noch ein paar kurze Anmerkungen:
Das mit dem Frühstück ist witzig. Die Beschreibung hier find ich persönlich aber etwas zu platt:
"So ein deutsches Frühstück hat mit einem spanischen ja nichts zu tun. Wir essen höchstens ein Croissant oder ein paar Kekse und trinken dazu einen Kaffee."
Das könntest du eleganter aufzeigen. Vielleicht, indem du sie erst die Kekse auf den Tisch stellen lässt, dann hält sie inne und holt noch alles andere aus dem Kühlschrank.
Das hast du sehr gut erkannt. Die Geschichte ist eine Aufarbeitung einer älteren Version und dieser Teil passte gut in die alte, jedoch nicht in die Neue. Ich hatte noch darüber nachgedacht und es dann verschludert. ;)
Ein paar schöne Details hast du eingearbeitet. Zum Beispiel , wie sie sehr konzentriert das Ei köpft. Da kommt kurz darauf nochmal konzentriert.
Das zweite "Konzentriert" habe ich übersehen...
Am Anfang könntest du durch kleine Anspielungen dem Leser klar machen, dass wir uns in Spanien befinden. Die Hitze, die Sprache, Gerüche, Ausstattung...
Dies ist jedesmal ein Problem für mich; da ich hier seit meiner Kindheit fest lebe. Ich kann ja nicht jedesmal über die Sprache, die Gerüche, die Austattung schreiben- was für mich der normale Rahmen ist. Hier in diesem Fall, dachte ich, dass ich es mit dieser Zeile, die ja so ziemlich am Anfang steht, gelöst hätte.
Aber wenn Freunde aus Deutschland zu Besuch kamen,
Vielleicht fällt dir etwas besseres ein?

Vielen Dank nochmal - es hat mich gefreut!
Liebe Grüsse,
Ji
 

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