Jammerossis Gegenwart

5,00 Stern(e) 4 Bewertungen
.


Seit Tagen streifen Füchse

durch den Garten,

um das Haus,

den Zaun entlang.

Ich folge ihren Spuren im Schnee

und beobachte ihre eleganten Sprünge,

warte auf das typische Bellen

und bekomme doch nur bettelndes Maunzen.



Vom Küchentisch durchs Fenster geschaut

sah alles so wild aus dort draußen.

Der zehn Zentimeter tiefe Schnee,

die klatschenden Schwingen großer schwarzer Vögel,

die roten Pelze Märchen erzählender Räuber.
(10. Januar)





Sonntagmorgen

Den Ofen noch vor der Dämmerung geheizt,

Flackerlicht zaubert Fantasien in den Raum.

Langsam wird der Himmel schwarz-blau

und von Minute zu Minute heller.

Die dunklen Äste locken wie Hände

hinaus in die Kälte,

in Gottes gesegnete Zeit.



Ich koche Kaffee auf dem Ofen,

immerhin. Versüße ihn mir mit Hafermilch

und atme Stille zwischen kleinen Schlucken.

Das Radio schenkt mir Orgelmusik,

ganz leise.





.
 
.


Vierundzwanzig. Nachklang des Advents

Ich liege im Bett, es ist Abend, und einer plötzlichen Idee folgend beginne ich, die oberste Reihe der Ziegelsteine des Mäuerchens neben meinem Bett zu zählen. Irgendwie kam der Impuls dazu aus Gedanken, die ich mir gerade um Adventskalender machte. Dementsprechend kam ich beim Abzählen der Steine auf die Anzahl 24. Zufall? Ich weiß nicht. Als ich das Mäuerchen bauen wollte, habe ich einfach die Höhe und Länge der zu füllenden Wandöffnung gemessen, dann nach einer schönen Ziegelsorte im Fundus gesucht, fand die Reichsformatigen passend, und siehe, der obere Abschluss wird nun von genau vierundzwanzig Steinen, welche seitlich hochkant aneinander gemauert wurden, gebildet. Vierundzwanzig. Wie die Anzahl der Fensterchen der geliebten Papierkalender meiner Kindheit, die immer am schönsten wirkten, wenn der Kalender an ein Fenster gelehnt stand. Dann leuchteten die Bildchen fast, von denen ich täglich eines öffnen durfte.
 
.



In meiner Kindheit gab es noch Kriegsruinen in der Stadt, ganze Straßenzüge, Quartiere – als hätten die Kampfhandlungen und Bombardements erst vorgestern aufgehört und in den nur notdürftig wetterfest gemachten Häusern ohne Stuck und Putz und mit fehlenden Fenstern traf man zum Teil auf Gestalten wie aus Charles-Dickens-Verfilmungen.

Der Kanonenofen in der SERO-Annahmestelle war kaum mehr als eine Eisentonne, und wenn der Ladenbetreiber oder seine Mitarbeiterin einen Moment Zeit hatten, warfen sie gelegentlich einen weiteren Holzscheit in die Flammen und streckten schnell die Hände, die sonst nur von Wollhandwärmern ohne Finger geschützt wurden, den Flammen entgegen. Ein epischer Schmutz überdeckte alles, und es roch immer höchst unangenehm in dem Laden, weil viele Leute ihre Gurkengläser und Schnapsflaschen nicht gründlich leerten, geschweige denn austrockneten, bevor sie diese für ein paar Groschen zur Annahmestelle brachten. Aber niemand nahm Anstoß daran oder ließ es sich anmerken. Um 1970 waren wir vielleicht noch alle gleich in unserer Achtung voreinander, in diesem ersten deutschen Staat der sozialen Gleichheit. Kurze Zeit später verschwanden der SERO-Laden, die Straße und manch andere kriegszerstörte Ecken in der Stadt völlig und für immer. Straßenverläufe wurden zum Teil ganz neu geschaffen, entstanden erst mit Zirkel und Parallel-Verschiebung an den Reißbrettern der proletarisch-internationalistischen Stadtplanungsbüros. Spuren der Stadtgeschichte wurden getilgt, als gäbe es kein Gestern. Das DDR-Neubauprogramm veränderte nahezu jede unserer Städte kolossal – und weiß Gott nicht nur zum Guten. Aber viele Familien bekamen moderne Wohnungen mit allem Komfort und Fernwärme. Ich habe es nicht vergessen.
 
.


Vom Lesen


Im Laufe der Jahre wurde ich häufig gefragt, warum ich so viel lese. Und meine Lieblingsbücher auch noch gern öffentlich vorstelle! Und zu guter Letzt einen wenig einträglichen Internet-handel mit antiquarischen Büchern betreibe.

Oder jemand nimmt die vielen Bücherregale in unserer Wohnung wahr und fragt ganz erstaunt, ob ich die alle gelesen hätte. Das Lesen und der Besitz von mehr als einer Handvoll Bücher werden als seltsam, als fragwürdig, vielleicht als antiquiert empfunden. Bei manchem so Fragenden höre ich deutlich eine echte Abneigung gegen Bücher, gegen das Lesen, gegen die Zeitverschwendung in der Welt der Bücher heraus. Dabei kommen wir alle, zumindest die im Osten des Landes Geborenen, aus einem Leseland. In der DDR wurde bis zu ihrem Verschwinden viel gelesen. Das Gefühl der Enge in diesem kleinen Land der unbegrenzt kleiner werdenden Möglichkeiten führte die Menschen mit bewussten Sehnsüchten nach Weite, nach ungewöhnlichen Erfahrungen, nach Kreativität überall dorthin, wo man sich den Horizont seiner kleinen Welt erweitern konnte, und sei es nur durch Illusionen, Gedankenspiele und dem unablässigen Ablaufen der Grenzen, die einen gefangen hielten. Wenn die gefangene Raubkatze entlang des Gitters immer im Kreis läuft, kommt sie vielleicht auch irgendwann zur Erkenntnis, dass die Welt unendlich weit ist, dass sie nichts aufhält auf ihrem Weg im Kreis. So kann auch sie sich als Philosoph fühlen. Und so eigneten wir uns im kleinen Leseland auch die Überzeugung an, ein philosophisches Völkchen zu sein, das den größten menschlichen Ideen nachgeht, auf unserem Trott entlang der Gitterstäbe, der Mauern, der Gewehrläufe. Alles wird erträglicher mit einem guten Buch in der Hand und einem vollen Bücherregal auf dem Rücken. Darum habe ich auch immer, wenn ich mich in eine ungewisse Zeit begebe, und sei es nur eine Autobahnfahrt, die durch einen stundenlangen Stau unterbrochen werden könnte, mindestens ein Buch bei mir, oft auch ein Notizbuch, um markante Eindrücke oder eine Gedichtidee festhalten zu können.

In jener Zeit, die ich heute „damals“ nenne, genauer gesagt „die ersten Jahre in eigenen Wohnungen, ab meinem 19. Lebensjahr also, achtete ich darauf, dass für den Fall, dass mich die Polizei oder StaSi abholen kommt, immer ein Buch dalag, das ich beim Verlassen der Wohnung greifen und einstecken konnte. Die willkürlichen “Zuführungen“, sie betonten stets, dass es keine Verhaftung sei, was einem da passierte, diese Zuführungen waren dafür bekannt, dass man in der Regel nie erfuhr, warum man zugeführt wurde, und wie lange der Aufenthalt dauern würde. Da war ein Buch für mich Nahrung, Beruhigungs- und Stärkungsmittel, Ablenkung. Ich hoffe, dass sie sich oft gewundert haben, warum ich äußerlich so gelassen wirkte. Denn eigentlich wurde der ganze Klamauk ja veranstaltet, um mir Angst zu machen. Angst? Mir, der einen kleinen Band mit den Gefängnisgedichten Bonhoeffers in den schwitzenden Händen hielt? Womit wollt ihr mir Angst machen?

Dass das Lesen von Büchern, von Gedichten, Erzählungen und Romanen in unserer sich enorm wandelnden Zeit so stark verdrängt wird, ist erklärbar. Das macht den Verlust aber nicht ungefährlicher für Individuen und Gesellschaft. Lesen hat immer gebildet. Lesende Menschen waren Nichtlesern in bestimmten Bereichen der Weltwahrnehmung und in der Verarbeitung jeglicher Einwirkungen oft überlegen. Aber es gibt Ausnahmen, das will ich gern einräumen. Nichtlesende Menschen mit klaren Denkstrukturen, die wohl aus anderen soliden Brunnen als der Literatur Kenntnisse und Ansichten schöpfen und diese gut strukturiert zu äußern wissen. Wenn jedoch die Weitergabe des kulturellen Reichtums, den uns die Literatur bietet, von Generation zu Generation verloren geht, verlieren wir mehr als eine schöne Freizeitgewohnheit. Viel mehr. Die sogenannten Sozialen Medien, die sich rasant vermehrenden Angebote moderner Film-Produktionsgesellschaften und die elektronischen Möglichkeiten, spielend in immer neue Erlebniswelten vorzudringen, können nicht die Lern- und mentalen Verarbeitungseffekte verloren gegangener Lesegewohnheiten ersetzen. Die Verluste sind schon jetzt wissenschaftlich nachgewiesen. Seinen Kindern, seiner oder seinem Liebsten Gedichte oder besondere Geschichten vorzulesen und diese Gedanken gemeinsam zu genießen, das formt ein Erlebnis, das man unter Umständen ewig als erlebtes Glücksgefühl in sich trägt.



.
 
.


Ich bewundere
selfpublishende Vielschreiber. So fleißig an der eigenen Rolle in der Literaturgeschichte zu arbeiten – Respekt! Habe nur Angst, dass die meisten von ihnen gleich auf viel Papier drucken lassen, statt ökologischere Möglichkeiten fürs Publishing zu wählen. Zum Beispiel daheim inszeniertes Balkoncasting. Wenn man regelmäßig spannende, ergreifende, also irgendwie gute Texte herabspricht, sammeln sich bestimmt mit den Wochen immer mehr Zuhörende unten. Sobald es tausend sind, die jeder Lesestunde donnernden Applaus zollen, kann man ja überlegen, ob der Druck auf wertvolle Papiere aus dem Rohstoff Holz oder das Verbreiten auf energieintensiven Datenträgern sinnvoll ist. Wenn die öffentlichen Lesungen jedoch ohne Resonanz bleiben – vielleicht doch erstmal auf die Bedruckerei wertvoller Papiervorräte verzichten? Nur so ein Gedanke ...
 
.



Sonnabendmorgenlicht


Um sieben Uhr sechzehn
den Ofen wieder anheizen.

Luxus das flackernde Licht der Flammen,
durch die große Sichtscheibe tanzend.

Das offene Fenster lässt minus ein Grad
herein – frische Atemluft,

und auf dem Ofen beginnt die
italienische Kaffeekanne zu fauchen
wie Sophia Loren in einem Schwarz-Weiß-Film …

Nun fehlt nicht mehr viel am Glück – ja was?

Ein gutes Buch, eine Stunde ohne Druck auf den Augen lesen können,
danach eine Weile Stille und schließlich jemand, die nachfragt,
wovon das Buch erzählt …
 
.


Gedicht- oder Kurzgeschichten-Idee, gekommen beim Lesen des Gedichts Gebet von Else Lasker-Schüler.
Mal sehen, ob ich daran weiterarbeite. Es ist mehrfach schwierig.




Ich suche allenthalben in der Stadt,

wo sie ihr Judengässlein hat.

Ich seh es oft in zagen Träumen,

wie ich hindurchgeh

und aus hellen Räumen

dringen Klänge und Gerüche zu mir,

als wäre Winter; aber alle, ob reich oder arm,

haben‘s warm

und feiern fröhlich so, wie viele Nachbarn Weihnachten,

doch fehlt der grüne Baum in diesen Zimmern.

Ich gehe langsam weiter, bleibe stehn vor einem großen Fenster,

in welches fein Davids Stern und ein Wort nur: „Café“ geätzt ist

und
קפה ישראל

Dahinter seh ich Tische, in leuchtend weiße Tücher gekleidet –

Ich bin verzaubert von den Leuchtern darauf

mit kunterbunten Kerzen,

es wird mir warm im Herzen.

So bleibe ich stehen und harre,

wann die Gäste kommen, die all dieses erwartet.

Von einer Etage drüber hör ich eine Melodie,

erst nur von einem Klavier leis vorgetragen,

doch dann setzt ein feiner Gesang ein, vielleicht eine Familie,

vielleicht ein Chor von Freunden.

Ein Herr geht an mir vorüber,

und grüßt mich mit einem Gruß, den ich nicht verstehe.

Er tritt vor den Eingang des Hauses, berührt kurz die Laibung der Tür,

und scheint etwas zu sagen, doch leis, dann geht er hinein.

Ich komme mir seltsam vor, wie ein Voyeur.

Doch als ich mich wende, um endlich zu gehen,

werde ich mit „Hallo!“ gerufen.

Ein offenbar jüngerer Mann steht an der Tür auf den Stufen.

„Sie sehen schon fast erfroren aus,

kommen Sie rein, es ist warm im Haus,

und die Frauen haben wieder viel zu viel Kreppelach bereitet!“

Da geht oben das Fenster zu und ich höre mich danken,

es fallen meine anerzogenen Schranken,

ich folge dem freundlichen Mann in das Haus.





.
 
.


Vor genau einem Jahr notierte ich, noch in der Klinik:



Sonntagmorgen

Heut noch einmal frei von Therapien.

Heut auch kein Besuch angemeldet.

Heute sieht es draußen kalt aus, kalt und freudlos.

So kriecht das Licht leise klirrend in mein Zimmer,

mir bleibt nur das schier Unvermeidliche übrig –

ich schalte den Fernseher ein.

Wie mühsam ist es, als Fernseh-Ungeübter sonntagvormittags

unter dreißig Sendern etwas Kulturvolles zu finden.

Mit Mühe und Not eine Doku über einen Komponisten der Neuen Musik gefunden.

Schöne Tonaufnahmen, dazu reizvoll erzählte Hintergrundinfos. Sequenzen aus

einem blau illuminierten Raum, es könnte die Chagall-Kirche in Mainz sein.

Ich erfahre es nicht.

Sonntag in der Klinik.

Zapp – zapp – zapp – ZDF.

Den evangelischen Gottesdienst dort nehme ich gleich mit.

Bin etwas verwirrt.

Vor genau einer Woche lief eine katholische Messe,

und die Gemeinde sang genau das gleiche Lied: Bonhoeffers

„Von guten Mächten“. Ich lasse es laufen, brauche schnell

ein Taschentuch. Bei dem Lied immer. Das einzige religiöse, abseits

von Bachs Klangwelten, bei dem ich nie die Tränen zurückhalten

kann.

Das kalte Licht dringt weiter und weiter ein. Auch indianerhaft in

eine rote Decke gehüllt entkomme ich der Kälte nicht.

Selbst das Sportstudio kühlt mit.



Mittwoch, 22. Januar, abends im Leseraum „Andacht und

Besinnung“ mit einer Gemeindereferentin vom Ort. Vier Frauen

und ich sitzen im Kreis.

Sie hält eine Andacht über Schneeflocken. Mit Liedern.

Geht spirituell nicht so in die Tiefe, sie will auf die Schönheit

der Schöpfung hinweisen. Ist okay.







Donnerstag, 23. Januar – o Gott, wie der Kalender rast!

Heute Umzug auf Station 4/5, eine Etage höher.

Bin etwas gespannt, was das bedeuten wird.

Ich verliere Vertrautes, werde mich an Neues gewöhnen – Räume,

Gesichter, Stimmen, Klänge – neues Bett? Hoffentlich etwas

fester. Und das Wichtigste: Wie lange noch zum sicheren Stehen

und Gehen?

Welche Perspektive?

Werde ich Herrn H. und Frau Pieps vermissen?

Keine Einführung, wie alles verläuft.

Kein Umzugs-Zeitfenster.

Alles wirkt sehr improvisiert. Wird schon irgendwie.

Nebenher sechs Therapien.





.
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber Clown,

ich habe momentan nicht so viel Zeit zum Lesen und kommentieren, aber heute wieder alles von Dir nachgeholt - mit sehr großem Vergnügen.
Was Du über das Lesen schreibst, stimmt haargenau. Und wenn wir dann noch das Schreiben mit der Hand dazunehmen, können wir uns die Kulturnation bald abschminken.
Aber man kann es nicht ändern.
Ich habe das Gefühl, dass man viele fundamentalen Wahrheiten über das Leben und die Welt erst im letzten Drittel versteht.

Liebe Grüße
Petra
 
Liebe Petra,

das war mir wieder eine große Freude, dass du hier gelesen und was eingeschrieben hast, denn zur Zeit scheint ja so ein bisschen der Wurm im Forum zu sein. Verbale Übergriffigkeiten, Streit, Rückzüge in Pausenzeiten usw. Ich verstehe nichts davon richtig, hatte nur in den letzten Wochen manchmal das Gefühl, als sei ich bald der Letzte, der hier das Licht ausmacht.
Also war dein Auftauchen sehr wichtig für mich. Danke!

Deine Ergänzung mit dem Verlust der Schreibschrift las ich gern. Unsere Tochter, die nächstes Jahr Abitur macht, ist auch schon durch diese seltsame Grundschulneuerung gegangen, dass alle schreiben durften und sollten, wie sie es für richtig hielten, natürlich noch vereinfacht mit Großbuchstaben usw.
Sie ist so ein heller Kopf, liest und schreibt sehr viel,ist ihren Altersgenoss*innen in vielen Themen um Lichtjahre voraus, hält Reden auf öffentlichen Veranstaltungen, spielt Blockflöten und Saxophone - macht aber beim Schreiben zum Teil sehr seltsam einfache Fehler. Man sollte die Verschlimmbesserer an den Lehrplänen verprügeln, aber regelmäßig. (ist nicht völlig ernst gemeint)

Freue mich über deine zukünftigen Besuche.
der Clown
 



 
Oben Unten