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Vom Lesen
Im Laufe der Jahre wurde ich häufig gefragt, warum ich so viel lese. Und meine Lieblingsbücher auch noch gern öffentlich vorstelle! Und zu guter Letzt einen wenig einträglichen Internet-handel mit antiquarischen Büchern betreibe.
Oder jemand nimmt die vielen Bücherregale in unserer Wohnung wahr und fragt ganz erstaunt, ob ich die alle gelesen hätte. Das Lesen und der Besitz von mehr als einer Handvoll Bücher werden als seltsam, als fragwürdig, vielleicht als antiquiert empfunden. Bei manchem so Fragenden höre ich deutlich eine echte Abneigung gegen Bücher, gegen das Lesen, gegen die Zeitverschwendung in der Welt der Bücher heraus. Dabei kommen wir alle, zumindest die im Osten des Landes Geborenen, aus einem Leseland. In der DDR wurde bis zu ihrem Verschwinden viel gelesen. Das Gefühl der Enge in diesem kleinen Land der unbegrenzt kleiner werdenden Möglichkeiten führte die Menschen mit bewussten Sehnsüchten nach Weite, nach ungewöhnlichen Erfahrungen, nach Kreativität überall dorthin, wo man sich den Horizont seiner kleinen Welt erweitern konnte, und sei es nur durch Illusionen, Gedankenspiele und dem unablässigen Ablaufen der Grenzen, die einen gefangen hielten. Wenn die gefangene Raubkatze entlang des Gitters immer im Kreis läuft, kommt sie vielleicht auch irgendwann zur Erkenntnis, dass die Welt unendlich weit ist, dass sie nichts aufhält auf ihrem Weg im Kreis. So kann auch sie sich als Philosoph fühlen. Und so eigneten wir uns im kleinen Leseland auch die Überzeugung an, ein philosophisches Völkchen zu sein, das den größten menschlichen Ideen nachgeht, auf unserem Trott entlang der Gitterstäbe, der Mauern, der Gewehrläufe. Alles wird erträglicher mit einem guten Buch in der Hand und einem vollen Bücherregal auf dem Rücken. Darum habe ich auch immer, wenn ich mich in eine ungewisse Zeit begebe, und sei es nur eine Autobahnfahrt, die durch einen stundenlangen Stau unterbrochen werden könnte, mindestens ein Buch bei mir, oft auch ein Notizbuch, um markante Eindrücke oder eine Gedichtidee festhalten zu können.
In jener Zeit, die ich heute „damals“ nenne, genauer gesagt „die ersten Jahre in eigenen Wohnungen, ab meinem 19. Lebensjahr also, achtete ich darauf, dass für den Fall, dass mich die Polizei oder StaSi abholen kommt, immer ein Buch dalag, das ich beim Verlassen der Wohnung greifen und einstecken konnte. Die willkürlichen “Zuführungen“, sie betonten stets, dass es keine Verhaftung sei, was einem da passierte, diese Zuführungen waren dafür bekannt, dass man in der Regel nie erfuhr, warum man zugeführt wurde, und wie lange der Aufenthalt dauern würde. Da war ein Buch für mich Nahrung, Beruhigungs- und Stärkungsmittel, Ablenkung. Ich hoffe, dass sie sich oft gewundert haben, warum ich äußerlich so gelassen wirkte. Denn eigentlich wurde der ganze Klamauk ja veranstaltet, um mir Angst zu machen. Angst? Mir, der einen kleinen Band mit den Gefängnisgedichten Bonhoeffers in den schwitzenden Händen hielt? Womit wollt ihr mir Angst machen?
Dass das Lesen von Büchern, von Gedichten, Erzählungen und Romanen in unserer sich enorm wandelnden Zeit so stark verdrängt wird, ist erklärbar. Das macht den Verlust aber nicht ungefährlicher für Individuen und Gesellschaft. Lesen hat immer gebildet. Lesende Menschen waren Nichtlesern in bestimmten Bereichen der Weltwahrnehmung und in der Verarbeitung jeglicher Einwirkungen oft überlegen. Aber es gibt Ausnahmen, das will ich gern einräumen. Nichtlesende Menschen mit klaren Denkstrukturen, die wohl aus anderen soliden Brunnen als der Literatur Kenntnisse und Ansichten schöpfen und diese gut strukturiert zu äußern wissen. Wenn jedoch die Weitergabe des kulturellen Reichtums, den uns die Literatur bietet, von Generation zu Generation verloren geht, verlieren wir mehr als eine schöne Freizeitgewohnheit. Viel mehr. Die sogenannten Sozialen Medien, die sich rasant vermehrenden Angebote moderner Film-Produktionsgesellschaften und die elektronischen Möglichkeiten, spielend in immer neue Erlebniswelten vorzudringen, können nicht die Lern- und mentalen Verarbeitungseffekte verloren gegangener Lesegewohnheiten ersetzen. Die Verluste sind schon jetzt wissenschaftlich nachgewiesen. Seinen Kindern, seiner oder seinem Liebsten Gedichte oder besondere Geschichten vorzulesen und diese Gedanken gemeinsam zu genießen, das formt ein Erlebnis, das man unter Umständen ewig als erlebtes Glücksgefühl in sich trägt.
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