Jammerossis Gegenwart

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Seit Tagen streifen Füchse

durch den Garten,

um das Haus,

den Zaun entlang.

Ich folge ihren Spuren im Schnee

und beobachte ihre eleganten Sprünge,

warte auf das typische Bellen

und bekomme doch nur bettelndes Maunzen.



Vom Küchentisch durchs Fenster geschaut

sah alles so wild aus dort draußen.

Der zehn Zentimeter tiefe Schnee,

die klatschenden Schwingen großer schwarzer Vögel,

die roten Pelze Märchen erzählender Räuber.
(10. Januar)





Sonntagmorgen

Den Ofen noch vor der Dämmerung geheizt,

Flackerlicht zaubert Fantasien in den Raum.

Langsam wird der Himmel schwarz-blau

und von Minute zu Minute heller.

Die dunklen Äste locken wie Hände

hinaus in die Kälte,

in Gottes gesegnete Zeit.



Ich koche Kaffee auf dem Ofen,

immerhin. Versüße ihn mir mit Hafermilch

und atme Stille zwischen kleinen Schlucken.

Das Radio schenkt mir Orgelmusik,

ganz leise.





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Vierundzwanzig. Nachklang des Advents

Ich liege im Bett, es ist Abend, und einer plötzlichen Idee folgend beginne ich, die oberste Reihe der Ziegelsteine des Mäuerchens neben meinem Bett zu zählen. Irgendwie kam der Impuls dazu aus Gedanken, die ich mir gerade um Adventskalender machte. Dementsprechend kam ich beim Abzählen der Steine auf die Anzahl 24. Zufall? Ich weiß nicht. Als ich das Mäuerchen bauen wollte, habe ich einfach die Höhe und Länge der zu füllenden Wandöffnung gemessen, dann nach einer schönen Ziegelsorte im Fundus gesucht, fand die Reichsformatigen passend, und siehe, der obere Abschluss wird nun von genau vierundzwanzig Steinen, welche seitlich hochkant aneinander gemauert wurden, gebildet. Vierundzwanzig. Wie die Anzahl der Fensterchen der geliebten Papierkalender meiner Kindheit, die immer am schönsten wirkten, wenn der Kalender an ein Fenster gelehnt stand. Dann leuchteten die Bildchen fast, von denen ich täglich eines öffnen durfte.
 
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In meiner Kindheit gab es noch Kriegsruinen in der Stadt, ganze Straßenzüge, Quartiere – als hätten die Kampfhandlungen und Bombardements erst vorgestern aufgehört und in den nur notdürftig wetterfest gemachten Häusern ohne Stuck und Putz und mit fehlenden Fenstern traf man zum Teil auf Gestalten wie aus Charles-Dickens-Verfilmungen.

Der Kanonenofen in der SERO-Annahmestelle war kaum mehr als eine Eisentonne, und wenn der Ladenbetreiber oder seine Mitarbeiterin einen Moment Zeit hatten, warfen sie gelegentlich einen weiteren Holzscheit in die Flammen und streckten schnell die Hände, die sonst nur von Wollhandwärmern ohne Finger geschützt wurden, den Flammen entgegen. Ein epischer Schmutz überdeckte alles, und es roch immer höchst unangenehm in dem Laden, weil viele Leute ihre Gurkengläser und Schnapsflaschen nicht gründlich leerten, geschweige denn austrockneten, bevor sie diese für ein paar Groschen zur Annahmestelle brachten. Aber niemand nahm Anstoß daran oder ließ es sich anmerken. Um 1970 waren wir vielleicht noch alle gleich in unserer Achtung voreinander, in diesem ersten deutschen Staat der sozialen Gleichheit. Kurze Zeit später verschwanden der SERO-Laden, die Straße und manch andere kriegszerstörte Ecken in der Stadt völlig und für immer. Straßenverläufe wurden zum Teil ganz neu geschaffen, entstanden erst mit Zirkel und Parallel-Verschiebung an den Reißbrettern der proletarisch-internationalistischen Stadtplanungsbüros. Spuren der Stadtgeschichte wurden getilgt, als gäbe es kein Gestern. Das DDR-Neubauprogramm veränderte nahezu jede unserer Städte kolossal – und weiß Gott nicht nur zum Guten. Aber viele Familien bekamen moderne Wohnungen mit allem Komfort und Fernwärme. Ich habe es nicht vergessen.
 
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Vom Lesen


Im Laufe der Jahre wurde ich häufig gefragt, warum ich so viel lese. Und meine Lieblingsbücher auch noch gern öffentlich vorstelle! Und zu guter Letzt einen wenig einträglichen Internet-handel mit antiquarischen Büchern betreibe.

Oder jemand nimmt die vielen Bücherregale in unserer Wohnung wahr und fragt ganz erstaunt, ob ich die alle gelesen hätte. Das Lesen und der Besitz von mehr als einer Handvoll Bücher werden als seltsam, als fragwürdig, vielleicht als antiquiert empfunden. Bei manchem so Fragenden höre ich deutlich eine echte Abneigung gegen Bücher, gegen das Lesen, gegen die Zeitverschwendung in der Welt der Bücher heraus. Dabei kommen wir alle, zumindest die im Osten des Landes Geborenen, aus einem Leseland. In der DDR wurde bis zu ihrem Verschwinden viel gelesen. Das Gefühl der Enge in diesem kleinen Land der unbegrenzt kleiner werdenden Möglichkeiten führte die Menschen mit bewussten Sehnsüchten nach Weite, nach ungewöhnlichen Erfahrungen, nach Kreativität überall dorthin, wo man sich den Horizont seiner kleinen Welt erweitern konnte, und sei es nur durch Illusionen, Gedankenspiele und dem unablässigen Ablaufen der Grenzen, die einen gefangen hielten. Wenn die gefangene Raubkatze entlang des Gitters immer im Kreis läuft, kommt sie vielleicht auch irgendwann zur Erkenntnis, dass die Welt unendlich weit ist, dass sie nichts aufhält auf ihrem Weg im Kreis. So kann auch sie sich als Philosoph fühlen. Und so eigneten wir uns im kleinen Leseland auch die Überzeugung an, ein philosophisches Völkchen zu sein, das den größten menschlichen Ideen nachgeht, auf unserem Trott entlang der Gitterstäbe, der Mauern, der Gewehrläufe. Alles wird erträglicher mit einem guten Buch in der Hand und einem vollen Bücherregal auf dem Rücken. Darum habe ich auch immer, wenn ich mich in eine ungewisse Zeit begebe, und sei es nur eine Autobahnfahrt, die durch einen stundenlangen Stau unterbrochen werden könnte, mindestens ein Buch bei mir, oft auch ein Notizbuch, um markante Eindrücke oder eine Gedichtidee festhalten zu können.

In jener Zeit, die ich heute „damals“ nenne, genauer gesagt „die ersten Jahre in eigenen Wohnungen, ab meinem 19. Lebensjahr also, achtete ich darauf, dass für den Fall, dass mich die Polizei oder StaSi abholen kommt, immer ein Buch dalag, das ich beim Verlassen der Wohnung greifen und einstecken konnte. Die willkürlichen “Zuführungen“, sie betonten stets, dass es keine Verhaftung sei, was einem da passierte, diese Zuführungen waren dafür bekannt, dass man in der Regel nie erfuhr, warum man zugeführt wurde, und wie lange der Aufenthalt dauern würde. Da war ein Buch für mich Nahrung, Beruhigungs- und Stärkungsmittel, Ablenkung. Ich hoffe, dass sie sich oft gewundert haben, warum ich äußerlich so gelassen wirkte. Denn eigentlich wurde der ganze Klamauk ja veranstaltet, um mir Angst zu machen. Angst? Mir, der einen kleinen Band mit den Gefängnisgedichten Bonhoeffers in den schwitzenden Händen hielt? Womit wollt ihr mir Angst machen?

Dass das Lesen von Büchern, von Gedichten, Erzählungen und Romanen in unserer sich enorm wandelnden Zeit so stark verdrängt wird, ist erklärbar. Das macht den Verlust aber nicht ungefährlicher für Individuen und Gesellschaft. Lesen hat immer gebildet. Lesende Menschen waren Nichtlesern in bestimmten Bereichen der Weltwahrnehmung und in der Verarbeitung jeglicher Einwirkungen oft überlegen. Aber es gibt Ausnahmen, das will ich gern einräumen. Nichtlesende Menschen mit klaren Denkstrukturen, die wohl aus anderen soliden Brunnen als der Literatur Kenntnisse und Ansichten schöpfen und diese gut strukturiert zu äußern wissen. Wenn jedoch die Weitergabe des kulturellen Reichtums, den uns die Literatur bietet, von Generation zu Generation verloren geht, verlieren wir mehr als eine schöne Freizeitgewohnheit. Viel mehr. Die sogenannten Sozialen Medien, die sich rasant vermehrenden Angebote moderner Film-Produktionsgesellschaften und die elektronischen Möglichkeiten, spielend in immer neue Erlebniswelten vorzudringen, können nicht die Lern- und mentalen Verarbeitungseffekte verloren gegangener Lesegewohnheiten ersetzen. Die Verluste sind schon jetzt wissenschaftlich nachgewiesen. Seinen Kindern, seiner oder seinem Liebsten Gedichte oder besondere Geschichten vorzulesen und diese Gedanken gemeinsam zu genießen, das formt ein Erlebnis, das man unter Umständen ewig als erlebtes Glücksgefühl in sich trägt.



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Ich bewundere
selfpublishende Vielschreiber. So fleißig an der eigenen Rolle in der Literaturgeschichte zu arbeiten – Respekt! Habe nur Angst, dass die meisten von ihnen gleich auf viel Papier drucken lassen, statt ökologischere Möglichkeiten fürs Publishing zu wählen. Zum Beispiel daheim inszeniertes Balkoncasting. Wenn man regelmäßig spannende, ergreifende, also irgendwie gute Texte herabspricht, sammeln sich bestimmt mit den Wochen immer mehr Zuhörende unten. Sobald es tausend sind, die jeder Lesestunde donnernden Applaus zollen, kann man ja überlegen, ob der Druck auf wertvolle Papiere aus dem Rohstoff Holz oder das Verbreiten auf energieintensiven Datenträgern sinnvoll ist. Wenn die öffentlichen Lesungen jedoch ohne Resonanz bleiben – vielleicht doch erstmal auf die Bedruckerei wertvoller Papiervorräte verzichten? Nur so ein Gedanke ...
 
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Sonnabendmorgenlicht


Um sieben Uhr sechzehn
den Ofen wieder anheizen.

Luxus das flackernde Licht der Flammen,
durch die große Sichtscheibe tanzend.

Das offene Fenster lässt minus ein Grad
herein – frische Atemluft,

und auf dem Ofen beginnt die
italienische Kaffeekanne zu fauchen
wie Sophia Loren in einem Schwarz-Weiß-Film …

Nun fehlt nicht mehr viel am Glück – ja was?

Ein gutes Buch, eine Stunde ohne Druck auf den Augen lesen können,
danach eine Weile Stille und schließlich jemand, die nachfragt,
wovon das Buch erzählt …
 
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Gedicht- oder Kurzgeschichten-Idee, gekommen beim Lesen des Gedichts Gebet von Else Lasker-Schüler.
Mal sehen, ob ich daran weiterarbeite. Es ist mehrfach schwierig.




Ich suche allenthalben in der Stadt,

wo sie ihr Judengässlein hat.

Ich seh es oft in zagen Träumen,

wie ich hindurchgeh

und aus hellen Räumen

dringen Klänge und Gerüche zu mir,

als wäre Winter; aber alle, ob reich oder arm,

haben‘s warm

und feiern fröhlich so, wie viele Nachbarn Weihnachten,

doch fehlt der grüne Baum in diesen Zimmern.

Ich gehe langsam weiter, bleibe stehn vor einem großen Fenster,

in welches fein Davids Stern und ein Wort nur: „Café“ geätzt ist

und
קפה ישראל

Dahinter seh ich Tische, in leuchtend weiße Tücher gekleidet –

Ich bin verzaubert von den Leuchtern darauf

mit kunterbunten Kerzen,

es wird mir warm im Herzen.

So bleibe ich stehen und harre,

wann die Gäste kommen, die all dieses erwartet.

Von einer Etage drüber hör ich eine Melodie,

erst nur von einem Klavier leis vorgetragen,

doch dann setzt ein feiner Gesang ein, vielleicht eine Familie,

vielleicht ein Chor von Freunden.

Ein Herr geht an mir vorüber,

und grüßt mich mit einem Gruß, den ich nicht verstehe.

Er tritt vor den Eingang des Hauses, berührt kurz die Laibung der Tür,

und scheint etwas zu sagen, doch leis, dann geht er hinein.

Ich komme mir seltsam vor, wie ein Voyeur.

Doch als ich mich wende, um endlich zu gehen,

werde ich mit „Hallo!“ gerufen.

Ein offenbar jüngerer Mann steht an der Tür auf den Stufen.

„Sie sehen schon fast erfroren aus,

kommen Sie rein, es ist warm im Haus,

und die Frauen haben wieder viel zu viel Kreppelach bereitet!“

Da geht oben das Fenster zu und ich höre mich danken,

es fallen meine anerzogenen Schranken,

ich folge dem freundlichen Mann in das Haus.





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Vor genau einem Jahr notierte ich, noch in der Klinik:



Sonntagmorgen

Heut noch einmal frei von Therapien.

Heut auch kein Besuch angemeldet.

Heute sieht es draußen kalt aus, kalt und freudlos.

So kriecht das Licht leise klirrend in mein Zimmer,

mir bleibt nur das schier Unvermeidliche übrig –

ich schalte den Fernseher ein.

Wie mühsam ist es, als Fernseh-Ungeübter sonntagvormittags

unter dreißig Sendern etwas Kulturvolles zu finden.

Mit Mühe und Not eine Doku über einen Komponisten der Neuen Musik gefunden.

Schöne Tonaufnahmen, dazu reizvoll erzählte Hintergrundinfos. Sequenzen aus

einem blau illuminierten Raum, es könnte die Chagall-Kirche in Mainz sein.

Ich erfahre es nicht.

Sonntag in der Klinik.

Zapp – zapp – zapp – ZDF.

Den evangelischen Gottesdienst dort nehme ich gleich mit.

Bin etwas verwirrt.

Vor genau einer Woche lief eine katholische Messe,

und die Gemeinde sang genau das gleiche Lied: Bonhoeffers

„Von guten Mächten“. Ich lasse es laufen, brauche schnell

ein Taschentuch. Bei dem Lied immer. Das einzige religiöse, abseits

von Bachs Klangwelten, bei dem ich nie die Tränen zurückhalten

kann.

Das kalte Licht dringt weiter und weiter ein. Auch indianerhaft in

eine rote Decke gehüllt entkomme ich der Kälte nicht.

Selbst das Sportstudio kühlt mit.



Mittwoch, 22. Januar, abends im Leseraum „Andacht und

Besinnung“ mit einer Gemeindereferentin vom Ort. Vier Frauen

und ich sitzen im Kreis.

Sie hält eine Andacht über Schneeflocken. Mit Liedern.

Geht spirituell nicht so in die Tiefe, sie will auf die Schönheit

der Schöpfung hinweisen. Ist okay.







Donnerstag, 23. Januar – o Gott, wie der Kalender rast!

Heute Umzug auf Station 4/5, eine Etage höher.

Bin etwas gespannt, was das bedeuten wird.

Ich verliere Vertrautes, werde mich an Neues gewöhnen – Räume,

Gesichter, Stimmen, Klänge – neues Bett? Hoffentlich etwas

fester. Und das Wichtigste: Wie lange noch zum sicheren Stehen

und Gehen?

Welche Perspektive?

Werde ich Herrn H. und Frau Pieps vermissen?

Keine Einführung, wie alles verläuft.

Kein Umzugs-Zeitfenster.

Alles wirkt sehr improvisiert. Wird schon irgendwie.

Nebenher sechs Therapien.





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petrasmiles

Mitglied
Lieber Clown,

ich habe momentan nicht so viel Zeit zum Lesen und kommentieren, aber heute wieder alles von Dir nachgeholt - mit sehr großem Vergnügen.
Was Du über das Lesen schreibst, stimmt haargenau. Und wenn wir dann noch das Schreiben mit der Hand dazunehmen, können wir uns die Kulturnation bald abschminken.
Aber man kann es nicht ändern.
Ich habe das Gefühl, dass man viele fundamentalen Wahrheiten über das Leben und die Welt erst im letzten Drittel versteht.

Liebe Grüße
Petra
 
Liebe Petra,

das war mir wieder eine große Freude, dass du hier gelesen und was eingeschrieben hast, denn zur Zeit scheint ja so ein bisschen der Wurm im Forum zu sein. Verbale Übergriffigkeiten, Streit, Rückzüge in Pausenzeiten usw. Ich verstehe nichts davon richtig, hatte nur in den letzten Wochen manchmal das Gefühl, als sei ich bald der Letzte, der hier das Licht ausmacht.
Also war dein Auftauchen sehr wichtig für mich. Danke!

Deine Ergänzung mit dem Verlust der Schreibschrift las ich gern. Unsere Tochter, die nächstes Jahr Abitur macht, ist auch schon durch diese seltsame Grundschulneuerung gegangen, dass alle schreiben durften und sollten, wie sie es für richtig hielten, natürlich noch vereinfacht mit Großbuchstaben usw.
Sie ist so ein heller Kopf, liest und schreibt sehr viel,ist ihren Altersgenoss*innen in vielen Themen um Lichtjahre voraus, hält Reden auf öffentlichen Veranstaltungen, spielt Blockflöten und Saxophone - macht aber beim Schreiben zum Teil sehr seltsam einfache Fehler. Man sollte die Verschlimmbesserer an den Lehrplänen verprügeln, aber regelmäßig. (ist nicht völlig ernst gemeint)

Freue mich über deine zukünftigen Besuche.
der Clown
 

petrasmiles

Mitglied
Lieber Clown,

das mit den 'öffentlichen Auspeitschungen' denke ich schon länger ;) - gerade im Schulbetrieb.
Es ist besonders ärgerlich, dass ignoriert wird, wie der Mensch und sein Gehirn gebaut sind. Diese absolute Fehlentwicklung hin zur Digitalisierung ist das Einfallstor für mangelnde Fertigkeiten, Verunsicherung und Zugriff von außen im Sinne von Manipulation. Statt dass wir unser eigenes 'Netzwerk' ausbilden und optimieren, sollen wir die von anderen füttern.
Letztens habe ich mich wieder aufgeregt, weil die Schreibschrift abgeschafft werden sollte - oder wurde?
Wenn ich mir vorstelle, welcher Wissenspeicher unsere Hand sein kann! Ich habe es auch von anderen gehört, dass sie, wenn sie gerade nicht wissen, wie man ein Wort schreibt, es in die Luft schreiben und dann wissen sie es wieder. Und das muss trainiert werden, wie alles in unserem Körper. Wenn der Körper es nicht macht und seine Synapsen im Hirn bildet, dann ist es irgendwann zu spät.
Diese unselige 'Bequemlichkeit', die uns da wie eine Möhre dem Esel vorgehalten wird, ist ein Irrweg.
Wir müssen uns fordern und wann der Punkt der Überforderung erreicht ist, ist höchst individuell.
Verkehrte Welt!

Das mit den Qurrelen im Forum würde ich gelassen nehmen. Es gibt immer Leute, die sich selbst zu ernst nehmen. Da kann man nichts machen.

Bis später wieder einmal.

Liebe Grüße
Petra

P.S. Ich klicke immer auf neueste Beiträge, dann bekomme ich alles mit, was so neu eingestellt wurde - auch die LeLu ist bunter als man meint :)
 
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Du musst anfangen, sage ich mir immer öfter. Mach das Buch, die Zeit verrinnt. Du hast den Titel, du hast schon einen Haufen Texte. Es werden zuverlässig mehr. Was zögerst du also? Lass dir Druckerpatronen besorgen, fang mit Probeausdrucken an, mach den großen Tisch leer, wirf alles runter, damit du Platz für übersichtliche Sortierungen hast. Zeitliche Ordnung, inhaltliche Logik, Spannungsbogen. Du weißt doch, wie du es angehen willst. Es soll dein Vermächtnis werden, weil du kein Erbe hast, nichts Greifbares, das du Frau, Kindern, Enkeln, Freunden hinterlassen kannst. Nur das Buch, jetzt noch nur die Idee von einem Buch. Sie ist gut, sage ich mir immer wieder. Sie ist gut. Und wenn du irgendwann nicht mehr da bist, haben sie das Buch, und sie können sich, wenn sie sich an dich erinnern wollen, mit dem Buch in eine Echokammer begeben. Allein oder zu zweit, zu dritt, ...

Wie besiegt man einen Schlendrian? Der immanentes Teil des Selbst ist? Töten durch Disziplin, durch tägliche Arbeit? Habe ich nicht ein Leben lang gegen diese Disziplin gekämpft, weil sie mich angeödet hat? Oi, oi, oi.
 

Aniella

Mitglied
Hallo Clown,

den inneren Schweinehund zu überwinden betrifft ja sehr viele Menschen, die mit ihm kämpfen. Anfangen ist (für mich) ja nicht das Problem, aber das Weitermachen bis zum ersehnten Ende (der Arbeit) kann es durchaus sein. Ich habe auch oft solche Gedanken und ich habe Vieles angefangen, was noch auf ein Ende wartet. Nur die Entscheidung, was ich als nächstes beende fällt mir so unendlich schwer, dass es oft bei den guten Vorsätzen bleibt und dann doch nichts richtig fertig wird. Außer in meinem Kopf, da ist alles fertig, aber wenn ich gehe, nehme ich den Kopf ja mit … ;-)
Ein "muss" lasse ich aber – so weit es geht – nicht mehr in meinem Leben einen Platz finden. Das war lange genug der Quälgeist Nummer eins, den habe ich verbannt.

LG Aniella
 
Post di mezzogiorno della domenica

Angela L. spricht offen über ihre Gewichtszunahme, lese ich auf einem Internet-Nachrichtenportal. „Fast zehn Kilo“ Da will ich nicht nachstehen. Freunde, Landsleute! Im Laufe der letzten zwölf Monate habe ich etwa sieben Kilo abgenommen. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst. Liebe Angela L., da ich noch nie von Ihnen gehört habe, müssen Sie eine V. I.P. sein. Vielleicht sogar ein Star, wer weiß. Ich würde mich gern mit Ihnen treffen, um über Ihr Geheimnis der Gewichtszunahme zu sprechen. Dieses allmähliche Verschwinden, das mich bedroht, beunruhigt mich. Wenn es so weitergeht mit mir, bin ich in etwa zehn Jahren weg.

Das will ich verhindern.
Schon wegen den Kindern.

(Die falsche grammatikalische Form habe ich hier gewählt, um dem Reim auch in meinem Leben eine Chance zu geben. Oh Gott, noch ein Reim. Es sprudelt!)
 
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Auch mal bei mir so ein Anfang von etwas, das was werden könnnnnte.











Kopf




oder



"kandipper – kandapper"

Eine Groteske














Ich wachte auf, ich lag wach. Lange, vielleicht Stunden. Anfangs war es draußen noch finster. Stille, finstere Juninacht. Ich hoffte darauf, entweder wieder einschlafen zu können oder dass der Tag begann, es hell würde, dass Frau und Kinder aufs Klo gehen würden, und auch ich endlich „meinen Tag“ beginnen könne. Nichts geschah. Nur das Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Ich kam nicht hinterher. Konnte nicht mitdenken. Schließlich wunderte ich mich, dass ich den ganzen Scheiß die meiste Zeit über ausblenden kann, tagelang, wochenlang, monatelang, jahrelang. Die Baustelle, die Schulden, die der Reihe nach zerplatzten Träume, die nicht vorhandenen Basics für ein Leben auf eigenen Füßen. Ich blieb also liegen. Drehte mich mal auf das eine, mal auf das andere Ohr, in der Hoffnung, dass allein diese Bewegung den ewigen Gedankenkreisel beenden könne. Es summte aber unaufhörlich, irgendwann begann es sogar zu rattern. Das musste aufhören! Plötzlich nahm ich wahr, dass das erste Sonnenlicht ins Zimmer schien. Es musste also etwa halb fünf sein. Bald würde das Haus wach werden. Bald. In mir wurde es ruhiger. Gerade hatte sich ein Gedanke über die Auslöser von Schlaganfällen in den Vordergrund gedrängelt. Ich war erleichtert, sogar richtig froh, dass der Tag nun gleich begann. Nur noch eine Weile ausharren, warten.

Plötzlich, aus all dem Gedankenwust, den Beschissenheiten und Ängsten und roten Zahlen und Aus-weglosigkeiten ein Blitz, ein ungewöhnlicher Gedanke. Ich wollte ihn erst gar nicht beachten. Er war eine Idee. Ach großer Gott, wie viele Ideen habe ich in meinem Leben schon gehabt, und wofür? Was ist aus all den Einfällen geworden? Kaum einer hat das Licht irgendeines Tages erblickt, kaum einer erhielt eine Chance, sich zu entfalten, Form anzunehmen, gar Spuren zu hinterlassen. Und jetzt, über all das, über mein ganzes unwürdiges Leben ein Buch schreiben? Das war der Gedankenblitz, die wahnsinnige Idee am Ende einer meiner typischen Nächte. „Schreib ein Buch! Schreib über dich! Wie du ein Kopf geworden bist, und was du als Kopf erlebst. Halt! Werde nicht übermütig! Du bist als Kopf durchaus nicht einzigartig. Aus dem Nordamerika des 18. Jahrhunderts wurde von einem Kopf berichtet, der große Strecken durch die Landschaft rollend verbracht haben soll, unterwegs Siedler und Indianer erschreckend. Man hielt ihn für einen bösen Geist. Nun ja, verständlich. Es waren unaufgeklärte Zeiten, es gab noch keine Universitäten, allenfalls einzelne helle Köpfe, die sich solcher scheinbaren Phänomene annehmen konnten. Aber auch im alten Europa erzählte man sich von großen, dicken, fetten Pfannekuchen, welche über die Felder und durch Wälder rollten und unterwegs mit allerlei Gestalten, denen sie begegneten, sprachen. Pfannekuchen, pah, was man dafür hält! Nein, es waren wahrscheinlich auch Köpfe, richtige, echte, lebende Köpfe. Durch irgendwelche Umstände von den Resten ihrer Existenz getrennt, und, durch Unachtsamkeit vielleicht, in Umlauf gebracht. Das stand ja nie unter Strafe. Leute, die so einem Kopf begegneten, erzählten, dass sie ein Geräusch wie „kantipper – kantapper“ oder so ähnlich machten, wenn sie unterwegs waren. Du musst mal ganz konzentriert die Ohren spitzen, wenn du spazieren rollst. Vielleicht machst du ja auch „kantipper – kantapper“.“

So sprach es in mir. Als langsam Ruhe einkehrte und ich mich zum Frühstück begeben konnte, hatte ich mich längst mit der Idee angefreundet, über mein Leben zu schreiben. Ob es nun gleich ein Roman sein sollte, oder nur eine mittlere Erzählung, die ich an eine Literaturzeitschrift verkaufen konnte, würde ich sehen.




Wo beginnen? Am besten dort, wo es am meisten weh tat. Nur durch Schmerz und Leid sind wir oft in der Lage, eine verzweifelte Situation zu verändern, so dass vielleicht etwas Besseres entsteht. Ein besserer Job, eine bessere Beziehung, in eine bessere Gegend ziehen. Ihr kennt das alle.

Ich lag also nach dem verdammten Schlaganfall nun schon seit Monaten in dieser Klinik, wo ich medizinische Rehabilitation erfahren sollte. Anfangs machte man mir wirklich viel Mut. Ich solle nur geduldig bleiben, es komme ganz viel nach so einem Ereignis schon in den ersten Monaten wieder zurück – sie meinten vor allem Fähigkeiten, sich zu bewegen, also zu gehen, zu greifen, auch vereinzelte Handstände soll es von Patienten nach einigen Wochen bester rehabilitierender Zuwendung schon gegeben haben. Warum das bei mir nicht so eintrat – man konnte es mir nicht sagen. Aber, ja, auch schwere Verläufe ohne deutliche Verbesserungen, ohne das Wiedererlangen verloren gegangener Fähigkeiten, das kommt leider vor.

Von deutlichen kognitiven Schädigungen war ich glücklicherweise verschont geblieben. Zum Ende meines Klinikaufenthaltes verließen mich trotzdem Geduld und Mut und Zuversicht zusehends, und schließlich bat mich der leitende Arzt, Chefarzt, ach irgendwer, um ein Gespräch, das letztlich meine Entlassung einleiten sollte. Ich ließ mich zum vereinbarten Termin ins Oberarzt-zimmer schieben. Der Doktor begrüßte mich fast überschwänglich. Ich hatte dabei aber das Gefühl, dass er etwas überspielte. Mein Gefühl betrog mich nicht. Es war eine mehr oder weniger schlechte Häufung von Infos, die er mir geben wollte. Zwischendurch blickte er öfters nervös auf die Uhr. „Frau Sowieso wird noch zu unserer Unterredung zustoßen. Ich bin ein wenig unruhig, sie wollte schon längst hier sein …“ „Kein Problem, ich habe nichts weiter vor.“ Der Doktor lachte etwas übertrieben. „Bewahren Sie sich bloß Ihren Humor“, sagte er dann. „Der ist ganz wichtig für Ihre Heilungschancen. „Aha!“, warf ich dazwischen. „Sind wir mit unserem Latein am Ende?“ Es klang kratziger, aggressiver, als ich es meinte. Ich wollte mit den Medizinern gern freundliche Worte über meine Krankheit, den Rehabilitationsverlauf und etwaige Chancen austauschen, Fragen loswerden, Vorschläge machen, so es angebracht schien, aber in dem Moment, als die Psychologin eintrat, verstummte ich innerlich völlig. Wir tauschten noch ein paar Höflichkeiten aus, dann nahm ich eine Körperhaltung und Gesichtszüge an, die einzig meine Bereitschaft zuhören zu wollen signalisieren sollten. Mehr nicht. Ich wollte mir anhören, was sie mir zu sagen hatten. Da war immer noch ein Rest Hoffnung auf irgendetwas, das sie mir anbieten könnten, damit mein Glaube wiederkäme, dass in einem halben oder von mir aus in einem ganzen Jahr alles oder von mir aus fast alles so sein würde wie vor „dem Ereignis“. Nach einer Weile schreckte ich auf, weil mir der Doktor die Hand hinstreckte. Der Abschiedsgruß. „Ich wünsche Ihnen alles Gute, ein paar Tage verbleiben ja noch, schauen Sie ruhig noch mal rein, wenn noch Fragen aufkommen, oder was immer Sie bewegt. Ich bin für Sie da.“

„Danke.“ Mehr konnte ich nicht sagen. Zumindest lächelte ich ihn höflich an. Er konnte ja wohl nichts dafür, wie es tief in mir aussah.

Da sprach mich die Psychologin an: „Herr äh -, wenn Sie wollen, begleiten Sie mich doch noch rüber in mein Büro. Ich lasse uns einen Kaffee kommen – mögen Sie?“ „Gern.“ Sie schob mich im Rollstuhl rüber, telefonierte kurz mit der Küche oder wem auch immer, und tatsächlich kam zwei Minuten später ein junger Mann in Küchenkluft mit einem Tablett, darauf zwei Kaffeetassen, Zucker, Milch und kleine Löffel. Perfekt. In einer anderen Zeit, an einem angenehmeren Ort hätte ich diesen Service mit ein paar Worten gelobt, denn ich fand das wirklich toll. Der Kaffee schmeckte sogar ausgezeichnet. Doch ich war einfach nur müde und hoffte, die Psychologin würde mich etwas aus der Lethargie reißen.

Ich staunte, wie weit sie sich in ihrem leder- oder kunstlederbezogenen Bürosessel zurücklehnen konnte. Bevor sie zu sprechen begann, schaute sie mir eine ganze Weile aufmerksam in die Augen. „Ich hatte vorhin den Eindruck, als hätten Sie uns gar nicht zugehört? Ich gehe davon aus, dass das nicht aus Desinteresse und Unhöflichkeit so war. Was geht Ihnen durch den Kopf?“ Mir war klar, dass das eine Chance war; wofür, ahnte ich noch nicht. Und so fing ich an zu erzählen. Von den großen Hoffnungen auf schnelle Wiederherstellung meines alten Zustandes. Dass ich bereit war, erträgliche Schäden zu akzeptieren, wenn ich nur gehen, meine Arme und Hände nutzen und normal denken und sprechen könne. Letzteres schien ja beides in Ordnung zu sein, das Denken, das Sprechen, lesen konnte ich. Kein Grund zum Klagen, was das betraf. Eigentlich das Wichtigste, hätte ich mal geschworen. Aber nun fast unbeweglich zu sein, sozusagen eine Immobilie, das riss mir Tag für Tag mehr vom Boden weg, auf dem ich hin und her gerollt wurde. Ich drohte in die Tiefe zu fallen. Das spürte ich. Und ich sagte es der Psychologin. Die hörte mir aufmerksam zu, stellte nur gelegentlich eine Frage. Pffffffffffffff...








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Heute ist ein sehr besonderer Tag.

Bei nächtlichem Schneefall stelle ich gern eine kleine Lampe in einem unserer Küchenfenster so auf, dass sie hinausstrahlt. Gerade wenn dicke Flocken langsam herabschweben, sieht das irre schön aus. Ludwig-Richter-Romantik sozusagen. War heute leider nicht so. Aber: Als ich suchend aus dem Fenster sah, was es sonst so Interessantes draußen gäbe, erschrak ich vor der großen Spur im Schnee, die genau auf das Fenster zulief, an dem ich stand. Ich war gleichermaßen schockiert wie verzaubert. Eine Tierspur. Große Tritte. Für Mammuts, selbst kleine, aber zu klein. Keine Katze, kein Waschbär, kein Hase, kein Kaninchen, kein Hund, kein Wolf, kein Fuchs. Ich musste an Urwisente denken, auch an Auerochsen. Erst dachte ich, dass dafür die charakteristische Schleifspur der langzotteligen Hals- und Kinnbehaarung fehlt. Aber da der Schnee noch nicht so tief ist, reichen diese Zottelhaare bestimmt noch gar nicht bis zum Boden bzw. zur Schneedecke. Doof ist, dass die rätselhaften Tiere fast nur nachts unterwegs sind, und kaum mal bei Tageslicht gesehen werden. Nur die Mammutgruppe, die im Dezember über unseren Lehmberg im Garten zog, etwa ein halbes Dutzend Tiere in einer Reihe, kann ich mit Sicherheit bezeugen. Das waren ganz kleine Tiere, nicht kleiner und nicht größer als etwa 25 Zentimeter an den höchsten Stellen, den mächtigen Rückengipfeln. Trotzdem haben sie uns erschreckt, können sie doch ein deutlicher Hinweis auf eine mittlerweile begonnene kleine Eiszeit sein. In der Woche nach der Sichtung hat meine Frau versucht, kleine Kohlenbriketts zu kaufen. Es gab aber keine mehr. Typisches Zeichen für eine Heizstoffkrise.

Als mein erster Kaffee ausgetrunken war, wechselte ich vom Küchentisch und den Ausblicken in den grönlandweißen Garten ins Handyinternet. Dort fand ich, passend zum Datum, einen starken Artikel über meinen Lieblingsfußballbundesligaverein, dem gerade eine tolle Auszeichnung zuteilwurde (sagt man so?) – der Ehren-Makkabäer. Ich bin ja nicht so schnell damit, auf irgendetwas „stolz“ zu sein, aber beim Lesen über die Hintergründe dieser Preisverleihung hatte ich dieses extrem seltene Gefühl von Stolz. Wenn auch nur Stolz darauf, mich vor etwa zwölf Jahren für den richtigen Verein entschieden zu haben. Korrekte, liebenswerte Menschen, die vieles vorbildhaft leben.

Cut. Muss mal noch andere Sachen machen. Bis später.



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Da schreib ich der Frau einmal ein paar Nachrichten über die (sich) wandelnde Gartenfauna in den Zeiten des Klimawandels - und schon soll ich Kinderbücher schreiben. Heiße ich etwa Habeck? Nein, so heiß ich nicht! Heiße ich etwa Robert? Nein, so heiß ich nicht! Heiße ich etwa Lindgren? Nein! Heiße ich Kästner? Nein, nein, nein, so heiß ich nicht, so heiß ich nicht! Und wenn du bis morgen nicht ...
 



 
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