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Hallo A.
„Hallo A., hast du einen Moment für mich, ich hab ein Anliegen, eine Bitte.“ Sie lächelt etwas überrascht, verunsichert. „O je, wenn du früher so gekommen bist, brauchtest du Geld. – Bist du irgendwie in Not?“ Ich lasse mir Zeit mit der Antwort, denke nach. Bin ich in einer Not? Nein, Quatsch. Aber ihre Bemerkung zu „früher“ gefällt mir. Geldsorgen gehören zu meinem Lebensroman. Ja, früher, das meint vor etwa vierzig Jahren, da musste ich oft gewisse Freunde oder Mutter anschnorren, um über die Monate zu kommen oder um mir etwas Wichtiges leisten zu können. Ein Fahrrad, eine Waschmaschine, ein Paket Tee. So was. Nein, das ist lange her. Ich habe gelernt zu verzichten.
„Komm rein, ich bin allein, hab Zeit.“
Sie lenkt mich in die Küche. „Kaffee?“ „Ja, gern.“
Ich beobachte sie. Ende der Fünfziger, schlank, anmutig, die ewige Mädchenfrau, hat mal eine andere Frau über sie gesagt. Bin froh, dass wir nie was miteinander hatten, außer Jahre ehrlicher und guter Freundschaft mit Sorgenteilen und nächtelangem Quatschen, gemeinsamen Urlauben zu viert, zu fünft, zu acht, je nach dem. Dass diese in der Jugend wurzelnden Freundschaften durch Jobs, Karrieren, sich wandelnde Lebenspläne, Umzüge, bürgerliche Verpaarungen und Mutter-Vater-Kinder-Situationen überhaupt je enden konnten, wollte ich ewig nicht akzeptieren. Dachte lange, dass sich die alten Bänder irgendwann neu ordnen und wieder binden würden, wenn alle in ihren „Situationen“ zur Ruhe gekommen wären. Aber so kam es nie. Wir waren erwachsen geworden oder etwas, das sich wie Erwachsensein anfühlte, wir hielten es dafür. ,Wenn man so und so lebt, dann klingelt man nicht mehr unangemeldet nach 18 Uhr bei jemandem. Auch nicht, wenn es mal die besten Freunde waren.‘ O Gott, wie tief sind wir gesunken.
„Na sag doch mal, was dich zu mir bewegt hat, inzwischen bin ich neugierig geworden.“
„Äh, ja – nichts Dramatisches. Du hast immer viel gelesen, auch Sachen, um die ich eher einen Bogen gemacht habe. Dicke Klassiker. Die berühmte Weltliteratur. 19. Jahrhundert. Mir war das meist zu schwer, zu anstrengend.“
Sie stößt ein künstliches Lachen aus, das vielleicht zeigen soll: ,Ich bin jetzt schon etwas belustigt.‘ Aber für spontanes Lachen reicht es eben nicht. Es ist nicht richtig heiter, heiteres, sondern mehr wie eine Abwehrreaktion. Um es möglichst nicht zu einem Missverständnis oder gar einer Verstimmung kommen zu lassen, suche ich nach einer klaren und kurzen Erklärung, worum es mir geht. „Ich habe gestern das Literarische Quartett geschaut, du weißt schon, diese Runde um Thea Dorn. Und die unterhielten sich über das neueste Werk von Margaret Atwood, das Book of Lives, So etwas wie Memoiren.“
Sie sah mich zunehmend amüsiert an, unterbrach mich aber vorerst nicht.
„Beim Verfolgen der Sendung erinnerte ich mich mehr und mehr an unsere Gespräche früher, als wir uns noch erzählten, was für Bücher, was für Autoren uns beschäftigt haben, welche Einsichten sie uns vermittelten, welche Reize sie in uns auslösten. Haben uns Abschnitte vorgelesen, die Wunder der Sprache und der Fantasie genossen.“ Pause.
„Willst du mir was vorlesen?“, fragt sie.
„Hätte ich dran denken können. Hab aber nichts mit. Dachte eher, dass ich dich nicht antreffe.“
„Ja, da haste wirklich Glück. Oft bin ich um die Zeit nicht zuhause. Oder ich ignoriere die Klingel. – Vom Book of Lives habe ich im Radio gehört. Irgendwann werde ich es bestimmt lesen. Jetzt liegt anderes am Sofa.“ Sie zählt die Bücher auf, die sie gerade beschäftigen. Nebenher hatte sie begonnen, Kaffee zu kochen. Sie wollte wissen, was ich gerade lese. Sie lacht laut. „Wirklich? Immer noch?“
„Na ja, teilweise wieder. Weil neue Impulse mich auf alte Themen gebracht haben beziehungsweise auf alte Behandlungen dieser Themen. Es wiederholt sich doch vieles immer wieder. Glück und Unglück, Krieg und Frieden, Luxus und Armut, Nähe und Distanz. Du hast Stanišić erwähnt, wollen wir zum Kaffee ein paar Seiten von ihm lesen?“ Mir fällt die Streuselschnecke ein, die im Rucksack wartet.
„Gern.“
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