Jammerossis Gegenwart

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Gestern Abend das erste WM-Spiel geschaut. Vier Gelbe, drei Rote. Schön bunt. Zwei Tore.
Sportlich hats mich nicht überzeugt, aber gut. War ja auch nicht Brasilien gegen England oder USA gegen Iran.
Es läuft jetzt ein paar Wochen. Wird bestimmt noch unterhaltsamer.
 
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Vergesser der verlorenen Tage

Alte Tage an den Haaren aus der Erinnerung heben. Träumen, Fotografien starren, Weißt-du-noch?-Gespräche. Wieviel leichter wäre es heute, Tagebuch geführt zu haben, in dem ich nachschlagen könnte. Was war am 28. September 1966 für Wetter? Da konnte ich noch nicht schreiben. Nicht mal krakeln. Aber dummes Zeug babbeln. Mich unbeholfen durch den Raum bewegen. Kleinkindliches Laufen. Also später … 13. März 1980. Das wär was. Das Elend der 9. Klasse nachlesen, den Schmerz darüber, jeden Tag ins elterliche Zuhause zurückkehren zu müssen. Die tägliche Angst davor, wieder unter eine schmerzvolle Erniedrigung zu geraten, denen ich gerade entwachsen will.

Alte Tage an den Haaren aus der Erinnerung heben. Träumen, Fotografien starren, Weißt-du-noch?-Gespräche. Das kann ich nur gelegentlich, wenn es sich mal zufällig ergibt. Ich habe ja nicht mal ein Fotoalbum zur Hand, das so weit zurückreicht, so gut sortiert ist. Mein Erinnern bleibt Glückssache. Wie Archäologie. So ähnlich. Es bleibt aufwendig, selbst mit Anhaltspunkten. Dinge, die ich in die verbliebene rechte Hand nehmen kann, unter die schwächer werdenden Augen. Nein, am fruchtbarsten bleiben Gespräche mit meinen persönlichen Zeitzeug*innen. Beim Zuhören und Dazwischenreden und Lachen kommt vieles wieder hoch. Das ist schön. Da müsste ich mitschreiben können. Am nächsten Tag ist so viel wieder weg.



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Hallo A.




„Hallo A., hast du einen Moment für mich, ich hab ein Anliegen, eine Bitte.“ Sie lächelt etwas überrascht, verunsichert. „O je, wenn du früher so gekommen bist, brauchtest du Geld. – Bist du irgendwie in Not?“ Ich lasse mir Zeit mit der Antwort, denke nach. Bin ich in einer Not? Nein, Quatsch. Aber ihre Bemerkung zu „früher“ gefällt mir. Geldsorgen gehören zu meinem Lebensroman. Ja, früher, das meint vor etwa vierzig Jahren, da musste ich oft gewisse Freunde oder Mutter anschnorren, um über die Monate zu kommen oder um mir etwas Wichtiges leisten zu können. Ein Fahrrad, eine Waschmaschine, ein Paket Tee. So was. Nein, das ist lange her. Ich habe gelernt zu verzichten.

„Komm rein, ich bin allein, hab Zeit.“

Sie lenkt mich in die Küche. „Kaffee?“ „Ja, gern.“

Ich beobachte sie. Ende der Fünfziger, schlank, anmutig, die ewige Mädchenfrau, hat mal eine andere Frau über sie gesagt. Bin froh, dass wir nie was miteinander hatten, außer Jahre ehrlicher und guter Freundschaft mit Sorgenteilen und nächtelangem Quatschen, gemeinsamen Urlauben zu viert, zu fünft, zu acht, je nach dem. Dass diese in der Jugend wurzelnden Freundschaften durch Jobs, Karrieren, sich wandelnde Lebenspläne, Umzüge, bürgerliche Verpaarungen und Mutter-Vater-Kinder-Situationen überhaupt je enden konnten, wollte ich ewig nicht akzeptieren. Dachte lange, dass sich die alten Bänder irgendwann neu ordnen und wieder binden würden, wenn alle in ihren „Situationen“ zur Ruhe gekommen wären. Aber so kam es nie. Wir waren erwachsen geworden oder etwas, das sich wie Erwachsensein anfühlte, wir hielten es dafür. ,Wenn man so und so lebt, dann klingelt man nicht mehr unangemeldet nach 18 Uhr bei jemandem. Auch nicht, wenn es mal die besten Freunde waren.‘ O Gott, wie tief sind wir gesunken.

„Na sag doch mal, was dich zu mir bewegt hat, inzwischen bin ich neugierig geworden.“

„Äh, ja – nichts Dramatisches. Du hast immer viel gelesen, auch Sachen, um die ich eher einen Bogen gemacht habe. Dicke Klassiker. Die berühmte Weltliteratur. 19. Jahrhundert. Mir war das meist zu schwer, zu anstrengend.“

Sie stößt ein künstliches Lachen aus, das vielleicht zeigen soll: ,Ich bin jetzt schon etwas belustigt.‘ Aber für spontanes Lachen reicht es eben nicht. Es ist nicht richtig heiter, heiteres, sondern mehr wie eine Abwehrreaktion. Um es möglichst nicht zu einem Missverständnis oder gar einer Verstimmung kommen zu lassen, suche ich nach einer klaren und kurzen Erklärung, worum es mir geht. „Ich habe gestern das Literarische Quartett geschaut, du weißt schon, diese Runde um Thea Dorn. Und die unterhielten sich über das neueste Werk von Margaret Atwood, das Book of Lives, So etwas wie Memoiren.“

Sie sah mich zunehmend amüsiert an, unterbrach mich aber vorerst nicht.

„Beim Verfolgen der Sendung erinnerte ich mich mehr und mehr an unsere Gespräche früher, als wir uns noch erzählten, was für Bücher, was für Autoren uns beschäftigt haben, welche Einsichten sie uns vermittelten, welche Reize sie in uns auslösten. Haben uns Abschnitte vorgelesen, die Wunder der Sprache und der Fantasie genossen.“ Pause.

„Willst du mir was vorlesen?“, fragt sie.

„Hätte ich dran denken können. Hab aber nichts mit. Dachte eher, dass ich dich nicht antreffe.“

„Ja, da haste wirklich Glück. Oft bin ich um die Zeit nicht zuhause. Oder ich ignoriere die Klingel. – Vom Book of Lives habe ich im Radio gehört. Irgendwann werde ich es bestimmt lesen. Jetzt liegt anderes am Sofa.“ Sie zählt die Bücher auf, die sie gerade beschäftigen. Nebenher hatte sie begonnen, Kaffee zu kochen. Sie wollte wissen, was ich gerade lese. Sie lacht laut. „Wirklich? Immer noch?“

„Na ja, teilweise wieder. Weil neue Impulse mich auf alte Themen gebracht haben beziehungsweise auf alte Behandlungen dieser Themen. Es wiederholt sich doch vieles immer wieder. Glück und Unglück, Krieg und Frieden, Luxus und Armut, Nähe und Distanz. Du hast Stanišić erwähnt, wollen wir zum Kaffee ein paar Seiten von ihm lesen?“ Mir fällt die Streuselschnecke ein, die im Rucksack wartet.

„Gern.“


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John Wein

Mitglied
Werter Clown,

Der eigentliche Kern deines Textes handelt von einer Erfahrung, die viele Menschen im Leben machen, nämlich die stille Auflösung enger Freundschaften, nicht durch Streit oder Verrat, sondern durch das Leben selbst. Jobs, Partnerschaften, Kinder, Umzüge, all diese Dinge, die nach und nach auf natürliche Art und Weise ungeplant und einfach so, sich in den meisten Beziehungen entwickeln oder verlieren.
Du trauerst hier nicht nur einer bestimmten Freundschaft nach, sondern einer ganzen Lebensform und nach einer Zeit, in der Freundschaften oft wichtiger waren als die Rollen, die später das Leben unterschiedlich strukturieren: Beruf, Ehe, Elternschaft, soziale Konvention.
Auch fühlt man, dass dir etwas Kostbares verloren gegangen zu sein scheint: die Freiheit, Teil des Lebens anderer Menschen zu sein, ohne Voranmeldung, ohne Kalender, ohne Legitimation. So ist es nicht nur die Geschichte dieses speziellen Falls mit der Freundin, sondern auch die Geschichten all deiner anderen erodierten Freundschaften. Deshalb, mein Lieber Clown, berührt auch der Text so stark.
Und: dieses, dein Lebensgefühl, hast du uns in diesem Beitrag behutsam und anschaulich vermittelt.
Sonntägliche Grüße,
John
 
Hi @John Wein ,
obwohl ich nun kaum Texte schreibe, die besonderer Deutung bedürfen - sie sind meist so eindeutig nachzuvollziehen, ja, sie wirken fast einfältig, dass jedes Blattumdrehen unnötig scheint - bin ich doch erstaunt, mit welchen Worten du meinen Kram gelegentlich spiegelst. Das bereichert wirklich manchmal mein Selbst-Verständnis von dem, was ich geschrieben habe. Sehr schön, danke!
sagt der Clown
 

John Wein

Mitglied
und so werter Kollege,
ist ein Kommentar ja auch so etwas wie das Salz in einer heißen Hühnersuppe. Aber das wissen wir ja nun schon seit unserem Griechen Aristarchos von Samothrake, also wirklich seit einer langen Zeit.
LG John
 
Man könnte meinen, die Fußball-WM sei zu Ende. Schluss. Aus. Vorbei. D-Land raus, große Heulerei. Die Suche nach dem Schuldigen. Irgendjemand MUSS doch jetzt gekreuzigt werden. Eine trügerische Ruhe liegt abends und nachts über dem Land. Wohin mit den bunten Raketen, den Girlanden, den Fähnchen? Sondermüll. "Unsere einst große Fußballnation!" - etwas in der Art hörte ich gestern einen im Radio sagen. Muss ich mich jetzt klein fühlen, wie eine zerknautschte sauteure Eintrittskarte in einem rostfreien, unpaputtbaren Abfalkorb? Alles Quatsch. Ich sitze weiter vorm TV, solange die Augen offen gehalten werden können, höre weiter zum Einschlafen im Bett Audio-Übertragungen von Spielen, die man bei uns nicht sehen kann. Mindestens, solange good old England noch dabei ist. Es gibt so viele gute Fußballer. Sollen sie ohne D-Land weitermachen und Spaß dabei haben. Für mich hat sich nichts geändert. Es ist eine WM, und ein paar Teilnehmer müssen ausscheiden, das ist eben so. Und im Keller steht noch Bier.
 

Scal

Mitglied
Das sehe ich ähnlich.
Spiele braucht es. Es geht um die grundsätzliche Sympathie für den uns gemeinsamen, für den internationalen Spieltrieb.

Die rudernden Norweger setzten die Segel richtig. Ödegard schlägt lächelnd auf die Trommel, Haaland schmunzelt wegen seines kuriosen Treffers; das begeistert rudernde Vikinger-Publikum genießt seinen Freudetaumel. Ich rudere innerlich mit und freue mich auch. So geht das Spiel. Und wenn es mal vorüber ist (weil das Sympathieteam ausgeschieden), dann spiel ich halt mit anderen weiter.

Auch wenn es ein Kampfsport ist: die humorlosen, verbissenen Zweikämpfe in den „Studio-Nachspielzeiten" könnten vielleicht einmal als Anschauungsstoff für Szenen in Komödien ihren Dienst erweisen, mit z.B. dem Auftritt des Kanzlers als Höhepunkt: „Wir sind stolz auf euch! (ihr Verlierer)" . Klaatu, bilde ich mir ein, hätte für derlei und mehr den richtigen Senf vorrätig.

However. Schade um John McGinn. Declan Rice würde ich es gönnen. Denen, die letztlich gemeinsam in die Höhe hüpfen, gönne ich es selbstverständlich auch. So geht das Spiel.
 



 
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