Jammerossis Gegenwart

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So viel Bemühtes! Schreibarbeit vom Feinsten … Lautes Schmieden aus den Elfenbeintürmchen … Drechseln auf astigem Wortholz … Es berührt mich nicht.

Städte im Staub, Landschaften harren ihres nahen Schicksals, und irgendwo steht eine weiße Kuh und sagt ihr mattes Muh. Moment! Das schreib ich auf. Es erinnert mich an Rilke.

Und ringsum brennt das Land, oh! Und in Städten brechen Mauern. Und hinter den Mauern werden Schreibtische verschoben. Die KonterRenaissance erblüht auf albernen Balkonen.
 
Shida Bazyar erhält den Wilhelm Raabe Literaturpreis 2026 für DIE LÜCKEN.
.............................................................................Ich freue mich.

Eine gute Wahl. Große Themen, große Bögen, große Lesbarkeit, wie mir scheint. Aber ist es ein Anti-Heimatroman, wie ich schon mehrfach gelesen habe? Offenbar geht es um das Zuhause von Menschen, um ihr Dasein dort, darum, ob der Ort und die Nachbarn Schutz bieten oder nicht – wir wissen, dass es um unerträglich Tragisches geht – aber macht es das zum Anti-Heimatroman? Es ist diese doofe Abwehr des Begriffs Heimat, an dem ursächlich nichts Schlechtes oder Falsches ist. Und wer Heimat für falsch hält, kann sich über Heimatroman nur belustigen oder eben bei einer kritischen Schreibweise einen Antiheimatroman daraus machen. Dabei werden auf hier auf wichtige, auf richtige Art und Weise Konflikte um einen Ort beschrieben, der für alle handelnden Personen Heimat sein konnte und sollte. Und wie diese Heimat von einigen als „Ort nur für …“ umgedeutet und schließlich mörderisch definiert wird.

Mir fehlen die Mittel, aktuelle Bücher zeitnah zu kaufen. Ich brauche immer einige Zeit, bis diese Bücher gelesen angeboten werden, und selbst dann jemanden, der sie mir schenkt. Es wird also wieder dauern, bis ich auch darin blättere, über die Seiten streiche, Gedanken abgleiche.

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Liebe Winona,

hier ist Herbst in seiner schönsten Form. Das Laub der Bäume färbt sich bunt, alles, was Wiese war, ist gelb geworden – das schönste Gelb, das ich kenne. Matt, mit viel Grau. Gut, ich liebe auch das Gelb leuchtender Blüten oder Früchte, zum Beispiel das der Zitronen, ja. Aber die großen Flächen vertrockneter Gräser draußen in der Landschaft sind irgendetwas tief in meiner Seele Verwurzeltes. Ich habe mir immer gewünscht, das einmal auf euren unendlichen Weiten der Plains und Prärien zu erleben, wenn der Wind alles wogen lässt und man sich als einzelner Mensch wahrscheinlich sehr verloren fühlen kann. So stelle ich es mir jedenfalls vor. Ich stehe auf einem Hügel, vielleicht an dem kleinen Friedhof von Wounded Knee, und rings um mich die Meereswellen aus Präriegras …
 
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Traum zum 13.Oktober 2026



Wir waren als Familie in Thüringen. Urlaub. Plötzlich bin ich mit der Tochter allein. Die anderen beiden sind abgereist. Aber ohne Konflikt. Es war wohl so geplant. Ich mache mit der Kleinen einen Ausflug. Unser Fahrzeug ist eine Art 45er Hybrid – Elektrisch und – ich kann es auch durch Treten bewegen. Geil! Das Kind ist etwa fünf Jahre alt. Es gibt viele lustige neunmalkluge Bemerkungen von sich.

Wir machen also einen Ausflug. Sie sitzt neben mir, klar, es ist ein Zweisitzer. Aufenthalt in einer kleinen bergigen Stadt. Holperpflaster. Enge Straßen. Gassen. In einer ist alles vollgeparkt. Kein Durchkommen. Wir parken uns also dazu, schauen, wohin alle gegangen sind. Ah, eine Art Heimatmuseum, ein Umweltzentrum oder so. Mit kleiner Gastronomie. Wir gehen also auch dort rein, schauen uns an, worüber informiert wird. Mir fällt eine Frage meiner Frau ein, etwas, das ich mal herausfinden solle. Es geht um Wanderziele, die passende Route. Ich stelle dem Mitarbeiter die Frage. Es gibt doch da und da ein Kloster, dann in der Nähe eine Burg – wie können wir das auf einer Tour erwandern? Er winkt uns, wir sollen ihm weiter hinter in den Raum folgen. Dort erzählt er uns das Passende. Danach verlassen wir die Einrichtung, es ist einfach zu voll, zu viel Palaver der Leute. Draußen ist die Situation auf der Straße nicht besser geworden. Wir können nicht einfach starten – und, weg! Nur, wenn es mir gelänge, das Fahrzeug zu drehen, könnten wir in die Richtung, aus der wir kamen, zurücksetzen, die vollgeparkte Gasse vielleicht umfahren. Plötzlich kommt aus der Richtung, in die wir eigentlich wollten, ein weiteres Fahrzeug gefahren, das rücksichtslos alles beiseite schubst und schiebt, das stört. Ohne alle Bedenken, dass die gestoßenen Fahrzeuge Schäden nehmen könnten. Gewaltsam, Ruck für Ruck, kommt uns das Auto näher. Mit großer Anstrengung ziehe, schiebe, stoße ich unser Fahrzeug auf den Fußweg, der gerade breit genug ist, um uns für den Moment der Not Schutz zu geben. So ist es dann. Die Fahrerin des sich ruppig durchkämpfenden Autos lächelt mir milde zu, als sie uns passiert. Es wirkt natürlich nicht wirklich freundlich, sondern ironisch, mit der Selbstsicherheit der Siegerin.

Danach können auch wir uns aus der engen Gasse befreien. Zufrieden sinke ich in eine weitere Tiefschlafphase.







Traum zum 15. Oktober



Ich bin in Dessau-Nord unterwegs. Nicht zum ersten Mal komme ich an dieser Bäckerei vorbei, die hier neu ist, aber innen wie außen wirkt, als gäbe es sie seit über hundert Jahren. Sie ist klein, hat eine typische dunkle Holzmöblierung, eine ältere Verkäuferin in Kittel – wer kennt die Bäckerei nicht? Im Vorübergehen umduftet einen der frische Brotgeruch, gehst du hinein, umfängt dich ein Mixduft von Brot, den verschiedenen Brötchen und natürlich einiger Sorten Bäckerkuchen. Das ist himmlisch irdisch.

Ich gehe natürlich hinein, und genieße die brummige Alte, die keine verkaufsfördernden Smalltalk-Formeln zu kennen scheint. Sie macht ihren Job freudlos, zeigt nie, ob sie einen der Kunden wiedererkennt, verkauft einfach Backwaren. Umständlich gibt sie Wechselgeld raus, hat bei jedem Probleme, es passend auf den Wechselgeldteller zu legen. Ich zähle nie nach, möchte mich nicht kleinlich erleben. Wieder draußen, möchte ich in das eben gekaufte Kuchenstück beißen, da werde ich wach. Irgendwer hat den Dimmer plötzlich auf taghell geschoben.


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Vormittag des 19. Oktober.
Ein angenehmer Schreibzwang hat mich gepackt.


Was für eine Reise!

Ich bin zugleich Schöpfer und Entdecker der Welt, deren Bilder und Ereignisse ich niederschreibe, um sie mir und anderen zu erzählen …

Ich kann euch kaum beschreiben oder erklären, was in mir geschehen ist, als ich aussprach, dass ich eine Tochter in Amerika habe, nein, hatte, denn ich wusste bald, dass sie nicht mehr am Leben ist, ihr Leben bereits vergangen war, als ich von ihr erfuhr, aber dass es eine Enkelin gibt, von der ich aber kaum mehr weiß als den Namen …

Meine Frau und mein Sohn haben mich einige Momente recht verwirrt angesehen – zumindest so lange, bis sie meine Versicherung, dass es sich um Gestalten einer Romanidee handelt, verstanden hatten. Es war faszinierend, zu sehen, dass eine ausgedachte, aber gut erzählte Geschichte augenblicklich die reale Welt ins Wanken bringen kann.

Erdachte Menschen. Erdachte Schicksale. Erdachte Gefühle, erdachte Freuden, erdachtes Leid. Und doch so, als hätte es sein können. Die Geburt eines Romans.

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wirena

Mitglied
Was für eine Reise!

Ich bin zugleich Schöpfer und Entdecker der Welt, deren Bilder und Ereignisse ich niederschreibe, um sie mir und anderen zu erzählen …
Ich kann euch kaum beschreiben oder erklären, was in mir geschehen ist, als ich aussprach....
Hallo Clown seiner Klasse - ja, zu erleben, dass man nicht nur Kreatur, sondern auch Kreator, Kreatorin ist, ist eine sehr eindrückliche, prägende Erfahrung. Ich erlebte dadurch grosse Verantwortung für all mein eigenes Wirken und nicht Wirken. Auch keine Tat ist eine Tat... In diesem Sinne wünsche ich Dir weiterhin erfolgreiches und vor allem freudiges Weiterwirken, Weiterschreiben, Erzählen – LG wirena
 
Hallo wirena,

danke. Mich hat das sehr bewegt, als ich plötzlich sah, dass Schreiben und Schreiben so unterschiedlich sein kann.

Dir auch frohes Weiterschreiben ...
 
Heute ist der 20. Oktober des gerade durchrauschenden Jahres. Vorgestern war der 18. Oktober. Dieser Tag, den ich ein wenig wie einen Schicksalstag empfinde. Vor zwei Jahren der Schlag am Morgen des 18.10. Dann die Wiedergeburt. Der Beginn meines Lebens als Schwerbehinderter. Die Reduktion meiner Lebensgestaltungsmöglichkeiten auf sehr wenig. Schon im vorigen Jahr wollte ich den Tag bewusst und irgendwie besonders gestaltet begehen und möglichst abends im Kreise einiger wichtiger Menschen. Familie und Freunde. Habe vergessen, dieses Ereignis vorzubereiten. In diesem Jahr auch wieder. Aber es scheint außer mir sowieso niemandem etwas zu bedeuten. Niemand, der mich am 18. Oktober in den Arm genommen hätte. Niemand, der mich angerufen hätte. Niemand, der am Abend mit einer Flasche Wein im Arm und ein paar Gedanken im Kopf ans Tor geschlagen hätte. Kein Vorwurf. Nur die Feststellung großer Einsamkeit. Die ich niemandem zum Vorwurf machen kann und um Himmels Willen auch nicht will. Es wäre nur so schön, mich nicht so allein zu fühlen. Seufz.
Dienstags wird bei uns immer das Wasser hochgeheizt, um Legionellen oder wie die heißen, zu verhindern. Zum Glück nicht das einzige Ereignis des Tages. Es gab auch mal wieder einen Ausraster eines meiner Kinder. Tragisch, wenn sich ein junger Mensch in einer Drucksituation nicht anders zu helfen weiß, als rumzubrüllen, Türen zu werfen, Dinge kaputt zu schlagen. Und man steht abseits und hat kein Mittel, um ihm zu helfen. Das Geschrei hat mich heute überhaupt erst geweckt. Ich habe nicht mitbekommen, was das Ärgernis war. Aber es sind sowieso fast immer Nichtigkeiten. Dinge, die man schulterzuckend übergehen könnte. Die aber jetzt, in diesem Moment die Schwere eined ganz großen Dramas bekommen. Nicht die richtige Tasse im Schrank. Die falschen Brötchen im Brotkasten. Ein falscher Fruchtsaft im Kühlschrank. Irgendetwas in der Art. Ein Mensch läuft verstört aus der Situation. Mir krampft das Herz. Ich kenne die Situation. Es wird dauern, bis ein paar klärende Worte gewechselt sein werden. Leider ohne das Übel auch nur im Ansatz an der Wurzel zu packen. Morgen werden alle wieder drüber grinsen können. Keiner hat Zeit, Lust, Kraft, das Einsehen, dass es mal mehr braucht als ein „sorry“ und „nicht so schlimm“. Irgendwann wird der, der immer wegläuft, nicht zurückgekommen. Vielleicht. Oder innerlich vertrocknen. Aber das droht allen Beteiligten.
Familie. Was für eine Bühne! Was für Dramen!
 
Oje!
Nach einigen Monaten hatte ich eben mal wieder Lust und Kraft, ein paar Blicke in ein Forum zu werfen, in dem sich Schlaganfall-Betroffene und ähnlich Heimgesuchte austauschen, auch Angehörige. Ich hatte mich dort angemeldet, weil ich natürlich Tipps, Erfahrungsaustausch usw. suche. Jetzt bin ich ernüchtert. Ich wünsche mir nun, in diesem Moment, und nur für kurze Zeit, einen so hohen Stuhl, dass ich darauf sitzend mit den Beinen baumeln kann. Für etwa eine halbe Stunde.
 
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Versuch über den ökologischen Fußabdruck



Er ist oft Thema in den Medien. Heute auch wieder. Wie gestaltest du/ deine Familie das tägliche Leben, Urlaube usw., welche Maßstäbe legt ihr an, wenn es um Konsumentscheidungen geht, wie ernährt ihr euch? Na ja, eben alles, was umweltrelevant ist.

Da wird nach der Eigentumsform der Wohnung, den Quadratmetern der Wohnfläche gefragt, nach der Art der Heizung und was weiß ich, was sonst noch. Alles ist relevant.

Sicher ist es richtig, möglichst umfangreich Daten abzufragen, um ein möglichst präzises Bild zu bekommen. Außerdem schärft es bei dem, der sich befragen lässt, das Problembewusstsein für Einzelheiten, für Verantwortung. Ich habe trotzdem immer Zweifel, wie gut solche Erhebungen verallgemeinbar sind.

Darum mein Versuch, mal zusammenzutragen, was ich sehe.



Unser Haus ist sogar ein kleiner Bauernhof.

Mitteldeutschland, in einem traditionellen Dorf. Knapp fünfhundert Einwohner*innen. Hof an Hof. Entstehung unserer Straße etwa um 1848 – eine Schätzung, die auf historischen Fakten basiert. In jenem epochalen Jahr kam es auch im kleinen und eigentlich recht fortschrittlichen Ländchen Anhalt zu Unmutsäußerungen von Menschengruppen, die fanden, in irgendeiner Weise unterdrückt zu werden. So auch die landlosen Knechte in unserem Dorf. Sie begehrten auf, um jeweils ein Stückchen Land für eigene Wohnstätten, Gärten und einen kleinen Acker zu beanspruchen. Diesen Wunsch gewährte der Fürst des Ländchens ihnen angesichts zornig geröteter Gesichter und drohend erhobener Sensen und Mistgabeln. Es roch nach Revolution und Bauernkrieg. Daraufhin wurden also etwa zwanzig Hofstellen abgemessen und in der Folge wurden kleine Wohnhäuser in Stampflehmtechnik errichtet. Erweitert wurde je nach Bedarf und Möglichkeiten mit Scheunen, Ställen und sonstigen Nebengelassen.

Als unsere Familie das Haus, den Hof in den 1990ern übernahm, war sein ursprüngliches Antlitz vom Laufe der weit über hundertjährigen Existenz schon deutlich verändert. Fenster waren sicher schon mehrfach ausgetauscht worden, ein modernerer Putz war irgendwann auf die Fassade aufgebracht worden, mir fehlen die Fantasie und das bautechnische Verständnis, um es besser beurteilen zu können, was noch alles verändert wurde. Die Fußböden vielleicht. Die Dacheindeckung bestimmt.

Nun, mit unserem Erscheinen, wurde wieder viel verändert. Ziel war, das historische Aussehen möglichst gut wieder zu treffen, aber durchaus mit den Mitteln und dem Geschmack unserer Zeit bereichert. Wir waren uns einig, dass möglichst vieles mit ökologischen Materialien gemacht werden sollte, am besten alte Materialien, die wir recyceln würden. So geschah es. Alte Balken, alte Fenster, alte Türen, alte Ziegel. Lehm von Abrissstellen. Es war eine wilde, oft verrückte Baustelle. Der Bauleiter fragte viel herum, wo noch interessante Dinge günstig abzustauben waren, die irgendwer über hatte. So kamen mehrere Paletten moderner Leichtlehmsteine zu uns, mehrere große Thermodoppelscheiben, die eine Glaserei stehen hatte, weil der ursprüngliche Auftraggeber keinen Bedarf mehr hatte … „Hols dir ab, mir steht es nur im Wege. Ich bin dir dankbar, wenn du’s mir abnimmst.“ Das waren die schönsten Sätze, die wir damals zu hören bekamen. So entstand über etwa zwölf Jahre unser wunderbares Recycling-Haus, das es so nirgends noch einmal gibt. Sehr individuell. Teilweise wie ein Künstlerhaus. Mehrere schöne Sitzecken, um allein oder mit Freunden zu chillen, in die Landschaft zu stieren, den warmen Sommerregen zu genießen. Durch die Gärten der Straße streunende Katzen beobachten. Manchmal auch einen Fuchs oder eine Gruppe Rehe, die über den Acker hinterm Garten ziehen.

Natürlich mussten wir, um das Haus fit für’s gerade begonnene Jahrhundert zu machen, auch Baustoffe kaufen, die uns nicht so einfach in die Hände fielen. Dachdämmung. Die ökologischeren Varianten fanden wir für uns finanziell nicht vertretbar. Also Schaumstoffplatten, die auch nicht gerade billig waren, aber im machbaren Bereich lagen.

Die Dämmung gegen Fußkälte besteht aus ca. 30 cm Glasschotter, darauf ein Trennvlies, darauf eine Lehmschüttung, dann der Holzfußbodenaufbau. Hier und da, wohin es passte, auch Spielereien mit unterschiedlichen Steinsorten und sogar ein paar ausdrucksstarke Versuche mit Fachwerk. Kleinigkeiten, die das Haus nicht zu einer mondänen Erscheinung machen, aber dennoch unseren Besuchern oft in die Augen fallen und sie zu Nachfragen anregen. Hausführungen mit viel Oh! und Ah! Es macht Spaß das zu zeigen, Geschichten aus der Bauzeit zu erzählen, auf Besonderheiten hinzuweisen. Ein in der DDR-Zeit entstandener Vorbau des Eingangs, der wohl Holzpantinen und Arbeitskleidung einen trockenen Platz bot und überhaupt Windfang für das Wohnhaus war, musste weg. Einfach zu grässlich. Stattdessen ist dort heute ein großer Wintergarten – der auch wieder als Windfang und Winterplatz für viele Pflanzen dient, die während der warmen Zeit im Hof stehen.

Wir wollten so wohnen, weil mir die Stadt zu laut, zu unruhig geworden war. Auch für die Kinder, dachten wir, ist Landleben vielleicht entspannter, als der Halligalli der Stadt. Kindergarten gab es, einen Fußballverein mit Kinder- und Jugendförderung, Freiwillige Feuerwehr mit Kinderfeuerwehr, eine Tanzgruppe, offene Familien, mit denen man sich oft traf. Jedes Jahr Osterfeuer, Adventsmarkt, bei starkem Frost Eishockey auf dem Dorfteich.

Ach! Zum Haus fällt mir noch ein, dass wir uns mit der neuen Elektrifizierung etwas geleistet haben, das unserer sonstigen Sparsamkeit nicht entspricht, aber gut zum Haus passt: Eine Schalter- und Steckdosenserie aus einem Backelit-artigen Material in einem historischen Design, so frühes 20. Jahrhundert.

Und wenn es um technische Fragen geht, muss ich auch unseren Heizmix erwähnen – Warmwasserbereitung mit Gasheizung, die Wohnräume werden mit zwei Holzöfen geheizt, die erst bei anhaltenden Temperaturen unter minus zehn Grad und Wind, der die Kälte reindrückt, nicht mehr ausreichen. Dann wird zeitweilig die Gasheizung zugeschaltet, die ein paar Lehmwandflächen erwärmt. Leider ist unsere Entscheidung für die Gasheizung gefallen, kurz bevor die ganzen Diskussionen um Wärmepumpen und sowas losgingen. Sonst hätten wir heute vielleicht auch etwas Zeitgemäßeres und vor allem: ökologischer. Vielleicht.

Der Garten könnte eigentlich mehr zur gesunden Ernährung beitragen. Doch dafür müssten wir den völlig ausgelaugten sandigen Boden erstmal aufwendig aufwerten. Durch Einbringen von nährstoffreichem Mutterboden, den man dann in Zukunft durch Kompostierung am Leben hält. Aber für all das fehlen uns gerade Zeit und Kraft. Wir freuen uns über jede Blüte und jede Frucht, die noch irgendwie hervorkommen. Außerdem haben wir ein blödes Problem mit Wühlmäusen, die offenbar die gleichen Pflanzen mögen wie wir, aber gern im Untergrund ernten bzw. abfressen. Zum Beispiel die Wurzeln von Obstbäumen. Es ist oft entmutigend, was unserem Garten so widerfährt. Dazu die Sommerhitze und –trockenheit …

Die Ernährung in unserer Familie hat sich im Laufe der Jahre deutlich verändert. Wir kommen eigentlich aus typischen deutschen Fleischfresserhaushalten – es gab kaum vegetarische oder gar vegane Gerichte. Nein, den Begriff „vegan“ lernte ich erst vor einigen Jahren kennen – vielleicht vor zwanzig Jahren. Mit „vegetarisch“ konnte ich eher etwas anfangen. Da gab es auch nachvollziehbare ökologische, politische und ähnliche Aspekte. Außerdem ist es relativ leicht, öfter mal vegetarische Mahlzeiten zu gestalten. Das Vegane hielt erst durch die Kinder Einzug, als sie in der Jugend danach trachteten, vieles möglichst korrekt zu machen. Okay. Solange ich nicht gezwungen werde, das alles mitzukochen, mitzuessen, warum nicht? Wir sind alle froh, dass diese Empfehlungen „Weniger Fleisch und mehr Gemüse essen, regional und saisonal bewusst einkaufen …“ bei uns schon manches verändert haben. Natürlich hat das noch Entwicklungspotential. Wichtig ist uns allen, dass viel selbst gekocht und gebacken wird, und sich alle gern an Einkäufen und Küchenarbeit beteiligen. Gelegentlich ergibt es sich, dass wir eine gut gefüllte „Rettertüte“ im Edeka erwischen. Exotisches Obst, dass den Leuten zu fremd ist, Gemüse, das gerade im Überfluss angeboten wird – sowas. Und aufm Dorf klingelt immer mal jemand mit einer Packung frischer Eier, die ein Sonntagsrührei werden wollen …

Urlaube finden meist in Deutschland statt, gelegentlich in Österreich oder Tschechien, ganz selten in Spanien. Eine Flugreise in den letzten zehn Jahren. Mir fehlt da nichts.

Kleidung trage ich gern bis ans Ende des Tragbaren. Ich mag sich auflösende Ärmelränder, Stoffe, die mit der Zeit immer weicher werden. Ich greife auch gern Klamotten ab, die andere nicht mehr tragen können oder mögen. Dieses ständige kaufen, kaufen, kaufen hat mich nie begeistert. Der Alter Ego in mir ist genügsam, das äußere Ich ist trotzdem meist ansehnlich gekleidet. Außerdem kann einen selbstironischen Menschen nichts entstellen.

Die alten Glühlampen haben wir sehr schnell ausgewechselt, als es irgendwann akzeptable Energiesparlampen gab. Die Saugleistung des Staubsaugers stelle ich immer nach Bedarf ein. Da bin ich aber der einzige in der Familie, glaube ich. Die anderen saugen gern komplette Dielen und dicke Teppiche im Stück weg. Hauptsache, es rauscht laut. Meine Frau duscht ganzjährig kalt. Halleluja! So umweltfreundlich bin ich nicht.

Wir hatten lange zwei PKWs, klar. Ging nur so. Jetzt, als Behinderter, bin ich vom Autofahren befreit, und ich will auch nicht wieder damit anfangen, obwohl ich immer recht gesittet gefahren bin. Aber wenn man es hat, fällt es schwer, die einfachen Fahrten mit dem Fahrrad zu machen.

Besitztümer besonderer Art haben wir nicht. Unsere Möbel sind überwiegend sechzig bis hundert Jahre alt und nicht irgendwie besonders. Zeug, das andere auf den Müll werfen wollten oder schon rausgestellt hatten, für den Sperrmüll. Da sind oft tolle Sachen dabei. Unsere Zimmer sind trotz Konsumverweigerung recht voll. Viele tausend Bücher, viele hundert Schallplatten und CDs. Darum viele Regale.

Was mir vielleicht fehlt, sind zwei, drei passende Sesselchen oder gar eine schlichte 50er-Jahre-Sitzgarnitur für den Wintergarten. Nein, Quatsch. Wir brauchen im Moment nichts. Kleine Fußabdrücke. Wie bei den bedauernswerten Chinesinnen, denen die Füße künstlich kleingehalten wurden, damit sie potentiellen Ehemännern gut gefielen …



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