Das Impostor-Syndrom ist ein Gedanke. Er schleicht sich ein, drängt sich auf, keiner weiss, warum genau und wozu. Gut - das Wozu kann man sich ausdenken: Ein Gedanke wie "Ich kann nichts, sondern tue nur so und betrüge damit mein Umfeld" klingt auf den ersten Blick nach Erdung. Man soll ja nicht abheben und sich etwas auf das eigene Können einbilden. Das zumindest trifft auf den ersten Teil des Gedankens zu "Ich kann nichts." So weit so gut.
Das Problem: Der Satz geht weiter und in der Ergänzung liegt das Problem. Dass da nämlich von Betrug die Rede ist. Von Unaufrichtigkeit, Hinterhalt und Lüge.
Ich erinnere mich gut, als der Gedanke zum ersten Mal bei mir aufkam. Es war, als an den Universitäten die ersten Plagiatsordnungen gedruckt wurden. Abschreiben, unlauterer Umgang mit fremden Texten, Gedankendiebstahl waren damals grosse Themen. Überall sprach man darüber, es gab sogar eigens dafür konzipierte Seminare, in der akribisch auseinandergesetzt wurde, was ein eigener und was ein fremder Gedanke sei, wie man diesen zu zitieren habe und so fort.
Für mich war das Thema damals so erdrückend, dass ich es auf mich selbst bezog. Ich blätterte nochmal in meinen sehr gut benoteten Seminararbeiten und dachte mir: Stimmt! Das ist ja alles gar nicht von mir. Ich habe alles übernommen und es als meine Eigenleistung ausgegeben. Ich sah mich sogar als DER ausschlaggebende Grund für all diese Seminare und das ganze Papier, das infolge MEINES Verschuldens jetzt verbraucht werden musste, um weiteren Verbrechen wie meinen vorzubeugen. Ich war das Problem. Ich war das schädliche Virus im bis anhin gesunden System.
Mit meiner Therapeutin sprach ich nicht darüber, weil ich diesen Gedanken nicht als Problem ansah. Es war für mich eine Tatsache. Warum sie also hinterfragen. Zeitweilig hatte ich in der Therapie sogar das Gefühl, ich würde meine Therapeutin belügen. Alles in und an mir fühlte sich hochstaplerisch falsch an. Später zweifelte ich an, dass meine Eltern wirklich die meinen waren und ich begann, mir sogar eine auf den ersten Blick schlüssig hergeleitete jüdische Herkunft auszudenken. Das ganze Leben erschien mir als Lüge.
Doch bleiben wir beim Zusammenspiel von Inkompetenz und Betrug. Dass wir Menschen in einer unübersichtlichen Welt relativ wenig ausrichten können, ist als realistische Einsicht in die Gegebenheiten des Lebens soweit akzeptabel. Daraus folgt aber nicht, dass ich zur Betrügerin werde, wenn ich im Rahmen dieser kosmischen Ohnmacht, die mich, kleines Individuum auszeichnet, einem älteren Menschen über die Strasse helfe. Streng genommen könnte man sich ja denken, dass ich durch diese Hilfestellung ja eine Macht vorspiele, die ich real gar nicht habe. Es mutet ja geradezu so an, als könnte ich durch das blosse Über-die-Strasse-Helfen irgendeine kosmische Unordnung ausgleichen, was ja nicht zutrifft. Würde ich der Hilfestellung keine Bedeutung zumessen, würde ich sie unterlassen. Aber durch diese Bedeutungszuschreibung und die daraus resultierende Bedeutungsschwere meiner Handlung stehe ich vor meinem inneren Richterteam als arrogant, übermütig und eigentlich als Hochstaplerin da. Was bilde ich mir ein, dem anderen zu signalisieren, dass er ohne mich nicht auf die andere Strassenseite kommt?
Meine Reaktion auf dieses Empfinden war, extrem schlechte Leistungen abzuliefern. Meine Masterarbeit (damals hiess sie noch "Liz.-Arbeit") war lächerlich, die Doktorarbeit noch lächerlicher. So bestand kein Anlass, and er Echtheit meiner Arbeit zu zweifeln - so schlecht hätte niemand anderes recherchieren können. Was bilde ich mir auch ein, sehr gute Zensuren abzuholen? Halte ich mich etwa für Gott höchstpersönlich? Im Nachhinein war ich mit der guten Benotung unzufrieden. Ich dachte mir, sie hätte ruhig schlechter sein können und sollen. Der Echtheit wegen. Je schlechter, desto wahrhaftiger.
Im Grunde genommen weist dieses Verhalten Parallelen zum Trash-Fernsehen auf, wo die Leute sich vor laufender Kamera auf unsägliche Weise selbst erniedrigen. Nur: Hier geht es um Einschaltquoten und Geld. Ein Geschäftsmodell, wie jedes andere auch. Es geht nicht darum, andere davon zu überzeugen, dass man selbst nichts kann und nichts ist. Im Gegenteil: Die Teilnehmer dieser "Shows" treten bemerkenswert reflektiert und selbstbewusst auf. Sie wissen, ws sie tun, warum sie es tun und dass sie es auch gut tun. Sie zeigen sich qualitäts- und kompetenzbewusst. Sie scheinen sogar Freude an ihrer "Tätigkeit" zu haben.
Das Hochstaplersyndrom bereitet keine Freude. Es macht einsam und traurig. Wenn der ganze Boden unter den Füssen schwindet, gibt es nirgendwo Halt. Es fühlt sich wie ein grosses Vergessen an. Jeder Gedanke wird verworfen, denn er könnte ja zu gut und daher hochmütig, besserwisserisch und damit für den anderen verletzend sein. Und: Es könnte ja ein gestohlener Gedanke sein. Mein bester Schutz ist das Schweigen, obwohl sich dieses stellenweise auch als Imitation und daher unecht anfühlt. Solange ich mich selber mundtot machen kann, spalte ich mich auf in eine Lügnerin, die da nach aussen treten will und einer zweiten psychischen Instanz - meiner verinnerlichten Plagiatskontrolle - die die Hochstaplerin zurückdrängt. Ein Kraftakt im Dienste der Wahrhaftigkeit.