Ludgers Novelle

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xavia

Mitglied
[ 5]»Was möchtest du denn heute lernen?« fragt Roberta ihren Schüler Ludger.
[ 5]»Ich möchte eine Novelle schreiben. Was ist eine Novelle?« kommt es wie aus der Pistole geschossen.
[ 5]»Eine Novelle ist eine Erzählung über eine unerhörte Begebenheit,« beginnt sie die Unterweisung »Es gibt meist wenige Charaktere, die sich während der Erzählung nicht wesentlich verändern und genau beschrieben werden«. Er will sofort einen Versuch wagen und erzählt:

[ 5]In einer großen Stadt an einer Hauptstraße steht Anita Kusik allein und wartet auf den Bus. Direkt hinter ihr erhebt sich ein dreistöckiges Mehrfamilienhaus. Im Fenster liegt eine schwarze Katze auf der Fensterbank und beobachtet sie aufmerksam. Jedes Mal, wenn Anita sich zu ihr umdreht, guckt diese sie aus gelben Augen an. Rechts von ihr, wo die Straße ziemlich steil bergauf geht und einen Bogen nach links macht, grenzt das Arbeitsamt, wo Anita angestellt ist, an das andere Gebäude. Die Konzeption dieses Bauwerks musste für die Architektin eine echte Herausforderung gewesen sein, denn es macht sowohl den Anstieg als auch den Bogen der Straße mit. Drinnen merkt man nur den Bogen der Vorderfront, der Anstieg ist durch einen Keller ausgeglichen worden. Zehn Meter links von ihr geht eine Nebenstraße ab, aus der gerade jemand um die Ecke kommt. Anita sieht einen Mann mittleren Alters von gedrungenem Wuchs. Sein ockerfarbener Cordanzug scheint aus einer anderen Zeit zu stammen, erst recht die rote Fliege, die er zu einem weißen Hemd trägt. Wegen seines eigentümlichen Aussehens zwingt Anita sich, ihn nicht anzustarren. Sie guckt auf die Straße, dann auf die andere Seite des Gehwegs und ist sich doch ganz gewiss, wo er sich gerade befindet. Sie zweifelt nicht daran, dass er sehen kann, dass sie absichtlich wegsieht und hört ihn kraftvoll ausschreiten und schnell näherkommen. Am liebsten würde sie weglaufen. Als er sie erreicht, hört sie, dass er stehenbleibt.

[ 5]Sie versucht, sich damit zu beruhigen, dass er wahrscheinlich wie sie mit dem Bus fahren will, dass es ganz normal ist, wenn Leute hier an der Haltestelle stehenbleiben. Aber der Aufruhr in ihrem Inneren bleibt. Vorsichtig wendet sie den Kopf zu ihm hin. Er steht gut Armeslänge von ihr entfernt und blickt zu ihr hoch. Anita ist klein, sie hat sich schon oft über ihre geringe Körpergröße geärgert. Dass ein Mann zu ihr aufblicken muss, ist sie nicht gewohnt. Instiktiv weicht sie ein paar Schritte zurück. Er folgt ihr vorsichtig, lächelt freundlich und sie versucht, zurückzulächeln, hat aber das Gefühl, dass es ihr nicht recht gelingen will.
[ 5]›Der Bus wird sicherlich bald kommen‹, sagt sie, um die Situation zu entschärfen. – Wenn er doch einfach käme, dann könnte sie schnell einsteigen und sich auf einen Platz sitzen, der keinen freien daneben hat! Oder wenn wenigstens die Erde sich auftäte und sie verschlingen würde!

[ 5]»So weit, so gut« sagt Roberta. Du beschreibst eine ganz alltägliche Begebenheit. Zugegeben, dieser Mann ist ein wenig gruselig. Daraus ließe sich etwas machen. Es muss außergewöhnlich sein für eine Novelle.« – Ludger weiß sich zu helfen:

[ 5]Der Mann sagt zu Anita: ›Ich gewähre dir drei Wünsche. Du kannst dir alles wüschen, aber nicht mehr Wünsche, nur die drei.‹

[ 5]»Nein, nein, so nicht!« unterbricht ihn Roberta. »Zum einen sind Drei-Wünsche-Geschichten nun wirklich ein alter Hut und zum anderen muss die unerhörte Begebenheit zwar ungeheuerlich, aber glaubhaft, nachvollziehbar, natürlich sein. Du sollst hier kein Märchen erzählen!«
[ 5]»Nun warte doch erst einmal ab, was passiert« beschwichtigt Ludger sie. Noch ist das doch alles ganz nachvollziehbar und natürlich. Es gibt schon manchmal komische Käuze, die einem auf der Straße begegnen.«
[ 5]»Na gut«, lenkt Roberta ein, »ich lass' mich überraschen. Erzähl' weiter.«

[ 5]Anita, der die ganze Sache ohnehin schon unheimlich ist, sieht sich nun in beide Richtungen um und muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass weit und breit kein Mensch in Sicht ist. Selbst die Katze hat ihren Platz auf der Fensterbank verlassen.
[ 5]›Wieso tun Sie das?‹ fragt sie beklommen, um Zeit zu gewinnen.
[ 5]›Weil ich es kann‹ ist seine lapidare Antwort. Anita sieht ihre einzige Chance in der so genannten ›Flucht nach vorn‹ und sagt beherzt zu dem Mann:
[ 5]›Dann wünsche ich mir einen Apfelsaft.‹
[ 5]Er läuft ohne zu zögern über die Straße. Es kommt ihr so vor, als machten die Autos ihm Platz. Auf jeden Fall ist er sehr geschickt darin, die Lücken zu nutzen. Gegenüber sieht sie ihn auf Zehenspitzen am Kiosk stehen, beide Hände auf der Theke. Die Verkäuferin lächelt freundlich, wie zu einem Kind. Sie händigt ihm ein Fläschchen aus und nimmt das Geld entgegen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie ihm den Kopf getätschelt hätte. Anita denkt daran, dass sie es als Frau weit weniger schwer hat mit ihrem kleinen Wuchs als dieser Mann. Er jedoch scheint davon unbeeindruckt, kommt ebenso geschickt zurück auf Anitas Straßenseite und überreicht ihr den Apfelsaft.
[ 5]Sie dankt ihm verblüfft, öffnet die Flasche und trinkt. In ihrem Hirn beginnt es zu arbeiten: Was wäre, wenn er mir tatsächlich jeden Wunsch erfüllen könnte? Dann hätte ich bereits einen vergeudet an eine Flasche Apfelsaft, die zwar lecker ist, die ich mir aber ebenso gut hätte selbst kaufen können. – Nein, sowas gibt es nur in Märchen, ermahnt sie sich zur Vernunft. Aber einen Versuch macht sie trotzdem noch, dieses Mal kühner:
[ 5]›Ich wünsche mir eine Million.‹
[ 5]›Kein Problem.‹ Er greift in seine Tasche und holt mit triumphierendem Blick einen Beutel Sand heraus:
›Zähl' ruhig nach: Es sind etwas mehr als eine Million.‹


[ 5]Roberta lacht: »Ja, du bist auf einem guten Weg. In einer Novelle gibt es übrigens oft auch eine Rahmenhandlung.«
[ 5]»So wie uns beide, die wir uns über die Literaturgattung der Novelle unterhalten?« freut sich Ludger.
[ 5]»Genau so«, muss Roberta zugeben, »aber jetzt bin ich neugierig, was der dritte Wunsch sein wird. – Es wird doch einen dritten Wunsch geben?« drängt Roberta ihn. Ludger lächelt vielsagend und fährt fort:

[ 5]Anita ist ein wenig ärgerlich, dass der seltsame Mann sie so hereingelegt hat. Andererseits ist sie beeindruckt: Er konnte doch nicht wissen, was sie sich wünschen würde, wieso hat er einen Beutel Sand in der Tasche? Oder hatte er den gar nicht dabei und hat ihn herbei gezaubert? Sie muss unbedingt mit dem dritten Wunsch herausfinden, was es mit diesem Mann auf sich hat! Der Wunsch soll, wenn er erfüllt wird, etwas ganz Schönes für sie und vielleicht auch für die Menschheit sein und gleichzeitig beweisen, dass dieser Mann tatsächlich zaubern kann. Es darf keine Ausflüchte geben wie bei dem zweiten Wunsch, sie wird sich ganz genau überlegen, wie sie es formuliert. Der Mann steht neben ihr und sieht erwartungsvoll in selbstzufriedener Pose zu ihr hoch. Fast könnte man meinen, er erwarte Applaus.
[ 5]Auf der Straße gibt es keinen Verkehr mehr bergauf und Anita sieht, dass von links ein roter Traktor heran tuckert, hinter dem sich wohl ein Stau gebildet hat. Der Traktor zieht mehrere Wagen und dahinter kommen weitere Zugmaschinen mit weiteren Wagen. – Ein Zirkus! Anita überlegt, ob das vielleicht die seltsame Kleidung dieses Mannes erklärt. Sie liest: ›Zirkus Antonelli‹ in großen roten Lettern auf dem gelben Anhänger. Kein Bus in Sicht. Immer noch keine Idee, was sie sich wünschen soll. Weitere Wagen fahren an der Haltestelle vorbei. Es gibt Wohnwagen und Anhänger mit Gitterfenstern, in denen wohl Tiere transportiert werden. Schwer schleppen sie sich den Berg hinauf. Ein kleiner blauer Laster mit zwei großen Anhängern scheint Anlauf nehmen zu wollen, denn er lässt eine große Lücke zu dem Wagen davor, der bereits fast oben auf dem Hügel ist.
[ 5]Anita grübelt, während sie den Wagen zusieht: Saubere Flüsse? – Ende der globalen Erwärmung? – Weltfrieden? – Keine Zigaretten, Autos und Flugzeuge mehr, die mir die Atemluft verpesten? – Sie kann sich nicht entscheiden. Der Mann sieht sie gespannt an, beachtet den Verkehr hinter sich überhaupt nicht.
[ 5]Der Motor des blauen Lasters heult auf, als er sich wieder in Bewegung setzt und seine zwei Anhänger mit größtmöglicher Beschleunigung zu dem Hügel zieht, wo der an der Steigung bald wieder merklich langsamer wird. Oben, wo er den nächsten Wagen erreicht, bremst er abrupt ab.
[ 5]Plötzlich hat sie eine Idee: Ja, so könnte sie etwas für sich tun, für die Menschheit und auch noch sofort Gewissheit bekommen über diesen Mann!
[ 5]Der blaue Laster steht und seine beiden Anhänger rollen zurück, den Hügel hinab. Anita ist wie gelähmt. Ihre Augen weiten sich, als die beiden Anhänger auf sie zu rollen. Sie bringt kein Wort hervor und kann sich nicht bewegen. Die schweren Wagen sausen gegen die Hauswand und bersten, genau an der Stelle, wo die Katze im Fenster gesessen und Anita gestanden hat. An der Stelle, wo jetzt der Mann steht, der ihr noch einen Wunsch schuldig ist. Der Mann, der ihr diesen Wunsch wohl schuldig bleiben muss.

[ 5]Nach einer langen Pause, die dazu dienen soll, das soeben Erlebte wirken zu lassen, fragt Ludger seine Lehrerin: »Braucht es auch eine Moral in einer Novelle?«
[ 5]Fast mechanisch, mit zitternder Stimme, doziert Roberta: »Die Novelle endet meist mit einem Ergebnis oder auch Resultat, das muss keine Moral beinhalten, verleiht der gesamten Erzählung aber rückwirkend eine Bedeutung.«
[ 5]»Okay, an der rückwirkenden Bedeutung sollte ich noch arbeiten« meint Ludger.
 
A

aligaga

Gast
Hm - eine Novelle?

Eher (noch) nicht. Vielleicht eine Episode. Für eine Novelle ist das Stückerl deutlich zu kurz, zu unauthentisch und, vor allem, zu charakterlos. Es kommen eigentlich gar keine Charaktere vor, geschweige denn, dass sie sich im Lauf der Geschichte nicht nur zeigten, sondern auch änderten.

Es ist ein schwarzhumoriges Fantasy-Episödchen.

Heiter immer weiter

aligaga
 

xavia

Mitglied
Ja, die Beispiele von Novellen, die ich gelesen habe, waren länger, das hat mich nach dem Lesen der Definition gewundert: Die zitierte Beschreibung der Merkmale redet von »Kurzprosa« und davon, dass man sie in einem Rutsch lesen kann. Ich lese schon zwei Tage an der »Ungeduld des Herzens«. Dass die Charaktere nicht ordentlich charakterisiert werden, finde ich auch. Typisch Ludger: immer so Holterdipolter ;)
Aber ändern sollen sie sich doch nicht während des Verlaufs der Novelle, oder ist meine Quelle keine gute für die Merkmale?
Verwirrt
Xavia.
 

Blumenberg

Mitglied
Hallo Xavia,

mit der Einteilung literarischer Formen ist das immer so eine Sache, ich muss Ali aber Recht geben, das Stück ist für eine Novelle tatsächlich zu kurz. Ich meine mich aus dem Studium zu erinnern, dass die Länge zwischen Kurzgeschichte und Erzählung angesiedelt ist, also länger als erstere, kürzer als letztere. Im Mittelpunkt steht immer, hier haben die Autoren deiner Quelle den Punkt getroffen, ein unerhörtes Ereignis.

Was deine Quelle angeht empfehle ich bei so etwas, tatsächlich auf Fachliteratur (es gibt zum Beispiel die Reihe UTB Studium, die sind zwar recht knapp, aber zumindest die Bücher, die ich aus der Reihe kenne, haben eine ordentliche Qualität) zurückzugreifen, anstatt sich an Texte aus dem Internet zu halten, vor allem wenn sie so viele Füllwörter enthalten wie dieser Artikel (allerdings, also, etc.). Den Autoren scheint jegliches Sprächgefühl abzugehen, was beim Schreiben über Sprache und Literatur immer ein schlechtes Zeichen ist.

Wenn du einen typischen Vetreter dieser Gattung suchst würde ich dir Arthur Schnitzlers Traumnovelle empfehlen. Die liest sich trotz ihres Alters immer noch hochaktuell und hier findest du idealtypisch alle Merkmale einer Novelle.

Beste Grüße

Blumenberg
 

Ji Rina

Mitglied
Hallo Xavia,
Als Beispiel, zwei wunderbare Novellen:
Die Geschichte von Herrn Sommer
Die Taube

Beides von Patrick Süskind
Mit Gruss,
Ji
 

xavia

Mitglied
Hallo Blumenberg und Ji Rina,

vielen Dank für die Tipps! Am besten lernt man doch immer von denen, die es können. Ich habe die Traumnovelle im Projekt Gutenberg gefunden http://gutenberg.spiegel.de/buch/traumnovelle-1-5358/1 und mir soeben ein E-Book daraus gebaut. Ich werde sie mir baldigst zu Gemüte führen.

Süßkind ist mir nicht so direkt zugänglich, kommt auf meine To-find-or-to-buy-Liste.

Ich fürchte aber, dass ich Ludgers Novelle nicht werde retten können, die wird ja nicht interesanter, wenn ich sie verlängere. Vielleicht sollte Roberta einen weniger kompetenten Eindruck erwecken, dann stümpern die beiden ähnlich herum wie ich es getan habe. Oder ich setze, wenn ich erst weiß, was fehlt, dieses Wissen als Abschlusslektion ans Ende, um niemanden in die Irre zu führen.

LG Xavia.
 
Xavia, dein interessanter Versuch entzieht sich der Kategorisierung. Eben das gefällt mir an ihm.

Schnitzlers "Traumnovelle"? Hm, so sehr mir "Fräulein Else" und "Leutnant Gustl" und anderes von Schnitzler zusagen, so enttäuschend fand ich die "Traumnovelle": hölzerne Sprache, betuliches Abarbeiten einer Idee. Das war schon zum Zeitpunkt der Niederschrift seltsam altbacken. Man muss nicht mal studiert haben, um das zu erkennen. Das ist eher ein Muster, wie man es besser nicht macht.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

xavia

Mitglied
[ 5]Ludger sitzt auf dem Ecksofa im Wohnzimmer als Roberta den Raum betritt. Er hat seinen Laptop auf dem Schoß und liest konzentriert.
[ 5]»Was tust du da?« will sie wissen.
[ 5]»Ich möchte eine Novelle schreiben. Hier gibt es eine Reihe von Merkmalen, die sie erfüllen sollte. Hilfst du mir?«
[ 5]Roberta setzt sich auf das kurze Ende des Sofas, nimmt den angebotenen Laptop an sich und beginnt zu lesen, während Ludger sich genüsslich auf dem langen Ende ausstreckt, um seiner Phantasie freien Lauf zu lassen.
[ 5]»Das scheint mir wichtig zu sein: Eine Novelle ist eine kurze Erzählung über eine unerhörte Begebenheit. Es gibt nur wenige Charaktere, die sich während der Erzählung nicht wesentlich verändern und genau beschrieben werden«.
[ 5]Ludger hat dazu eine Idee:

[ 5]»Feierabend! Anita Kusik hat nach dem letzten Kunden noch die Ablage des Tages erledigt und schlüpft nun in ihre grauen Wildlederpumps mit den acht Zentimeter hohen Blockabsätzen. Sie zieht die kornblumenblaue Kostümjacke an und geht zum Waschbecken, um im Spiegel ihre Frisur zu überprüfen: Der kecke blonde Pferdeschwanz sitzt, wie er soll und das Polster, das sie auf dem Kopf unter den Haaren versteckt hat, sitzt ebenfalls an seinem Platz. Es lässt sie weitere zwei Zentimeter größer erscheinen und verleiht ihrer Frisur Fülle. Sie zupft den Kragen ihrer Bluse zurecht. Heute ist einer von diesen Tagen, an denen sie sich allen überlegen fühlt. Genau das Richtige für den wöchentlichen Bridge-Abend.
[ 5]Ihr letzter Kunde war ein Physiker. ›Theoretischer Physiker‹, wie er betont hat. Ein ›Herr Doktor‹. Hat sich nach dem Studium zehn Jahre an der Uni herumgetrieben auf Zeitstellen und nun ist er arbeitslos. Nahezu unvermittelbar in dem Alter, selbst in einer großen Stadt wie dieser. Es hat wohl nicht gereicht zum ›Herrn Professor‹. Der ist nicht gut beraten worden. – Wenn er sich überhaupt hat beraten lassen. Diese Jungakademiker glauben ja, alles selbst zu wissen. Theoretischer Physiker! – Wer kann damit schon etwas anfangen? Dem hat sie klar gemacht, dass er sich umorientieren müsse, wenn er weiterhin seine Miete zahlen wolle! Der ›Herr Doktor‹ ist während dieses Lernvorgangs merklich geschrumpft. Sie lächelt ihr Spiegelbild zufrieden an, greift dann nach ihrer grauen Tasche und verlässt energischen Schrittes das Büro.
[ 5]Anita verlässt das Arbeitsamt durch den Haupteingang, der auf einem Hügel liegt. Hier oben hat das mächtige Gebäude, dass nur durch den Bürgersteig von der Straße getrennt ist, nur ein Stockwerk, der Rest liegt unter der Erde. Die Vorderfront folgt dem Bogen der Hauptstraße hügelabwärts und Anita geht bergab als hätte sie zehn bis zwölf Zentimeter hohe Absätze: sehr langsam und vorsichtig, aber dennoch graziös, mit wiegenden Hüften. Die Bushaltestelle liegt am Fuße des Hügels, sie hat es also nicht weit. Unten grenzt das große rote Backsteinhaus an ein verputztes dreistöckiges Mehrfamilienhaus. In einem der Fenster, direkt an der Bushaltestelle, liegt eine schwarze Katze auf der Fensterbank und beobachtet die Ankommende aufmerksam aus gelben Augen. Anita zieht ihr eine Grimasse, weil die Katze so einen Nimbus von höherem Wissen ausstrahlt, von dem sie sich provoziert fühlt.
[ 5]Zehn Meter weiter geht eine Nebenstraße ab, aus der gerade jemand um die Ecke kommt. Anita neutralisiert ihre Gesichtszüge und sieht einen Mann mittleren Alters von gedrungenem Wuchs. Sein ockerfarbener Cordanzug scheint aus einer anderen Zeit zu stammen, erst recht die rote Fliege, die er zu einem weißen Hemd trägt. Wegen seines eigentümlichen Aussehens zwingt Anita sich, ihn nicht anzustarren. Sie guckt auf die Straße, dann auf die andere Seite des Gehwegs und ist sich doch ganz gewiss, wo er sich gerade befindet. Sie zweifelt nicht daran, dass er sehen kann, dass sie absichtlich wegsieht und hört ihn kraftvoll ausschreiten und schnell näherkommen. Am liebsten würde sie weglaufen. Als er sie erreicht, hört sie, dass er stehenbleibt!
[ 5]Sie versucht, sich damit zu beruhigen, dass er wahrscheinlich wie sie mit dem Bus fahren will. Dass es ganz normal ist, wenn Leute hier an der Haltestelle stehenbleiben. Aber der Aufruhr in ihrem Inneren bleibt. Vorsichtig wendet sie den Kopf zu ihm hin. Er steht gut Armeslänge von ihr entfernt und blickt zu ihr hoch. Dass ein Mann zu ihr aufblicken muss, ist sie nicht gewohnt und dass ein Fremder sie so ausdrücklich ansieht ist auch nicht normal. Instinktiv weicht sie ein paar Schritte zurück. Er folgt ihr vorsichtig, lächelt freundlich und sie versucht, zurückzulächeln, hat aber das Gefühl, dass es ihr nicht recht gelingen will.
[ 5]›Der Bus wird sicherlich bald kommen‹, sagt sie, um die Situation zu entschärfen. – Wenn er doch einfach käme, dann könnte sie schnell einsteigen und sich auf einen Platz sitzen, der keinen freien daneben hat! Oder wenn wenigstens die Erde sich auftäte und sie verschlingen würde!«


»So weit, so gut« sagt Roberta. Du beschreibst eine ganz alltägliche Begebenheit. Zugegeben, dieser Mann ist ein wenig gruselig, daraus ließe sich vielleicht etwas machen. Es muss aber richtig außergewöhnlich sein für eine Novelle, steht hier: ›Eine normale Alltagssituation ist […] nie Inhalt einer Novelle‹.« – Ludger weiß sich zu helfen:

[ 5]»Der Mann sagt zu Anita: ›Ich gewähre dir drei Wünsche. Du kannst dir alles wüschen, aber nicht mehr Wünsche, nur die drei.‹«

[ 5]»Nein, nein, so nicht!« unterbricht ihn Roberta, die inzwischen weitergelesen hat, ungeduldig. »Zum einen sind Drei-Wünsche-Geschichten nun wirklich ein alter Hut und zum anderen muss die unerhörte Begebenheit zwar ungeheuerlich, aber glaubhaft, nachvollziehbar, natürlich sein: Du sollst hier kein Märchen erzählen!«
[ 5]»Nun warte doch erst einmal ab, was passiert« beschwichtigt Ludger sie. Noch ist das doch alles ganz nachvollziehbar und natürlich. Es gibt schon manchmal komische Käuze, die einem auf der Straße begegnen.«
[ 5]»Na gut«, lenkt Roberta ein, »ich lass' mich überraschen. Erzähl' weiter.«

[ 5]»Anita, der die ganze Sache ohnehin schon unheimlich ist, sieht sich nun in beide Richtungen um und muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass weit und breit kein Mensch in Sicht ist. Selbst die Katze hat ihren Platz auf der Fensterbank verlassen.
[ 5]›Wieso tun Sie das?‹ fragt sie beklommen, um Zeit zu gewinnen.
[ 5]›Weil ich es kann‹ ist seine lapidare Antwort. Anita sieht ihre einzige Chance in der so genannten ›Flucht nach vorn‹ und sagt beherzt zu dem Mann:
[ 5]›Dann wünsche ich mir einen Apfelsaft.‹
[ 5]Er läuft ohne zu zögern über die Straße. Es kommt ihr so vor, als machten die Autos ihm Platz. Auf jeden Fall ist er sehr geschickt darin, die Lücken zu nutzen. Gegenüber sieht sie ihn auf Zehenspitzen am Kiosk stehen, beide Hände auf der Theke. Die Verkäuferin lächelt freundlich-nachsichtig, wie man ein Kind anlächelt. Sie händigt ihm ein Fläschchen aus und nimmt das Geld entgegen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie ihm den Kopf getätschelt hätte. Anita sinniert, dass sie es als Frau weit weniger schwer hat mit ihrem kleinen Wuchs als dieser Mann. Er jedoch scheint davon unbeeindruckt, kommt ebenso geschickt zurück auf Anitas Straßenseite und überreicht ihr den Apfelsaft.
[ 5]Sie ringt um Fassung, dankt ihm verblüfft, öffnet die Flasche und trinkt. In ihrem Hirn beginnt es zu arbeiten: Was wäre, wenn er mir tatsächlich jeden Wunsch erfüllen könnte? Dann hätte ich bereits einen vergeudet an eine Flasche Apfelsaft, die zwar lecker ist, die ich mir aber ebenso gut hätte selbst kaufen können. – Nein, sowas gibt es nur in Märchen, ermahnt sie sich zur Vernunft. Aber einen Versuch macht sie trotzdem noch, dieses Mal kühner:
[ 5]›Ich wünsche mir eine Million.‹
[ 5]›Kein Problem.‹ Er greift in seine Tasche und holt mit triumphierendem Blick einen Beutel Sand heraus:
[ 5]›Zähl' ruhig nach: Es sind etwas mehr als eine Million.‹«


[ 5]Roberta lacht: »Ja, du bist auf einem guten Weg. In einer Novelle gibt es übrigens oft auch eine Rahmenhandlung.«
[ 5]»So wie uns beide, die wir uns über die Literaturgattung der Novelle unterhalten?« freut sich Ludger.
[ 5]»Genau so«, muss Roberta zugeben, »aber jetzt bin ich neugierig, was der dritte Wunsch sein wird. – Es wird doch einen dritten Wunsch geben?« drängt Roberta ihn. Ludger lächelt vielsagend und fährt fort:

[ 5]»Anita ist ein wenig ärgerlich, dass der seltsame Mann sie so hereingelegt hat. Andererseits ist sie beeindruckt: Er konnte doch nicht wissen, was sie sich wünschen würde, wieso hat er einen Beutel Sand in der Tasche? Oder hatte er den gar nicht dabei und hat ihn herbei gezaubert? Sie muss unbedingt mit dem dritten Wunsch herausfinden, was es mit diesem Mann auf sich hat! Der Wunsch soll, wenn er erfüllt wird, beweisen, dass dieser Mann tatsächlich zaubern kann. Es darf keine Ausflüchte geben wie bei dem zweiten Wunsch, sie wird sich ganz genau überlegen, wie sie es formuliert. Der Mann steht mit dem Rücken zur Hauswand und sieht erwartungsvoll in selbstzufriedener Pose zu ihr hoch. Fast könnte man meinen, er erwarte Applaus.
[ 5]Auf der Straße gibt es keinen Verkehr mehr bergauf. Anita sieht, dass von links ein roter Traktor herantuckert, hinter dem sich wohl ein Stau gebildet hat. Der Traktor zieht mehrere Wagen und dahinter kommen weitere Zugmaschinen mit weiteren Wagen. – Ein Zirkus! Anita überlegt, ob das vielleicht die seltsame Kleidung dieses Mannes erklärt. Sie liest: ›Zirkus Antonelli‹ in großen roten Lettern auf dem gelben Anhänger. Kein Bus in Sicht. Immer noch keine Idee, was sie sich wünschen soll. Weitere Wagen fahren an der Haltestelle vorbei. Es gibt Wohnwagen und Anhänger mit Gitterfenstern, in denen wohl Tiere transportiert werden. Schwer schleppen sie sich den Berg hinauf. Ein kleiner blauer Laster mit zwei großen Anhängern scheint Anlauf nehmen zu wollen, denn er lässt eine große Lücke zu dem Wagen davor, der bereits fast oben auf dem Hügel ist.
[ 5]Anita grübelt, während sie den Wagen zusieht: Saubere Flüsse? – Ende der globalen Erwärmung? – Weltfrieden? – Keine Zigaretten, Autos und Flugzeuge mehr, die mir die Atemluft verpesten? – Sie kann sich nicht entscheiden.
[ 5]Der Motor des blauen Lasters heult auf, als er sich wieder in Bewegung setzt und seine zwei Anhänger mit größtmöglicher Beschleunigung zu dem Hügel zieht, wo er an der Steigung bald wieder merklich langsamer wird.
[ 5]›Soll ich dich beraten?‹ fragt der Mann listig.
[ 5]Der Laster erreicht oben den nächsten Wagen und bremst abrupt ab. Die Anhänger rasseln.
[ 5]Danach hört man sie den Hügel hinuntersausen, aber Anita achtet nicht auf das Geräusch. Sie wendet sich zu dem Mann um und wehrt selbstbewusst ab: ›Das könnte Ihnen so passen, um mich noch einmal hereinlegen zu können! – Nein, ich weiß jetzt, was ich mir wünsche: …‹«


[ 5]Nach einer bedeutungsvollen Pause, die dazu dienen soll, das soeben Erlebte wirken zu lassen, bemerkt Ludger: »Da hätte sie sich wohl beraten lassen sollen. ›Ein langes Leben‹ wäre ein nützlicher Wunsch gewesen.«
[ 5]Fast mechanisch, mit zitternder Stimme, doziert Roberta: »Die Novelle endet meist mit einem Ergebnis oder auch Resultat. Das muss keine Moral beinhalten, verleiht der gesamten Erzählung aber rückwirkend eine Bedeutung. – Sag' mal, du hast doch in Theoretischer Physik promoviert, oder?«
 

xavia

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[ 5]Ludger sitzt auf dem Ecksofa im Wohnzimmer als Roberta den Raum betritt. Er hat seinen Laptop auf dem Schoß und liest konzentriert.
[ 5]»Was tust du da?« will sie wissen.
[ 5]»Ich möchte eine Novelle schreiben. Hier gibt es eine Reihe von Merkmalen, die sie erfüllen sollte. Hilfst du mir?«
[ 5]Roberta setzt sich auf das kurze Ende des Sofas, nimmt den angebotenen Laptop an sich und beginnt zu lesen, während Ludger sich genüsslich auf dem langen Ende ausstreckt, um seiner Phantasie freien Lauf zu lassen.
[ 5]»Das scheint mir wichtig zu sein«, beginnt Roberta, »eine Novelle ist eine kurze Erzählung über eine unerhörte Begebenheit. Es gibt nur wenige Charaktere, die sich während der Erzählung nicht wesentlich verändern und genau beschrieben werden«.
[ 5]Ludger hat dazu eine Idee:

[ 5]»Feierabend! Anita Kusik hat nach dem letzten Kunden noch die Ablage des Tages erledigt und schlüpft nun in ihre grauen Wildlederpumps mit den acht Zentimeter hohen Blockabsätzen. Sie zieht die kornblumenblaue Kostümjacke an und geht zum Waschbecken, um im Spiegel ihre Frisur zu überprüfen: Der kecke blonde Pferdeschwanz sitzt, wie er soll und das Polster, das sie auf dem Kopf unter den Haaren versteckt hat, sitzt ebenfalls an seinem Platz. Es lässt sie weitere zwei Zentimeter größer erscheinen und verleiht ihrer Frisur Fülle. Sie zupft den Kragen ihrer Bluse zurecht. Heute ist einer von diesen Tagen, an denen sie sich allen überlegen fühlt. Genau das Richtige für den wöchentlichen Bridge-Abend.
[ 5]Ihr letzter Kunde war ein Physiker. ›Theoretischer Physiker‹, wie er betont hat. Ein ›Herr Doktor‹. Hat sich nach dem Studium zehn Jahre an der Uni herumgetrieben auf Zeitstellen und nun ist er arbeitslos. Nahezu unvermittelbar in dem Alter, selbst in einer großen Stadt wie dieser. Es hat wohl nicht gereicht zum ›Herrn Professor‹. Der ist nicht gut beraten worden. – Wenn er sich überhaupt hat beraten lassen. Diese Jungakademiker glauben ja, alles selbst zu wissen. Theoretischer Physiker! – Wer kann damit schon etwas anfangen? Dem hat sie klar gemacht, dass er sich umorientieren müsse, wenn er weiterhin seine Miete zahlen wolle! Der ›Herr Doktor‹ ist während dieses Lernvorgangs merklich geschrumpft. Sie lächelt ihr Spiegelbild zufrieden an, greift dann nach ihrer grauen Tasche und verlässt energischen Schrittes das Büro.
[ 5]Anita verlässt das Arbeitsamt durch den Haupteingang, der auf einem Hügel liegt. Hier oben hat das mächtige Gebäude, dass nur durch den Bürgersteig von der Straße getrennt ist, nur ein Stockwerk, der Rest liegt unter der Erde. Die Vorderfront folgt dem Bogen der Hauptstraße hügelabwärts und Anita geht bergab als hätte sie zehn bis zwölf Zentimeter hohe Absätze: sehr langsam und vorsichtig, aber dennoch graziös, mit wiegenden Hüften. Die Bushaltestelle liegt am Fuße des Hügels, sie hat es also nicht weit. Unten grenzt das große rote Backsteinhaus an ein verputztes dreistöckiges Mehrfamilienhaus. In einem der Fenster, direkt an der Bushaltestelle, liegt eine schwarze Katze auf der Fensterbank und beobachtet die Ankommende aufmerksam aus gelben Augen. Anita zieht ihr eine Grimasse, weil die Katze so einen Nimbus von höherem Wissen ausstrahlt, von dem sie sich provoziert fühlt.
[ 5]Zehn Meter weiter geht eine Nebenstraße ab, aus der gerade jemand um die Ecke kommt. Anita neutralisiert ihre Gesichtszüge und sieht einen Mann mittleren Alters von gedrungenem Wuchs. Sein ockerfarbener Cordanzug scheint aus einer anderen Zeit zu stammen, erst recht die rote Fliege, die er zu einem weißen Hemd trägt. Wegen seines eigentümlichen Aussehens zwingt Anita sich, ihn nicht anzustarren. Sie guckt auf die Straße, dann auf die andere Seite des Gehwegs und ist sich doch ganz gewiss, wo er sich gerade befindet. Sie zweifelt nicht daran, dass er sehen kann, dass sie absichtlich wegsieht und hört ihn kraftvoll ausschreiten und schnell näherkommen. Am liebsten würde sie weglaufen. Als er sie erreicht, hört sie, dass er stehenbleibt!
[ 5]Sie versucht, sich damit zu beruhigen, dass er wahrscheinlich wie sie mit dem Bus fahren will. Dass es ganz normal ist, wenn Leute hier an der Haltestelle stehenbleiben. Aber der Aufruhr in ihrem Inneren bleibt. Vorsichtig wendet sie den Kopf zu ihm hin. Er steht gut Armeslänge von ihr entfernt und blickt zu ihr hoch. Dass ein Mann zu ihr aufblicken muss, ist sie nicht gewohnt und dass ein Fremder sie so ausdrücklich ansieht ist auch nicht normal. Instinktiv weicht sie ein paar Schritte zurück. Er folgt ihr vorsichtig, lächelt freundlich und sie versucht, zurückzulächeln, hat aber das Gefühl, dass es ihr nicht recht gelingen will.
[ 5]›Der Bus wird sicherlich bald kommen‹, sagt sie, um die Situation zu entschärfen. – Wenn er doch einfach käme, dann könnte sie schnell einsteigen und sich auf einen Platz sitzen, der keinen freien daneben hat! Oder wenn wenigstens die Erde sich auftäte und sie verschlingen würde!«


»So weit, so gut« sagt Roberta. Du beschreibst eine ganz alltägliche Begebenheit. Zugegeben, dieser Mann ist ein wenig gruselig, daraus ließe sich vielleicht etwas machen. Es muss aber richtig außergewöhnlich sein für eine Novelle, steht hier: ›Eine normale Alltagssituation ist […] nie Inhalt einer Novelle‹.« – Ludger weiß sich zu helfen:

[ 5]»Der Mann sagt zu Anita: ›Ich gewähre dir drei Wünsche. Du kannst dir alles wüschen, aber nicht mehr Wünsche, nur die drei.‹«

[ 5]»Nein, nein, so nicht!« unterbricht ihn Roberta, die inzwischen weitergelesen hat, ungeduldig. »Zum einen sind Drei-Wünsche-Geschichten nun wirklich ein alter Hut und zum anderen muss die unerhörte Begebenheit zwar ungeheuerlich, aber glaubhaft, nachvollziehbar, natürlich sein: Du sollst hier kein Märchen erzählen!«
[ 5]»Nun warte doch erst einmal ab, was passiert« beschwichtigt Ludger sie. Noch ist das doch alles ganz nachvollziehbar und natürlich. Es gibt schon manchmal komische Käuze, die einem auf der Straße begegnen.«
[ 5]»Na gut«, lenkt Roberta ein, »ich lass' mich überraschen. Erzähl' weiter.«

[ 5]»Anita, der die ganze Sache ohnehin schon unheimlich ist, sieht sich nun in beide Richtungen um und muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass weit und breit kein Mensch in Sicht ist. Selbst die Katze hat ihren Platz auf der Fensterbank verlassen.
[ 5]›Wieso tun Sie das?‹ fragt sie beklommen, um Zeit zu gewinnen.
[ 5]›Weil ich es kann‹ ist seine lapidare Antwort. Anita sieht ihre einzige Chance in der so genannten ›Flucht nach vorn‹ und sagt beherzt zu dem Mann:
[ 5]›Dann wünsche ich mir einen Apfelsaft.‹
[ 5]Er läuft ohne zu zögern über die Straße. Es kommt ihr so vor, als machten die Autos ihm Platz. Auf jeden Fall ist er sehr geschickt darin, die Lücken zu nutzen. Gegenüber sieht sie ihn auf Zehenspitzen am Kiosk stehen, beide Hände auf der Theke. Die Verkäuferin lächelt freundlich-nachsichtig, wie man ein Kind anlächelt. Sie händigt ihm ein Fläschchen aus und nimmt das Geld entgegen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie ihm den Kopf getätschelt hätte. Anita sinniert, dass sie es als Frau weit weniger schwer hat mit ihrem kleinen Wuchs als dieser Mann. Er jedoch scheint davon unbeeindruckt, kommt ebenso geschickt zurück auf Anitas Straßenseite und überreicht ihr den Apfelsaft.
[ 5]Sie ringt um Fassung, dankt ihm verblüfft, öffnet die Flasche und trinkt. In ihrem Hirn beginnt es zu arbeiten: Was wäre, wenn er mir tatsächlich jeden Wunsch erfüllen könnte? Dann hätte ich bereits einen vergeudet an eine Flasche Apfelsaft, die zwar lecker ist, die ich mir aber ebenso gut hätte selbst kaufen können. – Nein, sowas gibt es nur in Märchen, ermahnt sie sich zur Vernunft. Aber einen Versuch macht sie trotzdem noch, dieses Mal kühner:
[ 5]›Ich wünsche mir eine Million.‹
[ 5]›Kein Problem.‹ Er greift in seine Tasche und holt mit triumphierendem Blick einen Beutel Sand heraus:
[ 5]›Zähl' ruhig nach: Es sind etwas mehr als eine Million.‹«


[ 5]Roberta lacht: »Ja, du bist auf einem guten Weg. In einer Novelle gibt es übrigens oft auch eine Rahmenhandlung.«
[ 5]»So wie uns beide, die wir uns über die Literaturgattung der Novelle unterhalten?« freut sich Ludger.
[ 5]»Genau so«, muss Roberta zugeben, »aber jetzt bin ich neugierig, was der dritte Wunsch sein wird. – Es wird doch einen dritten Wunsch geben?« drängt Roberta ihn. Ludger lächelt vielsagend und fährt fort:

[ 5]»Anita ist ein wenig ärgerlich, dass der seltsame Mann sie so hereingelegt hat. Andererseits ist sie beeindruckt: Er konnte doch nicht wissen, was sie sich wünschen würde, wieso hat er einen Beutel Sand in der Tasche? Oder hatte er den gar nicht dabei und hat ihn herbei gezaubert? Sie muss unbedingt mit dem dritten Wunsch herausfinden, was es mit diesem Mann auf sich hat! Der Wunsch soll, wenn er erfüllt wird, beweisen, dass dieser Mann tatsächlich zaubern kann. Es darf keine Ausflüchte geben wie bei dem zweiten Wunsch, sie wird sich ganz genau überlegen, wie sie es formuliert. Der Mann steht mit dem Rücken zur Hauswand und sieht erwartungsvoll in selbstzufriedener Pose zu ihr hoch. Fast könnte man meinen, er erwarte Applaus.
[ 5]Auf der Straße gibt es keinen Verkehr mehr bergauf. Anita sieht, dass von links ein roter Traktor herantuckert, hinter dem sich wohl ein Stau gebildet hat. Der Traktor zieht mehrere Wagen und dahinter kommen weitere Zugmaschinen mit weiteren Wagen. – Ein Zirkus! Anita überlegt, ob das vielleicht die seltsame Kleidung dieses Mannes erklärt. Sie liest: ›Zirkus Antonelli‹ in großen roten Lettern auf dem gelben Anhänger. Kein Bus in Sicht. Immer noch keine Idee, was sie sich wünschen soll. Weitere Wagen fahren an der Haltestelle vorbei. Es gibt Wohnwagen und Anhänger mit Gitterfenstern, in denen wohl Tiere transportiert werden. Schwer schleppen sie sich den Berg hinauf. Ein kleiner blauer Laster mit zwei großen Anhängern scheint Anlauf nehmen zu wollen, denn er lässt eine große Lücke zu dem Wagen davor, der bereits fast oben auf dem Hügel ist.
[ 5]Anita grübelt, während sie den Wagen zusieht: Saubere Flüsse? – Ende der globalen Erwärmung? – Weltfrieden? – Keine Zigaretten, Autos und Flugzeuge mehr, die mir die Atemluft verpesten? – Sie kann sich nicht entscheiden.
[ 5]Der Motor des blauen Lasters heult auf, als er sich wieder in Bewegung setzt und seine zwei Anhänger mit größtmöglicher Beschleunigung zu dem Hügel zieht, wo er an der Steigung bald wieder merklich langsamer wird.
[ 5]›Soll ich dich beraten?‹ fragt der Mann listig.
[ 5]Der Laster erreicht oben den nächsten Wagen und bremst abrupt ab. Die Anhänger rasseln.
[ 5]Danach hört man sie den Hügel hinuntersausen, aber Anita achtet nicht auf das Geräusch. Sie wendet sich zu dem Mann um und wehrt selbstbewusst ab: ›Das könnte Ihnen so passen, um mich noch einmal hereinlegen zu können! – Nein, ich weiß jetzt, was ich mir wünsche: …‹«


[ 5]Nach einer bedeutungsvollen Pause, die dazu dienen soll, das soeben Erlebte wirken zu lassen, bemerkt Ludger: »Da hätte sie sich wohl beraten lassen sollen. ›Ein langes Leben‹ wäre ein nützlicher Wunsch gewesen.«
[ 5]Fast mechanisch, mit zitternder Stimme, doziert Roberta: »Die Novelle endet meist mit einem Ergebnis oder auch Resultat. Das muss keine Moral beinhalten, verleiht der gesamten Erzählung aber rückwirkend eine Bedeutung. – Sag' mal, du hast doch in Theoretischer Physik promoviert, oder?«
 

xavia

Mitglied
[ 5]Ludger sitzt auf dem Ecksofa im Wohnzimmer als Roberta den Raum betritt. Er hat seinen Laptop auf dem Schoß und liest konzentriert.
[ 5]»Was tust du da?« will sie wissen.
[ 5]»Ich möchte eine Novelle schreiben. Hier gibt es eine Reihe von Merkmalen, die sie erfüllen sollte. Hilfst du mir?«
[ 5]Roberta setzt sich auf das kurze Ende des Sofas, nimmt den angebotenen Laptop an sich und beginnt zu lesen, während Ludger sich genüsslich auf dem langen Ende ausstreckt, um seiner Phantasie freien Lauf zu lassen.
[ 5]»Das scheint mir wichtig zu sein«, beginnt Roberta, »eine Novelle ist eine kurze Erzählung über eine unerhörte Begebenheit. Es gibt nur wenige Charaktere, die sich während der Erzählung nicht wesentlich verändern und genau beschrieben werden«.
[ 5]Ludger hat dazu eine Idee. Er spricht in sein Diktiergerät:

[ 5]»Feierabend! Anita Kusik hat nach dem letzten Kunden noch die Ablage des Tages erledigt und schlüpft nun in ihre grauen Wildlederpumps mit den acht Zentimeter hohen Blockabsätzen. Sie zieht die kornblumenblaue Kostümjacke an und geht zum Waschbecken, um im Spiegel ihre Frisur zu überprüfen: Der kecke blonde Pferdeschwanz sitzt, wie er soll und das Polster, das sie auf dem Kopf unter den Haaren versteckt hat, sitzt ebenfalls an seinem Platz. Es lässt sie weitere zwei Zentimeter größer erscheinen und verleiht ihrer Frisur Fülle. Sie zupft den Kragen ihrer Bluse zurecht. Heute ist einer von diesen Tagen, an denen sie sich allen überlegen fühlt. Genau das Richtige für den wöchentlichen Bridge-Abend.
[ 5]Ihr letzter Kunde war ein Physiker. ›Theoretischer Physiker‹, wie er betont hat. Ein ›Herr Doktor‹. Hat sich nach dem Studium zehn Jahre an der Uni herumgetrieben auf Zeitstellen und nun ist er arbeitslos. Nahezu unvermittelbar in dem Alter, selbst in einer großen Stadt wie dieser. Es hat wohl nicht gereicht zum ›Herrn Professor‹. Der ist nicht gut beraten worden. – Wenn er sich überhaupt hat beraten lassen. Diese Jungakademiker glauben ja, alles selbst zu wissen. Theoretischer Physiker! – Wer kann damit schon etwas anfangen? Dem hat sie klar gemacht, dass er sich umorientieren müsse, wenn er weiterhin seine Miete zahlen wolle! Der ›Herr Doktor‹ ist während dieses Lernvorgangs merklich geschrumpft. Sie lächelt ihr Spiegelbild zufrieden an, greift dann nach ihrer grauen Tasche und verlässt energischen Schrittes das Büro.
[ 5]Anita verlässt das Arbeitsamt durch den Haupteingang, der auf einem Hügel liegt. Hier oben hat das mächtige Gebäude, dass nur durch den Bürgersteig von der Straße getrennt ist, nur ein Stockwerk, der Rest liegt unter der Erde. Die Vorderfront folgt dem Bogen der Hauptstraße hügelabwärts und Anita geht bergab als hätte sie zehn bis zwölf Zentimeter hohe Absätze: sehr langsam und vorsichtig, aber dennoch graziös, mit wiegenden Hüften. Die Bushaltestelle liegt am Fuße des Hügels, sie hat es also nicht weit. Unten grenzt das große rote Backsteinhaus an ein verputztes dreistöckiges Mehrfamilienhaus. In einem der Fenster, direkt an der Bushaltestelle, liegt eine schwarze Katze auf der Fensterbank und beobachtet die Ankommende aufmerksam aus gelben Augen. Anita zieht ihr eine Grimasse, weil die Katze so einen Nimbus von höherem Wissen ausstrahlt, von dem sie sich provoziert fühlt.
[ 5]Zehn Meter weiter geht eine Nebenstraße ab, aus der gerade jemand um die Ecke kommt. Anita neutralisiert ihre Gesichtszüge und sieht einen Mann mittleren Alters von gedrungenem Wuchs. Sein ockerfarbener Cordanzug scheint aus einer anderen Zeit zu stammen, erst recht die rote Fliege, die er zu einem weißen Hemd trägt. Wegen seines eigentümlichen Aussehens zwingt Anita sich, ihn nicht anzustarren. Sie guckt auf die Straße, dann auf die andere Seite des Gehwegs und ist sich doch ganz gewiss, wo er sich gerade befindet. Sie zweifelt nicht daran, dass er sehen kann, dass sie absichtlich wegsieht und hört ihn kraftvoll ausschreiten und schnell näherkommen. Am liebsten würde sie weglaufen. Als er sie erreicht, hört sie, dass er stehenbleibt!
[ 5]Sie versucht, sich damit zu beruhigen, dass er wahrscheinlich wie sie mit dem Bus fahren will. Dass es ganz normal ist, wenn Leute hier an der Haltestelle stehenbleiben. Aber der Aufruhr in ihrem Inneren bleibt. Vorsichtig wendet sie den Kopf zu ihm hin. Er steht gut Armeslänge von ihr entfernt und blickt zu ihr hoch. Dass ein Mann zu ihr aufblicken muss, ist sie nicht gewohnt und dass ein Fremder sie so ausdrücklich ansieht ist auch nicht normal. Instinktiv weicht sie ein paar Schritte zurück. Er folgt ihr vorsichtig, lächelt freundlich und sie versucht, zurückzulächeln, hat aber das Gefühl, dass es ihr nicht recht gelingen will.
[ 5]›Der Bus wird sicherlich bald kommen‹, sagt sie, um die Situation zu entschärfen. – Wenn er doch einfach käme, dann könnte sie schnell einsteigen und sich auf einen Platz sitzen, der keinen freien daneben hat! Oder wenn wenigstens die Erde sich auftäte und sie verschlingen würde!«


»So weit, so gut« sagt Roberta. Du beschreibst eine ganz alltägliche Begebenheit. Zugegeben, dieser Mann ist ein wenig gruselig, daraus ließe sich vielleicht etwas machen. Es muss aber richtig außergewöhnlich sein für eine Novelle, steht hier: ›Eine normale Alltagssituation ist […] nie Inhalt einer Novelle‹.« – Ludger weiß sich zu helfen:

[ 5]»Der Mann sagt zu Anita: ›Ich gewähre dir drei Wünsche. Du kannst dir alles wüschen, aber nicht mehr Wünsche, nur die drei.‹«

[ 5]»Nein, nein, so nicht!« unterbricht ihn Roberta, die inzwischen weitergelesen hat, ungeduldig. »Zum einen sind Drei-Wünsche-Geschichten nun wirklich ein alter Hut und zum anderen muss die unerhörte Begebenheit zwar ungeheuerlich, aber glaubhaft, nachvollziehbar, natürlich sein: Du sollst hier kein Märchen erzählen!«
[ 5]»Nun warte doch erst einmal ab, was passiert« beschwichtigt Ludger sie. Noch ist das doch alles ganz nachvollziehbar und natürlich. Es gibt schon manchmal komische Käuze, die einem auf der Straße begegnen.«
[ 5]»Na gut«, lenkt Roberta ein, »ich lass' mich überraschen. Erzähl' weiter.«

[ 5]»Anita, der die ganze Sache ohnehin schon unheimlich ist, sieht sich nun in beide Richtungen um und muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass weit und breit kein Mensch in Sicht ist. Selbst die Katze hat ihren Platz auf der Fensterbank verlassen.
[ 5]›Wieso tun Sie das?‹ fragt sie beklommen, um Zeit zu gewinnen.
[ 5]›Weil ich es kann‹ ist seine lapidare Antwort. Anita sieht ihre einzige Chance in der so genannten ›Flucht nach vorn‹ und sagt beherzt zu dem Mann:
[ 5]›Dann wünsche ich mir einen Apfelsaft.‹
[ 5]Er läuft ohne zu zögern über die Straße. Es kommt ihr so vor, als machten die Autos ihm Platz. Auf jeden Fall ist er sehr geschickt darin, die Lücken zu nutzen. Gegenüber sieht sie ihn auf Zehenspitzen am Kiosk stehen, beide Hände auf der Theke. Die Verkäuferin lächelt freundlich-nachsichtig, wie man ein Kind anlächelt. Sie händigt ihm ein Fläschchen aus und nimmt das Geld entgegen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie ihm den Kopf getätschelt hätte. Anita sinniert, dass sie es als Frau weit weniger schwer hat mit ihrem kleinen Wuchs als dieser Mann. Er jedoch scheint davon unbeeindruckt, kommt ebenso geschickt zurück auf Anitas Straßenseite und überreicht ihr den Apfelsaft.
[ 5]Sie ringt um Fassung, dankt ihm verblüfft, öffnet die Flasche und trinkt. In ihrem Hirn beginnt es zu arbeiten: Was wäre, wenn er mir tatsächlich jeden Wunsch erfüllen könnte? Dann hätte ich bereits einen vergeudet an eine Flasche Apfelsaft, die zwar lecker ist, die ich mir aber ebenso gut hätte selbst kaufen können. – Nein, sowas gibt es nur in Märchen, ermahnt sie sich zur Vernunft. Aber einen Versuch macht sie trotzdem noch, dieses Mal kühner:
[ 5]›Ich wünsche mir eine Million.‹
[ 5]›Kein Problem.‹ Er greift in seine Tasche und holt mit triumphierendem Blick einen Beutel Sand heraus:
[ 5]›Zähl' ruhig nach: Es sind etwas mehr als eine Million.‹«


[ 5]Roberta lacht: »Ja, du bist auf einem guten Weg. In einer Novelle gibt es übrigens oft auch eine Rahmenhandlung.«
[ 5]»So wie uns beide, die wir uns über die Literaturgattung der Novelle unterhalten?« freut sich Ludger.
[ 5]»Genau so«, muss Roberta zugeben, »aber jetzt bin ich neugierig, was der dritte Wunsch sein wird. – Es wird doch einen dritten Wunsch geben?« drängt Roberta ihn. Ludger lächelt vielsagend und fährt fort:

[ 5]»Anita ist ein wenig ärgerlich, dass der seltsame Mann sie so hereingelegt hat. Andererseits ist sie beeindruckt: Er konnte doch nicht wissen, was sie sich wünschen würde, wieso hat er einen Beutel Sand in der Tasche? Oder hatte er den gar nicht dabei und hat ihn herbei gezaubert? Sie muss unbedingt mit dem dritten Wunsch herausfinden, was es mit diesem Mann auf sich hat! Der Wunsch soll, wenn er erfüllt wird, beweisen, dass dieser Mann tatsächlich zaubern kann. Es darf keine Ausflüchte geben wie bei dem zweiten Wunsch, sie wird sich ganz genau überlegen, wie sie es formuliert. Der Mann steht mit dem Rücken zur Hauswand und sieht erwartungsvoll in selbstzufriedener Pose zu ihr hoch. Fast könnte man meinen, er erwarte Applaus.
[ 5]Auf der Straße gibt es keinen Verkehr mehr bergauf. Anita sieht, dass von links ein roter Traktor herantuckert, hinter dem sich wohl ein Stau gebildet hat. Der Traktor zieht mehrere Wagen und dahinter kommen weitere Zugmaschinen mit weiteren Wagen. – Ein Zirkus! Anita überlegt, ob das vielleicht die seltsame Kleidung dieses Mannes erklärt. Sie liest: ›Zirkus Antonelli‹ in großen roten Lettern auf dem gelben Anhänger. Kein Bus in Sicht. Immer noch keine Idee, was sie sich wünschen soll. Weitere Wagen fahren an der Haltestelle vorbei. Es gibt Wohnwagen und Anhänger mit Gitterfenstern, in denen wohl Tiere transportiert werden. Schwer schleppen sie sich den Berg hinauf. Ein kleiner blauer Laster mit zwei großen Anhängern scheint Anlauf nehmen zu wollen, denn er lässt eine große Lücke zu dem Wagen davor, der bereits fast oben auf dem Hügel ist.
[ 5]Anita grübelt, während sie den Wagen zusieht: Saubere Flüsse? – Ende der globalen Erwärmung? – Weltfrieden? – Keine Zigaretten, Autos und Flugzeuge mehr, die mir die Atemluft verpesten? – Sie kann sich nicht entscheiden.
[ 5]Der Motor des blauen Lasters heult auf, als er sich wieder in Bewegung setzt und seine zwei Anhänger mit größtmöglicher Beschleunigung zu dem Hügel zieht, wo er an der Steigung bald wieder merklich langsamer wird.
[ 5]›Soll ich dich beraten?‹ fragt der Mann listig.
[ 5]Der Laster erreicht oben den nächsten Wagen und bremst abrupt ab. Die Anhänger rasseln.
[ 5]Danach hört man sie den Hügel hinuntersausen, aber Anita achtet nicht auf das Geräusch. Sie wendet sich zu dem Mann um und wehrt selbstbewusst ab: ›Das könnte Ihnen so passen, um mich noch einmal hereinlegen zu können! – Nein, ich weiß jetzt, was ich mir wünsche: …‹«


[ 5]Nach einer bedeutungsvollen Pause, die dazu dienen soll, das soeben Erlebte wirken zu lassen, bemerkt Ludger: »Da hätte sie sich wohl beraten lassen sollen. ›Ein langes Leben‹ wäre ein nützlicher Wunsch gewesen.«
[ 5]Fast mechanisch, mit zitternder Stimme, doziert Roberta: »Die Novelle endet meist mit einem Ergebnis oder auch Resultat. Das muss keine Moral beinhalten, verleiht der gesamten Erzählung aber rückwirkend eine Bedeutung. – Sag' mal, du hast doch in Theoretischer Physik promoviert, oder?«
 

xavia

Mitglied
[ 5]Ludger sitzt auf dem Ecksofa im Wohnzimmer als Roberta den Raum betritt. Er hat seinen Laptop auf dem Schoß und liest konzentriert.
[ 5]»Was tust du da?« will sie wissen.
[ 5]»Ich möchte eine Novelle schreiben. Hier gibt es eine Reihe von Merkmalen, die sie erfüllen sollte. Hilfst du mir?«
[ 5]Roberta setzt sich auf das kurze Ende des Sofas, nimmt den angebotenen Laptop an sich und beginnt zu lesen, während Ludger sich genüsslich auf dem langen Ende ausstreckt, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen.
[ 5]»Das scheint mir wichtig zu sein«, beginnt Roberta, »eine Novelle ist eine kurze Erzählung über eine unerhörte Begebenheit. Es gibt nur wenige Charaktere, die sich während der Erzählung nicht wesentlich verändern und genau beschrieben werden«.
[ 5]Ludger hat dazu eine Idee. Er spricht in sein Diktiergerät:

[ 5]»Feierabend! Anita Kusik hat nach dem letzten Kunden noch die Ablage des Tages erledigt und schlüpft nun in ihre grauen Wildlederpumps mit den acht Zentimeter hohen Blockabsätzen. Sie zieht die kornblumenblaue Kostümjacke an und geht zum Waschbecken, um im Spiegel ihre Frisur zu überprüfen: Der kecke blonde Pferdeschwanz sitzt, wie er soll und das Polster, das sie auf dem Kopf unter den Haaren versteckt hat, sitzt ebenfalls an seinem Platz. Es lässt sie weitere zwei Zentimeter größer erscheinen und verleiht ihrer Frisur Fülle. Sie zupft den Kragen ihrer Bluse zurecht. Heute ist einer von diesen Tagen, an denen sie sich allen überlegen fühlt. Genau das Richtige für den wöchentlichen Bridge-Abend.
[ 5]Ihr letzter Kunde war ein Physiker. ›Theoretischer Physiker‹, wie er betont hat. Ein ›Herr Doktor‹. Hat sich nach dem Studium zehn Jahre an der Uni herumgetrieben auf Zeitstellen und nun ist er arbeitslos. Nahezu unvermittelbar in dem Alter, selbst in einer großen Stadt wie dieser. Es hat wohl nicht gereicht zum ›Herrn Professor‹. Der ist nicht gut beraten worden. – Wenn er sich überhaupt hat beraten lassen. Diese Jungakademiker glauben ja, alles selbst zu wissen. Theoretischer Physiker! – Wer kann damit schon etwas anfangen? Dem hat sie klar gemacht, dass er sich umorientieren müsse, wenn er weiterhin seine Miete zahlen wolle! Der ›Herr Doktor‹ ist während dieses Lernvorgangs merklich geschrumpft. Sie lächelt ihr Spiegelbild zufrieden an, greift dann nach ihrer grauen Tasche und verlässt energischen Schrittes das Büro.
[ 5]Anita verlässt das Arbeitsamt durch den Haupteingang, der auf einem Hügel liegt. Hier oben hat das mächtige Gebäude, dass nur durch den Bürgersteig von der Straße getrennt ist, nur ein Stockwerk, der Rest liegt unter der Erde. Die Vorderfront folgt dem Bogen der Hauptstraße hügelabwärts und Anita geht bergab als hätte sie zehn bis zwölf Zentimeter hohe Absätze: sehr langsam und vorsichtig, aber dennoch graziös, mit wiegenden Hüften. Die Bushaltestelle liegt am Fuße des Hügels, sie hat es also nicht weit. Unten grenzt das große rote Backsteinhaus an ein verputztes dreistöckiges Mehrfamilienhaus. In einem der Fenster, direkt an der Bushaltestelle, liegt eine schwarze Katze auf der Fensterbank und beobachtet die Ankommende aufmerksam aus gelben Augen. Anita zieht ihr eine Grimasse, weil die Katze so einen Nimbus von höherem Wissen ausstrahlt, von dem sie sich provoziert fühlt.
[ 5]Zehn Meter weiter geht eine Nebenstraße ab, aus der gerade jemand um die Ecke kommt. Anita neutralisiert ihre Gesichtszüge und sieht einen Mann mittleren Alters von gedrungenem Wuchs. Sein ockerfarbener Cordanzug scheint aus einer anderen Zeit zu stammen, erst recht die rote Fliege, die er zu einem weißen Hemd trägt. Wegen seines eigentümlichen Aussehens zwingt Anita sich, ihn nicht anzustarren. Sie guckt auf die Straße, dann auf die andere Seite des Gehwegs und ist sich doch ganz gewiss, wo er sich gerade befindet. Sie zweifelt nicht daran, dass er sehen kann, dass sie absichtlich wegsieht und hört ihn kraftvoll ausschreiten und schnell näherkommen. Am liebsten würde sie weglaufen. Als er sie erreicht, hört sie, dass er stehenbleibt!
[ 5]Sie versucht, sich damit zu beruhigen, dass er wahrscheinlich wie sie mit dem Bus fahren will. Dass es ganz normal ist, wenn Leute hier an der Haltestelle stehenbleiben. Aber der Aufruhr in ihrem Inneren bleibt. Vorsichtig wendet sie den Kopf zu ihm hin. Er steht gut Armeslänge von ihr entfernt und blickt zu ihr hoch. Dass ein Mann zu ihr aufblicken muss, ist sie nicht gewohnt und dass ein Fremder sie so ausdrücklich ansieht ist auch nicht normal. Instinktiv weicht sie ein paar Schritte zurück. Er folgt ihr vorsichtig, lächelt freundlich und sie versucht, zurückzulächeln, hat aber das Gefühl, dass es ihr nicht recht gelingen will.
[ 5]›Der Bus wird sicherlich bald kommen‹, sagt sie, um die Situation zu entschärfen. – Wenn er doch einfach käme, dann könnte sie schnell einsteigen und sich auf einen Platz setzen, der keinen freien daneben hat! Oder wenn wenigstens die Erde sich auftäte und sie verschlingen würde!«


»So weit, so gut« sagt Roberta. Du beschreibst eine ganz alltägliche Begebenheit. Zugegeben, dieser Mann ist ein wenig gruselig, daraus ließe sich vielleicht etwas machen. Es muss aber richtig außergewöhnlich sein für eine Novelle, steht hier: ›Eine normale Alltagssituation ist […] nie Inhalt einer Novelle‹.« – Ludger weiß sich zu helfen:

[ 5]»Der Mann sagt zu Anita: ›Ich gewähre dir drei Wünsche. Du kannst dir alles wüschen, aber nicht mehr Wünsche, nur die drei.‹«

[ 5]»Nein, nein, so nicht!« unterbricht ihn Roberta, die inzwischen weitergelesen hat, ungeduldig. »Zum einen sind Drei-Wünsche-Geschichten nun wirklich ein alter Hut und zum anderen muss die unerhörte Begebenheit zwar ungeheuerlich, aber glaubhaft, nachvollziehbar, natürlich sein: Du sollst hier kein Märchen erzählen!«
[ 5]»Nun warte doch erst einmal ab, was passiert« beschwichtigt Ludger sie. Noch ist das doch alles ganz nachvollziehbar und natürlich. Es gibt schon manchmal komische Käuze, die einem auf der Straße begegnen.«
[ 5]»Na gut«, lenkt Roberta ein, »ich lass' mich überraschen. Erzähl' weiter.«

[ 5]»Anita, der die ganze Sache ohnehin schon unheimlich ist, sieht sich nun in beide Richtungen um und muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass weit und breit kein Mensch in Sicht ist, nur der gleichmäßig fließende Feierabendverkehr auf der Straße. Selbst die Katze hat ihren Platz auf der Fensterbank verlassen.
[ 5]›Wieso tun Sie das?‹ fragt sie beklommen, um Zeit zu gewinnen.
[ 5]›Weil ich es kann‹ ist seine lapidare Antwort. Anita sieht ihre einzige Chance in der so genannten ›Flucht nach vorn‹ und sagt beherzt zu dem Mann:
[ 5]›Dann wünsche ich mir einen Apfelsaft.‹
[ 5]Er läuft ohne zu zögern über die Straße. Es kommt ihr so vor, als machten die Autos ihm Platz. Auf jeden Fall ist er sehr geschickt darin, die Lücken zu nutzen. Gegenüber sieht sie ihn auf Zehenspitzen am Kiosk stehen, beide Hände auf der Theke. Die Verkäuferin lächelt freundlich-nachsichtig, wie man ein Kind anlächelt. Sie händigt ihm ein Fläschchen aus und nimmt das Geld entgegen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie ihm den Kopf getätschelt hätte. Anita sinniert, dass sie es als Frau weit weniger schwer hat mit ihrem kleinen Wuchs als dieser Mann. Er jedoch scheint davon unbeeindruckt, kommt ebenso geschickt zurück auf Anitas Straßenseite und überreicht ihr den Apfelsaft.
[ 5]Sie ringt um Fassung, dankt ihm verblüfft, öffnet die Flasche und trinkt. In ihrem Hirn beginnt es zu arbeiten: Was wäre, wenn er mir tatsächlich jeden Wunsch erfüllen könnte? Dann hätte ich bereits einen vergeudet an eine Flasche Apfelsaft, die zwar lecker ist, die ich mir aber ebenso gut hätte selbst kaufen können. – Nein, sowas gibt es nur in Märchen, ermahnt sie sich zur Vernunft. Aber einen Versuch macht sie trotzdem noch, dieses Mal kühner:
[ 5]›Ich wünsche mir eine Million.‹
[ 5]›Kein Problem.‹ Er greift in seine Tasche und holt mit triumphierendem Blick einen Beutel Sand heraus:
[ 5]›Zähl' ruhig nach: Es sind etwas mehr als eine Million.‹«


[ 5]Roberta lacht: »Ja, du bist auf einem guten Weg. In einer Novelle gibt es übrigens oft auch eine Rahmenhandlung.«
[ 5]»So wie uns beide, die wir uns über die Literaturgattung der Novelle unterhalten?« freut sich Ludger.
[ 5]»Genau so«, muss Roberta zugeben, »aber jetzt bin ich neugierig, was der dritte Wunsch sein wird. – Es wird doch einen dritten Wunsch geben?« drängt Roberta ihn. Ludger lächelt vielsagend und fährt fort:

[ 5]»Anita ist ein wenig ärgerlich, dass der seltsame Mann sie so hereingelegt hat. Andererseits ist sie beeindruckt: Er konnte doch nicht wissen, was sie sich wünschen würde, wieso hat er einen Beutel Sand in der Tasche? Oder hatte er den gar nicht dabei und hat ihn herbei gezaubert? Sie muss unbedingt mit dem dritten Wunsch herausfinden, was es mit diesem Mann auf sich hat! Der Wunsch soll, wenn er erfüllt wird, beweisen, dass dieser Mann tatsächlich zaubern kann. Es darf keine Ausflüchte geben wie bei dem zweiten Wunsch, sie wird sich ganz genau überlegen, wie sie es formuliert. Der Mann steht mit dem Rücken zur Hauswand und sieht erwartungsvoll in selbstzufriedener Pose zu ihr hoch. Fast könnte man meinen, er erwarte Applaus.
[ 5]Auf der Straße gibt es keinen Verkehr mehr bergauf. Anita sieht, dass von links ein roter Traktor herantuckert, hinter dem sich wohl ein Stau gebildet hat. Der Traktor zieht mehrere Wagen und dahinter kommen weitere Zugmaschinen mit weiteren Wagen. – Ein Zirkus! Anita überlegt, ob das vielleicht die seltsame Kleidung dieses Mannes erklärt. Sie liest: ›Zirkus Antonelli‹ in großen roten Lettern auf dem gelben Anhänger. Kein Bus in Sicht. Immer noch keine Idee, was sie sich wünschen soll. Weitere Wagen fahren an der Haltestelle vorbei. Es gibt Wohnwagen und Anhänger mit Gitterfenstern, in denen wohl Tiere transportiert werden. Schwer schleppen sie sich den Berg hinauf. Anita stellt sich in einem flüchtigen Anflug von Sensationslust vor, dass ein Wagen, der den Hang hinunterrollte, sie unweigerlich an der Hauswand zerquetschen würde wie eine Fliege an der Fensterscheibe. Ein kleiner blauer Laster mit zwei großen Anhängern scheint Anlauf nehmen zu wollen, denn er lässt eine große Lücke zu dem Wagen davor, der bereits fast oben auf dem Hügel ist.
[ 5]Anita grübelt, während sie den Wagen zusieht: Saubere Flüsse? – Ende der globalen Erwärmung? – Weltfrieden? – Keine Zigaretten, Autos und Flugzeuge mehr, die mir die Atemluft verpesten? – Sie kann sich nicht entscheiden.
[ 5]Der Motor des blauen Lasters heult auf, als er sich wieder in Bewegung setzt und seine zwei Anhänger mit größtmöglicher Beschleunigung zu dem Hügel zieht, wo er an der Steigung bald wieder merklich langsamer wird.
[ 5]›Soll ich dich beraten?‹ fragt der Mann listig.
[ 5]Der Laster erreicht oben den nächsten Wagen und bremst abrupt ab. Seine beiden Anhänger rasseln.
[ 5]Danach hört man sie den Hügel hinuntersausen, aber Anita achtet nicht auf das Geräusch. Sie wendet sich zu dem Mann um und wehrt selbstbewusst ab: ›Das könnte Ihnen so passen, um mich noch einmal hereinlegen zu können! – Nein, ich weiß jetzt, was ich mir wünsche: ‹«


[ 5]Nach einer bedeutungsvollen Pause, die dazu dienen soll, das soeben Erlebte wirken zu lassen, bemerkt Ludger: »Da hätte sie sich wohl beraten lassen sollen. ›Ein langes Leben‹ wäre ein nützlicher Wunsch gewesen.«
[ 5]Fast mechanisch, mit zitternder Stimme, doziert Roberta: »Die Novelle endet meist mit einem Ergebnis oder auch Resultat. Das muss keine Moral beinhalten, verleiht der gesamten Erzählung aber rückwirkend eine Bedeutung. – Sag' mal, du hast doch in Theoretischer Physik promoviert, oder?«
 

xavia

Mitglied
[ 5]Ludger sitzt auf dem Ecksofa im Wohnzimmer als Roberta den Raum betritt. Er hat seinen Laptop auf dem Schoß und liest konzentriert.
[ 5]»Was tust du da?« will sie wissen.
[ 5]»Ich möchte eine Novelle schreiben. Hier gibt es eine Reihe von Merkmalen, die sie erfüllen sollte. Hilfst du mir?«
[ 5]Roberta setzt sich auf das kurze Ende des Sofas, nimmt den angebotenen Laptop an sich und beginnt zu lesen, während Ludger sich genüsslich auf dem langen Ende ausstreckt, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen.
[ 5]»Das scheint mir wichtig zu sein«, beginnt Roberta, »eine Novelle ist eine kurze Erzählung über eine unerhörte Begebenheit. Es gibt nur wenige Charaktere, die sich während der Erzählung nicht wesentlich verändern und genau beschrieben werden«.
[ 5]Ludger hat dazu eine Idee. Er spricht in sein Diktiergerät:

[ 5]»Feierabend! Anita Kusik hat nach dem letzten Kunden noch die Ablage des Tages erledigt und schlüpft nun in ihre grauen Wildlederpumps mit den acht Zentimeter hohen Blockabsätzen. Sie zieht die kornblumenblaue Kostümjacke an und geht zum Waschbecken, um im Spiegel ihre Frisur zu überprüfen: Der kecke blonde Pferdeschwanz sitzt, wie er soll und das Polster, das sie auf dem Kopf unter den Haaren versteckt hat, sitzt ebenfalls an seinem Platz. Es lässt sie weitere zwei Zentimeter größer erscheinen und verleiht ihrer Frisur Fülle. Sie zupft den Kragen ihrer Bluse zurecht. Heute ist einer von diesen Tagen, an denen sie sich allen überlegen fühlt. Genau das Richtige für den wöchentlichen Bridge-Abend.
[ 5]Ihr letzter Klient war ein Physiker. ›Theoretischer Physiker‹, wie er betont hat. Ein ›Herr Doktor‹. Hat sich nach dem Studium zehn Jahre an der Uni herumgetrieben auf Zeitstellen und nun ist er arbeitslos. Nahezu unvermittelbar in dem Alter, selbst in einer großen Stadt wie dieser. Es hat wohl nicht gereicht zum ›Herrn Professor‹. Der ist nicht gut beraten worden. – Wenn er sich überhaupt hat beraten lassen. Diese Jungakademiker glauben ja, alles selbst zu wissen. Theoretischer Physiker! – Wer kann damit schon etwas anfangen? Dem hat sie klar gemacht, dass er sich umorientieren müsse, wenn er weiterhin seine Miete zahlen wolle! Der ›Herr Doktor‹ ist während dieses Lernvorgangs merklich geschrumpft. Sie lächelt ihr Spiegelbild zufrieden an, greift dann nach ihrer grauen Tasche und verlässt energischen Schrittes das Büro.
[ 5]Anita verlässt das Arbeitsamt durch den Haupteingang, der auf einem Hügel liegt. Hier oben hat das mächtige Gebäude, dass nur durch den Bürgersteig von der Straße getrennt ist, nur ein Stockwerk, der Rest liegt unter der Erde. Die Vorderfront folgt dem Bogen der Hauptstraße hügelabwärts und Anita geht bergab als hätte sie zehn bis zwölf Zentimeter hohe Absätze: sehr langsam und vorsichtig, aber dennoch graziös, mit wiegenden Hüften. Die Bushaltestelle liegt am Fuße des Hügels, sie hat es also nicht weit. Unten grenzt das große rote Backsteinhaus an ein verputztes dreistöckiges Mehrfamilienhaus. In einem der Fenster, direkt an der Bushaltestelle, liegt eine schwarze Katze auf der Fensterbank und beobachtet die Ankommende aufmerksam aus gelben Augen. Anita zieht ihr eine Grimasse, weil die Katze so einen Nimbus von höherem Wissen ausstrahlt, von dem sie sich provoziert fühlt.
[ 5]Zehn Meter weiter geht eine Nebenstraße ab, aus der gerade jemand um die Ecke kommt. Anita neutralisiert ihre Gesichtszüge und sieht einen Mann mittleren Alters von gedrungenem Wuchs. Sein ockerfarbener Cordanzug scheint aus einer anderen Zeit zu stammen, erst recht die rote Fliege, die er zu einem weißen Hemd trägt. Wegen seines eigentümlichen Aussehens zwingt Anita sich, ihn nicht anzustarren. Sie guckt auf die Straße, dann auf die andere Seite des Gehwegs und ist sich doch ganz gewiss, wo er sich gerade befindet. Sie zweifelt nicht daran, dass er sehen kann, dass sie absichtlich wegsieht und hört ihn kraftvoll ausschreiten und schnell näherkommen. Am liebsten würde sie weglaufen. Als er sie erreicht, hört sie, dass er stehenbleibt!
[ 5]Sie versucht, sich damit zu beruhigen, dass er wahrscheinlich wie sie mit dem Bus fahren will. Dass es ganz normal ist, wenn Leute hier an der Haltestelle stehenbleiben. Aber der Aufruhr in ihrem Inneren bleibt. Vorsichtig wendet sie den Kopf zu ihm hin. Er steht gut Armeslänge von ihr entfernt und blickt zu ihr hoch. Dass ein Mann zu ihr aufblicken muss, ist sie nicht gewohnt und dass ein Fremder sie so ausdrücklich ansieht ist auch nicht normal. Instinktiv weicht sie ein paar Schritte zurück. Er folgt ihr vorsichtig, lächelt freundlich und sie versucht, zurückzulächeln, hat aber das Gefühl, dass es ihr nicht recht gelingen will.
[ 5]›Der Bus wird sicherlich bald kommen‹, sagt sie, um die Situation zu entschärfen. – Wenn er doch einfach käme, dann könnte sie schnell einsteigen und sich auf einen Platz setzen, der keinen freien daneben hat! Oder wenn wenigstens die Erde sich auftäte und sie verschlingen würde!«


»So weit, so gut« sagt Roberta. Du beschreibst eine ganz alltägliche Begebenheit. Zugegeben, dieser Mann ist ein wenig gruselig, daraus ließe sich vielleicht etwas machen. Es muss aber richtig außergewöhnlich sein für eine Novelle, steht hier: ›Eine normale Alltagssituation ist […] nie Inhalt einer Novelle‹.« – Ludger weiß sich zu helfen:

[ 5]»Der Mann sagt zu Anita: ›Ich gewähre dir drei Wünsche. Du kannst dir alles wüschen, aber nicht mehr Wünsche, nur die drei.‹«

[ 5]»Nein, nein, so nicht!« unterbricht ihn Roberta, die inzwischen weitergelesen hat, ungeduldig. »Zum einen sind Drei-Wünsche-Geschichten nun wirklich ein alter Hut und zum anderen muss die unerhörte Begebenheit zwar ungeheuerlich, aber glaubhaft, nachvollziehbar, natürlich sein: Du sollst hier kein Märchen erzählen!«
[ 5]»Nun warte doch erst einmal ab, was passiert« beschwichtigt Ludger sie. Noch ist das doch alles ganz nachvollziehbar und natürlich. Es gibt schon manchmal komische Käuze, die einem auf der Straße begegnen.«
[ 5]»Na gut«, lenkt Roberta ein, »ich lass' mich überraschen. Erzähl' weiter.«

[ 5]»Anita, der die ganze Sache ohnehin schon unheimlich ist, sieht sich nun in beide Richtungen um und muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass weit und breit kein Mensch in Sicht ist, nur der gleichmäßig fließende Feierabendverkehr auf der Straße. Selbst die Katze hat ihren Platz auf der Fensterbank verlassen.
[ 5]›Wieso tun Sie das?‹ fragt sie beklommen, um Zeit zu gewinnen.
[ 5]›Weil ich es kann‹ ist seine lapidare Antwort. Anita sieht ihre einzige Chance in der so genannten ›Flucht nach vorn‹ und sagt beherzt zu dem Mann:
[ 5]›Dann wünsche ich mir einen Apfelsaft.‹
[ 5]Er läuft ohne zu zögern über die Straße. Es kommt ihr so vor, als machten die Autos ihm Platz. Auf jeden Fall ist er sehr geschickt darin, die Lücken zu nutzen. Gegenüber sieht sie ihn auf Zehenspitzen am Kiosk stehen, beide Hände auf der Theke. Die Verkäuferin lächelt freundlich-nachsichtig, wie man ein Kind anlächelt. Sie händigt ihm ein Fläschchen aus und nimmt das Geld entgegen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie ihm den Kopf getätschelt hätte. Anita sinniert, dass sie es als Frau weit weniger schwer hat mit ihrem kleinen Wuchs als dieser Mann. Er jedoch scheint davon unbeeindruckt, kommt ebenso geschickt zurück auf Anitas Straßenseite und überreicht ihr den Apfelsaft.
[ 5]Sie ringt um Fassung, dankt ihm verblüfft, öffnet die Flasche und trinkt. In ihrem Hirn beginnt es zu arbeiten: Was wäre, wenn er mir tatsächlich jeden Wunsch erfüllen könnte? Dann hätte ich bereits einen vergeudet an eine Flasche Apfelsaft, die zwar lecker ist, die ich mir aber ebenso gut hätte selbst kaufen können. – Nein, sowas gibt es nur in Märchen, ermahnt sie sich zur Vernunft. Aber einen Versuch macht sie trotzdem noch, dieses Mal kühner:
[ 5]›Ich wünsche mir eine Million.‹
[ 5]›Kein Problem.‹ Er greift in seine Tasche und holt mit triumphierendem Blick einen Beutel Sand heraus:
[ 5]›Zähl' ruhig nach: Es sind etwas mehr als eine Million.‹«


[ 5]Roberta lacht: »Ja, du bist auf einem guten Weg. In einer Novelle gibt es übrigens oft auch eine Rahmenhandlung.«
[ 5]»So wie uns beide, die wir uns über die Literaturgattung der Novelle unterhalten?« freut sich Ludger.
[ 5]»Genau so«, muss Roberta zugeben, »aber jetzt bin ich neugierig, was der dritte Wunsch sein wird. – Es wird doch einen dritten Wunsch geben?« drängt Roberta ihn. Ludger lächelt vielsagend und fährt fort:

[ 5]»Anita ist ein wenig ärgerlich, dass der seltsame Mann sie so hereingelegt hat. Andererseits ist sie beeindruckt: Er konnte doch nicht wissen, was sie sich wünschen würde, wieso hat er einen Beutel Sand in der Tasche? Oder hatte er den gar nicht dabei und hat ihn herbei gezaubert? Sie muss unbedingt mit dem dritten Wunsch herausfinden, was es mit diesem Mann auf sich hat! Der Wunsch soll, wenn er erfüllt wird, beweisen, dass dieser Mann tatsächlich zaubern kann. Es darf keine Ausflüchte geben wie bei dem zweiten Wunsch, sie wird sich ganz genau überlegen, wie sie es formuliert. Der Mann steht mit dem Rücken zur Hauswand und sieht erwartungsvoll in selbstzufriedener Pose zu ihr hoch. Fast könnte man meinen, er erwarte Applaus.
[ 5]Auf der Straße gibt es keinen Verkehr mehr bergauf. Anita sieht, dass von links ein roter Traktor herantuckert, hinter dem sich wohl ein Stau gebildet hat. Der Traktor zieht mehrere Wagen und dahinter kommen weitere Zugmaschinen mit weiteren Wagen. – Ein Zirkus! Anita überlegt, ob das vielleicht die seltsame Kleidung dieses Mannes erklärt. Sie liest: ›Zirkus Antonelli‹ in großen roten Lettern auf dem gelben Anhänger. Kein Bus in Sicht. Immer noch keine Idee, was sie sich wünschen soll. Weitere Wagen fahren an der Haltestelle vorbei. Es gibt Wohnwagen und Anhänger mit Gitterfenstern, in denen wohl Tiere transportiert werden. Schwer schleppen sie sich den Berg hinauf. Anita stellt sich in einem flüchtigen Anflug von Sensationslust vor, dass ein Wagen, der den Hang hinunterrollte, sie unweigerlich an der Hauswand zerquetschen würde wie eine Fliege an der Fensterscheibe. Ein kleiner blauer Laster mit zwei großen Anhängern scheint Anlauf nehmen zu wollen, denn er lässt eine große Lücke zu dem Wagen davor, der bereits fast oben auf dem Hügel ist.
[ 5]Anita grübelt, während sie den Wagen zusieht: Saubere Flüsse? – Ende der globalen Erwärmung? – Weltfrieden? – Keine Zigaretten, Autos und Flugzeuge mehr, die mir die Atemluft verpesten? – Sie kann sich nicht entscheiden.
[ 5]Der Motor des blauen Lasters heult auf, als er sich wieder in Bewegung setzt und seine zwei Anhänger mit größtmöglicher Beschleunigung zu dem Hügel zieht, wo er an der Steigung bald wieder merklich langsamer wird.
[ 5]›Soll ich dich beraten?‹ fragt der Mann listig.
[ 5]Der Laster erreicht oben den nächsten Wagen und bremst abrupt ab. Seine beiden Anhänger rasseln.
[ 5]Danach hört man sie den Hügel hinuntersausen, aber Anita achtet nicht auf das Geräusch. Sie wendet sich zu dem Mann um und wehrt selbstbewusst ab: ›Das könnte Ihnen so passen, um mich noch einmal hereinlegen zu können! – Nein, ich weiß jetzt, was ich mir wünsche: ‹«


[ 5]Nach einer bedeutungsvollen Pause, die dazu dienen soll, das soeben Erlebte wirken zu lassen, bemerkt Ludger: »Da hätte sie sich wohl beraten lassen sollen: ›Ein langes Leben‹ wäre ein nützlicher Wunsch gewesen.«
[ 5]Fast mechanisch, mit zitternder Stimme, doziert Roberta: »Die Novelle endet meist mit einem Ergebnis oder auch Resultat. Das muss keine Moral beinhalten, verleiht der gesamten Erzählung aber rückwirkend eine Bedeutung. – Sag' mal, du hast doch in Theoretischer Physik promoviert, oder?«
 

xavia

Mitglied
Hallo Arno, danke für die Information und die positive Rückmeldung zu meinem Versuch. Ich habe ihn dennoch überarbeitet, will mich einer Novelle nähern. Dazu habe ich zumindest eine der Personen nun etwas genauer beschrieben und lese nun die eine oder andere Novelle, um herauszufinden, worin das »novellige« besteht. LG Xavia.
 
Und was ist nun mit Schnitzlers "Traumnovelle", Xavia? Ich kopiere hier mal, was ich vor Jahren in der "Büchereule" dazu schrieb:

Tja, Traumnovelle - habe ich erstmals vor drei Jahren gelesen. Von Schnitzler hatte ich von früher "Fräulein Else" und "Leutnant Gustl" in guter Erinnerung. Dieses Spätwerk allerdings gefiel mir weniger. Zwar ist der Stoff reizvoll, das Thema mutig - aber der Stil! Ich greife mal wahllos hinein und finde das da: "... bemerkte Fridolin mit einem verächtlichen Zucken der Mundwinkel und mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge." Das soll gute Literatur sein? Das sind Stereotypen à la Courths-Mahler und davon wimmelt es im Text.

Gewiss, Schnitzler war nie der große Sprachkünstler, da ist immer schon etwas Kunstseidenes gewesen, doch dieser Altersstil scheint mir vor allem von Altersabbau zu zeugen. Das ändert natürlich nichts an seinem Rang als analytischer Autor, selbst beim alten Goethe kann man in Wilhelm Meisters Wanderjahren gegen das Ende hin dieses Phänomen bemerken. Nur finde ich, wir sollten in der Lage sein, derartige Schwächen zu erkennen und zu benennen.


Man hüte sich vor diesem Stil! Damit ist man erledigt, wenn man es nachahmt. Folge bitte keinen unbedachten Ratschlägen.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

xavia

Mitglied
So schnell, lieber Arno, bin ich im Lesen nicht: Die Ungeduld des Herzens hält mich noch immer in ihrem Bann. Ich kann aber schon jetzt deinen Bedenken abhelfen: Es wird mir beim Lesen von Novellen nicht darum gehen, einen Schreibstil zu finden, den ich nachahmen kann, sondern darum, eine Form der Erzählung zu verstehen. Dabei kann die Traumnovelle durchaus hilfreich sein. LG Xavia.
 

xavia

Mitglied
[ 5]Ludger sitzt auf dem Ecksofa im Wohnzimmer als Roberta den Raum betritt. Er hat seinen Laptop auf dem Schoß und liest konzentriert.
[ 5]»Was tust du da?« will sie wissen.
[ 5]»Ich möchte eine Novelle schreiben. Hier gibt es eine Reihe von Merkmalen, die sie erfüllen sollte. Hilfst du mir?«
[ 5]Roberta setzt sich auf das kurze Ende des Sofas, nimmt den angebotenen Laptop an sich und beginnt zu lesen, während Ludger sich genüsslich auf dem langen Ende ausstreckt, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen.
[ 5]»Das scheint mir wichtig zu sein«, beginnt Roberta, »eine Novelle ist eine kurze Erzählung über eine unerhörte Begebenheit. Es gibt nur wenige Charaktere, die sich während der Erzählung nicht wesentlich verändern und genau beschrieben werden«.
[ 5]Ludger hat dazu eine Idee. Er spricht in sein Diktiergerät:

[ 5]»Feierabend! Anita Kusik hat nach dem letzten Kunden noch die Ablage des Tages erledigt und schlüpft nun in ihre grauen Wildlederpumps mit den acht Zentimeter hohen Blockabsätzen. Sie zieht die kornblumenblaue Kostümjacke an und geht zum Waschbecken, um im Spiegel ihre Frisur zu überprüfen: Der kecke blonde Pferdeschwanz sitzt, wie er soll und das Polster, das sie auf dem Kopf unter den Haaren versteckt hat, sitzt ebenfalls an seinem Platz. Es lässt sie weitere zwei Zentimeter größer erscheinen und verleiht ihrer Frisur Fülle. Sie zupft den Kragen ihrer Bluse zurecht. Heute ist einer von diesen Tagen, an denen sie sich allen überlegen fühlt. Genau das Richtige für den wöchentlichen Bridge-Abend.
[ 5]Ihr letzter Klient war ein Physiker. ›Theoretischer Physiker‹, wie er betont hat. Ein ›Herr Doktor‹. Hat sich nach dem Studium zehn Jahre an der Uni herumgetrieben auf Zeitstellen und nun ist er arbeitslos. Nahezu unvermittelbar in dem Alter, selbst in einer großen Stadt wie dieser. Es hat wohl nicht gereicht zum ›Herrn Professor‹. Der ist nicht gut beraten worden. – Wenn er sich überhaupt hat beraten lassen. Diese Jungakademiker glauben ja, alles selbst zu wissen. Theoretischer Physiker! – Wer kann damit schon etwas anfangen? Dem hat sie klar gemacht, dass er sich umorientieren müsse, wenn er weiterhin seine Miete zahlen wolle! Der ›Herr Doktor‹ ist während dieses Lernvorgangs merklich geschrumpft. Sie lächelt ihr Spiegelbild zufrieden an, greift dann nach ihrer grauen Tasche und verlässt energischen Schrittes das Büro.
[ 5]Anita verlässt das Arbeitsamt durch den Haupteingang, der auf einem Hügel liegt. Hier oben hat das mächtige Gebäude, dass nur durch den Bürgersteig von der Straße getrennt ist, nur ein Stockwerk, der Rest liegt unter der Erde. Die Vorderfront folgt dem Bogen der Hauptstraße hügelabwärts und Anita geht bergab als hätte sie zehn bis zwölf Zentimeter hohe Absätze: sehr langsam und vorsichtig, aber dennoch graziös, mit wiegenden Hüften. Die Bushaltestelle liegt am Fuße des Hügels, sie hat es also nicht weit. Unten grenzt das große rote Backsteinhaus an ein verputztes dreistöckiges Mehrfamilienhaus. In einem der Fenster, direkt an der Bushaltestelle, liegt eine schwarze Katze auf der Fensterbank und beobachtet die Ankommende aufmerksam aus gelben Augen. Anita zieht ihr eine Grimasse, weil die Katze so einen Nimbus von höherem Wissen ausstrahlt, von dem sie sich provoziert fühlt.
[ 5]Zehn Meter weiter geht eine Nebenstraße ab, aus der gerade jemand um die Ecke kommt. Anita neutralisiert ihre Gesichtszüge und sieht einen Mann mittleren Alters von gedrungenem Wuchs. Sein ockerfarbener Cordanzug scheint aus einer anderen Zeit zu stammen, erst recht die rote Fliege, die er zu einem weißen Hemd trägt. Wegen seines eigentümlichen Aussehens zwingt Anita sich, ihn nicht anzustarren. Sie guckt auf die Straße, dann auf die andere Seite des Gehwegs und ist sich doch ganz gewiss, wo er sich gerade befindet. Sie zweifelt nicht daran, dass er sehen kann, dass sie absichtlich wegsieht und hört ihn kraftvoll ausschreiten und schnell näherkommen. Am liebsten würde sie weglaufen. Als er sie erreicht, hört sie, dass er stehenbleibt!
[ 5]Sie versucht, sich damit zu beruhigen, dass er wahrscheinlich wie sie mit dem Bus fahren will. Dass es ganz normal ist, wenn Leute hier an der Haltestelle stehenbleiben. Aber der Aufruhr in ihrem Inneren bleibt. Vorsichtig wendet sie den Kopf zu ihm hin. Er steht gut Armeslänge von ihr entfernt und blickt zu ihr hoch. Dass ein Mann zu ihr aufblicken muss, ist sie nicht gewohnt und dass ein Fremder sie so ausdrücklich ansieht ist auch nicht normal. Instinktiv weicht sie ein paar Schritte zurück. Er folgt ihr vorsichtig, lächelt freundlich und sie versucht, zurückzulächeln, hat aber das Gefühl, dass es ihr nicht recht gelingen will.
[ 5]›Der Bus wird sicherlich bald kommen‹, sagt sie, um die Situation zu entschärfen. – Wenn er doch einfach käme, dann könnte sie schnell einsteigen und sich auf einen Platz setzen, der keinen freien daneben hat! Oder wenn wenigstens die Erde sich auftäte und sie verschlingen würde!«


»So weit, so gut« sagt Roberta. Du beschreibst eine ganz alltägliche Begebenheit. Zugegeben, dieser Mann ist ein wenig gruselig, daraus ließe sich vielleicht etwas machen. Es muss aber richtig außergewöhnlich sein für eine Novelle, steht hier: ›Eine normale Alltagssituation ist […] nie Inhalt einer Novelle‹.« – Ludger weiß sich zu helfen:

[ 5]»Der Mann sagt zu Anita: ›Ich gewähre dir drei Wünsche. Du kannst dir alles wüschen, aber nicht mehr Wünsche, nur die drei.‹«

[ 5]»Nein, nein, so nicht!« unterbricht ihn Roberta, die inzwischen weitergelesen hat, ungeduldig. »Zum einen sind Drei-Wünsche-Geschichten nun wirklich ein alter Hut und zum anderen muss die unerhörte Begebenheit zwar ungeheuerlich, aber glaubhaft, nachvollziehbar, natürlich sein: Du sollst hier kein Märchen erzählen!«
[ 5]»Nun warte doch erst einmal ab, was passiert« beschwichtigt Ludger sie. Noch ist das doch alles ganz nachvollziehbar und natürlich. Es gibt schon manchmal komische Käuze, die einem auf der Straße begegnen.«
[ 5]»Na gut«, lenkt Roberta ein, »ich lass' mich überraschen. Erzähl' weiter.«

[ 5]»Anita, der die ganze Sache ohnehin schon unheimlich ist, sieht sich nun in beide Richtungen um und muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass weit und breit kein Mensch in Sicht ist, nur der gleichmäßig fließende Feierabendverkehr auf der Straße. Selbst die Katze hat ihren Platz auf der Fensterbank verlassen.
[ 5]›Wieso tun Sie das?‹ fragt sie beklommen, um Zeit zu gewinnen.
[ 5]›Weil ich es kann‹ ist seine lapidare Antwort. Anita sieht ihre einzige Chance in der so genannten ›Flucht nach vorn‹ und sagt beherzt zu dem Mann:
[ 5]›Dann wünsche ich mir einen Apfelsaft.‹
[ 5]Er läuft ohne zu zögern über die Straße. Es kommt ihr so vor, als machten die Autos ihm Platz. Auf jeden Fall ist er sehr geschickt darin, die Lücken zu nutzen. Gegenüber sieht sie ihn auf Zehenspitzen am Kiosk stehen, beide Hände auf der Theke. Die Verkäuferin lächelt freundlich-nachsichtig, wie man ein Kind anlächelt. Sie händigt ihm ein Fläschchen aus und nimmt das Geld entgegen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie ihm den Kopf getätschelt hätte. Anita sinniert, dass sie es als Frau weit weniger schwer hat mit ihrem kleinen Wuchs als dieser Mann. Er jedoch scheint davon unbeeindruckt, kommt ebenso geschickt zurück auf Anitas Straßenseite und überreicht ihr den Apfelsaft.
[ 5]Sie ringt um Fassung, dankt ihm verblüfft, öffnet die Flasche und trinkt. In ihrem Hirn beginnt es zu arbeiten: Was wäre, wenn er mir tatsächlich jeden Wunsch erfüllen könnte? Dann hätte ich bereits einen vergeudet an eine Flasche Apfelsaft, die zwar lecker ist, die ich mir aber ebenso gut hätte selbst kaufen können. – Nein, sowas gibt es nur in Märchen, ermahnt sie sich zur Vernunft. Aber einen Versuch macht sie trotzdem noch, dieses Mal kühner:
[ 5]›Ich wünsche mir eine Million.‹
[ 5]›Kein Problem.‹ Er greift in seine Tasche und holt mit triumphierendem Blick einen Beutel Sand heraus:
[ 5]›Zähl' ruhig nach: Es sind etwas mehr als eine Million.‹«


[ 5]Roberta lacht: »Ja, du bist auf einem guten Weg. In einer Novelle gibt es übrigens oft auch eine Rahmenhandlung.«
[ 5]»So wie uns beide, die wir uns über die Literaturgattung der Novelle unterhalten?« freut sich Ludger.
[ 5]»Genau so«, muss Roberta zugeben, »aber jetzt bin ich neugierig, was der dritte Wunsch sein wird. – Es wird doch einen dritten Wunsch geben?« drängt Roberta ihn. Ludger lächelt vielsagend und fährt fort:

[ 5]»Anita ist ein wenig ärgerlich, dass der seltsame Mann sie so hereingelegt hat. Andererseits ist sie beeindruckt: Er konnte doch nicht wissen, was sie sich wünschen würde, wieso hat er einen Beutel Sand in der Tasche? Oder hatte er den gar nicht dabei und hat ihn herbei gezaubert? Sie muss unbedingt mit dem dritten Wunsch herausfinden, was es mit diesem Mann auf sich hat! Der Wunsch soll, wenn er erfüllt wird, beweisen, dass dieser Mann tatsächlich zaubern kann. Es darf keine Ausflüchte geben wie bei dem zweiten Wunsch, sie wird sich ganz genau überlegen, wie sie es formuliert. Der Mann steht mit dem Rücken zur Hauswand und sieht erwartungsvoll in selbstzufriedener Pose zu ihr hoch. Fast könnte man meinen, er erwarte Applaus.
[ 5]Auf der Straße gibt es keinen Verkehr mehr bergauf. Anita sieht, dass von links ein roter Traktor herantuckert, hinter dem sich wohl ein Stau gebildet hat. Der Traktor zieht mehrere Wagen und dahinter kommen weitere Zugmaschinen mit weiteren Wagen. – Ein Zirkus! Anita überlegt, ob das vielleicht die seltsame Kleidung dieses Mannes erklärt. Sie liest: ›Zirkus Antonelli‹ in großen roten Lettern auf dem gelben Anhänger. Kein Bus in Sicht. Immer noch keine Idee, was sie sich wünschen soll. Weitere Wagen fahren an der Haltestelle vorbei. Es gibt Wohnwagen und Anhänger mit Gitterfenstern, in denen wohl Tiere transportiert werden. Schwer schleppen sie sich den Berg hinauf. Anita stellt sich in einem flüchtigen Anflug von Sensationslust vor, dass ein Wagen, der den Hang hinunterrollte, sie unweigerlich an der Hauswand zerquetschen würde wie eine Fliege an der Fensterscheibe. Ein kleiner blauer Laster mit zwei großen Anhängern scheint Anlauf nehmen zu wollen, denn er lässt eine große Lücke zu dem Wagen davor, der bereits fast oben auf dem Hügel ist.
[ 5]Anita grübelt, während sie den Wagen zusieht: Saubere Flüsse? – Ende der globalen Erwärmung? – Weltfrieden? – Keine Zigaretten, Autos und Flugzeuge mehr, die mir die Atemluft verpesten? – Sie kann sich nicht entscheiden.
[ 5]Der Motor des blauen Lasters heult auf, als er sich wieder in Bewegung setzt und seine zwei Anhänger mit größtmöglicher Beschleunigung zu dem Hügel zieht, wo er an der Steigung bald wieder merklich langsamer wird.
[ 5]›Soll ich dich beraten?‹ fragt der Mann listig.
[ 5]Der Laster erreicht oben den nächsten Wagen und bremst abrupt ab. Seine beiden Anhänger rasseln.
[ 5]Danach hört man sie rückwärts den Hügel hinuntersausen, aber Anita achtet nicht auf das Geräusch. Sie wendet sich zu dem Mann um und wehrt empört ab: ›Das könnte Ihnen so passen, um mich noch einmal hereinlegen zu können! – Nein, ich weiß jetzt, was ich mir wünsche: ‹«


[ 5]Nach einer bedeutungsvollen Pause, die dazu dienen soll, das soeben Erlebte wirken zu lassen, bemerkt Ludger: »Da hätte sie sich wohl beraten lassen sollen: ›Ein langes Leben‹ wäre ein nützlicher Wunsch gewesen.«
[ 5]Fast mechanisch, mit zitternder Stimme, doziert Roberta: »Die Novelle endet meist mit einem Ergebnis oder auch Resultat. Das muss keine Moral beinhalten, verleiht der gesamten Erzählung aber rückwirkend eine Bedeutung. – Sag' mal, du hast doch in Theoretischer Physik promoviert, oder?«
 

xavia

Mitglied
[ 5]Ludger kennt Roberta von einer Weiterbildung her. Gemeinsam hatten sie sich dort im Extreme Programming geübt, einer Vorgehensweise, bei der zu zweit ein Computerprogramm erstellt wird, indem einer jeweils eine Teilaufgabe nennt und der andere diese implementiert. Obwohl der Kurs wechselnde Gruppen vorsah, war es ihnen ohne große Anstrengung immer wieder gelungen, zusammenzuarbeiten und nach den Kursen landeten sie jedes Mal wie selbstverständlich in einem kleinen Café um die Ecke, wo sie bald entdeckten, dass ihnen eine Freude am Lesen und am Fabulieren gemeinsam war. Roberta ist nicht wirklich Ludgers Typ, sie ist groß und schlank, er bevorzugt die kleinen molligen Frauen, sie scheint eher eine Art Seelenverwandte zu sein. In ihrer Gegenwart fühlt er sich vollkommen frei, kann alles sagen, was ihm in den Sinn kommt und sie hat Verständnis dafür. Heute besucht sie ihn zum ersten Mal in seiner Wohnung. Sie wollen die Methode des Extreme Programmings auf das Geschichtenerzählen anwenden.
[ 5]Es klingelt an der Tür: Roberta steht fröhlich im Treppenhaus mit einer Dose Kekse. Ludger bittet sie herein und registriert mit einem Lächeln, dass sie interessiert seine Wohnung in Augenschein nimmt: Nicht mit dem kritischen Blick seiner Mutter, die guckt, wo er versäumt hat, Staub zu wischen, sondern wie eine Entdeckerin, die die kleinen Gegenstände seines täglichen Lebens betrachtet und die besonderes Interesse gerade für die Dinge aufbringt, die ihm am Herzen liegen: Sie streichelt liebevoll seine selbstgezimmerte Garderobe auf dem Flur, an die sie ihre Jacke gehängt hat, lächelt über die große alte Milchkanne daneben, in der ein Schirm und ein Baseballschläger stehen, lässt sich von ihm ins Wohnzimmer geleiten und betrachtet dort den Haufen alter ICs und CPUs, der als Dekoration auf seinem Schreibtisch einen Ehrenplatz hat und wendet sich, als er in die Küche geht, um Kaffee zu holen, seiner Bücherwand zu. Sie blättert gerade in dem Buch »Die tanzenden Wu-Li-Meister«, als er zurückkommt, stellt es zurück und fragt:
[ 5]»Hast du schon eine Idee, wie wir es anstellen könnten?«
[ 5]Ludger stellt die Kaffeekanne zu den Tassen auf den Tisch und schenkt ein, Roberta öffnet die Keksdose und Ludger den Laptop.
[ 5]»Ich möchte eine Novelle erfinden. Hier im Internet gibt es eine Reihe von Merkmalen, die sie erfüllen sollte. Du achtest auf die Merkmale, ich liefere die Geschichte.«
[ 5]»Weißt du schon, wovon sie handeln wird?«
[ 5]»Nein, das wäre ja geschummelt. Ich weiß auch noch nicht, was eine Novelle ist. Fangen wir an.«
[ 5]Roberta setzt sich auf das kurze Ende des Ecksofas, nimmt den angebotenen Laptop auf den Schoß und beginnt zu lesen, während Ludger sich genüsslich auf dem langen Ende ausstreckt, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen und schnell noch einen Keks isst, bevor er reden muss.
[ 5]»Das scheint mir wichtig zu sein«, beginnt Roberta, »eine Novelle ist eine kurze Erzählung über eine unerhörte Begebenheit. Es gibt nur wenige Charaktere, die sich während der Erzählung nicht wesentlich verändern und genau beschrieben werden«.
[ 5]Ludger hat dazu eine Idee. Er nimmt einen Schluck Kaffee und spricht in sein Diktiergerät:

[ 5]»Feierabend! Anita Kusik hat nach dem letzten Kunden noch die Ablage des Tages erledigt und schlüpft nun in ihre grauen Wildlederpumps mit den acht Zentimeter hohen Blockabsätzen. Sie zieht die kornblumenblaue Kostümjacke an und geht zum Waschbecken, um im Spiegel ihre Frisur zu überprüfen: Der kecke blonde Pferdeschwanz sitzt, wie er soll und das Polster, das sie auf dem Kopf unter den Haaren versteckt hat, sitzt ebenfalls an seinem Platz. Es lässt sie weitere zwei Zentimeter größer erscheinen und verleiht ihrer Frisur Fülle. Sie zupft den Kragen ihrer Bluse zurecht. Heute ist einer von diesen Tagen, an denen sie sich allen überlegen fühlt. Genau das Richtige für den wöchentlichen Bridge-Abend.
[ 5]Ihr letzter Klient war ein Physiker. ›Theoretischer Physiker‹, wie er betont hat. Ein ›Herr Doktor‹. Hat sich nach dem Studium zehn Jahre an der Uni herumgetrieben auf Zeitstellen und nun ist er arbeitslos. Nahezu unvermittelbar in dem Alter, selbst in einer großen Stadt wie dieser. Es hat wohl nicht gereicht zum ›Herrn Professor‹. Der ist nicht gut beraten worden. – Wenn er sich überhaupt hat beraten lassen. Diese Jungakademiker glauben ja, alles selbst zu wissen. Theoretischer Physiker! – Wer kann damit schon etwas anfangen? Dem hat sie klar gemacht, dass er sich umorientieren müsse, wenn er weiterhin seine Miete zahlen wolle! Der ›Herr Doktor‹ ist während dieses Lernvorgangs merklich geschrumpft. Sie lächelt ihr Spiegelbild zufrieden an, greift dann nach ihrer grauen Tasche und verlässt energischen Schrittes das Büro.
[ 5]Anita verlässt das Arbeitsamt durch den Haupteingang, der auf einem Hügel liegt. Hier oben hat das mächtige Gebäude, dass nur durch den Bürgersteig von der Straße getrennt ist, nur ein Stockwerk, der Rest liegt unter der Erde. Die Vorderfront folgt dem Bogen der Hauptstraße hügelabwärts und Anita geht bergab als hätte sie zehn bis zwölf Zentimeter hohe Absätze: sehr langsam und vorsichtig, aber dennoch graziös, mit wiegenden Hüften. Die Bushaltestelle liegt am Fuße des Hügels, sie hat es also nicht weit. Unten grenzt das große rote Backsteinhaus an ein verputztes dreistöckiges Mehrfamilienhaus. In einem der Fenster, direkt an der Bushaltestelle, liegt eine schwarze Katze auf der Fensterbank und beobachtet die Ankommende aufmerksam aus gelben Augen. Anita zieht ihr eine Grimasse, weil die Katze so einen Nimbus von höherem Wissen ausstrahlt, von dem sie sich provoziert fühlt.
[ 5]Zehn Meter weiter geht eine Nebenstraße ab, aus der gerade jemand um die Ecke kommt. Anita neutralisiert ihre Gesichtszüge und sieht einen Mann mittleren Alters von gedrungenem Wuchs. Sein ockerfarbener Cordanzug scheint aus einer anderen Zeit zu stammen, erst recht die rote Fliege, die er zu einem weißen Hemd trägt. Wegen seines eigentümlichen Aussehens zwingt Anita sich, ihn nicht anzustarren. Sie guckt auf die Straße, dann auf die andere Seite des Gehwegs und ist sich doch ganz gewiss, wo er sich gerade befindet. Sie zweifelt nicht daran, dass er sehen kann, dass sie absichtlich wegsieht und hört ihn kraftvoll ausschreiten und schnell näherkommen. Am liebsten würde sie weglaufen. Als er sie erreicht, hört sie, dass er stehenbleibt!
[ 5]Sie versucht, sich damit zu beruhigen, dass er wahrscheinlich wie sie mit dem Bus fahren will. Dass es ganz normal ist, wenn Leute hier an der Haltestelle stehenbleiben. Aber der Aufruhr in ihrem Inneren bleibt. Vorsichtig wendet sie den Kopf zu ihm hin. Er steht gut Armeslänge von ihr entfernt und blickt zu ihr hoch. Dass ein Mann zu ihr aufblicken muss, ist sie nicht gewohnt und dass ein Fremder sie so ausdrücklich ansieht ist auch nicht normal. Instinktiv weicht sie ein paar Schritte zurück. Er folgt ihr vorsichtig, lächelt freundlich und sie versucht, zurückzulächeln, hat aber das Gefühl, dass es ihr nicht recht gelingen will.
[ 5]›Der Bus wird sicherlich bald kommen‹, sagt sie, um die Situation zu entschärfen. – Wenn er doch einfach käme, dann könnte sie schnell einsteigen und sich auf einen Platz setzen, der keinen freien daneben hat! Oder wenn wenigstens die Erde sich auftäte und sie verschlingen würde!«


»So weit, so gut« sagt Roberta. Du beschreibst eine ganz alltägliche Begebenheit. Zugegeben, dieser Mann ist ein wenig gruselig, daraus ließe sich vielleicht etwas machen. Es muss aber richtig außergewöhnlich sein für eine Novelle, steht hier: ›Eine normale Alltagssituation ist […] nie Inhalt einer Novelle‹.« – Ludger weiß sich zu helfen:

[ 5]»Der Mann sagt zu Anita: ›Ich gewähre dir drei Wünsche. Du kannst dir alles wüschen, aber nicht mehr Wünsche, nur die drei.‹«

[ 5]»Nein, nein, so nicht!« unterbricht ihn Roberta, die inzwischen weitergelesen hat, ungeduldig. »Zum einen sind Drei-Wünsche-Geschichten nun wirklich ein alter Hut und zum anderen muss die unerhörte Begebenheit zwar ungeheuerlich, aber glaubhaft, nachvollziehbar, natürlich sein: Du sollst hier kein Märchen erzählen!«
[ 5]»Nun warte doch erst einmal ab, was passiert« beschwichtigt Ludger sie. Noch ist das doch alles ganz nachvollziehbar und natürlich. Es gibt schon manchmal komische Käuze, die einem auf der Straße begegnen.«
[ 5]»Na gut«, lenkt Roberta ein, »ich lass' mich überraschen. Erzähl' weiter.«

[ 5]»Anita, der die ganze Sache ohnehin schon unheimlich ist, sieht sich nun in beide Richtungen um und muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass weit und breit kein Mensch in Sicht ist, nur der gleichmäßig fließende Feierabendverkehr auf der Straße. Selbst die Katze hat ihren Platz auf der Fensterbank verlassen.
[ 5]›Wieso tun Sie das?‹ fragt sie beklommen, um Zeit zu gewinnen.
[ 5]›Weil ich es kann‹ ist seine lapidare Antwort. Anita sieht ihre einzige Chance in der so genannten ›Flucht nach vorn‹ und sagt beherzt zu dem Mann:
[ 5]›Dann wünsche ich mir einen Apfelsaft.‹
[ 5]Er läuft ohne zu zögern über die Straße. Es kommt ihr so vor, als machten die Autos ihm Platz. Auf jeden Fall ist er sehr geschickt darin, die Lücken zu nutzen. Gegenüber sieht sie ihn auf Zehenspitzen am Kiosk stehen, beide Hände auf der Theke. Die Verkäuferin lächelt freundlich-nachsichtig, wie man ein Kind anlächelt. Sie händigt ihm ein Fläschchen aus und nimmt das Geld entgegen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie ihm den Kopf getätschelt hätte. Anita sinniert, dass sie es als Frau weit weniger schwer hat mit ihrem kleinen Wuchs als dieser Mann. Er jedoch scheint davon unbeeindruckt, kommt ebenso geschickt zurück auf Anitas Straßenseite und überreicht ihr den Apfelsaft.
[ 5]Sie ringt um Fassung, dankt ihm verblüfft, öffnet die Flasche und trinkt. In ihrem Hirn beginnt es zu arbeiten: Was wäre, wenn er mir tatsächlich jeden Wunsch erfüllen könnte? Dann hätte ich bereits einen vergeudet an eine Flasche Apfelsaft, die zwar lecker ist, die ich mir aber ebenso gut hätte selbst kaufen können. – Nein, sowas gibt es nur in Märchen, ermahnt sie sich zur Vernunft. Aber einen Versuch macht sie trotzdem noch, dieses Mal kühner:
[ 5]›Ich wünsche mir eine Million.‹
[ 5]›Kein Problem.‹ Er greift in seine Tasche und holt mit triumphierendem Blick einen Beutel Sand heraus:
[ 5]›Zähl' ruhig nach: Es sind etwas mehr als eine Million.‹«


[ 5]Roberta lacht: »Ja, du bist auf einem guten Weg. In einer Novelle gibt es übrigens oft auch eine Rahmenhandlung.«
[ 5]»So wie uns beide, die wir uns über die Literaturgattung der Novelle unterhalten?« freut sich Ludger.
[ 5]»Genau so«, muss Roberta zugeben, »aber jetzt bin ich neugierig, was der dritte Wunsch sein wird. – Es wird doch einen dritten Wunsch geben?« drängt Roberta ihn. Ludger lächelt vielsagend und fährt fort:

[ 5]»Anita ist ein wenig ärgerlich, dass der seltsame Mann sie so hereingelegt hat. Andererseits ist sie beeindruckt: Er konnte doch nicht wissen, was sie sich wünschen würde, wieso hat er einen Beutel Sand in der Tasche? Oder hatte er den gar nicht dabei und hat ihn herbei gezaubert? Sie muss unbedingt mit dem dritten Wunsch herausfinden, was es mit diesem Mann auf sich hat! Der Wunsch soll, wenn er erfüllt wird, beweisen, dass dieser Mann tatsächlich zaubern kann. Es darf keine Ausflüchte geben wie bei dem zweiten Wunsch, sie wird sich ganz genau überlegen, wie sie es formuliert. Der Mann steht mit dem Rücken zur Hauswand und sieht erwartungsvoll in selbstzufriedener Pose zu ihr hoch. Fast könnte man meinen, er erwarte Applaus.
[ 5]Auf der Straße gibt es keinen Verkehr mehr bergauf. Anita sieht, dass von links ein roter Traktor herantuckert, hinter dem sich wohl ein Stau gebildet hat. Der Traktor zieht mehrere Wagen und dahinter kommen weitere Zugmaschinen mit weiteren Wagen. – Ein Zirkus! Anita überlegt, ob das vielleicht die seltsame Kleidung dieses Mannes erklärt. Sie liest: ›Zirkus Antonelli‹ in großen roten Lettern auf dem gelben Anhänger. Kein Bus in Sicht. Immer noch keine Idee, was sie sich wünschen soll. Weitere Wagen fahren an der Haltestelle vorbei. Es gibt Wohnwagen und Anhänger mit Gitterfenstern, in denen wohl Tiere transportiert werden. Schwer schleppen sie sich den Berg hinauf. Anita stellt sich in einem flüchtigen Anflug von Sensationslust vor, dass ein Wagen, der den Hang hinunterrollte, sie unweigerlich an der Hauswand zerquetschen würde wie eine Fliege an der Fensterscheibe. Ein kleiner blauer Laster mit zwei großen Anhängern scheint Anlauf nehmen zu wollen, denn er lässt eine große Lücke zu dem Wagen davor, der bereits fast oben auf dem Hügel ist.
[ 5]Anita grübelt, während sie den Wagen zusieht: Saubere Flüsse? – Ende der globalen Erwärmung? – Weltfrieden? – Keine Zigaretten, Autos und Flugzeuge mehr, die mir die Atemluft verpesten? – Sie kann sich nicht entscheiden.
[ 5]Der Motor des blauen Lasters heult auf, als er sich wieder in Bewegung setzt und seine zwei Anhänger mit größtmöglicher Beschleunigung zu dem Hügel zieht, wo er an der Steigung bald wieder merklich langsamer wird.
[ 5]›Soll ich dich beraten?‹ fragt der Mann listig.
[ 5]Der Laster erreicht oben den nächsten Wagen und bremst abrupt ab. Seine beiden Anhänger rasseln.
[ 5]Danach hört man sie rückwärts den Hügel hinuntersausen, aber Anita achtet nicht auf das Geräusch. Sie wendet sich zu dem Mann um und wehrt empört ab: ›Das könnte Ihnen so passen, um mich noch einmal hereinlegen zu können! – Nein, ich weiß jetzt, was ich mir wünsche: ‹«


[ 5]Nach einer bedeutungsvollen Pause, die dazu dienen soll, das soeben Erlebte wirken zu lassen, bemerkt Ludger: »Da hätte sie sich wohl beraten lassen sollen: ›Ein langes Leben‹ wäre ein nützlicher Wunsch gewesen.«
[ 5]Fast mechanisch, mit zitternder Stimme, doziert Roberta: »Die Novelle endet meist mit einem Ergebnis oder auch Resultat. Das muss keine Moral beinhalten, verleiht der gesamten Erzählung aber rückwirkend eine Bedeutung. – Sag' mal, du hast doch in Theoretischer Physik promoviert, oder?«
 

xavia

Mitglied
[ 5]Ludger kennt Roberta von einer Weiterbildung her. Gemeinsam hatten sie sich dort im Extreme Programming geübt, einer Vorgehensweise, bei der zu zweit ein Computerprogramm erstellt wird, indem einer jeweils eine Teilaufgabe nennt und der andere diese implementiert. Obwohl der Kurs wechselnde Gruppen vorsah, war es ihnen ohne große Anstrengung immer wieder gelungen, zusammenzuarbeiten und nach den Kursen landeten sie jedes Mal wie selbstverständlich in einem kleinen Café um die Ecke, wo sie bald entdeckten, dass ihnen eine Freude am Lesen und am Fabulieren gemeinsam war. Roberta ist nicht wirklich Ludgers Typ, sie ist groß und schlank, er bevorzugt die kleinen molligen Frauen, sie scheint eher eine Art Seelenverwandte zu sein. In ihrer Gegenwart fühlt er sich vollkommen frei, kann alles sagen, was ihm in den Sinn kommt und sie hat Verständnis dafür. Heute besucht sie ihn zum ersten Mal in seiner Wohnung. Sie wollen die Methode des Extreme Programmings auf das Geschichtenerzählen anwenden.
[ 5]Es klingelt an der Tür: Roberta steht fröhlich im Treppenhaus mit einer Dose Kekse. Ludger bittet sie herein und registriert mit einem Lächeln, dass sie interessiert seine Wohnung in Augenschein nimmt: Nicht mit dem kritischen Blick seiner Mutter, die guckt, wo er versäumt hat, Staub zu wischen, sondern wie eine Entdeckerin, die die kleinen Gegenstände seines täglichen Lebens betrachtet und die besonderes Interesse gerade für die Dinge aufbringt, die ihm am Herzen liegen: Sie streichelt liebevoll seine selbstgezimmerte Garderobe auf dem Flur, an die sie ihre Jacke gehängt hat, lächelt über die große alte Milchkanne daneben, in der ein Schirm und ein Baseballschläger stehen, lässt sich von ihm ins Wohnzimmer geleiten und betrachtet dort den Haufen alter elektronischer Bauteile wie Widerstände, Röhren, ICs und CPUs, der als Dekoration auf seinem Schreibtisch einen Ehrenplatz hat und wendet sich, als er in die Küche geht, um Kaffee zu holen, seiner Bücherwand zu. Sie blättert gerade in dem Buch »Die tanzenden Wu-Li-Meister«, als er zurückkommt, stellt es zurück und fragt:
[ 5]»Hast du schon eine Idee, wie wir es anstellen könnten?«
[ 5]Ludger stellt die Kaffeekanne zu den Tassen auf den Tisch und schenkt ein, Roberta öffnet die Keksdose und Ludger den Laptop.
[ 5]»Ich möchte eine Novelle erfinden. Hier im Internet gibt es eine Reihe von Merkmalen, die sie erfüllen sollte. Du achtest auf die Merkmale, ich liefere die Geschichte, einverstanden?«
[ 5]»Ja, gut. – Weißt du schon, wovon sie handeln wird?«
[ 5]»Nein, das wäre ja geschummelt. Ich weiß auch noch nicht, was eine Novelle ist. Fangen wir an.«
[ 5]Roberta setzt sich auf das kurze Ende des Ecksofas, nimmt den angebotenen Laptop auf den Schoß und beginnt zu lesen, während Ludger sich genüsslich auf dem langen Ende ausstreckt, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen und schnell noch einen Keks isst, bevor er reden muss.
[ 5]»Das scheint mir wichtig zu sein«, beginnt Roberta, »eine Novelle ist eine kurze Erzählung über eine unerhörte Begebenheit. Es gibt nur wenige Charaktere, die sich während der Erzählung nicht wesentlich verändern und genau beschrieben werden«.
[ 5]Ludger hat dazu eine Idee. Er nimmt einen Schluck Kaffee und spricht in sein Diktiergerät:

[ 5]»Feierabend! Anita Kusik hat nach dem letzten Kunden noch die Ablage des Tages erledigt und schlüpft nun in ihre grauen Wildlederpumps mit den acht Zentimeter hohen Blockabsätzen. Sie zieht die kornblumenblaue Kostümjacke an und geht zum Waschbecken, um im Spiegel ihre Frisur zu überprüfen: Der kecke blonde Pferdeschwanz sitzt, wie er soll und das Polster, das sie auf dem Kopf unter den Haaren versteckt hat, sitzt ebenfalls an seinem Platz. Es lässt sie weitere zwei Zentimeter größer erscheinen und verleiht ihrer Frisur Fülle. Sie zupft den Kragen ihrer Bluse zurecht. Heute ist einer von diesen Tagen, an denen sie sich allen überlegen fühlt. Genau das Richtige für den wöchentlichen Bridge-Abend.
[ 5]Ihr letzter Klient war ein Physiker. ›Theoretischer Physiker‹, wie er betont hat. Ein ›Herr Doktor‹. Hat sich nach dem Studium zehn Jahre an der Uni herumgetrieben auf Zeitstellen und nun ist er arbeitslos. Nahezu unvermittelbar in dem Alter, selbst in einer großen Stadt wie dieser. Es hat wohl nicht gereicht zum ›Herrn Professor‹. Der ist nicht gut beraten worden. – Wenn er sich überhaupt hat beraten lassen. Diese Jungakademiker glauben ja, alles selbst zu wissen. Theoretischer Physiker! – Wer kann damit schon etwas anfangen? Dem hat sie klar gemacht, dass er sich umorientieren müsse, wenn er weiterhin seine Miete zahlen wolle! Der ›Herr Doktor‹ ist während dieses Lernvorgangs merklich geschrumpft. Sie lächelt ihr Spiegelbild zufrieden an, greift dann nach ihrer grauen Tasche und verlässt energischen Schrittes das Büro.
[ 5]Anita verlässt das Arbeitsamt durch den Haupteingang, der auf einem Hügel liegt. Hier oben hat das mächtige Gebäude, dass nur durch den Bürgersteig von der Straße getrennt ist, nur ein Stockwerk, der Rest liegt unter der Erde. Die Vorderfront folgt dem Bogen der Hauptstraße hügelabwärts und Anita geht bergab als hätte sie zehn bis zwölf Zentimeter hohe Absätze: sehr langsam und vorsichtig, aber dennoch graziös, mit wiegenden Hüften. Die Bushaltestelle liegt am Fuße des Hügels, sie hat es also nicht weit. Unten grenzt das große rote Backsteinhaus an ein verputztes dreistöckiges Mehrfamilienhaus. In einem der Fenster, direkt an der Bushaltestelle, liegt eine schwarze Katze auf der Fensterbank und beobachtet die Ankommende aufmerksam aus gelben Augen. Anita zieht ihr eine Grimasse, weil die Katze so einen Nimbus von höherem Wissen ausstrahlt, von dem sie sich provoziert fühlt.
[ 5]Zehn Meter weiter geht eine Nebenstraße ab, aus der gerade jemand um die Ecke kommt. Anita neutralisiert ihre Gesichtszüge und sieht einen Mann mittleren Alters von gedrungenem Wuchs. Sein ockerfarbener Cordanzug scheint aus einer anderen Zeit zu stammen, erst recht die rote Fliege, die er zu einem weißen Hemd trägt. Wegen seines eigentümlichen Aussehens zwingt Anita sich, ihn nicht anzustarren. Sie guckt auf die Straße, dann auf die andere Seite des Gehwegs und ist sich doch ganz gewiss, wo er sich gerade befindet. Sie zweifelt nicht daran, dass er sehen kann, dass sie absichtlich wegsieht und hört ihn kraftvoll ausschreiten und schnell näherkommen. Am liebsten würde sie weglaufen. Als er sie erreicht, hört sie, dass er stehenbleibt!
[ 5]Sie versucht, sich damit zu beruhigen, dass er wahrscheinlich wie sie mit dem Bus fahren will. Dass es ganz normal ist, wenn Leute hier an der Haltestelle stehenbleiben. Aber der Aufruhr in ihrem Inneren bleibt. Vorsichtig wendet sie den Kopf zu ihm hin. Er steht gut Armeslänge von ihr entfernt und blickt zu ihr hoch. Dass ein Mann zu ihr aufblicken muss, ist sie nicht gewohnt und dass ein Fremder sie so ausdrücklich ansieht ist auch nicht normal. Instinktiv weicht sie ein paar Schritte zurück. Er folgt ihr vorsichtig, lächelt freundlich und sie versucht, zurückzulächeln, hat aber das Gefühl, dass es ihr nicht recht gelingen will.
[ 5]›Der Bus wird sicherlich bald kommen‹, sagt sie, um die Situation zu entschärfen. – Wenn er doch einfach käme, dann könnte sie schnell einsteigen und sich auf einen Platz setzen, der keinen freien daneben hat! Oder wenn wenigstens die Erde sich auftäte und sie verschlingen würde!«


»So weit, so gut« sagt Roberta. Du beschreibst eine ganz alltägliche Begebenheit. Zugegeben, dieser Mann ist ein wenig gruselig, daraus ließe sich vielleicht etwas machen. Es muss aber richtig außergewöhnlich sein für eine Novelle, steht hier: ›Eine normale Alltagssituation ist […] nie Inhalt einer Novelle‹.« – Ludger weiß sich zu helfen:

[ 5]»Der Mann sagt zu Anita: ›Ich gewähre dir drei Wünsche. Du kannst dir alles wüschen, aber nicht mehr Wünsche, nur die drei.‹«

[ 5]»Nein, nein, so nicht!« unterbricht ihn Roberta, die inzwischen weitergelesen hat, ungeduldig. »Zum einen sind Drei-Wünsche-Geschichten nun wirklich ein alter Hut und zum anderen muss die unerhörte Begebenheit zwar ungeheuerlich, aber glaubhaft, nachvollziehbar, natürlich sein: Du sollst hier kein Märchen erzählen!«
[ 5]»Nun warte doch erst einmal ab, was passiert« beschwichtigt Ludger sie. Noch ist das doch alles ganz nachvollziehbar und natürlich. Es gibt schon manchmal komische Käuze, die einem auf der Straße begegnen.«
[ 5]»Na gut«, lenkt Roberta ein, »ich lass' mich überraschen. Erzähl' weiter.«

[ 5]»Anita, der die ganze Sache ohnehin schon unheimlich ist, sieht sich nun in beide Richtungen um und muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass weit und breit kein Mensch in Sicht ist, nur der gleichmäßig fließende Feierabendverkehr auf der Straße. Selbst die Katze hat ihren Platz auf der Fensterbank verlassen.
[ 5]›Wieso tun Sie das?‹ fragt sie beklommen, um Zeit zu gewinnen.
[ 5]›Weil ich es kann‹ ist seine lapidare Antwort. Anita sieht ihre einzige Chance in der so genannten ›Flucht nach vorn‹ und sagt beherzt zu dem Mann:
[ 5]›Dann wünsche ich mir einen Apfelsaft.‹
[ 5]Er läuft ohne zu zögern über die Straße. Es kommt ihr so vor, als machten die Autos ihm Platz. Auf jeden Fall ist er sehr geschickt darin, die Lücken zu nutzen. Gegenüber sieht sie ihn auf Zehenspitzen am Kiosk stehen, beide Hände auf der Theke. Die Verkäuferin lächelt freundlich-nachsichtig, wie man ein Kind anlächelt. Sie händigt ihm ein Fläschchen aus und nimmt das Geld entgegen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie ihm den Kopf getätschelt hätte. Anita sinniert, dass sie es als Frau weit weniger schwer hat mit ihrem kleinen Wuchs als dieser Mann. Er jedoch scheint davon unbeeindruckt, kommt ebenso geschickt zurück auf Anitas Straßenseite und überreicht ihr den Apfelsaft.
[ 5]Sie ringt um Fassung, dankt ihm verblüfft, öffnet die Flasche und trinkt. In ihrem Hirn beginnt es zu arbeiten: Was wäre, wenn er mir tatsächlich jeden Wunsch erfüllen könnte? Dann hätte ich bereits einen vergeudet an eine Flasche Apfelsaft, die zwar lecker ist, die ich mir aber ebenso gut hätte selbst kaufen können. – Nein, sowas gibt es nur in Märchen, ermahnt sie sich zur Vernunft. Aber einen Versuch macht sie trotzdem noch, dieses Mal kühner:
[ 5]›Ich wünsche mir eine Million.‹
[ 5]›Kein Problem.‹ Er greift in seine Tasche und holt mit triumphierendem Blick einen Beutel Sand heraus:
[ 5]›Zähl' ruhig nach: Es sind etwas mehr als eine Million.‹«


[ 5]Roberta lacht: »Ja, du bist auf einem guten Weg. In einer Novelle gibt es übrigens oft auch eine Rahmenhandlung.«
[ 5]»So wie uns beide, die wir uns über die Literaturgattung der Novelle unterhalten?« freut sich Ludger.
[ 5]»Genau so«, muss Roberta zugeben, »aber jetzt bin ich neugierig, was der dritte Wunsch sein wird. – Es wird doch einen dritten Wunsch geben?« drängt Roberta ihn. Ludger lächelt vielsagend und fährt fort:

[ 5]»Anita ist ein wenig ärgerlich, dass der seltsame Mann sie so hereingelegt hat. Andererseits ist sie beeindruckt: Er konnte doch nicht wissen, was sie sich wünschen würde, wieso hat er einen Beutel Sand in der Tasche? Oder hatte er den gar nicht dabei und hat ihn herbei gezaubert? Sie muss unbedingt mit dem dritten Wunsch herausfinden, was es mit diesem Mann auf sich hat! Der Wunsch soll, wenn er erfüllt wird, beweisen, dass dieser Mann tatsächlich zaubern kann. Es darf keine Ausflüchte geben wie bei dem zweiten Wunsch, sie wird sich ganz genau überlegen, wie sie es formuliert. Der Mann steht mit dem Rücken zur Hauswand und sieht erwartungsvoll in selbstzufriedener Pose zu ihr hoch. Fast könnte man meinen, er erwarte Applaus.
[ 5]Auf der Straße gibt es keinen Verkehr mehr bergauf. Anita sieht, dass von links ein roter Traktor herantuckert, hinter dem sich wohl ein Stau gebildet hat. Der Traktor zieht mehrere Wagen und dahinter kommen weitere Zugmaschinen mit weiteren Wagen. – Ein Zirkus! Anita überlegt, ob das vielleicht die seltsame Kleidung dieses Mannes erklärt. Sie liest: ›Zirkus Antonelli‹ in großen roten Lettern auf dem gelben Anhänger. Kein Bus in Sicht. Immer noch keine Idee, was sie sich wünschen soll. Weitere Wagen fahren an der Haltestelle vorbei. Es gibt Wohnwagen und Anhänger mit Gitterfenstern, in denen wohl Tiere transportiert werden. Schwer schleppen sie sich den Berg hinauf. Anita stellt sich in einem flüchtigen Anflug von Sensationslust vor, dass ein Wagen, der den Hang hinunterrollte, sie unweigerlich an der Hauswand zerquetschen würde wie eine Fliege an der Fensterscheibe. Ein kleiner blauer Laster mit zwei großen Anhängern scheint Anlauf nehmen zu wollen, denn er lässt eine große Lücke zu dem Wagen davor, der bereits fast oben auf dem Hügel ist.
[ 5]Anita grübelt, während sie den Wagen zusieht: Saubere Flüsse? – Ende der globalen Erwärmung? – Weltfrieden? – Keine Zigaretten, Autos und Flugzeuge mehr, die mir die Atemluft verpesten? – Sie kann sich nicht entscheiden.
[ 5]Der Motor des blauen Lasters heult auf, als er sich wieder in Bewegung setzt und seine zwei Anhänger mit größtmöglicher Beschleunigung zu dem Hügel zieht, wo er an der Steigung bald wieder merklich langsamer wird.
[ 5]›Soll ich dich beraten?‹ fragt der Mann listig.
[ 5]Der Laster erreicht oben den nächsten Wagen und bremst abrupt ab. Seine beiden Anhänger rasseln.
[ 5]Danach hört man sie rückwärts den Hügel hinuntersausen, aber Anita achtet nicht auf das Geräusch. Sie wendet sich zu dem Mann um und wehrt empört ab: ›Das könnte Ihnen so passen, um mich noch einmal hereinlegen zu können! – Nein, ich weiß jetzt, was ich mir wünsche: ‹«


[ 5]Nach einer bedeutungsvollen Pause, die dazu dienen soll, das soeben Erlebte wirken zu lassen, bemerkt Ludger: »Da hätte sie sich wohl beraten lassen sollen: ›Ein langes Leben‹ wäre ein nützlicher Wunsch gewesen.«
[ 5]Fast mechanisch, mit zitternder Stimme, doziert Roberta: »Die Novelle endet meist mit einem Ergebnis oder auch Resultat. Das muss keine Moral beinhalten, verleiht der gesamten Erzählung aber rückwirkend eine Bedeutung. – Sag' mal, du hast doch in Theoretischer Physik promoviert, oder?«
 

xavia

Mitglied
[ 5]Ludger kennt Roberta von einer Weiterbildung her. Gemeinsam hatten sie sich dort im Extreme Programming geübt, einer Vorgehensweise, bei der zu zweit ein Computerprogramm erstellt wird, indem einer jeweils eine Teilaufgabe nennt und der andere diese implementiert. Obwohl der Kurs wechselnde Gruppen vorsah, war es ihnen ohne große Anstrengung immer wieder gelungen, zusammenzuarbeiten und nach den Kursen landeten sie jedes Mal wie selbstverständlich in einem kleinen Café um die Ecke, wo sie bald entdeckten, dass ihnen eine Freude am Lesen und am Fabulieren gemeinsam war. Roberta ist nicht wirklich Ludgers Typ, sie ist groß und schlank, er bevorzugt die kleinen molligen Frauen, sie scheint eher eine Art Seelenverwandte zu sein. In ihrer Gegenwart fühlt er sich vollkommen frei, kann alles sagen, was ihm in den Sinn kommt und sie hat Verständnis dafür. Heute besucht sie ihn zum ersten Mal in seiner Wohnung. Sie wollen die Methode des Extreme Programmings auf das Geschichtenerzählen anwenden.
[ 5]Es klingelt an der Tür: Roberta steht fröhlich im Treppenhaus mit einer Dose Kekse. Ludger bittet sie herein und registriert mit einem Lächeln, dass sie interessiert seine Wohnung in Augenschein nimmt: Nicht mit dem kritischen Blick seiner Mutter, die guckt, wo er versäumt hat, Staub zu wischen, sondern wie eine Entdeckerin, die die kleinen Gegenstände seines täglichen Lebens betrachtet und die besonderes Interesse gerade für die Dinge aufbringt, die ihm am Herzen liegen: Sie streichelt liebevoll seine selbstgezimmerte Garderobe auf dem Flur, lässt sich von ihm ins Wohnzimmer geleiten und betrachtet dort den Haufen alter Röhren und elektronischer Bauteile wie Widerstände, ICs und CPUs, der als Dekoration auf seinem Schreibtisch einen Ehrenplatz hat und wendet sich, als er in die Küche geht, um Kaffee zu holen, seinem großen Bücherregal zu. Sie blättert gerade in dem Buch »Die tanzenden Wu-Li-Meister«, als er zurückkommt, stellt es zurück und fragt:
[ 5]»Hast du schon eine Idee, wie wir es anstellen könnten?«
[ 5]Ludger stellt die Kaffeekanne zu den Tassen auf den Tisch und schenkt ein, Roberta öffnet die Keksdose und Ludger den Laptop.
[ 5]»Ich möchte eine Novelle erfinden. Hier im Internet gibt es eine Reihe von Merkmalen, die sie erfüllen sollte. Du achtest auf die Merkmale, ich liefere die Geschichte, einverstanden?«
[ 5]»Ja, gut. – Weißt du schon, wovon sie handeln wird?«
[ 5]»Nein, das wäre ja geschummelt. Ich weiß auch noch nicht, was eine Novelle ist. Fangen wir an.«
[ 5]Roberta setzt sich auf das kurze Ende des Ecksofas, nimmt den angebotenen Laptop auf den Schoß und beginnt zu lesen, während Ludger sich genüsslich auf dem langen Ende ausstreckt, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen und schnell noch einen Keks isst, bevor er reden muss.
[ 5]»Das scheint mir wichtig zu sein«, beginnt Roberta, »eine Novelle ist eine kurze Erzählung über eine unerhörte Begebenheit. Es gibt nur wenige Charaktere, die sich während der Erzählung nicht wesentlich verändern und genau beschrieben werden«.
[ 5]Ludger hat dazu eine Idee. Er nimmt einen Schluck Kaffee und spricht in sein Diktiergerät:

[ 5]»Feierabend! Anita Kusik hat nach dem letzten Kunden noch die Ablage des Tages erledigt und schlüpft nun in ihre grauen Wildlederpumps mit den acht Zentimeter hohen Blockabsätzen. Sie zieht die kornblumenblaue Kostümjacke an und geht zum Waschbecken, um im Spiegel ihre Frisur zu überprüfen: Der kecke blonde Pferdeschwanz sitzt, wie er soll und das Polster, das sie auf dem Kopf unter den Haaren versteckt hat, sitzt ebenfalls an seinem Platz. Es lässt sie weitere zwei Zentimeter größer erscheinen und verleiht ihrer Frisur Fülle. Sie zupft den Kragen ihrer Bluse zurecht. Heute ist einer von diesen Tagen, an denen sie sich allen überlegen fühlt. Genau das Richtige für den wöchentlichen Bridge-Abend.
[ 5]Ihr letzter Klient war ein Physiker. ›Theoretischer Physiker‹, wie er betont hat. Ein ›Herr Doktor‹. Hat sich nach dem Studium zehn Jahre an der Uni herumgetrieben auf Zeitstellen und nun ist er arbeitslos. Nahezu unvermittelbar in dem Alter, selbst in einer großen Stadt wie dieser. Es hat wohl nicht gereicht zum ›Herrn Professor‹. Der ist nicht gut beraten worden. – Wenn er sich überhaupt hat beraten lassen. Diese Jungakademiker glauben ja, alles selbst zu wissen. Theoretischer Physiker! – Wer kann damit schon etwas anfangen? Dem hat sie klar gemacht, dass er sich umorientieren müsse, wenn er weiterhin seine Miete zahlen wolle! Der ›Herr Doktor‹ ist während dieses Lernvorgangs merklich geschrumpft. Sie lächelt ihr Spiegelbild zufrieden an, greift dann nach ihrer grauen Tasche und verlässt energischen Schrittes das Büro.
[ 5]Anita verlässt das Arbeitsamt durch den Haupteingang, der auf einem Hügel liegt. Hier oben hat das mächtige Gebäude, dass nur durch den Bürgersteig von der Straße getrennt ist, nur ein Stockwerk, der Rest liegt unter der Erde. Die Vorderfront folgt dem Bogen der Hauptstraße hügelabwärts und Anita geht bergab als hätte sie zehn bis zwölf Zentimeter hohe Absätze: sehr langsam und vorsichtig, aber dennoch graziös, mit wiegenden Hüften. Die Bushaltestelle liegt am Fuße des Hügels, sie hat es also nicht weit. Unten grenzt das große rote Backsteinhaus an ein verputztes dreistöckiges Mehrfamilienhaus. In einem der Fenster, direkt an der Bushaltestelle, liegt eine schwarze Katze auf der Fensterbank und beobachtet die Ankommende aufmerksam aus gelben Augen. Anita zieht ihr eine Grimasse, weil die Katze so einen Nimbus von höherem Wissen ausstrahlt, von dem sie sich provoziert fühlt.
[ 5]Zehn Meter weiter geht eine Nebenstraße ab, aus der gerade jemand um die Ecke kommt. Anita neutralisiert ihre Gesichtszüge und sieht einen Mann mittleren Alters von gedrungenem Wuchs. Sein ockerfarbener Cordanzug scheint aus einer anderen Zeit zu stammen, erst recht die rote Fliege, die er zu einem weißen Hemd trägt. Wegen seines eigentümlichen Aussehens zwingt Anita sich, ihn nicht anzustarren. Sie guckt auf die Straße, dann auf die andere Seite des Gehwegs und ist sich doch ganz gewiss, wo er sich gerade befindet. Sie zweifelt nicht daran, dass er sehen kann, dass sie absichtlich wegsieht und hört ihn kraftvoll ausschreiten und schnell näherkommen. Am liebsten würde sie weglaufen. Als er sie erreicht, hört sie, dass er stehenbleibt!
[ 5]Sie versucht, sich damit zu beruhigen, dass er wahrscheinlich wie sie mit dem Bus fahren will. Dass es ganz normal ist, wenn Leute hier an der Haltestelle stehenbleiben. Aber der Aufruhr in ihrem Inneren bleibt. Vorsichtig wendet sie den Kopf zu ihm hin. Er steht gut Armeslänge von ihr entfernt und blickt zu ihr hoch. Dass ein Mann zu ihr aufblicken muss, ist sie nicht gewohnt und dass ein Fremder sie so ausdrücklich ansieht ist auch nicht normal. Instinktiv weicht sie ein paar Schritte zurück. Er folgt ihr vorsichtig, lächelt freundlich und sie versucht, zurückzulächeln, hat aber das Gefühl, dass es ihr nicht recht gelingen will.
[ 5]›Der Bus wird sicherlich bald kommen‹, sagt sie, um die Situation zu entschärfen. – Wenn er doch einfach käme, dann könnte sie schnell einsteigen und sich auf einen Platz setzen, der keinen freien daneben hat! Oder wenn wenigstens die Erde sich auftäte und sie verschlingen würde!«


»So weit, so gut« sagt Roberta. Du beschreibst eine ganz alltägliche Begebenheit. Zugegeben, dieser Mann ist ein wenig gruselig, daraus ließe sich vielleicht etwas machen. Es muss aber richtig außergewöhnlich sein für eine Novelle, steht hier: ›Eine normale Alltagssituation ist […] nie Inhalt einer Novelle‹.« – Ludger weiß sich zu helfen:

[ 5]»Der Mann sagt zu Anita: ›Ich gewähre dir drei Wünsche. Du kannst dir alles wüschen, aber nicht mehr Wünsche, nur die drei.‹«

[ 5]»Nein, nein, so nicht!« unterbricht ihn Roberta, die inzwischen weitergelesen hat, ungeduldig. »Zum einen sind Drei-Wünsche-Geschichten nun wirklich ein alter Hut und zum anderen muss die unerhörte Begebenheit zwar ungeheuerlich, aber glaubhaft, nachvollziehbar, natürlich sein: Du sollst hier kein Märchen erzählen!«
[ 5]»Nun warte doch erst einmal ab, was passiert« beschwichtigt Ludger sie. Noch ist das doch alles ganz nachvollziehbar und natürlich. Es gibt schon manchmal komische Käuze, die einem auf der Straße begegnen.«
[ 5]»Na gut«, lenkt Roberta ein, »ich lass' mich überraschen. Erzähl' weiter.«

[ 5]»Anita, der die ganze Sache ohnehin schon unheimlich ist, sieht sich nun in beide Richtungen um und muss zu ihrem Entsetzen feststellen, dass weit und breit kein Mensch in Sicht ist, nur der gleichmäßig fließende Feierabendverkehr auf der Straße. Selbst die Katze hat ihren Platz auf der Fensterbank verlassen.
[ 5]›Wieso tun Sie das?‹ fragt sie beklommen, um Zeit zu gewinnen.
[ 5]›Weil ich es kann‹ ist seine lapidare Antwort. Anita sieht ihre einzige Chance in der so genannten ›Flucht nach vorn‹ und sagt beherzt zu dem Mann:
[ 5]›Dann wünsche ich mir einen Apfelsaft.‹
[ 5]Er läuft ohne zu zögern über die Straße. Es kommt ihr so vor, als machten die Autos ihm Platz. Auf jeden Fall ist er sehr geschickt darin, die Lücken zu nutzen. Gegenüber sieht sie ihn auf Zehenspitzen am Kiosk stehen, beide Hände auf der Theke. Die Verkäuferin lächelt freundlich-nachsichtig, wie man ein Kind anlächelt. Sie händigt ihm ein Fläschchen aus und nimmt das Geld entgegen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sie ihm den Kopf getätschelt hätte. Anita sinniert, dass sie es als Frau weit weniger schwer hat mit ihrem kleinen Wuchs als dieser Mann. Er jedoch scheint davon unbeeindruckt, kommt ebenso geschickt zurück auf Anitas Straßenseite und überreicht ihr den Apfelsaft.
[ 5]Sie ringt um Fassung, dankt ihm verblüfft, öffnet die Flasche und trinkt. In ihrem Hirn beginnt es zu arbeiten: Was wäre, wenn er mir tatsächlich jeden Wunsch erfüllen könnte? Dann hätte ich bereits einen vergeudet an eine Flasche Apfelsaft, die zwar lecker ist, die ich mir aber ebenso gut hätte selbst kaufen können. – Nein, sowas gibt es nur in Märchen, ermahnt sie sich zur Vernunft. Aber einen Versuch macht sie trotzdem noch, dieses Mal kühner:
[ 5]›Ich wünsche mir eine Million.‹
[ 5]›Kein Problem.‹ Er greift in seine Tasche und holt mit triumphierendem Blick einen Beutel Sand heraus:
[ 5]›Zähl' ruhig nach: Es sind etwas mehr als eine Million.‹«


[ 5]Roberta lacht: »Ja, du bist auf einem guten Weg. In einer Novelle gibt es übrigens oft auch eine Rahmenhandlung.«
[ 5]»So wie uns beide, die wir uns über die Literaturgattung der Novelle unterhalten?« freut sich Ludger.
[ 5]»Genau so«, muss Roberta zugeben, »aber jetzt bin ich neugierig, was der dritte Wunsch sein wird. – Es wird doch einen dritten Wunsch geben?« drängt Roberta ihn. Ludger lächelt vielsagend und fährt fort:

[ 5]»Anita ist ein wenig ärgerlich, dass der seltsame Mann sie so hereingelegt hat. Andererseits ist sie beeindruckt: Er konnte doch nicht wissen, was sie sich wünschen würde, wieso hat er einen Beutel Sand in der Tasche? Oder hatte er den gar nicht dabei und hat ihn herbei gezaubert? Sie muss unbedingt mit dem dritten Wunsch herausfinden, was es mit diesem Mann auf sich hat! Der Wunsch soll, wenn er erfüllt wird, beweisen, dass dieser Mann tatsächlich zaubern kann. Es darf keine Ausflüchte geben wie bei dem zweiten Wunsch, sie wird sich ganz genau überlegen, wie sie es formuliert. Der Mann steht mit dem Rücken zur Hauswand und sieht erwartungsvoll in selbstzufriedener Pose zu ihr hoch. Fast könnte man meinen, er erwarte Applaus.
[ 5]Auf der Straße gibt es keinen Verkehr mehr bergauf. Anita sieht, dass von links ein roter Traktor herantuckert, hinter dem sich wohl ein Stau gebildet hat. Der Traktor zieht mehrere Wagen und dahinter kommen weitere Zugmaschinen mit weiteren Wagen. – Ein Zirkus! Anita überlegt, ob das vielleicht die seltsame Kleidung dieses Mannes erklärt. Sie liest: ›Zirkus Antonelli‹ in großen roten Lettern auf dem gelben Anhänger. Kein Bus in Sicht. Immer noch keine Idee, was sie sich wünschen soll. Weitere Wagen fahren an der Haltestelle vorbei. Es gibt Wohnwagen und Anhänger mit Gitterfenstern, in denen wohl Tiere transportiert werden. Schwer schleppen sie sich den Berg hinauf. Anita stellt sich in einem flüchtigen Anflug von Sensationslust vor, dass ein Wagen, der den Hang hinunterrollte, sie unweigerlich an der Hauswand zerquetschen würde wie eine Fliege an der Fensterscheibe. Ein kleiner blauer Laster mit zwei großen Anhängern scheint Anlauf nehmen zu wollen, denn er lässt eine große Lücke zu dem Wagen davor, der bereits fast oben auf dem Hügel ist.
[ 5]Anita grübelt, während sie den Wagen zusieht: Saubere Flüsse? – Ende der globalen Erwärmung? – Weltfrieden? – Keine Zigaretten, Autos und Flugzeuge mehr, die mir die Atemluft verpesten? – Sie kann sich nicht entscheiden.
[ 5]Der Motor des blauen Lasters heult auf, als er sich wieder in Bewegung setzt und seine zwei Anhänger mit größtmöglicher Beschleunigung zu dem Hügel zieht, wo er an der Steigung bald wieder merklich langsamer wird.
[ 5]›Soll ich dich beraten?‹ fragt der Mann listig.
[ 5]Der Laster erreicht oben den nächsten Wagen und bremst abrupt ab. Seine beiden Anhänger rasseln.
[ 5]Danach hört man sie rückwärts den Hügel hinuntersausen, aber Anita achtet nicht auf das Geräusch. Sie wendet sich zu dem Mann um und wehrt empört ab: ›Das könnte Ihnen so passen, um mich noch einmal hereinlegen zu können! – Nein, ich weiß jetzt, was ich mir wünsche: ‹«


[ 5]Nach einer bedeutungsvollen Pause, die dazu dienen soll, das soeben Erlebte wirken zu lassen, bemerkt Ludger: »Da hätte sie sich wohl beraten lassen sollen: ›Ein langes Leben‹ wäre ein nützlicher Wunsch gewesen.«
[ 5]Fast mechanisch, mit zitternder Stimme, doziert Roberta: »Die Novelle endet meist mit einem Ergebnis oder auch Resultat. Das muss keine Moral beinhalten, verleiht der gesamten Erzählung aber rückwirkend eine Bedeutung. – Sag' mal, du hast doch in Theoretischer Physik promoviert, oder?«
 

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