schlagzeugsolo

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Mondnein

Mitglied
[ 4]schlagzeugsolo


dichter lügen du bist dichter also lügst du
[ 4]gehst den weg zum horizont zur letzten grenze
[ 4][ 4]dessen was die sprache sagen kann
du weißt ganz genau wohin du willst - betrügst du
[ 4]dich so wie du mich bestrickst du biest und austrickst
[ 4][ 4]mit all dem was sprache sagen kann?

malst die melodien sprichst in jazz-akkorden
[ 4]machst dich klein du lächelst nie - groteske masken
[ 4][ 4]zeigen nichts was sprache sagen kann
siehst du mich als junge frau? doch alt geworden
[ 4]bin ich schon beim sprung hinab in dieses leben
[ 4][ 4]ich weiß mehr als sprache sagen kann

deshalb blick ich durch und kann dich gut verstehen
[ 4]weiß daß du nicht zu verstehen bist verrückter
[ 4][ 4]kerl - ich sag was sprache sagen kann
schreib mir mehr von dem pardon und ausversehen
[ 4]understatement stotter drums percussion schlag ein
[ 4][ 4]gong vertuscht was sprache sagen kann
 

Mondnein

Mitglied
Danke, revilo.
Selbstkritisch merke ich an, daß die etwas konventionelle Sprache dieses Lieds nicht eigentlich "an die Grenzen geht"; es wäre gewiß mehr Klangmalerei zu erwarten, wie ich die sonst schon mal "singe". Eine entsprechende "jazzige" Auflösung der Syntax zu isolierten Wörtern - wie im Jazzdance die Bewegungen der Körperteile von einander unabhängig (das nennt man "isoliert") geführt werden - findet sich hier immerhin in den letzten beiden Zeilen.
So ist das nur in refrain-Wiederholung behauptet, nicht in einem klanglichen Schlagzeugsolo wirklich konkretisiert.

Also ist das Thema eigentlich etwas anderes, nämlich (wieder einmal) der Dichter himself. Oder auch die Sagbarkeit des Unsäglichen. Oder sonstwas.

Das wievielte Lied über "Dichter" ist es auf dieser aktuellen Gereimtes-Seite? Könnten schon circa fünf sein.
 

Tula

Mitglied
Hallo Mondnein

ich dachte hier beim Lesen auch an Rap, d.h. wegen der scheinbaren Wiederholungen, aber dann doch mit Nuancen.

Was die lügenden Dichter angeht, dachte ich sofort an ein sehr bekanntes vom Fernando Pessoa; finde leider keine deutsche Uebersetzung, dafür aber eine Englische - The poet is a pretender. "Frei übersetzt" etwa:
Der Dichter ist ein Täuscher
und täuscht so ganz perfekt,
er täuscht, der Schmerz so sein,
an dem er selbst verreckt...


Wir dürfen also lügen, solange wir kreative bleiben :)

LG
Tula
 

Mondnein

Mitglied
Genre

Ja, Tula. Es gibt offensichtlich zwei Genres, die sich hier kreuzen: Das der "Dichter"-Gedichte (wie bereits angemerkt), und das der "Dichter lügen"-Lieder. Das zweite ist gewiß eine Untergruppe der ersten.
 

blackout

Mitglied
Ich denke, dieser Dichter hat die Dichtung nicht verstanden.
Dichter lügen nicht, Dichter wissen wie alle Menschen ein wenig von der Wahrheit, und wenn sie Kerle sind, verteidigen sie die Wahrheit, oder besser: ihre Wahrheit. Der Leser merkt, wenn der Dichter lügt. Zum Glück, kann man sagen.
Soviel zum Inhalt, Mondnein.

Zum Technischen kann ich gar nichts sagen, es ist offensichtlich ein als Liedtext gedachter Text. Damit beschäftige ich mich nicht. Liedtexte habe ihre eigenen Regeln gegenüber dem Gedicht, und soweit ich sehen kann,
versucht dieser Text der ganzen Schreiberei einen Heiligenschein zu verpassen. Ob auch dieser Liedtext einen Heiligenschein verdient, dies festzustellen, bin ich nicht in der Lage.

blackout
 

Mondnein

Mitglied
schlagzeugsolo

Ich denke, dieser Dichter hat die Dichtung nicht verstanden.
Dichter lügen nicht, Dichter wissen wie alle Menschen ein wenig von der Wahrheit, [blue]und wenn sie Kerle sind[/blue], verteidigen sie die Wahrheit, oder besser: ihre Wahrheit. Der Leser merkt, wenn der Dichter lügt. Zum Glück, kann man sagen.
Soviel zum Inhalt, Mondnein.

Zum Technischen kann ich gar nichts sagen, es ist offensichtlich [blue]ein als Liedtext gedachter Text[/blue]. Damit beschäftige ich mich nicht. Liedtexte habe ihre eigenen Regeln gegenüber dem Gedicht, und soweit ich sehen kann,
versucht dieser Text der ganzen Schreiberei einen Heiligenschein zu verpassen. Ob auch dieser Liedtext einen Heiligenschein verdient, dies festzustellen, bin ich nicht in der Lage.

blackout
Ja, wenn sie Kerle sind.

Nein, es ist kein als Liedtext gedachtes Lied. Es braucht nicht vertont zu werden, weil es sich selber singt, im Leser.

Klar hat es einen Heiligenschein, allein schon deshalb, weil es gelogen ist, sofern es von einem Dichter geschrieben ist, und die, (singt es hier selbstbezüglich), [blue]lügen[/blue]).
 

blackout

Mitglied
Naja, Mondschein, das mit dem Selbersingen deines Gedichts, darauf würde ich mich an deiner Stelle nicht so vollständig verlassen.

Aha, es ist also kein Liedtext. Dann sehe ich mal genauer rein.

Zunächst ist es ein sehr wortreiches Gedicht. Nichts dagegen einzuwenden, obwohl Dichten natürlich auch Verdichten meint. Das Gedicht stützt sich inhaltlich auf die Funktion der Sprache, des Handwerkszeugs des Dichters.

Aber ich habe dir ja schon geschrieben, dass Dichter nicht generell lügen (das tun nur die schlechten Dichter). Darüber, ob Fiktion Lüge oder Wirklichkeit ist, ob sie die Wirklichkeit wirklich darstellt oder die Wirklichkeit verzerrt, also lügt, ist man sich eigentlich in der Literaturwissenschaft nicht einig. Dein Gedicht stellt sich auf die Seite derjenigen, die Fiktion für Lüge halten und deshalb sich auf den Standpunkt des Naturalismus stellen oder, schlimmer, des Kitsches. Wirklichkeit aber ist nicht der Naturalismus, der den Einzelfall zum Standardfall erhebt, sondern der Realismus, der den Einzelfall zum wesentlichen Fall eines Vorgangs macht, er verallgemeinert ihn. Das kann natürlich dein Nietzsche, der Dichter der aufstrebenden deutschen Bourgeoisie seiner Zeit, nicht leisten. Und weil du dich eben auf ihn berufst,
muss dein Gedicht notwendigerweise auch die Irrationalität, die natürlich auch Teil des kapitalistischen Gesellschaftssystem sowie auch der Phantasie des Dichters ist, in den Stand der Logik, der Normalität, der Generalität erhoben werden. Das ist das Problem, das ich mit diesem Gedicht habe. Übrigens ist die Irrationalität ein Kennzeichen auch unserer Gegenwart, die irrationale Handlungen begünstigt.

Was mir aufgefallen ist, sind deine Reimwörter. Zum Beispiel ist der Reim kann - kann kein Reim. In diesem Gedicht überwiegt aber der ungereimte Vers, so dass dieser Lapsus beinahe unauffällig bleibt.

blackout

blackout
 

Tula

Mitglied
Hallo

Im Gedicht geht es doch wohl nicht um die Lüge der Lüge willen, sondern doch wohl eher um die "Flucht" des Dichters in eine andere Welt, seine/ihre. Die Poesie, die sich mit Hilfe der "Lüge" mit der Realität auseinandersetzt.

LG
Tula
 

Ralf Langer

Mitglied
Weil es mal gesagt werden sollte:

Nur wer die Wahrheit kennt,kann lügen. Alle anderen irren nur.

Beispiel:

Die Erde ist im Mittelpunkt des Universum.

Über Jahrhunderte ein Irrtum.Heute eine Lüge

Hm,ralf
 
Hallo in die Runde

Wenn ich etwas dazu sagen darf:


Mondneins Kommentar unter deinem Gedicht, blackout, zielte in gewissem Sinne ins Leere. Ihr habt einfach aneinander vorbeigeredet. Mondnein hat den Begriff "Wahrheit" sehr anders gefasst, als es in deinem Gedicht intendiert ist.

Fassen wir "Wahrheit" zb. als mathematischen Beweis, hat Mondnein mit seiner Kritik recht. Fassen wir "Wahrheit" als einen zwischenmenschlichen Prozess hast du natürlich recht. Oder als das äußern politischer Meinungen (ja, Probleme kann man auch haben, wenn man nicht um Leib und Leben fürchten muss), oder als Streiterein zwischen verschiedenen Weltanschauungen, bei denen es in bestimmten Punkten nicht mehr um Objektivität geht.

Das ist ein seltsames Missverständniss, weil es so häufig vorkommt und irgendwie jeder dem immer wieder aufliegt.
So du! Denn hier in mondneins Text geht es nicht wirklich um deine Auffasung vom "Lügen". Der "Die Dichter Lügen zuviel" Gedanke, ist uralt. (Schon konkret bei Plato zu finden)
Mondnein wies bei seinem Kommentar unter deinem Gedicht allerdings explizit auf Nietzsche hin, der den Gedanken immer wieder variiert hat. Ich bin in dem Punkt nicht wirklich bei mondnein, weil er sich immer wieder (ist glaub ich ein Dichter-Problem) zu sehr auf den frühen Nietzsche bezieht und die Gedanken irgendwie...zu radikal nimmt. Aber das wäre einen eigenen Faden wert.

Um ein paar bsp. zu bringen, damit sich das hier nicht bloß auf abstrakter Ebene abspielt, möchte ich zuerst ein Gedicht Nietzsches vorstellen und dann auf die Geschichte der Dichtung hinweisen. Ich würde gerne Prosa Texte Nietzsches posten, aber da ich gerade bei meiner Freundin wohne, habe ich keinen Zugang zu meinen Büchern... und Harry Potter ist hier keine gute Referenz :D


(Ich zitierte aus dem Kopf, hoffe ich gebe es richtig wieder)


Nietzsche: An Goethe

Das Unvergängliche
ist nur dein Gleichnis.
Gott der Verfängliche
ist Dichter Erschleichnis.

Welt-Rad, das Rollende
Streift Ziel auf Ziel,
Not - nennt's der Grollende
Der Narr nennt's - Spiel.

Welt-Spiel, das Herrische
mischt Schein und Sein,
das ewig Närrische
mischt uns - hinein.



Es ist unschwer zu erkennen, dass Nietzsche im ersten Vers Goethes Satz: das Vergängliche ist nur ein Gleichnis aufgreift.

Während Goethe diesen Satz sehr objektiv formuliert hat, mit einem gewissem Schwung in eine bestimmte Richtung, dreht N. den Satz um. Aber er dreht in eben nicht einfach um im Sinne von: das Unvergängliche ist nur ein Gleichnis, sonder er fügt hinzu: es ist dein Gleichnis! Die ganze Zentralisation des Gedankens, findet sich in der Behauptung, der Dichter, G. in dem Fall, biegt sich die Wirklichkeit nach seinem Bedürfniss zurecht. Eine objektive Aussage ist nicht getroffen wurden, im Gegenteil - das Leiden (nicht nur) des Dichters an der Wirklichkeit ist der Urgrund dieser Zeile, dieses Leiden eben führt dazu, dass sich der Dichter die Wirklichkeit so zurechtbiegen muss, (durch das Gedicht) dass die Wirklichkeit im Gedicht nicht vorkommt.

Ähnlich hat N. (nur schärfer) den Philosophen angegriffen...der auch eine Art Dichter ist. Greift er Schopenhauer zb. an, indem er den Titel seines Hauptwerkes "Die Welt als Wille und Vorstellung" pyschologisch umdreht in "Die Welt als Geschlechtstrieb und Beschaulichkeit" ist das alles andere als bloße Ironie. Woran hat Schopenhauer konkret gelitten? An seiner scheinbar starken Libido, die er kaum ausleben konnte. Wie hat er diesen Willenstrudel konkret zu entfliehen versucht? In einer äußerst geordneten Lebensführung. Diese Ganze konkret nachzuweisende Biographisch-Persönliche Komponente in S. Leben bestimmt sein gesammtes Hauptwerk, mit dem Ziel dem Willensstrudel zu entfliehen durch Willensverzicht, Ordnung, Beschaulichkeit eben. So der Dichter nach Nietzsche. Selbst Gott, in jeglicher Form, ist Dichter-Produkt, d.h. das Bedürfnis des Menschen die Wirklichkeit so "um-zu-Dichten", das sie erträglicher wird. Alles ist das aber nicht...das Interpretieren der Realität zugunsten der ästhetischen Anschauung, ist auch Übermut, Spiel. Die Lust zu gestalten, in Kleinem wie in Großem Stile. "Der Narr" ist der Dichter. Und niemand sonst...
Im ständigen Wi(e)derspiel der Wirklichleit, die eben weder einfach kalt und objektiv zu beschreiben ist (nach N.) und der menschlichen Existenz (die irgendwie abgesondert existiert, weil sie interpretiert) ist es die Lust und das Bedürfnis zu gestalten, diese Gestaltung ist "die Dichtung"
Die Obkektive Wirklichkeit kommt darin nicht wirklich vor.


Kling alles noch sehr abstrakt, daher mal ein ganz konkretes Beispiel:

Nach dem "Desaster" (man bräuchte ein krasseres Wort) des 2. Weltkrieges, war es für viele Dichter nicht länger mehr möglich, an der Dichtung der vorhergegangenen Zeit festzuhalten.

Rilke war zum Lügner geworden, nicht weil er nichts psychologisch Wahres zu sagen hätte, nicht weil er nicht einmal etwas Wahres über ihn als Person geschrieben hätte, sondern weil der absurde Verklärungscharakter seiner Dichtung, seine weiche stromlinienförmige "Weisheit" seine "Gottesgedanken", der "Frühlingstaumel" das "alles ist eins" und so weiter, auf eine Generation traf, die durch den Krieg eine völlig andere Realität erlebt hat. Rilke war Unanständig. Hölderlin war Unanständig. Goethe ein Schwätzer, der nie erfahren hat, das die Welt aus mehr als Liebe und ästhetischer Mephisto-Verführung besteht. Die Realität dieser Generation, kam bei ihnen allen nicht vor.

Also wurde die Dichtung beschreibender. Sie wollte nicht mehr die Welt erklären, das ist schiefgegangen, sie wollte das Kleine in den Vordergrund rücken. Sie wollte das Leid beschreiben, ohne es ästhetisch zu beschönigen mit O-Dyonisos Gesängen.


Dasselbe passierte schon früher mit dem Expressionismus. Ließ mal die Tagebücher Georg Heyms, das ständige Warten, herbeischwören des Blitzes, des Erbebens, der unendlichen Erschütterung des menschlichen Daseins, und sei es durch einen Krieg um die entfemdete Natur aus der Langeweile, der schnöden Ödnis der Großstadt und Belanglosigkeit der Natur in das Maß der menschlichen Wirklich zurückzuführen, ist grotesk. Ja, das Erdbeben kam, und Heym war abgeschrieben, ein Schwätzer, der die Wirklichkeit, die grausame Realität nicht begriffen hat.

Die Skepsis saß so tief, das einige Dichter (Jandl zb.) der Sprache selber zu misstrauen begannen. (Wittgenstein spielt eine Rolle). Entweder man beschreibt die Welt schnörkellos, naturwissenschaftlich klar, dann dichtet man nicht, oder man dichtet, dann beschreibt man die Welt nicht klar. Die Sprache wurde auf ihre eigene, ihr inhärente Wahrheit zurückgeführt. Bei Jandl, spiegelt das Gedicht oft nichts weiter wider, als das Gedicht. Die Konkrete Poesie stellt die Frage nach der Wahrheit der Sprache: es ist nicht mehr von Bedeutung, dass Welt-Ganze, den Menschen, das Tier, das Ding zu erfassen, sondern was zählt ist, was sagt die Sprache über die Sprache.


Zuletzt, dass der Dichter "über sich Wahrheit" sage ist ebenso schwierig, "Ich" "Bewusstsein" "Person" ist nur ein kleiner, sehr kleiner Teil dessen was "Mensch" ist. Die wahren Motive unseres Denken, Fühlen und Handelns liegen nicht im Bewusstsein, sie werden ihm nicht einmal zugespielt. Sicher, der Mensch kann sie zutage fördern, aber er hat keinen direkten Zugriff auf den zugrundeliegenden Prozess, er kann ihn nur im nachhinein interpretieren. "Wissen" tun wir gar nicht über uns, wir können bloß Vermuten. Liest man jetzt aber Gedichte, sind die meisten, sprachlich, bildlich, inhaltlich ein Verkünpen von unterschiedlichen Komponenten: der Mensch spricht sich über die Natur aus, den Mitmenschen, das Tranzendentale usw... Wie viel Wahrheit kann dann noch vorhanden sein?


Und diese Sprach-Skepsis wird in Hansz Gedicht behandelt, großartig behandelt! Dialektisch, wenn man so will, hegelianisch.



L.G in die Runde
Patrick
 

Mondnein

Mitglied
Dein essay, lieber Patrick,

ist es wert, mehrmals gelesen zu werden und die einzelnen Argumente sorgfältig abzuwägen. Es sind ja genau genommen mehrere Aufsätze, nicht nur ein Grundgedanke.

Das kritische Messer zum Tranchieren der Diskussion scheint mir Deine Darlegung der Modernität nach dem 20. Jahrhundert und seinen Apokalypsen zu sein, auch ohne diesen flachen Ausdruck zu benutzen; Du bist gut geschult in der Kargheit und Strenge avantgardistischer Lyrik, und Du weißt, weil Du schon mindestens hundert Gedichte von mir gelesen hast, daß ich ziemlich unbekümmert lustvoll mit den Klängen und Logismen wuchere, als wolle ich die moderne Kargheit, den heiligen Celan und das hellgraue Haiku-Nirvana der wettbewerbgeprüften Verlagskellerasseln - sagen wir mal: vergessen.

Ich bin in der Tat ziemlich unkritisch, mich treibt eher der Jux eines klaatu oder des (jeder erinnert sich wohl dran) genialen "ist mir egal" Hits, auf den mich meine Frau aufmerksam gemacht hat, die wiederum von ihren Cafégästen darauf hingewiesen wurde. "Computer mit Senf ist mir egal".

Da ist es ganz gut, mal wieder darauf hingewiesen zu werden, daß wir ja nicht zum Spaß hier sind.

Oder doch?
 

Mondnein

Mitglied
Du bist ein lustiges Bewußtlossein, blackout.

Dein Gedicht stellt sich auf die Seite derjenigen, die Fiktion für Lüge halten und deshalb sich auf den Standpunkt des Naturalismus stellen oder, schlimmer, des Kitsches.
Erst lesen, dann urteilen.
Auf irgendeiner Seite steht hier nichts. Die Bedeutung des "nicht Sagbaren" ändert sich von Strophe zu Strophe, springt dialogisch hin und her. Da mag es sein, daß eine der vielen hier sich aussprechenden Positionen "Fiktion für Lüge hält". Aber was das mit Naturalismus oder Kitsch gemeinsam haben soll, verstehe wer will, ich verstehe diese Verknüpfung nicht. Es ist absurd, denen, die sich ironisch ihre eigene Fiktion als "Lüge" entlarven und sich selbst spielerisch bejahend der "Lüge" zeihen, "Naturalismus" oder "Kitsch" unterstellen zu wollen.

Wirklichkeit aber ist nicht der Naturalismus, der den Einzelfall zum Standardfall erhebt, sondern der Realismus, der den Einzelfall zum wesentlichen Fall eines Vorgangs macht, er verallgemeinert ihn.
Weiß nicht, aus welchem bornierten Handbuch Du solche Allgemeinaussagen abschreibst. Ist mir Computer mit Senf.

Das kann natürlich dein Nietzsche, der Dichter der aufstrebenden deutschen Bourgeoisie seiner Zeit, nicht leisten.
Wie wird man, bittesehr, zum Dichter der aufstrebenden deutschen Bourgeoisie?
Das ist zum Schießen!

Und weil du dich eben auf ihn berufst,
muss dein Gedicht notwendigerweise auch die Irrationalität, die natürlich auch Teil des kapitalistischen Gesellschaftssystem sowie auch der Phantasie des Dichters ist, in den Stand der Logik, der Normalität, der Generalität erhoben werden.
Ach so, das kapitalistische Gesellschaftssystem.

Das ist das Problem, das ich mit diesem Gedicht habe.
Gottseidank, und ich dachte schon, es gäbe ernste Probleme.

Übrigens ist die Irrationalität ein Kennzeichen auch unserer Gegenwart, die irrationale Handlungen begünstigt.
"Übrigens" ist ein schönes Wort. Macht sich gut vor wertenden Allgemeinaussagen. "Unsere Gegenwart" ist auch gut. Fast schon sozialkritisch.

Herrlich. Der "ganze Kerl".

Filmriß, blackout ...
 

Mondnein

Mitglied
Ach so, da war noch das mit dem rührenden Reim.

In der Tat ist die mehrfach wiederholte Epipher hier kein echter Reim. Aber die Bedeutung der Wortgruppe in diesen Wiederholungen ändert sich permanent, springt ins Konträre, spielt mit der Verneinung und der Verneinung der Verneinung.

Diese alte Form nennt man Ghasele.
 
Hi mondnein, hi blackout

Klar, Spaß und Freude sollen in der Dichtung vorkommen!
Ich bin nur nicht darauf eingegangen, weil es im Wesentlichen das Problem des "lügenden Dichters" (zumindest in kritisierbarer Form) nicht berührt.

Das sollte jetzt kein Aufruf zum strengen Ernst sein ;)

Gerade an deinen Gedichten, Hansz, schätze ich ja so sehr, dass die Lebenslust, die teilweise in eine beinahe erotische Beziehung zur Welt und dem Erkennen der Welt übergeht, so "spaßig" präsent ist. Das nämlich ist mir völlig fremd, ich jammere seit Jahren nur herum und versuche neuerdings immer mehr das melancholische Seufzen in Resignation aufzulösen. Also im Gedicht zumindest. Daher die Faszination für deine Verse, sie können etwas, sie drücken etwas aus, für das ich nicht schlicht nicht "klug" genug bin, nach dem ich mich aber sehne.


Was mich deinen Kommentar, blackout, so stört sind zwei Dinge:

Erstens (und das ist nur bedingt wichtig) deine Nietzscheauffassung. Ich beschäftige mich seit fast 11 Jahren mit N., dh. ich habe ihn mit 14 das erste mal gelesen. (Der Antichrist) Das Buch hat mich damals innerhalb von 3 Wochen vom Christen zum "Ungläubigen" gemacht, folglich hatte N. eine besondere Bedeutung für mich. Da ich nun aber wirklich kein Wunderkind war, kann man die ersten 3 Jahre Beschäftigung getrost in die Tonne kloppen, wirklich verstanden habe ich eigentlich nichts. Bleiben immer noch 8 Jahre übrig. Jetzt, langsam, beginne ich den Mann zu begreifen, seinen Sprachgebrauch, seine ständigen Rückbezuge, die nuancierten Ebenen, die oft schon ein einzelner Satz aufweist. Das nämlich, wird Nietzsche auf ewig wichtiger machen, als so viele andere Philosophen, begreift man seinen Sprachgebrauch, bis in die Interpunktion hinein, wird der Gedanke, der dahinter steht immer strahlender. Begreift man Adornos Sprachgebrauch, nimmt der Gedanke proportional an Bedeutung ab. Warum erzähle ich das? Ganz einfach: weil du mit deinen Sätzen: ...

Wirklichkeit aber ist nicht der Naturalismus, der den Einzelfall, zum Standartfall erhebt, sondern der Realismus, der den Einzelfall zum wesentlichem Fall eines Vorgangs macht, er verallgemeinert ihn.
...genau das tust, was den Dichtern als "lügen" vorgeworfen wird . Diese Sätze sind reine Sprachspiele, grammatische Verknüpfungen zwischen Wörtern, deren konkrete Bedeutung, von denen in der Kritik die Rede ist, so lange "adornisiert" wird, bis sie in der heiligen Flamme des Denkens zu flüssigem Wachs gerinnen, mit dem sich jeder noch so stumpfe Gegenstand vortefflich überkleben lässt. Das merkt man auch schon, wenn man den Sarz einfach mal anders formuliert:

Wirklichkeit ist mal Struktur, mal Einzelfall.
Ein Einzelfall ist nicht wirklich, es sei denn man begreift die dahinterliegende Struktur.

Also:
Wirklich ist, was (in der Wirklichkeit vorkommt) [erster Fehler, es gibt plötzlich zwei Wirklichleiten, den Einzelfall, der ja vorkommt und die andere Wirklichkeit, also die, deren Struktur der Einzelfall beschreibt] aber so wirklich wirklich ist etwas das in der Wirklichkeit(in welcher nochmal? Der Echten, oder der Anderen?) vorkommt nur wenn ich nicht das Einzelne als Einzelnes fasse, sonder es in seinem Funktionsweise allgemein beschreibe.


Sorry, aber das ist in etwa so, als wolltest du eine einzelne Perle an einer Kette beschreiben und dann sagen: Also eine Perle ist das, um was herum 19 andere Perlen hängen, die einenSchnur verbindet. Dann hast du aber die Kette beschreiben und nicht die Perle.


Oder krasser (mit ein bischen Ironie weil es eben Mensch und Wirklichleit berührt, und dann geht gar nichts mehr, mit dem Gedanken)

Ich schreibe: Die Welt ist flach! Kommt als Einzelfall ja schonmal vor, ist also irgendwie wirklich, zumindest in der einen Wirklichkeit, also der nicht echten.

Die Welt ist unterdessen nicht flach...

Was ist der allgemeine, wichtige Fall in diesem "Vorgang"
Mein Denken. Was ist die Struktur, die zu diesem Gedanken geführt hat? Patrick Schuler ist bescheuert, wenn er sowas sagt.

Ergo ist die Welt flach. Warum?
Weil Patrick Schuler bescheuert ist.


Toll, klasse!


Seufz




L.G
Patrick
 

Ralf Langer

Mitglied
Hallo in die Runde,

Nietzsche der letzte grosse Weltenerklärer- eigentlich Weltenzerstörer: Er hat das 20. Jahrhundert vorausgesehen. Er hat der Dichtung eine neue Sprache geschenkt. Ein Artist. Einer der sich irrte, aber immer bei sich war. Mehr Querdenker als Philosoph.

Wie oft habe ich über das Ende der Geschichte und die Wiederkehr des Immergleichen gegrübelt, und werde es wieder und wieder tun

Und danke Patrick für die Einblicke in dein Seelenleben. Die vetsteh ich sehr gut.

Aber auch ein Dank an Hansz. Du bist so ganz anders in deinem Schaffen. Patrick hat das für mich hervorragend formuliert.

Nietzsche? Wir müssen ihn und als einen glücklichen Menschen denken, wie es schon Camus bei Sysiphos einforderte...
Lg
Ralf
 

lapismont

Foren-Redakteur
Teammitglied
Nietzsche? Wir müssen ihn und als einen glücklichen Menschen denken, wie es schon Camus bei Sysiphos einforderte...
Na, ich weiß nicht. Wenn ich da an die »liebevolle Pflege« seiner Schwester denke, ist

du weißt ganz genau wohin du willst - betrügst du
dich so wie du mich bestrickst du biest und austrickst
mit all dem was sprache sagen kann?
Hansz ein großer Chronist.
 

Ralf Langer

Mitglied
Willibald,
wenn ich sage: „ wir müssen N . als einen glücklichen Menschen denken“
heisst das ja nicht das er es war. Es ändert allemfalls unseren Blick !

Um bei Sysiphos zu bleiben: Denk dir er sagt: Dies ist mein Stein!
Nicht die Götter gaben ihn mir...

So auch N. Sein Stein die Überwindung des 19Jhd. Des Biedermeier.

Hm, wir Deutschen neigen dazu Dichter oder Denker die sprachlich nicht dem Gegenstand ihrer Betrachtung gewachsen sind, als Seher zu bezeichnen.

Das trifft oft ins Schwarze, ist aber bei N. falsch.

1899 gestorben und dioch ein ganzes wütendes 20 Jhdt. ja gesehen
Upps ich gerate ins Schwafeln...
 

Willibald

Mitglied
Ja, lieber Ralf, und es könnte sein, dass willibald hier mit lapismont verwechselt wird.
Eine Ehre für mich und hoffentlich ein bisschen eine für lapismont.

Greetse in die Runde der Leser dieses ungewöhnlich anregenden Textes von Hansz.
 

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