Unrechtfall

Anders Tell

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Unrechtfall

Gemeindeoberinspektorin Mechthild Sprünken war völlig eins mit ihrer Funktion als Zahnrädchen im Getriebe des Bauordnungsamtes. Die eidliche Dienstverpflichtung, die Würde ihrer wichtigen Aufgabe und die Kenntnis der Gesetze gaben ihr den Rückhalt, sich für alle Fälle gerüstet zu fühlen. Die exakte Befolgung der Rechtsnormen bestimmte ihre Grundsätze und sie konnte penetrant darauf bestehen. Dieses Pochen auf Paragraphen hatte ihr unter Kollegen den Spitznamen Spechthild eingebracht. Sie legte großen Wert auf ihre Rangbezeichnung, obwohl dessen Benutzung kaum noch verbreitet war. Sie saß aufrecht hinter ihrem peinlich aufgeräumten Schreibtisch, auf dem nur die Akte des anstehenden Termins lag.
Der Bürger Arno Brandl erschien pünktlich.
“Ich habe Sie eingeladen, um Sie über die rechtliche Situation in Ihrer Angelegenheit zu belehren.”
GOI Sprünken setzte ihre amtliche Miene auf und sprach mit Betonung: “Es gibt keinen Bestandsschutz im Unrechtfall.”
Bürger Brandl schaute perplex und wirkte überfordert. Die Inspektorin entsann sich des Seminars, an welchem sie vor Kurzem teilgenommen hatte, in dem es um bürgernahes Verhalten ging und in dem die Behörde als moderner Dienstleister verstanden wurde. Also schaltete sie um auf die zugewandte Methode, die sie in vielen Rollenspielen eingeübt hatte.
“Sehen Sie, nur weil ein Zustand schon lange besteht, sichert dies nicht seinen Fortbestand, wenn die Ursache sich im Unrecht befand.”
“Aber es hat nie jemanden gestört und auch keinem geschadet.”
“Sie haben auf der Giebelseite des in Rede stehenden Gebäudes ein Fenster eingebaut, welches durch die Baugenehmigung nicht abgedeckt war, weil es in der Bauzeichnung, die Grundlage der Entscheidung war, nicht berücksichtigt wurde.”
“Mein Vater und das Ganze liegt vierzig Jahre zurück.”
“Dem habe ich Rechnung getragen und kein Bußgeld erhoben, weil Sie nicht der Verursacher waren. Dennoch treten Sie in alle Verpflichtungen des Erblassers ein und sind gehalten, den genehmigten Zustand herbeizuführen.”
“Was heißt das konkret?”
“Ich werde dahingehend bescheiden, dass das Fenster binnen Frist zurückgebaut werden muss.”
"Dagegen lege ich Widerspruch ein.”
“Das ist Ihnen unbenommen. Ihre Aussichten sind aber gering, damit durchzudringen.”
“Und wenn ich jetzt einen veränderten Antrag mit eingezeichnetem Fenster stellen würde?”
“Können Sie damit den Rechtsbruch nicht heilen. Da könnte ja jeder rechtswidrige Fakten schaffen und durch Korrektur des Antrags seine Wünsche durchsetzen.”
“Und wenn ich mich schlicht weigere?”
“Erhalten Sie eine erneute Aufforderung, die natürlich bebußt ist.”
“Und wenn ich auch diese Frist tatenlos verstreichen lasse?”
“Werde ich einen Verwaltungsakt erlassen und unseren Betriebshof beauftragen, das Fenster von außen zu zumauern."
“Sicher ein gefundenes Fressen für die Lokalpresse, wenn sie live zeigen können, wie ein Bürger in seinem Zuhause eingemauert wird.”
Inspektorin Sprünken zeigte sich wenig beeindruckt. Brandl fragte sich, ob diese Begegnung mit Wesen aus der Verwaltung nicht etwas Unwirkliches hatte. Er konnte sich die Inspektorin in keinem anderen Lebensbereich vorstellen und stellte sich bereits vor, dass sie mit den Akten zusammen nach Feierabend in den Schrank gehängt wurde, um sie anderen Tags wieder auf ihren Stuhl zu setzen. Selbst Alexa zeigte manchmal mehr Seele.
Mit diesen Gedanken machte er sich auf den Heimweg. Er wusste noch nicht, wie er weiter vorgehen würde. Er war zu sehr mit dem Unrecht beschäftigt, in dem er sich befand. Ein Gesetz war verletzt worden und er hoffte zynisch, dass diese Verletzung für das Gesetz keine traumatischen Folgen haben würde. Aber so sehr er sich auch bemühte, stellte sich kein Unrechtsbewusstsein bei ihm ein.
 

jon

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Und weiter? Das ist noch keine Geschichte, das ist nur eine (zugegeben gekonnt gemalte) Illustration eines amtlichen Sachverhaltes.
 

Bo-ehd

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Ja, Anders, wenigstens ich sehe es genauso. Ich weiß, dass du ein anderes Verständnis von Literatur hast und es dir ausschließlich darauf ankommt, was zwischen den Zeilen steht. Aber: Um zwischen den Zeilen lesen zu können, müssen die Zeilen etwas Gehalt haben. Das ist bei deinem Text (diesem und anderen) nicht der Fall.
Was du hier beschreibst, ist Alltag und mit diesem Ausgang so interessant wie ein Stück Seife, das durch die Finger glitscht. Was soll der Leser mit diesem Inhalt anfangen?
Was du schreibst, ist eine Szene, keine Geschichte. Es fehlt an allem: Story, Spannung, Handlung, Höhepunkt, Ende. Und wenn man an den Unterhaltungswert einer Geschichte denkt, fehlt auch noch die Pointe, die einen Text erzählenswert macht. Schau bei Tucholsky und Kafka nach, wie das Thema Bürokratie sinnvoll in einen Plot gepackt wird.
 
Lieber und geschätzter Kollege,

da ich persönlich mit der Gattung der traditionellen Kurzgeschichte selbst fremdele, begegnet man mir in dieser Sparte nur sehr selten. Hier äußere ich mich mal ausnahmsweise: Stoff sehr interessant, Verarbeitung durchaus gelungen - bis auf den allerletzten Schluss. Der gut geschriebene Text - jawohl, ich beurteile das ganz anders als Bo-ehd - erzeugt beim gewöhnlichen Leser fast unvermeidlich eine Erwartungshaltung, gerade weil das Vorangegangene so beeindruckend ist. Der Leser will also etwas über den Fortgang wissen. Es muss nicht viel sein, aber so wie hier funktioniert es, halten zu Gnaden, nicht so gut. Das Rechtsproblem ist so konkret dargestellt, dass auch sein Abschluss irgendeine konkrete Seite haben müsste.

Hier bieten sich dafür gleich vier Ausgänge an: 1. Bürger Brandl akzeptiert wutschnaubend oder innerlich empört. - 2. Er lässt es auf eine rechtliche Auseinandersetzung ankommen, gewinnt dadurch evtl. viel Zeit. - 3. Er wartet stoisch. ob die Behörde die Ersatzvornahme startet. - 4. Eine listige Variante: Brandl lässt selbst mauern, aber mit Glasbausteinen. - Das braucht und sollte vielleicht auch gar nicht breit ausgeführt zu werden, nur eine Perspektive auf den Fortgang würde ich mir schon wünschen, vielleicht kaum mehr als eine Andeutung. So wie hier hat es etwas von Aus-der-Kurve -fliegen.

Falls ein authentischer Fall dahinter steckt, mir ist etwas Ähnliches bekannt. Als nach einem Erbfall ein Haus in Alleinlage (Baujahr 1963) verkauft werden soll, stellt die Behörde fest, dass es nicht genau am genehmigten Punkt errichtet wurde. Es sind nur 10 oder 20 Meter auf einem sehr großen, nicht einsehbaren Grundstück und es gab für die Änderung triftige Gründe in der Bodenstruktur. Ich kann mir vorstellen, dass solches damals mit Absprachen zwischen Architekt und Behörde geregelt wurde. ohne heute noch vorhandene Belege. In diesem Fall gab es, obwohl offiziell als Schwarzbau eingestuft, Bestandsschutz und zugleich Veränderungsverbot.

Bitte nicht auswandern.
Arno Abendschön
 

Anders Tell

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Das Geschehen habe ich einem Pressesplitter entnommen. Mir ging es darum, die Sprachverwirrung zwischen Behörde und Bürger aufzuzeigen. Diese ist nur Ausdruck der Unterschiede in den Paradigmen. Es geht um das innere Erleben des Bürgers und seine deutlich andere Auffassung von Unrecht. Die Figur der Verwaltungsfachangestellten ist überzeichnet und nicht typisiert wie es sonst in Kurzgeschichten üblich ist. Da ist meine Neigung für das Groteske mit mir durchgegangen.
Das offene Ende ist nach wie vor Kennzeichen der Kurzgeschichte. Eine Pointe ist gattungsfremd, es ist ja kein Sketch. Mir widerstrebt es persönlich, die Fäden am Ende zu vernähen. Ich vertraue ganz auf die Phantasie des Lesers. Man kommt an der Frage nicht vorbei, ob nicht dem Bürger Unrecht zugefügt wird. Es gibt viele Möglichkeiten, wie es ausgehen könnte. Nach meiner Kenntnis des Verwaltungsrechts hätte ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Inspektorin geführt, weil sie ihr Ermessen nicht ausgeschöpft hat.
Es ist nicht das erstemal, dass ich scheinbar alltägliche Beobachtungen aufgreife, die meine Verwunderung erregt haben. Regelmäßig treffe ich damit auf wenig Gegenliebe und noch weniger Leser. Es wird mich nicht davon abhalten, es wieder und wieder und noch einmal zu tun. Entweder bin ich damit verbohrt oder es gibt doch noch weitere Menschen, die das Erwähnenswerte im scheinbar Realen sehen können.
 

jon

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Wenn das alle Leser so sehen wie Du, möchte ich lieber auswandern.
Na dann tu es doch. Ob du anderswo allerdings "bessere" Leser findest, wage ich stark zu bezweifeln.
Schade bei all dem ist ja, dass dein Schreibstil durchaus angenehm ist.

Mir ging es darum, die Sprachverwirrung zwischen Behörde und Bürger aufzuzeigen.
Was für eine Verwirrung? Es ist doch (spätestens nach der Erklärung) ganz klar, worum es geht.

Es geht um das innere Erleben des Bürgers und seine deutlich andere Auffassung von Unrecht.
Das ist was anderes als Sprachverwirrung.
Wer sich wundert, dass Bürger andere Vorstellungen von Recht haben, der hat keine Ahnung vom Leben. Es ist ein banaler Fakt, dass Recht (juristisch) und Gerechtigkeit oft nicht nur gefühlt, sondern immer wieder auch de facto kollidieren. Nicht umsonst heißt es pointiert, dass Recht nichts mit Gerechtigkeit zu tun hat.

Die Figur der Verwaltungsfachangestellten ist überzeichnet und nicht typisiert wie es sonst in Kurzgeschichten üblich ist. Da ist meine Neigung für das Groteske mit mir durchgegangen.
Das ist nicht das Problem mit dem Text. Im Gegenteil, das finde ich sogar recht nett gemacht.

Das offene Ende ist nach wie vor Kennzeichen der Kurzgeschichte. Eine Pointe ist gattungsfremd, es ist ja kein Sketch. Mir widerstrebt es persönlich, die Fäden am Ende zu vernähen. Ich vertraue ganz auf die Phantasie des Lesers.
Ein offenes Ende ist was anderes als eine fehlende Handlung. Das hier ist quasi nur das Setting - was danach passiert, das wäre die Geschichte.
Was genau soll sich der Leser denn herfantasieren? Wie der Bürger sich entscheidet? Variante A: Er macht, was verlangt wird. Dann wäre literarisch interessant, wie er sich damit fühlt. Variante B: Er weigert sich. Dann ist literarisch interessant, was dann passiert, wie der Kampf zwischen Recht und "Gerechtigkeit" abläuft und ausgeht. Um sich sowas auszudenken, braucht der Leser den Input durch den Text nicht. Variante C: Er beginnt zu diskutieren und/oder nach Auswegen zu suchen. Dann wären die Argumente und/oder die (kreativen) Lösungsideen interessant - inkl. der Reaktionen der Gegenseite.


Nach meiner Kenntnis des Verwaltungsrechts hätte ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Inspektorin geführt, weil sie ihr Ermessen nicht ausgeschöpft hat.
… oder das passiert. Auch da bestünde dann die Geschichte im dann einsetzenden Kampf.

Entweder bin ich damit verbohrt oder es gibt doch noch weitere Menschen, die das Erwähnenswerte im scheinbar Realen sehen können.
Das Problem ist, dass das, was in diesem Text steht, nicht erwähnenswert ist - jedenfalls nicht in literarischem Sinn.
Und: Das, was da steht, ist nicht nur scheinbar real, es ist tatsächlich real. Diesen Konflikt gibt es in allen möglichen Spielarten; spontan fällt mir eine Version ein, wo nach über 20 Jahren dem Amt auffiel, dass die Bewohner einer Straße unzulässig nah an der Grundstücksgrenze gebaut hatten.
 

Anders Tell

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@jon
Ich finde Deine Art, Deine Ansichten kategorisch in Blei zu gießen, gelinde gesagt anmaßend. Solche Formulierungen wie "das ist ja noch recht nett gemacht" wirken auf mich als würde ein Hund für gutes Apportieren gelobt. Ich mag es nicht, wenn Leute mich zurechtweisen wollen, die nicht einmal ein Zehntel meiner Argumente verstanden haben.
Da fehlt es an Wertschätzung. Du kannst Deine Auffassung darlegen, wenn Du erlaubst, dass ich es anders sehe.
In der Geschichte geht es nicht um so banale Erkenntnisse, dass Recht und Gerechtigkeit nicht viel gemeinsam haben. Es geht um die Absurdität dieses Dialogs. Dass sich jemand, der dem Bürger dienen sollte, hinter einer unverständlichen Sprache verschanzt, um seine Macht zu zementieren. Jeder Leser mit etwas Freude an der Sprache findet hier ein fruchtbares Feld für semantische Betrachtungen. Dazu braucht es keine Handlung. Der Fall an sich ist ja nur die Folie, auf dem der scheiternde Dialog stattfindet.
Anders
 

jon

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Ich finde Deine Art, Deine Ansichten kategorisch in Blei zu gießen, gelinde gesagt anmaßend.
Ach was! Dabei bist du schließlich ein Ausbund an zartfühlender Vermittlung deiner Sichten, das hätte ich wohl bedenken sollen.

Solche Formulierungen wie "das ist ja noch recht nett gemacht" wirken auf mich als würde ein Hund für gutes Apportieren gelobt.
A: Bitte korrekt zitieren! Ich schrieb: "Das ist nicht das Problem mit dem Text. Im Gegenteil, das finde ich sogar recht nett gemacht."
B: Ausgerechnet das Lob stört dich? Wow.

Ich mag es nicht, wenn Leute mich zurechtweisen wollen, die nicht einmal ein Zehntel meiner Argumente verstanden haben.
Ich kann nur auf das antworten, was du schreibst. Wenn ich auf das antworten soll, was du meinst, dann schreib das.

Da fehlt es an Wertschätzung. Du kannst Deine Auffassung darlegen, wenn Du erlaubst, dass ich es anders sehe.
Wo verbiete ich dir denn, etwas anders zu sehen? Ich antworte nur auf deine Argumente, versuche, dir klar zu machen, warum (nicht nur) ich den Text nicht halb so gelungen finde wie du.

In der Geschichte geht es nicht um so banale Erkenntnisse, dass Recht und Gerechtigkeit nicht viel gemeinsam haben. Es geht um die Absurdität dieses Dialogs. Dass sich jemand, der dem Bürger dienen sollte, hinter einer unverständlichen Sprache verschanzt, um seine Macht zu zementieren.
Was ist an dem Dialog absurd? Ein wenig zugespitzt, ja, aber absurd? Der Amtsmann (in dem Fall die Amtsfrau) spricht Amtsdeutsch, das passiert immer wieder. Sie erklärt es dann ja nochmal griffiger. Und vor allem: Der Bürger in dieser Szene versteht offenbar sehr gut, was das (amtsrechtliche) Problem ist, sooo unverständlich ist die Sprache also doch nicht.

Jeder Leser mit etwas Freude an der Sprache findet hier ein fruchtbares Feld für semantische Betrachtungen.
Danke für wertschätzende Abwatsche, dass ich überhaupt keine Freude an Sprache habe. Hätte ich die, würde ich deinen Text ja super inspirierend finden.

Der Fall an sich ist ja nur die Folie, auf dem der scheiternde Dialog stattfindet.
Der Dialog scheitert doch gar nicht …
 

Bo-ehd

Mitglied
Anders
Das Geschehen habe ich einem Pressesplitter entnommen. Mir ging es darum, die Sprachverwirrung zwischen Behörde und Bürger aufzuzeigen. Diese ist nur Ausdruck der Unterschiede in den Paradigmen. Es geht um das innere Erleben des Bürgers und seine deutlich andere Auffassung von Unrecht. Die Figur der Verwaltungsfachangestellten ist überzeichnet und nicht typisiert wie es sonst in Kurzgeschichten üblich ist. Da ist meine Neigung für das Groteske mit mir durchgegangen.
Bis hierhin bin ich voll bei dir. Der Konflikt zwischen Bürger und Verwaltung ist gut dargestellt, die Überspitzung gelungen und deine Neigung fürs Groteske absolut o.k. Deshalb denke ich, dass dein Text allein schon aus diesen Gründen in der Rubrik Satire wesentlich besser aufgehoben wäre. Ihre Aufgabe ist nämlich genau das, was tu getan hast.


Das offene Ende ist nach wie vor Kennzeichen der Kurzgeschichte. Eine Pointe ist gattungsfremd, es ist ja kein Sketch. Mir widerstrebt es persönlich, die Fäden am Ende zu vernähen. Ich vertraue ganz auf die Phantasie des Lesers.
Hier beginnt leider der Unsinn. Der Begriff Sketch ist zum Ende des 19. Jh. "ausgestorben". Kein Mensch benutzt ihn noch, weil er nichts definiert. Zu Zeiten von Poe und Twain wurde er zur Definition der Short Story herangezogen, aber alsbald verworfen. Heute weiß kein Mensch, wie er in den USA und Europa gedeutet werden soll. Also schnell abhaken.
Das offene Ende ist keineswegs ein Merkmal der Kurzgeschichte schlechthin. Eine Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und einen Ende. - Punkt. Schluss. Hat er das Ende nicht, bleibt sie ein Fragment, das den Leser bei aller Interpretationsfreude ratlos und konsterniert zurücklässt. Wie sinnvoll oder sinnlos ist es, als Leser fünf oder zehn Möglichkeiten für einen Schluss in Betracht zu ziehen? Ich erwarte als Leser, das mir eine abgeschlossene Geschichte präsentiert wird, bei der alles offenbart wird, was zu ihrem Ende geführt hat: die Gefühle der Figuren, ihre Schicksale, die Lösung eines Konflikts, eine Erkenntnis, die Erreichung eines Ziels. Das alles willst du vor den Lesern verbergen? Das kann doch nicht dein Ernst sein!
Zur Info für die Leser, die in den theoretischen Dingen nicht so bewandert sind: Die "endlose" Kurzgeschichte ist ein rein deutsches Phänomen, das in den 1920ern entstanden ist und nie zu einem beachtenswerten literarischen Erfolg geführt hat, v.a. international nicht. Sie hat eine Wiederbelebung erfahren durch die Nachkriegsliteratur (Borchert, Böll etc.). Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied. Die Geschichten waren so sehr gerafft, dass sie nur noch aus Szenen bestand; siehe Borcherts "Ratten". Diese Texte haben beim Leser Wirkung erzielt, weil ihnen die Eindrücke des Krieges noch in den Knochen gesteckt haben. Das schwächte sich in den Sechzigern ab, und von an starb die "endlose" Kurzgeschichte. Kaum ein Autor hat sich noch an diese Geschichten gewagt, und die Verleger haben sie ab den 70er Jahren strikt abgelehnt und tun es heute noch. Der Grund für das Verschwinden ist schnell gefunden: Die Leser haben keinen Appetit auf diese halbgaren Texte. Hinzu kommt, dass es für meine Begriffe sehr schwierig ist, eine Geschichte mit offenem Ende für den Leser interessant abzuschließen. Einfach aufhören, wie es hier im Forum öfters zu lesen ist, ist die schlechteste aller Möglichkeiten. Wie eine Geschichte offen enden kann, habe ich in meiner letzten Horrorgeschichte gezeigt. Dort definiert das offene Ende klar das tatsächliche, denn der Pfad, wie interpretiert werden muss, ist klar aufgezeigt.
Noch ein Wort zur Pointe: Sie ist nicht zwingend, aber wer sie bringt, verleiht einer Geschichte noch einen Kick. Für mich Qualitätssteigerung um 100%; muss nicht jeder so empfinden.


Es ist nicht das erstemal, dass ich scheinbar alltägliche Beobachtungen aufgreife, die meine Verwunderung erregt haben. Regelmäßig treffe ich damit auf wenig Gegenliebe und noch weniger Leser. Es wird mich nicht davon abhalten, es wieder und wieder und noch einmal zu tun. Entweder bin ich damit verbohrt oder es gibt doch noch weitere Menschen, die das Erwähnenswerte im scheinbar Realen sehen können.
Nein, hier irrst du. Es ist ganz richtig, Geschichten von allgemeinen Beobachtungen herzuleiten. Das ist das Prinzip der Kurzgeschichte: Aus einer Alltagssituation entwickelt sich etwas. Der Held wird aktiv, es kommt zu einer Handlung, die steigert sich ... (ich habe das oben schon erklärt). Tu es also wieder und wieder.
Was deine Geschichte betrifft, hast du den tödlichsten aller Fehler begangen: Dein Held gibt auf. Das will keiner lesen! Der Leser braucht Spannung, eine dynamische Handlung, er will am Handeln des Helden teilnehmen - bis zum Schluss.
 

Anders Tell

Mitglied
Ich bin immer wieder verblüfft, lieber bo-ehd, wie schnell Du Pseudowissen produzieren kannst, um Deine merkwürdigen Thesen zu unterfüttern. Das ist alles bullshit in höchster Konzentration. Du weißt aber, was der Leser will und meinst eigentlich, dass Du das so willst.
Reserviere doch bitte Deine Ratschläge für die Verfasser von literarischen convenience food, wie auch Du es bevorzugst. Denen kannst Du auch besser vorgaukeln, dass Du sachkundig bist.
Ich kann jetzt nicht auf alles eingehen, dazu ist der Blödsinn zu stark gewuchert. Nur ein paar Hinweise:
Tucholsky hat keine Kurzgeschichten geschrieben.
Kafka ist die denkbar schlechteste Referenz für Deine wirren Behauptungen. Er überlässt das Denken über seine Geschichten fast immer dem Leser.
Borchert war sehr stark beeinflusst von Hemingway. Ich kenne keine einzige Kurzgeschichte vom alten Ernest, die Deinen Anforderungen entspricht. Aber woher sollst Du das wissen. Hast Du nicht an anderer Stelle "Der alte Mann und das Meer" als Kurzgeschichte bezeichnet? Der hast Du ja auch eine Knallerpointe am Schluss angedichtet.
Anders
 

Shallow

Mitglied
Hallo @Anders Tell,

ein paar Eindrücke von meinerSeite darf ich beisteuern:

Zunächst wiederholst du den Titel im Text, würde ich löschen.

Gemeindeoberinspektorin Mechthild Sprünken war völlig eins mit ihrer Funktion als Zahnrädchen im Getriebe des Bauordnungsamtes. Die eidliche Dienstverpflichtung, die Würde ihrer wichtigen Aufgabe und die Kenntnis der Gesetze gaben ihr den Rückhalt, sich für alle Fälle gerüstet zu fühlen. Die exakte Befolgung der Rechtsnormen bestimmte ihre Grundsätze und sie konnte penetrant darauf bestehen. Dieses Pochen auf Paragraphen hatte ihr

Auf mich macht der Start einen extrem technischen/bürokratischen Eindruck. Das ist sicher gewollt, aber das könnte man eleganter beschreiben, weil der Leser das möglicherweise als sehr sperrig und schwierig empfinden könnte, und die Idee trotzdem transportieren. War "völlig eins" mit einer "Funktion" als "Zahnrädchen" ist aus meiner Sicht sehr erklärend. So geht es eine Weile weiter, da ist kein wirklicher Erzählfluss.

Sie legte großen Wert auf ihre Rangbezeichnung, obwohl dessen Benutzung kaum noch verbreitet war.

Die Rangbezeichnung, "deren", nicht "dessen", da Bezeichnung weiblich ist.

Der Bürger Arno Brandl erschien pünktlich.

Das finde ich klasse: Der Bürger ... Auf diese Art kannst du sehr gut einfließen lassen, worum es dir geht, ohne große Erklärungen.

“Ich habe Sie eingeladen, um Sie über die rechtliche Situation in Ihrer Angelegenheit zu belehren.”

Eingeladen? Oder hat sie vorgeladen? Wäre das nicht stärker?

Die Inspektorin entsann sich des Seminars, an welchem sie vor Kurzem teilgenommen hatte, in dem es um bürgernahes Verhalten ging und in dem die Behörde als moderner Dienstleister verstanden wurde.

"An welchem", dann "in dem es", vorweg der Genitiv: Aus meiner Sicht ist das kein Flow. Ich würde zumindest zwei Sätze aus diesem Bandwurm machen.

“Mein Vater und das Ganze liegt vierzig Jahre zurück.”

Unglücklich ausgedrückt: Der Vater liegt 40 Jahre zurück, das andere auch?


Ihre Aussichten sind aber gering, damit durchzudringen.”

Ihre Erfolgsaussichten sind aber gering - ich weiß schon: Du möchtest die Bürokraten-Sprache bis zum Exzess.

Brandl fragte sich, ob diese Begegnung mit Wesen aus der Verwaltung nicht etwas Unwirkliches hatte.

Und das ist jetzt ein Satz, den ich unbedingt streichen würde: Du ziehst die ganze Geschichte auf, damit der Leser das begreift, was du ausdrücken willst und hier kommt dann nochmal der Holzhammer: Die Erklärung all dessen, was die Geschichte bringen müsste. Raus damit!

Er konnte sich die Inspektorin in keinem anderen Lebensbereich vorstellen und stellte sich bereits vor, dass sie mit den Akten zusammen nach Feierabend in den Schrank gehängt wurde, um sie anderen Tags wieder auf ihren Stuhl zu setzen.

"Vorstellen" und "stellte" sich vor: Da müsstest du nochmal stilistisch ran.

Er war zu sehr mit dem Unrecht beschäftigt, in dem er sich befand.

Auch hier könnte man eher "das ihm widerfahren war" oder ähnlich? So klingt es (für mich) sperrig.

Ansonsten gern gelesen, das Thema ist nun wirklich nicht neu, aber die Liebe, Rache oder Verrat sind auch keine Erfindungen der letzten Woche. Grundsätzlich finde ich es als Geschichte auch absolut ausreichend, den Einwand "Und weiter?" von Jon kann ich nicht nachvollziehen, die Bemerkungen des anderen Kritikers sind ja so wie immer. Dass meine Einschätzungen subjektiv sind, muss ich bei dir nicht betonen. Vielleicht kannst du mit der einen oder anderen Überlegung was anfangen.

Schönen Abend

Shallow

PS: Gibt es wirklich den Unrechtfall? Nicht Unrechtsfall? Google sagt, Unrechtfall wird als Ausdruck nicht verwendet. Absicht von dir?
 
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