Wald

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Wald

Mein Auge
erblickt
Grün und Braun.

Im Herzen
erwacht,
uralter Traum.

Zart strebt
das Licht,
voll stiller Kraft

aus tiefsten Wurzeln
streckt es sich,
stetig wandelnd,
empor und voran.

Mein Leben.
 

Lastro

Mitglied
Hallo Eagon. Sehr wärmend, deine Umdichtung und aufrichtend.

Mir würde in diesem Fall das z.B. das "wild" fehlen, und das "empor" habe ich extra weggelassen, weil der Wald ja auch unsichtbar nach unten und auch zur Seite wächst. Geträumt habe ich auch nicht.

Aber sehr schön zu sehen, dass jeder das Gedicht so wandeln kann, das es zu ihm passt!!
 

blackout

Mitglied
Lastro, mir ist das Gedicht zu sehr verdichtet auf das Allerwesentlichste, quasi noch unbearbeitet zum Gedicht, eher Rohstoff. Ich versetze mich mal in die Sicht eines x-beliebigen Lesers, der aus dem Alltag kommt und dann diese wenigen Worte bzw. Wörter liest. Ich denke, als Autor muss man den Leser in seine Gedankengänge schon etwas umfangreicher einführen, damit das Gedicht verstanden wird und es nicht ein Gedicht für Autoren bleibt. Ich halte es für ein Missverständnis, wenn der Autor dem Leser lediglich Stichpunkte zuwirft, so als ob, der soll sich das Gedicht mal selbst zusammendeuten. Man muss nicht alles sagen, man muss dem Leser zwar etwas zwischen den Zeilen lassen, aber manches muss eben doch gesagt werden.

Es gibt so eine Faustregel: Versetz dich beim Schreiben in den Leser, der, wenn er ein Gedicht liest, aus einer anderen Welt kommt, der des Alltags. seiner Sprache, Leser sind nämlich günstigenfalls im Ausnahmefall Lyriker. Führe ihn hinein in deine Gedankengänge, hoffe darauf, dass er sie als seine begreift - oder ablehnt, aber vor allem darauf, dass er sich mit ihnen auseinandersetzt. In beiden Fällen hast du beim Leser etwas erreicht, nämlich: Er hat gefühlt und gedacht. Das halte ich für den Sinn von Gedichten überhaupt: den Leser zum Fühlen und Denken anzuregen.

Noch so eine Faustregel: Es gibt kein Gedicht, das ein Lyriker lediglich für sich selbst schreibt, ein Gedicht hat immer zwei Autoren: den Autor und den Leser.

Aber zu deinem Gedicht: Sieh dir mal die ersten drei Verse an, das erblicken das Grün und das Braun das Auge. Du meinst aber, dass das Auge das Grün und das Braun erblickt. Nehme ich jedenfalls an. Anderenfalls würdest du dem Grün und dem Braun eine gewisse Portion Schamhaftigkeit oder Geheimnistuerei zuschreiben. Aber wie ich jetzt erst sehe, hast du es ja in der Überarbeitung richtiggestellt.

Ich habe noch etwas auf dem Herzen: Gerade Gedichte, die die Verbindung von Natur und Mensch zum Thema haben, verlangen eine lyrische Sprache, sie bieten sich gerade dazu an. Das hat nichts, wie meist angenommen wird, mit Romantik zu tun. Man kann das auch sehr gegenwärtig ausdrücken.

blackout
 
Zuletzt bearbeitet:
Hallo Eagon. Sehr wärmend, deine Umdichtung und aufrichtend.

Mir würde in diesem Fall das z.B. das "wild" fehlen, und das "empor" habe ich extra weggelassen, weil der Wald ja auch unsichtbar nach unten und auch zur Seite wächst. Geträumt habe ich auch nicht.

Aber sehr schön zu sehen, dass jeder das Gedicht so wandeln kann, das es zu ihm passt!!
Danke für deinen inspirierenden Quelltext und das wertvolle Feedback! Was wildes wäre in der Tat bereichernd gewesen und mit dem radialen Ausbreiten des Wachstums hast du auch einen guten Punkt, denke ich. Je nach philosophischem Standpunkt kann man das ganze Leben als eine Art Traum betrachten, aber das hängt auch immer von der Betrachtungsweise ab. Vielen Dank und weiterhin viel Spass und Erfolg! :)
 

Lastro

Mitglied
Vielen Dank, blackout, für deine gern angenommenen Ratschläge zum Verhältnis Autor – LeserIn.
Ich schreibe ganz unterschiedliche Texte . In einigen Geschichten habe ich die Satzlänge aus den von dir genannten Gründen gekürzt. Erzählungen schreibe ich vermutlich mehr leserorientiert, als Gedichte. Die dichter aufeinander folgende Logik der Bilder scheint mir weniger Raum dafür zu lassen.
Es ist sicherlich ausschlaggebend, wen man erreichen will.
Den Standardleser gibt es wohl nicht. Auf meine Texte erlebe ich ganz unterschiedliche, zum Teil gegensätzliche Reaktionen (habe nach der Lektüre die ganze Nacht nicht schlafen können, lese es immer zum Einschlafen), auch hier.
Verkaufen will ich sowieso nichts, da würde mir gleich die Rente gekürzt.
Meine Zielgruppe ist sicherlich nicht die der LeserInnen, die schnell zwischendurch was lesen wollen, also Fast Food brauchen, in mundgerechte Stückchen Geschnittenes, geschmacksverstärkt. Daran werde ich wohl nichts ändern wollen und können. Den schnell Lesenden werden sich meine Texte kaum erschließen können.

Beim Gedicht „Wald“ hat es länger gedauert, bis ich die Komposition von Begriffen so zusammengestellt hatte, dass sie befriedigend im Einklang mit dem Erlebten waren, dass mir schlichtweg die Sprache verschlagen hatte. Ein Mehr an Worten würde den inneren Raum, der sich mir geöffnet hatte, nur einengen.
Die Worte sind wie eine harmonische Folge von unterschiedlich klingenden Akkorden aneinandergereiht, die insgesamt Raum und Sinn öffnen, um abschließend in einem „mein Leben“ erfassenden Klang zu enden. Eher wie eine Meditation. An diesem Gedicht werde ich wohl für den Leser nichts ändern können. Nicht jeder ist allerdings ein „sprachlicher Musiker“, nicht jeder verfügt über innere Instrumente, die geeignete Klänge abgeben.
In einem Autorenforum wie diesem, sollte, so finde ich, diese Art Gedicht seinen Platz haben dürfen. Es wurde ja auch schon als Inspiration aufgegriffen.
In meinem letzten Bändchen ist es nur ein Gedicht unter anderen Texten mit verschiedenem Charakter, einige sehr intensiv in der Wortwahl, findet so seinen Platz, und erweitert damit das für den Leser mögliche Resonanzspektrum der Sammlung.

Du blickst kritisch auf die ersten Zeilen Wald/ grün, braun / mein Auge erblickend /. Hier hast du, wohl intuitiv, den Schlüssel zum Inhalt gefunden. Tatsächlich sind meine Augen von den genannten Farben, wie auch der Wald. Die Farben des äußeren Spiegelns sind also real, wie auch die Gesamtatmosphäre „Wald“ als Inhalt des inneren Spiegelns, das sich bis zum Schluss des Gedichtes fortsetzend gestaltet.
„Spiegel im Spiegel“ ist ein meditatives Musikstück von Arvo Pärt, fällt mir als eine Parallele dazu ein. Ein Komponist, der unter den Alternativen übrigens ziemlich populär ist.

Lastro
 

blackout

Mitglied
Lastro, ich habe auch mal solche Gedichte geschrieben, habe sie aber später alle geschreddert. Das war ganz zu Anfang, vor Jahrzehnten, als ich noch nicht wusste, wie ich mein Gefühl in die richtige Sprache bringen konnte, die alles ausdrückte. Was du machen wolltest, verstehe ich völlig. Ich denke aber, dass du damit den Leser überforderst. Es ist ja was dran, wenn man den Schreiber auffordert, an den Leser zu denken. Völlig akzeptabel ist es, "ein Gedicht für sich selbst zu schreiben". Ich habe so einige Gedichte geschrieben, die ich niemals in die Öffentlichkeit bringen würde. Ja, sicher, Platz für solcherart Gedichte wie dieses ist vorhanden, aber ich fühle nicht nur, ich weiß, dass es ihnen an Wortmaterial fehlt, das diese Eindrücke auch verbindet wie ein Faden, so dass wirkliche Bilder im Kopf des Lesers überhaupt entstehen können. Aber ich will dir nicht lästig fallen, schreib doch, wie dir ist.

blackout
 

Lastro

Mitglied
Blackout, deine kritischen Worte sind mir nicht lästig, sondern sehr willkommen, und ich schätze ganz besonders die Ausführlichkeit deiner Antworten.
Natürlich schreibe ich aus mir und wie mir ist, aber nicht unreflektiert. Das betrifft unter anderem auch verinnerlichte Beziehungserfahrungen, wie sie sich zum Beispiel im Gedicht „Herbstlich trübe“ niederschlagen. Vielleicht wird der Autor – LeserInnen Kontakt schwieriger, wenn sich im Text die Beziehungsfrage auf eine rohe, nicht menschlich romantisierte Natur zurückzieht, und die menschlichen Kulturen des Miteinanders verlassen werden.
Bei den zukünftig eingestellten Gedichten und Erzählungen bin ich gern bereit, die Autor – Leser Beziehung anhand von Verbesserungsvorschlägen zu diskutieren. ("Das Schiff" unter Erzählungen)

Lastro
 

Mondnein

Mitglied
"Leser sind nämlich günstigenfalls im Ausnahmefall Lyriker"

Maxime einer Elitepräsidentin, die alles, was sie nicht versteht, als "Dreck" bezeichnet, vor allem dann, wenn es gut ist. Das hat den Vorteil, daß dieses Prädikat ("Dreck") so etwas ist wie der nullte Preis über dem ersten.

Aber der zitierte Satz ist - obwohl er so kostbar wie Strass kinkerlitzt - ein billiges Interpretationsangebot aus der Krabbelkiste. Die Wahrheit ist vielmehr, das der Leser das Gedicht macht, jedes. Wenn er nur liest.

Schreiber treten hinter ihr Werk in dem Moment zurück, wo sie es den Lesern preisgeben. Autoren sind nichts - als nur erste Leser. Später dann dritte, zehnte oder der egalwievielte.

Der Leser macht das Gedicht.
 
G

Gelöschtes Mitglied 21215

Gast
Man sieht hier gut, wie verschiedenen man Gedichte schreiben undlesen kann,

ich denk mir still,
dass jeder seine Art zu lesen und zu schreiben
der ganzen Welt als Medizin verschreiben will,
als gäb' es auf der ganzen Welt
nur Kranke, Krankheit, Medizin
 

blackout

Mitglied
Mondnein, ich muss dir leider widersprechen - der Leser allein macht nicht das Gedicht, es braucht immerhin auch noch den Autor. Und ich wüsste nicht, dass ich diesen Text als Dreck bezeichnet hätte. Wenn du vernünftige Kommentare haben willst, schreib Gedichte, dann kriegst du sie. Bisher habe ich von dir noch nicht ein einziges Gedicht gelesen, das nicht alle Zeichen der Dekadenz trägt. Mir ist es eigentlich gleich, was du schreibst oder nicht schreibst, aber wenn du deine Erzeugnisse hier einstellst, musst du mit meinem entsprechenden Kommentar rechnen. Und mach hier in diesem fremden Faden nicht alte Fässer auf.

blackout
 

Mondnein

Mitglied
"Dekadenz" - Nietzsches Lieblingsprädikat. Witzig. Sowas im Munde einer knochenharten Stalinistin.

"Dreck" war blackouts Prädikat für mein Gedicht "zur Hymne". Die alte Dame hat es vergessen, ist ja auch schon eine Woche her. Ich habe es deshalb zum neuen Titel des Gedichts gemacht und es wieder hier eingestellt.

Vielen Dank, blackout, für Deinen Titelvorschlag!
 

Mondnein

Mitglied
Janus:

ich denk mir still,
dass jeder seine Art zu lesen und zu schreiben
der ganzen Welt als Medizin verschreiben will,
als gäb' es auf der ganzen Welt
nur Kranke, Krankheit, Medizin


Nein, wenn der Leser das Gedicht erst zu dem macht, was es in seinem Verständnis sein kann, ist ja eben keine Art, es zu lesen, vorgegeben.

"Phantasie an die Macht!" (- berühmtes poetisches Graffito der Achtundsechziger im freien Berlin, den eingemauerten Berlinhauptstadtderddrbürgern nicht lesbar).
 
G

Gelöschtes Mitglied 21215

Gast
Ich habe ja meine Position heute schon in Liedform eingestellt - "Gedichte sind frei".

Es wäre schön, wenn das gegenseitige Abwerten, das Niedervoten, der Gedichterassismus und die Zensur der Anderen hier enden könnten.

Am Ende wacht man ihr und stellt fest, dass man ohne Feindbild nicht mehr leben kann.
 

Mondnein

Mitglied
Dear Lastro,

ich sehe in Deinem Lied lauter Partizip-Einse. Sie stehen anstelle der Prädikate.
Die Vorschläge oben, die diese Partizipien in einfache Präsens-Prädikate verwandelt haben, gehen offensichtlich auch auf diesen Punkt ein. Die sind auf jeden Fall erwägenswert.

Bedenklich scheint mir der Fazit-Schluß: "mein leben". Ist das so etwas wie die Auflösung eines Rätsels? Oder die Selbstlobfeier des verkannten Dichters - eine Rolle, von der man sich schreibend ironisch distanziert?

grusz, hansz
 

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