Weit übers Meer und dann links

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«Darf ich mich zu Ihnen setzen?»
Roxane schaute nicht auf. Sie tippte eine SMS in ihr Handy. «Bitte!» murmelte sie.
Im Schribsdorfer Gartenrestaurant drängten an diesem maiwarmen Sonntagmorgen die Leute zu den Plätzen, einige Stühle waren noch unbesetzt – na, und wenn er sich ausgerechnet zu mir hocken will, dachte Roxane und tippte, dann meinetwegen. Ein Mensch in verknittertem Hemd und Schlapphut war an ihrem Tisch stehen geblieben. Aus den Augenwinkeln hatte sie ihn im Blick. Er schien nervös zu sein. Unrasiert war er, stellte Roxane fest, als sie zu ihm hochblinzelte. Und da hatte er sich auch schon gesetzt. Rieb sich mit den Handrücken die Augen aus. Guckte sich unruhig um. Der wird sich nicht gerade das Schlemmerfrühstück bestellen, dachte Roxane. Sie tippte weiter in ihr Handy. Eine Nachricht an ihre beste Freundin: «Du, es hat dreizehn geschlagen!» – tippte sie. «Ich habe den Schlipsfritzen aus der Kreissparkasse abserviert, was sagst du? War mir zu anstrengend. Immer nur das Geld anderer Leute im Kopf. Bin ab heute wieder solo. Stand heute Morgen vorm Bahnhofseingang, wollte mich in einen Zug setzen und irgendwo ankommen. Hab ich dann verschoben. Ich trage das Leid der ganzen Welt auf meinen Schultern. Lach nicht!» Sie schickte die SMS ab.
Die Vormittagssonne streifte Roxane über den neu gekauften Hosenanzug. Es duftete rundum nach Kaffee und frischen Brötchen. Ein Dackel bellte zum Himmel hoch – Roxane fühlte sich hundeelend. Aber kein Mensch, verdammtnochmal, und schon gar nicht ein … ein unrasierter Schlapphut hatte sich da einzumischen!
«Ich möchte Sie bitten», sagte der Schlapphut mit leicht zitternder Stimme, nachdem er Roxane eine Weile gemustert hatte, «ich möchte Sie bitten, für eine oder auch zwei Stunden meine Geliebte zu sein, lässt sich das machen?»
Roxane betrachtete sich in dem kleinen Spiegel, den sie aus ihrer Handtasche gefischt hatte. Wie bitte? Hatte sie sich da gerade verhört?
«Selbstverständlich nur zum Schein», fuhr der Schlapphut stockend fort. «Und nur für eine Stunde oder höchstens zwei. Meine heimliche Geliebte, sozusagen. Könnten Sie das für mich einrichten?»
Roxane überlegte, ob sie sich die Lippen nachziehen sollte. Vielleicht kam ja von irgendwoher an diesem Morgen auch noch ein Adonis an ihren Tisch.
«Das würde mir in meiner Situation nämlich weiterhelfen», hörte sie den Schlapphut sagen. «Für die kommenden Tage habe ich ohnehin eine andere Lösung in petto.» Er atmete heftig. «Wenn Sie mir schnellstmöglich eine Antwort geben könnten!» bat er. «Es ist dringend!»
«Ich überlegs mir», murmelte Roxane ohne aufzuschauen. Ein durchgeknallter Oldie, dachte sie. Vielleicht hatte sie Glück: Wenn sie ohne großes Palaver sein Gebrabbel über sich ergehen ließe, hatte sie womöglich schnell wieder ihre Ruhe. Den Tisch konnte sie immer noch wechseln, wenn er zudringlich wurde.
«Ihre Bestellung, bitteschön: einmal Latte mit Biskuitschnitte!» flötete in diesem Augenblick die Kellnerin, die an den Tisch getreten war. «Und der Herr, bitteschön?»
«Ein Wasser.»
«Mit oder ohne?»
«Bloß keinen Alkohol am frühen Morgen, wollen Sie mich umbringen! Das können Sie getrost den anderen überlassen.»
«Also dann ein stilles, der Herr, kommt sofort.» Die Kellnerin rauschte davon – und rauschte mit der Bestellung auch gleich wieder zurück an den Tisch. «Ein stilles Wasser, bitteschön. Und auch etwas für den Magen, der Herr? Wir hätten Rührei mit Lachsröllchen auf der Tafel.»
«Sie stören!» bekam sie zur Antwort.
«Dann vielleicht später eine Semmel von vorgestern, der Herr!» maulte die Kellnerin. Mit einem knappen Aufschnauben trabte sie davon.
Roxane blinzelte verstohlen über den Tisch. Der Schlapphut schien äußerst nervös zu sein. Er knibbelte an seinen Fingernägeln, guckte ein ums andere Mal zur Tür hin, die vom Garten in den Schankraum führte, und dort – Roxane fiel er jetzt auf – dort an der Tür stand ein Mensch, der auch an den Fingernägeln knibbelte. Und lauerte. Zu ihrem Tisch herüberlauerte.
«Mein Sohn Moritz!» erklärte der Schlapphut, der Roxanes Blick gefolgt war. «Lässt mich nicht aus den Augen. Weil: Er hält mich für verrückt. Er und seine ganze Sippe. Halten mich alle für verrückt. Schauen Sie sich um: Da sitzen sie.» Der Schlapphut zirkelte mit dem Zeigefinger einen Halbkreis. «Sind mir bis hierher gefolgt. Haben sich unter die Leute gemischt, damit sie mich im Blick haben. Lauter liebenswerte Menschen, denen ich nicht entkommen soll. Dort hinten das Kalkgesicht mit dem Obsttellerhütchen: meine Schwiegertochter Marlene. Hält mich für eine verirrte Seele, die gerettet werden muss. Und dort die ausgefranste Blondine, sehen Sie, wie es aus ihren Knopfaugen zu uns herüberblitzt? – meine geschiedene Frau Tita. Eine Schlange! Seit der Scheidung sieht sie in mir nur noch das Kaninchen, das es zu verschlingen gilt. Und achten Sie auch auf den da drüben am Tisch unter der Birke, der mit dem Bierschaum auf der Oberlippe! Sehen Sie ihn? Sieht aus wie ein Gartenzwerg beim Zähneputzen, finden Sie nicht?» Der Schlapphut kicherte. «Das ist Enzo Cartelli, mein Manager! Schauen Sie sich um! Lauter reizende Leute, nicht wahr? Sie haben mich eingekreist! Wollen mich nicht aus ihren Krallen lassen! Haben sich in den Gedanken verbissen, ich sei unwiderruflich einer der ihren. Einer, der für alle Ewigkeit mit ihnen verbandelt ist. Bin ich das denn? Das ist nämlich hier die Frage: Wer bin ich? Diese Frage beschäftigt mich. Nicht erst seit heute, das können Sie mir glauben.» Der Schlapphut stützte die Arme auf die Tischkante, legte das Kinn in die Hände und fing an zu brummen. Leute an den Nachbartischen hoben die Köpfe. «Ein Sonntagmorgenliedchen gefällig?» fragte der Schlapphut. Roxane zuckte mit den Schultern. Er nahm es als Aufforderung und begann leise zu trällern.

Mensch bin ich irgendwie seit siebzig Jahren,
Ich bin kein Held und auch kein abgedrehter Typ,
Ich bin ein Hans im kleinen Glück,
Und guck ich auf mich selbst zurück,
Möcht ich aus allen meinen Häuten fahren!

Er hielt inne. «Wenn Sie mich nach meinem Beruf fragen, meine Schöne: Ich bin Sänger. Ich singe alles. Straßenlieder, Schlager, Liebeslustlieder, was Sie wollen.»

Nachts manchmal kann ich irgendwas erahnen,
Dann kann ich allerkleinster König sein,
Und Träume schick ich auf die Sternenbahnen
Vom Zipfelglück der Kinder und Bramahnen,
Mit hunderttausend Fragen schlaf ich ein.

«Aha …!» Der Schlapphut hatte unvermittelt aufgehört zu trällern. Kniff die Augen zusammen. «Die Herrschaften gehen zum Angriff über, aha!»
Roxane hob den Blick. Dieser Manager, der aussehen sollte wie ein zähneputzender Gartenzwerg, der war gerade von seinem Platz aufgestanden. Er öffnete einen kleinen Koffer, den er vor sich auf den Tisch gestellt hatte, nahm ein Kabel heraus, schraubte ein Stativ zusammen und klemmte ein Mikrofon daran fest … so deutete Roxane das Geschehen. Dann packte er sich die Sachen unter den Arm und ging damit langsam – auffallend langsam und unverhohlen zu ihrem Tisch herüberlauernd – zu diesem Moritz an der Tür. Sie wechselten ein paar Worte, die Roxane nicht verstehen konnte, und schließlich bauten sie neben der Tür eine Mikrofonanlage auf.
«Sie wollen mich stoppen!» kommentierte der Schlapphut die Vorgänge. «Sie wollen mich festnageln! Aber das wird ihnen nicht gelingen! Ihre Rechnung wird nicht aufgehen!» Er kicherte. «Gestern Abend, Sie werden es nicht für möglich halten, meine Schöne, gestern Abend hat mich das Publikum ausgepfiffen! Eine ganz neue Erfahrung für mich. Ich habe gelitten, kann ich Ihnen sagen. Ausgepfiffen! Aber glauben Sie mir, wenn ich mir jetzt einen Ruck geben würde, zum Mikrofon ginge und den Leuten hier im Garten eines meiner eierkuchenseligen Lieder zum Besten gäbe, jede Wette, die Leute würden mir wieder zuklatschen, wie sie es immer tun, und das ginge mir dann wie Butter durch die Seele. Ich hätte plötzlich wieder das Gefühl: Hier werde ich geliebt, hier bleibe ich, hier bin ich wieder der Hans im kleinen Glück! Damit rechnen nämlich diese reizenden Herrschaften dort an der Tür und an den Tischen, verstehen Sie? Ach, Gott, ja, dass ich es vergessen konnte!» fügte der Schlapphut im gleichen Atemzug hinzu: «Wenn ich mich Ihnen vorstellen darf, meine Schöne!» Er stand vom Stuhl auf und nahm den Hut vom Kopf: «Adrian Mielnickel, Sänger. Seit Ewigkeiten Sänger und auf Achse. Um mich herum, ob ich es will oder nicht, ist immer Musik, nicht wahr! Ich habe Harmonien zu allen Lebenslagen im Angebot, was sagen Sie! Sänger in der Swingband The Flying Shadows – schon von ihnen gehört? Eine Provinztruppe, die es nie auf die ganz große Bühne geschafft hat. Sänger. Bis gestern Abend jedenfalls. Wir gaben ein Konzert in … in Hülsenhops oder so ähnlich …»
«Hülsenhohe!» korrigierte Roxane. Es war ihr herausgerutscht. Unabsichtlich.
«Hülsenhohe oder Hülsenhops, weiß der Teufel! Ich habe mich in meinem Leben in so vielen Hülsendingsdas herumgetrieben, da merkt man sich keine Namen mehr. Das Publikum gestern Abend … anfangs haben die Leute gejubelt, dann haben sie mich ausgepfiffen. Meine Schuld, keine Frage: Ich hatte plötzlich aufgehört zu singen. Ohne Vorwarnung. Können Sie sich das vorstellen? Ich stand auf der Bühne, guckte nach unten ins Publikum, gerade war ich zu der Stelle gekommen, wo es in meinem Lied heißt: Im Durchschnitt liegt das Glück der Welt und da passierte es! Auf einmal brachte ich keinen Ton mehr heraus. Zu meiner eigenen Überraschung. Es muss dem Publikum so vorgekommen sein, als habe sich da der Sänger Adrian Mielnickel in einem Augenblick höherer Fügung … wie soll ich es ausdrücken? … in die Bestandteile seiner Durchschnittlichkeit aufgelöst, haha! Klingt pathetisch, aber so wars. Kein Wunder, dass die Leute mich ausgepfiffen haben. Aber, meine Schöne, das alles schert mich doch heute nur noch einen dicken Käse, nicht wahr! Denn von heute an ist mit alledem Schluss! Heute ist mein Geburtstag: Ich werde siebzig! Von heute an bin ich nicht mehr der abgetakelte Sänger irgendwelcher Flying Shadows und erst recht nicht mehr das fossile Oberhaupt einer liebenswerten Familie, weil: Ich steige aus! Ende und Finito mit dem Trallala! Weil: Die Fee, auf die ich heimlich immer gehofft habe, mein Leben lang, können Sie mir glauben, heute Morgen, in meinem ganz und gar abenteuerlichen Geburtstagstraum heute Morgen vor dem Aufwachen – plötzlich saß die Fee mir auf dem Schoß, und sie flüsterte mir zu: Du machst dich augenblicklich auf die Socken! So drückte sie es aus. Aber, hielt ich dagegen, ich kann doch die Familie nicht zurücklassen, sie spekulieren doch alle auf meinen Erfolg, so haben sie es immer gemacht, ich versorge sie, und dafür lieben sie mich! Die Fee schüttelte den Kopf. Sie nehmen dir die Luft, widersprach sie. Da ahnte ich es, meine Schöne! Dass ich es machen musste! Dass ich mich von keinen Zweifeln mehr bremsen lassen durfte. Und die Herrschaften – alle, wie sie da jetzt so unauffällig harmlos herumsitzen und zu uns herüberlauern – geahnt haben sie es vielleicht auch schon gestern Abend. Seit heute Morgen aber wissen sie es genau. Ich habe es ihnen unverblümt mitgeteilt. Zettelbotschaft am Sonntagmorgen unter der Tür hindurch an alle: Meine Lieben, von heute an werde ich – ich, der gute alte Adrian Mielnickel, an dem ihr euch geschlagene siebzig Jahre lang in schnorrender Mitmenschlichkeit abgearbeitet habt – von heute an werde ich ein Vogel sein!»
Der Schlapphut holte tief Luft. Dann hielt er die Hände wie eine Tüte vor den Mund und fing wieder an zu singen. Leise über den Tisch.

Ich wollt, ich wär ein Häher,
Ich käm den Wolken näher,
Noch kann ich nicht ins Weite ziehn,
Ich bin ein Pinguin!

«Noch! Noch, meine Schöne, fühle ich mich so tapsig wie ein Pinguin, ja! Aber das wird sich ändern. Hören sie mir überhaupt zu?»
Roxane hatte zugehört. Beinahe gegen ihren Willen. Dieser … dieser Adrian Mielnickel … sein Gesicht … in der Morgensonne sah es aus wie ein Stück zerknautschtes Packpapier … und ja, auf den ersten Blick war er auch ein grässlicher Kerl … aber! Roxane konnte es sich nicht erklären: Dieser Kerl machte sie neugierig. Sie schaute ihn an. Schüttelte den Kopf. Wollte wegsehen. Beugte sich dann näher zu ihm hin und entdeckte, dass er zwei unterschiedlich geweitete Nasenlöcher hatte.
«Ich weiß, was Sie gerade denken, meine Schöne: Einer, der aussieht, als sei er auf dem Müllplatz zu Hause, aus dem wird allenfalls eine Schmuddelkrähe, aber kein bunter Vogel. Lachen Sie nicht, meine Schöne! Würde Ihnen Schmuddelschwan besser gefallen?» Er fing wieder an zu singen. Gar nicht mehr leise. An den umliegenden Tischen hörte man amüsiert zu.

Ich wollt, ich wär ein Schwan,
Ich zöge dich im Kahn,
Bei Meter fünfzig sagt ich hepp!
Und nähm dich hoch im Schlepp!

Er schüttelte den Kopf. «Entschuldigen Sie, das Liedchen war nicht auf Sie gemünzt. Nichts als das Gelegenheitsgeträller eines heruntergekommenen Sängers. Der die ganze Nacht über kaum geschlafen hat. Der jetzt ein wenig überdreht vor Ihnen sitzt und ein paar schräge Töne spuckt. Wissen Sie: Ich habe mich eine Nacht lang im Bett herumgewälzt. Im Gedankenschnellzug bin ich durch die siebzig Jahre meines Lebens gesaust, und es war eine ziemlich enttäuschende Reise. Bis der Schaffner heute Morgen – Endstation! – hat er gerufen. Alles aussteigen, rief er. Und auf einmal wusste ich es: Ich war mein Leben lang immer nur im Kreis herum gefahren. Also stieg ich aus, und ich redete mit mir selbst: Adrian Mielnickel, sagte ich, entweder, du gehst jetzt zu Fuß weiter wie bisher und steuerst den nächstbesten Friedhof an, oder: Du hebst ab! Fliegst davon! Und kaum hatte ich das zu mir selbst gesagt, plumpste mir die Fee in den Schoß und flüsterte es mir ins Ohr: Adrian Mielnickel, du machst dich augenblicklich auf die Socken!»
«Und wohin werden Sie fliegen?» fragte Roxane.
«Weit übers Meer und links!»
«Ganz schöne Strecke!»
Wieder fing er an zu singen. Leise über den Tisch.

Ich wollt, ich könnt im Möwenflug
Die erste Strecke nehmen,
Ich weiß noch nicht, wie heb ich ab,
Mach ich nach fünfzig Metern schlapp,
Blackout in den Systemen?

Ich wollt, ich könnt die Flügel drehn
In Richtung Paradiese,
Ich weiß noch nicht, wo halt ich an,
Ob ich die Landung schaffen kann
Im Sumpfloch einer Wiese?

Ich wollt, ich könnte vor mir her
Die Wolkenberge schieben,
Ich wollt, ich wäre stark und schrie
Den Himmel an, als hätt ich nie
Mich unten rumgetrieben.

«Beneidenswert, was Sie sich da vorgenommen haben!» sagte Roxane. «Aber ein frisches Hemd für die lange Reise hätten Sie ruhig riskieren können!»
«Ich hatte es auf einmal eilig heute Morgen. Habe mir meinen Lieblingshut geschnappt und bin von zu Hause ausgerissen», entgegnete Adrian Mielnickel. «Sie schliefen alle noch, als ich das Haus verließ. Dachte ich jedenfalls. Ich bin ein kurzes Stück unsere Straße entlang gegangen, und hinter der ersten Kreuzung – ich wollte es selbst nicht glauben – bin ich zum ersten Mal vom Boden abgekommen. Ja, ich bin geflogen! Eine kurze Strecke die Linksabbiegerstraße entlang! Und dabei haben die Herrschaften mich beobachtet. Standen plötzlich allesamt auf dem Bürgersteig und sahen mir beim Flugtraining zu. Meine Zettelbotschaft hatte sie aufgeschreckt. Auch hinter den Fenstern standen auf einmal Leute und guckten. Meine ersten Flugversuche waren nicht ohne Lärm abgelaufen, können Sie sich vorstellen, das Herumgestolpere am Anfang, der Jubel, als ich vom Boden abkam – keine Ahnung, was ich da gebrüllt habe – aber es wird die Leute aus dem Schlaf gerissen haben. Also setzte ich sofort zur Landung an und rief es allen zu, über die Straße hinweg und zu den Fenstern hoch: Ihr habt es gerade gesehen, ich werde ein Vogel sein! Heute noch! – Zugegeben, es war kein großartiger Flug gewesen, den ich da geboten hatte, und ich wollte mich auch davonstehlen und in aller Heimlichkeit irgendwo weitertrainieren. Aber sie sind mir gefolgt. Bis hierher. Vorhin, als ich mir ein Frühstück bestellen wollte – dort hinten in der Ecke saß ich – krochen sie plötzlich alle auf mich zu. So jedenfalls kam es mir vor. Da ist mir der Appetit vergangen. Ich stand vom Stuhl auf und steuerte Ihren Tisch an, meine Schöne, denn hier war ich erst einmal in Sicherheit. Jetzt trauen sich die Herrschaften nämlich nicht an mich heran. Diese Konstellation können sie sich nicht erklären. Vielleicht wittern sie ja so etwas wie eine kleine Sensation, reden sich ein, ich könnte mit Ihnen, meine Schöne, womöglich eine Eroberung gemacht haben, und an eine solche Eroberung wollen sie erst einmal nicht glauben. Weil: Eine Eroberung in meinem Alter, die wäre in ihren Augen ein Wunder, mit dem nicht mehr zu rechnen war. Ein Wunder, dem man etwas Zeit zur Entfaltung gibt, ehe man darüber nachdenkt, wie man es ausschlachtet.» Adrian Mielnickel kicherte hinter der vorgehaltenen Hand. «Mit meinen Eroberungen sind die Herrschaften immer sehr diskret umgegangen, kann ich Ihnen sagen. Man hat sie zur Kenntnis genommen und gerne davon profitiert. Enzo Cartelli, dieser bemerkenswert mitfühlende Zeitgenosse da drüben … schauen Sie zu ihm hin! Fällt es Ihnen auf? In Gedanken verkauft er uns beide gerade an die Presse!» Adrian Mielnickel kicherte wieder. «Ich schlage vor: Wir sollten ihn über unsere Pläne nicht länger im Ungewissen lassen! Gestatten Sie mir also, dass ich Ihnen ein wenig näher auf die Pelle rücke. Ich benötige Sie und Ihre Schönheit. Kurzfristig. Vielleicht darf ich sogar meinen Arm um Ihre Hüfte legen, wenn wir gemeinsam das Restaurant verlassen? So nämlich müssen wir es durchziehen, in Sekundenschnelle! Und dann nichts wie ab irgendwohin in den Untergrund! Die Herrschaften werden uns natürlich folgen, damit ist zu rechnen. Sie werden alles versuchen, um uns auf den Fersen zu bleiben. Deshalb müssen wir auch sofort in den zügigen Dauerlauf wechseln, wenn wir das Restaurant hinter uns gelassen haben!»
«Und das kriegen Sie tatsächlich hin: davonzufliegen?» fragte Roxane lächelnd. Sie wollte nichts von dem ernst nehmen, was ihr der redselige Schlapphut da erzählte, aber sie fand ihn amüsant. Seine Geschichten hellten ihre Stimmung auf. Verrücktheiten, ja, aber Roxane wollte sich darauf einlassen. «Davonfliegen – das ist doch eine ziemlich komplizierte Angelegenheit!» sagte sie.
«Ich glaube, es ist ganz einfach», widersprach der Schlapphut. «Ich habe es schon einmal geschafft. Ist lange her. Damals war ich ein junger Mann, gerade zwanzig, fünfundzwanzig, ich bin davongeflogen, über alle Dächer nach … ich weiß nicht mehr, wohin. Tja. Und mit der ersten Zwischenlandung hatte es mich in einen Park verschlagen, an einem warmen Sommerabend, die Besucher hatten den Park längst verlassen, nur eine junge Frau, ein Engel, hockte noch hinter einem Gebüsch auf der Wiese und las in einem Buch. Sie hatte die Welt um sich herum vergessen, las und wollte, so schien es mir, auf der Wiese übernachten. Und so habe ich sie kennengelernt: Tita, meine Frau. Damals ein geheimnisvolles Wesen, das mich mit einem unglaublich ansteckenden Lachen zum Bleiben überredete. Ich bin an diesem Abend nicht weitergeflogen. Am nächsten Tag auch nicht. Als ich es nach unserer Hochzeit später noch einmal versuchte, hatte ich vergessen, wie ich es anstellen musste. Vor zwei Jahren haben wir uns scheiden lassen.» Er hielt einen Augenblick inne. «Jetzt aber werde ich es genauso machen wie damals, mir ist nämlich wieder eingefallen, worauf es ankommt: Ich werde alles vergessen, was ich weiß und wie man sich bewegt. Das ist wichtig! Und ich werde mit den Flügeln schlagen, so gut ich es schon kann. Man muss daran glauben können, meine Schöne! Das ist alles. Das genügt! Ich habe vorhin mit dem Hotel Auenblau telefoniert und angefragt, Sie kennen es? Dort kann ich ein Zimmer bekommen inklusive Zugang zum Fitnesskeller. Na, und dort werde ich trainieren. Den Gleitflug. Den Sturzflug. Den Langstreckenflug. Ich weiß es, meine Schöne: Ich werde ein Vogel sein!»
«Ich wünsche es Ihnen», sagte Roxane.
«Bedeutet das, Sie stimmen zu? Sie werden meine heimliche Geliebte sein? Kurzfristig? Bis wir die Herrschaften hier allesamt abgeschüttelt haben?»
Roxane schloss für einen Moment die Augen. «Ich halte das alles für einen Spleen» sagte sie dann lächelnd. «Aber warum eigentlich nicht? Vielleicht kann ich in Gedanken sogar ein bisschen mitfliegen, ich könnte es gebrauchen!»
«Wunderbar!» sagte Adrian Mielnickel leise. Und dann sagte er: «Sie erlauben, dass ich Ihnen auf gut Glück eine Liebeserklärung mache?» Leise trällerte er über den Tisch:

Vielleicht zählt Unsereins zum alten Eisen,
Vielleicht soll morgen schon Verschrottung sein,
Vielleicht schlägt Unsereins die letzten Schneisen
Und drängt sich einmal noch ins Leben rein.

Ich war zum letzten Mal vor tausend Jahren
Verliebt in eine längst vergessne Frau,
Ich weiß nicht mehr, ob wir im Himmel waren,
Wir wollten hin, das weiß ich noch genau.

Ich bin kein Mann von Welt und von Erfahrung,
Ich geh tagaus tagein im gleichen Hemd,
Und alle Wunder einstiger Behaarung
Hat mir die Zeit für immer weggekämmt.

Ich denke gern an jene Glücksmomente,
Da ich noch sagen konnte: Fünfzig – und?
Es geht dein Geist noch lange nicht in Rente,
Du brauchst noch lange keinen Ausgehhund!

Jetzt, da die Siebzig angefangen haben,
Nehm ich den Hund als gottgegeben an
Und lass mich gerne mit dem Hund begraben,
Wenn ich mich einmal noch verlieben kann.

«Meine Damen und Herren, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit!» Enzo Cartelli, der Manager an der Tür – nach ein paar Quietschgeräuschen hatte er die Mikrofonanlage auf Gartenlautstärke eingestellt, und jetzt setzte er zu einer Rede an. «Wir feiern heute», trompetete er, «an diesem sonnenüberschütteten Maienmorgen feiern wir den Geburtstag eines großen Sängers! Sie alle kennen und lieben ihn unter seinem Künstlernamen: Adrian Adriano! Gebürtiger Schribsdorfer! Den es in jungen Jahren Richtung Hollywood getrieben hat, der gestern Abend noch in Hülsenhohe auf der Bühne stand, bravo! Den man in Oldenburg feierte, der in Hildesheim gesungen hat. Oh, ja, die Bretter bedeuteten ihm eine Welt, und der flügelleichte Swing war immer seine Spezialität. Und so habe ich mir als sein Manager gedacht, dass wir ihn jetzt hierher ans Mikrofon bitten werden, auf dass er uns einen seiner Evergreens zum Besten gebe, bravo!» Enzo Cartelli warf die Hände über den Kopf und klatschte den Leuten zu. Die Leute an den Gartentischen klatschten hier und da mit. «Auf gehts!» wurde gerufen. Schwiegertochter Marlene, das Kalkgesicht mit dem Obsttellerhütchen, war aufgesprungen und rief: «Er lebe hoch!» Tita, der geschiedene Engel, wedelte mit den Händen einen Vierertakt in die Wolken und rief: «Rattattatamm!» Ein paar Leute standen von den Stühlen auf, denn über Lautsprecher ließ Enzo Cartelli jetzt eine Swingband von der Leine. «Wir hören», jubelte der Manager ins Mikrofon, «wir hören, meine Damen und Herren, von und mit Adrian Adriano, die ganz und gar romantische Ballade: Im Durchschnitt liegt das Glück der Welt!
Die Musik wurde laut. Ein Paar war aufgestanden und fing an zu tanzen. Andere Paare folgten. «Mein lieber Adrian, dann komm doch bitte zu uns ans Mikrofon!» trompetete der Manager.
«Das könnte ihm so passen!» knurrte der Schlapphut. «Folgen Sie mir!» zischte er Roxane zu. «Wir fliehen!»
Im gleichen Augenblick stand aber schon Manager Enzo Cartelli neben ihm am Tisch, nahm Adrian Mielnickel am Ellenbogen und zog ihn zum Mikrofon. Die Leute klatschten. «Ich will aber nicht!» fauchte Adrian ins Mikrofon. Die Leute johlten und riefen: «Er will aber nicht!» Und der Manager sang dann auch schon die ersten Takte der angekündigten Ballade, dass es aus den Lautsprechern nur so dröhnte. Aber Adrian blieb stumm. Er stand vor dem Mikrofon, schaute auf die Leute, suchte mit dem Blick Roxane, er konnte sie im Getümmel nicht entdecken, aber sie sang! Roxane – er glaubte es ganz deutlich zu hören – Roxane sang, sang für ihn!

He, Mann mit Spleen! Ich bin vorausgeflogen,
Gerade eben im Gedankenflug,
Gleich hinterm Bahnhof bin ich abgebogen,
Als hinter mir die Bahnhofsuhr – dreizehn schlug.

He, Mann mit Spleen! Ich seh uns beide fliegen,
Wir treffen uns demnächst an einem Baum,
Ich bin dann schon mal auf den Baum gestiegen,
Wer weiß: Der Baum gehört vielleicht zu einem Traum.

He, Mann mit Spleen! Dort in die Ferne blickend,
Sitz ich und frage mich, wie krieg ichs hin,
Den Mann mit Spleen, an seinem Traume strickend,
Als Träumenden in meinen Traum zu ziehn.

He, Mann mit Spleen! Uns trennen viele Welten,
Doch in der Träumerei wärn wir ein Knüllerpaar,
Wir könnten insofern als Traumpaar gelten,
Das nicht nur eine Zwischenzeitbekanntschaft war.

Sie waren im Gleitflug aus dem Gartenrestaurant geflüchtet: Roxane und der Schlapphut. Die Leute, von Manager Enzo Cartelli dazu animiert, johlten noch, und hier und da wurde getanzt – da hatte Roxane sich durch die Menge gewühlt, hatte den verdutzt guckenden Adrian Mielnickel am Hemdärmel gefasst und zog ihn mit sich fort. «Gleitflug!» hatte sie ihm zugerufen. Setzte selbst zum Gleitflug an, und Adrian stolperte ihr hinterher.

Im Handumdrehen waren sie auf die Straße gelangt. Verfolgt von der plötzlich aufgeschreckten Verwandtschaft. «Die haben noch nicht bezahlt!» rief die Kellnerin – aber die beiden Zechpreller waren schon außer Sichtweite, und einen Augenblick später waren sie wie vom Erdboden verschluckt. Die Verfolger hatten das Nachsehen.

Adrian Mielnickel trainierte im Fitnesskeller des Hotels Auenblau zunächst den Sturzflug. Denn der war ihm auf der Treppe nach unten im ersten Anlauf missglückt: Kopfüber war er an einer Bruchlandung vorbeigeschrammt. Auch Roxane konnte mit ihrem ersten Flugversuch nicht wirklich zufrieden sein: Übermütig und mit geschlossenen Augen hatte sie sich, übers Treppengeländer rutschend, an einem Tiefflug versucht, aber das Abbremsen war dann beinahe zu einem Überschlag geworden. Adrian konnte sie gerade noch auffangen.
Im Hotelzimmer hatte Adrian dann geduscht, hatte sich umgezogen, und im Jogginganzug, der ihm von der Hotelleitung ausgeliehen worden war, sah er jetzt aus – Roxane sagte es bewundernd: «Wie ein Kinocasanova!»
Bis zum Abend arbeiteten beide konzentriert an ihrer Flugtechnik. «Die Fingerspitzen müssen den Arm in direkter Linie verlängern!» erklärte Adrian. «Schon die geringste Fingerkrümmung führt zur Verwirbelung, und man bricht aus.»
Roxane entdeckte sehr schnell ihre Leidenschaft für den Kunstflug, und sie empfand ein Heidenvergnügen daran. Um Mitternacht saßen beide im Hotelzimmer bei einer Flasche Rotwein zusammen. Eine zweite Flasche stand in Reserve. Adrian erzählte von den Welten, die er anfliegen wollte, und Roxane hörte ihm zu.
Und irgendwann – Roxane fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen – irgendwann sah sie Adrian durchs Hotelzimmer fliegen. Ja … er flog …

Als Roxane sich gegen Morgen verabschiedete, sagte sie ein bisschen rotweinselig und – sie wunderte sich über sich selbst – auch ein bisschen verliebt: «Ich komme wieder. Dann sprechen wir von meinen Welten!»
Auf dem Heimweg verlief sich Roxane, denn der Rotwein wirkte in der Morgensonne nach. Sie kam an einem Fußballplatz vorbei. Dort hockte eine Taube mitten auf dem Rasen, und als sie, von Roxanes Schritten jäh aufgeschreckt, in den Morgenhimmel abhob, versuchte Roxane aus den Flugbewegungen der Taube die Geheimnisse des Blindflugs herauszulesen. Und blind davonschiebend landete sie schließlich vor ihrer Haustür. Sie legte sich sofort schlafen. In ihrem Traum fand sie sich als fingerspitzensteuernde Kunstfliegerin wieder.

Roxane schlief bis zum Mittag. Nach einem verspäteten Frühstück machte sie sich auf den Weg zur Kreissparkasse. Sie nahm unbefristeten Urlaub. Ihrem Chef, dem Kreissparkassendirektor Mühlbein, erklärte sie, sie wolle sich nun für eine Weile planlos ins Leben stürzen, und wenn sie denn eines Tages wieder Lust auf Kreissparkasse verspüre, werde sie zu den Aktenordnern zurückkehren. Herr Mühlbein nahm das mit einem Hundeblick zur Kenntnis. «Glück auf denn, junge Frau!» waren seine letzten Worte.

Roxane nutzte den Nachmittag für ihr Flugtraining. Bis zum Abend. Dann machte sie sich auf den Weg zum Hotel Auenblau. An der Rezeption bat sie darum, man möge bei Herrn Adrian Mielnickel nachfragen, ob er ansprechbar sei. Ihr wurde erklärt: Herr Mielnickel sei bereits in aller Frühe abgereist. Er habe aber einen Brief hinterlassen, sagte die Rezeptionsdame, «Herr Mielnickel hat Ihr Bild auf den Umschlag gezeichnet.» Roxane öffnete den Brief. Sie las:

Roxane, meine Schöne, du, ich konnte
Nicht länger warten,
Du, ich flieg schon mal voraus,
Gestern Abend warst du alles,
Warst die Sehnsucht, warst die Zeit …

Hinter allen Zeiten warst du,
Und beim Wolkenschieben warst du
Aller Unsinn, alle Schönheit,
Du, ich fliege eine Acht …

Unter mir schwimmt eine Insel,
Flieg ich weiter, flieg ich tiefer?
Alle Farben seh ich unten,
Farben, die ich noch nicht kenne …

Ach, Roxane, meine Schöne,
Seh ich dich da unten wedeln
Mit den Händen, meine Schöne?
Du, ich fliege erst mal weiter,
Immer weiter, immer weiter ….

Irgendwo lass ich mich tief und tiefer fallen,
Und dann lieg ich zwischen Muschelkalk und Quallen …

Irgendwo malt mir die Sonne einen Fleck
In den Sand, dort bleib ich, oder ich lauf weg …

Irgendwo bin ich vielleicht nach links gebogen,
Oder hab mich an Lianen hochgezogen …

Irgendwo erwartet mich ein Inselstück,
Und dort sitz ich dann eventuell im Glück …

Roxane faltete den Brief zusammen. Ganz langsam. Sie wusste es: Sie würde ihm hinterherfliegen. Sie wusste: Dieser verrückte Kerl – sie konnte es sich nicht erklären – er hatte sich in ihr Herz geschlichen. Ja, sie würde ihm hinterherfliegen. Sofort mietete sie sich im Hotel auf unbestimmte Zeit ein und setzte im Fitnesskeller ihr Flugtraining fort. .
 

Ji Rina

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Hallo Joe Fliederstein!
Mit dem lesen Deiner Erzählung hatte ich aus Neugier begonnen, weil mir der Titel unheimlich gefällt. Dann hat mich die aussergewöhnliche Geschichte zum weiterlesen verleitet. Nun kann ich mich nicht erinnern, wann ich das letzte mal solch eine seltsame Geschichte gelesen habe….Aber sie ist ohne Zweifel aussergewöhnlich, und alles was aus der Reihe fällt, gefällt mir. Das lesen war jedoch anstrengend, weil kaum Absätze eingefügt sind. Und der Text ist sehr lang. Vielleicht möchtest du bei deiner nächsten Erzählung daran denken, mehr Absätze einzufügen. Seltsam fand ich Roxanes Schweigen – bis fast zur Mitte des Textes. Alles was Adrian da von sich gibt, und keinerlei Reaktion ihrerseits. Als Leser weiss man nicht wie alt Roxane ist, aber der SMS nach, stellte ich mir ein eher junges Mädchen vor. Da war ich überrascht, dass Adrian siebzig ist. Für junge Mädchen heutzutage ist ein siebzigjähriger ja schon ein Greis. Man könnte sich besser in die Geschichte einfühlen, wenn Adrian ziemlich schnell sein Alter preisgäbe und sie darüber (vorerst) geschockt ist. Denn zu beginn des Textes macht sie sich ja Gedanken über ihn “Ein durchgekanllter Oldie” (Gleich vor diesem Satz, könnte man schreiben, wie alt er ist) Ich schreibe das nur, weil es mehr Nähe zu den Figuren sorgen würde. Sehr gefallen hat mir die totale Gelassenheit der Roxane am Anfang (wenn Adrian erzählt und sie daran denkt, die Lippen nachzuziehen, etc). Der gesamte Text erschien mir (viel) zu lang. Oder besser: Adrian erzählt sehr viel. Aber meiner Meinung nach, ist der Grund dafür , das keinerlei Mimik, keinerlei Gestik des Adrian beschrieben wird. Das macht den Text schwer, da ja auch keine Dialoge vorhanden sind (erst zum Schluss). Gut gefallen hat mir die Beschreibung der ganzen Sippe in der Umgebung. Das war sehr hautnah beschrieben. Resümierend: Sehr angenehm die Sprache, der Schreibstil; das aussergewöhnliche dieser Geschichte, und der schöne Titel.
Schönen Gruss, Ji
 
Hallo Ji Rina,

das habe ich nicht mehr erwartet: eine derart tiefgreifende und vor allem offene Kommentierung. Ich war darauf vorbereitet, dass, wie bei meiner ersten Geschichte, vielleicht 60/70 Mitglieder Interesse zeigen würden, einszwei Sätze dazu sagen – und nach ein paar Tagen ist die Chose dann abgehandelt. Wäre es so gekommen, hätte ich nie wieder eine Erzählung bei LL eingestellt, denn wegen der Besucherzahlen oder der schönen grünen Sternchen bin ich in dieses Forum nicht eingetreten. Also erst einmal: danke! Grundsätzlich. Und danke für die Hinweise, die ich alle überdenken, und wenn es sich anbietet, nutzen werde.

Das Problem mit den Text-Absätzen habe ich selbst auch erkannt, es bisher aber nicht lösen können. Wenn ich einen derart umfangreichen Text per copy-and-paste aus einem Schreibprogramm nach LL herüberzuziehen versuche (ich kopiere aus Pages und dem Scrivener), dann entstehen, seltsamerweise nicht immer, überlange Absätze, die ich im Eilverfahren dann einzuebnen versuche (als Neuling habe ich noch nicht herausgefunden, nach welchen Zeitsprüngen die LL die Bearbeitungsfunktion außer Kraft setzt – deshalb Eilverfahren, was sich womöglich als Unsinn herausstellen wird). Kurzum: Ich krieg das raus, und dann gibt es Absätze.

Roxane schweigt. Wirklich zu lange? Darüber muss ich neu nachdenken. Sie hat sich von ihrem Partner getrennt, sie kann den «Schlapphut» auf Anhieb nicht ausstehen, sie ist durch die «außergewöhnliche» Situation überfordert. Ich werde da noch einmal kritisch in den Text einsteigen müssen. Denn, wenn du recht hast, muss ich einiges dazutun. Mimik und Gestik in den langen Passagen fehlen, das ist mir bisher nicht wirklich deutlich geworden, da hast du auf ein gravierendes Manko hingewiesen. Ich verspreche Überarbeitung!

Den Titel habe nicht ich erfunden, sondern mein Sohn als Sechsjähriger in der Küchenbadewanne: Ich habe ihn gefragt «Wohin fährst du?» – seine Antwort: «Weit übers Meer und dann links.» Daraus ist erst ein Theaterstück für Kinder geworden – und viel später dann eben das Stück vom alten Aussteiger Adrian Mielnickel.

Du hast mir eine Menge Arbeit zugeschoben, Ji Rina, herzlichen Dank.

JF

ps Wenn du zurückdenkst: Geflogen ist Adrian in der Geschichte nie, dennoch hast du das Ende der Geschichte als Möglichkeit gelten lassen. Offenbar habe ich diesbezüglich nichts falsch gemacht.
 
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Ji Rina

Mitglied
Hallo Joe Fliederstein,

Vielen Dank für die freundliche Antwort!

"""Roxane schweigt. Wirklich zu lange? Sie hat sich von ihrem Partner getrennt, sie kann den «Schlapphut» auf Anhieb nicht ausstehen, sie ist durch die «außergewöhnliche» Situation überfordert. """

Ja, das ist ja auch am Anfang der Geschichte klar. Aber als Leserin hatte ich kein Bild von Roxane. Dafür aber eine Vorstellung von Adrian, da er ja viel erzählt. Das Einzige was Roxane charakterisiert ist:
«Du, es hat dreizehn geschlagen!» – tippte sie. «Ich habe den Schlipsfritzen aus der Kreissparkasse abserviert, was sagst du? War mir zu anstrengend. Immer nur das Geld anderer Leute im Kopf. Bin ab heute wieder solo. Stand heute Morgen vorm Bahnhofseingang, wollte mich in einen Zug setzen und irgendwo ankommen. Hab ich dann verschoben. Ich trage das Leid der ganzen Welt auf meinen Schultern. Lach nicht!»

Und das lässt mich auf kein Mauerblümchen schliessen, sondern eher auf eine lebhafte, die weiss was sie will. Während Adrian dann über seine gesamten Familienverhältnisse spricht und später sogar am Tisch singt, bleibt sie die ganze Zeit still. Lacht nicht, grinst nicht, ist nicht verwirrt, fragt nichts. Somit fiel für mich das gesamte Gewicht auf Adrian – und Roxane blieb in der Erzählung ziemlich in den Schatten gestellt. Erst ganz zum Schluss wacht sie völlig auf (in dem sie ihre ganzen Gefühle offenlegt, sogar selbst Fliegen will, etc..etc). So habe ich ein bisschen Gleichgewicht zwischen den beiden Figuren vermisst, Vielleicht solche Sätze wie: “Der Typ ist tatsächlich völlig durchgeknallt” etc…( Halt Beschreibung ihrer Gedanken). Ich warf froh, dass sie wenigstens irgendwann mal “Hülsenhohe” sagt. Also um es nochmal anders zu formulieren: Mir fehlte der psychologische Aufbau zwischen den beiden, die ja im endeffekt zu ihrer Symphatie für ihn führen müsste. Aber dies ist nur meine Vorstellung. Vielleicht liest jemand anderes diesen Text und sagt genau das Gegenteil...

Ein Hoch auf Deinen Sohn! Welches Kind sagt schon: Ich fahre jetzt übers Meer und dann links?

Das mit den Absätzen müsstest du versuchen: Wie du schreibst, die Absätze einebnen. Ob das zu lange dauert und deshalb nicht funktioniert, weiss ich leider nicht. Denke aber, das man das einebnen sehr schnell machen kann.

Was das lesen der Erzählungen angeht, so werden die hier nicht so schnell gelesen….Irgendwann. Und um so länger sie sind, umso länger dauerts. Es gibt soviel zu lesen – da sucht man wohl eher die schnelle Lektüre. Bei mir ist es sehr oft so, aus Zeitgründen.

War dieser Satz an mich gerichtet?

ps Wenn du zurückdenkst: Geflogen ist Adrian in der Geschichte nie, dennoch hast du das Ende der Geschichte als Möglichkeit gelten lassen. Offenbar habe ich diesbezüglich nichts falsch gemacht.


Wenn ja, dann versteh ich nicht ganz was gemeint ist. Habe ich irgendetwas zu seinen Flugversuchen oder das Ende geschrieben?:rolleyes:

Pack alles in eine Kiste – und villeicht kommat ja bald mal die Originaltext korrektur Funktion, auf die wir warten. Vielleicht kannst du ja dann irgendetwas von meinen Vorschlägen übernehmen.

Danke für den Austausch!
Schönen Gruss, Ji
 
Hallo Ji Rina,

eine Schlussbemerkung will ich noch dranhängen: Ich bin mittendrin in der Korrekturarbeit zu «Weit übers Meer …», denn die Geschichte gehört in eine Sammlung von Erzählungen, die ich Ende März zum Druck abliefern muss. Du hast dich mit deinen Vorbehalten vehement auf die Seite Roxanes gestellt, die dir – ich sags flapsig – als Figur einfach zu kurz gekommen schien. Den gesamten Text gehe ich also noch einmal sorgfältig durch, denn mir ist klar geworden, wie richtig du mit deiner Einschätzung liegst (deine Nachricht heute unterstreicht das). Die korrigierte Fassung werde ich nicht mehr in die Leselupe einstellen, aber Ende Mai halte ich dann einen Band mit meinen Erzählungen in der Hand («Weit übers Meer» ist mit drin), und wenn du mir bis dahin eine Adresse nennst, wohin ich ihn schicken soll, schick ich ihn.

Noch einmal danke und Gruß zurück
JF
 

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