So... jetzt setze ich mal fort, was ich gestern abend antwortversuchend begonnen habe. Leider wurde ich vor dem Posten vom Schlaf dahingerafft - was auch bedingt, dass ich Dir, liebe ubertas zweiteilig antworten werde, denn Deine wunderbare, ausführliche Lesereflexion hat sich erst manifestiert, als ich schon im Land der Träume weilte.
Also hier mein gestrig-nächtlicher Sermon:
Hey ubertas!
Vielen lieben Dank für Deine gutgelaunten und (bis auf die Nackenstarre) Gutelaunemachenden Zeilen! Ich hoffe sehr, der Nacken ist mindestens auf dem bestem Wege sich wieder vollumfänglich re-geschmeidifiziert zu haben! Nackensteifigkeit

wollen wir nun wirklich nicht! Nein nein nein, das wollen wir nicht!
In diesem Sinne alles Liebe! Hab grad eindeutig einen im Teelicht. Ich denke, das ist ganz gut so. Oder?
Und
Hohoho Frodomir! <= Ich fühle mich von Deinem Kommentar wirklich beschenkt!
Natürlich hast Du vollkommen recht, diese Zeilen sträuben sich (mal wieder) gegen eine eineindeutige Interpretation. Ich reite ja in dem Zusammenhang meistens auf immer ein und demselben Besen herum, deshalb versuche ich es jetzt mal (ein bissche) anders:
Ich mag tatsächlich viele Gedichte sehr, die völlig klar verständlich sind. Und weil so eine Aussage ohne Beispiel immer etwas fleischarm daher kommt, hier mal ein Link mit Gedichten und klugen Gedanken zu einem Dichter, der zu meinen Lieblingslyrikern zählt:
Peter Maiwald
Alle Gedichte von Peter Maiwald, die ich kenne, sind so klar verständlich, dass sich eine eigentliche Interpretation (im Sinne von: Was will der Autor denn mit seinem Poem sagen?) völlig erübrigt.
Außerdem mag ich aber tatsächlich auch viele Gedichte anderer Autorinnen und Autoren, die im obig definierten Sinn nicht interpretierbar sind (= in "normale Worte" übersetzbar). Das kann tatsächlich so weit gehen, dass man beim Lesen praktisch gar nichts begreift. Celan wird hier gerne angeführt und tatsächlich liegt so manches seiner Gedichte völlig unentschlüsselt auf den Schreibtischen und Festplatten der Germanist*innen herum und gibt keinen mitteilbaren Sinn Preis. Wobei: Für Celans bekanntestes Gedicht gilt dies nun gerade nicht, denn die Todesfuge hat zwar einen sehr ungewöhnlichen Wortlaut, aber fast jede Wendung in diesen Zeilen ist entweder "Klartext" oder lässt sich recht einfach in "übersetzen".
Was ich bei Gedichten eigentlich eher problematisch finde (auch da gibt es aber dennoch auch für mich gelungene Beispiele), das ist, wenn ein Gedicht als eine Art Knobelübung daherkommt. Im Prinzip enthält so ein "Knobel-Poem" eine (schlimmstenfalls sogar relativ banale) Aussage, aber die Gedicht-"Handlung" wurde künstlich so verunklart, dass der Text erstmal wie der völlige Sinnlostext rüberkommt, bis man den Dechiffrierungsansatz findet und dann kann man das ganze Ding rauf- und runterlesen und sich im Glanz der eigenen Schlauheit sonnen.
Solche Gedichte kommen mir häufig wie ein fauler Zauber vor und vielleicht ist es das, was mir das Interpretieren (nämlich: wenn es nur eine Art Dolmetschertätigkeit ist) manchmal etwas suspekt macht. So gibt es z. B. Gedichte, deren ganzer "Witz" darin besteht, dass Wort für Wort eines historischen, möglichst berühmten Werks durch ein Synonym ersetzt wurde. Wenn das geschickt gemacht wird, erkennt man das Ausgangswerk nicht mehr so ohne weiteres und die "Neufassung" wirkt womöglich sogar wie der reine Sinnlostext, weil die (vorgeblichen) Synonyme haarscharf am Ausgangssinn vorbeiführen.
Als Schreibübung ist sowas total lustig, aber das Endprodukt ist in meinen Augen in den allermeisten Fällen aufgrund seiner konzeptionellen Schlichtheit künstlerisch wertlos.
Um es jetzt also mal kurz und knapp auszudrücken: Prinzipiell mag ich also solche Gedicht am liebsten, die entweder keinerlei "Übersetzung" nötig haben (weil sie eh schon Klartext abliefern) oder aber
gar nicht, oder zumindest nicht vollständig, "ins Reine" übertragen werden können.
Bei den nicht "erklärbaren" Gedichten stellt sich dann natürlich die Frage nach der Beliebigkeit. Kann man ein "unerklärliches" Gedicht nicht einfach so in die Welt setzen, dass man einen Zufallsgenerator wahllos Wörter hinter einander setzen lässt und fertig ist das Sinnlos-Gedicht? Und ist solch ein Sinnlos-Gedicht nicht (i. d. R.) eine ziemlich triste Angelegenheit? Tja: Ja, man kann und: Ja, so ist es (außer der Zufallsgenerator spukt rein zufällig (

) ein Shakesspearesonett aus).
Worin unterscheiden sich also "wertige" und "unergiebige" Gedichte mit Interpretationsverweigerungshaltung?
Wenn ich das wüsste! Aber mein bisher der Sache vielleicht am nächsten kommender Ansatz wäre, dass ein gelungenes Sinnlosgedicht ein bisschen wie ein ästhetisch befriedigender Wolkenhimmel oder meinethalben ein hübsches Klecksogramm (Rorschachtest) funktioniert: Wenn man zehn Leute fragt, was sie darin entdecken können, bekommt man zehn verschiedene Antworten (naja... oder zumindest mal deutlich mehr als einen "Lösungsvorschlag") und die Lesenden können über ihren Lesezugang auch noch etwas über sich selbst lernen.
So das war jetzt viel. Und sehr allgemein.
In Teil 2 gehe ich auf den Accessus ubertae ein und dann wird es etwas konkreter.
LG!
S.