Weltformel

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sufnus

Mitglied
Weltformel

Auf Nullniveau mit Schwundgebärde
zur Niederkunft - das Einmaleins
der Goetheklasse: Stirb & werde!
Wer jetzt noch "Herz" ruft, der hat keins

und macht sich selber ungeschehen
in Fluchtdistanz zum großen Staunen,
wenn Niemandsnamen uns verwehen
beim Zeitvertreiben (Ablaufraunen).

Und Totstelltricks? Bloß faule Zauber
aus Sinn und Form und Material;
der Letzte wischt den Tatort sauber:
Das läuft schon, Leute! Präfinal

blickt ratlos zwischen Schrei und Schreibe
kein Schwein mehr durch. Die nackten Zahlen
zerformeln sich: Die Welt als Scheibe
mit schlimmer Neigung zum Realen.
 

Ubertas

Mitglied
Lieber Sufnus,
Großartig!
Es ist zwar noch nicht der erste Advent, aber ich zünde mir schon jetzt ein Teelicht an. Für eine Kerze mit Widmung reicht es dieses Jahr nicht mehr in die Scheibenwelt ;) . Oder doch?
Kalkmuschelnde Grüße aus tiefer Neigung.
Heute mit Nackenstarre
im Weichteildasein.
ubertas
 

Frodomir

Mitglied
Hallo sufnus,

ich hatte bereits angefangen, dein Gedicht zu interpretieren, aber ich muss gestehen, dass ich mit meiner Interpretation gescheitert bin


Meine Deutung ging in diese Richtung, dass ich annahm, du hättest ein Gedicht über den bedauernswerten Zustand der heutigen Lyrik geschrieben, sowohl was ihre Qualität, ihren Inhalt als auch ihre Reputation betrifft. Dabei sah ich in deinem Gedicht einige Zitate und Anspielungen, u.a. auf Goethes Gedicht Selige Sehnsucht ("Stirb & werde!") oder auch auf die Literaturzeitschrift Sinn und Form. Außerdem war ich begeistert über einige grandiose Verse und Reime, vor allem die letzte Strophe ist sprachlich überragend:
blickt ratlos zwischen Schrei und Schreibe
kein Schwein mehr durch. Die nackten Zahlen
zerformeln sich: Die Welt als Scheibe
mit schlimmer Neigung zum Realen.
Aber insgesamt ist es mir nicht gelungen, eine wirklich kohärente Deutung deines Gedichtes zu verfassen. Ich möchte dazu vorsichtig erwähnen, dass ich dieses Problem des teilweise Nichterfassens des Inhalts des Öfteren bei deiner Lyrik habe. Es ist durchaus möglich, dass ich meine Lesegewohnheiten nicht unbedingt auf die modernsten Literaturformen gerichtet habe und deshalb Schwierigkeiten habe, auf ebensolche Texte auf jener Ebene einzugehen, die ich mir selbst zum Anspruch gemacht habe. Oder einfacher ausgedrückt: Es fehlt mir möglicherweise an Bildung im gegenwartslyrischen Bereich. Der naive Teil in mir wünscht sich dennoch manches Mal einfach nur: Mehr Klarheit und für mich erkennbare Kohärenz.

Insgesamt scheint mir das ein geniales Werk zu sein, aber ich glaube, ich bin ihm nicht gewachsen.

Liebe Grüße
Frodomir
 

Ubertas

Mitglied
Lieber Sufnus,

nach langem Ringen und dem Wunsch "die harte Nuss" zu knacken und in gleicher Weise Frodomir vollkommen zustimmend, dass es ein schwieriges Unterfangen wird, eine Interpretation zu vollenden, schicke ich jetzt mal meine Eindrücke in die Umlaufbahn. Mehr bahnend als ahnend:). Vielleicht ergibt sich ja daraus ein mögliches, weiterführendes Deutungsszenario, das selbst die Kalkmuschel verstummen lässt.
Das wäre erfreulich!

In diesem Sinne:

Vom Titel "Weltformel",
dem die Sehnsucht des Strebens, eine gültige Formel zu finden, die Alles in sich vereinend beschreibt, ausgehend, wage ich mich in eine nähere Betrachtung dieser Zeilen.

"Auf Nullniveau mit "Schwundgebärde" sehe ich das Bild eines frei gewählten Ausgangspunkts gesetzt, der in einem Gefüge aus Himmel und Erde beliebig wählbar ist. Somit wird dieser Ausgangspunkt, das Nullniveau, gleichzeitig auch zu einer selbst bestimmten Basis, von der ich den Eindruck habe, sie würde die Welt regeln, ihr Energie zuschreiben, nach meiner Festsetzung, dadurch auch "funktionieren". Dagegen winkt förmlich die "Schwundgebärde", die aufzeigt, dass sich diese Ansichten womöglich bereits in Auflösung befinden und sei es die eigene Wahrnehmung oder auch unser selbst geschaffenes Weltbild schwinden lässt. "zur Niederkunft", ob verstanden als den Weg zur Geburt eines gewandelten, höheren Ichs oder in Anlehnung an das Herabsinken aus unseren oben für uns selbst ausgemachten Fixpunkten, erscheint in der dritten Verszeile "Stirb & werde!" wie ein stilles Ausrufen, in diesem irdischen und überirdischen Zerfallsprozess noch Bestand haben zu wollen, durch Wandel und Erkenntnis. Was wie ein Einmaleins erscheint, wird wie in "Selige(r) Sehnsucht" beschrieben, zu einem der schwierigsten Aufgaben, zur Wahrheit zu gelangen oder weiter in dunkler Erde ummantelt zu liegen. Ich denke dabei an das Bild des verbrannten Schmetterlings. Erst wenn es gelingt, diese "Aufgabe" zu erreichen, erreicht auch das "Herz" eine Loslösung.

In der zweiten Strophe finden sich verschiedene "Methoden", die wohl am ehesten das menschliche Versuchen beschreiben.
"und macht sich selber ungeschehen in Fluchtdistanz zum großen Staunen". Der Mensch macht sich ungeschehen, er entzieht sich, verharrt mit sicherem Abstand zum großen "Staunen" hin, will es begreifen, kann es aber nicht. Zur gleichen Zeit wird ihm aber bewusst, dass er endlich ist und "Niemandsnamen" uns verwehen können, während wir uns die Zeit damit vertreiben, dem Ablauf einer Bewusstwerdung nachzuflüstern. Es weht der Wind der Vergänglichkeit um ihn.

Die Frage "Und Totstelltricks?", die Freunde und Feinde des sich schützen wollenden, aber blinden Geistes, sie werden entlarvt in der dritten Strophe. "Bloß fauler Zauber aus Sinn und Form und Material;" diese Formulierungen deuten an, dass die "Weltformel" wohl nicht in den gegebenen Statuten zu finden ist, sich dieser von uns festgelegten Ordnung sogar zu entledigen scheint. Nach seiner Suche widmet sich der Mensch wieder dem, was er erkennen kann und gibt sich ebenso geschlagen. "der letzte wischt den Tatort sauber: Das läuft schon, Leute!" Er gibt die Verantwortung für sich selbst ab. Präfinal als Vorbote seiner sich entschuldigen wollenden Vergänglichkeit.

Was bleibt ihm letztlich? "blickt ratlos zwischen Schrei und Schreibe kein Schwein mehr durch":
Sein Bemühen zwischen dem Rufen, Ausschreien, seiner nach Hilfe schreienden Fragen und dem, was er sich dazu niederschreiben will, dazwischen bleibt nur das "und". Da kein Schwein mehr durchblickt, macht es auch nur Sinn für ihn, dass sich auch die Fakten "zerformeln", sie brechen auseinander, die "Zahlen" lösen nicht sein Rätsel. Die als Scheibe wahrgenommene Welt zerspringt zwar nicht, aber sie neigt sich mit seinen Neigungen hin zum "Realen". "Mit schlimmer Neigung" nimmt sie sich die Substanz.

Wie gesagt, nur subjektive Eindrücke, aber sie mussten, ja, sie wollten in Schreibe über den Rand der Tastatur hinaus;-)

Liebe Grüße,
ubertas.
 



 
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