Wie der Deutschlehrer Georg E. ziemlich viel Komik stimulierte

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Willibald

Mitglied
Deutsch-Lehrer Georg E. und der Bamberger Reiter
Anekdote

Der Deutschlehrer Georg E. hatte im abgedunkelten Zimmer der zehnten Klasse zum Abschluss der Stunde den Beamer eingeschaltet - der niedrige Wert von 300 Lumen pro Quadratmeter erforderte Dämmerlicht - und ein Bild des Bamberger Reiters erschien.

https://up.picr.de/34833735ze.jpg

Ich saß damals in der zweiten Reihe rechts und fühlte mich dort nicht recht wohl. Nun ging auch noch die Tür auf und der Direktor der Schule erschien zu einem unangekündigten Unterrichtsbesuch, setzte sich vorne links ans Fenster, wo er die Klasse und den Kollegen E. recht gut überblicken konnte.

Thematisch ging es in dieser Stunde bei uns Sechzehnjährigen, die erstmals vom Lehrer gesiezt wurden, um das Menschen- und Herrscherbild des Mittelalters. Herr E. forcierte seine Stimme: „Ein Mysterium wird diese Reiterstatue manchmal genannt, der Reiter sitzt auf einem Pferd hoch oben, hält die Zügel in der Hand, ganz entspannt. Selbst auf uns Heutige macht diese Gestalt Eindruck. Schauen sie sich das Bild genauer an. Was sagt es uns, was vermittelt es uns für einen Eindruck?“

In die entstehende Stille hinein lächelte der Lehrer ermutigend. Ich zog die Schultern hoch und den Kopf leicht ein. Unbehaglichkeit vorne im Klassenzimmer, hinten und in der Mitte. „Jetzt denken Sie sich halt in die Figur hinein. Das ist doch möglich. Und haben Sie den Mut zu sagen, was Sie dabei empfinden.“ Der Direktor hatte den Kopf gesenkt und schien zu meditieren.

„Sagen Sie es, auch wenn es Ihnen vielleicht etwas komisch vorkommt.“ Stille. Dann hörte man aus der letzten Reihe eine gemurmelte Antwort, langsam und in Frageintonation, welche die Stunde schmiss: „Er wartet … auf Grün?“

Dem gleichen Deutschlehrer ging es einmal darum, dass man in einer Novelle Gottfried Kellers und bei deren Hauptfigur - ein Schneider namens Wenzel Strapinsky - den Gegensatz von „Schein und Sein“ erkennen könne, er sagte „festmachen“ könne. Als wir partout nicht draufkamen, worauf er hinauswollte, rief er: „Nun, es geht doch um Schein und ….?“

Als wir immer noch nicht wussten, was zum Teufel er da wollte, rief er in seiner Verzweiflung: „Es reimt sich auf Schwein.“

Wirkung und Erinnerungswert dieser Gottfried-Keller-Stunde waren der Stunde mit dem Bamberger Reiter voll adäquat.
 
T

Trainee

Gast
Hallo Willibald,

wie immer ein professionell gefertigter Text von einiger Eleganz.
Sozusagen nach allen Regeln der Kunst.
Leider haftet ihm aus (meiner Sicht) etwas leicht Altbackenes an, was ganz stark mit dem gewählten Thema zu tun hat. - Du schilderst etwas, worüber ein Heutzeitiger nicht mehr lachen kann; selbst mir Überreifen fällt es schwer. ;)

Warum begibst du sich nicht einmal in das Reich der wilden, ausschweifenden Fantasie? - Bei deinen Fertigkeiten, käme mit Sicherheit etwas GroßArtiges dabei heraus.

Spornende Grüße
Trainee
 

Willibald

Mitglied
Der leicht parodistische gebrauchte Stil kommt wohl zu ernsthaft, wohl auch wegen spärlicher Gegensignale wie "voll adäquat".
Greetse an Trainee
 
T

Trainee

Gast
Nein,

ich wünsche mir viel m e h r von dir! :D

Warum trabt der Bamberger Reiter nicht von der Leinwand und mischt sich unter die unwilligen Schüler? Flüstert ihnen schweinische Reime ein und torpediert so das pädagogische Vorhaben?
Etwas in der Art halt ...

Liebe Grüße
Trainee
 
A

aligaga

Gast
Du solltest auf diese Lochsägensirenen-Gesänge nicht hereinphallen, hochgeschätzter @Willibald.

Behalt' den dir eig'nen, manchmal ein wenig drögen, stets aber von Kenntnis beatmeten Stil bei. Ihn durch die schweinigelnd-plumpe Kahl-Auerei zu ersetzen, der sich diese "RathgeberIn" hier stets befleißigt, führt nirgends zum Ziel - schon gar nicht zu einem literarischen. Was sich diese Type "wünscht", wissen wir nachgerade. Es sollte hier nicht zu haben sein.

Wenn @ali an dem Stückerl Kritik üben wollte, würde er sagen, dass in abgedunkelten Räumen Körpersprache und Mimik in den Hintergrund treten, sowie, dass man in der vordersten Reihe eine Klasse ebengerade nicht im Blick haben kann. Deshalb saßen die Schulräthe bei ihren Visitationen während @alis Schulzeit immer ganz hinten.

Dass die Klasse auf die gemurmelte, keineswegs unpfiffige Antwort des Schölers nicht lauthals zu wiehern begann, nimmt @ali wunder. Seine Kumpane und er hätten sich diese Gelegenheit damals nicht entgehen lassen und für die nöthige Unruh' gesorgt.

Heiter

aligaga
 

Willibald

Mitglied
Deutsch-Lehrer Georg E. und der Bamberger Reiter
Anekdote

Der Deutschlehrer Georg E. schaltete im leicht abgedunkelten Klassenzimmer der 10Caesar, das war der humanistische Zweig mit Latein, Griechisch und Englisch, zum Abschluss der Stunde den Beamer ein - der niedrige Wert von 300 Lumen pro Quadratmeter erforderte Dämmerlicht im Raum - und es erschien ein Bild des Bamberger Reiters.


Ich saß damals in der zweiten Reihe rechts vorne und fühlte mich dort auch heute nicht recht wohl. Herr E. wollte gerade zu sprechen beginnen, als plötzlich die Tür aufging: Der großgewachsene Direktor der Schule schritt eindrucksvoll über die Schwelle, bedeutete ohne Worte dem Kollegen mit einem freundlichen Lächeln und der halbhoch gehaltenen Hand, er möge doch bitte einfach fortfahren, nahm den freien Lehrerstuhl und setzte sich vorne links ans Fenster, wo er das Geschehen recht gut überblicken konnte. Nun war man gefordert.

Thematisch ging es in dieser Stunde bei uns Sechzehnjährigen, die erstmals vom Lehrer gesiezt wurden, um das Menschen- und Herrscherbild des Mittelalters. Herr E. forcierte angesichts der neuen Gesamtsituation seine Stimme: „Ein Mysterium wird diese Reiterstatue manchmal genannt, der Reiter sitzt auf einem Pferd hoch oben, hält die Zügel in der Hand, ganz entspannt. Selbst auf uns Heutige macht diese Gestalt Eindruck. Schauen sie sich das Bild genauer an. Was sagt es uns, was vermittelt es uns?“

In die entstehende und sich vertiefende Stille hinein lächelte der Lehrer ermutigend. Ich zog die Schultern hoch und den Kopf leicht ein. Vorne im Klassenzimmer, hinten und in der Mitte nur Unbehaglichkeit. „Jetzt denken Sie sich halt in die Figur hinein. Das ist doch möglich. Und haben Sie den Mut zu sagen, was Sie dabei empfinden.“ Der Direktor vorne links, ein Altphilologe namens Färber mit einer besonderen Vorliebe für die fragende Mäeutik, die Hebammenkunst sokratisch-platonischer Gesprächsführung, hatte den Kopf gesenkt und schien zu meditieren. „Sagen Sie es, auch wenn es Ihnen vielleicht etwas komisch vorkommt.“ Stille. Dann vernahm man aus der letzten Reihe eine gemurmelte Antwort - sie war knapp formuliert, schlug ein und die Stunde war versenkt, geplatzt, getötet. "Er wartet vielleicht "- minimale Pause - "auf Grün?“

Im einsetzenden Losprusten, Quieken, Quietschen, Gackern, Frohlocken öffnete Direktor Färber den Mund, ein Lippenleser hätte dort wohl ein „tot“ entschlüsselt. Er stand auf, hob schmunzelnd die Hand. Er habe, sagte er, gestern nachmittag einen Kollegen aus Karl-Marxstadt im Wittelsbacher Gymnasium herumgeführt. Der habe die Beamer an der Decke bewundert, aber betont, dass man bei ihnen schon vor der Wende in jedem Klassenzimmer einen Overheadprojektor, einen „Polylux, installiert hatte. Ein Name, der ihm, Direktor Färber sehr gefalle. Man könne sich sicher denken, warum? Deutschlehrer Georg E. hatte sich gefasst und spielte mit: Aus dem Griechischen das „?????“ für „viel, mehrere“ und aus dem Lateinischen das „lux“ für „Licht“. "Ja", sagte Direktor Färber," Latein und Griechisch leben sogar im Osten immer weiter." Man höre immer, Latein und Griechisch seien tote Sprachen. Aber selbst wenn das stimme, gelte – hier grinste der Direktor - dass nur eine tote Sprache eine gute Sprache sei. Und dann zu Herrn E.: „Eine gute Stunde, Herr Kollege.“

*​

Der gleiche Deutschlehrer übrigens wollte einmal in einem Abschlussgespräch eine griffige Formel ("Schein und Sein") mit den Schülern sokratisch-mäeutisch erarbeiten. Es ging dabei um die Novelle "Kleider machen Leute" des Dichters Gottfried Keller und deren Hauptfigur Wenzel Strapinsky. Als wir partout nicht draufkamen, worauf er hinauswollte, rief er: „Nun, es geht doch um Schein und ….?“ Als wir immer noch nicht mehr wussten, rief er in seiner Verzweiflung: „Es reimt sich auf Schwein.“

*​

Wirkung und Erinnerungswert dieser Gottfried-Keller-Stunde waren der Stunde mit dem Bamberger Reiter voll adäquat.
 

Willibald

Mitglied
Allerwertester aliga,

mir ist der insultierende Raubautz, Rempel- und Rumpelstil hier gegenüber Trainee nicht genehm. Es geht hier um Wirkungsmöglichkeiten der Anekdote.

Was mir sehr behagt, sind Hinweise zur Logik der Geschichte. Hier wurde nun nachgeschärft:

Der Direktor muss vorne sitzen. Ein Schöler hinten in der Nähe des Direktors hätte wohl den flinken Satz nicht gewagt, selbst wenn die lustige Lizenz von Herrn E. da war, man solle sagen, was man denke, auch wenn es sich komisch anhöre.

Also sitzt der Direktor links vorne am Fenster, aber nicht in einer Bank, sondern platziert auf dem frei beweglichen Lehrerstuhl. Die Klasse ist nur wenig verdunkelt, so dass man noch genug von vorne sehen kann.

Die Komikeruption muss stärker präsentiert werden, ja. Das geschieht jetzt deutlicher.

Stärker vernetzt und ausgebaut wurde das Motiv des altsprachlichen Unterrichtes.

willibald dankt für solche Anregungen.

grreetse
ww
 

Willibald

Mitglied
Deutsch-Lehrer Georg E. und der Bamberger Reiter
Anekdote

Der Deutschlehrer Georg E. schaltete im leicht abgedunkelten Klassenzimmer der 10Caesar, das war der humanistische Zweig mit Latein, Griechisch und Englisch, zum Abschluss der Stunde den Beamer ein - der niedrige Wert von 300 Lumen pro Quadratmeter erforderte Dämmerlicht im Raum - und es erschien ein Bild des Bamberger Reiters.


Ich saß damals in der zweiten Reihe rechts vorne und fühlte mich dort auch heute nicht recht wohl. Herr E. wollte gerade zu sprechen beginnen, als plötzlich die Tür aufging: Der großgewachsene Direktor der Schule schritt eindrucksvoll über die Schwelle, bedeutete ohne Worte dem Kollegen mit einem freundlichen Lächeln und der halbhoch gehaltenen Hand, er möge doch bitte einfach fortfahren, nahm den freien Lehrerstuhl und setzte sich vorne links ans Fenster, wo er das Geschehen recht gut überblicken konnte. Nun war man gefordert.

Thematisch ging es in dieser Stunde bei uns Sechzehnjährigen, die erstmals vom Lehrer gesiezt wurden, um das Menschen- und Herrscherbild des Mittelalters. Herr E. forcierte angesichts der neuen Gesamtsituation seine Stimme: „Ein Mysterium wird diese Reiterstatue manchmal genannt, der Reiter sitzt auf einem Pferd hoch oben, hält die Zügel in der Hand, ganz entspannt. Selbst auf uns Heutige macht diese Gestalt Eindruck. Schauen sie sich das Bild genauer an. Was sagt es uns, was vermittelt es uns?“

In die entstehende und sich vertiefende Stille hinein lächelte der Lehrer ermutigend. Ich zog die Schultern hoch und den Kopf leicht ein. Vorne im Klassenzimmer, hinten und in der Mitte nur Unbehaglichkeit. „Jetzt denken Sie sich halt in die Figur hinein. Das ist doch möglich. Und haben Sie den Mut zu sagen, was Sie dabei empfinden.“ Der Direktor vorne links, ein Altphilologe namens Färber mit einer besonderen Vorliebe für die fragende Mäeutik, die Hebammenkunst sokratisch-platonischer Gesprächsführung, hatte den Kopf gesenkt und schien zu meditieren. „Sagen Sie es, auch wenn es Ihnen vielleicht etwas komisch vorkommt.“ Stille. Dann vernahm man aus der letzten Reihe eine gemurmelte Antwort - sie war knapp formuliert, schlug ein und die Stunde war versenkt, geplatzt, getötet. "Er wartet vielleicht "- minimale Pause - "auf Grün?“

Im einsetzenden Losprusten, Quieken, Quietschen, Gackern, Frohlocken öffnete Direktor Färber den Mund, ein Lippenleser hätte dort wohl ein „tot“ entschlüsselt. Er stand auf, hob schmunzelnd die Hand. Er habe, sagte er, gestern nachmittag einen Kollegen aus Karl-Marxstadt im Wittelsbacher Gymnasium herumgeführt. Der habe die Beamer an der Decke bewundert, aber betont, dass man bei ihnen schon vor der Wende in jedem Klassenzimmer einen Overheadprojektor, einen „Polylux, installiert hatte. Ein Name, der ihm, Direktor Färber sehr gefalle. Man könne sich sicher denken, warum? Deutschlehrer Georg E. hatte sich gefasst und spielte mit: Aus dem Griechischen das „?????“ für „viel, mehrere“ und aus dem Lateinischen das „lux“ für „Licht“. "Ja", sagte Direktor Färber," Latein und Griechisch leben sogar im Osten immer weiter." Man höre immer, Latein und Griechisch seien tote Sprachen. Aber selbst wenn das stimme, gelte – hier grinste der Direktor - dass nur eine tote Sprache eine gute Sprache sei. Und dann zu Herrn E.: „Eine gute Stunde, Herr Kollege.“

*​

Der gleiche Deutschlehrer übrigens wollte einmal in einem Abschlussgespräch eine griffige Formel ("Schein und Sein") mit den Schülern sokratisch-mäeutisch erarbeiten. Es ging dabei um die Novelle "Kleider machen Leute" des Dichters Gottfried Keller und deren Hauptfigur Wenzel Strapinsky. Als wir partout nicht draufkamen, worauf er hinauswollte, rief er: „Nun, es geht doch um Schein und ….?“ Als wir immer noch nicht mehr wussten, rief er in seiner Verzweiflung: „Es reimt sich auf Schwein.“ Um´s Verrecken nicht wussten wir, was er wollte.

*​

Wirkung und Erinnerungswert dieser Gottfried-Keller-Stunde waren der Stunde mit dem Bamberger Reiter voll adäquat.
 
A

aligaga

Gast
Der Direktor muss vorne sitzen. Ein Schöler hinten in der Nähe des Direktors hätte wohl den flinken Satz nicht gewagt, selbst wenn die lustige Lizenz von Herrn E. da war, man solle sagen, was man denke, auch wenn es sich komisch anhöre.

Also sitzt der Direktor links vorne am Fenster, aber nicht in einer Bank, sondern platziert auf dem frei beweglichen Lehrerstuhl. Die Klasse ist nur wenig verdunkelt, so dass man noch genug von vorne sehen kann.
Wie schon gesagt - die Visitoren sitzen immer hinten, weil sie dann wirklich alles sehen, hochgeschätzter Willibald. Von einem "nur wenig" verdunkelten Raum ist erst jetzt die Rede; im O-Text war's noch Dämmerlicht, und der der Direx setzte sich, so hieß es, vorne links ans Fenster, wo er die Klasse und den Kollegen E. recht gut überblicken konnte. Von einem "frei beweglichen" Leererstuhl war da noch nix zu erkennen.

Aber selbst wenn - den Leerer und die Klasse kann der unangemeldet aufgeschonnene Schulleiter (Sitten sind das!) von da vorn nicht im Blick haben; das wär' physiologisch-anatomisch unmöglich.

Der Text gewinnt durch die Abänderungen und Ergänzungen nicht wirklich; er liest sich jetzt noch ein bisschen umständlicher und noch weiter hergeholt. Dass der Direx seinem OStR den Unterricht knickt, um sich selber wichtig zu machen, ist auch in den neuen Bundesländern ein klassisches Nogo, das zumindest bemerkt werden sollte. Es wäre dies jedenfalls relevanter als eine Exegese über den längst abgewickelten Projektionsapparat.

Hm. @Ali hätte sich gewünscht, der OStR zeigte etwas mehr Rückgrat und ließe seinen Direx mitsamt dessen fossilem Gerät ein wenig an die dämmrige Wand des Klassenzimmers fahren. Principiis obsta!

Heiter

aligaga
 

Willibald

Mitglied
Hochgeschätzter ali, das Dämmerlicht ist immer noch da und der Raum ist leicht abgedunkelt.

Visitatoren hocken fast immer hinten, ja. Da sind etwa folgende Präponderabilien zu bedenken:

a) Man kommt zu Beginn der Stunde und nicht - sehr unvermutet - im letzten Drittel, wo der Realitätstest durchaus gegeben und hart ist.
b) In den Bänken hinten ist noch etwas frei und man passt als Visitator in die Bank.
c) Man nimmt einen Stuhl, etwa den des Lehrers, der ja im Unterricht herumagiert, und der Stuhl kommt dann nach hinten, ohne dass da jetzt viel Rumgemache entsteht. In anderen Fall ist der Platz links vorne auf dem mobilen Leererstuhl die bessere Lösung. Man kann ihn ja frei stellen.

Auf Nogos gehe ich jetzt nicht ein, die moralische Schärfe der Verurteilung sieht willibald nicht, der ja bekanntlich ein ganz harter sozialdarwinistischer Hund ist. So wie dieser Philip Henry Sheridan einer war, der mit "The only good Indians I ever saw were dead“.

Die Komik der gemurmelten Schülerantwort wurde vom vorigen ali noch gar wenig geringe geschätzt.

Beste Grüße in alis schnee-ige Gefilde

ww
 
T

Trainee

Gast
Mich dünkt, ihr2 (oder 3?) möchtet euch lieber allein unterhalten.
Das verstehe ich gut. - Männergruppen sind sinnvoll; besonders beim Fußballglotzen. :)
Freundlich winkend möchte ich noch anmerken, dass ich es sehr schade finde, deine durchaus vorhandene Fantasie, Willibald, die du in einem anderen Forum gern präsentierst, hier nicht vorzufinden. Dabei denke ich besonders an den göttlichen Kafka-Clip.
Nun mangelt es der LL an technischen Möglichkeiten, für die du nicht verantwortlich bist. Gleichwohl gelänge es dir leicht, aus einem halblustigen Pensionärinnentext etwas wirklich Witziges zu formen, das auch jüngere Menschen anspricht.
Man kann am Biedersinn auch krepieren, weiß

Trainee
 

Willibald

Mitglied
Deutsch-Lehrer Georg E. und der Bamberger Reiter
Anekdote

Der Deutschlehrer Georg E. schaltete im leicht abgedunkelten Klassenzimmer der 10Caesar, das war der humanistische Zweig mit Latein, Griechisch und Englisch, zum Abschluss der Stunde den Beamer ein - der niedrige Wert von 300 Lumen pro Quadratmeter erforderte Dämmerlicht im Raum - und es erschien ein Bild des Bamberger Reiters.


Ich saß damals in der zweiten Reihe rechts vorne und fühlte mich dort auch heute nicht recht wohl. Herr E. wollte gerade zu sprechen beginnen, als plötzlich die Tür aufging: Der großgewachsene Direktor der Schule schritt eindrucksvoll über die Schwelle, bedeutete ohne Worte dem Kollegen mit einem freundlichen Lächeln und der halbhoch gehaltenen Hand, er möge doch bitte einfach fortfahren, nahm den freien Lehrerstuhl und setzte sich vorne links ans Fenster, wo er das Geschehen recht gut überblicken konnte. Nun war man gefordert.

Thematisch ging es in dieser Stunde bei uns Sechzehnjährigen, die erstmals vom Lehrer gesiezt wurden, um das Menschen- und Herrscherbild des Mittelalters. Herr E. forcierte angesichts der neuen Gesamtsituation seine Stimme: „Ein Mysterium wird diese Reiterstatue manchmal genannt, der Reiter sitzt auf einem Pferd hoch oben, hält die Zügel in der Hand, ganz entspannt. Selbst auf uns Heutige macht diese Gestalt Eindruck. Schauen sie sich das Bild genauer an. Was sagt es uns, was vermittelt es uns?“

In die entstehende und sich vertiefende Stille hinein lächelte der Lehrer ermutigend. Ich zog die Schultern hoch und den Kopf leicht ein. Vorne im Klassenzimmer, hinten und in der Mitte nur Unbehaglichkeit. „Jetzt denken Sie sich halt in die Figur hinein. Das ist doch möglich. Und haben Sie den Mut zu sagen, was Sie dabei empfinden.“ Der Direktor vorne links, ein Altphilologe namens Färber mit einer besonderen Vorliebe für die fragende Mäeutik, die Hebammenkunst sokratisch-platonischer Gesprächsführung, hatte den Kopf gesenkt und schien zu meditieren. „Sagen Sie es, auch wenn es Ihnen vielleicht etwas komisch vorkommt.“ Stille. Dann vernahm man aus der letzten Reihe eine gemurmelte Antwort - sie war knapp formuliert, schlug ein und die Stunde war versenkt, geplatzt, getötet. "Er wartet vielleicht "- minimale Pause - "auf Grün?“

Im einsetzenden Losprusten, Quieken, Quietschen, Gackern, Frohlocken öffnete und schloss Direktor Färber den Mund. Ein Lippenleser hätte dort wohl ein „tot“ entschlüsselt, er stand auf, hob schmunzelnd die Hand. Er habe, sagte er, gestern nachmittag einen Kollegen aus Karl-Marxstadt im Wittelsbacher Gymnasium herumgeführt. Der habe die Beamer an der Decke bewundert, aber betont, dass man bei ihnen schon vor der Wende in jedem Klassenzimmer einen Overheadprojektor, einen „Polylux", installiert hatte. Ein Name, der ihm, Direktor Färber sehr gefalle. Man könne sich sicher denken, warum?

Wir kannten das Spiel aus der achten Klasse noch, vier Wochen damals Unterricht beim Färber, der Lateinlehrer war im Krankenhaus. Also alles klar jetzt das rituelle Spiel spielen. Weg von dem gekippten Stundenschluss: Aus dem Griechischen das „?????“ für „viel, mehrere“. Aus dem Lateinischen das „lux“ für „Licht“. "Ja, brav", sagte Direktor Färber,"und vor allem: Latein und Griechisch leben sogar im Osten immer weiter." Man höre immer, Latein und Griechisch seien tote Sprachen. Aber selbst wenn das stimme, gelte – hier grinste der Direktor - dass nur eine tote Sprache eine gute Sprache sei. Und dann zu Herrn E.: „Eine gute Stunde, Herr Kollege.“ Herr E. stutzte kurz. Dann lächelten beide.

*​

Der gleiche Deutschlehrer übrigens wollte einmal in einem Abschlussgespräch eine griffige Formel ("Schein und Sein") mit den Schülern sokratisch-mäeutisch erarbeiten. Es ging dabei um die Novelle "Kleider machen Leute" des Dichters Gottfried Keller und deren Hauptfigur Wenzel Strapinsky. Als wir partout nicht draufkamen, worauf er hinauswollte, rief er: „Nun, es geht doch um Schein und ….?“ Als wir immer noch nicht mehr wussten, rief er in seiner Verzweiflung: „Es reimt sich auf Schwein.“ Um´s Verrecken nicht wussten wir, was er wollte.

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Wirkung und Erinnerungswert dieser Gottfried-Keller-Stunde waren der Stunde mit dem Bamberger Reiter voll adäquat.
 

Willibald

Mitglied
Jou, Trainee, das wirkt biedersinnig. Und es sind wahrscheinlich zu viel Manierismen im Spiel. Ist im Zusammenhang mit Henscheidlektüre entstanden.

Mal gucken.

greetse
ww
 
A

aligaga

Gast
Die Antennen @alis registrierten nicht nur, dass das im Dämmer liegende Klasszimmer und der Blick ins Gegenlicht des Projektors dem Erkennen einer differenzierteren Mimik entgegenstanden.

Sie spüren immer noch, dass es sich bei der Leerkraft um eine auffällig gewordene handeln muss, denn so ohne weiteres darf auch der Herr Rektor kontrollhalber nicht in den Unterricht platzen. Im Gesetz bzw. dessen Auslegung heißt's dazu recht eindeutig:
Ist der Unterricht einer Lehrkraft mehrfach Gegenstand nicht ohne weiteres unglaubhafter Beschwerden, so darf sich der Schulleiter durch Unterrichtsbesuche, die die Funktion von Stichproben haben, ein eigenes Bild von der Lehrtätigkeit der Betroffenen machen. Solche Unterrichtsbesuche könnten ihre Stichprobenfunktion nicht erfüllen, würde ihr genauer Termin angekündigt und damit der Lehrkraft die Möglichkeit gegeben, etwa nur aus Anlass der Überprüfung eine mustergültige Stunde zu halten. Es gehört daher zu den Dienstpflichten einer Lehrerin, sich durch Beschwerden hinreichend veranlassten, unangekündigten Unterrichtsbesuchen ihres Schulleiters – und den damit notwendigerweise verbundenen, kleineren Störungen ihres Unterrichts – gewachsen zu zeigen.
.

Hm - was hat der in Rede stehende Rektor wohl gegen unsere wackre Leerkraft in der Hand? Er scheint schon vor der Wende im Schuldienst gewesen zu sein und blieb oder wurde danach Schulleiter. Nicht nur Poly-Lux, sondern auch Poly-Flex?

Anyway - @ali sagte es bereits: es fehlt ihm hier ein wenig der Furor oder der Tremor des Subalternen. Am Ende dann nicht die eigentlich zu erwartende Kühle, sondern ein "Lächeln". So wie sich das Kaninchen und die Schlange anblicken, bevor die Mahlzeit beginnt. Wohl bekomm's ...

Quietschvergnügt

aligaga
 

Willibald

Mitglied
Unangekündigte Unterrichtsbesuche

Nun, unser (wahrscheinlichkeitsbeobachtender und dabei schätzenswerter) Ali - arbeitet hier "recht eindeutig" ein wenig kurzschlüssig:

Sie (alis Antennen; willibald) spüren immer noch, dass es sich bei der Leerkraft um eine [red]auffällig gewordene handeln muss[/red], denn so ohne weiteres darf auch der Herr Rektor kontrollhalber nicht in den Unterricht platzen. Im Gesetz bzw. dessen Auslegung heißt's dazu recht eindeutig:

quote:
Ist der Unterricht einer Lehrkraft mehrfach Gegenstand nicht ohne weiteres unglaubhafter Beschwerden, so darf sich der Schulleiter durch Unterrichtsbesuche, die die Funktion von Stichproben haben, ein eigenes Bild von der Lehrtätigkeit der Betroffenen machen. Solche Unterrichtsbesuche könnten ihre Stichprobenfunktion nicht erfüllen, würde ihr genauer Termin angekündigt und damit der Lehrkraft die Möglichkeit gegeben, etwa nur aus Anlass der Überprüfung eine mustergültige Stunde zu halten. Es gehört daher zu den Dienstpflichten einer Lehrerin, sich durch Beschwerden hinreichend veranlassten, unangekündigten Unterrichtsbesuchen ihres Schulleiters – und den damit notwendigerweise verbundenen, kleineren Störungen ihres Unterrichts – gewachsen zu zeigen.
.

Hm - was hat der in Rede stehende Rektor wohl gegen unsere wackre Leerkraft in der Hand? Er scheint schon vor der Wende im Schuldienst gewesen zu sein und blieb oder wurde danach Schulleiter. Nicht nur Poly-Lux, sondern auch Poly-Flex?
Der zitierte Spruch des Niedersächsischen Oberverwaltungsgericht (Beschluss vom 15.2.2009, 5 ME 30/09) enthält in keiner Weise eine notwendige Bedingung für unangekündigte Unterrichtsbesuche. Er weist vielmehr in einem Spezialfall die Klage einer Leererin zurück, welche - vermutlich wegen Klagen über den Unterricht - "unangekündigte Unterrichtsbesuche" für nicht zulässig erklärt haben wollte.

Demgegenüber gilt in Bayern und auch in anderen Bundesländern eine durchaus weiter gefasste Klausel:

Unterrichtsbesuche finden im Allgemeinen ohne Benachrichtigung der Lehrkraft statt. Bei der Ansetzung von Unterrichtsbesuchen wird auf ungünstige Umstände Rücksicht genommen (z. B. nach Erkrankungen der Lehrkraft). Die Beobachtungen sind mit der Lehrkraft zu besprechen. Dieses Gespräch ist von besonderer Bedeutung (...)
Man vergleiche dazu:
2030.2.3-UK
Richtlinien für die dienstliche Beurteilung und
die Leistungsfeststellung der staatlichen Lehrkräfte
sowie der Schulleiterinnen und Schulleiter an Schulen in Bayern
Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums
für Unterricht und Kultus
vom 7. September 2011 Az.: II.5-5 P 4010.2-6.60 919,
geändert durch Bekanntmachung vom 15. Juli 2015
V
https://www.km.bayern.de/download/12375_beurteilungsrichtlinien_2015.pdf



Auch alis Hinweis auf das "Dämmerlicht" ist wenig zielführend: Es ist im Dämmerlicht und bei eingeschaltetem Beamer (an der Decke) sehr wohl die Interaktion und didaktische Gesprächsführung der Leerkraft gut zu beobachten. Das genaue Minenspiel der Schöler ist für diese Viertelstunde kaum von axiologischer Relevanz. Ein Nichtüberschreiten der Türschwelle bei der Ansicht der Unterrichtssituation einzuklagen ist weder vorschriftsorientiert noch nach menschlich-humanen Gesichtspunkten gerechtfertigt.

Im Übrigen zeigt das Verhalten der Schüler nach dem schönen Ampelgag wie auch das Verhalten des Direktors - explizit in der letzten Fassung - jene freundliche Offenheit, welche in Bayern doch immer wieder zu beobachten ist. Genauso wie der Raubautz- und Rempel-Rumpelmodus.

serenitate Bavarica plenus
ww
 

Willibald

Mitglied
Anekdote
Einem Mann war die Frau verstorben.
Nach fast einem Jahr glaubte er,
einer Verwechslung aufsitzend,
sie auf der Straße wiederzusehen,
fiel vor freudigem Schreck um und starb.
Schon am nächsten Tag klärte sich das Missverständnis.
Eckhard Henscheid: Kleine Poesien. Zürich: Haffmanns 1992; S.8


Deutsch-Lehrer Georg E. und der Bamberger Reiter
Anekdote

Der Deutschlehrer Georg E. schaltete im leicht abgedunkelten Klassenzimmer der 10Caesar, das war der humanistische Zweig mit Latein, Griechisch und Englisch, zum Abschluss der Stunde den Beamer ein - der niedrige Wert von 300 Lumen pro Quadratmeter erforderte Dämmerlicht im Raum - und es erschien ein Bild des Bamberger Reiters.


Ich saß damals in der zweiten Reihe rechts vorne und fühlte mich dort auch heute nicht recht wohl. Herr E. wollte gerade zu sprechen beginnen, als plötzlich die Tür aufging: Der großgewachsene Direktor der Schule schritt eindrucksvoll über die Schwelle, bedeutete ohne Worte dem Kollegen mit einem freundlichen Lächeln und der halbhoch gehaltenen Hand, er möge doch bitte einfach fortfahren, nahm den freien Lehrerstuhl und setzte sich vorne links ans Fenster, wo er das Geschehen recht gut überblicken konnte. Nun war man gefordert.

Thematisch ging es in dieser Stunde bei uns Sechzehnjährigen, die erstmals vom Lehrer gesiezt wurden, um das Menschen- und Herrscherbild des Mittelalters. Herr E. forcierte angesichts der neuen Gesamtsituation seine Stimme: „Ein Mysterium wird diese Reiterstatue manchmal genannt, der Reiter sitzt auf einem Pferd hoch oben, hält die Zügel in der Hand, ganz entspannt. Selbst auf uns Heutige macht diese Gestalt Eindruck. Schauen sie sich das Bild genauer an. Was sagt es uns, was vermittelt es uns?“

In die entstehende und sich vertiefende Stille hinein lächelte der Lehrer ermutigend. Ich zog die Schultern hoch und den Kopf leicht ein. Vorne im Klassenzimmer, hinten und in der Mitte nur Unbehaglichkeit. „Jetzt denken Sie sich halt in die Figur hinein. Das ist doch möglich. Und haben Sie den Mut zu sagen, was Sie dabei empfinden.“ Der Direktor vorne links, ein Altphilologe namens Färber mit einer besonderen Vorliebe für die fragende Mäeutik, die Hebammenkunst sokratisch-platonischer Gesprächsführung, hatte den Kopf gesenkt und schien zu meditieren. „Sagen Sie es, auch wenn es Ihnen vielleicht etwas komisch vorkommt.“ Stille. Dann vernahm man aus der letzten Reihe eine gemurmelte Antwort - sie war knapp formuliert, schlug ein und die Stunde war versenkt, geplatzt, getötet. "Er wartet vielleicht "- minimale Pause - "auf Grün?“

Im einsetzenden Losprusten, Quieken, Quietschen, Gackern, Frohlocken öffnete und schloss Direktor Färber den Mund. Ein Lippenleser hätte dort wohl ein „tot“ entschlüsselt, er stand auf, hob schmunzelnd die Hand. Er habe, sagte er, gestern nachmittag einen Kollegen aus Karl-Marxstadt im Wittelsbacher Gymnasium herumgeführt. Der habe die Beamer an der Decke bewundert, aber betont, dass man bei ihnen schon vor der Wende in jedem Klassenzimmer einen Overheadprojektor, einen „Polylux", installiert hatte. Ein Name, der ihm, Direktor Färber sehr gefalle. Man könne sich sicher denken, warum?

Wir kannten das Spiel aus der achten Klasse noch, vier Wochen damals Unterricht beim Färber, der Lateinlehrer war im Krankenhaus. Also alles klar jetzt das rituelle Spiel spielen. Weg von dem gekippten Stundenschluss: Aus dem Griechischen das „?????“ für „viel, mehrere“. Aus dem Lateinischen das „lux“ für „Licht“. "Ja, brav", sagte Direktor Färber,"und vor allem: Latein und Griechisch leben sogar im Osten immer weiter." Man höre immer, Latein und Griechisch seien tote Sprachen. Aber selbst wenn das stimme, gelte – hier grinste der Direktor - dass nur eine tote Sprache eine gute Sprache sei. Und dann zu Herrn E.: „Eine gute Stunde, Herr Kollege.“ Herr E. stutzte kurz. Dann lächelten beide.

*​

Der gleiche Deutschlehrer übrigens wollte einmal in einem Abschlussgespräch eine griffige Formel ("Schein und Sein") mit den Schülern sokratisch-mäeutisch erarbeiten. Es ging dabei um die Novelle "Kleider machen Leute" des Dichters Gottfried Keller und deren Hauptfigur Wenzel Strapinsky. Als wir partout nicht draufkamen, worauf er hinauswollte, rief er: „Nun, es geht doch um Schein und ….?“ Als wir immer noch nicht mehr wussten, rief er in seiner Verzweiflung: „Es reimt sich auf Schwein.“ Um´s Verrecken nicht wussten wir, was er wollte.

*​

Wirkung und Erinnerungswert dieser Gottfried-Keller-Stunde waren der Stunde mit dem Bamberger Reiter voll adäquat.
 

Willibald

Mitglied
Anekdote
Einem Mann war die Frau verstorben.
Nach fast einem Jahr glaubte er,
einer Verwechslung aufsitzend,
sie auf der Straße wiederzusehen,
fiel vor freudigem Schreck um und starb.
Schon am nächsten Tag klärte sich das Missverständnis.
Eckhard Henscheid: Kleine Poesien. Zürich: Haffmanns 1992; S.8


Deutsch-Lehrer Georg E. und der Bamberger Reiter
Anekdote

Der Deutschlehrer Georg E. schaltete im leicht abgedunkelten Klassenzimmer der 10Caesar (10c, das war der humanistische Zweig mit Latein, Griechisch und Englisch) zum Abschluss der Stunde den Beamer ein - der niedrige Wert von 300 Lumen pro Quadratmeter erforderte Dämmerlicht im Raum - und es erschien ein Bild des Bamberger Reiters.


Ich saß damals in der zweiten Reihe rechts vorne und fühlte mich dort auch heute nicht recht wohl. Herr E. wollte gerade zu sprechen beginnen, als plötzlich die Tür aufging: Der großgewachsene Direktor der Schule schritt eindrucksvoll über die Schwelle, bedeutete ohne Worte dem Kollegen mit einem freundlichen Lächeln und der halbhoch gehaltenen Hand, er möge doch bitte einfach fortfahren, nahm den freien Lehrerstuhl und setzte sich vorne links ans Fenster, wo er das Geschehen recht gut überblicken konnte. Nun war man gefordert.

Thematisch ging es in dieser Stunde bei uns Sechzehnjährigen, die erstmals vom Lehrer gesiezt wurden, um das Menschen- und Herrscherbild des Mittelalters. Herr E. forcierte angesichts der neuen Gesamtsituation seine Stimme: „Ein Mysterium wird diese Reiterstatue manchmal genannt, der Reiter sitzt auf einem Pferd hoch oben, hält die Zügel in der Hand, ganz entspannt. Selbst auf uns Heutige macht diese Gestalt Eindruck. Schauen sie sich das Bild genauer an. Was sagt es uns, was vermittelt es uns?“

In die entstehende und sich vertiefende Stille hinein lächelte der Lehrer ermutigend. Ich zog die Schultern hoch und den Kopf leicht ein. Vorne im Klassenzimmer, hinten und in der Mitte nur Unbehaglichkeit. „Jetzt denken Sie sich halt in die Figur hinein. Das ist doch möglich. Und haben Sie den Mut zu sagen, was Sie dabei empfinden.“ Der Direktor vorne links, ein Altphilologe namens Färber mit einer besonderen Vorliebe für die fragende Mäeutik, die Hebammenkunst sokratisch-platonischer Gesprächsführung, hatte den Kopf gesenkt und schien zu meditieren. „Sagen Sie es, auch wenn es Ihnen vielleicht etwas komisch vorkommt.“ Stille. Dann vernahm man aus der letzten Reihe eine gemurmelte Antwort - sie war knapp formuliert, schlug ein und die Stunde war versenkt, geplatzt, getötet. "Er wartet vielleicht "- minimale Pause - "auf Grün?“

Im einsetzenden Losprusten, Quieken, Quietschen, Gackern, Frohlocken öffnete und schloss Direktor Färber den Mund. Ein Lippenleser hätte dort wohl ein „tot“ entschlüsselt, er stand auf, hob schmunzelnd die Hand. Er habe, sagte er, gestern nachmittag einen Kollegen aus Karl-Marxstadt im Wittelsbacher Gymnasium herumgeführt. Der habe die Beamer an der Decke bewundert, aber betont, dass man bei ihnen schon vor der Wende in jedem Klassenzimmer einen Overheadprojektor, einen „Polylux", installiert hatte. Ein Name, der ihm, Direktor Färber sehr gefalle. Man könne sich sicher denken, warum?

Wir kannten das Spiel aus der achten Klasse noch, vier Wochen damals Unterricht beim Färber, der Lateinlehrer war im Krankenhaus. Also alles klar jetzt das rituelle Spiel spielen. Weg von dem gekippten Stundenschluss: Aus dem Griechischen das „?????“ für „viel, mehrere“. Aus dem Lateinischen das „lux“ für „Licht“. "Ja, brav", sagte Direktor Färber,"und vor allem: Latein und Griechisch leben sogar im Osten immer weiter." Man höre immer, Latein und Griechisch seien tote Sprachen. Aber selbst wenn das stimme, gelte – hier grinste der Direktor - dass nur eine tote Sprache eine gute Sprache sei. Und dann zu Herrn E.: „Eine gute Stunde, Herr Kollege.“ Herr E. stutzte kurz. Dann lächelten beide.

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Der gleiche Deutschlehrer übrigens wollte einmal in einem Abschlussgespräch eine griffige Formel ("Schein und Sein") mit den Schülern sokratisch-mäeutisch erarbeiten. Es ging dabei um die Novelle "Kleider machen Leute" des Dichters Gottfried Keller und deren Hauptfigur Wenzel Strapinsky. Als wir partout nicht draufkamen, worauf er hinauswollte, rief er: „Nun, es geht doch um Schein und ….?“ Als wir immer noch nicht mehr wussten, rief er in seiner Verzweiflung: „Es reimt sich auf Schwein.“ Um´s Verrecken nicht wussten wir, was er wollte.

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Wirkung und Erinnerungswert dieser Gottfried-Keller-Stunde waren der Stunde mit dem Bamberger Reiter voll adäquat.
 
A

aligaga

Gast
Dass in Bayern die Rektoren einfach so in den Unterricht platzen und ihn nach Belieben unterbrechen können, wie beschrieben, nimmt @ali nicht wunder. Die "Bayerische Art", ne?

Ob's in den neuen Bundesländern im Schuldienst auch so vorgesehen ist, kann dahinstehen - dem kollegialen Klima ist's jedenphalls nicht förderlich, denkt sich @ali. Er hat den Leerern, vor allem den Rektoren, ohnehin noch nie über den Weg getraut.

Wegen der im Dämmer vergrauenden Physiognomien sei auf den Text der Urfassung aufmerksam gemacht. Es hieß dort recht eindeutig:
In die entstehende Stille hinein lächelte der Lehrer ermutigend.
Da muss jemand Adleraugen haben. Oder die einer Waldohreule ...

Heiter wieder weiter

aligaga
 

Willibald

Mitglied
Ach Gottele, wackerster aller alis, er muss ja nur im Umfeld von Beamer-Lux und Projektionsrezeptor stehen.
Butter bei die Fische?

Ceterum censeo:

Deine Böllerei beim Fencheltee: eindrucksvoll.

Und ja, des bei den Bayern. Die armen Bayernstudienräte kriegen ja alle vier Jahre eine Beurteilung nach allen möglichen Belegsorten. Da ist der dreimalige Unterrichtsbesuch mit anschließendem Gespräch gar nicht so übel.

Da hat willibald stark ali gebracht:

Im einsetzenden Losprusten, Quieken, Quietschen, Gackern, Frohlocken öffnete und schloss Direktor Färber den Mund. Ein Lippenleser hätte dort wohl ein „tot“ entschlüsselt, er stand auf, hob schmunzelnd die Hand.
Greetse
ww
 


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