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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Vorlesende
Eingestellt am 09. 04. 2015 13:26


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Mistralgitter
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Der Vorlesende

Er huschte von der Seite auf die B├╝hne und setzte sich ein wenig ungelenk an den Holztisch mit der Leselampe. Seltsamerweise wirkte er sch├╝chtern und verloren dort oben auf der B├╝hne, obwohl er ein routinierter Schriftsteller war und dies sicher nicht seine erste Lesung. Es war k├╝hl in diesem ungem├╝tlichen, kaum beleuchteten Gew├Âlbekeller, der sonst f├╝r Theaterauff├╝hrungen genutzt wurde. Die W├Ąnde des Raumes hatte man teilweise mit schwarzen T├╝chern beh├Ąngt, an anderen Stellen schauten die d├╝stergrauen Steinquader hervor. Vor solch trauriger Kulisse zu lesen war schon ein gewagtes Unterfangen, dachte ich.

Und dann begann er zu reden, bemerkte entschuldigend, er h├Ątte sicher die falschen Stellen aus seinem Buch herausgesucht f├╝r diese Veranstaltung. Das sei meist so und das merke man erst hinterher. Seine Selbstironie war un├╝berh├Ârbar. Er f├╝hle sich grippig, fuhr er fort, sein Hals t├Ąte weh. Aber er w├╝rde das Beste daraus machen, versprach er. Wir l├Ąchelten wohlwollend. Er hielt sein Versprechen. Er redete deutlich, jedoch zu eilig, als ob alles, was er zu sagen h├Ątte, unwesentlich sei und keine gro├če Bedeutung h├Ątte, nur wenig Raum bekommen sollte. Dann nahm er sein neuestes Buch zur Hand und begann vorzulesen. In schneller Folge setzte er ein Wort an das andere, einen Satz neben den n├Ąchsten, mal betont und mal weniger betont, mit angenehmer Stimme, begleitet von sparsamer Mimik und Gestik.

Ich sah sein zerfurchtes, hageres und blasses Gesicht, genauso knochig wie seine ganze Gestalt. Seine kr├Ąftigen H├Ąnde fielen mir auf, von denen ich erwartet h├Ątte, dass sie schmal und empfindsam aussehen m├╝ssten, wenn sie einem k├╝nstlerisch begabten Mann wie ihm geh├Ârten. Und erschreckt stellte ich fest: Er kaut anscheinend N├Ągel, als ob er sich durchbei├čen m├╝sste. Sein eigener Anspruch, der des Verlegers und derjenige der Leser fordern offensichtlich einen solchen Tribut. Er bezahlt einen hohen Preis f├╝r einen schwer erarbeiteten Erfolg, vermutete ich. An seine Augen kann ich mich allerdings nicht erinnern. Merkw├╝rdig. Vielleicht hatte ich Furcht davor zuviel zu sehen?

Dabei gab es gar nichts zu f├╝rchten. Im Gegenteil. Dem Publikum war zum Lachen zumute.
Auch ich am├╝sierte mich k├Âstlich. Und Charlotte neben mir lachte aus vollem Halse. Was er uns vorlas, war brillant formuliert, messerscharf traf es die wunden Punkte einer unvollkommenen, nahezu kranken Gesellschaft, die sich in ihrer Blindheit jedoch v├Âllig ernst nahm. Er lie├č uns an einem lustvollen und klugen Auskosten von Einf├Ąllen teilhaben, mit denen er den Aberwitz menschlicher Unzul├Ąnglichkeiten und Abgr├╝nde beschrieb.

Charlotte fl├╝sterte mir zu, sie habe bisher alle B├╝cher von ihm gelesen und k├Ânne gar nicht aufh├Âren seine Literatur zu verschlingen. Sein neuestes Buch lag schon auf ihrem Scho├č. Sie lie├č es sich am Schluss der Lesung signieren. Ich finde so etwas immer peinlich.

Das Ende der Lesung kam ├╝berraschend. Jemand aus der Publikumsmitte klatschte einfach drauf los, als der Autor kurz Luft holte. Ein solches Verhalten fand ich ungeh├Ârig dem Vorlesenden gegen├╝ber und deshalb klatschte ich erst mal nicht. Der Autor hielt inne, nickte stumm dankend ins applaudierende Publikum. Er wollte offensichtlich etwas sagen, aber es kam f├╝r eine Weile kein Laut ├╝ber seine zitternden Lippen. Als ob er voller Anspannung nach Worten suchte und sie nicht herausbekam und gleich stottern w├╝rde. Mir tat das Leid.
Er nahm ein anderes Buch zur Hand, eine ├Ąltere Ver├Âffentlichung, und k├╝ndigte an, er wolle aus seinem ersten Buch etwas vorlesen. Das habe er immer dabei, falls etwas schief gehen w├╝rde. War etwas schief gegangen? Und so h├Ârten wir ein weiteres Text-Beispiel f├╝r seinen scharfsinnigen, bissigen Humor. Der Beifall war ihm sicher.

Auf dem Heimweg dachte ich daran, dass er einmal in einer Email an mich selbstironisch schrieb, er verst├╝nde vom Fahrradfahren mehr als vom Schreiben. Auf durchschnittlich zehntausend, mit dem Rad gefahrene Kilometer k├Ąme er jedes Jahr. Fahrradfahren sei erfreulicher, als sich in einen Disput mit Lektoren oder anderen Autoren zu begeben. Er sei in einem Radfahrverein und k├Ânne nur jedem Autor raten, das Gleiche zu tun. Die Leute im Fahrradverein h├Ątten einen netteren Umgangston untereinander als Lektoren und Autoren.

Au├čerdem sei ein freier Schriftsteller alles andere als frei. Es g├Ąbe so viele private Einschr├Ąnkungn, so viele Herausforderungen, denen er sich stellen m├╝sse, dass es die Grenzen des Zumutbaren oft erreiche.

Wenig ermutigend, dachte ich.

Version vom 09. 04. 2015 13:26
Version vom 10. 04. 2015 20:24
Version vom 10. 04. 2015 22:22
Version vom 10. 04. 2015 23:17
Version vom 01. 05. 2015 09:08
Version vom 01. 05. 2015 09:21

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rothsten
???
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Hallo Mistralgitter,

es passen perfekt Gehalt und Rhythmus Deiner S├Ątze: kaum zu viel, nie zu wenig. Du kannst den K├Ânner nicht wirklich gut verstecken. Sch├Ąmen sollst Du Dich!

Beispiel gef├Ąllig?

quote:
Ich sa├č in der ersten Reihe. Damit ich besser h├Âren konnte. Heute wollte ich nichts verpassen. In der ersten Reihe h├Ârte ich nicht nur besser, sondern sah auch besser, ja sogar mehr. Besonders zu Beginn des Abends: Wie er etwas sch├╝chtern und zusammengefaltet wegen seiner L├Ąnge vor seinem Lesetisch sa├č, wie dunkel er in seinem schwarzen Rollkragenpullover wirkte und wie kalt ihm wegen seines schwarzen, wollenen Kurzmantels mit Reverskragen sein musste, den er ein wenig hochgeschlagen hatte.


So schreibt nur jemand, der wei├č, was sie tut.

Wohltuend zu lesen!

quote:
Er hielt sein Versprechen. Er redete deutlich, jedoch zu eilig, als ob alles, was er zu sagen h├Ątte, unwesentlich sei und keine gro├če Bedeutung h├Ątte, nur wenig Raum bekommen sollte.

Warum ich weiterhin Deine Texte lesen werde, wei├č ich sp├Ątestens seit diesem Satz. Grandiose Beobachtung mit einer Sprache, die v├Âllig unaffektiert ist. Beneidenswert!

quote:
Dennoch war ich immer wieder unkonzentriert, betrachtete in aller Ruhe sein zerfurchtes, hageres und blasses Gesicht. Knochig war es wie auch seine ganze Gestalt. Seine Ohren, ungew├Âhnlich stark beleuchtet von einem Scheinwerfer, erschienen als viel zu klein, ja sogar unpassend angeschwollen f├╝r den schmalen langen Kopf, als seien sie aus dickem Filz geschnitten und anschlie├čend falsch und abstehend an seinen Kopf geheftet worden. Seine kr├Ąftigen H├Ąnde fielen mir auf, von denen ich erwartet h├Ątte, dass sie schmal und empfindsam aussehen m├╝ssten, wenn sie einem k├╝nstlerisch begabten Mann wie ihm geh├Ârten. Und erschreckt stellte ich fest: Er kaut anscheinend N├Ągel! Nat├╝rlich nicht vor dem Publikum, aber seine Finger sahen ganz danach aus. Er bei├čt sich durch, ├╝berlegte ich. Sein eigener Anspruch, der des Verlegers und derjenige der Leser fordern das offensichtlich. Er bezahlt einen hohen Preis f├╝r einen schwer erarbeiteten Erfolg, vermutete ich. Die Fingern├Ągel sind wahrscheinlich nur ein Fingerzeig. An seine Augen kann ich mich allerdings nicht erinnern. Merkw├╝rdig. Vielleicht hatte ich Furcht davor zuviel zu sehen?

Was soll man dazu noch gro├č sagen? Das ist einfach ganz gro├čer Sport, den Du uns hier bietest. Eine solche Nahaufnahme habe ich hier noch nicht gelesen, und kein, wirklich kein Wort davon ist schief oder gar ├╝berfl├╝ssig.

Very impressive!

quote:
Die Leute im Fahrradverein seien netter, als es Autoren untereinander sind.


Das muss wohl stimmen, denn nach unten ist kaum Luft ...

quote:
Damit ich was zu lachen hab, nahm ich mir vor und klatschte lang und anhaltend am Ende seiner Lesung.

Man muss nat├╝rlich im Kopf behalten, dass hier eine Autorin auch ├╝bers Schreiben schreibt. Eine Prise Selbstironie wird sicher mitschwingen, aber das wertet f├╝r mich den Text nochmal auf.

Ich kann leider nichts schreiben, was Dich weiterbr├Ąchte. Verzeih mir bitte meine schlichten Worte der Beeindruckung.

lg

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Mistralgitter
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Hallo rothsten,

das ist ja mal ein Kommentar, wie ich ihn noch nie bekommen hab! Danke f├╝r deine M├╝he und tolle R├╝ckmeldung. Ich bin gepl├Ąttet! Schlichte Worte? Bewahre!

Aber zum Schluss lief mir doch ein kalter erschr├Âcklicher Schauer den R├╝cken runter: einer meiner letzten S├Ątze ist durch eine falsche Interpunktion aus den Fugen geraten - ich hab ihn n├Ąmlich im Online-Status ein wenig voreilig vermurkst.
Werde ich ├Ąndern ...
Es gibt einfach immer wieder was zu tun, auch wenn man irgendwie meint, die ultimative Fassung gefunden zu haben. Ich bastele gerne immer wieder aufs Neue rum - und wenn ich dazu Hinweise bekomme, bin ich froh.

Solche S├Ątze wie

quote:
So schreibt nur jemand, der wei├č, was sie tut.
Wohltuend zu lesen!
Warum ich weiterhin Deine Texte lesen werde, wei├č ich sp├Ątestens seit diesem Satz. Grandiose Beobachtung mit einer Sprache, die v├Âllig unaffektiert ist. Beneidenswert!


sind Balsam auf meine von Zweifeln zerfurchte Seele ;-)

Anscheinend schimmert die selbstironische Betrachtung der beiden Prot. doch durch den Text hindurch - auf die kam es mir letztendlich an.

Also auf eine gute Zusammenarbeit - bin gespannt, wie es hier weitergeht.

LG
Mistralgitter

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Mistralgitter
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Änderung vollzogen

So, nun ist der Schluss wieder besser. Ob gut, bleibt die Frage ...

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herziblatti
???
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Hallo Mistralgitter, zuerst muss ich vorausschicken, dass es nicht meine Absicht ist, den Text zu entwerten; ich lese sehr genau und reflektiere, was ich gelesen habe und wie es wirkt auf mich kleinere handwerkliche M├Ąngel zeige ich in der Regel nur auf, wenn sie mich sehr st├Âren, oder, wie in dem Fall, wenn der Autor es ernsthaft wissen m├Âchte, weil er am Text arbeiten will, und -bestenfalls- wenn meine Vorschl├Ąge auch in seinen Augen den Text verbessern.

quote:
Ich dachte daran, dass er mir einmal selbstironisch schrieb
das meine ich mit "Art der Beziehung" - freundschaftlich, kollegial, ein Fan, oder was es sonst noch gibt an Beziehungen
quote:
und wie kalt ihm wegen seines schwarzen, wollenen Kurzmantels mit Reverskragen sein musste
verstehe ich nicht: wegen seines Mantels ist ihm kalt?
quote:
Er lie├č uns an einem lustvollen und klugen Auskosten von Einf├Ąllen teilhaben, um den Aberwitz menschlicher Unzul├Ąnglichkeiten und Abgr├╝nde zu beschreiben
das ist mir unverst├Ąndlich -Einf├Ąlle, die den Aberwitz...-
quote:
Jemand aus der Publikumsmitte
auch das l├Ąsst sich genauer schreiben
Das waren jetzt einige Details, es gibt noch mehr davon im Text.
Nochmal mein Hinweis: "Der Vorlesende" ist keine Kurzgeschichte. Bitte den Forentext lesen, er erkl├Ąrt ausf├╝hrlich, warum.
Wenn ich Deine Antworten richtig gelesen habe, handelt es sich hier um eine "wahre Begebenheit" (ev.Tagebuch?). Erlebnisse werden erst dann zu Literatur, wenn sie weg von der pers├Ânlichen Empfindungswelt auf eine andere Ebene/Form gebracht werden. Meine Fragen in meinem ersten "spontanen Leseeindruck" w├Ąren durchaus als Anregung zu verstehen gewesen, den Text ein St├╝ck weit vom Autor weg, hin zu einem echten Ich-Erz├Ąhler/Protagonisten zu r├╝cken.
Ich hoffe, ich konnte Dir mit meinen Ausf├╝hrungen helfen. LG - herziblatti
__________________
Warten, was der Fluss so bringt - Fritz Popp

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Mistralgitter
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Hallo herziblatti,
deine R├╝ckmeldung ist mir wichtig. Vielen Dank f├╝r die Besch├Ąftigung mit meinem Text.
Ich habe sehr wohl die Forentexte - sowohl f├╝r die Kurzgeschichte als auch f├╝r Erz├Ąhlungen - gelesen und mich dann f├╝r diese Eingruppierung entschieden.
Wenn ich deinen Ausf├╝hrungen folge, w├Ąre mein Text in der LL eigentlich nicht erw├╝nscht, weil er keine Literatur darstellt. dar├╝ber kann ich gerne nachdenken und ihn l├Âschen - er MUSS hier nicht stehen!

Bei dem Text kam es mir in keiner Weise auf die Beschreibung einer Beziehung an, sondern auf eine Momentaufnahme, eine Nahaufnahme einer Person, eines Schriftstellers w├Ąhrend einer Buchvorstellung, angereichert durch eine nachgereichte Information, die zur Charakteristik dieser Person geh├Âren sollte.

F├╝r die Hinweise auf meine unscharfen Formulierungen danke ich dir.

Viele Gr├╝├če
Mistralgitter

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