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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Die Sache mit dem Ami
Eingestellt am 27. 04. 2019 20:45


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Blumenberg
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Mein Großvater sieht nicht mehr gut, deswegen komme ich montags mit der S-Bahn aus Deutz und lese ihm die Zeitung vor. Zum Einstieg den Lokalteil. Der Traktorunfall im Nachbarort interessiert ihn. „Mit diesen neuen UngetĂŒmen muss man aufpassen. Sind viel grĂ¶ĂŸer als die, mit denen wir frĂŒher die Ernte eingebracht haben. Da kommt leicht einer unter die RĂ€der.“ Es ist keiner unter die RĂ€der gekommen, aber das stört meinen Großvater nicht. „Die Polen passen nie richtig auf, die sind faul und saufen den ganzen Tag. Ich hab die nie auf meinen Trecker gelassen.“

„Wann hat denn jemals ein Pole fĂŒr dich gearbeitet? “, entgegne ich etwas genervt. Es passiert in den letzten Wochen hĂ€ufig, dass sich fremde Geschichten in seine eigenen mischen. Ich glaube, er merkt das, denn er erzĂ€hlt weniger als frĂŒher.

Das SchĂŒtzenfest am Wochenende in TĂŒrnich will er unbedingt besuchen. „Ich frage Mamma. Mal sehen, ob wir hin können oder ob es zu anstrengend ist.“

„Da bin ich jedes Jahr gewesen“, sagt er scharf, „seit achtundvierzig!“

„Das stimmt doch gar nicht Opa, du warst seit Jahren nicht mehr dort. Du siehst doch auch fast nichts mehr vom Zug.“

„Jedes Jahr 
, seit achtundvierzig“, wiederholt er leiser.

„Ich rede mit Mamma, versprochen“, sage ich sanft und habe ein schlechtes Gewissen. Es fĂŒhlt sich falsch an, jemandem Vorschriften zu machen, der so viel Ă€lter ist als ich. Wahrscheinlich hat er es bis zum Wochenende ohnehin wieder vergessen. Ich nehme mir vor, trotzdem zu fragen.

„FĂŒr das Ausland bin ich zu alt“, sagt er, als ich mit dem Überregionalen beginne. Ausland ist alles, was ĂŒber Köln hinausgeht. „Lies lieber die Angebote, ich brauche noch Möhren und Milch.“

Also nehmen wir uns die Werbeprospekte vor. Im Hit gibt es Tomaten billig, im Aldi ist Bratwurst im Angebot, beides wandert zu den Möhren und der Milch auf die Liste. „Bring Tomaten mit, die sind fast geschenkt! Eine Mark das Kilo.“ Ich habe es aufgegeben, ihm den Euro zu erklĂ€ren, die Zahl stimmt ja.

„War doch alles anders, als ich damals gedacht hab“, sagt er unvermittelt.

Der Satz bringt mich aus dem Konzept und ich lege den Werbeprospekt zur Seite. „Was war denn anders, Opa?“, frage ich, ohne recht zu wissen, auf was der alte Mann hinaus will, der mir gegenĂŒber im Gartenstuhl sitzt. Er ist schmal geworden mit den Jahren. Ich bin froh, dass es wieder wĂ€rmer wird, die frische Luft tut ihm gut. Er blickt auf und sieht mich mit trĂŒben Augen an, ich merke an dem Zucken im Gesicht, dass er konzentriert ist. „Na, das mit dem Ami“, sagt er nach einer Pause und schweigt danach.

„Mit welchem Ami?“, hake ich nach, ohne große Hoffnung, wirklich verstehen zu können, wo sein GedĂ€chtnis nun wieder ist.

„Na mit dem, der im Baum hing. Ich hab ihn beim Spielen im Wald gefunden, gar nicht weit von der Erft weg. Der Fallschirm hatte sich in den Ästen verfangen. Er hat immer wieder dran gerĂŒttelt, kam aber nicht los. Ich hab ihn beobachtet. Sah ganz anders aus, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Irgendwie hilflos und ein Bein stand komisch ab. Ich hatte mal einen Vogel mit gebrochenem FlĂŒgel gesehen, der stand genauso ab. SpĂ€ter bin ich nach Hause gelaufen und hab es Mamm erzĂ€hlt. Sie hat mir verboten, nochmal in den Wald zu gehen. Der Ami hat ihr Angst gemacht, das hab ich gesehen. Ich hab ihr gesagt, sie muss keine Angst haben. ‚Der hĂ€ngt da, ganz eingewickelt in den Fallschirm und kann sich nicht rĂŒhren. Und böse hat er auch nicht ausgesehen, eher traurig.‘ Meinst du, es war richtig, es ihr zu sagen?“

„Keine Ahnung“, erwidere ich, immer noch unschlĂŒssig, worauf die Geschichte hinauslaufen soll.

„Sie hat gesagt, ich soll im Haus bleiben, weil sie zum Joppich geht. Der war damals BĂŒrgermeister“, sprudelt es aus dem alten Mann heraus, den ich lange nicht mehr so viel habe sagen hören. ,Wenn einer im Baum festhĂ€ngt, muss man dem doch helfen‘, hab ich Mamm gesagt. Sie hat mich angesehen und nach einer Weile genickt. ‚Ja, den muss man aus dem Baum holen und aus dem Wald‘, hat sie gesagt. Dann ist sie zum Joppich gegangen und der ist kurz darauf mit dem Wachtmeister und dem Linkens und dessen Knecht gekommen. Wo ich den Ami denn gefunden hĂ€ttÂŽ, haben sie gefragt. Ich mĂŒsse mich genau erinnern, das sei sehr wichtig.“

Ich höre Opa Werner zu. Sein Gesicht zuckt immer wieder, als ringe irgendeine GefĂŒhlsregung darum, sich auf dem wettergegerbten Gesicht zu zeigen. Das tut es immer, wenn er sich auf seine Erinnerungen konzentriert. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals ĂŒber diese Zeit gesprochen hat.
„Erst wollt‘ ich es nicht sagen. Ich mochte den Joppich nicht, der roch nach Zigarettenrauch, hatte einen dicken Bauch, kleine Schweinsaugen. Hat sich immer aufgespielt. Besonders nachdem der Krieg losgegangen war, aber auch davor schon. ‚BĂŒrgermeister ist der nur, weil der von Anfang an in der Partei war‘, hat Mamm immer geschimpft. Als der Krieg losging, hat sie das nicht mehr gesagt 
, da hat sie nichts mehr gegen den Joppich gesagt. Ich habe aber gesehen, dass sie ihn manchmal böse angeguckt hat, wenn erÂŽs nicht gemerkt hat. Ich glaub, sie war wĂŒtend, dass Papp in den Osten musste und der Joppich hierbleiben durfte.“

„Was war denn jetzt mit dem Ami?“, hake ich nach.

„Dem Joppich hab ich es nicht sagen wollen und der wurde wĂŒtend deswegen. Dann hat der Linkens den Joppich und die anderen rausgeschickt und sich zu mir heruntergebeugt. ‚Wir können den da doch nicht einfach hĂ€ngen lassen, dem muss man doch helfen‘, hat er leise gesagt. ‚Ich mag den Joppich nicht‘, hab ich dem Linkens zugeflĂŒstert, wegen dem dicken Bauch, der Schweinsaugen und dem Gehabe. Da hat er gelacht und gezwinkert und ich hab gewusst, der mag den Joppich auch nicht. Das hab ich aber fĂŒr mich behalten. ‚Das Bein vom Ami steht ganz komisch ab‘, hab ich dem Linkens gesagt. Ich hab ihm von dem Vogel erzĂ€hlt, den ich auf unserem Hof gefunden habe, und dem FlĂŒgel, der zur Seite weggestanden hat. Ich habe ihm erzĂ€hlt, dass wir den Vogel so lange gefĂŒttert und gepflegt haben, bis der FlĂŒgel wieder heil war. Er hat genickt und gelĂ€chelt und ich hab ihm von meinem geheimen Platz nicht weit von der Erft erzĂ€hlt und wie ich an der alten Weide, in die im Sommer der Blitz eingeschlagen hat, vorbeigegangen bin, Richtung SĂŒden und dann ĂŒber den kleinen HĂŒgel und dass dort der Ami im Baum hĂ€ngt. Er hat mir versprochen, dass sie es wie mit dem Vogel machen, das Bein richten, ihn pflegen, bis es wieder heil ist. Dann ist er mit dem Joppich, dem Wachtmeister und dem Knecht in den Wald gegangen. Ich wollt mit, aber Mamm hat es mir verboten.“

Ich warte darauf, wie es weitergeht mit dem Ami, aber mein Großvater schweigt, wie er es meistens tut. Er sackt ein wenig in sich zusammen und ich rutsche ungeduldig auf meinem Stuhl hin und her. Nach einer Weile richtet sich der alte Mann wieder etwas auf und sieht mich an.

„Bring Tomaten mit, die kosten nur eine Mark das Kilo, das ist fast geschenkt“, sagt er.


Version vom 27. 04. 2019 20:45
Version vom 28. 04. 2019 10:16

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FrankK
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Hallo Blumenberg
Na, das ist ein "offenes Ende", wie es realistischer und ĂŒberzeugender nicht kommen kann. Die zu einer zĂŒnftigen Kurzgeschichte gehörige "ĂŒberraschende Wendung" ist auch enthalten und nicht unerwartet ebenso ĂŒberzeugend und ... tragisch.

Insgesamt nur etwas "zÀh" zu lesen. Viele - fast schon zu viele - Randinformationen, die es nicht unbedingt braucht. Nehmen wir nur mal den ersten Satz:

quote:
Mein Großvater sieht nicht mehr gut, deswegen komme ich montags mit der S-Bahn aus Deutz und lese ihm die Zeitung vor.
Was gÀnge verloren, wÀre er reduziert auf:
"Mein Großvater sieht nicht mehr gut, deswegen lese ich ihm die Zeitung vor."

Was meinst du, findest du noch mehr Punkte zum straffen? Nur damit der Spannungsbogen nicht gar so ĂŒberdehnt wird und deine Leser nicht schon ab dem "ĂŒberregionalen Ausland" (Köln) die Leselust verlieren.

Besonders gelungen empfinde ich den Moment, als Opa in seine Kindheitserinnerungen abdriftet. Sein Sprachstil scheint sich sogar zu verĂ€ndern. Ich sehe ihn praktisch vor mir, mit seinem alten, trĂŒben Augen und dem kindlich verklĂ€reten Blick, der zum Schluss wieder ins Leere driftet ...


Abendliche GrĂŒĂŸe
Frank
__________________
Leben und leben lassen.

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Blumenberg
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Lieber Frank,

besten Dank fĂŒr deine hilfreichen Anmerkungen. Es freut mich, dass du die Grundidee und die Umsetzung, gerade des zweiten Teils, gelungen findest. Das offene Ende, ist dabei vermutlich Geschmackssache, es wird bestimmt den ein oder anderen geben, der die fehlende Auflösung als unbefriedigend empfindet, mir schien es aber in dieser Geschichte, das einzig passende Ende zu sein.

Was die zu vielen "Randinformationen" im ersten Teil angeht, glaube ich, dass du recht hast. Ich hatte mir auch schon ĂŒberlegt, den Teil ein wenig zu straffen, wollte aber noch mal das Feedback hier abwarten.

Ich habe dies nun in einer neuen Version umgesetzt und den ein oder anderen Satz etwas zurechtgestutzt. Ist aber, wie man so schön sagt, alles noch work in progress.

Liebe GrĂŒĂŸe

Blumenberg

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xavia
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Diese Geschichte, lieber Blumenberg, hat mich vom ersten bis zum letzten Wort gefesselt. Zum einen ist da das Wiedererkennen des »Alten Mannes«, den man lieb hat, obwohl er manchmal nervt und zum anderen die Spannung, worauf es hinauslÀuft. Auch das Ende finde ich sehr gelungen, könnte mir kein besseres vorstellen.
LG Xavia.

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Blumenberg
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Feb 2016

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Liebe Xavia,

vielen Dank fĂŒr das Lob. Ich freue mich, dass dir die Geschichte gefallen, auch wenn sie eher traurig als fröhlich ist. Es ist immer gut zu hören, wenn eine Geschichte fesseln konnte. Ich bin mit der jetzigen, leicht bearbeiteten Version insgesamt schon sehr zufrieden.
Ich muss gestehen, auf den Schluss bin ich diesmal ein wenig stolz, da ich es beim Schreiben, trotz offenem Ende, als runden Abschluss empfunden habe und an den Kommentaren sehe, dass ich mit der EinschÀtzung nicht völlig daneben liege.

Liebe GrĂŒĂŸe

Blumenberg

p.s. Besten Dank dem/der Unbekannten fĂŒr die positive Bewertung.

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fion
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Sehr verehrter Blumenberg,

Chapeau!

Ich beginne einfach mit dem (fĂŒr mich) stĂ€rksten Moment.
Die Angst um den Mann im Baum.
Erst presste sich etwas um mein Herz, damm um meine Kehle, dann TrÀnen in meine Augen. Ich wusste sofort, was Opa auf der Seele brannte. (Und es ist so oft passiert. Dem Joppich sinne Frau, hatte in der Woche danach wahrscheinlich ein neues Kleid aus Ballonseide, ne?)

Er, als kleiner Junge, er hat es geahnt, was sie machen wĂŒrden. Dem Linkens hat er doch extra das mit seinem Vogel erzĂ€hlt und wie er damit umgegangen ist. Und Linkens hat es ihm versprochen. (Stell dir vor, ich heule schon wieder.)
Blumenberg, diese Szene da im Wald, hast du geschrieben ohne ein Wort davon getippt zu haben.

In manchen Kommentaren wird deiner Geschichte ein glaubwĂŒrdiges Ende zugesprochen - oder - das man sich kein besseres Ende hĂ€tte vorstellen können.
Ich möchte sagen, danke, dass du es nicht geschrieben hast.

Und bitte lass Deutz drinn.
Ich mag es, wenn ich Koordinaten habe. Nur mit dieser ErwÀhnung, kommt der/das Lokalkolorit.

Nur, bitte sag mal, warum der doppelte Zeilenabstand dazwischen?

Ich bin so geflasht, dass mir beim besten Willen nix aufgefallen ist, was ich dir als Verbesserung anbieten kann.

Ganz ganz liebe GrĂŒĂŸe
Fion





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Kayl
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Oct 2014

Werke: 29
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Eine Kurzgeschichte wie sie sein soll: den Leser berĂŒhrend, mitnehmend, nicht zu lang, mit ĂŒberraschender Schlusspointe, die sie einrahmt.
Angenehm auffallend der fehlerlose Text.
Zu FrankK: Dass sich der ErzĂ€hler die MĂŒhe macht, mit der S-Bahn zum Großvater zu fahren, sollte nicht entfallen.

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