Astlöcher, Holzschiefer und Feensplitter

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Und wieder einmal fühle ich mich aus der Zeit gefallen ...
...und von der Zeit überholt dieser Tage auch irgendwie. Oder?
Das ist eine so krass rasche Entwicklung momentan. Da komm auch ich nicht mehr so richtig mit (technisch schon gerade noch, aber nachvollziehen kann ich die Haltung dahinter halt einfach überhaupt nicht....)
 

petrasmiles

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Überholt? Na ja, irgendwie aber die falsche Richtung, oder?
Muss man eh das Beste draus machen - die jetzt Jungen tun mir leid. Noch scheinen - zumindest meine 'Kinners' sich keine Jobsorgen zu machen - das war zu 'meiner Zeit' anders, aber was kommt dann?
 

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die jetzt Jungen tun mir leid
Mir auch. Ich möchte jetzt nicht in dem Alter sein, wo ich mich gerade beruflich orientieren muss bzw. sollte.

An allen Ecken und Enden wird Druck gemacht und dir als Schüler schon suggeriert, dass du, wenn du auch nur eine falsche Entscheidung bezüglich Weichenstellung triffst, so viel wertvolle Zeit verlierst, die du nie wieder wettmachen kannst. Und das noch vor dem Hintergrund der negativen "Fehler-Kultur" in den Schulen...
Das macht nicht nur unsicher, sondern auch enorme Ängste und Sorgen. Und aufgrund der - im Vergleich zu unseren höchst bescheidenen Informations-Möglichkeiten - überwältigenden "Überinformation" und Erfolgsdruck-Mache seitens social media auch ein Gefühl des Nicht-Gewachsen-Seins gleich im Voraus.

Unbekümmertheit wäre jetzt nicht das Wort, das mir zu dieser Generation einfallen würde. Ich versuche, meinen Sohn da momentan so gut wie möglich durchzucoachen und ihm nahezubringen, diese Zeit lockerer zu nehmen und auch zu genießen und sich einmal selbst "zu finden". Ganz in Ruhe. Viele Berufswege ergeben sich ohnehin erst in den Anfängen einer gewählten Ausbildung. Warum schon vorher sich irre machen und als Versager fühlen, noch ehe es überhaupt losgeht? Aber ich beobachte das nicht nur bei meinem Sohn. Auch Studenten sind inzwischen nur noch am Dauer-Büffeln fürs Konkurrenz-Ausstechen im Rennen um die ganz guten Jobs. Die Studienzeit als Entfaltungsphase auch abseits des Lernbetriebs...das gibt es heute gar nicht mehr. Wie traurig! Auch in der Grundschule darfst du vielenorts nicht mehr Kind sein - es kommt zwar alles so spielerisch daher, aber das Tempo und der Druck dabei wird oft nicht erkannt, ist aber allgegenwärtig...

...ach, ich hör schon wieder auf. Ein Thema, das mich wirklich traurig macht und aufregt, muss ich gestehen.
 

petrasmiles

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Liebe Claudia,

das hört sich wirklich furchtbar an.

In der Berliner Zeitung war letztens ein Artikel über den 'digitalen Staatsstreich' Trumps, der genau dieses fatale Ergebnis des Drucks durch einerseits kommerziell gewollte Unerreichbarkeit der propagierten Ideale - warum man all die Produkte kaufen muss, aber mit dem ideologischen Überbau durch Musks 'longterminism' muss die Gegenwart Opfer bringen für die Zukunft.
Der Mann war Berufsschullehrer und weiß, wovon er spricht.

Aber man kann Ihnen doch die sozialen Netzwerke nicht verbieten ...
Hier ein paar Auszüge:

"Priorität haben zukünftige Generationen, dafür müssen aber in der Gegenwart Opfer gebracht werden. Deshalb müssen der Migrant und alles Fremde vertrieben, das Weibliche zurückgedrängt und alles vermeintlich Störende und Nutzlose eliminiert werden. Deshalb muss der Mensch nach den Kriterien der Effizienz und Nützlichkeit umgestaltet und optimiert werden. (...)
Im longtermistischen Denken muskscher Prägung gibt es auch keinen Platz für Muße und interesseloses Wohlgefallen um seiner selbst willen. Das heißt dann aber auch, dass es um Kunst, Schönheit und Wahrheit schlecht bestellt ist. Also um jene Attribute, die der Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, der Kunst zugeordnet hat. (...)
Es ist ja schon seit langem zu bemerken, wohin die digitale Reise geht, und solche negativen, menschenverachtenden Algorithmen werden weiter zunehmen. Schon jetzt sind die Social-Media-Plattformen von Instagram, TikTok und Co. nach den Prinzipien der Aufmerksamkeitsökonomie programmiert. Was dazu führt, dass Emotionen, Hass, Hetze, Fake News und Verschwörungstheorien im Netz allgegenwärtig erscheinen. Diese in weiten Teilen menschenverachtenden Inhalte werden durch den Algorithmus permanent priorisiert, was zwangsläufig zu einer großen Reichweite und zu hohen Klickzahlen führt. Vernunft und Fakten, die von jeher Wahrheit begründen, sind in der digitalen Welt nicht mehr gefragt. (...)
Die Umkehrung aller Werte ist schon seit Trumps erster Amtszeit voll im Gang. Die Lüge ersetzt die Wahrheit, das irrationale Gefühl ersetzt die Vernunft und das Gerücht und die alternativen Fakten (also Lügen) ersetzen die Tatsachen. Das Ergebnis ist, dass viele Menschen nur noch in Echokammern kommunizieren, was wiederum ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit verzerrt und ihre politische Mündigkeit untergräbt.

In die Algorithmen sind auch immer die Werte und das Menschenbild ihrer Programmierer eingeschrieben. Zukünftig werden longtermistische, profitorientierte, patriarchale, frauen- und freiheitsfeindliche Wertvorstellungen noch stärker die KI-Algorithmen dominieren. Es sind antiaufklärerische Algorithmen, die der irrationalen Verblendung, der Manipulation und der Lüge weiter Vorschub leisten werden.

Ziel solcher Algorithmen ist es, aus mündigen Bürgern manipulierte und verwirrte Konsumenten zu machen, die sich permanent selbst optimieren, da ihnen über Werbung und Social Media ständig vermittelt wird, dass sie irgendwie nicht okay sind. Dass ihnen zu ihrem Glück etwas fehlt. Dass sie entweder nicht attraktiv genug, nicht klug genug, nicht jung genug, nicht gesund genug, nicht fit genug oder nicht wohlhabend genug sind. Dass sie irgendwie defizitär seien, da sie das in ihnen schlummernde Potenzial nicht voll auszuschöpfen vermögen. Zig Influencer und Coaches reiten auf dieser Welle und haben daraus ein profitables Geschäftsmodell gemacht, seien es Ratgeber oder Coaching-Seminare für Finanzen, Erfolg, Liebe, Schönheit, Gesundheit, Reisen oder spirituelle Erleuchtung.


Besonders die Algorithmen der Social-Media-Plattformen erzeugen bei den konsumierenden Usern reaktionäre Gefühle der Selbsterniedrigung und Selbstentmächtigung. Bei den Influencern, die aktiv Social Media für ihre Zwecke nutzen, tritt die entgegengesetzte Wirkung ein: Sie wiederum fühlen sich selbstermächtigt.

Damit wirken diese Algorithmen tief in die privaten Lebenswelten eines jeden Einzelnen hinein und entfalten eine enorme politische Wirkung. Das Private war schon immer auch politisch und im digitalen Raum tritt das immer deutlicher zutage.

Social Media erzeugen bei Usern einen Konkurrenzdruck, da sie einen unterschwellig ständig auffordern, sich mit einem fiktionalen „Role Model“ zu vergleichen, einem Idealbild, welches nie erreicht werden kann. Mit den designten und modellierten Körpern der Werbung auf dem Smartphone-Screen kann in der Realität keiner von uns mithalten und mit dem protzig zur Schau gestellten Vermögen mancher Influencer-Millionäre auch nicht.

Dieses ständige Vergleichen begünstigt eine Ich-Schwäche, in deren Sog Selbstzweifel, Ohnmachtsgefühle, Mutlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Orientierungslosigkeit und depressive Verstimmungen auf das Gemüt drücken und die psychische Gesundheit erodieren lassen."

Ein Open Source Beitrag, der frei zugänglich ist.
 
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