Bis ans Ende der Welt

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Vielleicht muss auch nicht alles begriffen werden, vielleicht genügt es manchmal, die Dinge anzunehmen, wie sie sind: flüchtig, widersprüchlich und unvollkommen.
Gewiss, John, man läuft sonst Gefahr, sich aufzureiben. Jene Wattestöpsel benutze ich auch schon seit Jahrzehnten - nach einer strapaziösen USA-Reise ohne die kleinen Kugeln. (Übernachtungen vor allem in YMCA-Häusern - schlaflos in New York ...)

Jetzt habe ich mir Bilder und Karten von einigen der zuletzt hier beschriebenen Orte und Gegenden angesehen. Der Haupteindruck auf mich: ausgesprochen herb. Die Ausstrahlung der Häuser und Straßen passt, wie mir scheint, zu der deiner Wirtin bei der vorigen Übernachtung. Nur dass diese Gebäudeensembles dabei einen ganz eigenen ästhetischen Wert haben. Lustig, dass in den alten Häusern am Lot in Espalion früher Gerbereien waren - sie sehen ja selbst wie gegerbt aus. Die gotische Brücke fand ich auf dem Foto auf Anhieb altertümlich respektabel und las dann, dass sie ursprünglich auch noch Türme aufwies.

Deine Reiseerzählung - vielleicht ist das ein zutreffenderer Begriff? - passt zu meiner jetzigen Lektüre, d.h. einem kleinen Teil davon. Gide schildert in seiner Autobiographie das Milieu der väterlichen Herkunft. Seine Vorfahren waren hugenottische Bauern in den Cevennen. Die nähere Verwandtschaft lebte im späten 19. Jahrhundert vor allem in Uzès, also doch schon sehr am Rand des von dir bereisten Gebiets.

Ich bleibe dir auf den Fersen.
Arno
 

John Wein

Mitglied
Alles im Lot am Lot

Espalion, Sonntag, 21.Juni 2008

Ein Sonntagmorgen kann unglaublich still sein. Vom Wehr am Pont Neuf dringt nur das gleichmäßige Brausen des Wassers in die Ruhe Espalions. Friedlich und in sich versunken liegen die Straßen da, die noch in der vergangenen Nacht vom Knattern der Motoren erfüllt waren.

Wir verlassen die Stadt auf dem Uferweg und folgen dem Fluss. Seit einer Woche sind wir nun unterwegs, eine Zeit, die wie im Flug vergangen ist und uns eine Fülle von Erlebnissen und Eindrücken beschert hat. Mit nur zwölf Kilometern ist die heutige Etappe vergleichsweise kurz, beinahe ein Sonntagsspaziergang. Die angekündigte Hitze des Tages wird durch die schattenspendenden Kronen der Kastanien angenehm gemildert.

In Bessuéjouls lädt uns die romanische Kirche Saint-Pierre in ihr kühles Inneres ein. Hinter ihrem eher schlichten Äußeren verbirgt sich eine Besonderheit: Hoch oben im Turm befindet sich die dem Erzengel Michael geweihte Oberkapelle. Über eine schmale Treppe gelangen wir in diesen ungewöhnlichen Raum, der zu den ältesten und am besten erhaltenen romanischen Kapellen Frankreichs zählt. Getragene Säulen mit reich verzierten Kapitellen, kunstvolle Flechtornamente und ein seltener romanischer Altar verleihen dem Raum eine beinahe zeitlose Atmosphäre. Besonders eindrucksvoll sind die Darstellungen von Fabelwesen und die fein gearbeiteten Reliefs, in denen noch die Formensprache der karolingischen Epoche nachklingt. Das warme Licht fällt durch die kleinen Fensteröffnungen und streicht über die jahrhundertealten Steine. Die Figuren wirken plötzlich erstaunlich lebendig. Ihre geschwungenen Formen heben sich aus dem Halbdunkel hervor, als hätten die Steinmetze ihnen bewusst einen Hauch von Sinnlichkeit mitgegeben.

„Schaut mal“, Katrin deutet auf eines der Kapitelle. „Für eine Kirche aus dem frühen Mittelalter sind die Herrschaften hier erstaunlich freizügig.“

Ich trete näher und betrachtet die Figuren.

„Das hätte ich jetzt auch nicht erwartet. Die Bildhauer hatten offenbar einen recht aufmerksamen Blick für weibliche Formen.“

„Und das ausgerechnet in einer Kapelle“, antworte Katrin. „Man könnte fast meinen, die Mönche hätten gewusst, dass Verbote die Fantasie nur noch mehr anregen.“

„Jedenfalls“, sagt Ralf, „haben die Künstler damals verstanden, dass der Mensch nicht nur aus Geist besteht.“

Ich nicke. „Aber vielleicht macht gerade das den Reiz dieser Kapelle aus: Zwischen Frömmigkeit und Versuchung liegen manchmal nur wenige gemeißelte Zentimeter.“

Hinter dem Weiler steigt der Pfad in steilen Serpentinen zwischen Steineichen bergan. Oben angekommen eröffnen sich herrliche Ausblicke auf das Tal und das hinter uns liegende Espalion. Weiden, Wälder und Felder fügen sich zu einem farbenfrohen Landschaftsteppich an den Hängen beider Talseiten. An den nach Westen gerichteten Lagen reifen die Trauben in der Sonne.

Hinter dem morbiden Landschlösschen Beauregard wird der Pfad talwärts zum Wanderweg. Wir gehen nun in einer anderen Dimension. Knallrot locken Kirschen aus den säumenden Gärten. Der Wille alles reifen und gedeihen zu lassen, liegt zum Greifen in der Luft.

Die letzten Kilometer der Etappe führen uns durch schattigen Laubwald, der sich an die Hänge der Flussschleifen schmiegt. Die Straße ist für den motorisierten Verkehr gesperrt. Tief unter uns begleitet der Lot unseren Weg, still und träge gleitet er durch das Tal. Ein Angler steht reglos im Wasser.

Dann, ganz unvermittelt, erscheint auf der gegenüberliegenden Flussseite das mächtige Burgschloss von Estaing. Wie ein Felsmassiv aus Stein ragt es weit über die Baumkronen hinaus. Über die stattliche fünfbogige Pilgerbrücke betreten wir den Ort, der zu den schönsten Dörfern des Aveyron zählt.

Überwältigend beherrscht das Schloss mit seinem mächtigen Donjon, den Burgberg und das gesamte Tal. Es wirkt wie ein steinernes Signal aus einer fernen Vergangenheit. Der Ort verdankt ihm seinen Namen, und die Geschichte der Herren von Estaing ist eng mit der Geschichte Frankreichs verwoben. Angehörige der Familie zogen auf Kreuzzüge, dienten Königen und erlebten die Wirren der Revolution; manche verloren unter der Guillotine ihr Leben. Mit dem Aussterben der Linie schien ihre Geschichte beendet.

1922 erwarb Edmond Giscard das Schloss und erhielt die Erlaubnis, den Namen Giscard d’Estaing zu führen. Sein Sohn Valéry sollte später als Präsident der Französischen Republik Geschichte schreiben.

Noch steht die Sonne am westlichen Himmel. Mit unseren Kräften haben wir gut gehaushaltet und eine Erkundung des hübschen, verwinkelten Dorfes erscheint als lohnende Zugabe zur heutigen Etappe. Allzu weitläufig ist Estaing ohnehin nicht.

Nachdem die letzten Schweißperlen getrocknet sind, belohne ich mich mit einem, nein, zwei kühlen Pressions. Von der Galerie am Quai du Lot genießt man einen heiteren Blick auf das gemächliche Treiben auf der Promenade. Über allem wacht das Schloss auf seinem Felsen, während über dem Fluss das Licht langsam verblasst.

Ich öffne die Tür zu meinem Zimmer. Mir wird schwindelig! Lilien, Lavendel und Verbenen schweben auf Tapeten und Gardinen, wie ein ewiger Frühling. Die Blumen, zartrosa, hellblau und violett, wachsen weder aus Erde noch aus Licht, sondern unmittelbar aus den Wänden selbst. Wer lange genug hinsieht, könnte meinen, die ganze Kammer stünde kurz davor aufzublühen. Ich fühle mich wie eine verirrte Hummel. Nach den Pilgertagen zwischen Schieferdächern, Feldwegen und romanischem Gemäuer wirkt diese florale Pracht beinahe unwirklich, als hätte sich ein Stück Garten heimlich unter das Dach des Hotels verirrt.

Das Restaurant des Hauses schmückt sich mit einer Kochmütze und weckt entsprechende Erwartungen. Die Vorfreude auf einen genussvollen Abend steigert sich von Minute zu Minute: gute Küche, guter Wein und die entspannte Stimmung eines entspannten Pilgertages. Ich werde nicht enttäuscht.

Der Wein fängt das Licht der Kerzen ein, Stimmen und Gelächter verweben sich mit dem Klirren der Gläser.

Beat hebt sein Glas.

„Morge gönd mer wieder wiiter und am Abe säged mer wieder: So schlimm isch's gar nöd gsi.“

Draußen schlägt irgendwo eine Glocke die Stunde.

„Was nehmt ihr eigentlich von diesem Weg mit?“, philosophiert Anne.

Niemand antwortet sofort.

Erika blickt in ihr Glas. „Dankbarkeit“, sagt sie schließlich.

Wolfgang nickt. „Gelassenheit.“

„Hunger“, sagt Ralf.

Gelächter.

Doch hinter diesem Scherz steckt mehr Wahrheit, als er zugeben würde.

Wir sitzen noch eine Weile beisammen. Niemand hat es eilig. Morgen wartet wieder der Weg. Heute genügt die Gesellschaft guter Menschen, ein Glas Wein und das Gefühl, genau dort zu sein, wo man sein sollte.


Alles in Fluss
 

John Wein

Mitglied
War es auch in real,
und jetzt kannst du das alles im Sitzen nacherleben. Ist doch praktisch; oder?
Gruß, John
 

John Wein

Mitglied
Ich und der liebe Gott in Frankreich


Estaing, Montag 22. Juni 2008

Über die historische Brücke verlassen wir Estaing und steigen durch einen schattenspendenden Buchenwald hinauf und über die Höhen des Lots. Je weiter ich laufe, desto mehr komme ich an, in diesem Teil Südfrankreichs. Es ist eine liebliche und fruchtbare Gegend mit einem freundlichen Menschenschlag.

„Heut wird's a schweißtreibende G'schicht“, prophezeit Ralf und zieht seine Kappe tiefer ins Gesicht.

„Haben alle genug Wasser?“, fragt Katrin und kontrolliert routiniert ihre Flaschen.

Die Gegend ist längst nicht so menschenleer wie das Aubrac. Immer wieder passieren wir kleine Weiler und Gehöfte und es gibt überall die Möglichkeit Wasser zu schöpfen.

Espalion, Estaing, Espeyrac. Ist es Zufall, dass die Namen in dieser Reihe ähnlich klingen? Noch vor einer Woche waren sie mir gänzlich unbekannt. Während wir einen holprigen Feldweg entlangwandern, erzählt Katrin von der Geschichte dieser Region.

„Wir sind in Okzitanien“, erklärt sie, „einer Landschaft mit einer ganz eigenen Kultur. Die Sprache hier ist dem Katalanischen verwandt. Im Mittelalter war dies das Land der Troubadoure und der Katharer.“

Ich nicke interessiert.

„Von den Katharern habe ich mehrfach gehört. Die hatten es mit der Kirche nicht immer leicht, war es nicht die Zeit des Hexenwahns und der Scheiterhaufen?“

„Das ist milde formuliert“, antwortet Katrin. „Die Kreuzzüge gegen die Katharer gehören zu den dunkleren Kapiteln der französischen Geschichte.“

„Wieder was gelernt“, sagt Ralf, „man pilgert und bildet sich gleichzeitig weiter.“

Uschi fotografiert eine alte Steinscheune.

„Wartet kurz“, ruft sie leise, „das Licht ist gerade perfekt.“

Niemand drängt sie. Auf dem Jakobsweg hat die Zeit ihre eigene Geschwindigkeit.

Gegen Mittag erreichen wir Golinhac. Auf 650 Metern Höhe öffnet sich ein weiter Blick über Berge und Täler. Das Aussicht ist von einer Schönheit, die beinahe unwirklich scheint. Wir machen eine Pause. Während einige den Schatten suchen, lasse ich mich auf einer Wiese am Ortsrand nieder. Die Schuhe und Socken abgestreift, das Hemd aufgeknöpft, den Kopf in die Hände gebettet, träume ich tief ins Blaue hinein.

Nicht weit von mir sitzt Erika auf einer Bank.

„Ist das nicht wunderbar?“, fragt sie.

Ich nicke.

„Man spürt hier oben etwas Besonderes“, sagt sie leise.

Ja, denke ich, sie hat recht!

Unter uns breitet sich das weite Land aus, in allen Varianten von Grün: ein paradiesischer Garten. Sich nichts vorzustellen und sich diesem schönen, abgerundeten Augenblick einfach nur hinzugeben, ist wie ein Geschenk. Es verleiht dem Leben seine Intensität und ist Erfüllung für einen kurzen Moment.

„Du siehst aus, als wärst du schon im Himmel angekommen“, ruft Ralf von der anderen Seite der Wiese."

Gelächter.

„Lasst ihn“, witzelt Eva freundlich, „er dichtet bestimmt wieder.“

„Einer muss ja das Tagebuch schreiben“, fügt Anne hinzu.

Wäre ich Maler, würde ich jetzt zu Palette und Pinsel greifen. Doch auf diesem Stern bin ich nur ein Wanderer, der diese Landschaft mit Worten malen muss.

„Aufbruch!“, ruft Katrin schließlich.

Der Zauber des Augenblicks löst sich auf wie eine Wolke am Sommerhimmel.

Espeyrac, unser Tageziel, versteckt sich hinter einem kleinen Eschenwäldchen. Als wir aus dem Grün hervortreten, werden wir augenblicklich von einem Labyrinth aus grauem Gemäuer eingefangen, ein pittoresker Ort aus Stiegen, schmalen Gängen und verwitterten Mauern. Hier begegnet man nur jenen, die hierhergehören und sich nicht mehr verpflanzen lassen, laut Reiseführer 83 Männer und 137 Frauen.

Aus verschlossenen Toren und verriegelten Türen raunt das Wort Landflucht. Nur einmal alle vier Wochen kommt der Priester noch, um den Gläubigen die Messe zu lesen. Dabei hätte Saint-Pierre noch heute Platz für das Vierfache der Einwohnerzahl. Über dem Dorf liegt ein Hauch morbider Vergänglichkeit. Stein um Stein holt sich die Natur zurück, als wolle sie geduldig ihre alte Herrschaft wieder antreten.

Wieder ein „Hôtel La Vallée“! Es liegt am unteren Ende der Hauptstraße. Kaum zwei Armlängen breit zwängt sie sich zwischen den Häusern hindurch. Ein Tankwagen zockelt die Gasse herauf. Ich weiche an den Rand, trete unglücklich auf und knicke um. Ein jäher Stich fährt in den linken Knöchel! Es ist wie verhext! Alles Glück und jede Leichtigkeit dieses Tages verwandeln sich innerhalb eines Augenblicks in eine angsterfüllte Mischung aus Schreck und Schmerz. Ein geschwollener Fuß und mein Weg wäre morgen zu Ende.

Wer jemals auf dem Jakobsweg unterwegs war weiß, dass Schmerzen und Unwohlsein dazugehören, aber wichtiger ist die Bereitschaft, etwas auszuhalten und wer davon betroffen wird, den sollte eine höhere Zuversicht trösten. Ich tröstete mich mit einem Absinth. Die grüne Fee sollte den Schmerz nicht vertreiben, wohl aber die düsteren Gedanken, die bereits um meinen Knöchel kreisen. Schließlich lebe ich noch!

Die Kammer ist winzig, nicht einmal ein Stuhl findet hier seinen Platz. Das Doppelbett teile ich mit meinem Gepäck. Noch bevor die Dämmerung der Nacht weicht, sind alle Läden Espeyracs geschlossen und sämtliche Türen verriegelt.

Ich schaue noch einmal aus dem geöffneten Fenster nach draußen in die steile Gasse hinauf. Stille und Abendfrieden breiten ihre schummrige Decke über die verwitterten Mauern. Ich schließe Fenster und Läden und füge mich der Stunde. Mit bangem Herzen erwarte ich den neuen Morgen.

Gute Nacht, Espeyrac.

Der Schlaf ist mein sanfter und gutherziger Tröster.


Alles in Fluss
 
Jetzt habe ich's verstanden, John. Mein Unverständnis verrät wohl den Kirchenfernen, für den der Begriff Einwohner etwas so Säkulares ist, dass er in ihnen alles Mögliche erkennt, nur zunächst keine Messebesucher.
 

John Wein

Mitglied
Dem Himmel so nah

Espeyrac, Dienstag, 23. Juni 2008

In der Nacht habe ich mir zwischen Patchworkdecke, Rucksack, Tasche und verschwitzten Kleidern eine weiche Mulde erschlafen, ein Nest für einen müden Pilger.

Der Morgen schimmert bereits durch die Ritzen der Fensterläden. Ich stoße sie auf und trinke den jungen Tag mit einem tiefen Atemzug.

Vor mir, kaum zwei Meter entfernt, streift ein Kater über die steinerne Stiege hinauf ins obere Dorf. Lautlos und vorsichtig setzt er Pfote vor Pfote, vorsichtig, als gehöre ihm Espeyrac allein. Für einen Herzschlag begegnen sich unsere Blicke. Dann entscheidet er, dass seine Geschäfte wichtiger sind, als meine Neugier und verfällt in einen geschmeidigen Trab.

Nebenan, im Garten, duckt sich die Angebetete im Busch des Estragons. Die Katzen haben die Morgendämmerung längst in Besitz genommen. Ihnen gehört diese Stunde zwischen Traum und Tag. Sie besetzen Mauern und Simse, hocken auf Treppen und Fenstersimsen, spähen aus Schatten und Nischen. Überall stieren Augenpaare. Sie beobachten, wittern, lauschen, prüfen die Welt und melden sie dem anbrechenden Licht, und langsam erwacht ein Dorf unter ihrer Herrschaft.

Es schleicht ein Duft von frischem Kaffee durch Espeyracs Gassen. Wie ein unsichtbarer Finger tippt er gegen meine Sinne und öffnet meinem Tag die Augen.

Vorsichtig horche ich in den linken Fuß hinein.

Au!

Der Schmerz ist noch da, klein, noch störrisch und unerquicklich. Doch zum Glück fehlt jede Spur einer Schwellung. Nach einigen zaghaften Schritten, einem Hinauf und Hinunter über die knarrende Treppe, gewöhnen wir beide uns wieder aneinander: mein Fuß und ich. Wir sollten es noch einmal miteinander versuchen.

Adieu, Espeyrac.

Du hast mir deine Schönheit gezeigt, deine Stille und deine Katzen. Doch ich hätte gern einen etwas freundlicheren Abschiedsgruß mitgenommen.

Eine Stunde ist vergangen, da grüßen uns aus weiter Ferne die Zinnen eines Dornröschenschlosses. Wie aus einem Märchen erhebt sich das Gemäuer über den Hügeln. Nicht nur das Schloss scheint in tiefen Schlaf versunken, sondern auch das Dorf zu seinen Füßen.

Sénergues.

Kein Mensch regt sich. Kein Auto rollt über die Straße. Kein Hund bellt. Nicht einmal ein Huhn scharrt im Staub. Nur wir Pilger durchqueren die stille Kulisse. Es ist, als hätten sich die Bewohner hinter Fensterläden und Gardinen verborgen, um uns lautlos vorbeiziehen zu sehen.

Am kleinen Dorfplatz rasten wir nahe dem Kriegerdenkmal.

Diese steinernen Wächter begegnen einem im Süden Frankreichs auf Schritt und Tritt. Sie stehen auf Dorfplätzen, vor Rathäusern und Kirchen, manchmal heroisch, manchmal kitschig, oft erschütternd. Doch stets erzählen sie dieselbe Geschichte.

Ich trete näher.

Name um Name.

Jahrgang um Jahrgang.

Gefallen für Frankreich.

Die Listen des Ersten Weltkriegs sind lang. Viel länger als jene des Zweiten. Manchmal zehnmal länger. Während ich die eingemeißelten Namen lese, öffnet sich vor mir ein unsichtbares Buch.

Ich sehe junge Männer, die einst über diese Plätze gingen. Ich sehe ihre Mütter, ihre Verlobten, ihre Frauen. Dann die Schützengräben an Marne und Somme, Schlamm, Granaten und das namenlose Sterben.

Manche Dörfer verloren fast eine ganze Generation.

Zurück blieben Witwen, unverheiratete Frauen und Greise. Wer hätte zwanzig Jahre später noch einmal zu den Waffen greifen sollen?

Der Platz liegt still unter der Sonne.

Doch die Schatten der Namen sind geblieben.

Plötzlich fühle ich mich in das Dorf meiner Kindheit versetzt. Die Geschichten der Alten. Die Fotografien in Schwarzweiß. Die leeren Plätze am Familientisch.

Hier im Süden Frankreichs erkenne ich etwas, das größer ist als nationale Grenzen.

Ihre Geschichte ist unsere Geschichte.

Ihre Trauer ist unsere Trauer.

Wie ähnlich das alles! Wie sinnlos der Hass! Wie schwer das Leid auf beiden Seiten!

Heute lebt kaum noch jemand, der diese Zeit bewusst erlebt hat. Vielleicht ist deshalb die Stunde des Verzeihens gekommen und die Erkenntnis, dass wir einer großen Familie angehören und das dieselben Ängste, Hoffnungen und Träume in uns wohnen. Es verbindet mehr als jede Grenze uns trennen könnte.

Auf meinen Wegen durch Frankreich sollte mir dieses Gefühl immer wieder begegnen.

Es sind selten die Menschen selbst, die Krieg wollen. Es sind die Inhaber der Macht, die ihre Völker gegeneinander führen und ihre Söhne aufeinander schießen lassen.

Der Wind fährt durch die Bäume von Sénergues.

Keiner spricht.

Die Schatten aller Sénergues’ zwingen uns zum Nachdenken.

Heute, wo niemand mehr ist, der sich dem Geschehen gegenüberstellen kann, ist die Zeit des Vergebens.

Am frühen Nachmittag steigen wir auf einem steilen Schotterpfad hinab nach Conques. Der Weg fällt in engen Kehren zwischen Gestrüpp, Wurzeln und Felsen talwärts. Jeder Schritt verlangt Aufmerksamkeit. Unwillkürlich frage ich mich, wie die Pilger vergangener Jahrhunderte diese Passage bewältigt haben. Sie verfügten weder über GTX-Schuhe mit dämpfender Zwischensohle noch über Vibram-Profil und ausgeklügelte Stabilisierungssysteme, die uns modernen Wanderern das Gefühl vermitteln, über Geröll und Klippen zu schweben.

Und doch sind sie diesen Weg gegangen. Davon erzählen die glattgeschliffenen Steine unter meinen Füßen. Jahrhunderte von Schritten haben ihre Spuren hinterlassen. Abgenutzt vom Glauben, von Hoffnung, Not und Sehnsucht.

Dann erscheint Conques, erwacht aus einem Dornröschenschlaf.

Wie ein Adlernest klammert sich das Dorf an den Hang über dem Tal der Dourdou. Schieferdächer und Natursteinmauern drängen sich um die mächtige Abtei, als suchten sie Schutz unter ihrem steinernen Mantel. Seit Jahrhunderten ist Conques Ziel unzähliger Pilger. Heute leben hier kaum dreihundert Menschen, doch die Vergangenheit scheint noch immer jeden Winkel zu bewohnen.

Die Abtei geht auf die Zeit der Karolinger zurück. Ludwig der Fromme ließ sie im 8. Jahrhundert errichten. Ihren Namen verdankt sie der Form einer Herzmuschel, derselben Muschel, wie wir sie am Rucksack tragen: Conques. Berühmt wurde sie durch die Reliquien der heiligen Fides, deren Grab die Pilger aus ganz Europa anzog.

„Das ist ja wie im Mittelalter“, staunt Anne, als wir durch die engen Gassen steigen.

„Fast“, antwortet Ralf. „Nur die Souvenirläden sind etwas jünger.“

Trotz ihrer Abgeschiedenheit blieb auch Conques von den Stürmen der Geschichte nicht verschont. Religionskriege und Revolution hinterließen ihre Spuren. Erst im 19. Jahrhundert erkannte der Schriftsteller und Denkmalpfleger Prosper Mérimée die Bedeutung der Anlage und leitete ihre Rettung ein.

Als ich die Basilika betrete, verstummen alle Gedanken, man ist sprachlos!

Das Kirchenschiff erhebt sich in schlichter Größe. Keine überbordende Pracht lenkt den Blick ab. Das Licht fällt durch moderne, grauschattierte Fenster und verwandelt den Stein in etwas beinahe Schwereloses. Die mächtigen Pfeiler tragen die hohe Kuppel mit einer Selbstverständlichkeit, als hätten sie nie etwas anderes getan.

„Unglaublich“, flüstert Uschi und richtet ihre Kamera nach oben.

Ich kann nur nicken.

Wie überwältigend muss dieser Anblick für die Pilger früherer Jahrhunderte gewesen sein, nach Wochen und Monaten auf staubigen Wegen?

Beeindruckend ist auch das Tympanon über dem Hauptportal. Dort entfaltet sich in Stein gehauen das Jüngste Gericht. Heilige und Verdammte, Himmel und Hölle, Hoffnung und Furcht, fast tausend Jahre alt und doch voller Ausdruckskraft. Es gehört zu den großen Meisterwerken romanischer Bildhauerkunst.

Im Hotel Saint-Jacques schleppe ich mein Gepäck die steilen Treppen hinauf. In Conques streben nicht nur die Gebete zum Himmel. Wegen des knappen Platzes am Hang wachsen auch die Häuser Stockwerk um Stockwerk nach oben. Im Erdgeschoss der Gîte befinden sich Rezeption und Bistro, darüber Restaurant und Aufenthaltsräume, darüber die Zimmer.

Mein Quartier liegt weit oben unter dem Dachjuché.

Vier frisch bezogene Betten erwarten mich dort.

Vier!

Nach den bescheidenen Herbergen der vergangenen Tage erscheint mir dieser Überfluss geradezu dekadent.

„Du kannst heute Nacht stündlich das Bett wechseln“, meint Ralf grinsend.

„Eine Art Pilger-Luxus-Suite“, ergänze ich.

Durch die kleine Gaube fällt der Blick weit über die Dächer von Conques hinunter ins Tal der Dourdou. Die Abendsonne vergoldet Schiefer, Mauern und Kirchturm. So nah dem Himmel, im heiligen Conques, erscheint mir dieser Schlafluxus beinahe wie eine kleine Gnade des Herrn.

Am Abend erfüllt Orgelmusik die Basilika.

Die Töne steigen hinauf in die Gewölbe, verweilen einen Augenblick zwischen den alten Steinen und verlieren sich schließlich in der Dämmerung.

Ein schönerer Abschluss dieses Pilgertages wäre kaum denkbar.

Ich steige hinauf in mein Himmelreich. Unter den alten Balken der Dachstube hat der Herrgott heute gleich vier Wolken für mich aufgeschüttelt. Welche davon mich durch die Nacht tragen soll, vermag ich nicht gleich zu entscheiden.

Durch die kleine Gaube schaue ich ein letztes Mal hinaus. Alles ist so friedlich. Unter mir, die Dächer von Conques, sie liegen wie dunkle Inseln im Meer der Dämmerung während im Tal ein zarte Schleier die Auen der Dourdou verhüllen.


Alles in Fluss
 



 
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