Dem Himmel so nah
Espeyrac, Dienstag, 23. Juni 2008
In der Nacht habe ich mir zwischen Patchworkdecke, Rucksack, Tasche und verschwitzten Kleidern eine weiche Mulde erschlafen, ein Nest für einen müden Pilger.
Der Morgen schimmert bereits durch die Ritzen der Fensterläden. Ich stoße sie auf und trinke den jungen Tag mit einem tiefen Atemzug.
Vor mir, kaum zwei Meter entfernt, streift ein Kater über die steinerne Stiege hinauf ins obere Dorf. Lautlos und vorsichtig setzt er Pfote vor Pfote, vorsichtig, als gehöre ihm Espeyrac allein. Für einen Herzschlag begegnen sich unsere Blicke. Dann entscheidet er, dass seine Geschäfte wichtiger sind, als meine Neugier und verfällt in einen geschmeidigen Trab.
Nebenan, im Garten, duckt sich die Angebetete im Busch des Estragons. Die Katzen haben die Morgendämmerung längst in Besitz genommen. Ihnen gehört diese Stunde zwischen Traum und Tag. Sie besetzen Mauern und Simse, hocken auf Treppen und Fenstersimsen, spähen aus Schatten und Nischen. Überall stieren Augenpaare. Sie beobachten, wittern, lauschen, prüfen die Welt und melden sie dem anbrechenden Licht, und langsam erwacht ein Dorf unter ihrer Herrschaft.
Es schleicht ein Duft von frischem Kaffee durch Espeyracs Gassen. Wie ein unsichtbarer Finger tippt er gegen meine Sinne und öffnet meinem Tag die Augen.
Vorsichtig horche ich in den linken Fuß hinein.
Au!
Der Schmerz ist noch da, klein, noch störrisch und unerquicklich. Doch zum Glück fehlt jede Spur einer Schwellung. Nach einigen zaghaften Schritten, einem Hinauf und Hinunter über die knarrende Treppe, gewöhnen wir beide uns wieder aneinander: mein Fuß und ich. Wir sollten es noch einmal miteinander versuchen.
Adieu, Espeyrac.
Du hast mir deine Schönheit gezeigt, deine Stille und deine Katzen. Doch ich hätte gern einen etwas freundlicheren Abschiedsgruß mitgenommen.
Eine Stunde ist vergangen, da grüßen uns aus weiter Ferne die Zinnen eines Dornröschenschlosses. Wie aus einem Märchen erhebt sich das Gemäuer über den Hügeln. Nicht nur das Schloss scheint in tiefen Schlaf versunken, sondern auch das Dorf zu seinen Füßen.
Sénergues.
Kein Mensch regt sich. Kein Auto rollt über die Straße. Kein Hund bellt. Nicht einmal ein Huhn scharrt im Staub. Nur wir Pilger durchqueren die stille Kulisse. Es ist, als hätten sich die Bewohner hinter Fensterläden und Gardinen verborgen, um uns lautlos vorbeiziehen zu sehen.
Am kleinen Dorfplatz rasten wir nahe dem Kriegerdenkmal.
Diese steinernen Wächter begegnen einem im Süden Frankreichs auf Schritt und Tritt. Sie stehen auf Dorfplätzen, vor Rathäusern und Kirchen, manchmal heroisch, manchmal kitschig, oft erschütternd. Doch stets erzählen sie dieselbe Geschichte.
Ich trete näher.
Name um Name.
Jahrgang um Jahrgang.
Gefallen für Frankreich.
Die Listen des Ersten Weltkriegs sind lang. Viel länger als jene des Zweiten. Manchmal zehnmal länger. Während ich die eingemeißelten Namen lese, öffnet sich vor mir ein unsichtbares Buch.
Ich sehe junge Männer, die einst über diese Plätze gingen. Ich sehe ihre Mütter, ihre Verlobten, ihre Frauen. Dann die Schützengräben an Marne und Somme, Schlamm, Granaten und das namenlose Sterben.
Manche Dörfer verloren fast eine ganze Generation.
Zurück blieben Witwen, unverheiratete Frauen und Greise. Wer hätte zwanzig Jahre später noch einmal zu den Waffen greifen sollen?
Der Platz liegt still unter der Sonne.
Doch die Schatten der Namen sind geblieben.
Plötzlich fühle ich mich in das Dorf meiner Kindheit versetzt. Die Geschichten der Alten. Die Fotografien in Schwarzweiß. Die leeren Plätze am Familientisch.
Hier im Süden Frankreichs erkenne ich etwas, das größer ist als nationale Grenzen.
Ihre Geschichte ist unsere Geschichte.
Ihre Trauer ist unsere Trauer.
Wie ähnlich das alles! Wie sinnlos der Hass! Wie schwer das Leid auf beiden Seiten!
Heute lebt kaum noch jemand, der diese Zeit bewusst erlebt hat. Vielleicht ist deshalb die Stunde des Verzeihens gekommen und die Erkenntnis, dass wir einer großen Familie angehören und das dieselben Ängste, Hoffnungen und Träume in uns wohnen. Es verbindet mehr als jede Grenze uns trennen könnte.
Auf meinen Wegen durch Frankreich sollte mir dieses Gefühl immer wieder begegnen.
Es sind selten die Menschen selbst, die Krieg wollen. Es sind die Inhaber der Macht, die ihre Völker gegeneinander führen und ihre Söhne aufeinander schießen lassen.
Der Wind fährt durch die Bäume von Sénergues.
Keiner spricht.
Die Schatten aller Sénergues’ zwingen uns zum Nachdenken.
Heute, wo niemand mehr ist, der sich dem Geschehen gegenüberstellen kann, ist die Zeit des Vergebens.
Am frühen Nachmittag steigen wir auf einem steilen Schotterpfad hinab nach Conques. Der Weg fällt in engen Kehren zwischen Gestrüpp, Wurzeln und Felsen talwärts. Jeder Schritt verlangt Aufmerksamkeit. Unwillkürlich frage ich mich, wie die Pilger vergangener Jahrhunderte diese Passage bewältigt haben. Sie verfügten weder über GTX-Schuhe mit dämpfender Zwischensohle noch über Vibram-Profil und ausgeklügelte Stabilisierungssysteme, die uns modernen Wanderern das Gefühl vermitteln, über Geröll und Klippen zu schweben.
Und doch sind sie diesen Weg gegangen. Davon erzählen die glattgeschliffenen Steine unter meinen Füßen. Jahrhunderte von Schritten haben ihre Spuren hinterlassen. Abgenutzt vom Glauben, von Hoffnung, Not und Sehnsucht.
Dann erscheint Conques, erwacht aus einem Dornröschenschlaf.
Wie ein Adlernest klammert sich das Dorf an den Hang über dem Tal der Dourdou. Schieferdächer und Natursteinmauern drängen sich um die mächtige Abtei, als suchten sie Schutz unter ihrem steinernen Mantel. Seit Jahrhunderten ist Conques Ziel unzähliger Pilger. Heute leben hier kaum dreihundert Menschen, doch die Vergangenheit scheint noch immer jeden Winkel zu bewohnen.
Die Abtei geht auf die Zeit der Karolinger zurück. Ludwig der Fromme ließ sie im 8. Jahrhundert errichten. Ihren Namen verdankt sie der Form einer Herzmuschel, derselben Muschel, wie wir sie am Rucksack tragen: Conques. Berühmt wurde sie durch die Reliquien der heiligen Fides, deren Grab die Pilger aus ganz Europa anzog.
„Das ist ja wie im Mittelalter“, staunt Anne, als wir durch die engen Gassen steigen.
„Fast“, antwortet Ralf. „Nur die Souvenirläden sind etwas jünger.“
Trotz ihrer Abgeschiedenheit blieb auch Conques von den Stürmen der Geschichte nicht verschont. Religionskriege und Revolution hinterließen ihre Spuren. Erst im 19. Jahrhundert erkannte der Schriftsteller und Denkmalpfleger Prosper Mérimée die Bedeutung der Anlage und leitete ihre Rettung ein.
Als ich die Basilika betrete, verstummen alle Gedanken, man ist sprachlos!
Das Kirchenschiff erhebt sich in schlichter Größe. Keine überbordende Pracht lenkt den Blick ab. Das Licht fällt durch moderne, grauschattierte Fenster und verwandelt den Stein in etwas beinahe Schwereloses. Die mächtigen Pfeiler tragen die hohe Kuppel mit einer Selbstverständlichkeit, als hätten sie nie etwas anderes getan.
„Unglaublich“, flüstert Uschi und richtet ihre Kamera nach oben.
Ich kann nur nicken.
Wie überwältigend muss dieser Anblick für die Pilger früherer Jahrhunderte gewesen sein, nach Wochen und Monaten auf staubigen Wegen?
Beeindruckend ist auch das Tympanon über dem Hauptportal. Dort entfaltet sich in Stein gehauen das Jüngste Gericht. Heilige und Verdammte, Himmel und Hölle, Hoffnung und Furcht, fast tausend Jahre alt und doch voller Ausdruckskraft. Es gehört zu den großen Meisterwerken romanischer Bildhauerkunst.
Im Hotel Saint-Jacques schleppe ich mein Gepäck die steilen Treppen hinauf. In Conques streben nicht nur die Gebete zum Himmel. Wegen des knappen Platzes am Hang wachsen auch die Häuser Stockwerk um Stockwerk nach oben. Im Erdgeschoss der Gîte befinden sich Rezeption und Bistro, darüber Restaurant und Aufenthaltsräume, darüber die Zimmer.
Mein Quartier liegt weit oben unter dem Dachjuché.
Vier frisch bezogene Betten erwarten mich dort.
Vier!
Nach den bescheidenen Herbergen der vergangenen Tage erscheint mir dieser Überfluss geradezu dekadent.
„Du kannst heute Nacht stündlich das Bett wechseln“, meint Ralf grinsend.
„Eine Art Pilger-Luxus-Suite“, ergänze ich.
Durch die kleine Gaube fällt der Blick weit über die Dächer von Conques hinunter ins Tal der Dourdou. Die Abendsonne vergoldet Schiefer, Mauern und Kirchturm. So nah dem Himmel, im heiligen Conques, erscheint mir dieser Schlafluxus beinahe wie eine kleine Gnade des Herrn.
Am Abend erfüllt Orgelmusik die Basilika.
Die Töne steigen hinauf in die Gewölbe, verweilen einen Augenblick zwischen den alten Steinen und verlieren sich schließlich in der Dämmerung.
Ein schönerer Abschluss dieses Pilgertages wäre kaum denkbar.
Ich steige hinauf in mein Himmelreich. Unter den alten Balken der Dachstube hat der Herrgott heute gleich vier Wolken für mich aufgeschüttelt. Welche davon mich durch die Nacht tragen soll, vermag ich nicht gleich zu entscheiden.
Durch die kleine Gaube schaue ich ein letztes Mal hinaus. Alles ist so friedlich. Unter mir, die Dächer von Conques, sie liegen wie dunkle Inseln im Meer der Dämmerung während im Tal ein zarte Schleier die Auen der Dourdou verhüllen.
Alles in Fluss