Das Matrioschka-Komplott (1) Erinnerungen – Teil 2

Das Matrioschka-Komplott (1) Erinnerungen (Der Menschenraum) – Teil 2 - Fortsetzung von „Das Matrioschka-Komplott (1) Erinnerungen (Der Menschenraum) – Teil 1"

Sorken hatte den Platz am gestrigen Abend zum ersten Mal überquert und bei dieser Gelegenheit hatte sein Führer versucht, ihn darüber aufzuklären, worin dessen Bedeutung für Selene bestand. Der Mann hatte ihm erzählt, dass auf diesem Platz das „Monument der Liebe“ stände. Er hatte ihm auch erzählt, wie wichtig dieses Monument für die Bewohner dieser Welt sei und dass es ein Mahnmal für einen einschneidenden Moment in der Geschichte seiner Heimatwelt darstellte. Sorken hätte gerne gewusst, über was der Mann sprach, denn er hatte rein gar nichts erkennen können, weil der Platz völlig unbeleuchtet war. Es war so dunkel, dass er sogar Probleme hatte, seinen Führer zu erkennen, geschweige denn etwas, von dem er noch nicht einmal wusste, wie es aussah und wo genau es sich befand.

Im Vorfeld seiner Mission hatte man ihm zwar Informationen über sein Zielobjekt, über den Planeten Selene, zukommen lassen, aber über dieses Monument hatte man ihm nicht mehr sagen können, als den Namen. Da Selene immer ziemlich für sich geblieben war, gab es nicht sehr viele Informationen, mit denen man ihn hätte versorgen können, aber das hatte ihn nicht abgeschreckt. Er hatte schon unter schwierigeren Umständen Erfolg gehabt, und das mehr als nur einmal. Deswegen machte er sich keine Sorgen.

Sein Führer hatte ihm auch noch mehr erzählt. Sorken wusste nun, dass das Ereignis, mit dem das Monument in Verbindung gebracht wurde, den zur damaligen Zeit regierenden Familien die Herrschaft über den Planeten gekostet hatte. Den Unterhändlern hatten durchaus Informationen über die Familien vorgelegen, aber auch auf diesem Gebiet waren das nicht sehr viele. Aber nach dem, was ihm nun bekannt war, lag es für ihn auf der Hand, dass sie dem Kartell sehr wahrscheinlich schon vor langer Zeit beigetreten wären und das sogar freiwillig. Vorausgesetzt, sie wären an der Macht geblieben. Die Familien, wie sie genannt worden waren, erinnerten ihn sehr stark an die einflussreichen Clans auf Kitsune, weil erstere genau wie diese auch, an der Größe der damaligen planetaren Bevölkerung gemessen, nur eine Minderheit dargestellt hatten, allerdings eine sehr machtvolle Minderheit. Allerdings hatten sie die Kontrolle nur ausüben können, weil der Großteil der Planetenbevölkerung in Angst gelebt hatte. Die Familien hatten es geschafft, das Volk von sich abhängig zu machen. Aber trotzdem hatte irgendein Ereignis diese schweigende, unterdrückte Mehrheit aufgerüttelt und das Ende der Familien eingeläutet. Somit existierten die Ansprechpartner, die das Kartell anderenfalls gehabt hätte, nicht mehr. Und aus diesem Grund hatten seine Vorgesetzten ihn, als Unterhändler, nach Selene gesandt, mit dem Auftrag, den Weg zu ebnen, Informationen zu sammeln und vor allem Hindernisse zu beseitigen. Offiziell sollte er die ersten Verhandlungen führen und dies war auch alles, was das Kartell den Selenern über ihn mitgeteilt hatte. Und er ging davon aus, dass man ihnen das auch abgenommen hatte, schließlich gab es ja tatsächlich Unterhändler, die genau für so etwas zuständig waren und auch nichts anderes machten.

Sorken war am gestrigen Tag erst spät in Artemis, der Hauptstadt dieses Planeten, eingetroffen und er war bei seiner Ankunft nicht davon ausgegangen, dass die Selener ihn noch am gleichen Abend sehen wollten. Nur um dann festzustellen, dass er sich in den Absichten seiner Gastgeber getäuscht hatte. Eine solche Fehleinschätzung seinerseits ärgerte ihn, wenn auch nicht allzu sehr, schließlich besaß er nur sehr wenige Informationen über die derzeitigen Verhältnisse auf dem Planeten. Aus diesem Grund hatte ihn die Ankunft des Führers, den ihm die Selener gesandt hatten, überrascht. Der Mann brachte ihn dann umgehend von dem Hotel, in dem er untergekommen war, über den dunklen Zentralplatz zum Regierungssitz. Dort erwartete ihn die Verhandlungsdelegation der Selener, die ihn unbedingt noch an diesem Abend kennenlernen wollte.

Er war dem Führer in der Erwartung gefolgt, dieses Treffen würde nicht anders ablaufen, als er das schon unzählige Male zuvor erlebt hatte. Aber was sich dann tatsächlich ereignete, konnte er immer noch nicht nachvollziehen. Er war in den Saal geführt worden, wo er auf die Einheimischen traf. Zu diesem Zeitpunkt war er immer noch davon überzeugt, dass die Menschen ihn neugierig erwarteten. Er hatte sogar deren freudige Anspannung bei seiner Ankunft gespürt. Aber innerhalb weniger Minuten hatte sich die Stimmung völlig verändert und die gesamte selenische Delegation zog sich, wie ein Mann, von ihm zurück. Auf der anderen Seite hatte ihr Verhalten nicht feindselig gewirkt, nur extrem zurückhaltend und das hatte ihn verwirrt. Er hatte sich nicht anders zu helfen gewusst, als auf das Protokoll zurückzugreifen, das bei solchen Begegnungen alles regelte, und die andere Seite hielt es genauso. Aus diesem Grund wurde er durchaus angemessen begrüßt und die Selener sprachen auch mit ihm. Im Laufe des Abends konnte er immer wieder feststellen, dass niemand aus der Delegation im Vorhinein erwartet hatte, dieses Treffen könnte derart falsch verlaufen. Die Selener waren ganz eindeutig von etwas anderem ausgegangen. Er glaubte auch nicht, dass er sich irrte, denn er hatte in seiner langen Karriere als Unterhändler ausreichend Erfahrungen in dieser Hinsicht sammeln können. Und diese Erfahrung hatte ihn darauf vorbereitet, mit Diplomaten-Smalltalk konfrontiert zu werden, aber den gab es nicht. Stattdessen machten sich betroffenes Schweigen und ein ausgeprägtes Gefühl von Verzweiflung im Saal breit.

Für niemanden durfte es eine Überraschung gewesen sein, dass Mizuno nicht länger blieb als absolut notwendig. Er war froh, in sein Hotelzimmer zurückkehren zu können, denn er fühlte sich unbeschreiblich müde. Trotzdem war er sich sicher, dass der missglückte Ablauf dieses Abends nicht seiner Erschöpfung zuzuschreiben war. Nach der Ankunft in seinem Zimmer war er reichlich verwirrt zu Bett gegangen und er ging davon aus, dass dies, mit großer Wahrscheinlichkeit, der Grund dafür war, nicht besonders gut geschlafen zu haben. Nach dem Aufwachen fühlte er sich auch nicht erfrischt und darüber hinaus plagte ihn die vage Erinnerung an einen seltsamen Traum. Außerdem verfolgte ihn ein Gefühl großer Liebe, aber auch eine tiefe Verzweiflung. Er benötigte länger als üblich, um aus dem Bett herauszufinden und als er es dann endlich ins Bad geschafft hatte, stellte er zu seinem großen Schrecken fest, dass er aus dem Mund blutete. Es minderte diesen Schrecken nicht, dass er nicht imstande war, eine Wunde zu finden, obwohl er sorgfältig gesucht hatte. Die Herkunft des Blutes stellte ihn vor ein Rätsel. Er hasste es, sich nicht erklären zu können, woher es gekommen war.

Die Selener waren am vorherigen Abend nicht dazu gekommen, ihm mitzuteilen, wann das nächste Treffen stattfinden sollte. Vielleicht hatten sie nach dem gestrigen Desaster auch bereits entschieden, die Gespräche ganz einzustellen. An diesem Morgen wollte er sich aber noch nicht mit einem möglichen Scheitern der Verhandlungen beschäftigen. Er war zwar durchaus in der Lage, in einem Notfall, blitzschnell Entscheidungen zu treffen, aber wenn er ausreichend Zeit hatte, dann war es ihm doch lieber, wenn er in Ruhe über alles nachdenken konnte. Aus diesem Grund ließ er sich erstmal ein ausgiebiges Frühstück schmecken, um dann danach nach einer Lösung für dieses Problem zu suchen. Dafür musste er allerdings zuerst einmal eine Erklärung für die Vorfälle des gestrigen Abends finden. Seine Gastgeber machten ihm aber erneut einen Strich durch die Rechnung, denn sobald er seine Mahlzeit beendet hatte, erschien der Führer vom Abend zuvor wieder, um ihm mitzuteilen, er solle ihn ein weiteres Mal zum Regierungssitz bringen. Egal was am gestrigen Abend vorgefallen war, die selenische Delegation wollte ihn ganz offensichtlich erneut sehen. Und diesem Wunsch durfte er sich nicht entziehen, wenn er seinen Auftrag nicht gefährden wollte. Ihm blieb nichts anderes übrig, als dieser Aufforderung Folge zu leisten, wenn er die Einheimischen nicht misstrauisch machen wollte und daher blieb ihm keine Zeit, zuvor noch weitere Informationen zu sammeln.

Aber sobald er das Hotel verlassen hatte, fiel sein Blick auf die Rückseite des sogenannten „Monuments der Liebe“. Von dieser Seite des Platzes aus konnte er allerdings nicht mehr erkennen, als eine hölzerne Wand, die bestimmt zehn Meter hoch und viermal so breit war, denn die Konstruktion war so ausgerichtet, dass ihre Vorderseite zum Regierungsgebäude zeigte. Sein Führer hatte ihm am gestrigen Abend erklärt, dass das Gebäude erst nach dem Monument errichtet worden war, daher war diese Ausrichtung kein Grund zur Verwunderung. Allerdings hatte er im Dunkeln nicht erkennen können, wieso die Selener ihren Regierungssitz mit Absicht an einer Stelle errichtet hatten, von der aus sie immer auf dieses Monument blicken konnten. Genauso wenig hatte er etwas davon erkennen können, was den Menschen hier daran so wichtig war. Seinem Führer war durchaus aufgefallen, dass er nicht zufrieden damit war, nichts sehen zu können und daraufhin hatte er ihn auf den nächsten Tag vertröstet. Er hatte Sorken praktisch versprochen, dann werde er alles verstehen, was es mit dem Monument auf sich hatte. Aber er hatte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr sagen wollen und so war Sorken nun sehr gespannt auf das, was das Tageslicht ihm enthüllen würde. Er hatte sich, beim besten Willen, unter einem „Monument der Liebe“ nichts vorstellen können. Er hatte auch nicht verstanden, was Liebe damit zu tun haben könnte, dass die herrschende Oberschicht des Planeten von ihren Untertanen davongejagt worden war, wobei die meisten von ihnen dabei ums Leben gekommen waren.

Langsam folgte er seinem Führer um die Seite der hölzernen Konstruktion herum. Sobald er an der Rückwand vorbei war, fiel sein Blick auf Stufen, die nach oben führten. Während er weiter hinter dem anderen Mann herging, ließ er seine Augen über die Stufen nach oben wandern, bis zu einer Plattform, die sich vielleicht drei bis vier Meter über dem Boden erhob.

Und dann blieb er abrupt stehen, als wäre er vor eine Wand gelaufen. Im ersten Moment glaubte er seinen Augen nicht trauen zu können, denn er wollte einfach nicht wahrhaben, was sich über der Plattform erhob. Die Seilschlinge, die an einem vorspringenden Balken befestigt war, bewegte sich fast unmerklich in der schwachen Brise hin und her, die über den Platz strich. Dieser Anblick schockierte ihn bis ins Mark, weil er niemals auf die Idee gekommen wäre, dass dieses verdammte „Monument der Liebe“ würde sich als ein Galgen herausstellen. Im Nachhinein war er nicht im Geringsten darüber verwundert, dass er in diesem Moment nicht in der Lage war, weiterzugehen.

Aber das sollte nicht das Schlimmste sein, was er bei diesem Anblick verspürte, denn mit einem Mal wurden Erinnerungen an genau diesen Galgen in sein Bewusstsein gespült und ihm wurde eiskalt. Plötzlich wusste er genau, wie sich diese Stufen unter nackten Füßen anfühlten, denn er erinnerte sich, sie unter seinen eigenen gespürt zu haben. Verzweifelt versuchte er, diese Bilder abzuschütteln, weil sein Verstand ihm sagte, es wäre nicht möglich, dass er sich an die Falltür erinnerte, die sich direkt unter der Schlinge befand. Aber es war vor allem die Erinnerung an das Gefühl der Schlinge um seinen Hals und wie diese festgezogen wurde, die er unbedingt wieder vergessen wollte. Er wollte auch nicht an den Sturz in die Tiefe denken, als die Falltür sich unter seinen Füßen abrupt öffnete. Aber all seine Bemühungen nutzten nichts. Erneut verspürte er das Entsetzen, als er merkte, dass ihn der Sturz nicht getötet hatte und er langsam ersticken würde. Und dann erschien völlig unerwartet ein weiteres Bild vor seinem inneren Auge. Plötzlich sah er das Gesicht des Mannes vor sich, der am Fuß der Treppe darauf gewartet hatte, ebenfalls gehängt zu werden. Des Mannes, von dem er in diesem speziellen Moment gewusst hatte, dass er ihn mehr liebte, als alles andere auf der Welt, sein eigenes Leben eingeschlossen. Nun kam ihm wieder zu Bewusstsein, dass er von all dem in der letzten Nacht geträumt hatte. Und in diesem Traum war es ihm nicht seltsam vorgekommen, dass sein Liebhaber niemand anderes war als Silver Arian. Arian, den er einstmals seinen Freund nannte und von dem er sich vor sechs Jahren, im Streit, getrennt hatte. Seit diesem Tag waren sie sich nie mehr begegnet. Er hatte sich zwar mit Sorken, vor ihrem Zerwürfnis, immer gut verstanden, aber er hatte ihn nie in sein Bett geholt. In diesem Traum jedoch hatte sich das ganz anders dargestellt.

Während ihm all das durch den Kopf ging, war ihm völlig entgangen, dass sein Führer sich weiterbewegt hatte und dass dieser zu ihm zurückkehren musste, nachdem er festgestellte hatte, Sorken wäre stehengeblieben. „Ihr werdet erwartet, Unterhändler Mizuno“, drängte er ihn, weiterzugehen.

Sorken interessierte das nicht im Geringsten. „Wie könnt ihr einen verdammten Galgen ein Monument der Liebe nennen?“, herrschte er ihn an. Er weigerte sich, noch einen weiteren Schritt zu tun.

Er wusste nicht, was der Führer auf seinem Gesicht zu erkennen glaubte, aber es sorgte dafür, dass er ihn nicht noch einmal drängte.

„Ihr seid nicht der erste, der uns diese Frage stellt und es ist wahrscheinlich zu viel verlangt, diese Entscheidung zu verstehen, sofern man die Geschichte von Bharat Nyman und Nael Garland nicht kennt. Sie wurden hier von den Familien gehängt und ihre Liebe sollte mit ihnen sterben. Aber am Ende wurde diese Liebe den Familien zum Verhängnis und durch sie wurde die Gründung des heutigen selenischen Staates überhaupt erst möglich. Wenn Euch die Hintergründe tatsächlich interessieren, lasst euch die Geschichte von jemandem aus der Delegation erzählen. Einige von deren Mitgliedern sind Nachfahren der Menschen, die uns damals in die Freiheit geführt haben. Diese Geschichte ist der Grundstein unserer Gesellschaft und sollte niemals in Vergessenheit geraten. Auch wenn sich dies alles vor mehreren Jahrhunderten ereignet hat.“ Der junge Mann verstummte. Er warf noch einen Blick auf den Galgen, aber dann drehte er sich wieder zu Sorken um und gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, sie müssten jetzt doch weitergehen.

Sorken begriff, dass er seinen Führer nicht dazu bringen konnte, ihm noch mehr zu erzählen. Aber wenn er ehrlich war, dann reichte ihm das auch erst einmal. Dieser Teil der Geschichte erinnerte ihn viel zu sehr an seinen Traum, in dem er an diesem Galgen gestorben war. Er war auch davon überzeugt, dass Arian ebenfalls hier gestorben war, aber das hatte er natürlich nicht mehr mitbekommen. Der Kitsuner seufzte, aber dann ließ er sich doch, ohne weitere Verzögerungen, von dem jungen Mann in Richtung des Regierungssitzes weiterführen und er sah sich nicht noch einmal nach der hölzernen Konstruktion um, die den unmöglichen Namen „Monument der Liebe“ trug.

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„Mein Traum endete mit der Episode, die chronologisch die erste darstellte. Zu dem Zeitpunkt war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich keinerlei Zweifel mehr daran hegte, dass Sorken derjenige wäre, der für mich bestimmt war. Derjenige, mit dem ich mein gesamtes restliches Leben verbringen wollte. Auf der anderen Seite fühlte ich mich allerdings auch schuldig, weil mich meine eigenen Leute für eine wichtige Aufgabe vorgesehen hatten, aber es offensichtlich nicht möglich war, sowohl mit Sorken zusammen zu bleiben, als auch diese Aufgabe zu erfüllen. In diesem Moment war mir meine Liebe allerdings sehr viel wichtiger und darüber hinaus habe ich auch nicht geglaubt, dass wir deswegen Probleme bekommen würden. Aber das ich mich in dieser Hinsicht im Irrtum befand, hat der Anfang meines Traumes gezeigt. Es ist schrecklich, wenn man sich an seinen eigenen Tod erinnern kann.“ Mit diesen Worten beendete Arian seine Ausführungen.

Vizeadmiral Mihailoff schaltete das Abspielgerät in ihrem Büro ab. Gemeinsam mit Kapitän Jakubik, ihrer quebecischen Stabschefin, hatte sie sich den Bericht über den medizinischen Vorfall in der letzten Nacht angesehen. Dieser war ihr vom Flotten-Nachrichtendienst zur Verfügung gestellt worden. Es war ein seltsamer Bericht über einen seltsamen Vorfall. Als sie zu Jakubik hinübersah, stellte sie fest, dass diese ebenfalls nicht wusste, was sie davon halten sollte.

„Hast du schon jemals so etwas gehört, Xana?“, stellte sie ihr trotzdem diese, eigentlich überflüssige, Frage, aber sie hatte einfach das Gefühl, etwas sagen müssen. Sie war froh darüber, dass sie beide sich alleine in ihrem Büro befanden, denn dies bedeutete, sie müsse keinen Wert darauf legen, formell zu bleiben. Dies erleichterte ihr das Gespräch mit jemandem, wie der Quebecerin, die sie bereits sehr lange kannte.

Die Angesprochene schüttelte den Kopf. „Selbst, wenn mir jemand einen Eid schwören würde, dies wäre die reine Wahrheit, ich hätte es trotzdem nicht geglaubt. Aber zusammen mit dem Bericht der Ärzte …“, sie zuckte mit den Schultern. „Für mich steht nur eines zweifelsfrei fest. Einer unserer Leute wäre in der letzten Nacht beinahe gestorben und selbst unsere erfahrenen Mediziner können uns nicht sagen, aus welchem Grund. Oh, sie wissen, dass es körperlicher Stress war und der hat letztendlich dafür gesorgt, dass sein Herz aufhörte zu schlagen. Aber sie können uns die Ursache für diesen Stress nicht nennen. Sie können uns auch nicht sagen, woher diese Male stammen. Zumindest nicht mit absoluter Sicherheit.“

Vianne Mihailoff lachte leise, allerdings klang das nicht belustigt. „Die Ärzte trauen sich nicht, sich festzulegen. Ich bin überzeugt, dass sie eine gute Vorstellung davon haben, was eigentlich geschehen ist. Sie sind sich nur sicher, dass wir ihnen nicht glauben werden. Schließlich klingt es ziemlich absurd, dies alles auf einen Traum zu schieben.“

„Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie uns gegenüber auch nicht zugeben wollen, dass der ganze Vorfall mehr als nur ein reichlich intensiver Traum war.“ Xana Jakubik klang selbst nicht so, als wenn sie ihren Worten Glauben schenken wollte.

Vizeadmiral Mihailoff war sich sicher, nicht weniger nachdenklich zu wirken, als ihre Stabschefin. „Es mag sein, dass ich mich mit meiner Meinung ziemlich weit aus dem Fenster lehne, aber ich bin davon überzeugt, Korvettenkapitän Silver hat nicht geträumt. Er hat es zwar einen Traum genannt, aber seine gesamte weitere Wortwahl hat mir klar gemacht, dass er selbst den Vorfall auch nicht als einen solchen betrachtet, so sehr er sich das auch wünschen mag. Aber ich weiß genau so wenig wie er, was es stattdessen gewesen sein könnte. Wenn ich allerdings mit meiner Vermutung recht habe, dann dürfen wir die ganze Angelegenheit auf keinen Fall ignorieren. Wir müssen unbedingt herausfinden, was dahintersteckt. Stell dir vor, so etwas passiert öfter. Wir könnten wer weiß wie viele Leute verlieren, schließlich wird nicht jeder so durchgehend überwacht wie Silver. Und ohne diese Überwachung hätten wir ihn verloren.“

Kapitän Jakubik sah ihre Vorgesetzte mit einem grimmigen Gesichtsausdruck an. „Der Gedanke an weitere ‚Träume‘ ist erschreckend. Und leider haben wir gar keine Ansatzpunkte“, bemerkte sie ihrer alten Freundin gegenüber.

„Das stimmt so nicht ganz“, entgegnete ihr ihre Vorgesetzte. Jakubik blickte sie erstaunt an, aber die Admiralin fuhr fort, ohne darauf zu reagieren. „Du weißt doch, was meine Schwester gemacht hat, bevor sie anfing, fürs Außenministerium zu arbeiten.“ Jakubik nickte, obwohl es nicht als Frage formuliert worden war. „Dieser sogenannte Traum von Korvettenkapitän Silver hat mich an etwas erinnert, was sie mir vor etlichen Jahren erzählt hat. Es ging um den Planeten Selene.“

„Selene?“ Mihailoffs Stabschefin machte nicht den Eindruck, als wenn sie mit dem Namen etwas anfangen könnte.

„Selene gehört zu den Planeten, die nach ihrer Kolonisierung erst einmal in Vergessenheit geraten sind und die man erst Jahrhunderte später wiederentdeckt hat. Auf vielen von denen hatten die Bewohner in der Zwischenzeit vergessen, was Raumfahrt ist. So erging es auch den Selenern. Für den Planetenbund war der Planet nie besonders wichtig, weil er sich nicht an der richtigen Stelle befindet. Dies ist einer der Gründe, weshalb er immer noch unabhängig ist. Wir haben nie mehr als einen halbherzigen Versuch unternommen, ihn auf unsere Seite zu ziehen, aber die Bewohner hatten kein besonders großes Interesse daran, sich uns anzuschließen, daher haben wir unsere Bemühungen irgendwann eingestellt. In letzter Zeit ist der Planet allerdings wieder öfter in den Berichten des Nachrichtendienstes aufgetaucht, denn nun scheint sich das Kartell für ihn zu interessieren. Aber das ist nicht der Grund, weshalb ich an ihn gedacht habe.“ Sie machte eine kurze Pause und trank einen Schluck Wasser. „Es hat eher etwas mit der Geschichte des Planeten zu tun. Leider kann ich mich nicht mehr an alles erinnern. Als meine Schwester mir damals davon erzählte, fand ich diese Informationen zwar kurios, aber trotzdem nicht interessant genug, um alles im Gedächtnis zu behalten. Und nun kann ich mich nur noch an eine Sache erinnern. Da war die Rede von einem Mahnmal, das für die Bevölkerung einen hohen Stellenwert zu haben scheint. Ein Denkmal, dass aus der Zeit stammt, in der es einen blutigen Bürgerkrieg auf Selene gab. Meine Schwester nannte es das ‚Monument der Liebe‘ und ich habe es nur deswegen nicht vergessen, weil ich es mehr als nur seltsam fand, dass die Selener einen Galgen mit Liebe in Verbindung bringen.“

„Einen Galgen?“ Die Quebecerin klang mehr als nur ungläubig.

„Genau“, bestätigte ihr die urukische Vizeadmiralin. „Und nun sollten wir diese Information an Kapitän Gyasi weitergeben, damit er und seine Leute herausfinden können, wie Silvers Traum damit in Verbindung steht. Wir dürfen auch die Möglichkeit nicht außer Acht lassen, dass es etwas mit dem Interesse des Kartells an Selene zu tun hat. Schließlich hat Silver einmal für das Kartell gearbeitet. Und dann … tja … dann müssen wir uns überlegen, was wir unternehmen wollen.“ Sie blickte ihre Stabschefin an, um herauszufinden, wie diese auf ihre Worte reagierte. Aber diese schien völlig in ihre Gedanken versunken zu sein. Mihailoff konnte sich noch nicht einmal sicher sein, was sie mitbekommen hatte.

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Sorken musste schnell feststellen, dass die Selener sich ihm gegenüber, an diesem Morgen, nicht anders verhielten, als am Abend zuvor. Kurze Zeit, nachdem er den Raum betreten hatte, verwandelte die freudige Anspannung der Anwesenden sich erneut in ein Gefühl von Verzweiflung. Die Einheimischen hatten ganz offensichtlich die letzte Nacht für den Versuch genutzt, sich an das zu gewöhnen, was sie mit ihm in Verbindung brachten, aber sie hatten keinen Erfolg dabei gehabt. Sie versuchten höflich zu sein, sie versuchten Unterhaltungen mit ihm zu führen und sie versuchten den Anschein zu erwecken, es wäre alles in Ordnung. Aber es gelang ihnen nicht. Sie konnten vor ihm nicht verbergen, dass es ihnen unangenehm war, mit ihm sprechen zu müssen. In seinen Augen waren dies alles keine besonders guten Voraussetzungen, um Verhandlungen zu führen. Das einzige Gute daran war, dass Verhandlungen nicht tatsächlich sein Auftrag waren. Allerdings war er seinem eigentlichen Ziel auch noch keinen Schritt nähergekommen und daran würde sich auch nichts ändern, solange er nicht wusste, was hier vor sich ging.

Während seiner gesamten Karriere hatte Sorken nie ein Problem damit gehabt, sich seiner Umgebung anzupassen und diese Fähigkeit war einer der Gründe für seinen Aufstieg in der Hierarchie der Unterhändler. Aber hier auf Selene nutzte ihm seine ganze Erfahrung und sein ganzes Können überhaupt nichts. Noch nie in seinem Leben war er sich so fehl am Platz vorgekommen, wie hier in Artemis und er war sehr erleichtert, dass zumindest seine Tarnung wasserdicht war. Niemand von den Einheimischen würde ihm vorwerfen können, er hätte sich bei ihnen eingeschlichen. Nur aus diesem Grund war es ihm möglich, trotz des seltsamen Verhaltens der Selener, in aller Ruhe das Büfett zu plündern. Er war allerdings auch der Meinung, nach den letzten Stunden habe er sich das auch verdient. Vielleicht könnte er sogar seine Gastgeber davon überzeugen, dass er ihr sonderbares Gebaren nicht auf sich selbst bezog. Allerdings hielt er es für sehr unwahrscheinlicher, er könne ihnen tatsächlich suggerieren, er wäre zu unaufmerksam, um mitzubekommen, was um ihn herum passierte.

„Es wundert mich, dass Sie noch Appetit haben, Unterhändler“, hörte er auf einmal eine angenehme Altstimme an seiner Schulter und in diesem Moment wusste er ganz sicher, dass er die Selener nicht hatte täuschen können. Trotzdem ermahnte er sich, sich nicht in Vermutungen zu verzetteln. Erst dann drehte er sich, mit Neugier im Blick, zur Seite. Diese Neugier musste er noch nicht einmal vortäuschen. Die Quelle der Äußerung stellte sich als eine gutaussehende Rothaarige heraus, auf die er herabblicken musste, weil sie bestimmt dreißig Zentimeter kleiner war, als er. Aber das Auffälligste an ihr war das strahlende Lächeln, das sie ihm schenkte. Nicht nur, weil es ein sehr einnehmendes und warmes Lächeln war, sondern vor allem, weil sie die einzige Person im ganzen Raum war, die ihn überhaupt anlächelte. Sie war auch die einzige Person, die nicht auf diese seltsame, und für ihn unerklärliche, Weise auf ihn reagierte.

„Im Gegenteil“, entgegnete er ihr und lächelte zurück. „In so einer Situation muss ich jede Energiequelle nutzen, derer ich habhaft werden kann. Ich habe gelernt, dass ich als Unterhändler jeden Vorteil nutzen muss, der sich mir bietet, um meine Arbeit erledigen zu können.“

Sie lachte. Bereits zuvor hatte er sie sympathisch gefunden, aber nun stellte er fest, dass dies durchaus steigerbar war. „Muss man als Unterhändler ein derartiger Optimist sein? Falls dies tatsächlich eine Voraussetzung sein sollte, dann würde ich darauf wetten, dass Sie ziemlich erfolgreich sind, oder?“

„Es schadet nie, sich seinen Optimismus zu erhalten, Miss …?“ Er sah sie fragend an.

„di Lorenzo! Bastet di Lorenzo!“ Sofort ging ihm der, unangemessene, Gedanke durch den Kopf, dass sie ihren Vornamen durchaus zu Recht trug, denn seiner Meinung nach passte er hervorragend zu ihr.

„Ich bin sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Miss di Lorenzo. Ich bin Mizuno Sorken. Aber das war Ihnen ja schon bekannt.“ Es konnte nicht schaden, ihr zu zeigen, dass er sie für intelligent und aufmerksam hielt. Er hätte diese Bemerkung allerdings nicht gemacht, wenn er daran gezweifelt hätte, dass sie nicht versehentlich an seiner Seite aufgetaucht war. Sie befand sich ja auch nicht versehentlich in diesem Raum. Er hatte sie zwar am gestrigen Abend nicht gesehen, aber sie gehörte unzweifelhaft zur selenischen Delegation und trotzdem reagierte sie nicht wie die anderen auf ihn. Sie war eine Anomalie und daher musste er sich mit ihr beschäftigen. Er musste ihrem Verhalten auf den Grund gehen.

„Ja“, bestätigte sie, während sie sich einen Teller füllte, „das wusste ich bereits. Allerdings war es auch nicht übermäßig schwierig, dies herauszufinden. Da wäre einmal die Tatsache, dass dieser Empfang zu Ehren des Kartellunterhändlers stattfindet und des Weiteren sind Sie hier der einzige, der nicht von diesem Planeten stammt. Und bevor Sie mich fragen, woran ich das erkannt habe, teile ich Ihnen gerne mit, dass es Ihre Art zu sprechen ist, die Sie als Fremdweltler verraten hat.“ Sie bewegte sich auf einen der freien Tische zu und er begleitete sie. Er war zu dem Schluss gekommen, dass er sich ihr ohne Probleme anschließen konnte, schien sie sich doch an seiner Gegenwart nicht zu stören. Vielleicht würde sie ihm auch etwas erzählen, dass Licht in diese verfahrene Situation bringen konnte.

„Dazu kommt noch“, fuhr sie fort, „dass Sie der Einzige hier sind, den ich nicht persönlich kenne.“ Sie schien tatsächlich nichts dagegen zu haben, am selben Tisch wie er zu sitzen.

„Darf ich Ihnen eine Frage stellen, Miss di Lorenzo?“ Er spießte ein Stück Fleisch auf und führte die Gabel zum Mund. Während er kaute und dabei feststellte, dass das Fleisch wirklich hervorragend schmeckte, wartete er, ob sie darauf eingehen würde. Würde sie ihn mit Informationen versorgen?

„Stellen sie Ihre Frage, Mister Mizuno. Ich meine zwar zu ahnen, um was es Ihnen geht, aber ich könnte mich auch irren. Trotzdem kann mir Ihre Frage und die Art, wie Sie sie formulieren, etwas darüber verraten, wie sich die Denkweise des Kartells von der auf Selene unterscheidet.“ Sie beschäftigte sich mit dem Essen auf ihrem Teller und schien ihn nicht zu beachten. Er glaubte allerdings nicht eine Sekunde daran, dass sie ihn tatsächlich aus den Augen gelassen hatte, schließlich hatte sie sich nicht ohne Absicht auf diese Weise ausgedrückt.

„Was muss ich tun, damit Ihre Kollegen die Verhandlungen wieder aufnehmen, Miss di Lorenzo?“ Seine Tarnung erforderte es, ihr diese Frage zu stellen. Und dabei hoffte er, sie nicht unterschätzt zu haben. Er hoffte auch, dass seine Erfahrung ihm dabei half, ihr weniger Informationen zukommen zu lassen, als er sich von ihr zu erlangen hoffte.

Sie sah von ihrem Teller auf und betrachtete ihn jetzt doch ganz offen. Und sehr eindringlich. Trotzdem ließ sie sich fast eine ganze Minute Zeit, bevor sie ihm antwortete. „Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass sie auf keinen Fall mit Ihnen verhandeln werden. Sollte das Kartell ernsthaft an Selene interessiert sein, werden Ihre Vorgesetzten einen anderen Unterhändler schicken müssen. Vielleicht werden meine Kollegen mit diesem dann verhandeln.“

Ihre Offenheit verblüffte ihn, aber er wusste trotzdem immer noch nicht mehr als zuvor. Offensichtlich musste er einen anderen Weg einschlagen. „Warum reagieren Sie nicht wie Ihre Kollegen auf mich?“

Sie zeigte ihm ein feines – aber nicht unehrliches - Lächeln. „Dies liegt daran, dass ich nicht der Meinung bin, das Kartell habe Sie mit Absicht zu uns geschickt. Mit dieser Aussage beziehe mich übrigens auf Sie als Person, nicht auf Ihre Rolle als Unterhändler. Meine Kollegen sind hingegen davon überzeugt, man habe Sie speziell für diesen Auftrag ausgesucht, um unsere Seite zu verunsichern und sich damit einen Vorteil zu verschaffen. Ich bin nicht so blauäugig zu glauben, das Kartell würde nicht zu solchen Maßnahmen greifen, falls es ihm möglich wäre. Aber dazu müssten ihren Leuten mehr Informationen vorliegen, als ich ihnen zubillige, gesammelt haben zu können. Aus diesem Grund habe ich versucht meinen Kollegen klarzumachen, dass sie zu viel in diese Situation hineininterpretieren. Leider konnte ich niemanden von meiner Position überzeugen. Das Ergebnis haben Sie am eigenen Leib zu spüren bekommen.“ Sie senkte ihren Blick wieder und fuhr in aller Ruhe damit fort, zu essen.

Er schüttelte den Kopf. Dies war alles mehr als nur verwirrend. „Ich muss zugeben, ich verstehe überhaupt nichts mehr. Meine Vorgesetzten haben mich einzig aus dem Grund für diesen Auftrag ausgesucht, weil ich ein guter Unterhändler bin. Meine Erfolgsquote bei vorbereitenden Verhandlungen ist hervorragend. Unter normalen Umständen. Ich muss allerdings auch zugeben, es ist mir noch nie passiert, dass mir, noch bevor meine eigentliche Arbeit beginnen konnte, von der anderen Seite klar gemacht wird, man werde nicht mit mir reden. Dies würde ich nicht nur als ungewöhnlich bezeichnen, sondern als unwahrscheinlich. Und die Gründe dafür kenne ich immer noch nicht.“

Sie deutete mit ihrer Gabel auf seinen Teller. „Vergessen Sie Ihr Essen nicht, Unterhändler. Dies wäre eine Verschwendung, denn das Büfett ist wirklich hervorragend. Sie müssen es meinen Kollegen zu Gute halten, dass sie keine Kosten gescheut haben, obwohl sie sich bereits sicher waren, dass sie nicht mit Ihnen sprechen können.“ Sie lächelte ihn erneut an. „Während Sie ihr Essen genießen, werde ich die Zeit nutzen und Ihnen etwas über unsere Geschichte erzählen.“

Er fand an ihrem Vorschlag nichts auszusetzen. Sie hatte recht damit, das Essen als hervorragend zu bezeichnen und er war froh, es nicht alleine genießen zu müssen. Sie war eine angenehme, aber vor allem intelligente Gesprächspartnerin und sah dazu auch noch gut aus. Er hätte es schlimmer treffen können. „Ich wäre erfreut, etwas über Ihren Planeten zu erfahren, Miss di Lorenzo.“

Sie lächelte ihn erneut an. „Wie wäre es, wenn ich Ihnen die Geschichte von Bharat und Nael erzähle, Mister Mizuno? Wären Sie daran interessiert?“

Sorken verschluckte sich fast. Bharat und Nael? Genau diese beiden Namen hatte sein Führer im Zusammenhang mit dem „Monument der Liebe“ erwähnt. Er nickte, weil er sich in diesem Moment nicht sicher war, ob er seiner Stimme vertrauen konnte. Gleichzeitig versuchte er, seine unwillkürliche Reaktion hinter dem Essen zu verstecken. Dabei konnte er nur darauf hoffen, dies wäre ihm auch gelungen.

„Die Geschichte, über die ich jetzt sprechen werde, hat sich zu der Zeit ereignet, als Selene gerade wiederentdeckt worden war. In dieser Zeit besuchten uns die ersten Fremdweltler wieder. Damals regierten hier noch die Familien. Sie würden sie gemocht haben, Unterhändler, sie müssen dem Kartell ziemlich ähnlich gewesen sein.“ Sie lächelte ihn voller Unschuld an, mit großen Augen.

Er nickte. „Nachdem, was ich über diese Familien gelesen habe, könnte dies stimmen. Es gibt einige Leute im Kartell, auf die dieser Vergleich durchaus zutrifft.“ Es schadete in den meisten Fällen nicht, ein bisschen von der Wahrheit zuzugeben.

Jetzt grinste sie ihn unverhohlen an. „Das haben Sie gut formuliert, Mister Mizuno.“

„Nennen Sie mich bitte Sorken.“ Er hatte nicht geplant, ihr diesen Vorschlag zu machen. Aber manchmal wusste sein Unterbewusstsein besser, mit welcher Taktik er Erfolg haben könnte.

„Aber gerne, Sorken.“ Sie aß weiter und überlegte dabei vielleicht, wie sie ihm die Geschichte darbieten sollte. Er wartete ruhig ab. „Bharat Nyman war ein Angehöriger des Volkes. So nannte man damals die große Mehrheit der Einheimischen, diejenigen, die die ganze Arbeit erledigten, aber nicht mitbestimmen durften. Er war ein junger Mann und soll fleißig und pflichtbewusst gewesen sein. Dies ist deshalb erwähnenswert, da dies nicht auf alle Angehörigen des Volkes zutraf, vor allem nicht auf viele der jungen Männer. Er wird als von durchschnittlicher Größe beschrieben und, wie viele des Volkes, war er wohl nicht außergewöhnlich gutaussehend. Er hatte dunkelblondes Haar und graue Augen. Und ein einnehmendes Lächeln. Er scheint tatsächlich eine sehr sympathische Person gewesen zu sein. Sicher ist, dass er für eine wichtige Aufgabe ausgewählt wurde. Und diese Aufgabe war nicht nur wichtig für die Menschen in Artemis, sondern für alle Angehörigen des Volkes. Als die Familien sich über das Volk erhoben, machten sie sich nicht sehr viele Umstände. Sie sorgten dafür, dass das Volk verstand, sie hätten für die Familien zu arbeiten, ohne sich zu widersetzen und sie haben es tatsächlich geschafft, sie klein zu halten. Aber einige wenige Vereinbarungen mussten sie dennoch mit ihnen schließen. Eine davon bestimmte, dass in jeder Generation ein Mann des Volkes ausgewählt werden sollte, der in die Familien einheiraten durfte. Dies sollte angeblich die Verbindung der Familien mit ihren Arbeitern darstellen und zeigen, dass die oben denen unten Respekt entgegenbrachten. Natürlich war das ausgemachter Blödsinn. Die Familien respektierten sich ja noch nicht einmal untereinander. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass dieses Leben für die Auserwählten des Volkes besonders angenehm war. Sie wurden vom Volk getrennt und von den Angehörigen der Familien, einschließlich der eigenen Frau, verachtet. Sie lebten zwar in Luxus und in der Regel wohl auch ziemlich lange, aber sie blieben ihr ganzes Leben lang alleine und waren bestimmt nicht glücklich. Für die entsprechende Familie waren sie trotzdem so etwas wie eine Trophäe, konnten sie damit doch ihre Opferbereitschaft demonstrieren. Und genau für diese Aufgabe war Bharat ausgewählt worden und zwar schon in jungen Jahren.“ Sie machte eine Pause.

Sorken fiel dazu nur ein, dass dies etwas wäre, dass sich auch einige Personen im Kartell hätten einfallen lassen können. Und dann begriff er, dass er den Gedanken nicht als besonders angenehm empfand. Allerdings würde er das niemals jemandem gegenüber zugeben können. „Das hört sich nicht besonders gut an. Und Bharat wollte das freiwillig machen?“

Sein Gegenüber nickte. „Wie ich schon sagte, er war sehr pflichtbewusst. Und er wusste ja, dass es in den Generationen vor ihm immer einen Mann gegeben hatte, der diesen Weg ging. Aus diesen Gründen war er dazu bereit, seine eigenen Wünsche hintan zu stellen. Bis zu dem Moment, als er Nael Garland kennenlernte. Diese Begegnung sollte sein ganzes Leben verändern. Nael stammte von einem anderen Planeten. Er fühlte sich nicht an die Konventionen von Selene gebunden. Kein Einheimischer hätte sich mit dem Auserwählten des Volkes eingelassen. Aber Nael war das egal. Ihn interessierte nur, dass er Bharat sehr anziehend fand. Und dies beruhte offensichtlich auf Gegenseitigkeit. Die beiden wurden sehr schnell ein Paar. Und Bharat war wohl zum ersten Mal in seinem Leben wirklich glücklich, fühlte sich zum ersten Mal geliebt und liebte ebenfalls zum ersten Mal selbst. Natürlich ist es schwierig, über diese zeitliche Distanz, heute noch nachzuvollziehen, was in den Menschen damals wirklich vorgegangen ist. Aber wir gehen davon aus, er habe sich vorher nie getraut, sich auf einen anderen Menschen einzulassen. Schließlich wusste er, was von ihm erwartet wurde. Aber Nael war wohl niemand, den das kümmerte. Ihn interessierte nur, mit Bharat zusammen zu sein. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Die beiden haben allerdings völlig falsch eingeschätzt, wie die anderen Selener auf ihre Beziehung reagieren würden. Sie haben nicht damit gerechnet, dass man sie wegen ihrer Liebe jagen würde. Sie haben nicht verstanden, dass die Familie, deren Trophäe Bharat hatte werden sollen, ihn auf keinen Fall aufgeben wollte. Sie drängte das Volk dazu, ihn auszuliefern. Sie drohten ihnen sogar mit der Kündigung des Abkommens. Dies mag uns heutzutage seltsam vorkommen, aber das Volk fühlte sich von den Familien abhängig. Die Arbeiter waren davon überzeugt, alleine nicht bestehen zu können. Daher stimmten sie diesen Forderungen tatsächlich zu. Außerdem haben sie es Bharat wohl auch übelgenommen, dass er sich von Nael hat verführen lassen. Schließlich kannte er seine Pflicht. Nach Meinung seiner Leute hätte er dieser Versuchung widerstehen müssen. Aus diesen ganzen Gründen hinderten sie die Familien nicht daran, ihn sich zurückzuholen und sie sicherten ihren Unterdrückern zu, ihn nicht zu verstecken. So begannen die Familien ihn und Nael zu jagen. Die beiden konnten ihnen noch eine geraume Zeit entgehen, aber irgendwann gab es kein Versteck mehr, in das sie flüchten konnten. Man hatte sie in die Enge getrieben. In dieser ausweglosen Situation glaubten sie, es gäbe für sie nur noch eine einzige Option.“ Sie machte eine Pause in ihrer Erzählung und nahm einen Schluck aus ihrem Glas. Und wartete dann offensichtlich darauf, ob er etwas dazu bemerken wollte.

Sorken fühlte sich unwiderstehlich in ihre Geschichte hineingezogen. Er hatte sich zu Beginn fest vorgenommen, sich zu keinen Bemerkungen verleiten zu lassen, aber die Worte verließen seinen Mund, bevor es ihm bewusst wurde. „Sie wollten gemeinsam sterben und dafür ihre Verfolger nutzen.“ Er hatte es noch nicht einmal geschafft, seine Bemerkung als Frage zu formulieren. Was war nur aus seiner ganzen Erfahrung geworden?

Bastet di Lorenzo nickte. „Genau das war ihr Plan. Aber sie scheiterten. Ihre Verfolger, oder besser gesagt, deren Auftraggeber, hatten nicht vor, sie so einfach davonkommen zu lassen. Die Familien hatten nicht übersehen können, wie die Stimmung des Volkes sich gegen Bharat wandte. Sie gingen wohl davon aus, genug Macht über die Menschen ausüben zu können, um mit allem durchzukommen, was sie planten. Sie waren davon überzeugt, den eingeschlagenen Weg auch dann noch problemlos verfolgen zu können, wenn sich die Angehörigen des Volkes doch noch auf die Seite der beiden Liebenden schlagen würden. Sie hatten es fertiggebracht, den Personen, die für sie Bharat und Nael jagten, weiszumachen, die beiden würden dem Volk enorm schaden und müssten daher mit allen Mitteln gestoppt werden. Sie hatten den Menschen, und damit auch den Verfolgern, Angst eingejagt und dies führte zu großem Hass dem Paar gegenüber. Dementsprechend fiel die Behandlung der beiden aus, als sie sie endlich in die Hände bekamen. Im Gefängnis steckte man sie nackt in Käfige, die so weit auseinanderstanden, dass sie nicht in körperlichen Kontakt treten konnten. Sie konnten sich nur noch durch Rufe miteinander verständigen und wurden jedes Mal dafür verprügelt. Schließlich erteilten die Familien den Befehl, Bharat endgültig mundtot zu machen.“

„Was haben sie mit ihm gemacht?“ Auch diese Frage war ihm einfach so rausgerutscht. Im Stillen verfluchte er sich für seinen Mangel an Professionalität.

„Sie haben ihm die Zunge herausgeschnitten. Ziemlich blutig, oder? Und dann haben sie die beiden vor Gericht gestellt. Selbstverständlich war das ganze Verfahren eine Farce. Alle Mitwirkenden waren von den Familien ausgesucht worden und alle hassten sie das Paar abgrundtief. Der Richter, der Anklagevertreter, der Verteidiger, die Wachen und sogar die Zuschauer. Es war ein Schauspiel, von vorne bis hinten durchgeplant. Einschließlich der Verurteilung. Nael wollte jedoch auch etwas dazu beitragen. Er hat es noch geschafft, ein Statement loszuwerden. Ihn hatte sie ja noch nicht zum Schweigen gebracht.“

Sorken wusste sofort, wovon sie sprach. ‚Ihr könnt uns töten. Aber ihr könnt uns nicht auseinanderbringen. Und ihr könnt die Geschichte unserer Liebe nicht unterdrücken.‘ ‚Diese Worte hat er ihnen entgegengeschleudert‘, dachte Sorken. Und dann ging ihm auf, dass dieser Gedanke völlig verrückt war. Woher wollte er wissen, welche Worte Nael gerufen hatte?

„‚Ihr könnt uns töten. Aber ihr könnt uns nicht auseinanderbringen. Und ihr könnt die Geschichte unserer Liebe nicht unterdrücken.‘ Dies waren seine letzten Worte. Mehr brachte er nicht heraus, bevor man ihn überwältigte und ihm ebenfalls die Zunge herausschnitt. Danach brachte man die beiden wieder in die Käfige zurück, in denen sie den Rest ihres kurzen Lebens verbringen sollten.“

Sorken lief es bei ihren Worten eiskalt den Rücken hinunter. ‚Jetzt weiß ich wenigstens, warum ich Blut gespuckt habe‘, dachte er. Und dann schalt er sich selbst. Erneut. Die ganze Geschichte war einfach zu verrückt.

„Die Familien hatten es bereits geschafft, das Volk davon zu überzeugen, die beiden wären eine Gefahr für die Gesellschaft. Dann brachten sie es auch noch fertig, dass die Arbeiter von sich aus verlangten, die beiden Männer hinrichten zu lassen, weil sie die ‚wunderbare‘ Harmonie zwischen den Familien und dem Volk zerstört hatten. Das Volk war tatsächlich bereit, auf dem zentralen Platz in Artemis einen Galgen zu errichten. Nach unseren Erkenntnissen haben die Familien noch darüber nachgedacht, ob sie das Volk wirklich bei der Urteilsvollstreckung dabeihaben wollten, aber sie haben dann entschieden, dies würde kein Risiko darstellen. Sie dachten wohl, sie hätten es geschafft, das Volk zu überzeugen. Sie haben die beiden gehängt und dabei dafür gesorgt, dass ihr Sterben lange dauerte. Und schmerzhaft war. Es hatte ihnen nicht gereicht, sie nur zu töten. Aber sie haben nicht geahnt, was sie damit auslösten. Zwei Tage nach der Hinrichtung brachen die ersten Unruhen in Artemis aus, die sich in rasender Geschwindigkeit über den ganzen Planeten ausbreiteten. Das Volk hatte sich wohl doch betrogen gefühlt und diesmal wollten sie nicht zurückstecken. Auch wenn es etwas gedauert hat, bis sie verstanden, dass Bharat ihnen gezeigt hatte, wie man sein eigenes Glück verfolgt. Als Folge dieser ganzen Angelegenheit wurden die Familien ausgelöscht, bis auf wenige Personen, die es erfolgreich schafften, im Volk zu verschwinden.“ Sie machte noch einmal eine Pause und blickte ihn eindringlich an. „Dies ist die Geschichte hinter diesem Mahnmal dort draußen.“

Plötzlich stand sie auf und bat ihn mit einer Handbewegung, sich ebenfalls zu erheben. „Wenn Sie mich jetzt begleiten, Sorken, dann werden Sie erfahren, warum die Delegation nichts mit Ihnen zu tun haben möchte.“ Ohne auf seine Reaktion zu warten, bewegte sie sich vom Tisch weg und sah sich auch nicht um, ob er ihr folgte. Aber er befand sich immer noch im Bann ihrer Erzählung und auch aus anderen Gründen blieb ihm nichts übrig, als ihr hinterherzugehen.

Sie öffnete eine unscheinbare Seitentür und er folgte ihr in einen Flur. An dessen Ende konnte er eine weitere unscheinbare Tür erkennen und diese führte die beiden in einen weiteren großen Saal, der sich als Konferenzzimmer herausstellte, ausgestattet mit einem riesigen Tisch, an dem viele Menschen Platz finden konnten. Die der Tür gegenüberliegenden Wand bestand vollständig aus Fenstern, die dafür sorgten, dass der ganze Raum von Tageslicht durchflutet wurde. Bastet di Lorenzo wandte sich allerdings nach links und ging auf eine Wand zu, die vollständig von einem Vorhang verdeckt wurde.

„Dies hier ist einer der ältesten Räume in der Residenz. Er stammt aus einer Zeit, als noch Personen lebten, die Bharat und Nael persönlich gekannt haben. Damals existierten auch noch Aufnahmen von den beiden. In der Zwischenzeit sind leider alle Unterlagen über sie verlorengegangen und seitdem wurde ihre Geschichte nur noch mündlich weitergegeben. Leider gab es immer nur einige wenige Personen, die sich auserwählt fühlten, sich damit zu beschäftigen. Selbst heute ist es vielen Selenern unangenehm, an die Angelegenheit erinnert zu werden. Auch wenn diese Ereignisse den Ausgangspunkt unserer heutigen Gesellschaft darstellen, wollen wohl viele Menschen nicht darüber nachdenken, was damals zugelassen wurde. Irgendwann wurde auch diese Wand hier versteckt, nachdem es immer wieder Versuche gegeben hatte, sie zu zerstören. Glücklicherweise gibt es aber Menschen, die damit nicht einverstanden sind.“

Sie öffnete ein verstecktes Wandpanel und enthüllte eine Kontrolltafel, auf der sie einen Knopf drückte. Der Vorhang begann sich langsam zu einer Seite zu bewegen und dahinter kam ein verstecktes Wandgemälde zum Vorschein. Sorken starrte ungläubig auf die dargestellte Szene.

„Sie können wahrscheinlich ohne Probleme erkennen, dass dieses Gemälde den Zeitpunkt der Urteilsvollstreckung darstellt. Man kann auf ihm die beiden Verurteilten sehr gut erkennen. Hier unten sehen Sie wie Bharat darauf wartet, dass die Wachen ihn die Stufen hinaufführen, während Nael bereits die Schlinge um den Hals gelegt wurde.“ Sie verstummte.

Sorken wusste auch ohne ihre Worte genau, wohin er blicken musste. Am Fuß der Treppe stand ein Mann, dessen Gesicht er kannte. Aber es war nicht diese Gestalt, deren Anblick ihn erschreckte, sondern die des blonden, breitschultrigen Nael, der auf der Falltür stand. Und der das gleiche Gesicht trug, das er jeden Morgen im Spiegel sah. Bharat hingegen sah wie Arian aus. Sorken hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie so schrecklich gefühlt, wie in diesem Moment und er hatte auch noch nie das Gefühl gehabt, derart wenig Kontrolle über eine Situation zu haben. Er fühlte sich wie paralysiert.

Die ganze Angelegenheit war für ihn so unerträglich, dass er für einen Moment sogar seine Begleiterin vergaß. Bastet jedoch war noch nicht fertig mit ihm. Hatte ihre Stimme zuvor nie ihren angenehmen Klang verloren, hörte sie sich auf einmal kalt an und davon wurde Sorken völlig überrascht. „Aus diesem Grund wurde mir die unangenehme Pflicht übertragen, mit Ihnen zu sprechen. Mein Auftrag war es, Ihnen in aller Deutlichkeit klarzumachen, dass wir Ihnen und Ihrem Freund nicht erlauben werden, unsere Gesellschaft ein weiteres Mal zu zerstören. Ich sollte Sie auch davon in Kenntnis setzen, dass Sie hier nicht mehr erwünscht sind.“

Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass sie sich von ihm abgewandt hatte, als könne sie es nicht ertragen, ihn anzusehen. ‚Die Ahnen mögen mir helfen‘, dachte er, 'sie hat mir die ganze Zeit etwas vorgemacht und ich habe nichts davon gemerkt.‘ Er war so schockiert, dass er kaum noch in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen, aber er schaffte es dann doch, sich zusammenzureißen. Er nahm Zuflucht zu seiner Ausbildung, ohne sich dessen in diesem Moment allerdings bewusst zu werden. Aber er überprüfte aus den Augenwinkeln, wo sich seine Begleiterin genau befand, bevor er mit seinem Finger unauffällig die Minikamera betätigte, die er immer bei sich trug. Obwohl er sich in einem Zustand der Panik befand, war ihm dennoch bewusst geworden, dass er Beweise benötigte. Einige Fotos würden sich hervorragend dafür eignen, aber di Lorenzo durfte davon nichts mitbekommen. Er war allerdings auch mehr als nur froh darüber, dass sein Aufnahmegerät die ganze Zeit mitgelaufen war. Er würde zwar später wie ein Idiot dastehen, aber er hatte die Geschichte wenigstens aufgezeichnet.

Di Lorenzo hatte sich zwar angewidert von ihm abgewandt, aber sie wollte doch noch etwas zu ihm sagen. Obwohl es ihr schwer zu fallen schien, drehte sich noch einmal zu ihm um. „Wenn Sie, Mister Mizuno, oder Ihr Freund“, sie zeigte auf das Bild von Arian, „sich noch einmal auf Selene blicken lassen, dann werden wir diesen Galgen ein weiteres Mal nutzen und sie auf die gleiche Art und Weise aus dem Leben befördern, wie ihre Vorgänger. Das Urteil über sie beide wurde in der letzten Nacht gefällt.“

‚Die Ahnen stehen uns bei‘, betete er voller Inbrunst, obwohl er noch nie zuvor in seinem Leben gebetet hatte, ‚wo bist du jetzt, Arian? Ich hoffe, du hast nicht vor Selene zu besuchen. Ich hoffe, dass du nicht das gleiche geträumt hast wie ich. Ich weiß nicht, wo du bist, aber ich bete für deine Sicherheit, mein Freund.‘


Ende
 
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