Der lange Abschied von uns selbst, oder wie wir wurden, was wir sind - Teil 17

Klappentext mit Inhaltsverzeichnis
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Ich hatte die Gruppe mittlerweile aufgeteilt, Max, Michaela und Giulia verschwanden im Zimmer gegenüber dem Krankenzimmer, Katharina, Tom und ich blieben mit der Leiche im Raum. Wir versteckten uns, so gut es ging. Unsere dunkle Kleidung und die getarnten Gesichter halfen dabei.
Die beiden Männer betraten das Zimmer bei bester Laune und stießen die Gefangenen vor sich her. Beim Anblick ihres toten Anführers wandelte sich ihre Stimmung recht schnell. Sie verharrten am Fußende des Bettes und starrten auf die Leiche des Mannes, den sie Siggi nannten. Sie kamen nicht mehr dazu, den Verlust lange zu betrauern. Ich stand hinter ihnen, teilweise verdeckt durch den schweren Vorhang. Das Mädchen, das auf dem Boden kniete, erblickte mich, schrie auf, die zwei drehten sich um.
Das war das Letzte, was die Marodeure auf dieser Welt taten. Ich feuerte einen Schuss ab, die Kugel traf den älteren von den beiden Männern mitten auf der Stirn. Ein Pfeil, abgefeuert von Katharina erwischte den anderen im Herz. Der Fremde mit dem Projektil im Kopf fiel auf die Beine seines toten Anführers, machte also keinen Lärm. Der zweite schlug dagegen der Länge nach auf dem Boden auf, mit der entsprechenden Lärmentwicklung. Das Mädchen kreischte, der Junge machte unter sich.
Im Erdgeschoss rief jemand hoch. Nachdem keine Erwiderung kam, lief er die Treppe hinauf. Beim Betreten des Zimmers trafen ihn zwei Pfeile aus dem gegenüberliegenden Raum in den Rücken. Laut und stöhnend ging er zu Boden. Es blieb bei dem Versuch, seine Pistole, eine .45er, zu ziehen. Das übernahm dann Max für ihn.
Der letzte Überlebende kam nun ebenfalls nach oben, allerdings mit der Maschinenpistole im Anschlag. Auf dem Boden mit seinen toten Kameraden im Zimmer sah er nur die beiden geschockten Teenager, er starrte verwirrt auf die Leichen. Hinter ihm klirrte es und der Mann wirbelte um die eigene Achse, eröffnete sofort das Feuer. Die Tür des gegenüberliegenden Zimmers stand offen und er schoss durch den leeren Rahmen.
Max hatte eine kleine Vase auf den oberen Türrand gestellt, und einen Strick an der Klinke befestigt. Als der Mann seine toten Kameraden ansprach, zog er aus der Deckung heraus an der Schnur. Die Tür öffnete sich und die Blumenvase fiel auf den Boden, wo sie mit einem lauten Klirren zersprang. Der Fremde drehte sich um, eine Falle vermutend, und eröffnete das Feuer.
Ich glaube nicht, dass er den Irrtum bemerkte, da ich seinen Hinterkopf anvisierte, und abdrückte, noch bevor er sein Magazin leer geschossen hatte. Die Kugel fraß sich durch den Schädel des letzten Bandenmitglieds und bescherte ihm einen, vermutlich, schmerzlosen Tod.
Zu unserem Glück hatte er eine MP mit Schalldämpfer getragen. Trotzdem er fast ein ganzes Magazin abfeuerte, drangen die Geräusche nicht bis nach draußen.
Max und Michaela liefen die Treppen hinunter, schlossen die Türen, und kamen wieder zurück. Katharina und Giulia halfen zwischenzeitlich den beiden Teenagern auf die Füße. Der Junge mit den eingeschissenen Hosen war so geschockt, dass er seinen bedauernswerten Zustand gar nicht wahrnahm. Das Mädchen starrte uns mit geweiteten Augen an, insbesondere mich, nachdem ich mein Gerber Mark II gezogen hatte. Vermutlich befürchtete sie, dass ich mir eine Scheibe von ihr abschneiden wollte, verständlich, aber völlig falsch.
Giulia übernahm freundlicherweise die Aufklärung des Irrtums, wies die beiden darauf hin, dass wir nur ihre Fesseln lösen würden, ansonsten hätten sie nichts zu befürchten. Katharina packte den Jungen am Arm und führte ihn aus dem Zimmer in eines der Bäder, es gab zwei auf der Etage, und wies ihn an, sich zu reinigen.
Giulia suchte derweil sauberer Kleidung für ihn. Michaela kümmerte sich um das Mädchen, brachte das zitternde Bündel nach unten und gab ihr Wasser aus unseren Rucksäcken, die in einer Vorratskammer verstaut, aufbewahrt wurden.
Nachdem Max die Waffen eingesammelt hatte, verließen wir das Obergeschoss. Katharina kam einige Minuten später mit dem Jungen nach. In frischer Kleidung sah er mittlerweile einigermaßen manierlich aus. Wir standen alle geschockt in der Küche herum, tranken Wasser aus den Rucksäcken.
Durch unsere Adern rauschen Unmengen an Adrenalin. Ebenso schockte uns die eruptiv aufgetretene Gewalt, für die im Wesentlichen wir verantwortlich zeichneten. Solange die Anspannung anhielt, funktionierte die Gruppe. Jetzt, mit dem Tod der Gegner, ließ der Stress nach. Erschöpfung und Desorientierung setzten ein. Sechs Menschen starben innerhalb von Minuten durch unsere Hände, keiner von uns konnte das einordnen oder erklären.
Irgendwann, nach einer längeren Phase des Schweigens, fragte Michaela, was eigentlich mit den Menschen im Keller wäre.
Wir blickten uns betreten an, die hatten wir völlig vergessen. Max, Katharina und ich begaben uns zur Kellertüre, die wir vorsichtig öffneten. Die Treppe leuchtete ich sorgfältig aus, um sicherzugehen, dass sich dort keine Stolperfallen befanden. Soweit hatten die Männer nicht gedacht oder es als nicht notwendig erachtet. Das wurde mir aber erst klar, nachdem Max die massive Kellertüre öffnete.
Auf sechs Matratzen saßen fünf Menschen, drei Frauen, zwei Männer, alle mit Ketten an der Wand angeschlossen, eine Flucht mithin unmöglich. Die Fesseln reichten gerade bis zu einem Eimer in der Mitte des Raumes. Dabei handelte es sich um den Fäkalieneimer, der dieser ganzen Situation ein, wenn ich es so sagen darf, atemberaubendes Ambiente verschaffte.
Die Menschen auf den Matratzen sahen angstvoll zur Tür. Nachdem sie realisierten, dass es sich nicht um ihre bisherigen Peiniger handelte, zeichnete sich in den Gesichtern ein wenig Hoffnung ab. Eine der Gefangenen erhob sich und trat in den Raum. Sie war es, mit der ich zuvor gesprochen hatte. Im Lichtkegel der Taschenlampe erkannte Franziska. Die Frau, welche die Männer vor ca. vier Wochen vor dem Einkaufszentrum verschleppt hatten.
Ich leuchtete die übrigen Personen ab. Die Letzte, die ich anstrahlte, war Sarah. Meine Aufmerksamkeit kehrte zur ihrer Mutter zurück und ich begrüßte sie mit „Hallo Franziska“.
Das Gesicht der Frau zeigte völliges Unverständnis. Ob wir uns kennen würden, wollte sie wissen.
Indirekt, antwortete ich, trat näher und sah mir die Ketten an, mit denen sie und die Mitgefangenen an die Wände gefesselt waren. Es handelte sich dabei um stabile Stahlgliederketten, zusammengehalten von Vorhängeschlössern. Die Schlüssel dazu fanden wir draußen an einem Balken hängend. So wie die Ketten gelöst waren, kehrten wir mit den Leuten ins Erdgeschoss zurück.
In der Küche löste sich bei den bisherigen Gefangenen die Spannung. Tränen flossen, Schluchzen, das ganze Programm. Katharina griff ihren Erste-Hilfe-Koffer und kümmerte sich um die Scheuerwunden, welche die Ketten an den Hand- und Fußgelenken der Gefangenen verursacht hatten.
Max und Tom zogen los, den Keller zu durchsuchen. Mich wunderte die Bewaffnung der Männer. Bei der Aktion am Einkaufszentrum trugen die Mörder wesentlich bessere Waffen als diesmal. Ich stieg nochmals nach oben und sah mir die Toten an. Zwei der Leichen fand ich nicht auf den Bildern vom 15. Juni, dafür fehlten zwei Mitglieder, die auf den Fotos zu sehen waren. Zu- und Abgänge hielten sich die Waage, aber die Sturmgewehre sind weg. Ich schnitt den Verband bei Siggi auf. Das Loch in seiner Seite dürfte von einem Projektil im Kaliber 5,56 mm stammen. Da die Austrittswunde fehlte, schätzte ich, dass die Kugel noch drin steckte. Ich nahm nicht an, dass es ihn stören würde, also schnitt ich ihn auf und holte den Geschosskopf aus der Wunde. Ja, es war eklig, brachte aber Gewissheit. Bei dem Geschoss, welches die Verletzung bei Siggi verursacht hatte, handelte es sich um eine NATO-Standartpatrone. Die Munition passte zu der Bewaffnung, die ich im Juni bereits identifiziert hatte.
Ich durchsuchte das Obergeschoss und kletterte sogar auf den Dachboden. In einem der Zimmer im oberen Stockwerk fand ich die Munition, welche der Truppe noch zur Verfügung stand. Für die beiden MP entdeckte ich zweihundert Schuss im Schrank, für die .45er vierundzwanzig Patronen. Ich gehe mal davon aus, dass es innerhalb der Gruppe Stress gab und sich zwei Mann mit den Waffen abgesetzt haben. Es würde mich nicht wundern, wenn sich der Anführer seine Kugel im Rahmen dieser Veranstaltung eingefangen hätte. Wie dem auch sei, die Gewehre sind weg und Siggi ist tot, ein Ergebnis, mit dem ich leben kann.
Max und Tom entdeckten im Untergeschoss Alkohol in rauen Mengen, über zwanzig Kisten Bier und auch sonst einiges an Vorräten. Medizinische Güter schienen Mangelware zu sein.
Unsere Gruppe umfasste jetzt sieben Mitglieder mehr, und so reichten die drei Fahrzeuge bei weitem nicht aus, um uns und die Vorräte zur Homezone zu transportieren. Außerdem parkten im Garten noch die beiden Handwagen mit der restlichen Beute des heutigen Tages.
Also zogen Michaela und ich los, um einen Transporter, den wir zuvor bei unserem Streifzug entdeckten, zu holen. Im Tank befand sich zwar kein Sprit mehr, mit den zehn Litern Heizöl, die wir mitführten, würden wir aber ohne Probleme zurück kommen. Als problematisch erwies sich, die Lärmentwicklung des Busses, die uns das Interesse der Wandler im Dorf einbrachte. Wir kamen zum Haus und schafften es, das Tor zu schließen, bevor die Meute ankam. Es zu öffnen, würde Probleme bereiten.
Zurück in der Küche beratschlagten wir, wie wir wieder nach Hause kommen. Max und Katharina sicherten die Terrasse, Tom behielt die Auffahrt im Auge, zählte, wie viele Wandler mittlerweile sich vor dem Tor aufstauten. Eigentlich egal, da dass das Verhältnis eindeutig zu unseren Ungunsten stand. Aber die Infizierten waren draußen und wir saßen drinnen. Zumindest vorläufig. Die sieben Fremden wirkten noch immer geschockt, bzw. wussten nicht wirklich, was sie aus der Geschichte machen sollten.
Die Kleider hatte die Gruppe, soweit möglich, gewechselt. Zumindest waren alle satt. Die Vorräte der Männer reichten locker aus für ein umfangreiches Essen. Nur die beiden Teenager hockten dicht beisammen, aßen nichts und nahmen auch nicht an dem Gespräch teil. Franziska saß neben ihrer Tochter, aber irgendwie schien sie sehr distanziert dem Mädchen gegenüber, hatte sie Schuldgefühle?
Sie wandte sich mir zu, wollte wissen, woher ich ihren Namen kannte. Ihr Gesicht wirkte ausgezehrt, die Augen tief in den Höhlen liegend.
Irgendwie beschlich mich das Gefühl, dass es nicht meine beste Idee gewesen war, sie mit direkt anzusprechen. Andererseits, wann ist der richtige Zeitpunkt die Wahrheit zu sagen? Entweder nie oder immer, ich glaube, dass das eine Charakterfrage ist. Also entschied ich mich, die Karten offen auf den Tisch zu legen. Ich erzählte ihr wie nahe wir ihr und ihrer Familie am 15. Juni gewesen waren und wie weit entfernt davon, ihnen helfen zu können.
Mit jedem Wort wuchs ihr Zorn, ihre Hände krampften sich zusammen, ballten sich zu Fäusten. Zu hören, dass wir dort waren, so nah und nichts unternommen hatten, um sie und ihre Familie zu retten, machte sie fassungslos. Sie nahm ihr Glas mit Orangensaft und schüttete es mir ins Gesicht.
Die klebrige Flüssigkeit lief an mir herunter, vermischte sich mit der Tarnfarbe und hinterließ Schlieren auf meiner Haut. Ich wischte den Saft mit dem Ärmel ab, blickte sie an. Sie hielt noch immer das Glas in der Hand, und ich war mir nicht sicher, ob sie es nicht zur Waffe machen würde.
Sie spuckte mir die Worte, was die Männer mit ihr und ihrer Tochter, vor allem aber mit ihren Söhnen gemacht hatten, förmlich ins Gesicht. Jede Silbe ein Vorwurf, messerscharf.
Übelnehmen konnte ich es ihr nicht, von ihrem Standpunkt aus hatte sie recht. Ich beugte mich nach vorn, packte das Handgelenk von der Hand, die das Glas hielt und zog sie dichter an den Tisch. Auch ich war aufgewühlt, wählte aber meine Worte mit Bedacht. Ich wies darauf hin, dass die Entfernung ca. 500 Meter betrug und, dass es nichts gab, was wir an diesem Tag hätten tun können, um es zu verhindern. Der Preis für einen Rettungsversuch wäre unser Leben gewesen und ich entschied damals, den Betrag nicht zu zahlen. Dass, was wir an Ausrüstung besaßen, ließ uns chancenlos gegen die Bastarde. Der Familie nicht helfen zu können, hat uns die ganze Zeit verfolgt. Trotzdem fanden wir sie und ihre Tochter. Ein Zufall, wie ich zugab. Mit diesem Fund hatte ich nicht gerechnet. Auch nicht damit, dass sie noch leben, und ich habe es auch nicht gehofft. Aber wir sind hier und die, die ihnen das angetan haben, lagen tot im Obergeschoss. Rückkehr ausgeschlossen. Die Gefangenschaft von Mutter und Tochter endete am heutigen Tag.
Ein Eingreifen durch uns vor dem Einkaufszentrum hätte nichts verändert. Mit dem einen Unterschied, dass es für die beiden heute nicht vorbei wäre. Alles würde Morgen weitergehen. Jetzt, so schloss ich, lag wieder eine Zukunft vor ihnen. Ich forderte sie auf, es nicht zu versauen. Nicht so sehr um ihretwillen, sondern für ihre Tochter.
Vanessa, die dritte Frau aus dem Keller legte Franziska die Hand auf die Schulter, nahm ihr das Glas ab, stellte es außerhalb ihrer Reichweite auf den Tisch. Sie redete beruhigend auf ihre ehemalige Mitgefangene ein.
Langsam wich die Spannung aus Franziska, und ich ließ ihr Handgelenk los. Sie stand auf, stieß Vanessa von sich, zischte ihr zu, dass sie sie nicht anzufassen habe, und trat auf die Terrasse.
Die Frau schaute mich an und versuchte die Wogen zu glätten, meinte, es wäre nicht einfach gewesen für Franziska. Der Mann und die Söhne tot, ihre Tochter leiden zu sehen, der eigene Schmerz.
Erst da merkte ich, wie der ganze Raum den Atem angehalten hatte und mich anstarrte. Ich entspannte etwas, dankte Vanessa für ihren Einsatz. Ergänzend wies ich darauf hin, dass dieser Tag und die Zeit seit Himmelfahrt uns alle bis an die Grenze des Möglichen belastet hätte. Mit einem Blick auf Sarah ergänzte ich, dass es manche auch über dieses Maß hinaus treffe.
Die Sonne stand noch immer hoch an einem stahlblauen Himmel, keine Wolke zeigte sich. Bis zum Einbruch der Dunkelheit dauerte es noch einige Stunden. Die Wandler lauerten nach wie vor auf der Straße vor dem Tor. Allerdings fingen sie an, sich langsam zu zerstreuen. Das Mengenverhältnis stand jedoch noch immer deutlich zu unseren Ungunsten. Zu Fuß mit den ganzen Vorräten wollte ich mich nicht zurückziehen, die Beute hier zu lassen, widerstrebte mir ebenfalls. Bezüglich der Leistungsfähigkeit der Neuzugänge betrachtete ich Skepsis als durchaus angebracht.
Blieb also nur der Weg über die Straße mit den Fahrzeugen. Moderne Technik war, als sich die Erde noch wie ein zivilisierter Planet präsentierte, sicherlich sehr hilfreich. Die drei Luxuskarossen, welche die Bande verwendet hatte, sind vollgestopft mit diesen Gadgets. Das bedeutete, dass wir Airbags hatten, was ein Durchbrechen mit Gewalt verhinderte. Außerdem verfügten die Autos, bis auf den VW-Bus auch über einen Bremsassistenten, der einen Zusammenstoß mit Menschen verhindern sollte. Das schließt Wandler dummerweise ein, so dass mit den Wagen einfach durch die Menge zu pflügen, keine Option darstellte. Die Meute vor dem Tor wirkte, soweit ich sehen konnte, hungrig. In mir keimte die Frage auf, ob es eventuell möglich wäre, sie zu füttern und so, zu zerstreuen bzw. von uns abzulenken. Wenn wir es schafften, ihnen die Leichen unterzujubeln, ohne Bestandteil ihres Festmahls zu werden, würde uns das ein Zeitfenster öffnen, um mit den Fahrzeugen vom Hof zu rollen.
Wir entschieden uns, es mit dem Mann aus dem Bad zu versuchen. Der VW-Bus verfügte über eine Dachreling, an der wir eine der Leichen befestigen konnten. Da die ursprünglichen Besitzer die Auffahrt sehr großzügig angelegen ließen, parkte der Bus mit der Fahrerseite zur Eingangstüre. Wir schleiften den Toten aus der Gästetoilette zum Fahrzeug, stets bemüht, in der Deckung des Busses zu bleiben, um die Wandler nicht zusätzlich zu reizen. Wir schlangen ein Seil um seine Brust und befestigten ihn an der Seite hinter der Fahrertüre. Dann stieg ich ein, drehte den Bus und fuhr, so dicht wie möglich an Zaun und Tor entlang, präsentierte die Leiche den Wandlern.
Es dauerte nicht lange, und sie erkannten, was da an ihnen vorbeifuhr. Sie griffen durch das Gitter, zerrten so heftig an dem Körper, dass der Bus schwankte und der Zaun in Gefahr lief, eingedrückt zu werden. Zum Glück hatte ich Giulia als Beifahrerin mit an Bord. Sie schlug die Scheibe des Busses raus und durchschnitt das Seil, mit dem der Tote am Fahrzeug hing. Der Mann wurde förmlich durch die, relativ eng stehenden, Gitterstäbe gezogen. Andächtig lauschten wir dem Brechen der Knochen. Wir machten uns eilig davon, solange die Wandler die Leiche vertilgten.
Ich blickte nach draußen und kreuzte den Blick eines Pitchers. Wenn ich nicht wüsste, dass es unmöglich ist, würde ich sagen, dass er mich musterte und aufmerksam beobachtete. Giulia fiel der Pitcher ebenfalls auf, sie winkte freundlich.
Ich nahm an, dass es funktionieren würde und wir bewegten die Autos zur Garage, um sie unbeobachtet zu beladen, den Bus benutzten wir als Schutzschild, damit die Wandler niemanden zu sehen bekamen.
Das Einzige, was wir änderten, war die Art, wie wir die Getöteten als Köder einsetzten. Anhand der eben gesammelten Erfahrungen verbot sich eine feste Verbindung zwischen Wagen und Leiche. Wir schleppten die Toten nach unten und legten sie auf die Motorhauben der drei Karossen. Es war eine eklige Arbeit, schweißtreibend und schwer. So wie wir alles vorbereitet hatten, kam der schwierigste Teil. Wir mussten das Tor öffnen. Dafür planten wir den Bus zu nutzen. Wir klemmten einen Strick mit einem Hammer am einen Ende in der Beifahrertüre fest. Am anderen Ende befestigte Max einen zurechtgebogenen Winkel als Haken. Um die Verbindung wieder loszuwerden, nachdem das Tor aufgezogen war, mussten wir nur beides aus dem Wagen fallen lassen. Mit dem Greifer und rund zehn Meter Seil auf dem Schoß saß Max auf dem Beifahrersitz. Ihm oblag die Aufgabe, den Haken am Tor so anzubringen, dass wir mit dem Bus das Tor aufziehen konnten und das möglichst ohne von den Wandlern aus dem Wagen gezogen zu werden.
Die Teenager und das Bier transportieren wir bei uns im Bus. Sobald die Anderen in ihren Fahrzeugen saßen, fuhren wir los und Max hängte das Seil wie besprochen am Tor ein. Die Wandler waren außer sich, drückten mit aller Macht gegen das Tor, das sich schon bedenklich nach innen wölbte. Langsam rollten wir zurück, bis sich der Strick spannte, an diesem Punkt stoppte ich den Bus. Max winkte und die drei Fahrzeuge setzten sich gemeinsam in Bewegung. Sie fuhren bis vor, ließ die Wandler Witterung aufnehmen, rollte zurück und, mit etwas erhöhter Geschwindigkeit wieder zum Zaun, bremste abrupt ab und die Leichen fielen auf den Boden, knapp außerhalb der Reichweite der Infizierten. Dreimal dasselbe Schauspiel. Die Toten hinterließen blutige Schlieren auf den Fahrzeugen, während sie nach unten auf den ehemals so gepflegten Rasen schlitterten. Langsam fuhr ich an, spürte, wie das Tor sich bewegte um schließlich, durch den Zug von innen und den Druck, den die Meute von außen induzierte, aufsprang.
Max ließ den Hammer nach draußen gleiten, in dem er kurz die Türe öffnete. Dem Köder, den wir ausgelegt hatten, widerstanden die Wandler nicht. Sie fielen über die Leichen her, zerfetzten die Körper und vertilgten die Überreste. Kein Anblick für empfindsame Seelen.


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