Der lange Abschied von uns selbst, oder wie wir wurden was wir sind - Teil 5 - Langes Wochenende!

Klappentext mit Inhaltsverzeichnis
Zurück zu Der lange Abschied - Teil 4



3.6 Frostige Zeiten 11.05. – 15.05.2019

Die Eisheiligen dieses Jahr haben heute angefangen. Wenn die vorbei sind, kann ich mit dem Anpflanzen von Gemüse beginnen. Während der letzten Tage bereitete ich einige Beete vor. Teilweise musste der Rasen dran glauben. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, die von Miriam angelegten Staudenbeete wegzumachen. Von daher reduzierte ich die Wiese. Da wo vorher untadeliges Grün das Auge erfreute, ist nun schwarze Erde, bereit, bepflanzt zu werden.
Als dieser Wahnsinn begann, bestellte ich Bücher über Permakultur, sehr interessant, für mich jetzt noch nicht umsetzbar, aber eindeutig lohnenswert für weitere Planungen. Soweit möglich, habe ich bereits bestimmte Überlegungen und Elemente mit einbezogen.
Die Nachrichtenlage ist äußerst konfus. Es scheint in Afrika und Asien etwas zu köcheln. Die Informationen darüber, was da vor sich hin simmert, als spärlich zu bezeichnen wäre stark übertrieben. Der Chinese an sich ist da ja nicht so mitteilsam. Afrikanische Potentaten übrigens ebenfalls nicht. Man redet von abgesperrten Gebieten. Niemand kommt raus, was Sinn macht. Dass auch keiner rein darf, ist merkwürdig. Strom soll in den Gegenden ebenso abgeklemmt sein. Sorgt bestimmt nicht für Frohsinn bei den Leuten in den Regionen.


3.7 Pflanzzeit 16.05.2019

Dramatisch fielen die Eisheiligen dieses Jahr nicht aus, wenn man das halt immer vorher wüsste.
Jetzt ist jedenfalls Pflanzzeit. Ich besuchte einen Demeter-Hof in der Nähe und habe dem Betreiber dort einiges an Setzlingen abgekauft, mir Tipps zur Pflege geholt. Falls das ganze Gemüse was wird, muss ich mir wohl eine Horde bauen. Oder mehrere. Könnte wie immer schlimmer sein.
Von den Gebieten, aus denen die diffusen Nachrichten kommen, gibt es nichts Neues. Nur dass ihre Zahl steigt scheint sicher zu sein. Da man dort, wie zuvor gesagt, die Energie abdreht, nennen die Leute sie „Dark Spots“. Im Netz geistern Karten, wo viele sehr dunkle Flecken in der Nacht sein sollen. Ich habe da so meine Vorstellungsprobleme. Wenn wirklich so große und zahlreiche Areale von einer Seuche betroffen wären, müsste man darüber mehr hören. Nehme ich zumindest an. Würde ich nicht bewusst nach solchen Hinweisen suchen, hätte ich über die ganze Angelegenheit bislang keine wesentlichen Informationen erhalten.


3.8 Wasser 17.05.2019

Da ich nicht weiß, wie es werden wird, sollte die Katastrophe kommen, musste ich mir Gedanken machen, wie ich die Pflanzen gießen will, wenn ich oder wir nicht aus dem Haus können. Darum habe ich heute nach dem Dienst Utensilien zur automatisierten Gartenbewässerung gekauft und angefangen, ein entsprechendes System anzulegen.
Es ist, wie bei solchen Projekten üblich, deutlich komplexer und langwieriger als auf den Verpackungen beschrieben. Wird wohl etwas dauern, bis der Garten automatisch zu bewässern ist.
Wie ich so in den Beeten werkelte, überraschte mich der kleine Organisator in meinem Kopf mit der Frage, was ich eigentlich trinke bzw. womit ich koche, sollte die Zivilisation den Abgang machen.
Bis jetzt habe ich da keinen Gedanken dran verschwendet. Bislang kommt ja Wasser aus dem Hahn. Irgendwie verfestigt sich das Gefühl, dass ich da fast etwas sehr Wesentliches vergessen hätte. Ein echter Prepper werde ich wohl nicht wirklich werden. Morgen recherchiere ich, was ich brauche und woher ich es bekomme.


3.9 Wasser marsch 19.05.2019

Das Bepflanzen der Beete stellte nicht so sehr das Problem dar, da hatte ich ja schon vorgearbeitet. Die verdammte Wasserversorgung zu installieren hat mich den letzten Nerv gekostet. Immerhin, es läuft jetzt, die Abdeckung ist perfekt. Vertrocknen wird das Gemüse nicht. Insgesamt habe ich rund 300 m² bepflanzt und mit einer Installation versehen.
Nun sitze ich auf der Terrasse und trinke ein wohlverdientes Feierabendbier, nachmittags um drei Uhr. Bei der Gelegenheit recherchierte ich Wissenswertes über Wasserfiltration. Sehr interessant und extrem umfangreich. Die Recherche schloss ich mit zwei Bestellungen bei unterschiedlichen Firmen ab.
Ich glaube, das ist ein guter Weg, bei den Händlern keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Miriam besuchte ich auf dem Friedhof, brachte ihr einen Kaffee mit, erzählte ihr, wie sich unser Garten verändert hat. Jetzt, währenddessen ich hier sitze und schreibe, spüre ich ihr Fehlen intensiv und unmittelbar. Tagsüber, mit der ganzen Beschäftigung kann ich einigermaßen verdrängen, dass sie nicht mehr da ist. Sobald es ruhig wird, bricht die Verzweiflung wieder über mich herein. Es tut weh, dass wir das nicht gemeinsam machen können.


3.10 Gesperrter Luftraum 20.05.2019

Seit heute gilt ein Flugverbot für die gesamte Europäische Union. Nichts kommt rein, kein Flieger geht raus. Frachtflüge sind noch erlaubt, die Crews sind allerdings gezwungen, auf dem Gelände zu verweilen. Für das Personal sind auf den Airports Quarantäne-Stationen eingerichtet, wo sie bis zum Rückflug verbleiben.
Die gleichen Beschränkungen gelten für den Schiffsverkehr. Passagierschiffe werden nicht mehr in die Häfen gelassen, nur die, welche bereits auf See sind, erhalten eine Landungserlaubnis. Die Menschen sind allerdings gezwungen, an Bord zu bleiben. Die Zwangsisolierung soll zwei Wochen dauern. Eine Verlängerung auf 21 Tage ist möglich, wird aber noch diskutiert. Die Maßnahme führt nicht zu Frohsinn unter den Kreuzfahrtpassagieren, die tausende von Euro für ihre Reise berappt haben und jetzt in ihren Quartieren die Freigabe abzuwarten haben.
Frachtschiffe dürfen die Häfen noch ansteuern, die Crews werden jedoch wie die Flugzeugbesatzungen behandelt. Wenn sie nicht zurück an Bord wollen, müssen sie sich registrieren lassen und wandern für mehrere Wochen in Quarantäne.
Es wurde erstmalig bestätigt, dass in weiten Teilen Ostasiens und praktisch ganz Afrika eine unbekannte Epidemie wütet. Europa und die USA sowie Kanada, Japan und die ehemalige Sowjetunion sind, angeblich, nicht betroffen.
Die Mortalitätsrate soll bei rund 30-40% liegen, die Infektionsrate bei gut 90%, wenige scheinen immun. Nur mal so zum Vergleich, die spanische Grippe hatte eine Letalität von ca. 2,5%. Das ist zwar nur geschätzt, da auf Grund der damaligen Zeit und der, damit einhergehenden, Verheerungen keine exakten Zahlen vorliegen. Aber selbst wenn die Sterblichkeitsrate 5% betragen hätte, wären wir noch immer meilenweit von dem entfernt, was hier gerade diskutiert wird.
Interessant ist, was nicht gesagt wurde. Niemand scheint zu wissen, ob es ein Virus oder eine bakteriologische Bedrohung ist.


3.11 Maßnahmen 21.05.2019

Die Ruhe und Besonnenheit, welche die Regierungen verbreiten, ist gespenstisch, wird aber gerne genommen. Das Leben läuft in Europa relativ normal weiter, sogar Obst und Gemüse aus den betroffenen Regionen gibt es noch, da man die Lagerbestände für diese Waren rechtzeitig aufstockte. Die Preise schießen allerdings bei allem Exotischen durch die Decke. Selbst der Bananenpreis verdoppelte sich innerhalb von Stunden.
Ansonsten liegt, soweit es die Regierung angeht, keinen Grund zur Besorgnis. Sollte die Seuche hier ausbrechen, ist man auf bestens vorbereitet.
Stimmt, ich auch. Meine Gedanken gehen an den Baron, ich bin ihm zutiefst dankbar, für die Warnung, die er mir zukommen ließ und mir die Möglichkeit eröffnete Vorkehrungen zu treffen. Die Frage ist, ob es überhaupt etwas bringt. Bei einer Mortalität von bis zu 30% ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ich nicht weit komme. Meine Erben wundern sich vermutlich, was der Bruder oder der Onkel da so alles in seiner Garage und auf dem Dachboden hat.
Heute habe ich bei Ricardo gegessen, mit ihm geredet und ein Glas Wein getrunken. Und ihn um einen Gefallen ersucht. Ich bin gedanklich bei der Sicherstellung der Kommunikation weitergekommen. Es gibt ein sehr gutes System zum Aufbau eines W-LAN-Netzes ohne Provider. Problem ist, dass der Hersteller die schweineteuren Geräte nicht Privatpersonen verkauft. Ich habe Ricardo gebeten, mir fünf dieser Router einschließlich externer Antennen zu kaufen, das Geld legte ich ihm bar auf den Tisch, zuzüglich drei Goldmünzen für sein Entgegenkommen.
Man kann nicht sagen, dass er misstrauisch wirkte, hochgradig alarmiert trifft es eher. Erst nachdem ich ihm zwei weitere Krügerrand in Aussicht stellte, überwand er seine Bedenken. Auf die Frage, wozu ich die Dinger brauche, antwortete ich ihm, dass er das nicht wirklich wissen wolle.
Wollte er sehr wohl, traute sich jedoch nicht, abermals nachzuhaken. Seit der Geiselnahme bin ich ihm scheinbar etwas unheimlich. Die Bestellung erledigte er sofort. Abholen kann ich die Router nächste Woche.


3.12 Geräuschlosigkeit 22.05.2019

Da ist sie wieder, die Grabesstille, die mir seit Monaten wiederholt aufgefallen ist. Es werden Quarantäne-Maßnahmen verhängt – und man redet nicht mehr darüber.
Nur wenn man sich in den dunklen Ecken des Internets rumtreibt, kocht die Stimmung hoch. War früher schon so, nur hat es mich da nicht interessiert. Diesmal gibt es einen Grund sich zu sorgen. Ich weiß nicht, ob das an der Warnung des Barons liegt, oder ob ich mir ansonsten auch den Kopf zerbrechen würde. Miriam und ich sprachen häufiger über Verschwörungstheoretiker, was davon zu halten sei und woher der Schwachsinn kommt.
Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht wünschte, sie wäre hier bei mir.


Weiter zu Der lange Abschied - Teil 6
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

Oben Unten