Der lange Abschied von uns selbst, oder wie wir wurden, was wir sind - Teil 6 - Corona-Zugabe!

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Der lange Abschied - Teil 5



3.13 Giulia 23.05.2019

Ich glaube, ich erwähnte es bereits mehrfach, doch es ist mir ein Anliegen, es erneut zu verdeutlichen. Das Leben, welches ich führe, ist merkwürdig geworden. Meine Frau ist tot, ich bin kriminell und entwickele mich zum Prepper.
Aber heute, heute gab´s nochmal ein echtes Highlight. Kurz vor fünf, ich saß gerade im Wohnzimmer mit einem Kaffee und Richard Mathsons „I´m legend“, als es klingelte.
Da ich niemanden erwartete, entschied ich, den Besucher bzw. die Besucherin zu ignorieren. Der Baron hat ja einen Schlüssel, andere Menschen kommen momentan nicht unangemeldet bei mir vorbei.
Die Person an der Türe insistierte allerdings, hörte nicht auf, zu klingeln. Letzten Endes öffnete ich. Draußen stand eine junge Frau mit einem Gitarrenkoffer, sie kam mir bekannt vor, einordnen konnte ich sie nicht. Sie stellte sich als Giulia vor. Auch das klang vertraut, der Groschen hatte es aber noch nicht bis zur Prüfphase geschafft. Sie erklärte mir, dass sie für mich ein Konzert geben sollte, oder mehrere, falls mir der Sinn danach stand.
Das Ganze kam mir sehr merkwürdig vor und so fragte ich, eventuell eine Spur zu unwirsch, wovon sie redete und was sie von mir wollte.
Die Frau meinte, sichtlich verunsichert, dass ein Mann sie besuchte und ihr anvertraute, dass ich ein Fan von ihr sei. Er plante, sie zu engagieren, um mir eine Freude zu bereiten. Sie reichte mir einen Briefumschlag, den sie aus ihrem Rucksack holte.
Ich stand in der Türe und hielt ihren Gitarrenkoffer. Von welcher Seite der Spaß kam, erschloss sich mir in dem Moment, wo ich das Kuvert erkannte. Es handelte sich um dasselbe Briefpapier wie das, des Briefes, den ich ins schöne München transportiert hatte. Auch die Handschrift passte, diesmal allerdings an mich adressiert. In dem Umschlag steckte eine Autogrammkarte von Giulia Armato. Sie ist die Youtube-Sängerin, die ich nach Miriams Tod richtig entdeckte und ständig gehört hatte. Das Video ihres größten Erfolgs befand sich auf meinem iPad, ich sprach mit dem Baron über die Musikerin, zeigte ihm den Clip. Auf der Rückseite hatte er geschrieben „Genießen Sie es, solange es dauert! Herzlichst Theobald von Austerlitz.“
Ich sah etwas ratlos von der Karte zu der Gitarristin, sie blickte erwartungsvoll zurück. Besonders interessant fand ich die Frage, wie lange sie zu bleiben plante.
Nach ihrer Darstellung hatte der Baron ihr 30.000.- € gezahlt. Sie solle gastieren und für mich musizieren, wie die Gage reicht, zumindest aber über das Wochenende.
Ihre Aussage, dass das Geld im Prinzip für ein ganzes Jahr reichen würde, nahm ich zur Kenntnis, allerdings nicht wirklich ernst.
Obendrein wies sie darauf hin, dass der Baron erwähnte, dass ich außerordentlich gastfreundlich wäre.
Ich verstand den Wink, bat sie herein, half ihr beim Ausladen von Gepäck und Technik, zeigte ihr eines der Gästezimmer sowie das Gästebad. Meine Frage, ob sie hungrig sei, beantwortete sie unzweideutig.
Ich schlug ihr vor, sie solle sich frisch machen, während ich koche.
Was mich stutzig macht, ist der Betrag, den der Baron an die Sängerin zahlte. Es ist verdammt viel Geld für ein Konzert und ich gehe nicht davon aus, dass Giulia mir ein Jahr lang jeden Abend auf ihrer Klampfe vorspielt. Sollte an seiner Geschichte tatsächlich was dran sein? Kommt da was auf uns zu, dass momentan noch gar nicht zu sehen ist? Die Nachrichten klingen ja nicht berauschend. Bislang betrachte ich die Thematik als Hobby, es lenkt mich ab von dem, was mit meinem Leben passierte. Ja, da sind Dinge, die einen beschäftigen, die Fragen aufwerfen, trotzdem fehlt mir etwas um wirklich besorgt zu sein. Vielleicht sollte ich der ganzen Angelegenheit mehr Aufmerksamkeit schenken? Andererseits will ich die Aktionen des Barons nicht überbewerten, ein gewisser Hang zur Dramatik macht seinen Reiz ja aus.
Während meine Besucherin duschte und sich umzog, kochte ich ein Linsencurry mit gebratenem Tofu. Frisch geduscht gesellte sich Giulia zu mir in der Küche, beobachtete mich beim Kochen. Dort erblickte sie ein Bild von Miriam und mir.
Sie fragte, wer die Frau sei, und ich erzählte ihr von Miriam.
Es fühlte sich merkwürdig an, jemand Fremdes von ihr zu erzählen. Aber, wenn ich ehrlich sein darf, es fiel mir sehr viel leichter, mit ihr darüber zu sprechen, als mit einem Vertrauten der Miriam kannte. Warum das so ist? Ich weiß es nicht, rückblickend betrachtet, muss ich sagen, dass es mir gutgetan hat.
Die Offenheit mit der ich ihre Fragen beantwortete, schien Giulia zu verwundern. Ich hatte den Eindruck, dass sie fürchtete, sich in ein Fettnäpfchen gesetzt zu haben. Durch meine Antwort, wie ich reagierte, hoffe ich, dass sie registrierte, dass ich ihre Erkundigungen nicht unverschämt oder anmaßend wahrnahm. Je länger ich erzählte, desto mehr entspannte sie sich. Sie ließ mich reden, fragte an den richtigen Stellen nach ohne zu unterbrechen. Während ich sprach, fiel mir auf, wie wenig ich geredete habe, seit Miriam gestorben ist.
Bis das Essen auf dem Tisch stand, kannte sie den Großteil unserer Story, einschließlich den Umständen ihres Todes. In ihrem Gesicht spiegelte sich eine tiefe Betroffenheit, als ich von Miriams Unfall erzählte. Natürlich ist eine solche Geschichte nicht unbedingt das, was man hören möchte, wenn man jemanden zum ersten Mal trifft. Dennoch vergraulte ich sie nicht mit der Erzählung.
Wir aßen draußen, ein warmer Abend ergänzt um eine leichte Brise. Bei unserem Essen auf der Terrasse, fragte ich sie zu Begebenheiten aus ihrem Leben. Wo sie herkommt, wie es möglich ist, dass sie ohne weiteres gen Norden reist. Das Schöne an ihr ist, dass sie genauso offen über ihre Biografie sprach, wie sie sich meine Geschichte angehört hatte.
Ursprünglich stammt sie aus Sizilien. Ihre Eltern wanderten Mitte der 80er nach Deutschland aus, da war Giulia gerade fünf Jahre alt. Sie musste alles zurücklassen, ihre Freunde, ihren Kater, die geliebten Großeltern. Dafür zog sie in ein Land, dessen Sprache sie nicht beherrschte. Das Wetter in der neuen Heimat empfand sie als gruselig. Die Kinder behandelten sie rüde, weil sie sich zuerst gar nicht und dann nicht fehlerfrei verständigen konnte.
Der Vater arbeitete bei seinem Bruder in Ulm in einer Trattoria, ihre Mutter ging Putzen, sie verbrachte viel Zeit alleine oder in der Pizzeria. Freunde hatte sie keine, zumindest nicht in den ersten zwei bis drei Jahren. Solange dauerte es, bis sie die Sprache so perfekt beherrschte, dass sie sich traute, sie auch zu sprechen. In dieser, wie sie selbst sagte, trostlosen Periode lernte sie, mit der Einsamkeit Frieden zu schließen.
Das Land und die Menschen blieben Vater und Mutter ebenso fremd wie ihr. Heimisch wurden die Eltern nie in Deutschland. Bei Giulia änderte sich das erst in der Pubertät, mit zwölf oder dreizehn Jahren. Ursprünglich katholisch erzogen, kam sie durch Zufall, zum evangelischen Jugendwerk. Dort integrierte sie sich und entdeckte ihre Liebe zur Musik. Sie lernte Gitarre spielen und fing an im Chor zu singen.
Ihre Eltern zeigten geringe Begeisterung, dass sie das ausgerechnet bei den Protestanten machte. Dennoch erkannten sie, dass ihre Tochter endlich ankam in der fremden Heimat, vielleicht sogar ein wenig glücklich wurde. Sie waren klug genug, sie gehen zu lassen, sie nicht zu hindern Wurzeln zu schlagen.
Mit zunehmenden Alter gewann die Musik in ihrem Leben kontinuierlich mehr an Bedeutung und sie entschied sich für ein Musikstudium in Freiburg. Dort spielte Giulia in verschiedenen Bands und sang in diversen Chören. Nachdem der Freund einer Bandkollegin tödlich mit dem Motorrad verunglückte, schrieb seine Freundin den Song „The day After mondays tomorrow“, das Lied, welches ich bei Youtube entdeckte. Das Stück, das mir heute ihren Besuch bescherte. Ich bemerkte die Melancholie, wie sie vom Tod des Partners ihrer Freundin sprach. Sein Sterben schien sie tief berührt zu haben.
Zu jener Zeit hatte sie jedenfalls Freunde, war angekommen in der Fremde, gehörte dazu, bis sich abermals alles änderte. Im Anschluss an das Studium kehrte sie zurück nach Ulm, um bei ihren Eltern zu sein. Wenige Monate später erkrankte ihr Vater an Krebs.
Es ist mir häufiger aufgefallen, ich beobachte es immer wieder. Menschen verlassen ihren Geburtsort, bauen sich ein Leben in weit entfernten Städten auf. Manchmal sogar in anderen Ländern oder auf fremden Kontinenten, wenn es aber ans Ende geht, kehren sie oft dorthin zurück, wo sie geboren wurden. So auch Giulias Vater.
Mit der Diagnose entschied er sich, Deutschland zu verlassen. Er wünschte sich, zu Hause zu sterben. Giulia blieb in Ulm. Sie weigerte sich, wieder ein Leben aufzugeben, abermals von vorne anzufangen, nochmals alles verlieren. Die Insel im Mittelmeer hatte sich in eine fremde Heimat entwickelt.
Damals hatte sie einen Partner, es bestand die Aussicht auf eine gute Zukunft. So kehrten ihre Eltern alleine zurück in den Geburtsort des Familienoberhaupts. Einige Monate danach erwischte sie ihren Freund mit einer anderen Frau im Bett, die Chance auf ein gemeinsames Leben endete an diesem Tag.
Drei Tage später starb ihr Vater in einem sizilianischen Provinzkrankenhaus, so schnell und unerwartet, dass sie keine Möglichkeit mehr hatte, ihn nochmals zu sehen. Die Verwandtschaft und insbesondere ihre Mutter verziehen es ihr nicht, dass sie sich nicht vom Vater verabschiedet hatte.
Jetzt war sie wirklich heimatlos, der Freund weg, von der Familie verstoßen. Da klingelte drei Monate später ein Fremder an ihrer Türe. Ein freundlicher Herr bot ihr 30.000.- € wenn sie in die Nähe von Berlin fahren und dort ein oder auch mehrere Konzerte geben würde. Sie solle bleiben, so lange ich das wolle oder das Geld reichte, je nachdem, was zuerst eintrat. Ein Konzert wäre Pflicht. Sie akzeptierte die Gage, einen richtigen Vertrag schlossen sie nicht. Der Gedanke, die Bezahlung einzustecken und nicht zu spielen, kam ihr nicht. So wie Giulia es darstellte, erschien der Baron in Begleitung zweier seiner Angestellten, die selbst der Cosa Nostra das Fürchten gelehrt hätten.
Klang nach Jewgeni und Peer.
Sie blickte mich an und wollte von mir wissen, um wen es sich bei dem Gönner handelte, in welcher Beziehung ich zu ihm stand.
Meine Antwortalternativen wog ich sorgfältig ab. Nach längerem Warten erwiderte ich, dass der Mann ein flüchtiger Bekannter sei, dem ich einen großen Gefallen erwiesen hatte. Die Aussage ist, streng genommen, in ihrer ganzen Doppeldeutigkeit, nicht gelogen.
Sie nickte, und antwortete, dass sie es vielleicht nicht wissen wolle. Sie kannte Leute wie ihn und seine Begleiter aus den Erzählungen ihres Vaters über die alte Heimat. Sie stellte fest, dass sie nicht vollständig verstand, wie die Beziehung zwischen mir und ihrem Auftraggeber funktionierte. Eigentlich, so schloss sie das Kapitel, sei ich der perfekte Gegenentwurf zu unserem Impresario.
Danach fing sie an zu singen, nur sie und ihre Gitarre, sie besitzt eine wunderschöne Stimme, zu Beginn und zum Ende sang sie „The day after mondays tomorrow“, das Lied, das uns irgendwie an diesem Abend zusammengeführt hatte.

It´s wendsday, the day after mondays tomorrow.
I knew, you had to go,
yesterday, the day that was mondays tomorrow
But no one told me, you wouldn´t return

On Monday you where here with me,
there was laughter, warmth and love
And we knew, you had to go, tomorrow

It´s wendsday, the day after mondays tomorrow.
I knew, you had to go,
yesterday, the day that was mondays tomorrow
But no one told me, you wouldn´t return

Now I´m sitting next to you,
a wooden coffin is between you an me
and soon they will come and take you away for good.
It´s wendsday again and soon you´ll be gone for good

It´s wendsday, the day after mondays tomorrow.
I knew, you had to go,
yesterday, the day that was mondays tomorrow
But no one told me, you wouldn´t return

All that´s left are fading Memorys
while I grow old and you stay young
my hair is turning grey while yours stays black
but only in my memorys
because you died on a Tuesday


3.14 Die Ruhe vor dem Sturm 24.05.2019

Giulia ist noch da. Nachdem wir Gestern bis Mitternacht draußen saßen und redeten, bin ich heute Morgen wie üblich aufgestanden. Durch den Wald joggte ich zum Einkaufszentrum, um Brötchen zum Frühstück, zu holen. Wieder zuhause, richtete ich den Frühstückstisch für Giulia und begab mich anschließend auf die Arbeit. Einen Hausschlüssel legte ich dazu.
Bei meiner Rückkehr abends, fand ich einen Zettel von Giulia auf der Kommode im Flur. Sie bedankte sich für den gedeckten Tisch und gab an, eine ehemalige Kommilitonin in Berlin zu besuchen. Gegen 20.00 Uhr plante sie, wieder zurück zu sein, sie würde einkaufen und für uns kochen.
Ich spürte förmlich, wie der italienische Rhythmus mein Leben übernahm, aber was solls? Die Eintragungen im Terminkalender sind momentan übersichtlich. Ich nutzte die Zeit, um an Miriams Grab Station einzulegen. Goss die Blumen und erzählte ihr, was seit dem letzten Besuch passiert ist.
Bis ich nach Hause kam, hatte Giulia bereits die Küche okkupiert und mit dem Kochen angefangen. Wir setzten nahtlos unsere Gespräche vom Vortag fort. Diesmal saß ich bei ihr, gab ihr Tipps, wo sie notwendige Küchenutensilien finden konnte, trank einen trockenen sizilianischen Rotwein, den sie mitgebracht hatte.
Ich fand es beeindruckend, wie sicher sie in einer fremden Küche hantierte. Sie fragte viel zu Miriam und es wundert mich wieder, wie leicht es mir fiel, mit meinem eigentlich völlig unbekannten Gast über sie zu sprechen. Giulia verhielt sich behutsam mit ihren Fragen. Da wo ich nichts entgegnen wollte, bestand sie nicht auf einer Antwort, da wo ich Zeit benötigte, ließ sie sie mir.
Im Gegenzug gab sie mir bereitwillig Auskunft, erzählte ihr Geschichte weiter. Die Uhr zeigte deutlich nach Mitternacht, bis wir beide eine Idee davon bekamen, wie wir wurden, was wir sind. Es war ein schöner Abend, ich glaube, auch Giulia hat ihn genossen.


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