Die letzte Reise der Cannonball, 4. Abschnitt

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Die letzte Reise der Cannonball, 4. Abschnitt

Beobachtung eines mysteriösen Starts. Der eigene verläuft glatt. Dennoch: Es gibt es Probleme, den Kurs zu halten. Dank unkonventioneller Handlungen wird die Gefahr überwunden.


Seit drei Tagen auf dem Rückflug

Meine Mission war beendet. Ich verstaute meine kostbaren Taler in verschiedenen Verstecken, man weiß ja nie. Keine Ahnung, ob ich die Gutscheine überhaupt hätte verkaufen dürfen. Dann ging ich nochmal zu Charly. Wir sahen uns gemeinsam vom Obergeschoss aus den Start des Raumschiffs der Frau Dr. G. an, sehr bemerkenswert. Weniger wegen des Flammenkegels, dem Aufheulen der Triebwerke, den Staub- und Rauchwolken usw., dem übliche Schauspiel bei solchen Starts. Bemerkenswert war nur diese Spitze; dieser blendend weiße Zwiebelturm wurde, nachdem die Rakete einige Höhe gewonnen hatte, auf einmal rabenschwarz, die Form mutierte ins Dreieckige, Spitze nach unten, und zwei feuerrote Positionslichter glommen auf wie böse Augen. Das große Kreuz obenauf teilte und verschob und verzweigte sich zu etwas, das erst einem Geweih täuschend ähnlich sah, dann schrumpfte und zu zwei kurzen, gebogenen und scharf angespitzten Klauen oder doch eher noch Hörnern wurde.

Charly war nicht daran interessiert, diese Erscheinung mit mir zu diskutieren. Ich denke, ich war zwar immer noch ein guter alter Kumpel für ihn, gehörte aber letztlich als Pensionär doch nicht mehr richtig dazu. Und meine Gedanken und Probleme galten ihm automatisch als Luxusprobleme.

Nun gut, ich startete dann ja bald, und alles verlief glatt. Nur der Neuronenschild machte mir Sorgen. Ein teures Ding, aber ich konnte ihn auf der Erde kaum verkaufen. Und zurückgeben auch nicht, denn ich hatte eine Empfangsquittung von Frau Dr. G. über beide Teile. Die den kleinen Schönheitsfehler hatte, von mir selbst unterschrieben worden zu sein. Und dann auch noch die Sternentaler und keine Ahnung, wie die Devisenbestimmungen für interstellares Hartgeld waren. Kann durchaus passieren, dass man es bei meiner Einreise einbehält und mich zu einem relativ unkomfortablen Aufenthalt in einem kleinen Zimmer mit vergittertem Fenster nötigt.

Jetzt lese ich erst mal die ganze Doku für den Schild, bin ja auch ein bisschen neugierig, wie das laufen soll. Vielleicht stelle ich ihn ja mal provisorisch auf. Kann auch nicht schwerer als bei einer Ikeaküche sein.

8. Tag nach dem Rückstart

Das Ding ist aufgestellt, aber ich käme mir verdammt lächerlich vor, es tatsächlich zu testen. Vielleicht zerlege ich es wieder und werfe die Teile einzeln aus der Luke. Ist allerdings strengstens verboten, irgendwas in den Hyperchannel zu werfen, aus guten Gründen, wie man sich denken kann. Man weiß halt nicht, was dann passieren kann.

Jetzt werde ich erst mal gründlich aufräumen. Überall liegen die Sachen verteilt, die komplette Unordnung. Schlampige Entropie. Selbst die Konservendosen kollern seit dem Tanz mit dem Kätzchen immer noch durchs ganze Schiff. Kommt alles in das große Regal.

9. Tag auf dem Heimweg

Bald passiere ich die Position, wo der Kampf mit dem Kätzchen stattfand.

Erhöhte Wachsamkeit!

Sitze an der Steuersäule und betrachte den Hauptschirm. Sie haben offensichtlich auf der Raumstation in der Werkstatt auch ein Software-Update gemacht. Der Verlauf des Hyperchannels wird jetzt mit allerlei punktierten und durchgezogenen Linien angezeigt. Die Linien, Punkte und Marken flitzen vorüber, man kann den Zoomfaktor einstellen und die Ansicht ändern. Feine Sache, so etwas hätte ich beim Hinflug gebrauchen können! Es beruht auf Außenmessungen, ist nicht bloß ein berechnetes Bild vom Soll-Zustand. Die virtuellen Grenzen des Channels erscheinen wie Tunnelwände. Manchmal tauchen Rauhigkeiten, kleine Schlenker, Aussetzer oder Störpunkte auf, aber im Großen und Ganzen sieht es aus wie ein Flug durch eine gerade, saubere Röhre. Wir, ich und mein Schiff, sausen durch eine interstellare Rohrpost, sehr beruhigend.

Doch da – was ist das?!!

Muss jetzt Schluss machen mit dem Schreiben und mich ums Überleben kümmern.

Ihr Lieben, falls dieses Logbuch in eure Hände fällt: Es war schön mit euch, danke! All ihr anderen: Fuck you!

Eins zwei drei, in ein paar Tagen ist alles vorbei.

Doch nicht, aber es war verdammt knapp. Ich notiere schnell noch, wie ich es geschafft habe, da hindurch zu kommen, danach wird hier das Logbuch endgültig geschlossen. Ich werde mich dann intensiv der Aufgabe widmen, heil wieder runter zu kommen. Das wird, ich sag es gleich, nicht so ganz einfach werden. Ich habe nämlich bei den ganzen Zwischenfällen zu viel Superkaputin verbrennen müssen. Nun hat man ja beim Landen nicht gern zuviel davon in den Tanks. Aber gar nichts ist auch schlecht, wie willst du sonst die Geschwindigkeit beim Landeanflug wegbremsen?

Gut, der Reihe nach. Was mir einen solch heftigen Schrecken eingejagt hatte, war eine Veränderung des Hyperchannels. Er schien sich aufzublähen wie ein Luftballon oder wie ein Gummischlauch in einer aufgeschlitzten Druckhülle, und die Kurslinie der Cannonball bog allmählich ab in diese Blase hinein. Hier hatte das Raumraubtier angegriffen, war da jetzt ein Loch im Hyperchannel? Flossen dort Raum und Hyperraum ineinander und vermengten sich? Die Abzweigung vom Sollkurs sah jedenfalls aus wie eine Weiche, und ich hatte diese Weiche bereits passiert! Hatte absolut null Bock auf eine Reise in die unbekannte Parallelwelt, und mag die noch so ziehen! Also vollen Schub auf die Triebwerke und Gegenkurs steuern. Nun, der Kurs änderte sich, aber es reichte nicht. Etwas wie eine Raumdrift zog und zerrte in die falsche Richtung. Die Abweichung wuchs, langsamer zwar, aber stetig. Eine verzweifelte Lage. Wenn ich irgendwie Masse abwerfen könnte, wenigstens ein bisschen, dann würde die Antriebskraft vielleicht reichen, vielleicht. Aber ich konnte doch nicht selber abspringen! Da fiel mir mein gerade wieder ordentlich eingeräumtes Vorratsregal ein. War da absolut Unentbehrliches drin? Egal! Also zur Ladeluke gewuchtet das schwere Ding und raus damit!

Schwitzend wieder an der Steuersäule: Die Triebwerke dröhnen immer noch auf voller Kraft, die Soll- und die Istlinien sind schon fast parallel, aber eben nur fast, der Treibstoff geht gleich zu Ende und ich weiß nicht mehr, was ich noch opfern kann, um mein Verschwinden im Dunkel einer unbekannten Dimension des Raumes zu verhindern. Da fällt mir der Neuronenschild ein. Kann ich auch noch rausschmeißen, das Ding. Aber, in der Not – manches soll ja auch wirken, wenn man nicht dran glaubt – also ich setze mich davor, konzentriere mich mit aller Kraft auf die rote und die grüne Linie auf dem Display und murmele leise: „Om, om, om, kleines Raumschiff komm”. Die Welt verblasst, das Brüllen der Triebwerke wird zum leisen Säuseln einer Frühlingsbrise, es existieren auf der ganzen Welt nur diese beiden Linien, die nichts anderes sind als meine Lebenslinien. Sogar die Zeit bleibt stehen. Bloß nicht nachlassen!

Es passiert nichts, absolut nichts. Doch dann scheint es auf einmal, als ob die beiden unbarmherzigen Linien ein wenig zittern, hin und her ruckeln. Ja, ja, ja, sage ich zu ihnen, ihr seid gut, ihr seid toll, weiter so! Das spornt sie an. Sie werden flinker, schlängeln sich unentschlossen noch hin und her, aber ich merke schon, sie wissen jetzt, dass sie mir zu Willen sein müssen, und ziemlich schnell habe ich sie voll unter Kontrolle. Nun macht mal‘n bisschen fix, vereinigt euch, ich kann nicht ewig hier sitzen, befehle ich ihnen, und sie tun es, fast ohne Zittern, Zetern und Sich-Zieren.

Da saß ich nun, ich weiß nicht wie lange. Ich fühlte mich wohl, ich hätte da ewig unbewegt hocken können. Aus irgendeiner Überlebensecke meines Bewusstseins kam jedoch der Gedanke, dass dies keine dauerhafte Option sei. Nun gut, mein Kumpel hatte mir damals ausführlich von seinem Telekinese-Kurs im Marinehospital erzählt, aber er war dort ja rausgeflogen, ehe er erfahren konnte, wie das Wiederaufwachen geht. Infolgedessen wusste ich es auch nicht. Kurz entschlossen gab ich mir selber eine heftige Ohrfeige. Sofort hörte ich den schrecklichen Krach. Nein, es war nicht mehr das Triebwerk, es war die Alarmsirene. Ich wurde wütend und schmiss den Neuronenschild durch die Ladeluke. Dann merkte ich, dass das jetzt vielleicht nicht das Wichtigste gewesen war und begann, um mich meines Kopfes zu vergewissern, den „Zauberlehrling” zu rezitieren, den ich mal peinvoll hatte auswendig lernen müssen. Das wirkte! Bei „Stehe! Stehe! / Denn wir haben / Deiner Gaben / Vollgemessen!" war ich wieder ganz der Alte, sprang zur Steuerkonsole und schaltete den Alarm aus. Der Treibstoff war verbraucht bis auf die absolut minimale Notreserve, kaum mehr, als an den Tankwänden haften bleibt. Schlecht. Ansonsten, der Kurs: Völlig glatt und korrekt wie aus dem Lehrbuch. Gut, sehr gut. Für den Fall, dass einer hinter mir flog, gab ich den Funkspruch „Achtung, Achtung! Aufgepasst, Loch im Hyperchannel! Rechtzeitig gegensteuern” auf die Heckantenne.

Ich war erst mal gerettet, vorläufig. Was immer auch vor mir liegen mag, ich werde bis auf weiteres nicht mehr dazu kommen, es aufzuschreiben. Also Schluss jetzt damit und den Speicherchip ausgebaut, damit er nicht im Schiff vergessen wird!


5. Abschnitt
 
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