Erde und Feuer, Kopf und Herz

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John Wein

Mitglied
Liebe Mimi,

Heute Morgen stand ich lange auf der Terrasse und ließ den Blick über die Hügel schweifen.
Die Olivenhaine hinter dem Feld lagen still da, ihre knorrigen Äste bewegten sich kaum im Wind.
Die Luft war frisch, mit einem Hauch von Salz, obwohl das Meer weit hinter den Feldern und Hügeln verborgen lag.
Da sind sie wieder in meinem Kopf, die Bilder die du mir mit deiner Geschichte angestoßen hast. Sie machen mich immer ein bisschen wehmütig, die Gedanken an meine vielen Wege in Spanien. Erinnerung ist das, was mir bleibt. Ich bin jetzt mit über 80 in einem Alter, das mir die Grenzen aufzeigt und täglich 20-30 km Weg ausschließen.
Aber meine Sinne sind noch sehr präsent und ich sehe die Olivenhaine Andalusiens, die wogenden Weizenfelder Kastiliens und das Zistrosenmeer in der Extremadura. Ich rieche Lavendel und Rosmarin und ich höre den Widehopf im Feld, den Esel im Obstgarten und den Storch auf dem Gesims. Ich schmecke Rioja, Tempranillo und Guadiana.

ich bin der Schatten eines fernen Weges,
Danke!
PS. Salta, ist das in Argentinien?
 

Mimi

Mitglied
Liebe Petra, lieber John,
mich freut es natürlich, dass Ihr mich auf dieser Reise, die ja sozusagen eine große Rolle rückwärts darstellt, so treu begleitet :)

Salta, lieber John, liegt, wie Du richtig angemerkt hast, in Argentinien, genauer gesagt im Nordwesten des Landes.

Gruß
Mimi
 

John Wein

Mitglied
Hallo Mimi,
Du hast mich aufgeklärt und prompt kommt mir Salta aus einer ganz anderen Quelle entgegen. Ich nehme das hier zu Anlass, dir diese Geschichte um Salta nahezubringen.
Letzte Woche, rein zufällig entdeckte ich im ZDF eine sogenannte Challange mit Gruppen und Thema: vom Regenwald nach Feuerland. ( Der Titel "Terra X" hatte mich getriggert, normalerweise schaue ich nicht die ÖRR und TV) Es ist auch keine besonders tiefschürfende Geschichte,
aber: Der erste Abschnitt dieses Wettlaufs endet demnächst in Salta, zu sehen am Mittwoch den 30. April. Du kennst dich ja dort aus und ich bin gespannt, was ich dabei mit deinen Geschichten verbinden kann.
Alles in Fluss!
LG und schönes WE,
John:)
 

Mimi

Mitglied
Lieber John,
Dankeschön für Dein Interesse und den Hinweis zur Sendung Terra X.

Was diese Stadt (für mich) besonders macht, ist dieses einzigartige Wechselspiel zwischen Natur und Stadt: In einer Stunde ist man draußen, in den Weiten der trockenen Canyons, wo die bizarren Felsenformationen rot zu glühen scheinen. Und dann wieder zurück, zu den hübschen Gebäuden aus der Kolonialzeit mit pastellfarbenen Fassaden, wo man gemütlich bei einem Glas torrontés, (nicht zu verwechseln mit dem spanischen Pendant) in einem dieser traditionellen Restaurants sitzen kann, während man das rege Treiben auf der Plaza beobachtet.

Salta nennt sich selbst "La Linda" – die Schöne und ich finde, der Name trifft es wirklich gut, auch wenn die Stadt keine glatte oder gar makellose Schönheit ist.

Gruß
Mimi
 

Mimi

Mitglied
Ich war leise.
Nicht aus Höflichkeit.
Nicht aus Reife.
Ich war leise,
weil meine Worte
nicht hineinpassten
in das,
was Du hören wolltet.




~


¿Dónde estás, que no te veo,
hermosura sin igual?
El alma se me entristece,
al no verte en mi umbral.

~​




Málaga, im Mai

I
... Ruby sagt, der Frühling sei ihre Lieblingszeit, weil sie dann wieder barfuß laufen kann. Ich mag das auch, aber manchmal tut mir alles weh, wenn ich zu lange mit ihr draußen bin. Sie redet und rennt und singt, alles auf einmal.
Ich habe mich heute von Ruby überreden lassen zum alten Schweinehof zu gehen, obwohl es ein ganz schöner Fußmarsch dorthin ist.
Wir sind durch das trockene Gelände hinter den alten Mauern der Finca gelaufen, die seit Jahren niemand mehr zu bewohnen scheint.
Der Boden war rissig vom frühen Sommer, durchzogen von feinen Linien, wie ausgetrocknete Adern. Die Oleander am Wegrand blühten in einem merkwürdigen Rosa, staubig schon, als hätten sie keine Geduld mehr mit dieser Hitze. Weiter oben, wo die Büsche dichter wurden, leuchtete das Grün dunkler.
Daneben wuchsen wilder Fenchel und Disteln, trocken und struppig.

Ruby entdeckte eine Eidechse und folgte ihr mit den Augen, als wäre sie ein göttliches Zeichen. Sie versteht sich auf das Entdecken, es ist fast eine Kunstform bei ihr. Aufgeregt fuchtelte sie mit den Armen und versuchte, dem Tier zu folgen, bis es unter den Steinen einer Mauerruine verschwand.

Der alte Hof liegt zurückgesetzt zwischen knorrigen Bäumen. Ein schiefes Tor, rostiges Blech, bröckelnde Mauern. Dahinter ein Gehege, festgestampfter Boden und natürlich die Schweine, groß, dunkelgrau, mit Augen wie eingesunkene Schatten. Der Geruch, so ganz nah an den Tieren, war intensiv. Ruby hielt sich die Nase zu und machte dabei eine Grimasse. Eines der Tiere kam direkt an den Zaun und schob seinen Rüssel durch die Zaunbretter. Ruby wich etwas zurück, aber ich blieb stehen. Es hob grunzend den Kopf und trottete dann davon, als wären wir nicht interessant genug für seine Aufmerksamkeit.

Wir setzten uns auf eine alte Mauer, wo das Moos zu struppigen Knäueln getrocknet war. Ich beobachtete, wie ein Schwein sich in den Dreck wälzte, langsam, mit einer Ruhe, die fast trotzig wirkte.
Der Himmel war blassblau, ohne ein einziges Wölkchen, das Licht flimmerte über dem Feld hinter dem Zaun. Ein paar Schwalben zogen tiefe Bögen über unsere Köpfe, so schnell, dass einem beim Hinsehen fast schwindelig wurde.

Ruby erzählte von dem einen Mal, als sie hier alleine war, und davon, dass es irgendwo hinter dem Hof eine Quelle geben soll, aber sie hätte sie wohl nie gefunden.
Irgendwann kam Ruby auf das Thema Tanzen, und sie bestand darauf, dass ich ihr den Flamenco beibringe.
Sie meinte, ich solle ihr zeigen, was ich kann. Was meine Mutter mir beigebracht hat. Ich wollte nicht und versuchte, ihr auszuweichen, sagte, das sei nichts für hier draußen, auf unebenem Boden, ohne Musik, ohne vernünftige Schuhe.
Aber sie bohrte weiter, wie sie immer bohrt, bis man sich entweder ergibt oder wegrennt. Und als sie dann auch noch behauptete, ihre Körperhaltung sei „graziös wie eine Katze“, musste ich lachen. So sehr, dass meine anfängliche Abwehr einfach in sich zusammenfiel.

Ich stand auf, legte die Arme an, hob das Kinn, fixierte einen Punkt in der Landschaft. Erinnerte mich an den Klang der Schritte auf dem Holzboden in der Tanzschule, an die Haltung, an die Spannung in den Armen, an das Gewicht in den Füßen.
Ich setzte den ersten Schritt. Langsam, fest.
Ruby kicherte erst, dann beobachtete sie mich genau. Ich zeigte ihr die ersten Grundschritte, klatschte den Rhythmus vor, stampfte mit der Ferse auf.
Die ersten Schritte kamen zögernd. Dann klarer. Ruby lachte laut, versuchte mitzumachen, warf den Kopf zurück, stampfte wild mit den Füßen.
Ihre ersten Versuche waren ein Durcheinander aus falschen Bewegungen, aber voller Energie.
Ich zeigte ihr den Anfang. Sie machte es nach. Ruby stolperte, riss mich fast mit sich, richtete sich auf. Sie versuchte es noch einmal. Und noch einmal.
Es wurde ein Spiel. Staub wirbelte auf. Unsere Füße schlugen Takte in die Erde. Mein Herz schlug mit. Ich lachte. Sie rief irgendetwas auf Arabisch, das nach einem herben Schimpfwort klang, und ich klatschte immer schneller, stampfte härter, ließ mich aber letztendlich von ihr mitziehen.

Später lagen wir erschöpft im Gras, Seite an Seite. Der Himmel darüber war unendlich weit. In den Zweigen über uns zitterten Lichtflecken. Ich spürte den Schweiß auf meinem Rücken, die Wärme auf meiner Haut, das Muskelzucken in meinen Beinen. Rubys Haar war voll von Grashalmen.
Ich atmete tief. Der Geruch von Erde und Schweinemist.
Neben mir Ruby – für einen Moment ganz still ...
 

John Wein

Mitglied
Liebe MImi,
Was für ein schöner Text, so liebevoll erinnert. Du hast mir diesen Regentag damit versüßt und mich erinnert an so manche Begebenheit auf meinem langen Wegabschnitt duch Andalusien und zu mir selbst. Die Bilder sind noch alle in meinem Kopf: das Meer der Zistrosen, die Olivenhaine, die unendlichen Rebenfelder und die beweideten (auch mit Schweinen) Dehesas und das alles im andalusischen Frühling.
Malaga kenne ich leider nicht, aber in Sevilla war ich im Teatro Flamenco. Ich denke der Flamenco ist nicht nur ein Tanz, sondern ein Lebenstil.
Danke fürs Mitnehmen!
Gruß, John
 

Mimi

Mitglied
Dankeschön fürs (Mit)Begleiten, lieber John ...
Manchmal gibt es Tage, so wie heute zum Beispiel, wenn man so viele beunruhigende Nachrichten liest, da wünscht man sich schon ein wenig in eine kindliche Leichtigkeit aus Erinnerungen zurück ...

Gruß
Mimi
 

Mimi

Mitglied
No quiero un corazón quieto,
ni piedra ni flor marchita.
Quiero el que sangra y tiembla,
porque aún en su herida... grita.


Ich will kein stilles Herz,
keinen Stein, keine welke Blume.
Ich will, dass es blutet und zittert,
denn selbst in seiner Wunde... schreit es.


~​


Einmal schlich ich mich nachts aus dem Haus und kletterte auf den alten Kirschbaum im Garten.
Als ich in den Himmel schaute, war er so weit und hell wie ein weit geöffnetes Fenster, und ich fühlte mich plötzlich leichter, als hätte jemand die Fäden gelöst, an denen der Tag noch an mir hing.
Ich dachte an all die Worte, die ich tagsüber verschluckt hatte, und wie sie nun, hier zwischen Ast und Sternen, langsam in mir zu brennen begannen. Kein Verbot reichte bis hier oben, keine Forderung, nur diese ungeheure Weite, die mich ansah, als hätte sie längst gewusst, dass ich kommen würde.


~​




Málaga, im Juli

I
...Irgendwie bin ich froh, dass der Tag endlich vorbei ist – obwohl es mein Geburtstag war. Oma hat vorhin am Telefon gesagt, ich solle zufrieden und dankbar sein für das, was ich habe. Das sagt Oma immer. Und ich bin ja dankbar, nur zufrieden fühle ich mich trotzdem nicht.

Papa war heute schon sehr früh wach. In der Küche stand der Tisch gedeckt, fast festlich: frisches Brot, Honigmelone, Erdbeeren. Der Orangensaft war frisch gepresst, mit ein paar Spritzern daneben, als hätte er sich beeilt. In der Mitte des Tischs stand ein Strauß Ranunkeln in der Vase. Er trat hinter mich, legte die Arme um mich und begann ein Geburtstagslied zu singen, völlig schief und albern. Dann drückte er mir einen Kuss auf die Wange und reichte mir ein kleines Päckchen. Ich riss das Papier auf und öffnete die dunkelblaue Schatulle, in der ein goldenes Armband lag, mit einem winzigen Kolibri am Anhänger. So zart, dass es fast zerbrechlich wirkte.
Ich wollte das Armband gerade anprobieren, als Alma in die Küche kam – mit einem Kuchen in den Händen. Zitronenkuchen. Sie hatte eine Kerze hineingesteckt und hielt ihn lächelnd vor sich. Die kleine Flamme flackerte.

Vielleicht wäre der Tag besser verlaufen, wenn ich mir einfach auf die Zunge gebissen und meinen Gram runtergeschluckt hätte. Aber der Duft traf mich wie ein Schlag, so heftig, dass es wehtat.
Ich hörte mich sagen, sie solle aufhören. Dass ich diesen Kuchen nicht will. Dass sie Mama nicht kopieren soll. Dass es nichts besser, sondern alles kaputt macht. Meine Stimme wurde lauter, kratziger, bis es fast schon in meinem Hals brannte. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, die Worte purzelten einfach aus mir heraus, ungefiltert und hässlich. Ich wollte, dass sie hört, wie sehr es wehtut, aber erst als ich Almas Gesicht sah, merkte ich, was ich da eigentlich anrichtete. Alma sah mich mit großen Augen an, als verstünde sie nicht. Dann kamen ihre unbeholfenen Aber-Aber-Sätze. Ich ließ sie nicht ausreden. Alma senkte den Kopf, ihre Lippen formten sich zu dünnen Strichen. Sie stellte den Kuchen wortlos auf die Anrichte, drehte sich um und ging aus der Küche. Papa schaute ihr nach. Dann zu mir. Dann wieder zur Tür. Für einen Moment stand er nur da, als könnte er nicht entscheiden, wo er mehr gebraucht wurde. Schließlich legte er die Serviette hin und folgte ihr – nicht ohne mir vorher einen wütenden Blick zuzuwerfen.

Am späten Nachmittag kam Ruby, mit einer kleinen Tüte voller bunter Schleifen, die sie – wie sie erzählte – aus alten Geschenkbändern gesammelt hatte. Sie hatte sich einige Bänder in die Haare geflochten und sah aus wie ein überladener Weihnachtsbaum. Ruby wackelte grinsend mit dem Kopf, drückte mich kurz und fragte, ob Geburtstage hier immer so steif seien.

Ich wollte nicht antworten. Der Vormittag hatte mich müde gemacht. Wir setzten uns unter die Zitrusbäume, dorthin, wo die Schatten dichter waren. Die Luft stand still, schwül und schwer. Ruby drehte ein Blatt zwischen den Fingern, als überlege sie, was sie sagen soll. Dann fragte sie plötzlich mit leiser Stimme, ob ich manchmal Angst habe, dass sie weg ist. Für immer. Zum ersten Mal klang Ruby völlig ernst. Sie erzählte, sie liege manchmal wach, wenn ihre Mutter in diesen Ländern sei, in denen es gefährlich ist. Dass sie sich vorstellt, wie etwas passiert – ein Schuss, eine falsche Straße. Und dass sie dann ganz still wird, weil sie nicht weiß, wohin mit dieser Angst.

Ich habe nichts gesagt. Nicht, weil ich nicht wollte, sondern weil ich das Gefühl hatte, wenn ich jetzt den Mund aufmache, bricht etwas in mir los, das ich nicht mehr einfangen kann. Dabei hätte ich so gern etwas Tröstliches gesagt. Ruby setzte sich einfach neben mich, ganz nah. Sie zog eines ihrer Bänder aus dem Haar und band es mir ums Handgelenk, direkt neben das Armband mit dem Kolibri. Es war rot.

Jetzt sitze ich vor dem Fenster und betrachte Rubys Band an meinem Arm. Ruby, die einfach nur ist, wie sie ist – und dabei alles so durcheinanderbringt. Ignacio hat einmal zu mir im Streit gesagt, ich sei egoistisch, weil ich als Einzelkind nie gelernt hätte, die Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen. Aber Ignacio hat gar keine Ahnung davon, wie es ist, als Einzelkind aufzuwachsen.
Mir geht so vieles durch den Kopf...


II
...Heute habe ich versucht, Ruby zu zeichnen. Es war einer dieser Nachmittage, an denen die Luft flimmert und selbst die Zikaden erschöpft klingen. Ruby hielt natürlich keine Minute still. Erst lag sie bäuchlings auf dem Rasen, die Beine in der Luft, und beschwerte sich, dass sie sich unmöglich zeichnen lassen könne, wenn sie stillhalten müsse wie ein Stein. Dann sprang sie wie ein Frosch auf, rannte zwischen den Sträuchern umher und zog dabei Grimassen, bis ich den Stift fast weggeworfen hätte.

Ich sagte, sie solle wenigstens kurz ruhig bleiben, aber sie meinte nur, ruhig sein sei etwas für Statuen. Ich musste die ganze Zeit lachen und immer wieder neu ansetzen. Am Ende sah Ruby auf der Zeichnung aus wie eine Vogelscheuche mit zu großen Augen. Ruby war trotzdem begeistert und meinte, das sehe nach „innerer Schönheit“ aus.

Papa kam später dazu, brachte uns gekühlte Limonade auf die Terrasse. Er stellte sich zwischen uns, zog einen Stuhl heran und tat so, als würde er das Werk einer großen Künstlerin inspizieren. Ruby beugte sich sofort nach vorne, stolz wie ein Pfau, und Papa nickte ernst, meinte dann mit übertriebener Begeisterung, meine Zeichnung sei ein Meisterwerk, das bestimmt ein halbes Vermögen wert sei.

Dann sah er Ruby und mich an, als würde ihm gerade etwas einfallen. Er sagte, dass wir zusammen mal rausmüssten, ein paar Tage irgendwohin. Vielleicht nach Südfrankreich, Carcassonne oder Collioure. Ich dachte erst, er macht einen Scherz und schaute Papa ungläubig an. Ruby war sofort begeistert und begann laut aufzuzählen, welche Speisen sie dort alle probieren wollte. Sie meinte, ihre Eltern hätten bestimmt nichts dagegen. Doch in mir zog sich augenblicklich etwas zusammen, als er sagte, dass Alma bestimmt auch Lust hätte mitzukommen.
Ich lächelte, weil Papa es tat...
 
Hallo Mimi,
mich überfällt eine angenehm warme Traurigkeit beim Lesen deiner Malaga-Texte. Die Stadt ist für mich eine Art Sehnsuchtsort geworden. Darum danke für die Erinnerung daran.
Grüße
vom Clown
 

petrasmiles

Mitglied
ich fühlte mich plötzlich leichter, als hätte jemand die Fäden gelöst, an denen der Tag noch an mir hing.
Genau so fühlt sich das an - ich bin verwundert und entzückt, dass noch immer und immer wieder neue Bilder gefunden werden können!

Was für eine wunderbare Weihnachtsüberraschung, liebe Mimi! 'Malaga im Juli' werde ich mir für einen ruhigen Moment aufsparen.

ich wünsche Dir frohe Weihnachtstage, so froh sie eben werden können, und viel Muße - und Wärme in der Geborgenheit der Familie.

Liebe Grüße
Petra
 

John Wein

Mitglied
No quiero un corazón quieto
Da ist sie wieder unsere Mimi mit einem weiteren, bezaubernden Tagebucheintrag, gern an Weihnachten am Kamin zu lesen, keine Weihnachtsgeshichte, aber eine feinfühlige und reichlich bebilderte Erzählung aus kindlicher Sicht, mit der leicht verletztlichen Seele eines vertäumten Mädchens geschildert.

Eins ist mir aufgefallen:
Einmal schlich ich mich nachts aus dem Haus und kletterte auf den alten Kirschbaum im Garten. Als ich in den Himmel schaute, war er so weit und hell wie ein weit geöffnetes Fenster
ein Oximoron? (spanische Nächte sind hell!)

Vlt.:
Einmal schlich ich mich nachts aus dem Haus und kletterte auf den alten Kirschbaum im Garten. Als ich in den Himmel schaute, war er so unendlich (statt weit) und übersät mit hellen (leuchtenden) Sternen, wie ein weit geöffnetes Fenster im Blätterdach.

habs gern gelesen (werde es am Kamin wiederholen).
weihnachtliche Grüße
John
 

Mimi

Mitglied
Ihr Lieben @Clown seiner Klasse , @petrasmiles, @John Wein,

Dankeschön für die freundlichen Kommentare und die Begleitung meiner Tagebuchgeschichten.

mich überfällt eine angenehm warme Traurigkeit beim Lesen deiner Malaga-Texte.
Wenn ich (gerade jetzt zwischen den Jahren) in meinen alten Notiz- und Zeichenheften schaue, fühlt es sich teilweise so an, als würde ich da auf diesen Seiten einem völlig fremden Menschen begegnen ... aber vielleicht ist das so mit dem "Älterwerden" ...?


ein Oximoron? (spanische Nächte sind hell!)
Ja, lieber John, zumindest (oder vielleicht) auf den ersten Blick ein Oxymoron.
Als Kind empfand ich gerade den Nachthimmel als unendlich weit. Abseits der künstlichen Beleuchtung der Stadt, kann man den Himmel bei Nacht durchaus als "hell" wahrnehmen.

Euch allen herzliche Grüße und eine schöne Weihnachtszeit.
Wir lesen uns im nächsten Jahr!

Gruß
Mimi
 

Mimi

Mitglied
Als Kind
wollte ich stets
so werden wie du

später
merkte ich

ich war dir immer schon
ähnlicher
als ich mir eingestehen wollte



~


Hast du je auf das Meer geschaut
und dir gewünscht
bis an sein anderes Ende zu sehen

nur um zu wissen
ob dort jemand steht
und auf dich wartet






Collioure, im August
I
...
Wir wohnen in einem kleinen Haus direkt am Plage de la Balette.
Die Gasse vor unserem Haus ist so schmal, dass sich zwei Leute seitlich aneinander vorbeischieben müssen.
Die Häuser hier sind ocker- und rosafarben.
Farben, die ich mag.
Wenn ich aus dem Fenster sehe, steht der Glockenturm der Église Notre-Dame-des-Anges im Wasser. Er sieht aus wie ein einsamer Wächter, der vergessen hat, an Land zu gehen.
Der Wind ist hier um einiges kälter als bei uns zuhause und irgendwie rauer.

Manchmal vergesse ich, dass Alma überhaupt da ist. Und dann bemerke ich, dass sie es doch ist.
Die Küche ist blitzblank aufgeräumt. Die Handtücher hängen gerade. Papas Hemden liegen nicht mehr zerknittert im Koffer, sondern ordentlich im Schrank.
Ich weiß nicht, wann sie das macht. Ich sehe nur das Danach.

Gestern Nachmittag sind wir zum Château Royal hinaufgelaufen.
Der Weg ist steil und führt zwischen hohen Mauern hinauf. Die Natursteine sind uneben, an manchen Stellen glattgetreten.
Die Stufen sind unterschiedlich hoch, man muss richtig hinsehen, wohin man hintritt.
Es gibt keine gerade Linie, alles ist ein bisschen verschoben.
Die Mauern wirken dick, fast gedrungen.
Zwischen den Steinen sitzen dunklere Fugen, an einigen Stellen ist der Rand herausgebrochen.

Ruby rannte wie immer voraus. Ich blieb absichtlich zurück.
Oben an der Festungsmauer endet der Weg plötzlich. Dahinter fällt es direkt zum Wasser ab. Es gibt keine große Fläche, nur Abschnitte, Kanten, Mauern.
Die Boote liegen dicht darunter, man sieht ihre Bewegungen deutlicher als von unten. Das Wasser schlägt gegen die Mauern zurück, nicht weich, sondern in kurzen, festen Stößen.

An der Festungsmauer machte Alma einen Schritt zur Seite, um Papa Platz zu machen. Sie berührte ihn nicht, und trotzdem hatte das Ganze etwas Merkwürdiges.
Sie standen einfach nur seelenruhig da und sahen auf das Meer hinaus. Diese Ruhe war es, die ich nicht ausgehalten habe. Ich habe dann gesagt, dass Mama die Aussicht hier auch gefallen hätte.
Papa hat mich da kurz angesehen, dieser erschöpfte Blick, bei dem ich mich immer gleich schlecht fühle. Er weiß genau, welches Wort alles kippen lässt. Dass dieser Ort in dem Moment seinen Halt verliert.

Jetzt ist es Nacht und ich kann mal wieder nicht einschlafen. Das Meer schlägt gegen die Kaimauer, ein regelmäßiger Herzschlag. Ich liebe die Geräusche des Meeres. Sie beruhigen mich. Aber ich kann einfach nicht abschalten, selbst hier nicht.
Ruby schläft im Bett gegenüber, sie atmet ganz leise und hat den Tag einfach abgestreift wie ein altes Kleid. Ich beneide sie darum.

Ich habe schon seit Wochen keine Nachricht von Mama. Es gibt nur die Weite des Meeres vor meinem Fenster, die ich mir oft als Brücke vorstelle, während sie in Wahrheit nur eine Grenze ist...





II
...Wenn Ruby nicht hier wäre, hätte ich mich den ganzen Tag in mein Zimmer gesperrt und wäre bis zum Ende des Urlaubs nicht mehr rausgegangen. Und ich weiß nicht einmal richtig, warum. Dabei wollte ich so gerne nach Collioure. Aber das war, bevor Alma mir die Ferien verdorben hat. Eigentlich hat Alma alles verdorben, seitdem sie ständig an uns klebt.
Mir liegen bestimmt hundert Worte auf der Zunge, die ich ihr mitten ins Gesicht schreien würde, ohne dass es mir auch nur ein bisschen leidtäte.

Natürlich hat Ruby sich von meiner schlechten Laune nicht abschrecken lassen. Sie hat mich regelrecht aus dem Zimmer geschubst. Manchmal frage ich mich, woher sie all diese Energie hat. Sie ist wie eine von diesen Aufziehpuppen, die sich zappelnd bewegen, wenn man den Schlüssel spannt. Nur dass es bei ihr sehr viel länger dauert, bis sie wieder still hält.

Ich weiß nicht genau, wann ich heute aufgehört habe, wütend zu sein. Vielleicht war ich es ja auch überhaupt nicht wirklich.

Vor einem kleinen Laden in einer Seitengasse standen mehrere Postkartenständer nebeneinander. Ruby blieb vor jedem stehen. Sie drehte die Karten schneller, als man sie ansehen konnte, zog eine heraus und steckte sie gleich wieder zurück, ohne sich zu entscheiden.
Später sind wir hinunter zum Markt am Quai gegangen. Die Stände standen dicht nebeneinander, kaum ein Durchkommen, wenn jemand stehen blieb. Über den Tischen spannten sich helle Planen, die das Licht filterten, alles wirkte darunter blasser.
Auf einem großen Tisch lagen Sardellen dicht an dicht, silbrig, die Augen klar und offen. Daneben wurden sie von einer älteren Frau ausgenommen. Ihre Hände hielten das Messer ruhig, und gleichzeitig waren ihre Bewegungen schnell und gleichmäßig. Sie schaute nicht zu uns auf, obwohl Rubys Stimme nicht zu überhören war.
Wenn sie so schnell Französisch spricht, verstehe ich so gut wie gar nichts. Ich glaube nicht, dass sie das absichtlich macht. Sie redet einfach in jeder Sprache genauso schnell.
Ein Mann hob eine Kiste an und kippte Eis nach. Es fiel hart auf die Fische, splitterte und schmolz sofort an den Rändern. Das Wasser lief über den Tisch, tropfte auf den Boden, wo es sich zu einem Rinnsal sammelte.
Inzwischen hatte Ruby ein Gespräch angefangen, das länger dauerte. Sie warf den Kopf in den Nacken und lachte dabei ihr typisches Ruby-Lachen.
Sie passt perfekt an diesen Ort. Eigentlich kenne ich keinen Ort, an den sie nicht passt.

Als Ruby schließlich zurückkam, drückte sie mir etwas Kaltes in die Hand. Ich zuckte zusammen. Der Eisbrocken war so kalt, dass es fast schmerzte. Das Wasser lief mir zwischen den Fingern hindurch, tropfte auf meine Sandalen.
Sie grinste nur und hüpfte wie ein Flummi auf und ab. Ich nahm das Eis und ließ es in den Ausschnitt ihres T-Shirts fallen. Sofort blieb sie stehen und machte ein Gesicht, als wäre das kein Stück Eis, sondern eine riesige Giftspinne.
Ich musste lachen. Und bevor sie nach mir greifen konnte, lief ich wie der Teufel zum Wasser hinunter. Der Kies rutschte unter meinen Füßen weg, ich stolperte fast, fing mich wieder.
Hinter mir hörte ich Ruby, erst ein kurzes Aufschreien, dann ihr Lachen.
Sie holte mich schnell ein und blieb dicht neben mir stehen, noch halb außer Atem. Das nasse T-Shirt klebte ihr an der Haut.

Vor uns bewegten sich die Boote träge. Das Wasser hob sie an und ließ sie wieder sinken, immer im gleichen Rhythmus.
Wir standen eine Weile da und schauten zu.
Natürlich hielt Ruby es nicht lange aus. Sie grinste schon wieder und zeigte nach oben. Ein großer roter Drachen flatterte schräg im Wind, viel zu tief, als würde er gleich ins Wasser stürzen, dann riss es ihn wieder hoch.
Ruby nahm meine Hand und zog mich über den Kiesstrand, ohne zu fragen, ob ich überhaupt mitkommen wollte.

Der Wind zerrte an dem roten Drachen, und weiter unten schlugen die Wellen gegen die Steine. Ruby rannte mit mir einfach weiter, als würde sie überhaupt nicht merken, wie schnell sie war.
Dabei musste ich an Mamas Worte aus ihrem letzten Brief denken. Es hatte sich beim Lesen genauso richtig gut angefühlt wie heute, als ich mit Ruby über den Kiesstrand rannte...
 



 
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