Fragmente

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wirena

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Das Lesen und Schreiben der „Kleinen Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig führt mich zu eigenen Gedanken über die Unendlichkeit und Ewigkeit, die ich nun formulieren kann und möchte:

- Die Unendlichkeit hat keinen Anfang und kein Ende. Hätte sie einen Anfang, wäre dieser das Ende, wenn man in der Unendlichkeit zurück zum Anfang geht.

- In der Unendlichkeit bewegt sich die Endlichkeit in Ewigkeit

- Ewigkeit IST = zeitlose Zeit = unendliche Abfolge von "Jetzt"
 

wirena

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Fortsetzung Zitate und eigene Gedanken angeregt durch Lesen „kleine Weltgeschichte der Philosophie“ von Hans Joachim Störig


Die drei grossen Systeme im Zeitalter des Barocks


Zitat: «Die Philosophie des 17. Jahrhunderts weist, auf dem europäischen Festlande jedenfalls, eine verhältnismässige Geschlossenheit und Stetigkeit der Entwicklung auf. Es sind die gleichen Grundprobleme, mit denen in allen Köpfen gerungen wird, die einzelnen Lösungsversuche knüpfen aneinander an und werden diskutiert, wozu ein Zeitalter besonderes günstige Voraussetzung bot, in dem die Vernunft, welche sich in der Renaissance mündig erklärt hatte, ihren Siegeszug antrat und in dem die Mathematik als eine jenseits nationaler und individueller Besonderheiten stehende, prinzipiell jedem zugängliche und einsichtige Wissenschaft von höchster Allgemeingültigkeit das Ideal aller Erkenntnis bildete. Wenn wir in der Mathematik eine Methode unantastbarer Beweisführung besitzen – so fragte man -, warum soll es dann nicht möglich sein, die menschliche Gesamterkenntnis, also alle anderen Wissenschaften und vor allem auch die Philosophie auf eine ähnlich sichere Grundlage zu stellen? Die Philosophie dieser Epoche ist von der Mathematik nicht zu trennen…. Es ist das Streben nach klarer übersichtlicher Gestaltung, nach harmonischem Aufbau, nach Abgewogenheit aller Teile eines Ganzen – ein Streben, das an der Mathematik geschult war und in ihr auch einen besonders deutlichen Ausdruck fand, sicher aber nicht auf der Mathematik allein beruht; wir finden es nicht nur in der Philosophie, sondern auf allen Gebieten des kulturellen Lebens ausgeprägt, in Staats- und Kriegskunst, in Architektur, Dichtkunst und Musik.» Zitatende


René Descartes, 1596-1650, in der Touraine geboren
René Descartes stammt aus einer adligen altfranzösischen Familie. Seine wissenschaftliche Ausbildung erhielt er im Jesuitenkollegium von La Flèche. Er hatte eine Vorliebe für die Mathematik, verbunden mit Skepsis gegen alle anderen Wissenschaften und führte ein unstetes Leben. Zeiten mit äusserster Zurückgezogenheit und Konzentration wechselten sich ab mit einem abenteuerlichen Leben. So zog er sich für zwei Jahre in eine selbst seinen nächsten Freunden unbekannten Wohnung in Paris zurück, um in Abgeschiedenheit Mathematik vertieft zu studieren. Danach nahm er als Soldat am Dreissigjährigen Krieg teil, um Welt und Menschen gründlich kennenzulernen. Er fühlte sich keine Partei verpflichtet, und so diente er im katholischen bayerischen und im holländischen Heer. Nach der Militärzeit reiste er jahrelang durch den grössten Teil Europas, um sich anschliessend beinahe 20 Jahre lang in den Niederlanden zurückgezogen seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen. Verbunden mit der Welt blieb er lediglich durch Briefwechsel mit seinem Pariserfreund, dem Pater Mersenne. Königin Christine von Schweden, studierte Descartes Werke und berief ihn 1649 nach Schweden, wo er nach kurzem Aufenthalt im darauf folgenden Jahr verstarb.

Descartes hinterlässt folgende Werke. Alle während des langen Aufenthaltes in Holland geschrieben:

«Die Welt», fast vollendet. Als Descartes von der 1633 erfolgten Verurteilung des Galilei erfuhr, vernichtete er die Schrift, um einem ähnlichen Konflikt zu entgehen. In späteren Werken erscheinen Teile davon wieder.

«Abhandlung über die Methode, die Vernunft richtig zu führen und die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen» (1637). Zunächst anonym veröffentlicht.

«Meditationen über die Erste Philosophie»
(1641) (das heisst Metaphysik), sein Hauptwerk, worin er die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele behandelt. Descartes widmete das Buch der theologischen Fakultät der Pariser Universität, nicht um sich vor Anfeindungen von kirchlicher Seite zu schützen, sondern weil er überzeugt war, der Sache der Religion mit seinen Gedanken einen Dienst zu erweisen.

«Principia philosophiae» (1644), eine systematische Ausarbeitung seiner Gedanken.

«Briefe über das menschliche Glück», geschrieben für die Pfalzgräfin Elisabeth, die er im holländischen Exil kennengelernt hatte.

«Die Leidenschaften der Seele», geschrieben für die Pfalzgräfin Elisabeth.



Trotz aller Vorsicht, wurden seine Bücher später auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt und von protestantische, auch von staatlicher Seite in ähnlicher Weise verboten.

Descartes mathematische Leistung, die ihm einen Platz unter den grössten Mathematikern aller Zeiten sichert, ist vor allem diejenige, die in engem Zusammenhang mit seinen philosophischen Anschauungen vom Ideal der Erkenntnis und mit seinen Vorstellungen vom Raum stehen.

Sein Grundthema, seine Grundgedanken «Gott und die Seele» unterwirft Descartes einer streng logischen Zergliederung. Sein Ziel ist, die Philosophie zu einer Art Universalmathematik zu machen, zu einer Wissenschaft, in der alles mittels strenger Deduktion aus einfachsten Grundbegriffen gewonnen wird. Das führt zu der von Descartes entwickelten, eigentümlichen Methode. Zitat: «Wenn alles Erkannte aus einfachsten Prinzipien abgeleitet werden soll., muss ich mich», so sagt Descartes, «zunächst und vor allem der Sicherheit meines Ausgangspunktes vergewissern. Was aber ist sicher? Um sicherzugehen, werde ich zu Anfang gar nicht als sicher annehmen. Ich werde alles anzweifeln, um zu sehen, was einem solchen radikalen Zweifel standhält. Nicht nur allem, was ich durch Unterricht, aus Büchern und im Umgang mit den Menschen gelernt habe, muss ich zweifeln; auch daran, ob die mich umgebende Welt überhaupt in Wirklichkeit vorhanden ist, oder ob sie etwa blosse Einbildung ist, beziehungsweise ob sie so vorhanden ist, wie ich sie wahrnehme – denn es ist bekannt, dass es vielerlei Sinnestäuschungen gibt; ja auch an dem, was als das Sicherste von allem erscheint, an den Grundsätzen der Mathematik, muss ich zweifeln, denn es könnte ja sein, dass unser menschlicher Verstand zur Erkenntnis der Wahrheit ungeeignet ist und dauernd in die Irre führt. Beginne ich nun also das Philosophieren damit, dass ich schlechthin alles in Frage stelle, so gibt es doch etwas, das ich nicht nur nicht bezweifeln kann, dass mir vielmehr, gerade indem und je mehr ich zweifele, immer gewisser werden muss: nämlich die einfache Tatsache, dass ich jetzt, in diesem Moment, zweifle, das heisst denke. Alles, was ich von aussen wahrnehme, könnt Täuschung sein, alles was ich denken mag, könnt falsch sein – aber im Zweifel werde ich jedenfalls meiner selbst als eines denkenden Wesens gewiss – «cogito ergo sum», ich denke, also bin ich». Aus dem radikalen Zweifel heraus, gewinnt Descartes einen ersten unerschütterlichen Ausgangspunkt. …. «Wenn es gelänge, noch etwas aufzufinden, was ebenso gewiss ist wie dieses, dann wäre der nächste Schritt zum Aufbau der richtigen Philosophie getan. Gibt es etwas, was dieser Forderung entspricht?» Ja», antwortet Descartes, und zwar Gott. «Ich habe in mir die Idee Gottes als eines unendlichen, allmächtigen und allwissenden Wesens. Diese Idee kann nicht aus der äusseren Wahrnehmung stammen, denn diese zeigt mir immer nur die endlichen Naturdinge. Ich kann sie mir auch nicht selbst gebildet haben, denn wie sollte es möglich sein, dass ich als endliches und unvollkommenes Wesen mir die Idee eines unendlichen und vollkommenen Wesens aus mir selbst bilden könnte?» So kommt Descartes, unter Heranziehung eines weiteren Gottesbeweises aus der Theologie, zur absoluten Gewissheit Gottes als nächsten Schritt.

Können wir schon an dieser Stelle, bei der etwas unvermittelt anmutenden Einführung des Gottesbegriffes, das Gefühl nicht unterdrücken, dass sie eigentlich nicht ganz zu der Radikalität des Zweifels passe, mit der Descartes doch vorgehen wollte, so haben wir ein ähnliches Gefühl bei dem nun folgenden Schritt: Nachdem Gott in den Gedankengang eingeführt ist, erledigt Descartes auf etwas verblüffende Weise den vorhin geäusserten Zweifel an der Realität der sinnlich gegebenen Aussenwelt. Zu den Eigenschaften des vollkommenen Wesens muss notwendig auch die Wahrhaftigkeit gehören. Wäre Gott nicht wahrhaftig, so wäre er nicht vollkommen. Es ist demnach undenkbar, dass Gott der Wahrhaftige mich betrügen sollte, indem er mir etwa die mich umgebende Welt als trügerisches Gedankenspiel vorzauberte.

Nun erhebt sich aber sogleich eine neue Frage: Wenn Gott in seiner Wahrhaftigkeit gleichsam der Garant dafür ist, dass die Menschen Wahrheit erkennen können, wie kommt es dann, dass wir trotzdem erwiesenermassen irren und uns täuschen? Damit stellt sich das Problem der Theodizee, welches frühere Denker auf ethischem Gebiet – als Rechtfertigung des allgültigen Gottes wegen des in der Welt vorhandenen Bösen – beschäftigt hatte, für Descartes von neuem auf dem Gebiet der Erkenntnislehre. In ethischer Hinsicht hatte man auf jene Frage die Antwort zu geben versucht, dass Gott, um eine vollkommene Welt zu schaffen, dem Menschen habe Freiheit geben müssen, und diese Freiheit sei, indem der Mensch von ihr notwendigerweise auch einen falschen Gebrauch machen kann, eben die Quelle des Bösen. Ähnlich antwortet jetzt Descartes auf seine Frage durch den Hinweis auf die Freiheit des Willens. Der freie Wille ermöglicht es dem Menschen, diese Vorstellung zu bejahen, jene zu verwerfen. Nur in dieser Tätigkeit des Willens, nicht in den Vorstellungen selbst, liegt die Quelle des Irrtums. Wir haben es selbst in der Hand, richtig oder falsch zu denken und zu erkennen. Wenn wir uns nur an den Massstab halten, der uns mit der unvergleichlichen Gewissheit und Deutlichkeit jener ersten Grunderkenntnisse an die Hand gegeben ist, wenn wir nur das als wahr annehmen, was mit gleicher Gewissheit erkannt ist, allem anderen gegenüber uns skeptisch verhalten. So können wir nicht irren, sondern gewinnen denkend ein richtiges Bild der Welt.

Dieses Bild zu entwerfen, ist die nächste Aufgabe, die sich Descartes stellt. Bei der Durchmusterung des menschlichen Geistes und seines Bestandes an Ideen hatte er zunächst die Idee Gottes als der unendlichen und unerschaffenen Substanz gefunden. Er findet weiter die Ideen zweier geschaffener Substanzen, die als solche keines Beweises und keine Rückführung auf andere Ideen fähig sind und dessen auch nicht bedürfen: ersten den Geist, das Denken, welches Descartes ganz unräumlich und unkörperlich fasst – denn, so sagt er, «ich kann mir mein Denken vorstellen, ohne dass ich dazu notwendig das Ausgedehntsein im Raum hinzudenken müsste»; und zweitens die Welt der Körper. Die Körperwelt existiert allerding nicht so, wie sie uns durch die Sinne erscheint. Was uns die Sinne an Qualitäten der Dinge, wie Farbe, Geschmack, Wärme, Weichheit, zeigen, das genügt dem Descartesschen Anspruch auf «Klarheit und Deutlichkeit» nicht. Er schätzt, wie andere Denker dieses rationalistischen Zeitalters, die sinnliche Erfahrung als zu unklar, gering; es zählt als vollgültige Erkenntnis nur das, was der denkende Verstand in völlig durchsichtigen, rationalen, «mathematischen» Begriffen ausdrücken kann. Für die Körperwelt ist das die Eigenschaft des Ausgedehntseins, der Raumfüllung. Die Ausgedehntheit im Raum ist daher das Wesen der Körperwelt. Die Körper sind Raum, und der Raum besteht aus Körpern, leeren Raum gibt es nicht. Im Begriff der Ausdehnung liegt schon die Möglichkeit des Bewegtwerdens – sofern nur der erste bewegende Anstoss, welcher nicht aus den Körpern selbst, sondern nur von Gott gekommen sein kann, gegeben ist. Die Gesamtmenge der von Gott der Körperwelt mitgeteilten Bewegung wird dann immer gleich bleiben – eine erste Vorahnung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie. Die ganze Physik kann daher auf streng mathematische Weise aus den drei Begriffen der Ausdehnung, der Bewegung und der Ruhe konstruiert werden. Alles, auch die Vorgänge im lebenden Körper, ist mit diesen Grundbegriffen mathematisch und mechanisch zu erklären…. Da Descartes den Begriff des Geistes auf das Denken einengt, die Tiere aber in diesem Sinne nicht denken, haben sie an der geistigen Welt keinen Teil. Sie sind reine Mechanismen, nicht anders als Maschinen.» Zitatende. Der konsequente Schritt davon wäre derjenige zum Menschen. Doch soweit geht Descartes nicht. Für ihn sind im Menschen Ausdehnung und Denken, Körper und Geist verbunden. Wie das aber zu denken ist, wenn die beiden Substanzen nichts miteinander gemein haben, wie beide in einem Wesen eng verbunden auftreten und aufeinander wirken, das kann Descartes nicht beantworten.
 

wirena

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Occasionalismus

Descartes gilt als Vater der modernen Philosophie. Seine Gedanken haben die Occasionalisten weitergeführt. Die Schwierigkeit bei Descartes ist, dass er – ausser Gott – zwei ganz voneinander geschiedene Substanzen annimmt. Reines Denken ohne jede Räumlichkeit und Körperlichkeit, reine Ausdehnung ohne jedes Denken, welche beide aber im Menschen in irgendeiner Weise in Verbindung stehen müssen. Zitat: «Wenn ich den Entschluss fasse, meine Hand zu bewege, und diese bewegt sich dann – wie kann ein in meinem Geiste sich abspielender Vorgang Ursache einer Bewegung in der Körperwelt sein (zumal die in dieser vorhandenen Gesamtsumme der Bewegung nach Descartes konstant sein soll)? Hier stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Körperlichem und Psychischem im Menschen. Und wenn eine ursächliche Verbindung nicht bestehen kann – was nach der Voraussetzungen Descartes ja tatsächlich ausgeschossen ist -, wie kommt es dann, dass jedenfalls die beiden Akte – Denkakt und körperlicher Vorgang – zusammentreffen, zusammen auftreten, wie alle Erfahrung lehrt? Hier ist der Punkt, wo die Occasionalisten einsetzen und erklären: Es sieht nicht nur aus wie ein Wunder, dass beide zusammentreffen, obwohl sie ursächlich nicht zusammenhängen können, sondern es ist ein Wunder, ein göttliches Wunder, das nämlich darin besteht, dass Gott bei Gelegenheit (lat. Occasion, daher der Name Occasionalismus) meines diesbezüglichen Willens meine Hand bewegt, dass Gott bei Gelegenheit des vorüberfliegenden Vogels in mir die entsprechende Vorstellung erzeugt und so weiter. Das ist eine Annahme, die reichlich gekünstelt, und auch von einer gewissen Blasphemie nicht frei erscheinen mag. Sie liegt aber durchaus in der Konsequenz der Descartesschen Grundansicht.» Zitatende

Die hervorragendsten Vertreter des Occasionalismus sind Arnold Geulincx (1625-1669) und Nicole Malebranche (1638-1715). Ihre Standpunkte sind im Einzelnen durchaus verschieden, auch fügen sich die occasionalistischen Thesen bei ihnen natürlich in umfassendere Systeme ein. Aber den eben angedeuteten Grundgedanken haben sie gemeinsam. Nicole Malebranche geht aber noch einen Schritt weiter. Er wendet das Prinzip des Occasionalismus auch auf die Vorgänge innerhalb der Körperwelt an. Auch hier ist als Ursache das Eingreifen des göttlichen Willens, wenn zum Beispiel ein Körper, einen anderen anstösst und dieser dadurch in Bewegung setzt.


Jansenismus
Cornelius Jansen
(1585-1638), Professor in Löwen, später Bischof von Ypern, war Urheber der geistig-religiösen Bewegung in Frankreich, die nach ihm Jansenismus benannt wird. Zitat: «Die Jansenisten machten den Versuch, auf katholischem Boden das Werk des Augustinus – aus dem auch die Reformatoren geschöpft hatten – zu erneuern. Sie forderten eine Vertiefung und Reinigung des religiösen Lebens und standen in schärfstem Kampf gegen die damals einflussreichen Jesuiten. Der jansenistische Kreis hatte seinen Mittelpunkt in dem Kloster Port Royal. Die gewaltigste Persönlichkeit, die aus dem Kreis hervorgegangen ist, ist der religiöse Denker Blaise Pascal.


Blaise Pascal (1623-1662)
Blaise Bascal war wie Descartes ein genialer Mathematiker – er ist der Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung – und ein überzeugter Verfechter des kartesianischen mathematischen Erkenntnisideals der «Klarheit und Deutlichkeit». Als kühler und scharfsinniger, durch die Schule des französischen Skeptizismus und Descartes gegangener Denker sah er die vom Standpunkt der Vernunft vorhandenen Widersprüche und Paradoxa in den christlichen Dogmen und formulierte sie in höchst zugespitzter Form. Auf der anderen Seite war Pascal ein tiefreligiöse, von einem übermächtigen Gefühl der Sündhaftigkeit und Nichtigkeit des Menschen durchdrungene Natur. Diese Seite seines Wesens und Denkens führte ihn zu der Erkenntnis, dass das rationale und mathematische Denken gerade die tiefsten Bedürfnisse unserer Menschennatur unbefriedigt lässt und die wesentlichsten Fragen nicht beantworten kann.... Pascal der noch die Widersprüche in den Dogmen kritisierte, wirft sich gleichsam mit einem entschlossenen Sprung ganz in eine Haltung frommer Askese und demütiger Ergebung in den göttlichen Willen und verficht gegen die Logik, von der er doch nicht lassen kann, die Sache des menschlichen Herzens, das seine eigene Logik hat.


Pierre Bayle (1647-1705)
Pierre Bayle war wie Blaise Pascal von den Gedanken Descartes beeinflusst. Er ist wie jener ein kritischer und scharfsinniger Denker, ein Skeptiker und Kritiker.
 

wirena

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Baruch de Spinoza
(1632-1677)
Spinoza wurde in Amsterdam geboren. Er ist der Sohn einer jüdischen Familie, die aus Spanien eingewandert war, da die Juden zu dieser Zeit die Wahl hatten, sich der spanischen, christlichen Umwelt zu unterwerfen, die Taufe anzunehmen oder auszuwandern. Als aussergewöhnlich begabtes Kind wurde Spinoza von seinem Vater für die Laufbahn des Rabbiners bestimmt. Als Jugendlicher studierte Spinoza die Bibel, den Talmud, die mittelalterlichen jüdischen Philosophen, und nachdem er Latein gelernt hatte, auch die mittelalterliche christliche Scholastik, durch ihre Vermittlung die Griechen und schliesslich die neuere Philosophie, insbesondere auch Giordano Bruno und Descartes. Durch diese weitausgreifenden Studien geriet er zu gegensätzlichen Ansichten zu seinen jüdischen Glaubensgenossen. Er war noch nicht vierundzwanzig Jahre alt, hatte noch keine Schriften veröffentlicht, und wurde dennoch, auf Grund mündlichen Äusserungen, der Ketzerei angeklagt, aus der Gemeinde ausgestossen und verbannt, verflucht und verdammt mit allen Flüchen, die im Buche des Gesetzes niedergeschrieben sind – wie es uns erhaltenen Urkunde geschrieben steht. Dies führte Spinoza zur Vereinsamung aber auch zu einer Unabhängigkeit und Freiheit von Vorurteilen. Er lebte in grösster Bescheidenheit und Zurückgezogenheit an verschiedenen Orten in Holland. Obwohl von seinen wesentlichen Schriften, die Aufschluss über sein eigenes Denken geben, zu seinen Lebzeiten nur eine veröffentlicht wurde, verbreitete sich sein Ruhm, teils durch den Umgang mit Freunden, teils durch brieflichen Kontakt mit Männern wie Huyghens und Leibniz, über ganz Europa. Das Angebot im Jahre 1673 an der Universität Heidelberg Philosophie zu lehren lehnte er ab. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit Schleifen von optischen Gläser. Ein Handwerk, das er in seiner Jugend erlernt hatte.

Die Schrift «Theologisch-Politische Traktat» hat Spinoza selbst veröffentlicht.
Zu dieser Zeit, im Zeitalter der Glaubenskriege, als jede Konfession ihre eigenen Lehren und Dogmen mit grösster Erbitterung verfocht, löste diese Veröffentlichung einen Sturm aus und Spinoza verzichtete auf weitere Veröffentlichungen. Möglicherweise gab es aber auch keine praktische Möglichkeit für weitere Veröffentlichungen seiner Schriften.

Spinoza geht davon aus, dass die Bibel für das ganze Volk, für die ganze Menschheit offenbart wurde und nicht nur für wenige Auserwählte. Das bedeutet aber, dass die Bibel in einer dem Volke angepassten Sprache und Verfassung angepasst werden musste. Während die Gelehrten die Macht und Grösse Gottes in den unabänderlichen Gesetzen des Weltlaufs erkennen können, glaubt das Volk, dass sich Gott gerade dort offenbart, wo der gewöhnliche Naturablauf durch Wunder durchbrochen wird. Deshalb muss die Heilige Schrift in zweierlei Sinne verstanden und ausgelegt werden. Zitat: «Sie hat gewissermassen eine für das Volk bestimmte Oberfläche, die dessen Verlangen nach einer mit Bildern und Wundern geschmückte Religion entgegenkommt; hinter dieser erblickt der Philosoph – für den diese Oberfläche Widersprüche und Irrtümer enthalten mag – die tiefen und ewigen Gedanken grosser geistiger Führer ihrer Völker und Bahnbrecher der Menschheit. Beide Arten der Deutung haben ihre Berechtigung…. Spinoza fordert, die Gestalt Jesu müsse von den sie umgebenden Dogmen, die nur zu Zwiespalt und Unduldsamkeit geführt haben, befreit werden. Er hält Christus nicht für Gottes Sohn, aber für den Grössten und Edelsten aller Menschen. In der Nachfolge eines so verstandenen Heilands und seiner Lehre, glaubte Spinoza, würden sich nicht nur Juden und Christen zusammenfinden können, sondern alle Völker könnten in seinem Namen vielleicht geeinigt werden.

Sein Hauptwerk, die «Ethik, nach geometrischer Methode dargestellt», hielt Spinoza bis zu seinem Tode in seinem Schreibpult verschlossen
. Nach seinem Tode wurde es von Freunden noch in seinem Todesjahr herausgegeben und hat eine kaum abzuschätzende Wirkung ausgeübt.

Die «Ethik» gehört nicht zu den Büchern, die man dem in der Philosophie nicht Vorgebildeten zum ersten Studium empfehlen kann
. Wie schon der Titel sagt, ist es «in geometrischer Ordnung» abgefasst, nach Art eines mathematischen Werkes, mit vorangestellten Axiomen, Behauptungen, Lehrsätzen, Beweisen, Folgerungen usw. …. Die Schwierigkeiten beim Lesen des Buches erwachsen einerseits aus dieser Methode, andererseits aus seiner Kürze…. Spinoza hat den Extrakt einer lebenslangen Gedankenarbeit unter rigoroser Ausmerzung jedes entbehrlichen Wortes auf etwa 200 Seiten Latein zusammengedrängt…. Ausgangspunkt ist der Begriff der Substanz. Darunter ist nicht, wie man nach heutigem Sprachgebrauch annehmen könnte, die Materie zu verstehen…Spinoza meint mit diesem Begriff das Eine oder Unendliche, das unter oder hinter allen Dingen steht, das alles Sein in sich vereinigt und begreift. Die Substanz ist ewig, unendlich, aus sich selbst existierend. Es gibt nichts ausserhalb ihrer. So verstanden ist aber der Substanzbegriff gleichbedeutend mit dem Begriff Gott und als Inbegriff alles Seienden zugleich auch gleichbedeutend mit dem Begriff der Natur. So steht am Anfang der Gedanken Spinozas die Gleichung.

Substanz = Gott = Natur

Der Substanz steht der Begriff «Modus» gegenüber. Modus ist alles, was nicht wie die Substanz aus sich selbst heraus zugleich frei und notwendig besteht (denn Notwendigkeit und Freiheit fallen hier zusammen) – also alles, was durch anderes bedingt ist; wir können sagen, die Welt der Dinge im weitesten Sinne, die Welt der (endlichen) Erscheinungen. Im normalen Sprachgebrauch bezeichnen wir diese Welt eigentlich als Natur. Auch Spinoza ist das bekannt. Um hier ein Missverständnis auszuschliessen, verwendet er zwei Begriffe der Natur: Natur im oben zuerst genannten, allumfassenden Sinne bezeichnet er als «schaffende Natur» (natura naturans), Natur als Inbegriff der endlichen Dinge als «geschaffene Natur» (natura naturata). Da die menschliche Sprache keine der Welt der mathematischen Symbole vergleichbare Zeichensprache ist, geschieht es bei Spinoza, dass er sich an die von ihm festgelegten Definitionen selbst oft nicht genau hält. So zum Beispiel für «schaffende Natur» lieber Gott und für «geschaffene Natur» Natur schlechthin gebraucht.

Spinoza lehrt, dass jedes endliche Ding immer nur durch andere endliche Dinge bestimmt ist, dass aber kein endliches Ding Gott unmittelbar zu seiner (nächsten) Ursache hat. Wenn kein endliches Wesen unmittelbar aus Gott folgt, mittelbar aber alles, so muss zwischen Gott als der unendlichen Substanz und den einzelnen Modi noch ein Zwischenglied sein…. Die absolute Summe aller Modi nennt Spinoza «unendliche Modifikation», die unmittelbar aus Gott folgt. Wir haben also eine Stufenfolge von drei Begriffen:

Die unendliche Substanz (= Gott)
Die absolute Summe aller Modi (= alles)
Die einzelnen Modi

Die unendliche Substanz
– oder Gott – hat zwei Eigenschaften (jedenfalls können wir nur zwei wahrnehmen): Denken und Ausdehnung.

Gott ist einerseits unendliche Ausdehnung (also nicht Körper, denn jeder Körper ist begrenzt),
anderseits unendliches Denken (also nicht bestimmtes oder beschränktes Denken).

Da alles in Gott ist, kann jedes Einzelwesen ebenfalls unter diesen zwei Gesichtspunkten betrachtet werden
:

Unter dem Gesichtspunkt des Denkens erscheint es als Idee,
und unter dem Gesichtspunkt der Ausdehnung erscheint es als Körper.


Sowenig wie es zwei verschiedene Substanzen gibt, sondern nur eine, die unter diesen zwei Aspekten zu betrachten ist, so wenig besteht auch ein Einzelwesen, insbesondere der Mensch, aus zwei getrennten Substanzen Körper und Seele, sondern beides sind die zwei Seiten ein und desselben Wesens.

Jedes Einzelwesen strebt, sein Dasein zu behaupten – nach Spinoza fällt das mit seiner Natur zusammen
. Der Mensch, wie jedes Wesen, stösst in diesem Bestreben notwendig mit anderen Wesen zusammen und verhält sich damit einerseits tätig (aktiv), indem er auf diese einwirkt, andererseits leidend (passiv), indem diese auf ihn einwirken. Wird der Trieb zur Selbstbehauptung befriedigt, so entsteht Freude; wird er gehemmt, Trauer. All dies, menschliches Handeln und menschliches Leiden, Liebe und Hass, alle Leidenschaften, die den Menschen mit den ihn umgebenden Körpern verketten, vollzieht sich mit Naturnotwendigkeit und unbeirrbarer Folgerichtigkeit. Es ist daher möglich und auch notwendig, die menschlichen Triebe und Leidenschaften mit kühler, mathematischer Sachlichkeit zu betrachten und zu analysieren… Die Untersuchung, die Spinoza von diesem Standpunkt aus im dritten Teil der «Ethik» durchführt, zeigt ihn als überaus nüchternen, scharfsinnigen Kenner der Menschenseele. Seine Erkenntnisse sind von der späteren wissenschaftlichen und medizinischen Seelenkunde immer aufs Neue bestätigt worden. Für das, was man gemeinhin unter Willensfreiheit, Freiheit der Entscheidung versteht, ist darin kein Raum. Spinoza vergleicht den Menschen, der sich einbildet, frei zu wählen und entscheiden zu können, mit einem Stein, welcher, in die Luft geschleudert, seine Bahn zurücklegt und dabei glaubt, er selbst bestimme den Weg, den er nehme, und den Platz, an dem er niederfällt. Unsere Handlungen folgen den gleichen ehernen Gesetzen wie alles Naturgeschehen. Es gibt auch keine allgemeingültigen Begriffe des Guten und des Bösen. Was die Selbstbehauptung des Einzelwesens fördert, das nennt es «Gut», was sie hindert, das nennt es «Übel»…. Tugend ist nichts anderes als die Fähigkeit des Menschen, dieses sein Streben durchzusetzen. Also ist Tugend dasselbe wie Macht. Und genauso weit wie diese seine Macht reicht das natürliche Recht des Menschen, denn unter natürlichem Recht, sagt Spinoza, ist nichts anderes zu verstehen als die Naturgesetze oder die Macht der Natur. «Unbedingt aus Tugend handeln ist dasselbe wie nach den Gesetzen der eigenen Natur handeln.» Welches ist nun aber die eigentliche Natur des Menschen, nach deren Gesetzen er sein Sein zu erhalten und zu vervollkommnen trachtet? Hier folgt der Schritt, der der weiteren Gedankenentwicklung entscheidend die Richtung gibt: Der Mensch ist seiner Natur nach Vernunftwesen. Der Mensch handelt also dann seiner Natur gemäss, wenn er auf der Grundlage des Strebens nach dem eigenen Nutzen unter der Leitung der Vernunft handelt, und da die Vernunft nach Erkenntnis strebt, so ist «Einsicht» - die erste und einzige Grundlage der Tugend.

Freilich ist der Mensch nicht nur Vernunftwesen. Er wird weitgehend beherrscht und hin- und hergeworfen von Instinkten, Trieben, Leidenschaften…. Die Vernunft erst, verhilft uns zu einem Gesamtüberblick und zum richtigen Handeln. Als treibende Kraft, als Motor des Lebens, bedürfen wir des Triebs. Die Vernunft aber lehrt uns, die widerstrebenden Triebe miteinander zu koordinieren, ins Gleichgewicht zu bringen und sie damit zum wahren Nutze der ganzen harmonischen Persönlichkeit einzusetzen. Ohne Leidenschaft können die Menschen nicht sein. Aber die Leidenschaften sollen durch das Licht der Vernunft geordnet werden. Die Vernunft vermag jedoch noch mehr als dies. Sie kann nämlich selbst zur Leidenschaft, zum Affekt werden und als solcher wirken. Eben darauf, dass die Erkenntnis des Guten und Schlechten selbst als Affekt wirkt, beruht die Möglichkeit, dass der Mensch Erkenntnis zur Richtschnur seines Handelns machen kann.» Zitatende

Die Vernunft führt uns aber noch einen Schritt weiter: Es gibt einfachste Wesen, «Individuen erster Ordnung». Es gibt aber auch zusammengesetzte Wesen höherer Ordnung. Das komplizierteste Wesen, das wir kennen, ist der Mensch. Zitat: «Denkt man sich die unendliche Substanz dargestellt durch eine unermessliche grosse Fläche, etwa ein Blatt Papier, so entsprechen die Modi, die Einzeldinge, den Figuren, die in die Fläche hineingezeichnet werden können. Teilen wir die Fläche beispielsweise in lauter kleine Quadrate ein, fassen ein bestimmtes ins Auge und fragen, wodurch dieses Quadrat bedingt sei, so ist die Antwort: durch die es umgebenden Nachbarquadrate, nicht dagegen, mindestens nicht unmittelbar, durch die ganze Fläche. Natürlich würde es nicht sein, wenn nicht zuvor diese Fläche wäre. Denken wir uns eine sehr komplizierte Figur in die Fläche hineingezeichnet, so ist klar, dass sie zahlreiche Quadrate ganz in sich enthalten wird. Eine grosse Anzahl anderer Einzelquadrate aber wird sie schneiden und nur zum Teil in sich enthalten. Unter dem Gesichtspunkt der Ausdehnung also als Körper betrachtet, wird ein solches Wesen deshalb die Bewegungen seiner Bestandteile nicht vollständig beherrschen, andere Körper wirken mit darauf ein und stören sie. Auch unter dem Gesichtspunkt des Denkens, als Geist, betrachtet, wird ein solches Individuum manche Quadrate ganz in sich begreifen, andere nur teilweise. Die Idee, die der Geist ganz besitzt, nennt Spinoza «adäquate», das heisst angemessene Idee, die übrigen «inadäquate». In seinen Trieben und Leidenschaften ist der Mensch auf andere Körper als deren Gegenstand gerichtet und gewinnt deshalb, da diese immer zugleich auf ihn einwirken nur inadäquate Ideen, nur ein zerstückeltes und verworrenes Wissen von ihnen. Das gleiche gilt für die sinnliche Wahrnehmung anderer Körper. Ganz anders – insbesondere in ihrer höchsten Form, die Spinoza «unmittelbare Anschauung» nennt – die Vernunft! Sie vermittelt nur adäquate Ideen, sie liefert nicht verworrene Erkenntnis der Dinge in ihrer Vereinzelung, sondern betrachtet alles in seinem ewigen, notwendigen Zusammenhang.» Zitatende. Indem Spinoza an der Vernunft nicht zweifelt, sondern sagt, dass die Vernunft die Dinge rein, adäquat erfasst, begreift er sie in ihrer gesetzmässigen Notwendigkeit. Zitat: «Da man das, was man als notwendig begreift, von dem man also eingesehen hat, dass es so sein muss und nicht anders sein kann, auch bejahen muss, ist Einsehen gleich Bejahen, Bejahen ist aber nichts anderes als Wollen (dies lehrte schon Descartes). Was wir zweifelsfrei erkannt haben, dem stehen wir nicht mehr als einem von aussen an uns Herantretenden, nicht gewünschten gegenüber, vielmehr steht es vor uns als ein von uns selbst Gebilligtes, Bejahtes, Gewolltes. Wir sind ihm gegenüber nicht unfrei, leidend, sondern selbstbestimmend und frei! Der Mensch gelangt daher nur dadurch zu immer höherer Freiheit – und dies ist zugleich die einzige Art von Freiheit, die er erlangen kann -, und er vermag sich damit in immer zunehmendem Masse vom Leiden zu befreien, indem er erkennt. Da alles was notwendig ist, Gottes Wille ist (denn Gottes Wille und das Notwendige sind ja eins), so ist fortschreitendes Erkennen und Bejahen des Notwendigen zugleich wachsende Liebe zu Gott und Fügung in seinen Willen. Diesen höchsten dem Menschen erreichbaren Zustand nennt Spinoza «amor Dei intellectualis», geistige Liebe zu Gott». Sie ist zugleich eine «amor fati», eine Liebe zum unabänderlichen Schicksal. Auch Religion und Seligkeit bestehen nur in der selbstverständlichen Hingabe des Menschen an das Notwendige, das heisst an den Willen Gottes. In diesem Sinne ist, wie der Schlusssatz der Ethik sagt, die Seligkeit nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst ist die Seligkeit.» Zitatende


Politik
Die politische Anschauung Spinozas streift Joachim Störig nur kurz wie folgt: Spinoza fordert Geistes-, das heisst Rede- und Gedankenfreiheit im Staat. Zitat: «er begründet dies durchaus mit Erwägungen der Vernunft: Nachdem die Menschen sich zur staatlichen Gemeinschaft zusammengeschlossen und dieser Macht übertragen haben, reicht für sie als Staatsbürger nicht mehr ihr Recht einfach so weit wie ihre Macht – wie es der Fall ist, solange der Einzelne dem Einzelnen gegenübersteht. Sie haben sich zugunsten des Staates eines Teils ihrer Macht und damit ihres Rechts entäussert, dafür aber Sicherheit gewonnen. Der Staat selbst befindet sich aber weiterhin sozusagen im Naturzustand, in welchem alles, was möglich, auch erlaubt ist. Dies gilt für das Verhältnis des Staates zu anderen Staaten. Verträge binden ihn stets nur so lang, wie ihre Einhaltung ihm vorteilhaft erscheint. Es gilt aber auch für die Macht des Staates nach innen, gegenüber seinen Bürgern. Sein Recht reicht so weit wie seine Macht. In seiner Macht liegt alles, was er erzwingen kann. Da religiöse und wissenschaftliche Überzeugungen zum Beispiel nicht erzwungen werden können, würde der Staat die Grenze seiner Macht und damit seines Rechts überschreiten und sich nur lächerlich machen, wenn er es versuchen würde. Jede mögliche Freiheit zu gewähren, ist für den Staat auch insofern ein Gebot der Klugheit, als die Menschen ihrer Natur nach nichts weniger vertragen können, als dass Meinungen, die sie für wahr haben, als Verbrechen gelten sollen.

Nachwirkung Spinozas – Kritik
Zitat: «Die Wirkung Spinozas auf die Nachwelt setzte nach seinem Tode nicht sogleich in voller Stärke ein. Wie zu Lebzeiten wurde er auch nach seinem Tode gehasst, verspottet und verboten. Das Judentum hatte ihn ausgestossen, die katholische Kirche setzte seine Werke auf den Index der verbotenen Bücher. In Deutschland wurde sein Einfluss zunächst auch durch die fast gleichzeitig entstandene Philosophie Leibniz zurückgehalten, Wie weit sein Einfluss unter der Oberfläche trotzdem reichte, lässt sich ermessen an der Zahl der Streit- und Widerlegungsschriften, die immer wieder gegen ihn erschienen. In Deutschland war der grosse Dichter und Kritiker Lessing der erste, der Spinoza öffentlich Achtung zollte. Ihm folgten Herder und Goethe, der sich ausdrücklich zu ihm und seiner Lehre bekannt hat. Zu den Philosophen, auf die Spinozas Gedanken eingewirkt haben, gehören unter anderen Schopenhauer, Nietzsche und Bergson….

Das Werk Spinozas ist, wie es nicht anders sein kann, Ausdruck seiner Persönlichkeit und seines Schicksals. Niemand kann dem entgehen… die Herkunft Spinozas prägt sich aus in einem Wesenszug seiner Philosophie, den man orientalisch nennen kann. Ein Zug fatalistischer Ergebenheit, der zu lässiger Tatenlosigkeit freilich nicht führen muss, aber doch leicht führen kann, ist in ihr enthalten. Man hat Spinozas Lehre daher auch mit der Buddhas verglichen. Seiner Herkunft und seinem Schicksal gleichermassen ist es wohl zuzuschreiben, dass in seinem System Wert und Bedeutung der natürlichen menschlichen Lebensgemeinschaften Ehe, Familie und Volk keine rechte Stätte haben. Spinoza war ferner eine so theoretisch gerichtete Natur, dass für ihn das Verstehen mit dem Bejahen zusammenfiel. Er konnte sich kaum vorstellen, dass ein Mensch das, was ihm die Erkenntnis als zwingende Einsicht lieferte, trotzdem nicht anerkennen und bejahen sollte. Für ihn wurde tatsächlich «die Erkenntnis selbst zum Affekt». Endlich ist es aus seinem Charakter wie aus seinem Schicksal der Ausgestossenheit und Vereinsamung zu begreifen, dass Spinoza es niemals für möglich und daher auch nicht für erstrebenswert hielt, den natürlichen Egoismus des Menschen zu überwinden, und dass ihm der Gedanke, ein Mensch könne sich für einen anderen aufopfern, absurd erschien. Dies unterscheidet ihn auch, trotz Gleichklangs in mancher anderen Hinsicht, vom Kern des Christentums.
 

wirena

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Gottfried Wilhelm Leibniz
, 1646-1716
Leibniz wurde während des Dreissigjährigen Krieges, kurz vor Abschluss des Westfälischen Friedens in Leipzig, Kurfürstentum Sachsen geboren. Bereits in der Kindheit erhielt er eine umfassende Bildung und wurde mit 15 Jahren an die Universität zugelassen. Mit 17 Jahren erhielt er den Bachelor und mit zwanzig Jahren den Doktorgrad. Die ihm angebotene Hochschullaufbahn schlug er aus. Er hat auch später nie ein wissenschaftliches Lehramt angenommen. Leibniz wandte sich der Politik zu und hatte den Plan, den französischen König Luwig XIV. welcher die Niederlande und Deutschland bedrohte, dazu zu bewegen, vereint mit den Staaten des christlichen Europas, sich gegen die nichtchristliche Welt zu wenden. Dazu ging er im Auftrag des Kurfürsten von Boineburg nach Paris. Er hatte jedoch keinen Erfolg. Die Zeit der «Kreuzzüge» war vorbei.

Währen des vierjährigen Aufenthalts in Paris studierte Leibniz Descartes, las Spinozas Ethik im Manuskript, knüpfte Bekanntschaft mit Huyghens, von dem er in die Tiefen der mathematischen Wissenschaft eingeführt wurde und lernte unter anderen auch Arnould, den damaligen Hauptvertreter der Jansenisten kennen. Leibniz erfand in Paris auch die Differentialrechnung und pflegte sein ganzes Leben einen angeregten Briefwechsel mit zahlreichen bedeutenden Männern. Dies war eine der wichtigsten Quellen für die Kenntnis seines Denkens. Leibniz kannte und besuchte auch Spinoza.

1676 ging Leibniz als Bibliothekar und Berater des Hofes nach Hannover. Diese Stadt wurde seine zweite Heimat und er hat sie in den folgenden Jahren nur zu ausgedehnten Reisen nach Berlin, Wien und Rom verlassen. Die im Jahre 1700 gegründete Berliner Akademie der Wissenschaften geht auf Leibniz Anregung zurück. Er war auch in Kontakt mit dem russischen Zar Peter dem Grossen. Leibniz wollte den wissenschaftlichen und kulturellen Austausch unter den Nationen fördern. Er hatte auch Kenntnisse der chinesischen Geisteswelt. Doch seine Pläne wurden grösstenteils nicht verwirklicht. Insbesondere wollte er nach wie vor die Katholiken mit den Protestanten und später die Lutheraner und die Reformierten wieder vereinigen, was ihm nicht gelang. Zur Förderung dieses Planes hatte Leibniz Schriften verfasst, in denen er das Konfessionen Verbindende besonders betont.

In Hannover, im Dienst der Kurfürsten, arbeitete Leibniz vor allem als Staatrechtler und Historiker. Nach langjährigem Quellenstudium verfasste er ein umfangreiches Geschichtswerk, das zu den besten seiner Zeit gehört
. Seine mathematischen und philosophischen Arbeiten gingen daneben weiter. Seine vielfältigen Interessen hinderten ihn oft, Begonnenes zu vollenden. Gegen Ende seines Lebens fiel Leibniz in Ungnade und verstarb 1716 verbittert und vereinsamt.

Dass Leibniz Wirken, vor allem auf philosophischem Gebiet zunächst nicht die ihrer Bedeutung entsprechende Würdigung fand, hatte seinen Grund zum grossen Teil darin, Zitat: «dass er selbst sein philosophisches System niemals vollständig im Zusammenhang dargestellt hat. An zahllosen verstreuten Stellen in Briefen und kleineren Abhandlungen, die teilweise erst Jahrzehnte später gedruckt und damit der Öffentlichkeit zugänglich wurden, hat er seine philosophischen Gedanken niedergelegt. Das gilt namentlich für die erste, vorbereitende Periode in der Entwicklung seiner philosophischen Anschauungen, die bis zum Jahre 1695 reicht. In der zweiten Periode der vollen Ausbildung und Ausreifung hat er einige Schriften verfasst, in denen wenigstens wesentliche Teile des Systems zusammenfassend behandelt sind. Zu nennen ist zuerst der 1695 veröffentlichte Aufsatz «Neues System der Natur». Die hier niedergelegten Gedanken sind fortgeführt in der «Monadologie» und den «Prinzipien der Natur und der Gnade», verfasst in den Jahren 1712 bis 1714, in Wien für den Prinzen Eugen. Dazwischen lieg die Abfassung zweier weiterer bedeutsamer Schriften philosophischen Charakters, die beide einen polemischen Zweck verfolgen. Die «Neuen Versuche über den menschlichen Verstand», erst nach Leibniz Tode veröffentlicht, sind gegen den Engländer Locke Gerichtet. Leibnizens bekannteste Schrift, die «Theodizee» (über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und der Ursprung des Bösen), richtet sich gegen den französischen Skeptiker Bayle. Sie entstand aus Unterhaltungen mit der Königin von Preussen. Die spätere Forschung hat versucht, die von Leibniz hinterlassenen Bruchstücke zu einem Ganzen zusammenzufügen – eine schwierige Aufgabe nicht nur wegen der Verstreutheit der Quellen, sondern auch wegen der Widersprüche, welche von Leibniz, der niemals Zeit fand, das Ganze seines Systems in Ruhe zu überdenken, nicht bemerkt oder jedenfalls nicht ausgeräumt worden sind.» Zitatende

Die Monadenlehre
Das Hauptwerk von Leibniz der Metaphysik ist die Lehre von den Monaden. Descartes ging von einem körperlichen und einem ausgedehnten Substanzbegriff aus und, dass alle Naturerscheinungen sich mit den Begriffen der Ausdehnung und Bewegung erklären lassen, und hat ein Gesetzt von der "Erhaltung der Bewegung» formuliert. Leibniz sagt dagegen: Zitat «Betrachtet man die Körperwelt unter dem Gesichtspunkt der Ausdehnung, so ist «Bewegung» nichts weiter als Veränderung in den Nachbarschaftsverhältnissen der Körper, Verschiebung von Teilen des Raumes untereinander. Wie kann ich dann überhaupt Bewegung objektiv feststellen? Offenbar gar nicht. Bewegung ist etwas rein Relatives, welcher Körper bewegt erscheint und welcher nicht, hängt allein vom Standpunkt des Betrachters abMan kann nicht die Bewegung vom Begriff der Kraft trennen. Ohne die hinter der Bewegung stehende und sie verursachende Kraft verflüchtigt sich die Bewegung zu einem reinen Schattenspiel. Die Kraft (wir würden sagen Energie) ist das eigentlich Reale…. Geht ein bewegter Körper in Ruhe über, so hört wohl die Bewegung auf, aber der Körper hört deshalb nicht auf, Kraft zu sein oder Kraft darzustellen. Nur ist die in ihm wirkende Kraft jetzt in eine andere Form (wir würden sagen in potentielle Energie) übergegangen. Es gibt deshalb kein Gesetz von der Erhaltung der Bewegung, sondern von der Erhaltung der Kraft.

Leibniz kritisiert die Descartesche Auffassung der ausgedehnten Substanz noch unter einem zweiten Gesichtspunkt, dem der Kontinuität und Teilbarkeit. Der mathematische Raum ist ein Kontinuum und unendlich teilbar. Fasse ich mit Descartes die Körperwelt rein geometrisch als Ausdehnung auf, so muss die Materie auch ein Kontinuum und ins Unendliche teilbar sein. Leibniz erkennt, dass die Materie im Sinne der Physik, noch etwas anderes ist als der Raum im Sinne der Stereometrie (Raumgeometrie). Das Kontinuum im Sinne der Mathematik ist eine ideelle Vorstellung. Es hat keine wirklichen Teile. Es kann beliebig geteilt werden, aber eben, weil es eine Vorstellung ist, in Gedanken. Die wirkliche Materie ist nicht mit blosser Ausdehnung gleichzusetzen. Das beweist schon, worauf Leibniz ausdrücklich verweist, die den Körpern innewohnende Trägheit, die mit dem blossen Begriff der Ausdehnung nicht erfasst wird. Die Wirklichkeit kann nur aus echten Teilen bestehen, und diese können keineswegs beliebig teilbar sein. Das scheint nun auf die alte Atomtheorie hinzuführen, wie sie die Griechen ausgebildet hatten und wie sie gerade kurz vor Leibnizens Zeit von dem französischen Physiker und Naturphilosophen Pierre Cassendi (1592-1655), dem Gegner Descartes, erneuert worden war. Aber der alte Atombegriff genügt Leibniz nicht. Wie Leibniz allgemein die Berechtigung der mechanischen Naturerklärung, zum Beispiel eines Galilei, zwar nachdrücklich verficht, davon aber doch über diese hinausstrebt in der Überzeugung, dass ihre Prinzipien nicht auf sich selbst, sondern auf letzten metaphysischen Begriffen ruhen, so auch hier, Leibniz verbindet den mechanistischen Atombegriff mit dem aristotelischen Begriff der Entelechie, der beseelenden und formenden Kraft, und kommt so zu einem Begriff der Monade, wobei er den Ausdruck, der sprachlich weiter nichts bedeutet als «Einheit», wahrscheinlich von Giordano Bruno entlehnt.

Was sind Monaden? Man kommt der Sache am nächsten, wenn man sich die eine unendliche Substanz des Spinozas in unzählig viele punktuelle, individuelle Substanzen zerlegt denkt. In der Tat sagt Leibniz: «Spinoza hätte recht, wenn es nicht die Moaden gäbe» - Die Monade lässt sich unter vier Gesichtspunkten betrachten:

  • Die Monaden sind Punkte. Das heisst, der eigentliche Urgrund des Seienden sind punktförmige Substanzen. Er besteht also nicht in einem Kontinuum. Das scheint der sinnlichen Anschauung zu widersprechen in der uns die Materie als ein ausgedehntes, den Raum erfüllendes Kontinuum erscheint. Leibniz behauptet, dass dieser sinnliche Eindruck täuscht. Darin hat ihm die neuere Naturforschung unbedingt recht gegeben. Es muss bemerkt werden, dass die gerade erfolgte Erfindung des Mikroskops auf Leibniz grossen Eindruck gemacht hatte. Der tiefere Blick in die Struktur der Materie, den es ermöglichte, bestätigte ihm seine Auffassung.

  • Die Monaden sind Kräfte, Kraftzentren. Ein Körper ist nach Leibniz nichts anderes als ein Komplex von punktuellen Kraftzentren. Wiederum hat ihm nicht nur die weitere Entwicklung der kritischen Philosophie durch Kant und Schopenhauer, sondern vor allem die spätere Naturforschung selbst recht gegeben.

  • Die Monaden sind Seelen. Die punktuellen Ursubstanzen sind durchgängig beseelt zu denken, allerdings in verschiedenem Grad. Die niedersten Monaden sind gleichsam in einem träumenden oder betäubten Zustand. Sie haben nur dunkle, unbewusste Vorstellungen. Die höheren Monaden, wie die Menschenseele, haben Bewusstsein. Die höchste Monade, Gott, hat ein unendliches Bewusstsein, Allwissenheit.

  • Die Monaden bilden Individuen. Es gibt nicht zwei gleiche Monaden. Die Monaden bilden eine lückenlose, kontinuierliche Reihe von der höchsten göttlichen Monade bis zur einfachsten. Jede hat darin ihren unverwechselbaren Platz, jede spiegelt das Universum auf ihre eigene, einmalige Weise, und jede ist potentiell, der Möglichkeit nach, ein Spiegel des ganzen Universums. Die Monaden sind Individuen auch insofern, als sie nach aussen abgeschlossen sind. Sie haben «keine Fenster». Alles, was mit und in der Monade geschieht, folgt aus ihr selbst und ihrem Wesen, ist durch den göttlichen Schöpfungsakt, durch welchen die Monaden aus der einen göttlichen Urmonade hervorgingen, in ihr angelegt.

Die prästabilierte Harmonie
Für Descartes gab es zwei Substanzen, Denken und Ausdehnung. Ihr Verhältnis zueinander, vor allem im Menschen, war für ihn schwierig zu erklären gewesen. Für Leibniz gibt es unendlich viele Substanzen, eben die Monaden. Jede Monade hat ihre eigene Vorstellungswelt. Die ganze Welt besteht aus nichts als den Monaden und ihren Vorstellungen. Nur bilden aber alle Monaden zusammen das harmonische Ganze der Welt. Wie ist es zu erklären, dass die Vorstellungen, welche jede Monade für sich und rein aus sich selbst entwickelt, doch insoweit übereinstimmen, dass zum Beispiel wir Menschen uns in einer gemeinsamen Welt finden und in ihr uns denkend und handelnd orientieren? Das kann nicht aus den Monaden selbst erklärt werden. Es wäre ja auch denkbar, dass die Monaden so beschaffen wären, dass keinerlei Übereinstimmung zwischen ihren verschiedenen «Welten» stattfände. Es kann nur erklärt werden aus dem Urgrund, dem alle Monaden entstammen, aus der Gottheit.

Leibniz hat seine Ansicht durch das berühmte «Uhrengleichnis» verdeutlicht, das allerdings nicht von ihm erfunden ist, sondern von Geulincx.
Man denke sich zwei Uhren, die fortlaufend ohne die geringste Abweisung übereinstimmen. Die Übereinstimmung kann auf dreierlei Art herbeigeführt sein:

Entweder die beiden Werke sind durch eine technische Vorrichtung so miteinander verbunden, dass das eine vom andern mechanisch abhängig ist und daher nicht von ihm abweisen kann. Oder es ist ein beaufsichtigender Mechaniker vorhanden, der beide fortlaufend reguliert. Oder, drittens, die beiden Uhren sind mit solcher Kunstfertigkeit und Präzision gemacht, dass eine Abweichung ausgeschlossen ist.

Auf das Verhältnis verschiedener «Substanzen» angewandt, bedeutet das: Entweder es muss eine gegenseitige Einwirkung zwischen ihnen stattfinden. Descartes stand vor dem Dilemma, dass er die augenfällige Tatsache des Zusammenklangs seiner beiden Substanzen, vor allem von Psychischem und Physischem im Menschen, nicht leugnen, eine Einwirkung der einen auf die andere aber auch nicht gutheissen konnte, denn er war von zwei Substanzen ausgegangen, die ihrem Begriff nach nicht miteinander gemein haben. Hier halfen sich die Occasionalisten mit der zweiten Annahme. Sie setzten Gott in die Rolle des beaufsichtigenden Mechanikers, der durch immer neue Eingriffe die Übereinstimmung herstellt. Beide Wege waren für Leibniz nicht gangbar, denn seine Monaden sind fensterlos und unabhängig voneinander, und die occasionalistische Theorie scheint ihm einen Deus ex machina einzuführen, in einer Frage, die auf natürlichere Weise zu erklären sein muss. So greift er zu der dritten Möglichkeit, »dass nämlich Gott von Anbeginn an jede der beiden Substanzen so geschaffen hat, dass eine jede, indem sie nur ihre eigenen Gesetze befolgt, die sie zugleich mit ihrem Dasein empfangen hat, mit der anderen genau ebenso in Übereinstimmung bleibt, als wenn ein gegenseitiger Einfluss stattfände oder als wenn Gott immer mit seiner Hand eingriffe…» Das ist eine Lehre von prästabilierten (das heisst, von Gott in voraus angelegten) Harmonie.

…Es gibt aber noch eine andere, einfachere Möglichkeit und diese hatte Spinoza gewählt. Für diesen gibt es keine zwei Uhren, nämlich keine zwei getrennten Substanzen. Es gibt nur die eine göttliche Substanz, und wenn wir die «Harmonie» zwischen den Vorgängen des Denkens und der Körperwelt feststellen, so ist diese nicht verwunderlich und bedarf keiner weiteren Erklärung, da ja beide nur «Attribute» der einen Substanz sind, da der eine Gott sich einmal unter dem Attribut des Denkens, das andere Mal unter dem der Ausdehnung offenbart. Für Spinoza gibt es nicht zwei Uhren, sondern gewissermassen nur eine Uhr, mit zwei vom gleichen Werk abhängigen Zifferblättern (oder mit mehreren, aber wir sehen nur diese zwei). Den Weg Spinozas konnte Leibniz nicht betreten. Er hätte ihn folgerichtig in den spinozistischen Pantheismus geführt, für den die Welt in Gott wie Gott in der Welt ist, für den Gott und Welt zusammenfallen. Leibniz hält an der christlichen «theistischen» Überzeugung von einem ausserhalb und über der Welt stehenden Gott fest. Er bedarf daher der zwar grossartigen, gegenüber Spinoza aber doch etwas künstlich anmuteten Lehre von der prästabilierten Harmonie, die nach seinen Worten «darauf hinausläuft, dass die Körper wirken, als wenn es gar keine Seelen gäbe, und dass die Seelen wirken, als wenn es gar keine Körper gäbe, und dass alle beide wirken, als wenn sie sich gegenseitig beeinflussten.»


Theodizee

Leibniz ist überzeugt, dass Gott bei seiner Schöpfung, unter allen möglichen Welten die beste geschaffen habe…. Wie kommt es aber dann, dass in dieser vollkommensten aller Welten übergenug an Leiden, Unvollkommenheiten und Sünde vorhanden ist?....Leibniz unterscheidet drei Arten des Übels. Das metaphysische, das physische und das moralische Übel. Das metaphysische Übel besteht letztlich in der Endlichkeit unserer Welt. Diese war nicht zu vermeiden, wenn Gott eine «Welt» schaffen sollte. Das physische Übel, also Leiden und Schmerz jeder Art, geht mit Notwendigkeit aus dem metaphysischen hervor. Da geschaffene Wesen nur unvollkommen sein können (wären sie vollkommen, so wären sie nicht geschaffene Wesen, sondern Gott gleich), so können auch die ihnen eigenen Empfindungen nicht vollkommen sein; es müssen auch solche der Unvollkommenheit, eben der Unlust und des Leidens, unter ihnen sein. Ähnliches gilt im Grunde für das moralische Übel. Ein geschaffenes Wesen muss in seiner Unvollkommenheit notwendig fehlen und sündigen, vor allem wenn ihm Gott die Gabe der Freiheit verliehen hat.» Zitatende


Einiges zur Kritik – Fortbildung und Fortwirkung
Da Leibniz mit seinem Denken nie zu Ende kam, weist sein System innere Widersprüche auf, die er möglicherweise bei konsequenter Durchführung hätte beseitigen können. Dazu kommt sein Festhalten an eingewurzelter religiöser Überzeugung und Anerkennung der neuen Naturerkenntnis, die teilweise nicht vereinbar sind. Zum Beispiel: In Bezug auf den Raum lehrt Leibniz auf der einen Seite, dass die Welt nur aus den ausdehnungslosen Monaden und ihren Vorstellungen und sonst nicht besteht. Zitat:» Wenn uns die Sinnesanschauung die Welt als ein im Raum ausgedehntes Kontinuum zeigt, so ist das eine Täuschung, denn in Wahrheit ist das scheinbare Kontinuum ein Komplex von punktuellen Monaden.» Das ist reiner Idealismus und entspricht einer Leugnung der Realität des Raumes. Ein Widerspruch besteht auch zwischen dem Gedanken der prästabilierten Harmonie, welcher nämlich einen Determinismus einschliesst, da Gott ja den gesamten Ablauf im vornhinein festgelegt hat, und der Anerkennung der menschlichen Willensfreiheit, wie sie die Theodizee enthält. Etc. Eine Versöhnung dieser Widersprüche auf einer höheren Ebene ist allerdings nicht ausgeschlossen.... Solche Kritik darf nicht dazu verleiten, die Grösse und den gewaltigen Einfluss der Leibnizschen Grundgedanken zu verkennen…. Die Hauptgedanken, auf denen das System ruht und die auch in der auf Leibniz folgenden Entwicklung der Philosophie eine zentrale Stelle einnehmen, sind wie folgt zusammengefasst worden:

  • Der Gedanke der vollkommenen Vernunftmässigkeit des Universums, das heisst seiner logischen Gesetzlichkeit
  • Der Gedanke der selbständigen Bedeutung des Individuellen im Universum
  • Der Gedanke der vollkommenen Harmonie aller Dinge
  • Der Gedanke der quantitativen und qualitativen Unendlichkeit des Universums
  • Der Gedanke der mechanistischen Naturerklärung

Da Leibniz nicht öffentlich lehrte und auch sein System nicht systematisch dargelegt hat, hat er keine philosophische «Schule» im eigentlichen Sinne hinterlassen. Seine Gedanken hätten die weitreichende Wirkung, die sie tatsächlich bald nach seinem Tode erlangten, wahrscheinlich niemals gehabt, wenn nicht einer seiner Nachfolger den Versuch unternommen hätte, das nachzuholen, was Leibniz selbst versäumt hatte, nämlich seine Gedanken in ein durchgebildetes System zu bringen und weiteste Kreise bekanntzumachen. Es war Christian Wolff (1679-1754), Professor in Halle und Marburg. Das von ihm ausgebildete sogenannte «Leibniz-Wolffsche System» bildete die Grundlage der deutschen Philosophie des 18. Jahrhunderts bis an die Zeit Kants.
 

wirena

Mitglied
Wenn ich die Gedanken von Leibniz weiter denke, Zitat:
  • «Die höheren Monaden, wie die Menschenseele, haben Bewusstsein
  • Die Monaden bilden Individuen
  • Jede spiegelt das Universum auf ihre eigene, einmalige Weise, und jede ist potentiell, der Möglichkeit nach, ein Spiegel des ganzen Universums
  • Alles, was mit und in der Monade geschieht, folgt aus ihr selbst und ihrem Wesen» Zitatende
dann komme ich zum Schluss:

dass das Universum im Menschen über sich selbst, über seinen Ursprung nachdenkt.
 



 
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