Geh-schichten von der Via de la Plata

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Cellist

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Eine tolle Idee und ein ganz toller Thread. Ich habe nun mit den letzten Beiträgen begonnen, werde mich nun bis zum Anfang durchlesen. Stil und Schreibweise kommen authentisch rüber.
heins Anregung mittendrin (je Story ein neuer Thead) war so dumm nicht. Aber auch so werde ich ganz gewiss weiter folgen.

LG
Cellist
 
heins Anregung mittendrin (je Story ein neuer Thead) war so dumm nicht.
Das ist aus meiner Sicht nicht so, Cellist. Es handelt sich nicht um "Storys", sondern um eine lange zusammenhängende Reise. Bei Einzelthreads würde erfahrungsgemäß deren chronologische Reihenfolge bald zerstört. Vieles in den Einzeltexten bezieht sich aufeinander. In einem Gesamttext kann man viel leichter zurückspringen und sich den Zusammenhang verdeutlichen. So habe ich gestern z.B. alle früheren Erwähnungen jenes John aus Wisconsin gezielt gesucht und auf diese Weise auch leicht gefunden.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 

John Wein

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Freitag, 3. Mai, Villa Franca de los Barros

Carmen



„Buenas días“, „Buenas días Caballero, ¿qué tal?'“

Sie ist noch jung genug, um älter aussehen zu wollen und mit einer piepsigen Mädchenstimme ausgestattet,

„Danke Carmencita, und ihnen?“

„muy bien, gracias“.

Sie lächelt zu mir herüber, ein noch unverbrauchtes Frühmorgenlächeln,

„¿desayuno?“.

Ich bin in der Hotelbar ihr erster und einziger ‚cliente‘. Exakt gereiht wie eine militärische Formation warten auf dem Tresen zwei Dutzend Kaffeetassen für den Morgenkaffee, auf den dazugehörigen Untertassen liegt jeweils ein Löffel.

“¿cafe?“

„¡Si!“, entgegne ich, „cafe con leche“.

Ich bin verliebt in die spanische Sprache, den feurigen Klang im Stakkato mit dem rollenden R. Manchmal möchte ich nur zuhören und dann kann ich mich leicht im Wasserfall meines Gegenübers verlieren. Die Mischung aus Corrida und Flamenco hat es mir angetan, dabei sind meine Kenntnisse des Spanischen eigentlich begrenzt.

„¿A la orden?“,

„¡Si!“,

„¿quieres comer algo?“

„¡Si, si!“

Sie setzt an zu einem Höhenflug, beugt sich über mich, während ich gerade noch gedanklich zwischen Mantequilla und Mermelada feststecke. Meine Augen verlieren sich in ihrer mit einem Monogramm bestickten, nur unzureichend geknöpften Bluse. Über ihren Kirschmund purzeln die Worte im Dreivierteltakt. Ich beiße mich an meinen Gedanken fest, alle Aufmerksamkeit auf ihre Fragen fährt in eine ferne Unendlichkeit.

„Si, si“stammelt es aus mir heraus „si mermelada“ und ertrinkt in ihrem Wortschwall zwischen melocotón und fresa.

„¿Tostado?“ Ob ich das getoastet haben möchte?

Wie jetzt? Meiner Verlegenheit höchst bewusst, lächelt der Schalk aus ihr. Sie schneidet ein Brötchen in zwei Hälften und zeigt mir die Gesichter.

„¡Si, eh,… mam…da!“

Ich bemerke den Flirtcharakter ihres Lächelns, mir wird heiß. Eine heimtückische Röte huscht über mein Gesicht, der Verrat meiner Phantasie. Lieber Gott nochmal, ich stehe zu meinem Jahrgang, wann zuletzt bin ich dermaßen angeflirtet worden?! Die Situation ist verwirrend, ich fühle mich in unruhigem Fahrwasser. Verlegen suche ich nach einer plausiblen Erklärung dessen, was hier aus einem harmlosen Frage- und Antwortspiel geschehen ist. Sie lacht laut und in einem fort und während ich noch reflektiere und nach Fassung suche, bricht es auch aus mir impulsiv und ungeschützt heraus. Sie prustet, eine Träne perlt über ihre Wange. Wann hat man in einer Bar ähnliches an einem ganz normalen Morgen schon einmal vernommen?!

Ein Taxista tritt ein, verdattert der Situation geschuldet, empfindet er in seiner Verlegenheit das Gelächter auf seine Person gerichtet. Es katapultiert die ganze Chose für uns in noch höhere Sphären der Heiterkeit. Ich schlage mir auf die Schenkel, die junge Frau versteckt sich hinter ihren Händen. Meine Augen kommen ins Schwimmen. Der Taxista dreht auf der Hacke, bekreuzigt sich und sucht das Heil in der Tür. Draußen vernimmt man ein Martinshorn. Nein, es war nicht diesem bizarren Unfall in der Bar geschuldet!

Was man so alles erlebt, auf einem ganz gewöhnlichen Jakobsweg! Das muss man sich einfach mal vorstellen!

Nie, hier bin ich mir sicher, ist ein Pilger mit einem so quietschvergnügten Frühstücksgefühl hinaus auf seinen Weg gegangen, wie der Autor an diesem Morgen in Villafranca de los Barros.

„¡Adíos, Carmencíta!" „¡Hasta luego, Señor!"
 
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John Wein

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Freitag, 3. Mai, Villafranca de los Borros – Almendralejo, 18 km

Almendralejo: Der Mitteleuropäer braucht seine Zeit, die fünf Vokale in diesen Namen in seinem Kopf zu verarbeiten und reihenfolge- und betonungsmäßig richtig auszusprechen. Dabei ist es eigentlich gut zu verstehen, wenn man den Namen einfach mal entknotet. Almendra heißt auf Deutsch Mandel und lejo heißt weit, ich gehe also heute nach Mandelweit. Schön ist die Welt! Almendralejo liegt vier Kilometer abseits des Camino auf dem Weg nach Mérida in der großen Weite der Tierra de Barros, eine flache Schüssel mit endlos langen Geraden. In Torremija, der traditionelle Etappenort auf dem Weg, war kein Zimmer frei gewesen.

In der Morgensonne präsentiert sich die Strecke eintönig und platt. Ringsum dominieren Reben, reiht sich eine Plantage an die andere bis zu den Horizonten und die hat man in alle Himmelsrichtungen weit, sehr weit auseinandergeschoben. Schatten gibt es natürlich auch wieder nicht, es sei denn der eigene, doch auch der ist dürftig. Hier sollte sich der Wanderer gut mit Wasser versorgen, 2 Liter sind bei der Hitze unbedingt geboten.

Die Stille ist zum Greifen, kein Vogel zwitschert hier, keine Biene summt. Nur das Tack, Tack, Tack meiner Schritte begleitet mich durch die Monokulturen. Auf roter Scholle reift unter der südlichen Sonne die Lage Ribero Guadiana bis zur Augengrenze. In der Tageshitze arbeite ich mich Kilometer um Kilometer vor. Die langen Geraden sind ermüdend, man erkennt kaum einmal das Ende. Ich frage mich manchmal, was macht die Via de la Plata eigentlich so speziell!? Diese Passagen sind eine psychische Herausforderung, eine Tortur. Hin und wieder passiert ein landwirtschaftliches Fahrzeug, wirbelt und bläst mir eine dichte Staubfahne ins verschwitzte Gesicht. Es ist eine Herausforderung! Doch wenn ich‘s bedenke, viele Pilger berichten von schlammigen Wegen bei Regen und pfundschweren Lehmplacken unter der Sohle, da habe ich es trotzdem noch einigermaßen passabel getroffen.

Es ist 12 Uhr mittags. Seit einer Stunde suche ich verzweifelt Schatten für eine Erholung und Rast. Die stählernen Telegraphenmasten auf ihrem Betonsockel sind wenig geeignet. Da ist schließlich ein Stock Opuntien, der mich anzieht. Er ziert das Tor eines scheinbar unbewohnten Gehöfts. Ich streife den Rucksack von der Schulter und setzte mich in den dürftigen Schatten auf das Mäuerchen am Zaun. Augenblicklich entlädt sich hinter meinem Rücken mehrfaches, wütendes Gekläff. Ich erschrecke, lasse es aber mit fatalistischer Ergebenheit und stoischem Ertragen geschehen, es ist gibt einfach keinen besseren Ort zum Ausruhen. Die Wächter machen auch nur ihren Job in diesem trostlosen Glutofen.

Bei Tageskilometer 15 erreiche ich um 13 Uhr endlich die Landstraße nach Almendralejo, verlasse den Originalweg und gehe am Rand der Fahrbahn zu meinem Etappenort. Es ist keine Erleichterung, denn die heiße Luft hat den Asphalt aufgeweicht und der Teer schwitzt und stinkt seinen Dunst in die Natur. Über dem flirrenden Straßenbelag, eine Fata Morgana, grüßen in der Ferne die Türme der Kleinstadt. Noch ziehen sich zwei mühsame Wegstunden zum Ziel. Zu meinem Logis am gegenüberliegenden Stadtrand, begleiten mich Industrie und von der Siesta entleerte Häuserschluchten. Niemand heißt mich willkommen, doch ich habe es wieder einmal geschafft.

Ich öffne die schweren Vorhänge im dritten Obergeschoss des Hotels Acosta und augenblicklich von der Sonne geblendet bläst mir ein Luftschwall seine Glut mitten ins Gesicht. Intuitiv ohne Zögern raffe ich den Stoff. Eine arterielle Hypotonie, ein augenblicklicher Schwindel, zwingt mich aufs Bett. Nach kurzer Erholung und Gewöhnung an die Helligkeit, erkenne ich im Spalt der Vorhänge mit den Augen tastend unter mir ein grünes Meer.

Verblüfft schaue ich von oben her über die Ränge auf das Feld eines großen Fußballstadions. Es ist Heimstatt des spanischen Zweitligaclubs UD Extremadura. Natürlich ist heute kein Spiel, sonst hätte man mir dieses Zimmer nie und nimmer zugewiesen. Doch was wäre es für ein Ausklang am späten Abend gewesen, bei einem Estrella oder gern zwei, in „Mandelweit“ einem Match beizuwohnen.

Olé, olé, olé, olé!
 

onivido

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Hola John,
gerade bin ich aufgestanden und schon musste ich die Strapazen dieses Abschnitts ueber mich ergehen lassen und das sogar auf nuechternen Magen. Ich hoffe der naechsteAbschnitt wird erbaulicher.
Saludos///Onivido
 

Isbahan

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Auch ich bin mit dabei @John Wein: Herrlich, so ohne Atemnot, Rucksack und Blasen an den geschundenen Füßen mit schlendern zu dürfen.
Das "Zurück zur Einfachheit" habe ich bereits im täglichen Leben, daher stehe ich nicht so aufs Hunger-Durst-Müde-Pilgern.
Aber mit Dir isses schön, ährlich.
 

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