Samstag, 7. September 2019, Casar de Cacerés - Canãvaral 26km (36)
Heute ist Samstag der 7. September. Es ist halb Acht und noch dunkel. Ich öffne die Läden und sauge die kühle und frische Morgenluft tief in meine Lungen. Die Stille ist zum Greifen. Ich habe lange und fest geschlafen und bin gut erholt. Hinter dem östlichen Horizont ahnt man schon die Sonne, ein schmaler, honigfarbener Streifen liegt über den Kammlinien und bekrönt die Unendlichkeit der Extremadura. Unten im Dorf schlägt ein Hund an. Der neue Tag kündigt sich an und verspricht Hitzerekorde.
Der Cortado ausgezeichnet, er weckt meine Lebensgeister. Ich packe die Siebensachen, schnüre die Stiefel und warte auf das Taxi. Es verkürzt mir die 36 km Etappe um 10 Kilometer zum Stausee des Rio Tajo hin. Die Herberge am See, berichtet man, sei seit Wochen geschlossen. Für die Jungen wäre die gesamte Strecke an einem Tag zu schaffen, aber für mich ist das bei der zu erwartenden Hitze eine TorturDer Fahrer weist mir den, in niedrigem Bewuchs verborgenen, ansteigenden Pfad im Felsgestein und nicht lange, da finde ich mich wieder allein mit einem grandiosen Ausblick über dem Bassin des Tajo. Unter mir, im azurfarbigen Wasser, wirft ein steifer Wind millionenfach Diamanten über den Spiegel des Sees, der mit sich weit ins Land verzweigenden Armen und mit gelbsandig umrahmten Ufern schmückt. Nach langer Dürre ist der Wasserstand auf äußerst niedrigem Niveau, vereinzelt ragen Sandbänke aus der Wasserfläche. Der Rio Tajo, es ist einer der drei Ströme Spaniens, fließt nach Westen und trennt das Land in Nord und Süd, er mündet in Portugal, als Rio Tejo, im atlantischen Ozean.
In weiten Serpentinen steigt der Camino, dann steinig und wenig anstrengend, weiter bergan. Im Nordosten begrenzen die Montes de Monfragüe die Hochebene. Von dort kommen Fallwinde kreuzen und queren sich und wollen mir den Hut vom Kopf reißen. Außer mir ist hier niemand unterwegs. Ich genieße es allein zu gehen, da lenkt mich niemand ab und keiner treibt mich an. Ich kann alle Eindrücke auf mich wirken lassen, meinen Körper spüren, die Natur und Umgebung in mich aufnehmen und werde mit meinen Gedanken und Gefühlen Eins. Alles ist im Einklang.
Im Hegelschen Prinzip wird ein objektives Phänomen, die Wanderlust, streng genommen erst dann real, wenn es seinen Platz in einer subjektiven Struktur findet. Etwas aus der Ferne idealisieren ist das eine, aber den Weg unter die eigenen Füße nehmen, den Alltag einmal hinter sich zu lassen und das unmittelbare Erleben des Seins im Kosmos zwischen Erdnatur und Himmelsnatur zu erleben, diese Selbsterfahrung zu machen, das ist für mich der Antrieb für das Abenteuer Jakobsweg. Was machen da schon die eingestreuten Unwägbarkeiten, die Schmerzen, Hunger und Durst oder die meteorologischen Bedingungen. Der Weg ist nicht einfach, er prüft mich und zeigt mir seine und meine Grenzen. Doch er schenkt mir, mit einem öffnenden Blick aufs Ganze im Leben, auch seine Freundschaft und die immerwährende, summende und zwitschernde Natur gibt es gratis dazu.
In den Corrals links und rechts des Weges und ganz dicht neben mir, liegen dösend und träge ein paar schwarze Stiere. In der Extremadura, habe ich gelesen, werden die feurigsten ihrer Art für die Corrida gezüchtet. Der Zaun garantiert wahrscheinlich geringe Sicherheit, aber diese Kolosse in ihrer ganzen Teilnahmslosigkeit, nehmen keinerlei Notiz von dem Menschlein, das sie in Pose fotografieren möchte. Ihre Aufgaben, welch eine Männlichkeit offenbart ich da, scheinen weniger im Kampf und mehr auf der sexuellen Seite ihrer Lebensbestimmung zu liegen. Ein gesunder Pups ist Antwort genug!
Unter dem fernen Bergklotz, ganz winzig im flimmernden Licht, erkennt man unten auf den Flanken des Massivs, bereits die Dächer von Canãvaral. Der Weg trottet in schattenloser Sonnennatur auf steinigem Untergrund dahin. Taumelnd stolpere ich voran, ein schleichender Prozess des Schwächelns, es wird Zeit zu trinken. Im Wind- und Halbschatten einer baufälligen Weidehütte, ungemütlich zwischen Disteln und hohen Grashalmen gelegen, mache ich eine Rast und fülle meine inneren Tanks mit Wasser und Brennstoff. Lange kann ich hier nicht verweilen, die Sonne steht hoch und die heißen Winde trocknen meine Kehle. Ich schmecke das Salz auf den Lippen, ich muss weiter!
Ein paar lange Kehren bergab, über eine kleine, in die Natur eingewachsene Brücke, dann wieder hinauf, schließlich Asphalt, so empfängt mich Canãveral an der Durchgangsstraße mit seiner weißen, lückenlosen Häuserzeile. Schweißgebadet folge ich dem Straßenverlauf in dem oberen Teil des Dorfes. Kein Mensch außer mir, es ist Siesta, ist jetzt und hier unterwegs.
Ganz hinten, am Ortsausgang liegt das kleine Hostal Malaga, das mir ein Bett für die Nacht verspricht. Ich bin da! Durch die Plastik des Lamellenvorhangs kämpfe ich mich in die Bar. Hier lärmt und palavert Dorfleben. Schnell finde ich den freien Platz an der Theke und bin zu Haus.
„Claro, claro!“
Der Wirt versichert mir beim Abendessen, dass man mir morgen früh, das Frühstück schon um 7 Uhr servieren könne. Ich plane der Nachmittagshitze unterwegs zuvorkommen zu können und bat darum.
„No problem, señor!”
„Pero, pero, mañana es Domingo!“,
werfe ich vorsichtshalber ein.
„Si, si, señor! el restaurante es abierto, si! mañana a la siete, si, si! no problemo, señor, no problemo!“
und um die Verlässlichkeit gebührend zu unterstreichen, fügte er noch einmal hinzu:
„claro, claro!“
Kann ich mich auf dieses claro, claro wirklich verlassen?
Ich schleppe das Gepäck hinauf, öffne die Jalousie und lasse die warme, doch unverbrauchte Abendluft in die stickige Kammer.
Spruch des Tages: Durst ist richtig schön, wenn man einen Platz an der Theke findet!
-Fortsetzung folgt-