Jammerossis Gegenwart

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Scal

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Gestern erhielt ich per Post von einer Freundin das Buch "Die Theorie des Schönen im Mittelalter". Ein Kapitel darin lautet: Mittelalterliche Ästhetik und moderne Poetiken.
Das kam mir heute in den Sinn, nachdem ich deine "Zeit-Bescherung" las.
 
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to binge – (en.) etwas exzessiv, an einem Stück, tun. Im Deutschen, nein, im Denglischen: bingen, doch es klingt wie binschen, wenn die mehr oder weniger jungen Leute damit um sich herreden. Es dauerte eine Weile, bis ich dem Wortsinn auf die Schliche gekommen war. Als ich das erste Mal, das zweite und das dritte Mal jemanden von „binschen“ reden hörte, spitzte ich natürlich die Ohren, suchte nach Verknüpfungen, verstand bzw. ahnte ziemlich schnell, dass es ein Wort oder eine Beschreibung für dieses suchtartige Fernsehserienschauen ist, dem ich selbst mit Eintritt in das Schwerbehindertenleben erlegen war. Ich war ja plötzlich außerstande, erschöpfend sinnvolle Dinge zu tun, die meine Tage füllen könnten. Da war so viel Zeit. Und da war noch so viel Lust/ Interesse an der Welt, an dem, was sie am äußeren Rand auseinandertreibt, … also begann ich zu binschen bzw. bingen bzw. to binge.

Ha! So sieht es also aus, wenn ich mein verändertes Verhalten erforsche. Nun müsste ich meine kleine Forschungsarbeit bzw. mein mickriges Forschungsergebnis Fachleuten vorlegen können, um Bestätigung und/oder Korrektur zu erfahren. Aber erst noch eine geschwollene Bezeichnung meines Forschungsergebnisses:

Kulturzusammenstoß – Erfahrungswerte feststellen – Einordnung, Anwendung

Culture clash – empirical value – classification, application – also:

CC-EV-CA








P.S.
Nun möchte ich mit allen Leser*innen gern AM ROSENMONTAG BIN ICH GEBO-HO-REN singen.
Danke!



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Überarbeitung von #199:


Ich stehe vorm Spiegel. Morgentoilette. Mein Anblick erinnert mich an so einen doofen Frotzelspruch, den ich als Jugendlicher manchmal ertragen musste. „Du siehst ja aus wie’n Lui!“ Ich wusste nie, was ein „Lui“ ist.



ALTER EGO


Louis der Achtundvierzigste ist ein Pariser Stricher –

wildgewellte rotblonde Haare, schlaksig,

unterwürfig wie der Unterste der Hundemeute.

Und er kann nicht singen.



So überwinde ich fünfzig Jahre später eine belanglose Hänselei. Mit einem belanglosen Gedicht.chen.




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Mein WORT ZUM SONNTAG


Gestern zehntausend Leute auf Demonstration in Plauen, heißt es in den Nachrichten.

Plauen. Die fast vergessene kleine Heldenstadt, wo im Herbst 1989 die erste Straßen-Demonstration gegen das SED-Regime der DDR stattfand, noch vor den legendär gewordenen Demos in Leipzig. Auch damals werden schon Gegner jedes demokratischen Gesellschaftsmodells unter den Demonstrierenden gewesen sein. Rechtsextreme Ultranationalisten, naive Monarchiebefürworter, kleinkarierte Separatisten aller Couleur. Damals hielten sie sich aber noch still im Hintergrund, unauffällig. Heute sind sie tonangebend. Es geht nicht nur um Merz, der „weg“ soll. Das in tiefstem Dilemma steckende Parteiensystem soll weg, die Ausländer sollen weg, jegliche staatliche Ausgaben für Dinge, deren Zweck man nicht erkennt oder deren Sinnhaftigkeit man nicht teilt, sollen eingestellt werden – wenn überhaupt Steuergelder erhoben werden, dann für Sachen, wovon „ich, der Deutsche“, unmittelbar etwas habe und „mein Volk“, wie im Anfang der Zeit. Steinzeitmenschendenke. Straßen, Parkplätze, Autobahnen, fröhlich zu zahlende Spritpreise. Billige Flugreisen. Kreuzfahrten an alle Enden der Welt wollen wir uns leisten können. Und darüber hinaus.
Liebe Plauener! Das ist nicht revolutionär. Das ist kleinkariert.Und wenn die einzige Alternative, die euch einfällt, auch noch "für Deutschland" heißt, dann gute Nacht. Dann gibt es früher oder später eine Alternative zu Deutschland, hoffentlich eine endgültige.



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13. August … Da war was. Tante Ilses Geburtstag? Ja, stimmt. Ich meine aber was anderes. Ich komme gleich drauf. 13.8. … ach! (schlag mir an die Stirn) Na klar, das war, als sie mich früh kurz nach vier wachgeklingelt haben. Alarm! Ich dachte Wunder was. Also rein in die Uniform, rauf aufs Fahrrad und ab zum Betrieb. Da strömten sie schon, die Genossen, durchs Werktor, die Werkstraße hinter, zur Garage. Da war schon alles beleuchtet. Ich versuchte, noch halb verschlafen, allmählich mitzubekommen, was los sei. Ich hörte nur, dass die ersten Genossen schon vor Ort wären, dass jetzt alles wie am Schnürchen klappen müsse, wir jetzt gemeinsam als Hundertschaft unter Waffen gestellt würden. Dann ist’s was Ernstes, ging mindestens mir durch den Kopf. Wahrscheinlich noch ein paar anderen. Außer uns wären noch Bautrupps unterwegs, hörten wir, sämtliche verlässliche Genossen würden außerdem heute auf den Beinen sein. Es ginge ums Ganze. Ick weeß noch, wie ich am Nachmittag verschwitzt im Eingang von Pachulkes Molkereiprodukte stand, und der alte Pachulke alle zehn Minuten rauskam um mich zu fragen, ob „… denn sein Laden nun zujemauert würde, er hätte was jehört, wo se dit schon jemacht hätten oder noch dabei warn. …“

„Mann, Pachulke“, ich tat betont proletarisch. „Ich weeßes doch ooch nich. Ich bin dreinzwanzich, eener der Jüngsten der Kampfgruppen der Werktätigen des Volkes.“ Ich tat jetzt betont offiziell und wandte mich betont brüsk von ihm ab, sorgfältig darauf achtend, dass ich im Vollschutz des Hauseingangs blieb, der mich einigermaßen vor der erbarmungslosen Augustsonne bewahrte, die jetzt schon voll aus dem Westen zu uns rüberballerte. In meinem Rücken hörte ich Pachulke vor sich hin blubbern. „Die spieln hier Weltjeschichte, und unsereens wird die jute Milch sauer. Zeiten sind dis, Zeiten!“

Ich weiß nicht, was mich geritten hat, aber als ich hörte, wie er die Tür von innen zumachte, habe ich mich betont ruckartig an die Wand gelehnt und mich dann langsam auf die Stufen sacken lassen. Ich hoffte, dass mich irgendwer so sah und Alarm schlug. Um meiner Ohnmacht Nachdruck zu verleihen, ließ ich die Kalaschnikow von der Schulter gleiten und möglichst ungebremst auf den Fußweg poltern. Zwei Finger ließ ich wie zufällig am Riemen hängen. Man weiß ja nie. Und die Waffe im Dienst verloren geben, nee, darauf stand bestimmt die Todesstrafe. Mindestens. Endlich zuckte sich was in der Nähe. „Was ist denn mit dem los?!“, brüllte jemand ganz nahe. „Sani! Ma n Schluck Wasser, der is hier umjekippt! Ruft ma n Arzt! _Quatsch Arzt, der steht gleich widder.“ Langsam sammelte sich ein wenig Volk um mich, und ich begann leise Geräusche zu stöhnen und die Augen etwas matschig aussehen zu lassen. Gierig trank ich aus der hingehaltenen Feldflasche eines Genossen. Ich hörte einen witzeln, der sich frage, wie man das antifaschistische Schutzdach draufbekommen wolle. Dann kam der Befehl, mich nachhause zu bringen. Ich sackte glücklich noch ein wenig mehr zusammen. Drei Stunden später war ich in Westberlin.


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Nachtrag:
Auf solchen Blödsinn kommt man komme ich, wenn von früh an am 13. August an den 13, August 1961 erinnert wird. Und das jedes Jahr ...



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