Ich erwache.
Ich erwache und fühle mich gerädert.
Fühle mich wie gevierteilt.
Fühle mich wie ein Semikolon. Eine Krümmung, und irgendwo ein Kopf. Mein Kopf.
Eher wie ein Fragezeichen?
Ja – nein, schlimmer. Es sind gefühlt verschiedene Krümmungen in verschiedene Richtungen, das ist das Besondere an der Situation.
Die typische Schlafkrümmung. Embryonal.
Ich versuche mehr zu ergründen, zu betrachten, zu ertasten.
Ich taste. Die rechte Hand, die gesunde, lege ich flach auf den Untergrund. Bin erstaunt, was mir die Nerven signalisieren. Eine ledrig glatte, recht feste oder gar harte Fläche, auf der ich liege. Mein Körper fühlt – ich weiß nicht, ob das Gefühl die Realität abbildet, mein Körper fühlt sich an, als läge er auf einem Hügel. Die Lendengegend in der Mitte liegen auf der höchsten Stelle, die Beine hinab, wie von einer schiefen Ebene oder vom Hang eines kleinen Hügels hinab, ebenso wie der Oberkörper. Beine, Brust, Arme, Kopf, alles liegt „nach unten“.
Die Vorstellung, auf einem festen, harten Ledergegenstand zu liegen, formt sich zu der Vorstellung, auf einer übergroßen, bettgroßen Geldbörse zu liegen, welche prall gerundet von vielen darin steckenden Münzen ist. Ein riesiges Kalbslederportemonnaie. Warum Kalbsleder? Verstehe ich denn etwas davon? Hat Mutter mir so etwas eingeflüstert? Sie hatte von solchen Dingen manchmal verblüffende Kenntnisse. Vielleicht, weil sie zeitweilig bei einem Schuhmacher arbeitete.
So viele Wahrnehmungen, so viele Gedanken schon wieder. Zeit, die Augen zu öffnen. Es ist noch nicht taghell. Frühe Dämmerung, scheint mir. Dieses Licht erlaubt mir, durch die Wand ins Arbeitszimmer zu schauen. Dort sitzt schon Edit ohne h hinten auf einem Stuhl. Etwas sehr kindlich baumelt sie mit den Beinen. Eine Haltung, die vielleicht Langeweile ausdrückt, ausdrücken soll? Eine an mich gerichtete Geste? Das ist mir gerade egal.
Ich stehe auf, um rüber zu gehen. Stelle fest, dass ich ganz normal auf dem ganz normalen Sofa lag. Kein Hügel, kein Leder, nicht mal Kunstleder. Kein Münzschatz. Auf dem Tisch kalter Kaffee von gestern. Den Kardamom schmecke ich stärker als am Vortag heraus. Fast lecker.
Dann humpele ich ins Arbeitszimmer.
„Guten Morgen, Edit ohne h hinten! Ich darf Sie doch so nennen?“
„Warum nicht?, Es ist ja mein Name. Also Edit. Das „ohne h hinten“ können Sie ruhig weglassen. Andererseits hat es schon die Art oder Funktion eines Spitznamens, so wie Sie die Formulierung gebrauchen. Mich stört es nicht. Es ist originell und kein bisschen verletzend.“
„Danke, dass Sie das so sehen. Ich wollte Sie fragen, was Sie so früh hier tun? Ich wurde wach, und sah Sie bald. Warten Sie auf etwas, auf mich vielleicht?“
„Ach, ich erwachte auch früh, und ging dann gewissen Gedanken nach. Ich fragte mich, welche logische Regel es dafür gibt, im Verschriftlichen von eher stillen Äußerungen so oder so vorzugehen. Verstehen Sie, was ich meine? Sie kennen doch das gedehnte „Mh!“, wenn man etwas von ausgesprochen gutem Geschmack zu sich nimmt. Das eher kurze „Hm.“, um Nachdenklichkeit auszudrücken, ist ja sehr ähnlich. Aber folge ich damit nun einer irgendwo niedergelegten Schreibregel oder entspringt das nur meinem individuellen Sprach- und Verschriftlichungsgefühl? Damit hätte ich ein Problem. Ich will es immer eindeutig. Eindeutig und korrigierbar, wo die eine oder die andere Möglichkeit meiner Meinung nach ganz und gar falsch angewandt wird.
„Hmmmm“, summt es übertrieben lang nachdenklich aus mir heraus. Edit ohne h hinten schaut mich etwas verwirrt an. „Mir fällt keine Regel dafür ein“, verdeutliche ich meine Nachdenklichkeit. „Aber ich verstehe Ihre Frage. So etwas kann einen beschäftigen, ja.“
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