Luana Solari

John Goodman

Mitglied
Prolog

Es gibt eine Macht, die zu groß ist für ein menschliches Gefäß. Sie ist kein Thron.

Sie ist ein Exil.


Sie ist die Erkenntnis, dass jede Berührung eine Narbe hinterlässt und jedes Wort eine Welt erschüttert.

Ich habe gelernt, einen Stein zu halten, ohne ihn zu Staub zu mahlen. Ich habe gelernt zu atmen, ohne den Wind zu stehlen. Ich habe versucht, eine von euch zu sein, während mein Herz im Rhythmus sterbender Sterne schlug.

Doch der Mensch hat keine Sprache für das Unendliche.


Er hat nur die Angst.







Kapitel 1 - Die Unruhe


Die flimmernden Zahlen auf meinem Monitor starren mir entgegen, aber ich sehe sie nicht wirklich. Mein aschblondes Haar bildet einen schmalen Vorhang entlang meiner Wangen, eine kleine Barriere zwischen mir und dem Rest des sterilen Großraumbüros. Die Global Trust Bank riecht nach Desinfektionsmittel und teurem Kaffee.
Aus der Personalküche direkt hinter mir dringt das vertraute Klappern von Porzellan. Und dann fallen die Worte, leise, aber scharf wie Glasscherben.

»Hast du sie heute Morgen gesehen?« , flüstert Marc. Ich höre das unterdrückte Grinsen in seiner Stimme. »Ich wollte ihr nur die Quartalszahlen bringen, aber sie sieht dich nicht einfach an. Sie fixiert dich richtig.»
Ein kurzes, trockenes Lachen von Sarah folgt. »Gott, ich weiß genau, was du meinst. Diese Augen … unheimlich. Als ob sie direkt in dich hineinsieht bis in deine dunkelsten Geheimnisse. Ich trau mich kaum, ihr länger als zwei Sekunden zu begegnen.«
»Ja, ist schon unnatürlich«, pflichtet eine andere Kollegin bei. »Wie Glas. Oder Eis.«

Mein Körper verkrampft sich. Meine Finger liegen starr auf der Tastatur. Unheimlich. Das Wort hallt in meinem Kopf wider, bis es die Gegenwart verdrängt und mich mit Gewalt zurückreißt.

Ich bin wieder acht Jahre alt und sitze im Besprechungszimmer des Waisenhauses auf einem viel zu großen Stuhl. Vor mir sitzt dieses junge Ehepaar. Ich erinnere mich, wie sehr ich mir gewünscht habe, dass sie mich mögen. Ich wollte nur dazugehören und versuchte, sie freundlich anzusehen, so wie ich es bei den anderen Kindern beobachtet hatte. Doch der Mann war unruhig auf seinem Stuhl hin- und hergerutscht, während seine Frau sich aus der Couch erhob. Sie haben mich nicht einmal angelächelt.
»Es war schön, dich kennenzulernen, Luana«, hatte er schließlich gesagt und dann waren beide bereits zum Aussgang geeilt. Die schwere Tür fiel ins Schloss, aber sie war nicht dick genug. Ganz nah stand ich am Holz und hielt den Atem an. Ich hörte die Stimme seiner Frau, gedämpft, aber jedes Wort ein Stachel. »Du, Schatz, das Mädchen ist mir irgendwie unheimlich. Wie sie einen anstarren kann … lass uns nach was anderem suchen.«

Ein lautes Prusten aus der Küche reißt mich zurück ins Jahr 2040.
»Vielleicht ist sie ja ein Prototyp von diesen neuen Androiden«, scherzt Marc weiter. »Die haben doch auch diesen starren, toten Blick.«

Die Hitze steigt mir in die Wangen, aber meine Hände sind eiskalt. Dieser dumpfe, alte Schmerz in meiner Brust, der eigentlich nie ganz weg ist, lässt den Stachel tiefer in mein Fleisch dringen. Eine Abweisung, an die ich mich gewöhnt haben sollte, und die mich doch jedes Mal aufs Neue bricht. Ich halte es hier nicht mehr aus. Wenn ich noch eine Sekunde länger bleibe, fange ich an zu zittern. Ich stehe ruckartig auf. Mein Bürostuhl kracht gegen die Tischreihe hinter mir, ein lautes, hässliches Geräusch, das das Lästern in der Küche sofort verstummen lässt. Ich spüre ihre Blicke – jetzt starren sie mich an, voller Unbehagen.
Nach meiner Tasche greife ich nicht. Ich schaue keinen von ihnen an. Ich will sie nicht sehen, nicht sehen, wie sie vor mir zurückweichen, als wäre ich ansteckend. Mit gesenktem Kopf eile ich an den Glaswänden vorbei zum Ausgang.
Draußen schlägt mir der Abendwind des Zürcher Sommers entgegen. Ich atme die kühle Luft tief ein, aber der Kloß in meinem Hals löst sich nicht.


Der Weg nach Hause ist wie das Auftauchen aus zu tiefem Wasser. Als ich in meine Straße einbiege, spüre ich, wie der Druck auf meiner Brust ein wenig nachlässt. Da steht es: Ein kleines, bescheidens Häuschen, aber jeder Ziegel, jede Diele darin gehört mir. Der erste Ort in meinem Leben, an dem mich niemand wegwünschen kann. Kein Waisenhaus, keine Pflegeeltern, kein kahles Büro. Nur ich.
In meiner Tasche krame ich nach dem Schlüssel, als sich nebenan eine Tür öffnet.
»Na, Feierabend, Luana?«, dröhnt eine warme, sonore Stimme herüber.
Ich halte inne. Mr. Sullivan steht auf seiner Veranda, die Hände in den Taschen seiner Strickjacke vergraben. Er ist sechzig, hat Lachfalten, die wie kleine Landkarten um seine Augen verlaufen.
»Guten Abend, Mr. Sullivan«, sage ich und versuche, meine Stimme fest klingen zu lassen.
»Wie war die Arbeit? Haben sie dich heute wieder mit Akten begraben?«, fragt er mit einem freundlichen Lächeln.
Das Bild der Küche flammt wieder auf. Sarahs hämisches Grinsen, Marcs Spruch über Androiden. Der Schmerz sticht kurz zu, aber ich schiebe ihn mit aller Kraft beiseite. Meine Gesichtsmuskeln zwinge ich zu einem Lächeln, das hoffentlich echt wirkt.
»Ach, alles so wie immer«, antworte ich und zucke leicht mit den Schultern. »Ein Tag wie jeder andere.« Ich belüge ihn, und ich belüge mich selbst. Aber die Wahrheit ist zu schwer für einen Plausch über den Gartenzaun.

Mr. Sullivan legt den Kopf schief. Sein Blick ist ruhig, nicht bewertend, aber er scheint für einen Augenblick an der Oberfläche meiner Fassade zu kratzen. »Mach dir nichts draus, Kindchen«, sagt er sanft. »Du bist noch so jung und hast dein ganzes Leben vor dir. Lass dich vom grauen Alltag nicht unterkriegen.«
Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Als würde er direkt hinter meine Maske blicken, als würde er die Risse sehen, die ich so mühsam verberge. Er ist der Einzige, der mich kennt und meine Augen nicht wie einen Defekt behandelt – und genau deshalb kann ich jetzt nicht länger hierstehen. Ich würde zusammenbrechen, wenn er mich noch einmal so mitfühlend ansieht.
»Ich bin heute ziemlich geschafft«, sage ich, ein bisschen zu hastig, und drehe den Schlüssel im Schloss um. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, Mr. Sullivan.«
»Schlaf gut, Luana«, höre ich ihn noch sagen, bevor ich die Haustür hinter mir zuschlage.
Endlich. Die Stille meines Hauses empfängt mich wie eine warme Decke. Hier drinnen muss ich niemanden anlächeln. Hier drinnen muss ich nicht so tun, als wäre alles normal.

Im dunklen Flur bleibe ich stehen, die Stirn gegen das kühle Holz gelehnt. Mr. Sullivans Stimme hallt noch in meinem Kopf nach. Alles wie immer, habe ich gesagt. Eine glatte Lüge. Ich will nicht mehr lügen. Ich will nicht mehr dieses falsche Lächeln aufsetzen müssen, das sich auf meinem Gesicht anfühlt wie eine Maske aus Gips, die zu bröckeln beginnt. Aber was wäre die Alternative? Wenn ich die Wahrheit sage, wenn ich sage, wie sehr mich ihre Worte zerfressen, damit gebe ich ihnen Macht über mich. Und das kann ich nicht.

Ich nehme einen tiefen Atemzug, vertreibe die Gedanken, löse meine Schuhe, und stelle sie ordentlich nebeneinander, genau parallel, wie ich es immer tue. Meine Tasche landet auf der Kommode. Ordnung gibt mir Halt. Auf das Bad freue ich mich. Das heiße Wasser, der Dampf ... ich will den Staub dieses Tages von meiner Haut spülen. Nicht nur den echten Staub der Stadt, auch den unsichtbaren Schmutz ihrer hämischen Blicke und das giftige Flüstern aus der Büroküche. Ich will alles im Abfluss verschwinden sehen. Mit langsamen Schritten gehe ich ins Badezimmer und schalte das Licht ein. Die hellen LED-Paneele fluten den Raum mit einem klinischen Weiß.

Ich trete vor den Spiegel und betrachte meine weichen Züge, die ein wenig zu sanft auf mich wirken. Meine Haut ist bleich, durchscheinend, wie transparentes Latex, das man über meine Gesichtsknochen gespannt hat. Eine kurze Ablenkung, bis mein Blick unweigerlich nach oben wandert. Da sind sie. Ich sehe mir direkt in die Augen. Dieses geisterhafte, elektrische Blau, umrahmt von den unnatürlich schwarzen Rändern. Im grellen Licht wirken sie noch intensiver, noch fremder. Für einen winzigen, grausamen Moment schleicht sich ein Gedanke in mein Bewusstsein, den ich geglaubt habe wegsperren zu können: Vielleicht haben sie recht. Vielleicht hatten die Kinder im Waisenhaus recht, als sie mich weinend in der Ecke stehen ließen und Stechauge riefen. Vielleicht hatten die Kollegen recht. Vielleicht ist da wirklich etwas in mir, das nicht hierher gehört. Etwas Kaltes. Etwas Starres. Etwas Unnatürliches.

Erschrocken weiche ich meinem eigenen Spiegelbild aus, senke den Kopf und starre stattdessen auf die Fliesen an der Wand. Hör auf damit, befehle ich mir selbst. Meine Hand greift nach dem Wasserhahn und lässt das warme Wasser ins Bad laufen. Ich habe mein Haus. Ich habe meinen Job. Ich habe meine Ruhe. Das muss reichen. Das Leben, so wie es jetzt ist, ist genug. Solange ich diese vier Wände habe, kann mir die Welt da draußen nichts anhaben. Ich brauche niemanden. Ich brauche nur diese Stille. Ich fange an, mich auszuziehen, während der erste Dampf den Spiegel beschlägt und mein unheimliches Ebenbild langsam im weißen Nebel verschwinden lässt.



_______


Das Licht, das durch die Ritzen meiner Jalousien dringt, ist nicht golden. Ein fahles, unbarmherziges Grau, das mir sagt, dass die Nacht vorüber ist. Vollkommen reglos liege ich da. Mein Körper fühlt sich an, als bestünde er aus Beton, tief in die Matratze gegossen. Ich starre an die Zimmerdecke und warte darauf, dass der erste Gedanke kommt – lauernd, wie ein Raubtier. Unnatürlich. Das Wort vibriert in meinem Kopf wie das Summen einer bösartigen Wespe, die ich in den Tierdokumentationen so faszinierend finde. Die Augen schließe ich fest, aber die Bilder sind bereits eingebrannt: Marcs selbstgefälliges Grinsen und Sarahs hochgezogene Augenbrauen, als sie über mich sprachen, als könnte ich sie nicht hören. Als wäre ich ein Blindfleck auf ihrem Objektiv.

Ein Gefühl von Ohnmacht überflutet mich. Ein körperlicher Schwindel gepaart mit einer Morgenübelkeit, die mich in die Kissen drücken. Ich will nicht aufstehen. Nie wieder aufstehen. Ich möchte mich unter der Decke zusammenrollen, die Welt da draußen aussperren und einfach warten, bis die Zeit an mir vorbeizieht, ohne dass ich jemals wieder eine gläserne Bürotür durchschreiten muss. Die vertraute, pflichtbewusste Stimme regt sich in mir. Sie ist leise, aber unerbittlich. Ich sehe den Stapel digitaler Kundenakten vor mir, der auf meinem Terminal wartet. Wenn ich heute nicht erscheine, wenn ich mich krankmelde, wird Sarah meine Fälle übernehmen müssen. Oder Marc. Ihre Stimmen kann ich jetzt schon hören, wie sie sich über die unheimliche Luana beschweren, die auch noch faul ist und ihnen ihre Arbeit aufhalst. Ich kann ihnen nicht noch mehr Munition liefern. Ich darf keine Last sein. Wenn ich nicht dazugehören kann, will ich wenigstens funktionieren. Mit einer Anstrengung, die mich meine gesamte Kraft kostet, schäle ich mich aus der Decke. Die kühle Zimmerluft beißt in meine Haut.

Wie ein Schlafwandler bewege ich mich. Im Badezimmer angelangt, schalte ich das Licht nicht ein, nur das Morgenlicht scheint durch das kleine Fenster. Während ich mir die Zähne putze, halte ich den Kopf gesenkt. Mein Blick ist wie festgefroren auf dem dunklen Loch des Abflusses, in dem das weißliche Wasser verschwindet. Ich spüre den Drang, hochzusehen. Nur ein kurzer Blick in den Spiegel, um zu prüfen, ob ich noch da bin. Aber ich verbiete es mir. Nicht heute. Ich weiß, was mich dort erwartet: Diese Augen, die mich wie zwei Eindringlinge aus meinem eigenen Gesicht heraus anstarren würden. Diese Konfrontation kann ich heute Morgen nicht gewinnen.

In einer mechanischen Bewegung schlüpfe ich in meine Rüstung aus weißer Bluse und dunklem Rock und verlasse das Haus. Jeder Schritt auf dem Asphalt fühlt sich an wie ein Gang zum Schafott.


Die Glocke über der Ladentür schrillt hell und schneidend, als ich die Bäckerei betrete. Sofort schlägt mir die süße Luft entgegen – ein schwerer Duft von Hefe, Zimt und frisch geröstetem Kaffee. Ein Geruch, der eigentlich Geborgenheit verspricht. Als sich mein Magen schmerzhaft zusammenzieht. Dort am Tresen steht sie. Sarah. Sie trägt denselben perfekt sitzenden, beigen Anzug wie gestern. Aber ihre gewohnte Arroganz ist verrutscht. Sie kramt mit fahrigen, nahezu panischen Bewegungen in ihrer Ledertasche. Ihre Wangen sind fleckig rot. Auf dem Tresen, zwischen ihr und der Verkäuferin, liegen zwei Kirschplunder und ein dampfender Becher.
»Ich … ich verstehe das nicht«, stammelt sie, und ihre Stimme zittert vor echter Scham. »Meine Geldbörse. Ich muss sie auf der Anrichte liegen gelassen haben. Ich war mir so sicher …«

Sie sieht so menschlich aus. So verletzlich. Ein törichter Impuls schießt durch meinen Körper. Ohne nachzudenken, greife ich in meine Tasche. Meine Finger schließen sich um das glatte Leder meines Portemonnaies. In meinem Kopf formt sich ein verzweifelter Plan, ein letzter Versuch, die Brücke zu schlagen, die sie gestern eingerissen haben. Wenn ich jetzt großzügig bin, flüstert eine kindliche Stimme in mir, wenn ich sie aus dieser Peinlichkeit rette, wird sie sehen, dass ich kein Android bin. Dass ich ein Herz habe. Und dann vielleicht ...
Ich trete einen Schritt vor. Mein Herz hämmert gegen meine Rippen, als wolle es ausbrechen. Ich zwinge meine Gesichtszüge in die Form eines Lächelns – eine mühsame Konstruktion aus Höflichkeit, die sich auf meiner Haut anfühlt wie eine zerbrechliche Maske.

»Ich kann das für dich zahlen, Sarah«, sage ich.
Meine Stimme klingt dünn, belegt von der Angst meiner Kühnheit. Gleichzeitig will ich im Boden versinken.
Sarah wirbelt herum. Für einen Atemzug herrscht vollkommene Stille in der kleinen Backstube. Ich biete ihr alles an – nicht nur das Geld für ein Frühstück. Ein Friedensangebot.
Ihre Augen verengen sich. Die Verzweiflung in ihrem Gesicht erlischt augenblicklich und macht einer eiskalten Distanz Platz. Als hätte ich ihr keine Hilfe angeboten, und stattdessen sie mit etwas Schmutzigem beworfen.

»Das brauchst du nicht.« Ihre Stimme ist scharf, dass sie den warmen Duft im Raum schneidet. »Ich werde schon klarkommen.«
Sie sagt es nicht nur. Sie schleudert es mir entgegen, dass es mich frösteln lässt. Sie würde lieber hungrig und beschämt vor der Verkäuferin stehen, als auch nur einen Cent von dem Stechauge anzunehmen. Sie dreht sich zur Bäckerfrau – einer jungen Frau mit sanften Zügen und leuchtend grünen Augen.
»Es tut mir furchtbar leid«, sagt Sarah zu ihr, und ihre Stimme wechselt in einen Tonfall von sanfter, bürgerlicher Höflichkeit, den sie für mich nicht übrig hat. »Ich muss die Sachen hierlassen.«

Die Bäckerin sieht erst Sarah an, dann wandert ihr Blick zu mir. Jeden Muskel spanne ich an, bereit für das unangenehme Gefühl, wenn die Freundlichkeit aus ihrem Gesicht weicht, sobald sie mir in die Augen sieht. Ich warte darauf, dass sie wegsieht oder ihr Lächeln zu einer Grimasse gefriert. Nichts davon passiert. Die junge Frau sieht mich einfach nur an. Ihre grünen Augen strahlen eine Wärme aus, die echt und ungetrübt ist, dass es mich schmerzt. Sie lächelt mich an – kein Mitleid, keine Abscheu, nur eine ruhige, menschliche Anerkennung meiner Existenz. Ihr Lächeln, das wie ein Leuchtfeuer in der Dunkelheit wirkt, rückt den Schmerz der Ablehnung durch Sarah in den Hintergrund.

Sarah beachtet mich nicht mehr. Sie geht schweigend an mir vorbei. Sie zieht ihren Arm dicht an den Körper, als wäre meine bloße Nähe ansteckend, und lässt mich am Tresen stehen. Die Türglocke bimmelt ein letztes Mal, dann bin ich mit meiner ausgestreckten Hand und dem nutzlosen Portemonnaie allein.
Der Schmerz in meiner Brust ist kein dumpfes Echo mehr. Er ist akut. Er brennt. Ein echter Schlag ins Gesicht wäre gnädiger gewesen; er hätte wenigstens eine sichtbare Wunde hinterlassen. Aber diese lautlose, soziale Hinrichtung hinterlässt eine Leere, die mich von innen heraus aufzufressen droht. Ich stehe in der Wärme der Bäckerei und fühle mich, als wäre ich inmitten der Arktis ausgesetzt worden. Mein Verstand braucht Sekunden, um die Hand wieder zu senken. Das Portemonnaie fühlt sich bleischwer an, ein unnützes Stück totes Leder. Meine Knie zittern, dass ich mich beinahe am Tresen abstützen muss, um nicht einfach in mich zusammenzusacken. Die Stille, die Sarah hinterlassen hat, dröhnt in meinen Ohren wie einsetzender Tinnitus.

Die Bäckerin beginnt mit ruhigen Handgriffen, die verschmähten Plunderstücke zur Seite zu legen. Das leise Knistern der Papiertüte wirkt provokativ in der Stille des Ladens. Ich trete vor. Der Boden unter meinen Füßen fühlt sich instabil an, als bestünde er aus dünnem Glas, das bei einer falschen Bewegung zerspringt.
»Guten Morgen«, versuche ich zu sagen, aber das erste Wort bleibt mir als trockener Klumpen im Hals stecken. Es kommt nur ein krächzendes Geräusch hervor. Ich räuspere mich hastig, spüre die Hitze der Scham meinen Nacken aufsteigen. »Einen Kaffee, bitte. Und eine Brezel. Ohne Salz.«

Um ihren grünen Augen auszuweichen, die wie zwei Smaragde funkeln, starre ich auf die hochglanzpolierte Chromflanke der Kaffeemaschine. Doch das Metall ist gnadenlos. In der verzerrten Spiegelung der Oberfläche klafft mir mein eigenes Gesicht entgegen – fratzenhaft verbogen und dominiert von diesem elektrischen, geisterhaften Blau, das wie ein Fremdkörper in der Bäckerei wirkt. Ich reiße den Blick los und flüchte mich zu den dunklen Fugen der Terrakottafliesen. Während das Zischen des Dampfes den Raum füllt, fressen sich bittere Gedanken in meinen Verstand. Dieses Lächeln von ihr … das ist eine Farce, flüstert die Stimme. Sie wird dafür bezahlt. Eine antrainierte Maske, eine Dienstleistung, um die zahlende Kundschaft nicht mit der hässlichen Realität zu konfrontieren. Kaum ist der Gedanke gedacht, trifft mich ein Peitschenhieb des Selbsthasses. Wie tief bin ich gesunken, dass ich eine menschliche Regung, die nicht aus Hass besteht, sofort als Lüge abstempeln muss? Ich verurteile diese Frau für ihre sanfte Natur, nur weil ich selbst verlernt habe, wie es sich anfühlt, ohne Hintergedanken angesehen zu werden.

»Hier, bitte sehr. Lassen Sie es sich schmecken«, sagt sie.
Sie reicht mir den Becher über die Theke. Ihre Finger streifen kurz meine Hand. Eine flüchtige, belanglose Berührung, aber für mich fühlt sie sich an wie ein Stromschlag. Ihr Blick ist immer noch da – ruhig, klar, fest. Sie sieht nicht weg. Sie sucht nicht den Fehler in meiner Iris. Sie bietet mir eine Normalität an, die ich nicht annehmen kann, ohne daran zu zerbrechen.

»Danke.«, bringe ich hervor. Meine Worte klingen hohl, wie aus einem unergründlichen Brunnen.
Ich greife nach dem Becher und der Tüte, meine Bewegungen sind hölzern, wie der einer Puppe. Als ich den Laden verlasse, stößt mir die warme Morgenluft entgegen. Die Feuchtigkeit in meinen Augen brennt, die ich versuche wegzublinzeln. Ich erlaube mir nicht, dass auch nur eine Träne fällt. Nicht hier, nicht auf diesem Asphalt. Niemals.

Einen Fuß vor den anderen, hinein in den Strom der gesichtslosen Passanten, bewege ich mich auf das Glasgebäude der Global Trust Bank zu. In diesem Augenblick fühlt sich mein kleines Haus am Stadtrand nicht wie ein Zufluchtsort an. Eher wie ein unerreichbarer Traum. Ich bin wieder das Kind hinter der verschlossenen Tür, das hören muss, dass es nicht gewollt ist.






Fortsetzung folgt.
 
Zuletzt bearbeitet:

Aniella

Mitglied
Hallo @John Goodman,

inhaltlich mochte ich den Text. Macht neugierig, wie es weitergehen könnte.
Leider stört es mich (!) doch sehr, dass so viele Sätze mit "Ich" beginnen. Hast Du Dir das mal selbst laut vorgelesen? Manchmal kann man es als Bekräftigung oder Betonung stehenlassen, aber hier ist es mir tatsächlich zuviel und lenkt mich damit vom Inhalt ab. Auch in der Ich-Perspektive kann man das anders lösen. Vielleicht magst Du es ja diesbezüglich noch einmal überdenken und überarbeiten?

LG Aniella
 

John Goodman

Mitglied
Moin Aniella,

vielen Dank für den Hinweis und vielen lieben Dank, dass du dir die Zeit genommen hast den Text zu lesen.

Ich habe nun alle wesentlichen Ich-Stellen gestrichen und auf ein gesundes Mindestmaß gesenkt.


Liebe Grüße

John
 

marcm200

Mitglied
In diesem Teil passiert sehr wenig - ein abgelehntes Hilfsangebot in einer Bäckerei. Dafür gibt es sehr viel Innenleben - nur melancholisches. Einen Sci-Fi-Aspekt sehe ich, bis auf die Erwähnung des Wortes "Android" nicht. Um Interesse für eine Story zu erzeugen, wäre es vielleicht besser gewesen, noch ein, zwei Kapitel mehr einzustellen, um mir ein wenig die Richtung der Story anzuzeigen.

Der Text hat aktuell noch kein Interesse bei mir geweckt, dem Leben Luanas weiter folgen zu wollen.

Zu Textbeginn bei "dann fallen die Worte, leise, aber scharf wie Glasscherben." würde ich irgendwie klarstellen, dass "sie" sich auf "ich" bezieht. Das erschloss sich mir in dieser Situation nicht.

Einige Bilder sind mir viel zu schwülstig.
- "Der Weg nach Hause ist wie das Auftauchen aus zu tiefem Wasser."
- "warte darauf, dass der erste Gedanke kommt – lauernd, wie ein Raubtier. "

Manche Bilder ergeben für mich keinen Sinn.
- "Ein körperlicher Schwindel gepaart mit einer Morgenübelkeit, die mich tief in die Kissen drücken"
- "Ich habe versucht, eine von euch zu sein, während mein Herz im Rhythmus sterbender Sterne schlug."
 



 
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