John Goodman
Mitglied
Das weiche Bett unter ihr gibt nach, als Luana tiefer in die Kissen sinkt und die Lider schließt. Aber in der Dunkelheit findet sie keine Ruhe. Vor ihr entfalten sich sofort die sanften Gesichtszüge von Clara im warmen Licht jenes Planeten, den Clara für sie erschaffen hatte. Ihre Schönheit scheint einen völlig neuen Glanz anzunehmen: honigfarbene Augen, auf der Iris tanzen goldene Sprenkel wie eingefangene Sonnenstrahlen – geschwungenen Lippen, blau gelocktes Haar, das ihr über die Schultern fällt, und kleine Knospen, die sich unter der Flussgoldseide ihres Kleides abzeichnen.
Luanas Hand wandert an ihrem eigenen Körper entlang. Sie spürt das Heben und Senken ihrer Brust. Fingerspitzen umkreisen den Nippel durch die goldene Bluse. Ihre Knospe stellt sich augenblicklich auf. Die andere Hand streift den flachen Bauch und gleitet zu ihrem Schoß. Sie greift nach dem feinen Saum, zieht das Kleid die Oberschenkel hinauf, das sich in Falten um ihre Hüfte bauscht – ihre Hand verweilt dort regungslos.
Sie zwickt fordernd ihren Nippel. Süßer Schmerz. Sie umschließt ihre Brust, um sie in einem langsamen Rhythmus zu verwöhnen. Die zarte Kuppe wird steif. Luana taucht tiefer in das Bild von Clara ein. Es brennt sich in ihr Gedächtnis, nimmt ihren gesamten Verstand in Beschlag. Zwischen ihren Beinen flammt eine pulsierende, aufsteigende Hitze auf – dieselbe Wärme, die sie damals gefühlt hatte, als sie zusammen im rauen Gras dieses Planeten lagen. Ihre Hand hat sich längst verselbstständigt. Sie sieht Luana gierig an und beginnt langsam ihr Kleid von den Schultern zu streifen. Weiche Haut. Die Seide bleibt an den erwachten Knospen hängen, spannt sich hauchzart um die Rundungen, bevor sie sich löst und ihre Kuppen nachwippen. Unbehütet. Das Gold gleitet die glatte Bauchdecke hinab.
Die Seidendecke raschelt leise, als Luana ihre Beine heranzieht und spreizt. Wildes Herzklopfen. Ihre Finger schlüpfen unter ihr samtenes Höschen, direkt dorthin, wo die Hitze sitzt. Ein tiefes, zitterndes Stöhnen entweicht ihrer Kehle, als sie in der Nässe ihre Perle ertastet. Kreisend liebkost sie ihren Schoß, der sich ihrer Hand entgegenbäumt. Sie ist nicht mehr bei Sinnen – in dieser perfekten Fantasie versunken.
Die Idylle implodiert. Ihre Hand schnellt von ihrem Schoß zurück, als hätte sie sich verbrannt. Das Bild von Clara pulverisiert zu aschigen, atomaren Bestandteilen. Aus der Asche schält sich eine Fratze: Der sterbende Vater des kleinen Mädchens, das Luana verzweifelt zu retten versucht hatte. Er liegt mitten in einer zähflüssigen Lache aus blauem Blut. Luana sieht das panische Aufreißen seiner Augen, hört das erstickte, gurgelnde Keuchen, während er an seinem blutigen Husten krepiert. Er streckt seine zitternde Hand nach Luana aus – ein anklagender Schrei, bevor er leblos in der Lache zusammenbricht.
Ihre Augen starren blind an die prunkvolle Decke ihres Zimmers, ihr Herz hämmert schmerzhaft und ihr Atem geht in schnellen, flachen Stößen. Schweiß perlt auf ihrer Stirn. Mit einem heftigen Ruck reißt sich Luana aus den Kissen hoch. Sie wirft die Beine über die Bettkante, drückt die Handflächen so fest in das Laken und das Holz, dass ihre Knöchel weiß anlaufen, und bleibt auf dem Bettrand sitzen. Ihr Rücken ist tief gebeugt, der Kopf nach vorne geneigt. Sie starrt auf den polierten Palastboden, in dessen kaltem Glanz sich ihre schneeweißen Haare und blaue Augen spiegeln.
Eine erstickende Welle der Scham bricht über ihr zusammen und droht ihr die Kehle zuzuschnüren. Wie konnte ich nur? Der Gedanke sticht. Sie wollte das reine Antlitz von Clara missbrauchen – für ihre niederen Triebe. Sie hat diesen Planeten niemals verdient. Jenen Zufluchtsort, den Clara ihr geschenkt hatte und der nun, durch ihr Versagen im Nichts vergangen war. Sie hat die prickelnde Wärme nicht verdient. Sie hat Clara nicht verdient. Luana hält es in der Enge ihres Zimmers nicht mehr aus. Sie stößt die schwere Tür auf und tritt hinaus in den Flur des Palastes.
Zu beiden Seiten säumen Prachtgewächse die spiegelnden Marmorwände. Von den Blüten der Chronos-Lilien tropft flüssiges Gold, das in der Luft verdampft. Ihre losgelösten Blütenknospen schweben um den tiefschwarzen Stamm. Sie geht daran vorbei, ohne auch nur den Kopf zu heben. Das lautlose Lichtspiel der Prismen-Farne an den Wänden tauchen den Korridor in ein majestätisches Farbenmeer, das sich millionenfach in den kristallinen Wedeln bricht. Aber das blendende Licht brennt nur unangenehm in ihren Augen.
Sie schreitet an den Tesserakt-Orchideen vorbei, deren Blätter sich in geometrischen Schleifen ineinander falten. Sie verändern ihre Dimensionen und Farben mit jedem ihrer Schritte, genau so, wie sie es gestern getan haben und morgen tun werden. Belangloser Tand. Nur schmückendes Beiwerk für das Reich ihrer Mutter – wie ein kaltes Grab. Sie blickt geradeaus, fixiert das Ende des Ganges und lässt den Prunk links liegen.
Ein Ritter der königlichen Leibwache nähert sich. Seine schweren Schritte hallen auf dem glänzenden Marmor. Luana senkt den Blick, will stumm an ihm vorbeigehen, aber der Krieger hält inne. Er fixiert sie aus ehrlicher Besorgnis.
„Eure Hoheit... meine Prinzessin“, bricht seine tiefe Stimme die Stille des Korridors.
Wie kann er es wagen? Was erdreistet er sich sie ungefragt ansprechen, als gäbe es keine Grenzen, keine Hierarchien – als hätte die Leibwache seinen verdammten Platz in dieser Welt vergessen?
„Immer wenn die Welt schwer auf mir lastet und mich ein finsteres Gefühl einholt, dann flüchte ich mich ins Training. Ich reagiere mich ab... und ich kann Euch versprechen, dass es hilft. Man kann vieles freilassen. Man kann loslassen.“
Ein ganzes Arsenal an vernichtenden Worten liegt ihr auf der Zunge, die sie ihm entgegenschleudern will, ihm seine Anmaßung ins Gesicht spucken und verlangen, dass er verschwindet. Er soll einfach nur aufhören zu existieren. Jetzt sofort. Ihre Finger verkrampfen. Dann holt sie tief Luft, presst die Lippen zusammen und schluckt die Gedanken hinunter.
In den Winkeln seiner Augen regt sich etwas – ein mitleidiges Flackern. Er scheint die Einsamkeit in ihren Zügen zu erkennen, die Verletzlichkeit, die sie so verzweifelt zu verbergen versucht. Mit einem leisen metallischen Klirren sinkt er vor ihr auf ein Knie und neigt das Haupt. „Wenn ich Euch so voller Trauer sehe, bricht es mir das Herz. Es wäre mir eine große Ehre, wenn Ihr an meinem Kampf-Training teilmehmen würdet.“
Luana weicht ein paar Schritte zurück. Eine nackte Bloßstellung überkommt sie. Sehe ich wirklich so zerbrochen aus?, denkt sie panisch. Dass eine einfache Leibwache mich mit einem einzigen Blick komplett durchschaut?
Eigentlich will sie nur allein sein, sich in ihrem Schmerz vergraben. Aber der kniende Ritter lässt ihren Widerstand schwinden. Was hat sie schon zu verlieren? Was soll sie sonst machen? Vielleicht hat er recht. Vielleicht muss sie den aufgestauten Zorn, die Ohnmacht und die Schuld einfach aus ihrem Körper herausprügeln. Nur ein Versuch. Ein winziger Funke Hoffnung. Sie willigt stumm ein.
Wenig später öffnet sich das Portal zu einer Kammer des Palastes. Luana hat sich zuvor eine leichte Rüstung geschöpft – aus fließendem Silber, hauchdünn und geschmeidig wie Seide, dennoch absolut undurchdringlich. Der Ritter betritt den Raum an ihrer Seite. Er trägt seine prunkvolle, goldene Rüstung, hat jedoch den Helm abgenommen, sodass sein ernstes Gesicht frei bleibt.
Luana hält den Atem an und sieht sich um. Hier war ich ja noch nie drin, durchfährt sie ein unheimlicher Schauer.
Sie wusste zwar von der Existenz dieses Kampfraumes, doch die physische Realität dieses Ortes raubt ihr die Orientierung. Ein Raum vollkommener Konturlosigkeit. Keine Wände, keine Ecken, keine Decke. Nichts als reines, unendliches Weiß, das sich in alle Richtungen bis in die Ewigkeit auszudehnen scheint. Ein nie endenwollendes Nichts, in dem nur sie beide und das schimmernde Metall ihrer Rüstungen existieren.
Die Stille wird von der hallenden Stimme des Ritters durchbrochen. Er tritt einen Schritt vor, das polierte Gold seiner Rüstung fängt das diffuse Licht des Raumes ein.
„Welche Umgebung wäre Euch genehm, Euer Gnaden?“, fragt er höflich, den Blick respektvoll auf sie gerichtet.
Luana blinzelt. Für einen Moment setzt ihr Verstand aus. Umgebung?, denkt sie verwirrt, und starrt in das konturlose Nichts. Keine Wände, kein Boden – worauf sollte sich eine Umgebung hier stützen? Doch dann begreift sie. Dieses grenzenlose Weiß ist keine Leere, sondern eine unbeschriebene Leinwand. Ein Simulationsraum, bereit, jede erdenkliche Realität nach den Wünschen des Nutzers zu formen. Die schiere Auswahl überfordert sie. Sie weiß nicht, was sie fühlen will, geschweige denn, an welchem Ort sie sein möchte. Jede Kulisse erscheint ihr gleichgültig.
„Keine Ahnung“, erwidert sie, ihre Stimme klingt flach. „Am besten suchst du dir etwas aus.“
Der Ritter neigt ehrfurchtsvoll das Haupt. „Es ist mir eine Ehre“, antwortet er.
Während das letzte Wort über seine Lippen kommt, kollabiert das Weiß um sie herum – es löst sich lautlos auf und weicht einer rauen Berglandschaft unter ihren Stiefeln. Felsige Pfade und zerklüftete Abhänge breiten sich unvermittelt aus. Ein kühler Windhauch streift Luanas Gesicht, vertreibt die sterile Luft und trägt den lebendigen Duft von feuchter Erde, Moos und Harz mit sich. Über ihren Köpfen spannt sich ein atemberaubender Himmel auf, der violett-blau erstrahlt. Überall auf den Hängen schießen Mammutbäume empor – monolithische Riesen mit gewaltigen Stämmen, die in die Höhe wachsen, bis ihre dichten Kronen das Firmament zu berühren scheinen. Aus dem konturlosen Nichts ist eine Wildnis entstanden.
Vor der Kulisse der Mammutbäume wendet sich der Krieger wieder an Luana. Das Gold seiner Rüstung schimmert im braun-grünen Licht der Simulation.
„Es liegt an Euch, die Wahl der Waffen zu treffen, meine Prinzessin“, sagt er ruhig. Er verneigt sich und richtet den Blick anschließend wieder auf sie, wartend.
Luana spürt eine tiefe Unsicherheit. Waffen waren in ihrem bisherigen Leben nie mehr als abstrakte Begriffe. Sie weiß natürlich, dass es sie gibt, dass sie Tod und Schutz bringen können. Sie ist eine Schöpferin, keine Zerstörerin – zumindest wollte sie das immer sein.
„Ich habe noch nie eine Waffe gehalten“, gesteht sie dem Ritter und blickt an ihren leeren Händen hinab. „Womit... womit würde man am besten anfangen können?“
Der Krieger nickt. „Für den Anfang eignet sich die Form eines sogenannten Schwertes am besten.“
Ein Schwert. Das Wort hallt in Luana nach und weckt matte Erinnerungen. In ihren Gedanken beginnt es zu dämmern. Sie erinnert sich an die Chroniken der sterblichen Welten, an die Menschen und all die anderen Spezies der niederen Dimensionen, die dieses Instrument seit Jahrtausenden nutzen, um ihre Schicksale zu schmieden.
Um ihr die Vorstellung zu erleichtern, greift der Ritter an seine Hüfte. Mit einem hellen, singenden Ton zieht er seine Klinge aus der goldenen Scheide und präsentiert sie ihr auf beiden Handflächen. „Genau ein solches Schwert meine ich.“
Luana fixiert den geschmiedeten Stahl. Die Waffe wirkt überraschend elegant, beinahe schwerelos in den Händen des Hünen. Sie schließt die Augen, konzentriert sich und ruft die Form der Klinge vor ihr inneres Auge. Sie greift mit dem Geist in das Gefüge des Raumes, visualisiert den Griff, die Parierstange, die scharfe Schneide – und schöpft.
Augenblicklich materialisiert sich die Waffe in ihrer erhobenen Hand. Es ist kein gewöhnliches Replikat. Das Schwert, das Luanas aus ihrem Willen geboren hat, strahlt ein unnatürliches Licht aus. Es besitzt einen pulsierenden inneren Glanz, der die Klinge des Ritters wie stumpfes Eisen wirken lässt. Luana öffnet die Augen und schwingt die Waffe versuchsweise einige Male durch die kühle Luft der Bergwelt. Ein staunendes Keuchen entweicht ihren Lippen. Das Metall liegt nicht wie ein Fremdkörper in ihren Fingern; es fühlt sich sofort an wie ein Teil ihres verlängerten Armes. Jede Bewegung ist fließend, geschmeidig und absolut präzise – wie fließendes Wasser. Ohne dass es ihr bewusst wird, formt sich ein Name auf ihrer Zunge. Ein leises Flüstern: Wasserkind.
Auf dem Gesicht des Ritters spiegelt sich blanke Ehrfurcht. Luana sieht deutlich, dass er die kosmische Bedeutung des Schöpfungsaktes nicht im Ansatz begreifen kann. Die makellose Schönheit des glänzenden Metalls raubt ihm den Atem.
„Welch prächtiges Schwert, Eure Majestät“, flüstert er mit ehrlicher Bewunderung und senkt die eigene Klinge. „Genau ein solches Schwert ist einer Prinzessin, wie Ihr es seid, in jeder Hinsicht würdig.“
Ein unerklärliches Band knüpft sich schweigend zwischen Luana und der leuchtenden Klinge. Sie kann es nicht in logische Gedanken fassen, aber sie spürt es mit absoluter Klarheit: Das Schwert akzeptiert sie. Warum auch immer eine Waffe ausgerechnet eine Hand voller Schuld wählen sollte – Wasserkind fügt sich ihrem Willen. Unerwartete Ruhe durchdringt ihren Körper, nur um sich in eiskalte Entschlossenheit zu verwandeln. Dann bricht der Damm.
Der gesamte Frust, den sie so verzweifelt in sich hineingefressen hat, kocht an die Oberfläche. Die Geister umzingeln ihren Verstand: Clara. Der bluthustende Vater. Das leblose Kind. Der wunderschöne Planet, den Clara ihr geschenkt hatte und der nun nichts weiter war als Asche. Die Gewissheit frisst sich in ihren Verstand: Clara verabscheut sie bestimmt. Warum sonst hatte sie ihr Geschenk zurückgezogen? Clara muss sie hassen für das, was sie dem Vater und seinem Kind angetan hat – völlig egal, dass Luana in ihrer Naivität nur das eine, kranke Mädchen retten wollte. Clara hasst sie. Und das Schlimmste daran: Sie hasst sie zu Recht. Luana kann das lähmende Gift nicht mehr ertragen. Sie will diesen Frust nicht mehr spüren. Sie will ihn loslassen, ihn verbrennen, aus ihrem Fleisch herausschneiden.
Unbändige Wut durchfährt ihrern Körper und strafft ihre Haltung. Sie hebt das glänzende Schwert, fixiert den goldenen Krieger vor sich und lässt ihre prinzessinnenhafte Anmut fallen.
„Halte dich auf keinen Fall zurück“, ihre Stimme schneidet im Befehlston. „Wenn du mir auch nur ansatzweise helfen willst, dann halte dich auf keinen Fall zurück! Nichts anderes werde ich dulden.“
Der Ritter zögert keine Sekunde. Die gefährliche Kaskade aus Schmerz und Zorn, die von ihr ausgeht, nimmt er sichtlich wahr. Er schlägt die Faust auf seine goldene Brustplatte, neigt das Haupt und erwidert mit fester Stimme:
„Wie Ihr es mir befehlt, Eure Hoheit.“
Ohne jede Vorwarnung explodiert die Bewegung des Ritters. Luana zuckt heftig zusammen – von einer Sekunde auf die nächste ist der goldene Hüne aus ihrer Wahrnehmung verschwunden. Ihre Augen jagen hektisch über das Terrain, versuchen verzweifelt, seine Silhouette zu fixieren, aber alles, was sie erhaschen, ist das verschwommene, blitzartige Zucken eines goldenen Schattens. Der Krieger ist überall und nirgends. Jedes Mal, wenn er sich vom Boden abstößt, um Geschwindigkeit aufzunehmen, reißt der Tritt einen tiefen Krater in den felsigen Untergrund. Selbst die Mammutbäume biegen sich unter dem kinetischen Druck seiner Schockwellen, als wüte ein Orkan im Dschungel.
Panik keimt auf. Luana packt den Griff von Wasserkind mit beiden Händen noch fester, beschwört ihre Konzentration. Fokus. Finde ihn. Bevor ihr Verstand einen klaren Gedanken formen kann, taucht der Ritter aus dem Nichts vor ihr auf. Seine Klinge saust mit der Wucht eines fallenden Kometen herab. Luanas Reflexe versagen – Wasserkind versagt nicht. Von einer unsichtbaren Intelligenz gesteuert, schnellt die leuchtende Klinge in ihren Händen empor. Gerade noch rechtzeitig. Ein ohrenbetäubender Knall erzittert die Simulation. Ein gleißender, hochenergetischer Blitz entlädt sich aus dem Aufprall der Klingen, und schießt wie eine Sonneneruption senkrecht in den violetten Himmel. Die gesamte Berglandschaft wird in ein steriles Licht getaucht.
Eine kinetische Rückkopplung trifft Luana, die ihren Körper nach hinten schleudert, dass der felsige Boden unter ihren Füßen aufbricht. Gesteinsbrocken und Staub fliegen in alle Richtungen, während sie einen tiefen, meterlangen Krater in die Erde pflügt. Ihre Flugbahn endet abrupt. Mit dem Rücken knallt sie gegen eine massive Felswand. Ein dumpfes Splittern ertönt, das Gestein hinter ihr bildet augenblicklich tiefe Risse.
Keuchend bleibt sie hocken. Das Nachbeben des Schlages vibriert durch ihre Knochen und Muskeln. Ihre Hände zittern, sie hat Mühe, die Klinge zu halten. Doch der Zorn treibt sie an. Mit zusammengebissenen Zähnen zwingt sie ihren geschundenen Körper wieder auf die Beine, versucht sich zu sammeln. Sie blickt nach vorne. Aber der Krater vor ihr ist leer. Der Ritter ist längst wieder verschwunden.
Luana hebt das leuchtende Schwert schützend vor sich, die Augen auf das staubige Trümmerfeld gerichtet. Sie erwartet den nächsten Schlag von vorne – die Gefahr bricht aus einer unvorhersehbaren Richtung über sie herein.
Mit einem Donnern explodiert die massive Felswand in ihrem Rücken.
Messerscharfes Gestein zischt an ihren Wangen vorbei. Kieselsteingroße Splitter prallen wie Projektile an ihrer silbernen Rüstung und ihrer Haut ab. Der Ritter hat sich mit roher Gewalt von der anderen Seite mitten durch den massiven Fels geschlagen. Ein Hinterhalt, dort, wo sie keine Deckung hat. Luana sieht den Schatten im Augenwinkel aufblitzen, aber ihr Körper gehorcht ihr nicht schnell genug. Der Schlag trifft sie mit voller Wucht im Kreuz. Luana schreit vor stechendem Schmerz auf. Wieder entlädt sich eine Welle aus gleißendem Licht, die als Blitz senkrecht in die Wolkendecke peitscht. Der Angriff katapultiert sie vorwärts, geradewegs durch die Reihen der Mammutbäume. Die Stämme bersten, als sie hindruchbricht – splittern, kippen krachend zur Seite und reißen weitere Bäume mit sich in die Tiefe. Staubwolken schießen empor.
Luana fliegt unaufhaltsam weiter, bis sie ungebremst auf dem felsigen Grund der Berglandschaft aufschlägt. Der Boden reißt unter ihrem Körper auf, pflügt eine Schneise in das Erdreich, und kommt liegend zum Stillstand. Keuchend starrt sie nach oben. Durch den wirbelnden Schleier aus Basaltregen und Asche sieht sie, fallende Baumriesen und aufziehende Wolken. Steh auf, befiehlt sie sich selbst. Du musst reagieren. Fokussiere dich! Der Schmerz in ihrem Rücken blockiert ihre Synapsen, ihre Konzentration erstickt im Keim.
Der Staubschleier teilt sich über ihr.
Wie ein fallender Meteor schießt der Ritter herab, das Schwert vorangestellt, um sie am Boden aufzuspießen. Der Überlebensinstinkt übernimmt die Kontrolle. Luana rollt sich zur Seite. Wo sie eben noch lag, schlägt der Krieger ein. Der Aufprall reißt einen weiteren Krater in der Erde. Die Druckwelle erfasst sie erneut. Im hohen Bogen wird Sie davongeschleudert, fliegt über die Kuppe eines nahen Hügels – dieses Mal bricht sie nicht ein. Sie fängt den Sturz ab. Mit einem harten metallischen Scharren landet sie auf den Beinen. Ihre Stiefel graben sich in das Gestein. Ihr Körper bebt. Der lähmende Schmerz in ihrem Rücken verfliegt. An seine Stelle tritt ein heißes Gefühl von purer Ekstase.
Ihr Körper erwacht langsam aus einer tiefen Starre, als wäre all das bisherige Entsetzen ein unbedeutendes Aufwärmen gewesen. Energiewellen beginnen durch ihre Adern zu zirkulieren. Diese Energie bleibt nicht in ihr: Sie fließt in einem pulsierenden Kreislauf aus ihren Händen direkt in das Innere von Wasserkind – und von der Klinge wieder zurück in ihr Herz. Sie braucht den Fokus. Sie schließt die Augen, schirmt die visuelle Hektik des Schlachtfeldes ab und taucht in ihr Inneres ein, um den stummen Ruf der Waffe zu erforschen. Da war die absoluten Akzeptanz zu Beginn. Was bedeutet das? Was will die Klinge ihr sagen?
Luana spürt es jetzt ganz deutlich, ohne jeden Zweifel: Dieses Schwert besitzt eine lebendige Seele. Wie genau sie diese Seele bei dem Schöpfungsakt in den Stahl eingewoben hat, kann sie sich selbst nicht erklären. Es muss mit der Kraft ihrer Essenz dorthin gelangt sein. Während sie versucht, die Seele der Klinge zu ergründen, reißt der Hügel vor ihr krachend in Stücke. Der Ritter macht sich nicht einmal die Mühe, das Hindernis zu überspringen. Er bricht mitten hindurch. Alles, was die Spitze seines Schwertes berührt, pulverisiert und schießt in einer explosionsartigen Welle aus Staub und messerscharfem Geröll in alle Richtungen. Durch den Trümmerregen sieht Luana ihn auf sich zu stürmen – wie eine Naturgewalt.
Diesmal flieht sie nicht. Sie weicht nicht zurück. Ihre Stiefel stehen fest im bebenden Boden. Sie greift nach der zirkulierenden Energie in ihrem Inneren und geht aktiv in die Parade. Als der Ritter sie erreicht, prallen die Schwerter aufeinander. Gleißendes Licht, ein reißender Blitz peitscht empor. Luana fängt seinen Hieb ab, stemmt sich mit aller Kraft gegen die Klinge und hält dagegen. Der Ritter verschwindet spurlos. Eben noch hat Luana gegen den Widerstand seines Schwertes angekämpft, jetzt greift ihre Kraft ins Leere. Der Verlust des Gegendrucks reißt sie aus der Balance. Sie stolpert nach vorne, verliert das Gleichgewicht und stürzt zu Boden. Reflexartig fängt ihre freie Hand den Sturz ab, bevor ihr Gesicht in der Erde aufschlägt. Ihre andere Hand umklammert Wasserkind in einem eisernen Griff.
Keine Zeit sich aufzurichten. Er ist bereits hinter ihr. Sie spürt den eisigen Windstoß, des herabsausenden Schlags, der ihren ungeschützten Rücken spalten soll. Luana wirft sich herum, wälzt sich auf den Rücken und reißt die leuchtende Klinge nach oben – gegen das Schwert, das der goldene Ritter auf sie hinabjagt. Die Schwerter kreuzen sich Millimeter vor ihrer Brust. Der erneute Aufprall setzt eine Schockwelle frei, die die Realität der Simulation an ihre Grenzen treibt. Alles um sie herum explodiert in einem grellen Weiß. Das Licht überstrahlt die Konturen der Berglandschaft. Luana sieht nichts mehr – bis auf den Ritter, der sich als verzerrter Schatten über ihr abzeichnet.
Genauso abrupt, wie der Ritter erschien, verschwindet er. Der Druck von Wasserkind ist gewichen. Keine goldene Rüstung, kein feindliches Schwert. Nichts. Nur der weite Himmel, durch den dunkle Wolken ziehen, ein dichter Schleier aus aufgewirbeltem Staub und Hunderte von Trümmerteilen, die zu Boden regnen. Der kühle Wind bläßt ihr Rußflocken und Basaltsplitter ins Gesicht und zerrt an ihren Haaren. Wo ist er?, hämmert es in ihrem Kopf. Wo, verdammt noch mal, ist er hin?
Luana rappelt sich auf, die Klinge fest umklammert, bereit auf den Hinterhalt zu reagieren. Sie dreht sich um die eigene Achse, versucht krampfhaft, seine Präsenz wahrzunehmen. Die Bergwelt ist ein Trümmerfeld. Abgebrochene Mammutbäume liegen auf dem zerfurchten Fels. Im Erdboden klaffen tiefe Wunden und Risse, gesäumt von Kratern und zerschmetterten Gipfeln. Wie nach dem Einschlag einer planetaren Streumunition.
Während des Gefechts, hatte sie das flüchtige Aufblitzen seiner Aura gespürt – auch wenn er zu schnell für sie war. Doch jetzt? Sie spürt nichts mehr. Als wäre seine Existenz ausgelöscht. Sie zwingt sich zur Ruhe, presst die Lider zusammen und atmet tief ein. Wenn ihre Augen den Geist nicht erfassen können, muss sie es anders versuchen. Sie konzentriert sich auf ihre schöpferische Essenz und versucht, ihre Sinne wie ein straff gespanntes Bettlaken über den Simulationsraum auszuweiten. Sie wirft das Laken in jede Ecke, bis an die Grenzen des Raumes, sucht nach einer Vibration, einem Funken oder Bewegung. Nichts. Eine gähnende Leere. Kein Echo, kein Schatten, kein Herzschlag. Nur das Heulen des Windes in den zerklüfteten Bergen und das nahende Gewitter, über dem eine seltsame Stille liegt.
Fortsetzung folgt.
Luanas Hand wandert an ihrem eigenen Körper entlang. Sie spürt das Heben und Senken ihrer Brust. Fingerspitzen umkreisen den Nippel durch die goldene Bluse. Ihre Knospe stellt sich augenblicklich auf. Die andere Hand streift den flachen Bauch und gleitet zu ihrem Schoß. Sie greift nach dem feinen Saum, zieht das Kleid die Oberschenkel hinauf, das sich in Falten um ihre Hüfte bauscht – ihre Hand verweilt dort regungslos.
Sie zwickt fordernd ihren Nippel. Süßer Schmerz. Sie umschließt ihre Brust, um sie in einem langsamen Rhythmus zu verwöhnen. Die zarte Kuppe wird steif. Luana taucht tiefer in das Bild von Clara ein. Es brennt sich in ihr Gedächtnis, nimmt ihren gesamten Verstand in Beschlag. Zwischen ihren Beinen flammt eine pulsierende, aufsteigende Hitze auf – dieselbe Wärme, die sie damals gefühlt hatte, als sie zusammen im rauen Gras dieses Planeten lagen. Ihre Hand hat sich längst verselbstständigt. Sie sieht Luana gierig an und beginnt langsam ihr Kleid von den Schultern zu streifen. Weiche Haut. Die Seide bleibt an den erwachten Knospen hängen, spannt sich hauchzart um die Rundungen, bevor sie sich löst und ihre Kuppen nachwippen. Unbehütet. Das Gold gleitet die glatte Bauchdecke hinab.
Die Seidendecke raschelt leise, als Luana ihre Beine heranzieht und spreizt. Wildes Herzklopfen. Ihre Finger schlüpfen unter ihr samtenes Höschen, direkt dorthin, wo die Hitze sitzt. Ein tiefes, zitterndes Stöhnen entweicht ihrer Kehle, als sie in der Nässe ihre Perle ertastet. Kreisend liebkost sie ihren Schoß, der sich ihrer Hand entgegenbäumt. Sie ist nicht mehr bei Sinnen – in dieser perfekten Fantasie versunken.
Die Idylle implodiert. Ihre Hand schnellt von ihrem Schoß zurück, als hätte sie sich verbrannt. Das Bild von Clara pulverisiert zu aschigen, atomaren Bestandteilen. Aus der Asche schält sich eine Fratze: Der sterbende Vater des kleinen Mädchens, das Luana verzweifelt zu retten versucht hatte. Er liegt mitten in einer zähflüssigen Lache aus blauem Blut. Luana sieht das panische Aufreißen seiner Augen, hört das erstickte, gurgelnde Keuchen, während er an seinem blutigen Husten krepiert. Er streckt seine zitternde Hand nach Luana aus – ein anklagender Schrei, bevor er leblos in der Lache zusammenbricht.
Ihre Augen starren blind an die prunkvolle Decke ihres Zimmers, ihr Herz hämmert schmerzhaft und ihr Atem geht in schnellen, flachen Stößen. Schweiß perlt auf ihrer Stirn. Mit einem heftigen Ruck reißt sich Luana aus den Kissen hoch. Sie wirft die Beine über die Bettkante, drückt die Handflächen so fest in das Laken und das Holz, dass ihre Knöchel weiß anlaufen, und bleibt auf dem Bettrand sitzen. Ihr Rücken ist tief gebeugt, der Kopf nach vorne geneigt. Sie starrt auf den polierten Palastboden, in dessen kaltem Glanz sich ihre schneeweißen Haare und blaue Augen spiegeln.
Eine erstickende Welle der Scham bricht über ihr zusammen und droht ihr die Kehle zuzuschnüren. Wie konnte ich nur? Der Gedanke sticht. Sie wollte das reine Antlitz von Clara missbrauchen – für ihre niederen Triebe. Sie hat diesen Planeten niemals verdient. Jenen Zufluchtsort, den Clara ihr geschenkt hatte und der nun, durch ihr Versagen im Nichts vergangen war. Sie hat die prickelnde Wärme nicht verdient. Sie hat Clara nicht verdient. Luana hält es in der Enge ihres Zimmers nicht mehr aus. Sie stößt die schwere Tür auf und tritt hinaus in den Flur des Palastes.
Zu beiden Seiten säumen Prachtgewächse die spiegelnden Marmorwände. Von den Blüten der Chronos-Lilien tropft flüssiges Gold, das in der Luft verdampft. Ihre losgelösten Blütenknospen schweben um den tiefschwarzen Stamm. Sie geht daran vorbei, ohne auch nur den Kopf zu heben. Das lautlose Lichtspiel der Prismen-Farne an den Wänden tauchen den Korridor in ein majestätisches Farbenmeer, das sich millionenfach in den kristallinen Wedeln bricht. Aber das blendende Licht brennt nur unangenehm in ihren Augen.
Sie schreitet an den Tesserakt-Orchideen vorbei, deren Blätter sich in geometrischen Schleifen ineinander falten. Sie verändern ihre Dimensionen und Farben mit jedem ihrer Schritte, genau so, wie sie es gestern getan haben und morgen tun werden. Belangloser Tand. Nur schmückendes Beiwerk für das Reich ihrer Mutter – wie ein kaltes Grab. Sie blickt geradeaus, fixiert das Ende des Ganges und lässt den Prunk links liegen.
Ein Ritter der königlichen Leibwache nähert sich. Seine schweren Schritte hallen auf dem glänzenden Marmor. Luana senkt den Blick, will stumm an ihm vorbeigehen, aber der Krieger hält inne. Er fixiert sie aus ehrlicher Besorgnis.
„Eure Hoheit... meine Prinzessin“, bricht seine tiefe Stimme die Stille des Korridors.
Wie kann er es wagen? Was erdreistet er sich sie ungefragt ansprechen, als gäbe es keine Grenzen, keine Hierarchien – als hätte die Leibwache seinen verdammten Platz in dieser Welt vergessen?
„Immer wenn die Welt schwer auf mir lastet und mich ein finsteres Gefühl einholt, dann flüchte ich mich ins Training. Ich reagiere mich ab... und ich kann Euch versprechen, dass es hilft. Man kann vieles freilassen. Man kann loslassen.“
Ein ganzes Arsenal an vernichtenden Worten liegt ihr auf der Zunge, die sie ihm entgegenschleudern will, ihm seine Anmaßung ins Gesicht spucken und verlangen, dass er verschwindet. Er soll einfach nur aufhören zu existieren. Jetzt sofort. Ihre Finger verkrampfen. Dann holt sie tief Luft, presst die Lippen zusammen und schluckt die Gedanken hinunter.
In den Winkeln seiner Augen regt sich etwas – ein mitleidiges Flackern. Er scheint die Einsamkeit in ihren Zügen zu erkennen, die Verletzlichkeit, die sie so verzweifelt zu verbergen versucht. Mit einem leisen metallischen Klirren sinkt er vor ihr auf ein Knie und neigt das Haupt. „Wenn ich Euch so voller Trauer sehe, bricht es mir das Herz. Es wäre mir eine große Ehre, wenn Ihr an meinem Kampf-Training teilmehmen würdet.“
Luana weicht ein paar Schritte zurück. Eine nackte Bloßstellung überkommt sie. Sehe ich wirklich so zerbrochen aus?, denkt sie panisch. Dass eine einfache Leibwache mich mit einem einzigen Blick komplett durchschaut?
Eigentlich will sie nur allein sein, sich in ihrem Schmerz vergraben. Aber der kniende Ritter lässt ihren Widerstand schwinden. Was hat sie schon zu verlieren? Was soll sie sonst machen? Vielleicht hat er recht. Vielleicht muss sie den aufgestauten Zorn, die Ohnmacht und die Schuld einfach aus ihrem Körper herausprügeln. Nur ein Versuch. Ein winziger Funke Hoffnung. Sie willigt stumm ein.
Wenig später öffnet sich das Portal zu einer Kammer des Palastes. Luana hat sich zuvor eine leichte Rüstung geschöpft – aus fließendem Silber, hauchdünn und geschmeidig wie Seide, dennoch absolut undurchdringlich. Der Ritter betritt den Raum an ihrer Seite. Er trägt seine prunkvolle, goldene Rüstung, hat jedoch den Helm abgenommen, sodass sein ernstes Gesicht frei bleibt.
Luana hält den Atem an und sieht sich um. Hier war ich ja noch nie drin, durchfährt sie ein unheimlicher Schauer.
Sie wusste zwar von der Existenz dieses Kampfraumes, doch die physische Realität dieses Ortes raubt ihr die Orientierung. Ein Raum vollkommener Konturlosigkeit. Keine Wände, keine Ecken, keine Decke. Nichts als reines, unendliches Weiß, das sich in alle Richtungen bis in die Ewigkeit auszudehnen scheint. Ein nie endenwollendes Nichts, in dem nur sie beide und das schimmernde Metall ihrer Rüstungen existieren.
Die Stille wird von der hallenden Stimme des Ritters durchbrochen. Er tritt einen Schritt vor, das polierte Gold seiner Rüstung fängt das diffuse Licht des Raumes ein.
„Welche Umgebung wäre Euch genehm, Euer Gnaden?“, fragt er höflich, den Blick respektvoll auf sie gerichtet.
Luana blinzelt. Für einen Moment setzt ihr Verstand aus. Umgebung?, denkt sie verwirrt, und starrt in das konturlose Nichts. Keine Wände, kein Boden – worauf sollte sich eine Umgebung hier stützen? Doch dann begreift sie. Dieses grenzenlose Weiß ist keine Leere, sondern eine unbeschriebene Leinwand. Ein Simulationsraum, bereit, jede erdenkliche Realität nach den Wünschen des Nutzers zu formen. Die schiere Auswahl überfordert sie. Sie weiß nicht, was sie fühlen will, geschweige denn, an welchem Ort sie sein möchte. Jede Kulisse erscheint ihr gleichgültig.
„Keine Ahnung“, erwidert sie, ihre Stimme klingt flach. „Am besten suchst du dir etwas aus.“
Der Ritter neigt ehrfurchtsvoll das Haupt. „Es ist mir eine Ehre“, antwortet er.
Während das letzte Wort über seine Lippen kommt, kollabiert das Weiß um sie herum – es löst sich lautlos auf und weicht einer rauen Berglandschaft unter ihren Stiefeln. Felsige Pfade und zerklüftete Abhänge breiten sich unvermittelt aus. Ein kühler Windhauch streift Luanas Gesicht, vertreibt die sterile Luft und trägt den lebendigen Duft von feuchter Erde, Moos und Harz mit sich. Über ihren Köpfen spannt sich ein atemberaubender Himmel auf, der violett-blau erstrahlt. Überall auf den Hängen schießen Mammutbäume empor – monolithische Riesen mit gewaltigen Stämmen, die in die Höhe wachsen, bis ihre dichten Kronen das Firmament zu berühren scheinen. Aus dem konturlosen Nichts ist eine Wildnis entstanden.
Vor der Kulisse der Mammutbäume wendet sich der Krieger wieder an Luana. Das Gold seiner Rüstung schimmert im braun-grünen Licht der Simulation.
„Es liegt an Euch, die Wahl der Waffen zu treffen, meine Prinzessin“, sagt er ruhig. Er verneigt sich und richtet den Blick anschließend wieder auf sie, wartend.
Luana spürt eine tiefe Unsicherheit. Waffen waren in ihrem bisherigen Leben nie mehr als abstrakte Begriffe. Sie weiß natürlich, dass es sie gibt, dass sie Tod und Schutz bringen können. Sie ist eine Schöpferin, keine Zerstörerin – zumindest wollte sie das immer sein.
„Ich habe noch nie eine Waffe gehalten“, gesteht sie dem Ritter und blickt an ihren leeren Händen hinab. „Womit... womit würde man am besten anfangen können?“
Der Krieger nickt. „Für den Anfang eignet sich die Form eines sogenannten Schwertes am besten.“
Ein Schwert. Das Wort hallt in Luana nach und weckt matte Erinnerungen. In ihren Gedanken beginnt es zu dämmern. Sie erinnert sich an die Chroniken der sterblichen Welten, an die Menschen und all die anderen Spezies der niederen Dimensionen, die dieses Instrument seit Jahrtausenden nutzen, um ihre Schicksale zu schmieden.
Um ihr die Vorstellung zu erleichtern, greift der Ritter an seine Hüfte. Mit einem hellen, singenden Ton zieht er seine Klinge aus der goldenen Scheide und präsentiert sie ihr auf beiden Handflächen. „Genau ein solches Schwert meine ich.“
Luana fixiert den geschmiedeten Stahl. Die Waffe wirkt überraschend elegant, beinahe schwerelos in den Händen des Hünen. Sie schließt die Augen, konzentriert sich und ruft die Form der Klinge vor ihr inneres Auge. Sie greift mit dem Geist in das Gefüge des Raumes, visualisiert den Griff, die Parierstange, die scharfe Schneide – und schöpft.
Augenblicklich materialisiert sich die Waffe in ihrer erhobenen Hand. Es ist kein gewöhnliches Replikat. Das Schwert, das Luanas aus ihrem Willen geboren hat, strahlt ein unnatürliches Licht aus. Es besitzt einen pulsierenden inneren Glanz, der die Klinge des Ritters wie stumpfes Eisen wirken lässt. Luana öffnet die Augen und schwingt die Waffe versuchsweise einige Male durch die kühle Luft der Bergwelt. Ein staunendes Keuchen entweicht ihren Lippen. Das Metall liegt nicht wie ein Fremdkörper in ihren Fingern; es fühlt sich sofort an wie ein Teil ihres verlängerten Armes. Jede Bewegung ist fließend, geschmeidig und absolut präzise – wie fließendes Wasser. Ohne dass es ihr bewusst wird, formt sich ein Name auf ihrer Zunge. Ein leises Flüstern: Wasserkind.
Auf dem Gesicht des Ritters spiegelt sich blanke Ehrfurcht. Luana sieht deutlich, dass er die kosmische Bedeutung des Schöpfungsaktes nicht im Ansatz begreifen kann. Die makellose Schönheit des glänzenden Metalls raubt ihm den Atem.
„Welch prächtiges Schwert, Eure Majestät“, flüstert er mit ehrlicher Bewunderung und senkt die eigene Klinge. „Genau ein solches Schwert ist einer Prinzessin, wie Ihr es seid, in jeder Hinsicht würdig.“
Ein unerklärliches Band knüpft sich schweigend zwischen Luana und der leuchtenden Klinge. Sie kann es nicht in logische Gedanken fassen, aber sie spürt es mit absoluter Klarheit: Das Schwert akzeptiert sie. Warum auch immer eine Waffe ausgerechnet eine Hand voller Schuld wählen sollte – Wasserkind fügt sich ihrem Willen. Unerwartete Ruhe durchdringt ihren Körper, nur um sich in eiskalte Entschlossenheit zu verwandeln. Dann bricht der Damm.
Der gesamte Frust, den sie so verzweifelt in sich hineingefressen hat, kocht an die Oberfläche. Die Geister umzingeln ihren Verstand: Clara. Der bluthustende Vater. Das leblose Kind. Der wunderschöne Planet, den Clara ihr geschenkt hatte und der nun nichts weiter war als Asche. Die Gewissheit frisst sich in ihren Verstand: Clara verabscheut sie bestimmt. Warum sonst hatte sie ihr Geschenk zurückgezogen? Clara muss sie hassen für das, was sie dem Vater und seinem Kind angetan hat – völlig egal, dass Luana in ihrer Naivität nur das eine, kranke Mädchen retten wollte. Clara hasst sie. Und das Schlimmste daran: Sie hasst sie zu Recht. Luana kann das lähmende Gift nicht mehr ertragen. Sie will diesen Frust nicht mehr spüren. Sie will ihn loslassen, ihn verbrennen, aus ihrem Fleisch herausschneiden.
Unbändige Wut durchfährt ihrern Körper und strafft ihre Haltung. Sie hebt das glänzende Schwert, fixiert den goldenen Krieger vor sich und lässt ihre prinzessinnenhafte Anmut fallen.
„Halte dich auf keinen Fall zurück“, ihre Stimme schneidet im Befehlston. „Wenn du mir auch nur ansatzweise helfen willst, dann halte dich auf keinen Fall zurück! Nichts anderes werde ich dulden.“
Der Ritter zögert keine Sekunde. Die gefährliche Kaskade aus Schmerz und Zorn, die von ihr ausgeht, nimmt er sichtlich wahr. Er schlägt die Faust auf seine goldene Brustplatte, neigt das Haupt und erwidert mit fester Stimme:
„Wie Ihr es mir befehlt, Eure Hoheit.“
Ohne jede Vorwarnung explodiert die Bewegung des Ritters. Luana zuckt heftig zusammen – von einer Sekunde auf die nächste ist der goldene Hüne aus ihrer Wahrnehmung verschwunden. Ihre Augen jagen hektisch über das Terrain, versuchen verzweifelt, seine Silhouette zu fixieren, aber alles, was sie erhaschen, ist das verschwommene, blitzartige Zucken eines goldenen Schattens. Der Krieger ist überall und nirgends. Jedes Mal, wenn er sich vom Boden abstößt, um Geschwindigkeit aufzunehmen, reißt der Tritt einen tiefen Krater in den felsigen Untergrund. Selbst die Mammutbäume biegen sich unter dem kinetischen Druck seiner Schockwellen, als wüte ein Orkan im Dschungel.
Panik keimt auf. Luana packt den Griff von Wasserkind mit beiden Händen noch fester, beschwört ihre Konzentration. Fokus. Finde ihn. Bevor ihr Verstand einen klaren Gedanken formen kann, taucht der Ritter aus dem Nichts vor ihr auf. Seine Klinge saust mit der Wucht eines fallenden Kometen herab. Luanas Reflexe versagen – Wasserkind versagt nicht. Von einer unsichtbaren Intelligenz gesteuert, schnellt die leuchtende Klinge in ihren Händen empor. Gerade noch rechtzeitig. Ein ohrenbetäubender Knall erzittert die Simulation. Ein gleißender, hochenergetischer Blitz entlädt sich aus dem Aufprall der Klingen, und schießt wie eine Sonneneruption senkrecht in den violetten Himmel. Die gesamte Berglandschaft wird in ein steriles Licht getaucht.
Eine kinetische Rückkopplung trifft Luana, die ihren Körper nach hinten schleudert, dass der felsige Boden unter ihren Füßen aufbricht. Gesteinsbrocken und Staub fliegen in alle Richtungen, während sie einen tiefen, meterlangen Krater in die Erde pflügt. Ihre Flugbahn endet abrupt. Mit dem Rücken knallt sie gegen eine massive Felswand. Ein dumpfes Splittern ertönt, das Gestein hinter ihr bildet augenblicklich tiefe Risse.
Keuchend bleibt sie hocken. Das Nachbeben des Schlages vibriert durch ihre Knochen und Muskeln. Ihre Hände zittern, sie hat Mühe, die Klinge zu halten. Doch der Zorn treibt sie an. Mit zusammengebissenen Zähnen zwingt sie ihren geschundenen Körper wieder auf die Beine, versucht sich zu sammeln. Sie blickt nach vorne. Aber der Krater vor ihr ist leer. Der Ritter ist längst wieder verschwunden.
Luana hebt das leuchtende Schwert schützend vor sich, die Augen auf das staubige Trümmerfeld gerichtet. Sie erwartet den nächsten Schlag von vorne – die Gefahr bricht aus einer unvorhersehbaren Richtung über sie herein.
Mit einem Donnern explodiert die massive Felswand in ihrem Rücken.
Messerscharfes Gestein zischt an ihren Wangen vorbei. Kieselsteingroße Splitter prallen wie Projektile an ihrer silbernen Rüstung und ihrer Haut ab. Der Ritter hat sich mit roher Gewalt von der anderen Seite mitten durch den massiven Fels geschlagen. Ein Hinterhalt, dort, wo sie keine Deckung hat. Luana sieht den Schatten im Augenwinkel aufblitzen, aber ihr Körper gehorcht ihr nicht schnell genug. Der Schlag trifft sie mit voller Wucht im Kreuz. Luana schreit vor stechendem Schmerz auf. Wieder entlädt sich eine Welle aus gleißendem Licht, die als Blitz senkrecht in die Wolkendecke peitscht. Der Angriff katapultiert sie vorwärts, geradewegs durch die Reihen der Mammutbäume. Die Stämme bersten, als sie hindruchbricht – splittern, kippen krachend zur Seite und reißen weitere Bäume mit sich in die Tiefe. Staubwolken schießen empor.
Luana fliegt unaufhaltsam weiter, bis sie ungebremst auf dem felsigen Grund der Berglandschaft aufschlägt. Der Boden reißt unter ihrem Körper auf, pflügt eine Schneise in das Erdreich, und kommt liegend zum Stillstand. Keuchend starrt sie nach oben. Durch den wirbelnden Schleier aus Basaltregen und Asche sieht sie, fallende Baumriesen und aufziehende Wolken. Steh auf, befiehlt sie sich selbst. Du musst reagieren. Fokussiere dich! Der Schmerz in ihrem Rücken blockiert ihre Synapsen, ihre Konzentration erstickt im Keim.
Der Staubschleier teilt sich über ihr.
Wie ein fallender Meteor schießt der Ritter herab, das Schwert vorangestellt, um sie am Boden aufzuspießen. Der Überlebensinstinkt übernimmt die Kontrolle. Luana rollt sich zur Seite. Wo sie eben noch lag, schlägt der Krieger ein. Der Aufprall reißt einen weiteren Krater in der Erde. Die Druckwelle erfasst sie erneut. Im hohen Bogen wird Sie davongeschleudert, fliegt über die Kuppe eines nahen Hügels – dieses Mal bricht sie nicht ein. Sie fängt den Sturz ab. Mit einem harten metallischen Scharren landet sie auf den Beinen. Ihre Stiefel graben sich in das Gestein. Ihr Körper bebt. Der lähmende Schmerz in ihrem Rücken verfliegt. An seine Stelle tritt ein heißes Gefühl von purer Ekstase.
Ihr Körper erwacht langsam aus einer tiefen Starre, als wäre all das bisherige Entsetzen ein unbedeutendes Aufwärmen gewesen. Energiewellen beginnen durch ihre Adern zu zirkulieren. Diese Energie bleibt nicht in ihr: Sie fließt in einem pulsierenden Kreislauf aus ihren Händen direkt in das Innere von Wasserkind – und von der Klinge wieder zurück in ihr Herz. Sie braucht den Fokus. Sie schließt die Augen, schirmt die visuelle Hektik des Schlachtfeldes ab und taucht in ihr Inneres ein, um den stummen Ruf der Waffe zu erforschen. Da war die absoluten Akzeptanz zu Beginn. Was bedeutet das? Was will die Klinge ihr sagen?
Luana spürt es jetzt ganz deutlich, ohne jeden Zweifel: Dieses Schwert besitzt eine lebendige Seele. Wie genau sie diese Seele bei dem Schöpfungsakt in den Stahl eingewoben hat, kann sie sich selbst nicht erklären. Es muss mit der Kraft ihrer Essenz dorthin gelangt sein. Während sie versucht, die Seele der Klinge zu ergründen, reißt der Hügel vor ihr krachend in Stücke. Der Ritter macht sich nicht einmal die Mühe, das Hindernis zu überspringen. Er bricht mitten hindurch. Alles, was die Spitze seines Schwertes berührt, pulverisiert und schießt in einer explosionsartigen Welle aus Staub und messerscharfem Geröll in alle Richtungen. Durch den Trümmerregen sieht Luana ihn auf sich zu stürmen – wie eine Naturgewalt.
Diesmal flieht sie nicht. Sie weicht nicht zurück. Ihre Stiefel stehen fest im bebenden Boden. Sie greift nach der zirkulierenden Energie in ihrem Inneren und geht aktiv in die Parade. Als der Ritter sie erreicht, prallen die Schwerter aufeinander. Gleißendes Licht, ein reißender Blitz peitscht empor. Luana fängt seinen Hieb ab, stemmt sich mit aller Kraft gegen die Klinge und hält dagegen. Der Ritter verschwindet spurlos. Eben noch hat Luana gegen den Widerstand seines Schwertes angekämpft, jetzt greift ihre Kraft ins Leere. Der Verlust des Gegendrucks reißt sie aus der Balance. Sie stolpert nach vorne, verliert das Gleichgewicht und stürzt zu Boden. Reflexartig fängt ihre freie Hand den Sturz ab, bevor ihr Gesicht in der Erde aufschlägt. Ihre andere Hand umklammert Wasserkind in einem eisernen Griff.
Keine Zeit sich aufzurichten. Er ist bereits hinter ihr. Sie spürt den eisigen Windstoß, des herabsausenden Schlags, der ihren ungeschützten Rücken spalten soll. Luana wirft sich herum, wälzt sich auf den Rücken und reißt die leuchtende Klinge nach oben – gegen das Schwert, das der goldene Ritter auf sie hinabjagt. Die Schwerter kreuzen sich Millimeter vor ihrer Brust. Der erneute Aufprall setzt eine Schockwelle frei, die die Realität der Simulation an ihre Grenzen treibt. Alles um sie herum explodiert in einem grellen Weiß. Das Licht überstrahlt die Konturen der Berglandschaft. Luana sieht nichts mehr – bis auf den Ritter, der sich als verzerrter Schatten über ihr abzeichnet.
Genauso abrupt, wie der Ritter erschien, verschwindet er. Der Druck von Wasserkind ist gewichen. Keine goldene Rüstung, kein feindliches Schwert. Nichts. Nur der weite Himmel, durch den dunkle Wolken ziehen, ein dichter Schleier aus aufgewirbeltem Staub und Hunderte von Trümmerteilen, die zu Boden regnen. Der kühle Wind bläßt ihr Rußflocken und Basaltsplitter ins Gesicht und zerrt an ihren Haaren. Wo ist er?, hämmert es in ihrem Kopf. Wo, verdammt noch mal, ist er hin?
Luana rappelt sich auf, die Klinge fest umklammert, bereit auf den Hinterhalt zu reagieren. Sie dreht sich um die eigene Achse, versucht krampfhaft, seine Präsenz wahrzunehmen. Die Bergwelt ist ein Trümmerfeld. Abgebrochene Mammutbäume liegen auf dem zerfurchten Fels. Im Erdboden klaffen tiefe Wunden und Risse, gesäumt von Kratern und zerschmetterten Gipfeln. Wie nach dem Einschlag einer planetaren Streumunition.
Während des Gefechts, hatte sie das flüchtige Aufblitzen seiner Aura gespürt – auch wenn er zu schnell für sie war. Doch jetzt? Sie spürt nichts mehr. Als wäre seine Existenz ausgelöscht. Sie zwingt sich zur Ruhe, presst die Lider zusammen und atmet tief ein. Wenn ihre Augen den Geist nicht erfassen können, muss sie es anders versuchen. Sie konzentriert sich auf ihre schöpferische Essenz und versucht, ihre Sinne wie ein straff gespanntes Bettlaken über den Simulationsraum auszuweiten. Sie wirft das Laken in jede Ecke, bis an die Grenzen des Raumes, sucht nach einer Vibration, einem Funken oder Bewegung. Nichts. Eine gähnende Leere. Kein Echo, kein Schatten, kein Herzschlag. Nur das Heulen des Windes in den zerklüfteten Bergen und das nahende Gewitter, über dem eine seltsame Stille liegt.
Fortsetzung folgt.
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