Sage und schreibe

5,00 Stern(e) 2 Bewertungen
I. Rezeption und Revision: Derek Jarmans Film "Caravaggio"

Anfang 1987 kam der damals neue Film des Briten Derek Jarman erstmals in deutsche Kinos. Die Kritiken waren ausnahmslos, so schien es mir, voll von enthusiastischem Lob. Ich sah die Malerbiographie an einem Montagabend und notierte mir danach: „… lebendiger Kunstfilm … vollkommen authentische Bilder … atemberaubend schön …“ Zweiunddreißig Jahre später lasse ich mir den Film auf DVD kommen (Edition Salzgeber) und kann meine frühere Begeisterung nicht mehr nachvollziehen.

Möglich, dass ich „Caravaggio“ damals in deutscher Synchronfassung gesehen habe. Inzwischen ziehe ich Originalfassungen mit Untertiteln vor. Diese hier ist eine – und sie befremdet mich auf Anhieb: römischer Barock und dann alles Reden in British English, abgestuft von Oberschicht bis Gosse, seltsam anzuhören. Überhaupt nicht romanisch auch die meisten Physiognomien, eher angelsächsisch bis keltisch. Das steigert den Verfremdungseffekt. Dass so der Anblick von Tilda Swinton als Lena und noch mehr der von Sean Bean als Ranuccio eine leichte Antipathie in mir hervorrufen, ist vielleicht mein Problem – aber wie es ist um die Schauspielkünste von Nigel Terry als Caravaggio bestellt? Er scheint hier als Hauptfigur nur über zwei Mienen zu verfügen: die gönnerhaft lächelnde und die leidend tief betrübte. Caravaggios innerer Monolog, der wenig kunstvoll laufend neben der Filmhandlung assoziiert und phantasiert, kommt wie ein Mix aus englischer Romantik und W.H. Auden daher. Er zeugt wie der ganze Streifen von stark zum Ausdruck drängendem Kunstwillen. Die reichlich im Film eingestreuten Anachronismen (Taschenrechner, Schreibmaschine, Motorrad, Zigaretten usw.) wirken wie allzu absichtsvolle Gags. Sie fanden beim Publikum seinerzeit auch viel Beachtung.

Das Grundprinzip der Filmstruktur ist zunächst einleuchtend: Verknüpfung von Lebenssituationen mit gemalten Bildern. Das komplizierte Verhältnis von Bildproduktion, sei es für ein Gemälde oder den Film, zur Sinnproduktion in der erzählten Filmhandlung analysiert überaus tiefschürfend der Kunsthistoriker Klaus Krüger in einem der DVD als Bonusmaterial beigegebenem Vortrag. Nur dass mich bei aller Aufklärung darüber das Ergebnis dieser angestrengten Kunstübung ästhetisch dennoch nicht befriedigt. All die Anachronismen, das Spiel mit Filmzitaten, mit Garderoben unterschiedlichster Zeiten, mit technischem Gerät aus jüngster Zeit oder zzt. des Drehs schon wieder überholtem, es stellt ein willkürliches Sammelsurium dar. Gewiss wird so ein traditionelles biographisch-cineastisches Herangehen an einen Stoff wie diesen konterkariert, doch aus der Zertrümmerung entsteht nichts formal überzeugend Neues. Ist es am Ende ein Film über Vergeblichkeit von Kunst oder von Leben überhaupt?

In der zweiten Hälfte des Films wird jenes Grundprinzip überlagert und fast schon durchkreuzt von einem trotz allem zunächst konventionell erscheinenden Dreiecksverhältnis. Aber so wie alle Nebenfiguren undeutlich bleiben, so auch die Psychologie dieses Trios. Die schwangere Lena – von wem schwanger? - verlässt Caravaggio und Ranuccio, die, wie sie erklärt, einander genügten. Sie wird Scipiones Geliebte. Ranuccio ertränkt sie bald darauf im Tiber und gibt als Motiv gegenüber Caravaggio an, er habe die Frau für sie beide, den Maler und sich selbst, umgebracht. Dafür wird er nun von Caravaggio erstochen. Das Seelendrama hinter diesem blutigen Schauerkurzroman wird nicht einmal an-, geschweige denn ausgeleuchtet.

Verdankt sich der seinerzeitige Erfolg des Films der Übereinstimmung mit dem Zeitgeist der 1980er Jahre, dem Geist der Postmoderne, eines ästhetischen anything goes usw.? Ist uns Jarmans „Caravaggio“ einfach fremd geworden, da wir selbst uns in einer seitdem sehr veränderten Welt neu zu orientieren haben? Gegen diese Annahme spricht immerhin eine negative Kritik von damals, die ich jetzt entdeckt habe. Wolfgang Limmer fand schon 1987 in einer „Spiegel“-Rezension die Schwachpunkte heraus (Titel: „Klappbilder, homoerotisch“). Er monierte dort das Überwiegen von reinen Posen, den „platitüdenreichen Kommentar“, konstatierte, es umgebe „eine fröstelnde Kälte diese Hitzigkeit … Nichts stimmt in den Beziehungen der Lustsubjekte untereinander.“ Und zu den Spielereien mit Anachronismen: „Jarman hat sich dabei was gedacht, vermutlich irgendwas mit universal. Ich habe nichts dabei gespürt.“ Mir geht es heute ebenso.
 
II. Metoo andersrum

Das Folgende soll keine Filmkritik werden, nur ein soziokultureller Querverweis. Für eine Rezension des Films wäre etwas mehr Sachkenntnis vonnöten als ich besitze. Ich war nie in Los Angeles, weiß wenig vom Filmgeschäft und konsumiere nur selten Hollywoodstreifen. Dennoch springt für mich jetzt die Aktualität des Films „Skin & Bone“ ins Auge. Everett Lewis hat ihn schon 1996 gedreht und man kann den Streifen daher als Vorläufer und zugleich Kronzeugen der MeToo-Bewegung betrachten. Lewis widmet sich darin arbeitslosen Schauspielern (oder solchen, die es sein oder werden möchten), den Verbindungen zur Pornoindustrie und dem Abgleiten in die Prostitution. Von den drei jungen Männern Harry, Dean und Billy sind die ersten beiden hetero- und der letzte vermutlich homosexuell. (Billy sieht aus wie ein jüngerer Otto Waalkes als Edelstricher und wird nach amüsanter, gefühlvoller doppelter Verwechslung grausig hingemetzelt.) Alle drei sind Angestellte einer Firma Twelve Noon, die Callboys vermittelt, sowohl an Frauen als auch - und im Film überwiegend - an Männer. In ihren seitenlangen Verkaufs- und Buchungslisten werden alle denkbaren Varianten sexueller, von der Norm abweichender Bedürfnisse erfasst und nach Vertragsabschluss auch befriedigt. Der Kunde hat insoweit immer Recht, sein Recht auf Vertragserfüllung. Dem angestellten Stricher – denn das ist er natürlich – bleibt neben dem Broterwerb die Illusion, mit seiner Schauspielkunst vorher fixierte Phantasien für die gebuchte Zeit real werden zu lassen.

Diese Illusion zerplatzt in jenen Szenen, in denen Harry sich um eine echte Filmrolle bemüht. Auch hier prostituiert er sich, jetzt vor den Filmgewaltigen, ganz ohne Kunst, nur als attraktives männliches Individuum, das seinen Körper verkauft. Und genau darin liegt die Parallele zu den Bekenntnissen US-amerikanischer Schauspielerinnen seit 2017. Der Film ist insofern ein beweiskräftiges Dokument, das schon sehr früh Missbräuche in der Filmindustrie anzusprechen gewagt hat.

Werfen wir doch noch einen kurzen Seitenblick auf den ästhetischen Wert des Independent-Films. Er experimentiert auf verschiedene Weise: häufiger Wechsel von Farbe zu Schwarz-Weiß und zurück, Einblenden zahlreicher Fragmente aus dem Telefon-Orkus, Hin- und Herspringen zwischen Dramatischem und Satirischem. Die Präsenz und Auffassungsgabe des Zuschauers werden ständig gefordert. Er kann viele Details – es geht bis zur Leichenschändung - schockierend oder reißerisch finden. Und Ghislaine, die diabolische Chefin der Callboy-Firma, ist eine wahrlich erschreckende Figur, die nun kaufmännisch emanzipierte Femme fatale früherer Zeiten. Die professionelle Kritik war gespalten, als der Film herauskam. Lassen wir es offen, „Skin & Bone“ ist auf jeden Fall ein Fundstück von zeitgeschichtlichem Wert.
 
III. Nachlese: Alois Brandstetters Roman "Die Abtei" und seine Aktualität

Bücher haben ihre Schicksale, und dasselbe gilt für Leser. Wer nach Jahrzehnten erneut zum selben Werk greift, bekommt einen Prüfstein in die Hand: Beurteile ich das Buch noch wie damals? Und falls nicht: Liegt es an mir, bin ich ein anderer geworden in der seither vergangenen Zeit? Um 1985 besuchte ich auf Reisen durch Süddeutschland, Österreich und die Schweiz viele Klöster, noch existierende wie längst aufgehobene. Zur Vertiefung las ich den 1977 erschienenen Roman Alois Brandstetters „Die Abtei“ und ärgerte mich, dass mein Kloster-Kunsttourismus beim Ich-Erzähler keine Gnade fand: „Das Klosterbesuchen, das Stifteanschauen und Kirchenbegaffen ist letztlich der Ausdruck einer großen Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit, das Denkmälerbestaunen ist ein Zeichen und Indiz des Indifferentismus, einer inneren Öde und Leere der Menschen …“ Ich revanchierte mich nach der Lektüre mit diesem Fazit:

„Erstaunlich, dass das Buch keine Langeweile erzeugt - damit ist schon alles Positive gesagt. Das Weltbild in ihm ist von äußerster Schlichtheit. Nicht zufällig fällt der Begriff von den zwei Lagern. Da schlägt sich einer in die Schanze für die ecclesia militans – und hat vielleicht gar keinen Begriff davon, was eine christliche Kirche sein kann. Für ihn ist es ein Schutz- und Trutzbündnis Gleichgesinnter, wobei der Inhalt der Gesinnung sich dem Wagenburgcharakter unterzuordnen scheint. Alles, was der Kirche heute Autorität verschaffen kann, wird wütend angegriffen. Im Übrigen wird krass überzeichnet. Das Stiftspersonal scheint fast nur aus Alkoholikern oder feigen Trotteln zu bestehen. Nichts dergleichen ist mir jemals unter die Augen gekommen. Was mir dort unangenehm auffiel, war eine gewisse Verdrießlichkeit, vor allem der Laien. Einige Mönche und Chorherren beeindruckten mich dagegen durch Ausstrahlung von Milde, Humanität und geistiger Entschiedenheit. Brandstetters Erzähler vergreift sich fortwährend im Ton. Von den Predigern, die er besonders aufs Korn nimmt, sagt er, er höre ihnen meistens gar nicht mehr zu. Im Übrigen liegt er fortwährend auf der Kalauer, scheut auch das plumpste Wortspiel nicht.“

Nun erneuter Versuch. Der Roman stellt eine Art Denkschrift des oberösterreichischen Polizeiinspektors Dr. Einberger dar, gerichtet an den Abt des Benediktinerklosters Freimünster. Einberger hatte den Diebstahl eines wertvollen Kelchs zu untersuchen, der Fall scheint von ihm aufgeklärt; es wird nur angedeutet. Der Inspektor erörtert stattdessen breit, was er für Fehlentwicklungen im Kloster wie im ganzen Land hält. Sein Text folgt dabei zunehmend der Tradition barocker Bußprediger. Ein Kunstgriff besteht darin, dass Einberger dem Abt häufig von seinen Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten im Wiener Bundeskriminalamt berichtet, so das Personal des Romans erweiternd. All das ist sprachlich eindrucksvoll, oft mitreißend und zeugt inhaltlich von breiter Bildung und fundiertem Fachwissen. Man wird den Germanisten und Historiker Brandstetter nicht vollkommen gleichsetzen dürfen mit dem eifernden Inspektor. Dass die zwei sich recht nahe stehen, geht allerdings schon aus dem Umstand hervor, dass beide Söhne von Müllern in Oberösterreich sind. Nur scheint Brandstetter dem Einberger nicht resolut genug zu sein – auch jener habe, moniert er, zum Einsturz der Wiener Reichsbrücke 1976 geschwiegen.

Weltanschaulich trennen mich, den Agnostiker mit pantheistischen Tendenzen, noch immer Welten von Brandstetter und Einberger. Dennoch machte mich die Lektüre im Verlauf jetzt nachdenklich. Mich überraschte, wie aktuell die im Detail geäußerte Kritik noch immer oder nun erst recht ist. Dies nicht in dem Sinne, dass sie stets überzeugend wäre, sondern dadurch, dass Einberger 1977 meist dieselben Themen aufgreift wie Fundamentalkritiker in der jetzt laufenden Dekade und in der gesamten Zeit dazwischen. Das Buch spiegelt so ein für einen langen Zeitabschnitt konstitutives Krisenbewusstsein. Darin liegt die Aktualität des Werks: aufzuzeigen, wo der Schuh wirklich drückt, seit langem und noch immer, sei es bezogen auf die Gesellschaft insgesamt oder beträchtliche Teile von ihr.

Es überrascht nicht, dass Einberger eine Theologie ohne Gott moniert. Satirisch nimmt er die seltsamen Bräuche bei Wallfahrten aufs Korn. Und er kreidet es Geistlichen an, wenn sie sich für weltoffen halten oder so geben. Weltoffen? Dieses Wort hat seitdem richtig Karriere gemacht, gehört längst zum argumentativen Kleingeld auch in politischer Debatte. Tatsächlich ist der Begriff seinem Inhalt nach neutral. Offenheit ist weder Wert noch Makel an sich.

Sonderbar, dass meine Ablehnung des Werks seinerzeit sich nur aufs Kirchliche, Klösterliche bezog, die säkularen Themen im Roman ausblendete. Allgemeine Gesellschaftskritik nimmt doch bei Einberger mehr Raum ein als Kirchen- und Klosterschelte. So schließt er sich bereits der jungen ökologischen Bewegung an, wettert gegen Energieverschwendung und Plastikmüll. Wenn er sich gegen Brutalismus in der Architektur wendet oder gegen hohe Opernsubventionen, wenn er Akademikerschwemme und Mangel in Alltagsberufen beklagt, die Vergötzung von Sportidolen geißelt – es ist immer volkstümlich kritisch, bewegt sich in einem oszillierendem Spektrum von konservativ bis progressiv - oder pseudofortschrittlich. Er stellt „Hochmächtige“ bei ihren Stiftsbesuchen bloß und wettert gegen den „kriminellen Schwachsinn der Kriege“. Seine Einstellung gegenüber den USA und deren Außenpolitik ist ausgesprochen negativ, ohne dass das Wort Vietnam fällt. Das ist nach weiteren Kriegen im Orient bis heute in großen Teilen der Bevölkerung anschlussfähig. Russland dagegen, dessen damaligen Staatsnamen er vermeidet, erregt eine gewisse Bewunderung in ihm. Den Einmarsch in Afghanistan 1979 und die fatalen Folgen hat er offenbar nicht vorausgesehen.

Schule und Erziehung, das ist ein weiteres Angriffsfeld für Einberger. Mal geht es ihm um die Rolle des Lehrers oder er kritisiert den Deutschunterricht als hohe Schule des Heuchelns. Er thematisiert auch schon den Dualismus Gedächtnis als Informationsspeicher versus Kompetenz im Nachschlagen, inzwischen hat sich die Problematik infolge der Digitalisierung noch verschärft. Noch präsenter als jener in der Pädagogik ist ein weiterer Gegensatz, der nicht nur Österreich bis heute viel zu schaffen macht, der zwischen Kapitale und Provinz. Einberger arbeitet sich immer aufs Neue ab an seinem Wien-Hass. Oberösterreich ist stets das Opfer. Bruckner und Stifter werden als Kronzeugen zitiert, ihnen an die Seite gestellt Gregor Mendel und Abraham a Sancta Clara, alle nicht aus Wien, doch langjährig dort in aufreibende Kämpfe mit potenten Ignoranten verwickelt.

Fürs Allgemeine fühlt sich Einberger auch zuständig, tadelt Kritik der Urteilsschwäche, redet vom Fluch der guten Tat und gibt sich auch mal taoistisch: „Nicht zu handeln kann die angebrachteste Handlung sein.“

Mein Fazit nun, fünfunddreißig Jahre später: Ich nehme alles zurück und behaupte dennoch nicht durchgehend das Gegenteil. Brandstetters seltsamer Roman, eine Jeremiade als Kunst des Klagens, ist amüsant und provokant, ihn zu lesen bereichernd, wenn man zu differenzieren versteht. Was möglicherweise nicht die Absicht des Autors und gewiss nicht die seines Dr. Einberger war. Bücher haben auch ihre Schicksale …
 
IV. Der BER, die Pandemie und ich

Wie planbar ist unser Leben? Ich fürchte, gerade im Großen recht wenig. Zuletzt habe ich es in acht Jahren dreimal erlebt, wie mir rationale Zukunftsplanung durch überraschende Umstände zerschossen wurde.

Mit meinem Lebenspartner wurde Anfang der Zehnerjahre verabredet, dass wir noch einmal umziehen, wieder jeder in seine eigene Wohnung. Aus praktischen Gründen entschieden wir uns für Berlin. Ich machte den Anfang, erwarb etwas Passendes im Nordwesten der Stadt. Anfang 2012 bekam ich die Schlüssel, ließ sanieren und freute mich auf den 3. Juni: geplanter Eröffnungstermin des neuen Großflughafens. Meine Bleibe lag noch in der Einflugschneise des Tegeler Airports, mit sehr hoher Lärmbelastung durch startende wie landende Flugzeuge. Hatte es vor meiner Wahl öffentlich auch nur den leisesten Zweifel am Zeitplan für den Flughafenumzug gegeben? Nein, nirgendwo.

Als sich im Sommer 2012 abzeichnete, dass Tegel noch lange in Betrieb sein würde, mussten wir umplanen. Ich konnte meinem Freund nicht zumuten, auch unter der Lärmglocke zu leben. Für ihn fanden wir etwas Ruhiges im Osten der Stadt, halbwegs zwischen Zentrum und Stadtrand gelegen. (Hier sind bis heute keine größeren Probleme aufgetreten.) Ich selbst versprach, in seiner Umgebung das nächste Dach für mich zu suchen …

… und steuerte damit in die folgende Krise. Als der Neubau mit viel Verzögerung bezugsfertig und ich eingezogen war, stellte sich rasch heraus, wie unbefriedigend die Bauqualität war. Die Baufirma, sie ist nach wie vor gut im Geschäft, nenne ich nicht. Statt mich da schwarzzuärgern …

… plante ich lieber noch einen Umzug. Ich wurde Mitglied einer Genossenschaft, sicherte mir eine bei ihr noch in Bau befindliche Wohnung. Als Einbauküche und Umzugswagen bestellt waren, kamen die ersten Coronameldungen in die Nachrichten. Sie häuften sich, dann stand der Großteil der Stadt still. Auf dem Höhepunkt der ersten Welle der Pandemie, deren Ende nicht absehbar war, hätte ich umziehen sollen. Mir waren die vielen sozialen Kontakte, verbunden mit Umzug und Vermarktung der alten Wohnung, in der Summe zu riskant. Ich machte alle Verträge mit Verlusten rückgängig. Seitdem warte ich auf bessere Zeiten und studiere den Wohnungsmarkt, nur so zu meiner Unterhaltung.

Der BER wird in diesem Herbst endlich in Betrieb gehen. Viel Freude wird man vorerst nicht an ihm haben. Der Staat – Berlin, Brandenburg und der Bund – muss die Flughafengesellschaft auf Jahre hinaus mit gigantischen Summen subventionieren. Allein für 2021 werden gut 600 Millionen Euro fällig. Kein Boden in Sicht, auch kein Fass, nur ein Loch, für Zukunft gehalten. Es drängt sich die Frage auf: Wie zukunftsfähig ist diese Welt überhaupt?
 
V. Zeugnistage

In meinen Papieren finden sich einige Briefe, die mir mein Großvater als sehr alter Mann zukommen ließ. Er fing die Korrespondenz erst an, als die Großmutter infolge eines Augenleidens nur noch schlecht lesen und schreiben konnte. Immer noch schrieb er klar und fehlerfrei. Wir standen uns nie sehr nahe, ohne dass Abneigung vorgelegen hätte. Mein Großvater nahm die Welt noch zur Kenntnis, aber schon lange nicht mehr an ihr teil. Erregen konnte er sich über Jahrzehnte Zurückliegendes, allem Aktuellen gegenüber verhielt er sich fast immer neutral. Als gebildeter Autodidakt hätte er mir Vorbild, Autorität sein können, aber er lebte unter uns nur wie ein Monarch im Exil: entsagend.

Von seinem Schwiegersohn, meinem Vater, bekam ich nie einen Brief, er ließ immer die Mutter schreiben. Dabei hätte er sich ebenso gut schriftlich ausdrücken können wie sie. Ich frage mich, ob ich wenigstens seine Unterschrift irgendwo aufbewahrt finde, und entdecke sie auf einer Fotokopie des Erbvertrags. Der Notartermin war mitten im Krieg, Jahre vor meiner Geburt, und mein Vater war vielleicht zum letzten Mal auf Fronturlaub, vor der langen Gefangenschaft im Osten. Sein Namenszug auf dem Dokument klafft seltsam auseinander. Er beginnt bei Vor- und Nachnamen jeweils als korrekte, normalgroße Schönschrift und wird ab der Mitte zu übergroßem Gekrakel. Unangenehm berührt gestehe ich mir ein: Meine Unterschrift fällt heute recht ähnlich aus.

Ich glaube mich zu erinnern, dass er in meiner Jugend anders unterschrieb, graphologisch souveräner, seiner selbst sicher scheinend. Musste er damals nicht meine Oberschulzeugnisse abzeichnen, zweimal im Jahr? Oder zeigte ich sie ihm nur, da er es verlangte? An jene Momente zu denken, bereitet mir kein Vergnügen, sie gehörten zu den misslichsten im ganzen Jahresablauf. Dabei konnten meine Zeugnisse sich sehen lassen. Überaus peinlich waren nicht die Noten, es war der Versuch meines Vaters, sich bei diesem Anlass den Anschein eines kompetenten Erziehungsberechtigten zu geben – und noch mehr meine hilflose Reaktion darauf. Er lobte etwa zwei Sehr gut und ich erinnerte mich, dass ihm mein ausgeprägtes Interesse für Literatur und Geschichte sonst nur suspekt war. Dennoch tat ich jetzt so, als wäre ich über sein Lob erfreut, dessen unsichere Motivation ihm ins Gesicht geschrieben stand, wie auch mir meine wahren Gefühle. Wir spielten beide unsere Rollen schlecht und wussten es voneinander. Er fühlte sich zur Nachfrage verpflichtet, wenn die Benotung sich hier und da verschlechtert hatte, und ich mochte ihm nicht erklären, wie sich Stundenausfall oder persönliche Animosität zwischen Lehrer und mir darin widerspiegelten. Ich wurde so einsilbig, dass er mich rasch mit dem Wunsch entließ, ich möchte ihm weiter mit so guten Zeugnissen Freude machen.

Mein Vater und ich und die Schule, das war ein magisch-unheilvolles Dreieck. Ich hoffte, er wüsste nicht, dass ich es erfahren hatte: Jahrzehnte vorher war er schon bei der Aufnahmeprüfung für jene Anstalt gescheitert, die ich so glatt durchlief. Wenn ich nach einer solchen Präsentation in meinem Zimmer ankam, fühlte ich mich schuldig. Mein Verhältnis zum Vater war schlecht, das kam mir unnatürlich vor. Wir sprachen kaum miteinander und wenn wir es versuchten – er fing selten damit an, ich nie -, so kamen wir einander nicht näher, sondern spürten nur Irritation. Unter meinen Schulkameraden und deren Vätern hatte ich leuchtende Gegenbeispiele vor Augen. Die, denen es ging wie mir, sprachen so wenig wie ich darüber. Heute weiß ich, dass das nicht selten ist: Zwei nahe Blutsverwandte leben unter einem Dach und sind sich fremd und müssen es bleiben, aufgrund der Kluft zwischen den Generationen, den Bildungsgängen, den Perspektiven für die Zukunft oder den sexuellen Präferenzen. Ich musste sehr weit fortziehen und selbst ganz anderes als er durchleben, um ihn bei meinen seltenen Besuchen daheim voller Mitleid betrachten zu können. Sein Leben war durchweg mühselig und enttäuschend gewesen. Ihn betrachten und verstehen, ja, zum Reden kam es kaum einmal.

In Bodo Kirchhoffs „Mexikanische Novelle“ sagt einer, verletzt bei einer Mordattacke, sterbend zu dem geliebten Journalisten, der über ihn berichten will: „Schreib schön.“ Als allerletzte Lebensäußerung ist das aus der Perspektive des Opfers gesehen so kitschig erzählt wie aus der des überlebenden Autors und Freundes nur lebenswahr. Manches, das wir geschrieben haben, möchten wir den Toten hinter diesen Texten vorzeigen wie unsere Zeugnisse damals und schüchtern fragen: Habe ich nicht schön geschrieben? Die Toten, nun ganz verwandelt ihr früheres Leben in reine Zeichen, bleiben stumm.
 
VI. Eine Reise wie keine

Robert Walser kam aus Biel, da bist du doch auch mal gewesen? - Gewiss, an das Hotel dort erinnere ich mich, sonst an kaum etwas. Es lag an einer der Hauptstraßen im Zentrum, war gediegen und plüschig nach Schweizerart. Auf meinem Zimmer schrieb ich einen Brief, darin ein bisschen Walser imitierend. Während ich mir die Stadt jetzt vorzustellen versuche, kommt mir die gleißende Kathedrale von Solothurn in den Sinn. Vielleicht habe ich anstelle von Biel in Solothurn übernachtet und dort den Brief geschrieben? Ich weiß es nicht mehr.

Dieser Monat in der Schweiz gehört zu den seltenen Abschnitten meines Lebens, die nicht dokumentiert sind. Ich fuhr und lief damals kreuz und quer durch das Land, ließ mich vom Wetter und von Zufällen leiten. Schon die Vorgeschichte war chaotisch gewesen. Kurz vor einer lange geplanten Reise nach Wien war ein Freund dort überraschend an Aids gestorben. Ich hatte sogar geweint, nur kurz, hatte mich wieder gefasst und umorientiert.

So fuhr ich zu Ostern nach Basel. Mein Gastgeber beklagte den Puritanismus der Schweizer. Wenn es ihm einfiele, jetzt am Feiertag die Fenster zu putzen, würde gewiss irgendeiner die Polizei rufen. Wir unternahmen stattdessen eine Jurawanderung, die mir nur etwas kurz vorkam - es musste daheim noch ein Festtagslammbraten fachmännisch präpariert werden.

Am Ostermontag nach Lugano und du empfandest dasselbe wie Hermann Hesse anno 1927: freudloser Rummel am See und in den Gassen. Montagnola ließ ich rechts liegen, als ich anderntags am Hang des Monte San Salvatore nach Süden ging - mein jugendlicher Enthusiasmus für Hesse hatte schon nachgelassen. Womöglich kam ich durch Carabbia und Carona, ob ich auch im, wie man sagt, herrlichen Morcote war, ist mir entfallen. Ich sollte von Melide den Zug bis Capolago genommen haben. An die einfache, freundliche Pension in Riva San Vitale denke ich noch gern.

Vor mir türmt sich jetzt die Frage auf: War ich je auf dem Monte Generoso? Wohl doch, einmal genoss ich ja, scheint mir, diese Aussicht, die nur zu oft als grandios bezeichnet wird. Aber es kann kaum von Riva aus gewesen sein. An diesem Tag stieg ich, falls ich mich nicht irre, schon an der Station Bellavista aus und wanderte durch die grünen Hügel Richtung Mendrisio. Mir ist, als ob ich dahin zuletzt den Bus genommen hätte. Mendrisio kam mir lombardisch, nicht helvetisch vor. Nach einer Nacht dort muss ich auf einem der vielen Bergwege zum Gipfel des Monte San Giorgio gelangt sein. Mir hat sich vor allem eingeprägt, wie ein Vater seinem auf der Kante über dem Absturz hängenden Söhnchen immer wieder zurief: „Reste là, reste là!“ An diesem Tag oder an einem anderen machte ich Bekanntschaft mit einer sinnreichen Vorrichtung: Kettenhund mit langer Schiene für die Kette. Fast wäre einem so die Attacke auf mich geglückt.

War ich abends nicht in Chiasso und musste über Nacht zur Sicherheit meinen Pass an der Rezeption hinterlegen? Nichts weiter über Chiasso! Am Morgen darauf rasch nach Lugano gefahren und mit einem Bus in die Berge nördlich davon. Ein schöner Tag, von dem kaum ein Hauch von Erinnerung geblieben ist. Ich übernachtete in einem frisch renovierten Zimmer in Tesserete. Der Gastwirt war sehr stolz auf den guten Geschmack, der da gewaltet hatte. Ich machte abends Pläne für Touren in noch höhere Regionen, doch das Wetter passte anderntags dazu nicht. So flüchtete ich am Morgen ins niedrigere Malcantone, spürte im April vereinzelte Schneeflocken auf meiner Haut und zog mich, da Nordföhn war, mittags mit dem nächstbesten Schnellzug über die Alpen zurück. Und das war erst der strukturiertere Teil meiner Reise, wie war dann wohl der Rest?

Der weitere Ablauf ist im Detail nicht mehr rekonstruierbar. Zu viele und zu weit auseinanderliegende Orte, mit immer anderen Bahnen oder Bussen und oft auch zu Fuß erreicht. Ich suche im Atlas Namen, die etwas in mir wachrufen. Da ist das kleine Goldau mit dem großen Bahnhof. Vom Gasthofzimmer sehe ich, wie sich die stille Straße in der Dämmerung mit amüsierwilliger Jugend belebt. Oder Einsiedeln mit seinem Kloster wie ein Großkaufhaus des Glaubens. Pfauenschreie in einem Privatgarten im Mittelland – ist es am Sempacher See? Ich musste Murten sehen und Fribourg, Beromünster und St. Gallen, auch das Kunstmuseum in Winterthur. In dieser Stadt schob sich ein reisender Kaufmann abends am Tresen der Hotelrezeption dreist an mir vorbei, ich kann sehr nachtragend sein … Im Bahnhof von Bern spielte ich den unbeteiligten Beobachter und nahm sie doch wahr, die einzeln flanierenden Männer. Auch bei der Maifeier auf dem Thuner Marktplatz sah ich mich unter den Teilnehmern um. Am Bodensee war ich nur so lange, wie man zum Umsteigen braucht. Nach einer Nacht in Buchs, gegenüber Liechtenstein, ging ich zu Fuß rheinaufwärts bis Sargans und fuhr vielleicht von da nach Chur. Und wann stieg ich vom Berninapass ins Puschlav hinunter, damals oder auf einer späteren Reise? Als ich an der Aare war, schlief ich da in Brugg oder in Aarau? Wer das noch wüsste.

Zum Übernachten fand ich in Brienz ein hellhöriges Gründerzeithotel und im Emmental ein altes, behäbiges, ganz aus Holz, in dem große, wohltuende Stille herrschte. Es kann in Burgdorf gewesen sein, als mir beim Frühstück eine Dame auf meinen fragenden Blick hin ihr Schweizerdeutsch übersetzte: Ich habe meiner Freundin eben gesagt, ich hätte gestern gekotzt. Noch einmal kam ich ins Tessin, übernachtete in Bellinzona. Vielleicht fuhr ich erst von da zum Monte Generoso und weidete mich am spektakulären Panorama, alles zugleich im Blick, die Gebirgsmauern und die Riesenseebecken dazwischen.

Auf dieser Reise durch die Schweiz, die ich bis dahin kaum gekannt hatte, tat ich alles, was ich gewöhnlich bei Reisen für falsch halte. Später fuhr ich noch wiederholt hin und vermied es mit Bedacht. War das nun recht getan?
 
VII. Wie man Zuschauer manipuliert

Ich habe es schon wieder getan: mich mit einer Internet-Autorin gezankt. Es ging um Corona und die mehr oder weniger nützlichen staatlichen Maßnahmen dagegen. Dazu jetzt nichts weiter, ich will auf etwas anderes hinaus. Die Kollegin, die sonst schon mal von „dubiosen Kanälen“ spricht, wenn sie öffentlich-rechtliche Sender meint, empfiehlt uns in der Arte-Mediathek eine Sendung „Corona – Sicherheit contra Freiheit“. Ich sehe mir das an und finde gut fünfzig Minuten lang einen Gemischtwarenladen, in dem sich jeder bedienen kann. Unverkennbar ist jedoch eine insgesamt dissimulative Tendenz: alles zerreden, bis nicht mehr viel übrig bleibt von den Gefahren der Pandemie. Es gibt doch so viel anderes Bedrohtes, Schützenwerteres …

Ein Musterbeispiel für manipulative Technik findet sich ab Minute 9.40 der Dokumentation. Da wird dem Zuschauer aus dem Off flugs eine Statistik um die Ohren gehauen: Angst wegen Corona empfinden nach einer Umfrage in Deutschland 37 % der Befragten, dagegen in Frankreich fast 70%. Die vertrauenerweckende Stimme fährt fort: „Die Angst steht in keinem Verhältnis zu den Opferzahlen.“ Und hurtig weiter im Text, neuen Ufern entgegen. Ich aber halte inne: Wie bitte, wie meinen die das? Frankreich hat relativ gut viermal so viele Corona-Tote wie Deutschland – also rechne ich: 37 mal 4 = 148% - ein absurdes Ergebnis! Also andersrum: 70 geteilt durch 4 = 17,50%. Kommt das den Erwartungen der Dokumacher an die Statistik schon näher? Gut möglich. Aber natürlich ist das alles Humbug. Die Befürchtungen müssen nicht mathematisch passgenau den Opferzahlen entsprechen. So stimmt es: In Frankreich waren bisher mehr Opfer zu beklagen, daher sind die Ängste in der Bevölkerung weiter verbreitet.

Der Zuschauer aber empfängt im schnellen Wechsel von Bildern und Kommentar nur die eine Botschaft: „Die Angst steht kaum im Verhältnis zu den Opferzahlen.“ Genauso funktioniert Manipulation des Zuschauers. Und durch das "kaum im Verhältnis" sichert man sich schon mal ab, falls einer den Braten riechen sollte. Also doch „dubiose Kanäle“? So weit würde ich nie gehen. Trotzdem danke an die Kollegin für den Fund.
 
Zuletzt bearbeitet:
Nur damit keiner meckert: Das Zitat aus der Sendung lautet exakt so: "Die Angst steht kaum im Verhältnis zu den Todeszahlen." Sachlich ändert das nichts. Leider vermisse ich in der Sparte "Tagebuch" die nachträgliche Korrekturmöglichkeit.
 

Ciconia

Mitglied
Nochmaliges Nachtreten hat immer etwas Erbärmliches, Herr Abendschön, zumal, wenn dabei zum wiederholten Mal Zitate aus dem Zusammenhang gerissen und für eigene Zwecke neu zusammengesetzt werden. Wenn jemand im Mai von öffentlich-rechtlichen Sendern spricht und im September von „dubiosen Kanälen“, muss dies nicht zwangsläufig einen Zusammenhang ergeben.

Allein dafür und für die scheinheilige Formulierung „eine Internet-Autorin“ wäre eine 1*-Bewertung angebracht gewesen – aber an solchen Kinderspielen beteilige ich mich nicht.

Eine seriöse Rezension sollte sich schon auf den Gesamtbeitrag beziehen und nicht auf herausgepickte Teile, die man genüsslich und eloquent verreißt. Sie halten sich wie immer überwiegend an Zahlen fest, verhöhnen den Beitrag mit Formulierungen wie „die vertrauenerweckende Stimme“ und betreiben schon mit dem Titel „Wie man Zuschauer manipuliert“ Framing vom Feinsten. Die Vielzahl seriöser Fachleute (ich vermeide absichtlich den inflationär gebräuchlichen Begriff „Experten“), die in dieser Dokumentation zu Worte kommen, wird von Ihnen einfach übergangen. Natürlich, ein Professor Ioannidis und seine neueste WHO-Studie sind umstritten, deshalb hört man (auch in den öffentlich-rechtlichen!) Medien sehr wenig davon. Aber gilt das auch für einen renommierten Anwalt wie Dr. Strate und alle anderen Wissenschaftler, Soziologen, Virologen etc., die an dieser Dokumentation mitwirkten? Alles nur Manipulation, nur Herr Abendschön kann schon wieder „den Braten riechen“?

Nein, Herr Abendschön, Sie haben sich ein weiteres Mal verrannt. Aber Sie haben mit diesem manipulativen Verriss sicher erreicht, dass sich viele Leser gar nicht mehr für die ARTE-Dokumentation interessieren werden. Und darauf kam es Ihnen ja offensichtlich an.

Ciconia
 
Ach, Ciconia, beruhige dich doch mal. Es war gerade nicht meine Absicht, andere vom Anschauen der Doku abzuhalten. Hier habe ich nur ein kleines bezeichnendes Detail herausgegriffen. Unter "Letzte Warnung" habe ich meine Eindrücke ausführlicher und abwägender dargestellt und ausdrücklich festgestellt, dass man sich mit der Sendung befassen kann und dass sie unterschiedlichen Standpunkten gerecht zu werden sich bemüht. Bitte nachlesen, falls dir das entgangen sein sollte.

Deine Art zu diskutieren, ist wenig sachdienlich. Entweder hüllst du dich in Schweigen, gehst auf Nachfragen nicht ein - ich warte immer noch auf eine Erklärung zu dem Schlüsselbegriff "Husarenstück" - und antwortest nur auf dir wohlwollend erscheinende Kommentare - oder du wendest dich einmal direkt an mich und fährst dann das ganz große Geschütz auf. Wir sind hier aber nicht im Krieg. Du vertrittst in einer existenziell wichtigen Frage eine zu meinen Auffasssungen konträre Position und in diesem einen Punkt kritisiere ich dich entschieden. An meiner übrigen Einstellung und Wertschätzung für einen Großteil deiner Texte ändert das nichts. (An die mitlesende Redaktion: Ich weiß, dass gehört in den privaten Bereich, der Zugang dafür scheint jedoch bei Ciconia blockiert.)

Zurück zur Doku. Ihre Machart erinnert an vielen, nicht an allen Stellen, an jenen Wahlkampfslogan "Freiheit oder Sozialismus". Der Begriff Freiheit wird jedoch nicht näher untersucht, nur plakativ in den Raum gestellt. (Ausnahme ein Statement von Lauterbach, das kompliziert formuliert schnell vorbeirauscht.) Eine wichtige Frage wird gar nicht gestellt: Was Freiheit konkret in dieser Situation in einem bestimmten Land bedeuten kann. Die schwedische Gesellschaft ist vergleichsweise konform, verglichen mit der deutschen oder französischen. Wie frei ist in einer konformen Gesellschaft das Individuum, sich oder so zu entscheiden, d.h. Empfehlungen zu befolgen oder es nicht zu tun? In großen Teilen Berlins z.B. hätte die schwedische Strategie vom Frühjahr, die ich ja durchaus für diskutabel hielt, überhaupt nicht funktioniert.

Ich nutze die Gelegenheit, noch ein Beispiel für die etwas manipulative Machart der Sendung darzulegen. Als es um die Folgen des Lockdowns auf das Alltagslebens geht, wird in Paris eine Familie präsentiert, die zu viert auf 28 qm lebt. Das ist schon in normalen Zeiten kaum erträglich und bei Ausgangssperre die Hölle. In Stockholm dagegen blicken wir kurz darauf in eine Privatwohnung ohne solche beengenden Verhältnisse. Die unterschwellige Botschaft: Lockdown Mist - kein Lockdown gut.

Die Doku war bezüglich Schwedens zum Zeitpunkt der Ausstrahlung schon nicht mehr aktuell. Die Änderung in der Strategie der Regierung hatte sich in den letzten Wochen davor für den abgezeichnet, der die Nachrichten aus den einzelnen europäischen Staaten regelmäßig verfolgt.

Ich wünsche dir einen entspannten Nachmittag.

Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
Wie sich doch Ihr Tonfall plötzlich ändert, Herr Abendschön, wenn ein Text in der Öffentlich diskutiert wird und nicht nur im Forum Lupanum! Nach 14 (wenn ich mich nicht verzählt habe) teilweise bissigen und beleidigenden Diskussionsbeiträgen zu „Letzte Warnung“, von denen einer von der Redaktion gelöscht werden musste, und einigen weiteren zu „2.0“ erwarten Sie von mir, dass ich mich „beruhige“? Ich hab mich bisher noch gar nicht aufgeregt …
Wir sind hier aber nicht im Krieg.
behaupten Sie nun, begannen einen solchen aber selbst vor gut zwei Wochen.

Wer mich mit solchen Aussagen

- seid mal kritischer gegen diese Art von Propaganda
- Das, liebe Mitautoren, ist der Geist, aus dem sich auch das aktuelle Gedicht speist
- Diese Formulierung zeigt die Tendenz des Gedichts eindeutig auf. Es ist gesellschaftskritisch, wünscht sich eine Korrektur des Verhaltens anderer

- wacht endlich auf, reibt euch den Schlaf aus den Augen
- Man lese nur mal nach, was Trump heute zu Corona und Deutschland von sich gegeben hat. Ciconia wird ihm vermutlich Recht geben
- Ich sehe, welche Rolle du seit einem guten halben Jahr hier spielst.


In eine Ecke drängen will und dazu „Zeugen“ und „Belege“ anführt,

wer zugibt

mal kursorisch ihre Beiträge des letzten halben Jahres durchgesehen und einiges Aufschlussreiche in meinen Kommentaren dazu zitiert

der hat jede Diskussionsgrundlage verspielt. In Ihrem Fall hatten sie das schon mit Ihrem ersten Kommentar

Ich finde dieses Pamphlet aus deiner Feder unentschuldbar.

Haben Sie allen Ernstes erwartet, dass ein/e Autor/in darauf noch diskutieren will?

Und auch der gestrige Kommentar

Ob z. B. die Verfasserin des Gedichts, die uns die Arte-Doku so sehr ans Herz gelegt hat, diese neueste Entwicklung zur Kenntnis nimmt und auch geistig verarbeitet?

trug nicht gerade zur Entspannung bei. Wie schrieben Sie noch?

Ciconia täuscht mich nicht

Sie mich auch nicht, Herr Abendschön!

Ciconia
 
Ciconia, ich heiße nicht Aligaga II. Daher werde ich nicht auf deinen gereizten Tonfall eingehen.

In der Sache bleibe ich bei meinen Äußerungen über deine Gedichte. Noch mal: "Letzte Warnung" wurde nicht nur von mir als politisches Gedicht verstanden, sondern von der Mehrheit der sich Äußernden, und von diesen hat es wiederum die überwiegende Zahl deutlich abgelehnt. Und das Folgegedicht halte ich weiterhin für eine nur äußerlich abgemilderte Variante des ersten. Bei der Durchsicht deiner vielen Beiträge im laufenden Jahr war mein Eindruck tatsächlich: Ciconia führt eine Kampagne. Dem habe ich mich entgegengestellt.

Da wir über das Zurückliegende keine Übereinstimmung erzielen werden, gibt es jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder wir beenden das Gespräch - oder wir kehren zur Sachdiskussion zurück,. Mich würde weiterhin interessieren, wie du die Richtungsänderung der schwedischen Politik beurteilst. Gibt es in diesem Licht Korrekturen an deiner bisherigen Haltung?

Freundlichen Gruss
Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
Daher werde ich nicht auf deinen gereizten Tonfall eingehen.
Sie kennen sicher die Geschichte mit der Oma, die von jemandem die Treppe hinuntergeschubst wird, und dieser Jemand fragt dann „Oma, warum läufst du so schnell?“. Daran musste ich gerade denken.

Solange Sie hier weiter mit Falschaussagen aufwarten, Herr Abendschön, sehe ich hier keine Grundlage für eine sachliche Diskussion. Mein Gedicht wurde nicht von der „überwiegenden Zahl“ abgelehnt, ich erhielt einmal 5 Sterne, von Walther 4, und darüber hinaus mehrere durchaus wohlwollende Kommentare. Wenn dort User kommentarlos mit 1* werteten, kann ich das nicht ernstnehmen – diese lehnten damit von Haus aus jede Diskussion ab. Wenn sie denn überhaupt richtig verstanden, was ich ausdrücken wollte.

Auch dieser Satz zeigt schon wieder, worauf Sie eigentlich die ganze Zeit hinauswollten.
Gibt es in diesem Licht Korrekturen an deiner bisherigen Haltung?
Sie halten also meine Haltung nach wie vor für korrekturbedürftig und ihre eigene für die einzig richtige. Nein, so nicht. Ich lebe in Deutschland, ich muss mit den Entscheidungen unserer Regierung leben, und die kann ich mögen oder nicht. Zu einem glücklichen Sklaven tauge ich allerdings nicht. Und soweit ich informiert bin, gibt es in Deutschland immer noch Meinungsfreiheit.

Ich möchte damit von meiner Seite diese unendliche Diskussion, die Sie mit der „Rezension“ der ARTE-Dokumentation auch noch nach außen getragen haben, mit der zwar schon altbekannten, aber trotzdem immer noch gültigen Aussage von Benjamin Franklin beenden:

Wer bereit ist, Freiheit zu opfern, um Sicherheit zu gewinnen, verdient weder das eine noch das andere und wird am Ende beides verlieren.

In diesem Sinne
Ciconia
 
Mein Gedicht wurde nicht von der „überwiegenden Zahl“ abgelehnt, ich erhielt einmal 5 Sterne, von Walther 4, und darüber hinaus mehrere durchaus wohlwollende Kommentare. Wenn dort User kommentarlos mit 1* werteten, kann ich das nicht ernstnehmen – diese lehnten damit von Haus aus jede Diskussion ab.
Bei einem Blick auf die Diskussion dort kann man sich leicht vom wirklichen Meinungsbild der Mehrheit damals überzeugen. Ciconias letzter Halbsatz stellt es auf den Kopf. Aber ich will das hier nicht erneut durchkauen und lege mal eine andere Platte auf.


VIII. Eisenhut - schön und sehr giftig

Vor gut dreißig Jahren ist er mir zum ersten Mal ins Auge gefallen, der dunkelblaue Eisenhut, und zwar auf einer Reise in die Schweiz. Wir wanderten damals im Spätsommer zwei Wochen lang durch das Engadin. Besonders im Schweizerischen Nationalpark erschien er mir als die charakteristische Blütenstaude schlechthin. Seine Horste gruppierten sich entlang der Pfade, vorzugsweise auf feuchtem Untergrund. Dass er stark giftig ist, wusste ich damals noch nicht. Da ich von Natur zurückhaltend bin, Schönes am liebsten aus einigem Abstand betrachte und Früchte und Grünzeug nur aus dem Handel verzehre, bestand keinerlei Gefahr für mich.

Jahre später legte ich einen Garten mit einer größeren Staudensammlung an. Im Garten-Center stieß ich auf Eisenhut-Jungpflanzen. Ich dachte an die Alpen und das herrliche Dunkelblau erschien mir für den Hoch- und Spätsommer unverzichtbar. Vielleicht gab es im Gartenmarkt einen kleinen Hinweis auf die Giftigkeit, in meinem dicken Gartenratgeber zu Hause findet er sich nicht. Ein Freund sprach mich auf das Thema an, als die zwei Eisenhutgruppen ihren Platz schon im Garten gefunden hatten. Im Lauf der Zeit pflanzte ich sie um, und zwar, wie bei mir üblich, ohne Handschuhe.

Inzwischen weiß ich viel mehr über das Risiko. Wikipedia nennt Eisenhut die giftigste heimische Pflanze Europas. Sie spielt ihre unheilvolle Rolle auch in anderen Erdteilen. Erschreckend die Statistiken aus China, sie führen dort Buch über die jährlichen Todesopfer, gegliedert nach Provinzen und nach Mord, Selbstmord und unglücklichem Zufall. Letzterer ereignet sich ab und zu infolge Verwechslung beim Herstellen von Arzneien für die traditionelle chinesische Medizin. Wenige Milligramm Aconitin je zehn Kilogramm Körpergewicht sind bereits tödlich. Ich weiß jetzt, wie viele Gramm aus der Wurzel oder den Blättern oder Blüten dieser Dosis entsprechen, es sind sehr wenige. Mehr dazu nicht, ich will nicht den Ratgeber für Giftmischer spielen. Gärtner haben sich schon dadurch vergiftet, dass sie den Wurzelballen in ihren bloßen Händen trugen.

Das aufgenommene Aconitin wirkt bald auf die Muskulatur und das Nervensystem und führt unbehandelt vom Beginn der Symptome an in drei Stunden zum Tod. Der Kranke bleibt unter stärksten Schmerzen bis zum Schluss bei vollem Bewusstsein.

Ein typisches Beispiel für eine Eisenhut-Vergiftung ist der Fall des kanadischen Schauspielers André Noble. Geboren 1979, hatte er seinen ersten großen Erfolg in John Palmers Film „Sugar“ von 2004, in dem er die Hauptrolle spielte. Der Film war gerade auf dem Markt und erntete erstes Lob, als Noble einen Campingurlaub in seiner Heimatprovinz Neufundland verbrachte. Am 30. Juli 2004 unternahm er eine Bootsfahrt mit Freunden. Sie erkundeten eine kleine Insel vor der Küste. Als Noble am Abend bei seiner Tante aß, setzten die Symptome einer Aconitin-Vergiftung ein. Er konnte nicht schnell genug ins Krankenhaus gebracht werden. Die pathologische Untersuchung ergab, dass er, der Vegetarier und ausgesprochene Naturliebhaber, während des Ausflugs mit anderen Pflanzen Eisenhut zu sich genommen haben musste.

Denken wir an sein Schicksal, wenn wir die schönen Blüten betrachten, in Parks oder in Privatgärten.
 

Oben Unten