Sage und schreibe

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Um ganz ehrlich zu sein, geschätzter Franke: Hier habe ich mich auch etwas stilisiert, d.h. einiges leicht übertrieben. Alpträume mit Schulinhalten kenne ich nicht, mit einer Ausnahme. Ich träume seit Jahrzehnten immer wieder vom Mathe-Abitur. Der spezielle Hintergrund: Die seinerzeit vom Kultusministerium (Zentralabitur!) gestellte Aufgabe war in sich fehlerhaft und gar nicht lösbar. Man hat dann statt des Ergebnisses gewertet, wie der arme Prüfling sich mit dieser Kalamität arrangiert hatte.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
XI. Carmina Burana oder Alice Weidel als Schwan verkleidet

Da habe ich mir doch neulich die Verfilmung von Orffs „Carmina Burana“ als DVD kommen lassen, von Ponnelle 1975 realisiert – großartig, fulminant. Ich muss es immer wieder ansehen und anhören. Das hat allerdings Folgen. Wache ich jetzt nachts auf, erklingen diese Melodien sogleich wie Ohrwürmer in meinem Kopf: Zum Beispiel O Fortuna oder Swaz hie gat umbe ... Und gerade eben, bei meinem Nachmittagsnickerchen, habe ich sogar von diesem Stoff geträumt. Ich muss das jetzt aufschreiben, um mich von dem starken Eindruck zu befreien.

Diesmal war es Olim lacus colueram, der Schwan, der in der Küche gebraten wird und dazu ganz jämmerlich singt. Mir träumte, es sei Alice Weidel, die hier schmorte, in ein unförmiges Schwanenkostüm gezwängt und auf dem rotierenden Bratrost festgebunden. Ich war einer der Küchenjungen, die sie mit Fett beträufelten. Sie selbst sang den lateinischen Text und schrie dazwischen in hohem, schrillem Ton auf Deutsch. Es schien immer dasselbe und ich glaubte schließlich das zu verstehen: „Wer für Stopfleber die Freiheit aufgibt, wird beides verlieren, die Leber und das Gegacker.“ Für einen Schwan sonderbare Worte, über die ich jedoch träumend nicht lange nachsinnen konnte, denn Alice war jetzt durchgebraten und ich verwandelte mich im Nu in den Truchsess und ließ sie als Hauptgang auftragen.

Alice führte vor den Gästen an der langen Tafel ihren Klagegesang unbeirrt fort: "Miser! Miser! Modo niger et ustus fortiter!" Und dann wechselte sie wieder ins Neuhochdeutsche und artikulierte dabei sehr scharf: "Wer für Stopfleber die Freiheit aufgibt, wird beides verlieren, die Leber und das Gegacker.“ Aus der Tischgesellschaft trafen sie fragende Blicke und sie ergänzte weniger laut und ziemlich trocken: "Zitat von Thomas Alva Edison." Woraufhin einer der Speisenden einwarf: "Was hat denn der damit zu tun? Aber lasst uns jetzt anfangen …" Sie zückten die langen Messer, um sich Stücke vom Fleisch der Alice herunterzusäbeln.

Ich war misstrauisch geworden: Stopfleber, Gegacker? Wenn sie nun gar kein Schwan war? Blitzschnell, wie das nur im Traum geschehen kann, löste sich mir das Rätsel. Die Weidel flog plötzlich von der Tafel auf und rauschte, arg ramponiert schon, über die Köpfe hinweg und zum Saalfenster hinaus. Man hörte nur noch eben: "… et ustus fortiter!" Dann war sie außer Sichtweite. Aber das war doch kein Schwan gewesen, dünkte mich, sondern? Ein Storch vielleicht? Nein, auch kein Storch … Es war unverkennbar – eine Gans.

Ich weiß, nur ein absurder Traum.
 
XII. Im Frühlicht

Die frühe Kindheit erscheint uns später als seltsame Schattenwelt. Undurchdringliches Dunkel liegt über dem größten Teil der Landschaft jener scheinbar endlosen Jahre. Wie langsam die Zeit damals verfloss ... An einigen Stellen weicht die Finsternis der tiefbraunen Tönung alter Landschaftsbilder, die im Lauf von Jahrhunderten stark nachgedunkelt sind. Die Grundstimmung ist noch wahrzunehmen, aber die Einzelheiten sind kaum zu unterscheiden. Die Erinnerung bleibt unscharf. Dann jedoch stoßen wir auf seltene Momente großer Klarheit. Ein starkes Licht, dessen Herkunft unbekannt bleibt wie auf barocken Gemälden, erhellt die Situation von damals und zeigt Personen und Konturen in voller Schärfe. Zu diesen Plätzen kehrt die Erinnerung immer wieder zurück, ohne zu wissen warum. So bleibt das Erinnerte unverstandene Episode, mag es sich auch um den Schlüssel zu allem Verständnis handeln.

Wie alt bin ich an jenem entferntesten Punkt, zu dem die Erinnerung noch gelangen kann? Ich sehe mich als Dreijährigen auf einem kurzen Spaziergang. Mutter und Großmutter haben mich bei der Hand genommen und führen mich in ihrer Mitte. Neben uns geht mein Großvater und raucht Pfeife. Mein Vater scheint zu fehlen. Wahrscheinlich hat er gearbeitet. Wir gehen sehr langsam vom Haus meiner Großmutter zum Bahnhof unseres Vorortes, dafür braucht man fünf Minuten. Eine schon heiße Frühlingssonne scheint von einem heiteren Himmel. Straßenstaub tanzt im Sonnenlicht. Die kleinen Häuser an der Straße sind schmutzig grau. In der Nähe ist die Einfahrt zu einem Eisenbahntunnel. Wenn die Dampflokomotiven die Wagen bei der Ausfahrt mit Volldampf wieder anziehen, stoßen sie große Rauchwolken aus. Die Züge verschwinden schon hundert Meter nach dem Bahnhof in einem Tunnel. Vor der Einfahrt gibt die Lokomotive ein kurzes gellendes Signal und stößt dabei eine kleinere Rauchwolke aus. Daher sind alle Fassaden in der Umgebung rußgeschwärzt.

Genau neben der Tunneleinfahrt steht das Haus eines Bekannten meiner Großeltern. Der Mann arbeitet im kleinen Vorgarten. Er harkt die Erde um die wenigen Tulpen, sie blühen rot oder gelb. Während die Erwachsenen mit dem Nachbarn plaudern, kann ich mich von den Händen losmachen. Ich trete dicht an das Gärtchen heran, betrachte die Blumen aus der Nähe und klatsche vor Vergnügen in die Hände. Die Großen werden aufmerksam. Der Nachbar greift zu einer Schere und schneidet eine rote Tulpe für mich ab. Die Großen bedanken sich für mich. Ich darf die Blume tragen, während wir weitergehen, und empfinde große Freude. Wir gehen noch bis zum Bahnhof und kehren dort um. Die Szene verschwindet in völligem Dunkel.

Warum gerade diese Erinnerung? Ja, ich liebe Blumen und arbeite gern im Garten, ich fahre auch gern Eisenbahn ... Aber es gelingt mir nicht wirklich, hinter das Geheimnis des Erinnerungsbildes zu kommen. Vielleicht bedeutet es die Neigung zum ästhetischen Lebensvollzug, wie sie mir später mal einer vorgeworfen hat. Mir scheint, viele Deutungen sind möglich, auch solche, die mich unangenehm berühren könnten. Mir bleibt nur die Vermutung, dass unsere früheste Erinnerung nicht zufällig ist. Vielleicht enthält sie im Kern schon unser Wesen und seine Entwicklung in der Zeit.
 
XIII. Geschichte einer Sippe

Sie waren alle Kinder des späten 19. Jahrhunderts, mein Großvater, dessen drei Brüder und die Schwester. Der älteste Bruder wurde Kaufmann. Obwohl er nur zwei Häuser weiter wohnte, verkehrte unsere Familie kaum mit ihm und seinen Leuten. Sie schienen etwas Besseres zu sein. Allerdings nannten ihn die Großeltern unter sich nur den "Direktor". Damit spielten sie ironisch auf einen lange zurückliegenden Bruch in seiner beruflichen Karriere an. Es hatte auch bei ihm, wie so oft, mit dem Ideal von Besitz und Bildung begonnen und endete in kleinbürgerlichem Fortwursteln, ohne jede Tragik.

Von einem anderen Bruder sind zwei Dinge auf mich gekommen: ein Foto und ein Krug. Den historistischen Prunkhumpen haben ihm die Preußen am Ende seiner dreijährigen Dienstzeit spendiert. "Parole Heimat!" steht auf dem Krug. Das Schwarz-Weiß-Foto ist auch aus dieser Zeit. Ich finde mich ihm ähnlich, so wie ich in jungen Jahren einmal ausgesehen habe. Mein Großonkel scheint zu fragen: Warum, warum? Er ist im Ersten Weltkrieg in Frankreich gefallen.

Der jüngste Bruder wurde Bergmann in einer Kohlengrube. Die Schwester heiratete einen Lokomotivführer. Beide Ehepaare wurden überzeugte Nazis und hatten jeweils nur ein Kind. Der Bergmannssohn wurde Bankangestellter. Das von ihm erhaltene Foto zeigt ihn als hübschen, eleganten jungen Mann. Der Lokführersprößling wurde der HJ-Führer des Ortes. Mit seinem Totenkopfschädel war er nicht gerade eine Schönheit. Nach dem Abitur fing er noch ein Jurastudium an, bevor es nach Russland ging.

Mein Großvater, der kommunistische Setzer, erst unter Hitler arbeitslos geworden, prophezeite es Bruder und Schwester: "Der Führer - er wird eure Buben ins Massengrab führen." So kam es auch. Sie fielen 1944 innerhalb weniger Wochen, der eine im Kessel von Stalingrad, der andere bei der Schlacht am Monte Cassino.

Die Großmutter soll siebenmal schwanger gewesen sein und viermal abgetrieben haben. Ihr Erstgeborener starb als Kleinkind. Bei der letzten Geburt, einer Fehlgeburt, fand sie beinahe selbst den Tod. Übrig blieb nur meine Mutter. Ich wiederum war ihr einziges überlebendes Kind. Wie es scheint, verlief mein Leben nicht zu ihrer vollen Zufriedenheit. Was kann ich jetzt noch tun? Aufschreiben, was gewesen ist.
 

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