Sage und schreibe

4,40 Stern(e) 5 Bewertungen
Um ganz ehrlich zu sein, geschätzter Franke: Hier habe ich mich auch etwas stilisiert, d.h. einiges leicht übertrieben. Alpträume mit Schulinhalten kenne ich nicht, mit einer Ausnahme. Ich träume seit Jahrzehnten immer wieder vom Mathe-Abitur. Der spezielle Hintergrund: Die seinerzeit vom Kultusministerium (Zentralabitur!) gestellte Aufgabe war in sich fehlerhaft und gar nicht lösbar. Man hat dann statt des Ergebnisses gewertet, wie der arme Prüfling sich mit dieser Kalamität arrangiert hatte.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
XI. Carmina Burana oder Alice Weidel als Schwan verkleidet

Da habe ich mir doch neulich die Verfilmung von Orffs „Carmina Burana“ als DVD kommen lassen, von Ponnelle 1975 realisiert – großartig, fulminant. Ich muss es immer wieder ansehen und anhören. Das hat allerdings Folgen. Wache ich jetzt nachts auf, erklingen diese Melodien sogleich wie Ohrwürmer in meinem Kopf: Zum Beispiel O Fortuna oder Swaz hie gat umbe ... Und gerade eben, bei meinem Nachmittagsnickerchen, habe ich sogar von diesem Stoff geträumt. Ich muss das jetzt aufschreiben, um mich von dem starken Eindruck zu befreien.

Diesmal war es Olim lacus colueram, der Schwan, der in der Küche gebraten wird und dazu ganz jämmerlich singt. Mir träumte, es sei Alice Weidel, die hier schmorte, in ein unförmiges Schwanenkostüm gezwängt und auf dem rotierenden Bratrost festgebunden. Ich war einer der Küchenjungen, die sie mit Fett beträufelten. Sie selbst sang den lateinischen Text und schrie dazwischen in hohem, schrillem Ton auf Deutsch. Es schien immer dasselbe und ich glaubte schließlich das zu verstehen: „Wer für Stopfleber die Freiheit aufgibt, wird beides verlieren, die Leber und das Gegacker.“ Für einen Schwan sonderbare Worte, über die ich jedoch träumend nicht lange nachsinnen konnte, denn Alice war jetzt durchgebraten und ich verwandelte mich im Nu in den Truchsess und ließ sie als Hauptgang auftragen.

Alice führte vor den Gästen an der langen Tafel ihren Klagegesang unbeirrt fort: "Miser! Miser! Modo niger et ustus fortiter!" Und dann wechselte sie wieder ins Neuhochdeutsche und artikulierte dabei sehr scharf: "Wer für Stopfleber die Freiheit aufgibt, wird beides verlieren, die Leber und das Gegacker.“ Aus der Tischgesellschaft trafen sie fragende Blicke und sie ergänzte weniger laut und ziemlich trocken: "Zitat von Thomas Alva Edison." Woraufhin einer der Speisenden einwarf: "Was hat denn der damit zu tun? Aber lasst uns jetzt anfangen …" Sie zückten die langen Messer, um sich Stücke vom Fleisch der Alice herunterzusäbeln.

Ich war misstrauisch geworden: Stopfleber, Gegacker? Wenn sie nun gar kein Schwan war? Blitzschnell, wie das nur im Traum geschehen kann, löste sich mir das Rätsel. Die Weidel flog plötzlich von der Tafel auf und rauschte, arg ramponiert schon, über die Köpfe hinweg und zum Saalfenster hinaus. Man hörte nur noch eben: "… et ustus fortiter!" Dann war sie außer Sichtweite. Aber das war doch kein Schwan gewesen, dünkte mich, sondern? Ein Storch vielleicht? Nein, auch kein Storch … Es war unverkennbar – eine Gans.

Ich weiß, nur ein absurder Traum.
 
XII. Im Frühlicht

Die frühe Kindheit erscheint uns später als seltsame Schattenwelt. Undurchdringliches Dunkel liegt über dem größten Teil der Landschaft jener scheinbar endlosen Jahre. Wie langsam die Zeit damals verfloss ... An einigen Stellen weicht die Finsternis der tiefbraunen Tönung alter Landschaftsbilder, die im Lauf von Jahrhunderten stark nachgedunkelt sind. Die Grundstimmung ist noch wahrzunehmen, aber die Einzelheiten sind kaum zu unterscheiden. Die Erinnerung bleibt unscharf. Dann jedoch stoßen wir auf seltene Momente großer Klarheit. Ein starkes Licht, dessen Herkunft unbekannt bleibt wie auf barocken Gemälden, erhellt die Situation von damals und zeigt Personen und Konturen in voller Schärfe. Zu diesen Plätzen kehrt die Erinnerung immer wieder zurück, ohne zu wissen warum. So bleibt das Erinnerte unverstandene Episode, mag es sich auch um den Schlüssel zu allem Verständnis handeln.

Wie alt bin ich an jenem entferntesten Punkt, zu dem die Erinnerung noch gelangen kann? Ich sehe mich als Dreijährigen auf einem kurzen Spaziergang. Mutter und Großmutter haben mich bei der Hand genommen und führen mich in ihrer Mitte. Neben uns geht mein Großvater und raucht Pfeife. Mein Vater scheint zu fehlen. Wahrscheinlich hat er gearbeitet. Wir gehen sehr langsam vom Haus meiner Großmutter zum Bahnhof unseres Vorortes, dafür braucht man fünf Minuten. Eine schon heiße Frühlingssonne scheint von einem heiteren Himmel. Straßenstaub tanzt im Sonnenlicht. Die kleinen Häuser an der Straße sind schmutzig grau. In der Nähe ist die Einfahrt zu einem Eisenbahntunnel. Wenn die Dampflokomotiven die Wagen bei der Ausfahrt mit Volldampf wieder anziehen, stoßen sie große Rauchwolken aus. Die Züge verschwinden schon hundert Meter nach dem Bahnhof in einem Tunnel. Vor der Einfahrt gibt die Lokomotive ein kurzes gellendes Signal und stößt dabei eine kleinere Rauchwolke aus. Daher sind alle Fassaden in der Umgebung rußgeschwärzt.

Genau neben der Tunneleinfahrt steht das Haus eines Bekannten meiner Großeltern. Der Mann arbeitet im kleinen Vorgarten. Er harkt die Erde um die wenigen Tulpen, sie blühen rot oder gelb. Während die Erwachsenen mit dem Nachbarn plaudern, kann ich mich von den Händen losmachen. Ich trete dicht an das Gärtchen heran, betrachte die Blumen aus der Nähe und klatsche vor Vergnügen in die Hände. Die Großen werden aufmerksam. Der Nachbar greift zu einer Schere und schneidet eine rote Tulpe für mich ab. Die Großen bedanken sich für mich. Ich darf die Blume tragen, während wir weitergehen, und empfinde große Freude. Wir gehen noch bis zum Bahnhof und kehren dort um. Die Szene verschwindet in völligem Dunkel.

Warum gerade diese Erinnerung? Ja, ich liebe Blumen und arbeite gern im Garten, ich fahre auch gern Eisenbahn ... Aber es gelingt mir nicht wirklich, hinter das Geheimnis des Erinnerungsbildes zu kommen. Vielleicht bedeutet es die Neigung zum ästhetischen Lebensvollzug, wie sie mir später mal einer vorgeworfen hat. Mir scheint, viele Deutungen sind möglich, auch solche, die mich unangenehm berühren könnten. Mir bleibt nur die Vermutung, dass unsere früheste Erinnerung nicht zufällig ist. Vielleicht enthält sie im Kern schon unser Wesen und seine Entwicklung in der Zeit.
 
XIII. Geschichte einer Sippe

Sie waren alle Kinder des späten 19. Jahrhunderts, mein Großvater, dessen drei Brüder und die Schwester. Der älteste Bruder wurde Kaufmann. Obwohl er nur zwei Häuser weiter wohnte, verkehrte unsere Familie kaum mit ihm und seinen Leuten. Sie schienen etwas Besseres zu sein. Allerdings nannten ihn die Großeltern unter sich nur den "Direktor". Damit spielten sie ironisch auf einen lange zurückliegenden Bruch in seiner beruflichen Karriere an. Es hatte auch bei ihm, wie so oft, mit dem Ideal von Besitz und Bildung begonnen und endete in kleinbürgerlichem Fortwursteln, ohne jede Tragik.

Von einem anderen Bruder sind zwei Dinge auf mich gekommen: ein Foto und ein Krug. Den historistischen Prunkhumpen haben ihm die Preußen am Ende seiner dreijährigen Dienstzeit spendiert. "Parole Heimat!" steht auf dem Krug. Das Schwarz-Weiß-Foto ist auch aus dieser Zeit. Ich finde mich ihm ähnlich, so wie ich in jungen Jahren einmal ausgesehen habe. Mein Großonkel scheint zu fragen: Warum, warum? Er ist im Ersten Weltkrieg in Frankreich gefallen.

Der jüngste Bruder wurde Bergmann in einer Kohlengrube. Die Schwester heiratete einen Lokomotivführer. Beide Ehepaare wurden überzeugte Nazis und hatten jeweils nur ein Kind. Der Bergmannssohn wurde Bankangestellter. Das von ihm erhaltene Foto zeigt ihn als hübschen, eleganten jungen Mann. Der Lokführersprößling wurde der HJ-Führer des Ortes. Mit seinem Totenkopfschädel war er nicht gerade eine Schönheit. Nach dem Abitur fing er noch ein Jurastudium an, bevor es nach Russland ging.

Mein Großvater, der kommunistische Setzer, erst unter Hitler arbeitslos geworden, prophezeite es Bruder und Schwester: "Der Führer - er wird eure Buben ins Massengrab führen." So kam es auch. Sie fielen 1944 innerhalb weniger Wochen, der eine im Kessel von Stalingrad, der andere bei der Schlacht am Monte Cassino.

Die Großmutter soll siebenmal schwanger gewesen sein und viermal abgetrieben haben. Ihr Erstgeborener starb als Kleinkind. Bei der letzten Geburt, einer Fehlgeburt, fand sie beinahe selbst den Tod. Übrig blieb nur meine Mutter. Ich wiederum war ihr einziges überlebendes Kind. Wie es scheint, verlief mein Leben nicht zu ihrer vollen Zufriedenheit. Was kann ich jetzt noch tun? Aufschreiben, was gewesen ist.
 
XIV. Wolken im Universum

Wie alt war ich, als mich das Universum an sich zu beschäftigen begann? Neun Jahre, zehn Jahre? Ich will das Kind nicht klüger machen als es war - der Anlass für solches Grübeln war banal: Opa hatte als Abonnent von seiner Tageszeitung ein broschiertes Buch über die gesamte Weltgeschichte erhalten und diese Jahresgabe begann mit Entstehen und Ausdehnung des Universums. Ich las die Darstellung und kam aus Staunen und Fragen nicht heraus und fand keine Antworten. Das Dilemma beschreibt heutzutage Wikipedia knapp und exakt so: Zeiten „vor“ dem Urknall und Orte „außerhalb“ des Universums sind physikalisch nicht definierbar. Daher „gibt“ es in der Physik weder ein räumliches „Außerhalb“ noch ein zeitliches „Davor“ noch eine Ursache des Universums. Das Kind dachte dennoch immer wieder über räumliche und zeitliche Grenzen des Universums nach. Wie konnte man sich dergleichen vorstellen: Unendlichkeit? Endlichkeit? Es waren Kategorien jenseits menschlicher Erfahrbarkeit. Da gab es keine Antworten, nur weiter das Bedürfnis zu fragen. Nicht einmal die erkenntnistheoretische Sackgasse wies ein Ende auf, sie blieb Zustand, an die Existenz des Individuums mit begrenzter Erkenntnisfähigkeit gebunden. So näherte sich das Kind, lange bevor es den Begriff zum ersten Mal las, dem Agnostizismus.

Vor Tagen sah ich erstmals den Film "Permanent Residence" von Scud. Er sprach mich mit vielen Details unmittelbar stark an. Besonders berührte mich, wie der erwachsene Ivan seinem Freund Windson in Hongkong etwas aus seiner Kindheit in Kanton erzählt - den kleinen chinesischen Jungen hatte dieselbe Problematik wie mich seinerzeit beschäftigt. Der Film ist semi-autobiographisch. Ivan trägt Scuds originären Familiennamen Wan. Der Filmemacher heißt tatsächlich Danny Cheng Wan-Cheung und erklärt seinen Künstlernamen als Abkürzung für "Scudding clouds", das ist der chinesische Name ins Englische übersetzt. Allgemeines Thema in "Permanent Residence" sei, so Scuds Definition, "the limit of life". Der Film, in China, Japan, Australien und Israel spielend, ruft heimatliche wie brüderliche Gefühle in mir wach: auch ich eine treibende, fegende Wolke, irgendwo im Nirgendwo und glücklich, am sonst leeren Horizont noch eine Wolke wahrzunehmen. Ich will den Film wieder und wieder ansehen und zu erfassen versuchen, was für Scud die Grenze des Lebens bedeutet.
 

revilo

Mitglied
Erinnert mich irgendwie an die Siebziger, als eine Ufo- Hysterie herrschte.......Jeder suchte den Himmel ab.....mein Kumpel hatte ein richtig gutes Fernrohr.....wir stellten es auf und standen auf unserem Balkon........ suchten den Himmel ab......und natürlich sahen wir ein Ufo...... da war ich 7 oder 8......lange nicht mehr daran gedacht.....erst wieder aufgrund Deiner Geschichte.......danke und schönen Abend....
 
Danke für die Antwort, revilo. Ob diese Neugierde heute nicht mehr so vorhanden ist? Das wäre schade.

Eine junge Kollegin von mir sah damals, wie sie erzählte, gern vom Balkon ihrer im 14. Stock gelegenen Wohnung in den Himmel und träumte von der Unendlichkeit. - In welcher Farbe? - Am liebsten in Dunkelblau.

Schönen weiteren Abend für dich
Arno
 

John Wein

Mitglied
...und wie das Universum so unendlich ist und weiter noch unendlicher wird, so unendlich ist das Universum das in uns zu eigen ist, so unendlich unendlich.
Schöne Kinder-Gedanken Arno, was bleib uns als zu Staunen. Aber ein kleines bisschen dürfen wir nach den Sternen greifen und uns einen Sternschnuppenwunsch erhoffen.
Gruß, John
 
Danke, John, für deine Reaktion. Ich bin mir allerdings bezüglich der Unendlichkeit eines inneren Universums nicht so sicher ... Was sagen denn die Neurowissenschaften dazu? Ich denke mir, das menschliche Hirn lässt sich eher vermessen und ergründen als das große Universum und dieser Gegensatz - Begrenztes im Unbegrenzten - ist ja gerade der Kern des in Rede stehenden Problems.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

revilo

Mitglied
IV. Der BER, die Pandemie und ich

Wie planbar ist unser Leben? Ich fürchte, gerade im Großen recht wenig. Zuletzt habe ich es in acht Jahren dreimal erlebt, wie mir rationale Zukunftsplanung durch überraschende Umstände zerschossen wurde.

Mit meinem Lebenspartner wurde Anfang der Zehnerjahre verabredet, dass wir noch einmal umziehen, wieder jeder in seine eigene Wohnung. Aus praktischen Gründen entschieden wir uns für Berlin. Ich machte den Anfang, erwarb etwas Passendes im Nordwesten der Stadt. Anfang 2012 bekam ich die Schlüssel, ließ sanieren und freute mich auf den 3. Juni: geplanter Eröffnungstermin des neuen Großflughafens. Meine Bleibe lag noch in der Einflugschneise des Tegeler Airports, mit sehr hoher Lärmbelastung durch startende wie landende Flugzeuge. Hatte es vor meiner Wahl öffentlich auch nur den leisesten Zweifel am Zeitplan für den Flughafenumzug gegeben? Nein, nirgendwo.

Als sich im Sommer 2012 abzeichnete, dass Tegel noch lange in Betrieb sein würde, mussten wir umplanen. Ich konnte meinem Freund nicht zumuten, auch unter der Lärmglocke zu leben. Für ihn fanden wir etwas Ruhiges im Osten der Stadt, halbwegs zwischen Zentrum und Stadtrand gelegen. (Hier sind bis heute keine größeren Probleme aufgetreten.) Ich selbst versprach, in seiner Umgebung das nächste Dach für mich zu suchen …

… und steuerte damit in die folgende Krise. Als der Neubau mit viel Verzögerung bezugsfertig und ich eingezogen war, stellte sich rasch heraus, wie unbefriedigend die Bauqualität war. Die Baufirma, sie ist nach wie vor gut im Geschäft, nenne ich nicht. Statt mich da schwarzzuärgern …

… plante ich lieber noch einen Umzug. Ich wurde Mitglied einer Genossenschaft, sicherte mir eine bei ihr noch in Bau befindliche Wohnung. Als Einbauküche und Umzugswagen bestellt waren, kamen die ersten Coronameldungen in die Nachrichten. Sie häuften sich, dann stand der Großteil der Stadt still. Auf dem Höhepunkt der ersten Welle der Pandemie, deren Ende nicht absehbar war, hätte ich umziehen sollen. Mir waren die vielen sozialen Kontakte, verbunden mit Umzug und Vermarktung der alten Wohnung, in der Summe zu riskant. Ich machte alle Verträge mit Verlusten rückgängig. Seitdem warte ich auf bessere Zeiten und studiere den Wohnungsmarkt, nur so zu meiner Unterhaltung.

Der BER wird in diesem Herbst endlich in Betrieb gehen. Viel Freude wird man vorerst nicht an ihm haben. Der Staat – Berlin, Brandenburg und der Bund – muss die Flughafengesellschaft auf Jahre hinaus mit gigantischen Summen subventionieren. Allein für 2021 werden gut 600 Millionen Euro fällig. Kein Boden in Sicht, auch kein Fass, nur ein Loch, für Zukunft gehalten. Es drängt sich die Frage auf: Wie zukunftsfähig ist diese Welt überhaupt?

Ja, wie das Leben so schreibt......Falls es dir nicht zu intim ist: Wieso bist du mit deinem Lebenspartner nicht zusammengezogen? Und warum wieder jeder in seine eigene Wohnung?
 
Revilo, das beantworte ich gerne: Wir sind es seit gut vierzig Jahren so gewohnt und damit immer gut gefahren. Es soll übrigens, wie ich las, inzwischen ein allgemeiner Trend geworden sein, auch bei heterosexuellen Paaren. Es gibt dafür sogar eine modische Abkürzung: LAT = Living apart together. Zur Datenlage ein Zitat aus gofeminin.de:

Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ist der Anteil der LAT-Paare innerhalb von 14 Jahren um 15 Prozent gestiegen, bei Männern über 38 Jahre sogar um 70 Prozent.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

revilo

Mitglied
Erst einmal herzlichen Glückwunsch für 40 Jahre...das schafft nicht jeder.....bei meiner Frau und mir sind es 28...und gegen weitere 28 hätte ich nichts einzuwenden....bei uns ist es ähnlich...wir wohnen zwar zusammen, haben aber - zumindest partiell - getrennte Räume......revilo, Oliver und BUK (siehe mein Photo) sitzen häufig abends alleine in der Schreibbude, während meine Göttergattin strickend, lesend, oder einfach nur vor dem Fernseher das Wohnzimmer belegt.....die Schreibbude ist multifunktional: Wir nutzen es als Esszimmer und meine Frau als Nähzimmer, wo sie nach Lust und Laune schneidern kann......danke für deine schöne Geschichte, ich besuche dich immer sehr gerne........und danke für den Hinweis....ich werde das nachlesen....
 
XV. Vernichtete Briefe

Als ihre Tante gestorben war, übernahm meine Mutter aus dem Nachlass eine Briefsammlung. Es waren die Feldpostbriefe ihres Cousins aus Russland, an seine Eltern gerichtet. Sie hatte ihn persönlich gekannt und gemocht, er war 1943 im Kessel von Stalingrad gefallen. Meine Mutter las die Briefe mit viel Interesse und zeigte sie mir bei meinem nächsten Besuch. Sie waren in einer altertümlichen Schrift abgefasst, die ich nicht lesen konnte. Schon sah ich die Briefe später in meine Hände übergehen und nahm mir vor, einmal die alte Schrift lesen zu lernen. Damals durfte ich auch Fotografien des Cousins betrachten und erfuhr wichtige Daten seines Lebens: das Elternhaus regimetreu, er selbst Ortsgruppenleiter der Hitler-Jugend, dann Jurastudent in Frankfurt. Als ich die Bilder durchging, schien mir der Cousin im Lauf der Zeit weniger schneidig aufzutreten, vor dem Krieg als zackiger Anführer männlicher Dorfjugend uniformiert eine Brücke überschreitend, dann auf Fronturlaub leger in Zivil vor dem Elternhaus, zuletzt mit seiner Verlobten bei einem Besuch Hamburgs: Blankenese und der Rathausmarkt, noch unzerstört. Wirkte er da nicht wie geläutert, schicksalsergeben? Ich würde die Briefe genau studieren.

Zwei Jahre später vernichtete meine Mutter die Briefe. Ich war schockiert. Wozu so alte Sachen aufbewahren, meinte sie lahm und wich weiterer Erörterung aus. Verriet ihre Handlung eine aliterarische Einstellung – oder hatte sie Details entdeckt, die das Bild des Cousins verdunkelten? Ich erfuhr ihr Motiv nicht. Einige Jahre später wiederholte sich der Vorgang. Mein Vater starb und meine Mutter vernichtete zahlreiche Dokumente, ihn betreffend. Schlimmer noch, sie beseitigte zugleich auch alle Briefe von mir, mehr als dreihundert, die ich ihr in drei Jahrzehnten geschrieben hatte. Wir sprachen nicht darüber. Um diese Zeit schrieb sie mir einmal, sie wäre während der Ehe zeitweise gern fortgegangen, nur wohin?

Diese Abläufe kamen mir wieder in den Sinn, als ich neulich eine Biografie André Gides las. 1918 war Gide mit Marc Allégret, seinem jungen Geliebten, in England und Gides Ehefrau Madeleine vernichtete daraufhin seine sämtlichen an sie gerichteten Briefe. Gide war entsetzt. Die Preisgabe von Briefen, die man lange wertgeschätzt und aufbewahrt hat, ist es nicht wie Bilderstürmerei?
 
XVI. Ein Film aus der spanischen Provinz

Angeregt von Aufzeichnungen über eine Fußreise sehe ich mir wieder einmal "Sleepless Knights" an und es sagt mir unverändert zu. Der Film spielt in einer jener Landschaften, die der Wanderer durchquert haben mag. Irrtümlich kann man das Werk leicht für ein rein spanisches Produkt halten. Doch nur die Co-Regisseurin und Co-Autorin Cristina Diz kommt ursprünglich aus Spanien, ihr Partner Stefan Butzmühlen und der Kameramann Stefan Neuberger sind Deutsche. Dafür ist die Besetzung fast rein spanisch, darunter viele Laiendarsteller aus der ländlichen Extremadura. Diese sommerlich ausgedörrte Binnenregion an der Grenze zu Portugal sowie ein größeres Dorf in ihr sind die eigentlichen Gesichter des Films. Die Bühne selbst ist hier bedeutender als das Geschehen auf ihr. Wem das Narrative an einem Film das Wichtigste ist, kann enttäuscht werden. Wer aber Sinn für Atmosphäre hat, wer poetischen Realismus liebt, wird auf seine Kosten kommen. Die Bildsprache ist von außerordentlicher Kraft und Schönheit.

Die Filmemacher beschreiben ihre Arbeit so: „Wir dachten an Bilder, die für sich existieren. Wir wollten experimentieren: Sehen, was passiert, wenn wir sie nacheinander reihen, wenn wir beim Schreiben eher über konkrete Bilder als über eine Geschichte nachdenken und später diese Bilder montieren. Erst im Montageprozess haben wir uns mit der dramaturgischen Aufgabe jeder Szene innerhalb des Films auseinandergesetzt. Wir haben das Material beobachtet und uns langsam der Vorstellung angenähert, was unser Film eigentlich sein kann.“ Das Ergebnis dieses Verfahrens kann sich sehen lassen. Mit diesen Bildern kann man sich eins fühlen, so suggestiv und zugleich kontemplativ wirken sie auf den dafür aufgeschlossenen Zuschauer. Oft fühlte ich mich an Weerasethakuls „Tropical Malady“ erinnert.

Die beiden jungen Hauptdarsteller wurden in Madrid engagiert. Raúl Godoy ist Carlos, er kommt 2011 für einen Sommermonat heim ins Dorf, scheint seine Arbeit in Madrid infolge der Wirtschaftskrise verloren zu haben. Denkt er ans Auswandern nach Deutschland? Sein dementer Vater und der ihm sehr fremde Bruder sind Schafzüchter. Carlos hilft ihnen ein wenig und arbeitet abends hinter dem Tresen einer Bar im Dorf. Dort begegnet er Juan (Jaime Pedruelo), einem Polizisten, der eben aus Madrid hierher versetzt wurde. Die beiden kommen sich rasch nahe, werden ein Paar. Das wird nur beiläufig erzählt, in scheinbar zufällig aneinandergereihten Szenen von großer Innigkeit.

Die zweite, davon strikt losgelöste Handlung besteht im Nachspielen einer mittelalterlichen Legende durch ein gutes halbes Dutzend alter Männer aus dem Dorf. So sonderbare und zugleich lebensechte Rentner sah man lange nicht im Film. Wie sie zusammensitzen, Fische braten, Lieder singen, Gedichte vortragen – und wunderschöne, poetische! Dann binden sie Schafen Taschenlampen auf den Rücken und treiben die Herde in beginnender Nacht zur Ruine einer Burg hinauf …

Eingebettet sind diese beiden im Film nur skizzierten Handlungen in Alltagsszenen aus dem Dorf. Das ist ein Mikrokosmos vom Rand Europas, seltsam fremd in unserer Zeit. Ist er ein Relikt der Vergangenheit? Oder sich abzeichnende Zukunft? Vielleicht ist er nur ein Fluchtort.
 

John Wein

Mitglied
Ach Arno,
Du machst mich wuschig, erinnerst du ich mich doch an meine Tage auf dem Camino und meine letztjährige Zwangspause. Ich bin regelrecht verliebt in diesen Landstrich, der mir trotz mancher Mühe und Plage unterwegs, so viele schöne Eindrücke beschert hat. Ich hoffe, noch im Herbst von Salamanca aus, weiter zu gehen. Vielleicht erkennst du in meinen nächsten Geh-Schichten noch weitere Gemeinsamkeiten mit diesem Film.
Ich lade dich jetzt ein zur finalen Etappe in Andalusien. Buen Camino!
ich grüße, John
 
Danke, John, für die Reaktion. Tja, da war ich dir mal zuvorgekommen, in Extremadura ... Ich weiß aber gar nicht, ob sich der Drehort in der Nähe deines Weges befand. Man sieht immer wieder einen großen Stausee und rundum Hügelketten und höhere Berge. Da auch von Grenzkontrolle die Rede ist, scheint es nahe der portugiesischen Grenze zu sein. Imposant ist die Leere der Landschaft.

Salve
Arno
 

John Wein

Mitglied
Es mehrere Stauseen dort unten, der größte staut den Rio Tajo (Tejo/portug.) eine gottverlassene Welt. Unterwegs auf 35 km keine Ortschaft und nur eine Herberge am See. Die ist zwar sehr schön und modern, aber oft geschlossen. Ich habe an dem Tag keines Menschenseele getroffen.
 

John Wein

Mitglied
Ich hatte zwar keine Tüte, das kannte man bei uns auf dem Dorf damals nicht. ich bekam eine riesengroße Brezel vom Bäcker, wie alle anderen auch. Ich war stolz, endlich die erste Etappe nach dem Kindergarten, erklommen zu haben. Wir I-Männchen hatten das Fräulein Müller, eine junge Lehrerin, deren Liebreize ich schon früh schätzen lernen durfte. Bei ihr lernte ich das gr0ße A und das kleine I mit Griffel auf der Schiefertafel... und wie man bei der Leselupe nachvervolgen kann, lernte ich auch alle anderen Buchstaben, bis auf das kleine f. Da muss ich noch üben!
LG, John
 


Oben Unten