Svensson: Auch Götter machen Fehler Teil IV

ArneSjoeberg

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Granerud war fast so gut wie Thore. Er kümmerte sich, hatte fast immer eine Lösung und wenn er einmal selbst nicht weiter wusste, dann bezog er die anderen mit ein. Drei Wochen lang waren sie gut vorangekommen auf dem Weg zur Küste, obwohl er nur kurze Tagesmärsche machen ließ, um niemanden zu überfordern. Sie hatten unterwegs ein paar Stürme mitgenommen, doch zu ihrem Glück waren sie nichts weiter als schwache Schatten der Monsterstürme am Fuß des Mount Kirkpatrick gewesen. In den letzten Tagen war es merklich wärmer geworden, sie hatten jetzt nur noch um die minus fünfzehn Grad und mit jedem Tag, den sie der Küste näher kamen, wurde es wärmer. Heute war der Himmel klar, nur am Horizont zogen Wolkenschleier in ihre Richtung und der Wind brachte Luft heran, die deutlich wärmer war.
Sven hatte sich erholt in den Wochen, sein durchtrainierter Körper schien die Strapazen besser verkraftet zu haben, als er erwartet hatte und so hatte er meist den Schluss übernommen, ohne dass es dazu eine besondere Absprache mit Granerud gebraucht hätte. Der Norweger verließ sich auf Sven und dass der darauf achtete, dass niemand verloren ging. Vor Sven ging Johanna, sie hielt sich immer nahe bei den Schlitten mit den Verletzten, die nicht mehr alleine gehen konnten und Hakonsen war vorne. Er sprach nur sehr wenig und wirkte immer noch, als stünde er unter Schock. Granerud hatte ihn im Auge behalten wollen und Johanna schien froh zu sein, nicht neben ihrem Mann marschieren zu müssen.
Sie überquerten gerade ein mächtiges Gletschereisfeld. Tiefe Spalten durchzogen es, in denen man schnell auf Nimmerwiedersehen verschwinden konnte und so manches Mal hatten sie einen Umweg gehen müssen, weil die Hunde mit den Schlitten nicht so einfach über eine Spalte springen konnten. Vorne hielten sie jetzt an, alle richteten sich für eine Marschpause ein und Granerud kam nach hinten.
„Das Wetter gefällt mir nicht“, meinte er. „Wir brauchen noch mindestens zwei Stunden, bis wir drüben sind.“
„Schneller können wir nicht gehen. Zu gefährlich“, meinte Sven und Granerud nickte.
„Ja, aber den Sturm hier auf dem Eis aussitzen können wir auch nicht. Wenn wir Pech haben und er lange dauert, hängen wir hier fest. Ich sage jedem, dass er sich anseilen soll und so dicht aufrücken, dass er seinen Vordermann sieht. Ich will nicht, dass einer vom Weg abkommt und in einer Spalte landet. Ich geh nach vorne und halt an. Wenn alle angeseilt sind, marschieren wir langsam weiter. Du kümmerst dich hier hinten?“
„Jo!“, erwiderte Sven nur.
Granerud verschwand nach vorne und Sven kontrollierte von hinten, dass die Männer machten, was Granerud ihnen im Vorbeigehen zugerufen hatte. Johanna folgte ihm bis zum ersten Hundeschlitten, wechselte ein paar Worte mit dem Schlittenführer und nahm ihren Rucksack herunter. Mit einer Sorgfalt, die Sven verwunderte, kontrollierte sie jeden Riemen, dann schnallte sie ihn sich um und prüfte auch dabei, dass er perfekt saß.
„Was willst du mit dem Rucksack?“, fragte er. Obwohl er neben ihr stand, musste er laut rufen. Der Wind hatte zugenommen und es sah nicht so aus, als würde das Unwetter sie ungeschoren über das Eisfeld kommen lassen.
„Ich habe meine Sachen gerne bei mir, wenn es eng wird“, rief sie zurück. „Solltest du auch tun. Wenn irgendwo die Kette reißt, müssen wir alleine zurecht kommen, bis das Wetter wieder klar wird. Ich habe Verpflegung und Brennstoff für zehn Tage eingepackt.“
„Wieso so viel?“
„Ist das wichtig?“
Sie winkte ab und befestigte ihr Seil am letzten Schlitten. Vielleicht war es tatsächlich wichtig, doch er fragte nicht weiter. So freundlich sie auch zu allen Leuten gewesen war, in die Karten schauen lassen hatte sie sich nie. Stattdessen schnallte er sich seinen Rucksack ebenfalls um und verwendete genau so viel Sorgfalt darauf, ihn zu befestigen, wie sie zuvor auch. Mit dem Inhalt konnte er vier Tage überleben, er hatte nie daran gedacht, sich mehr einzupacken. Jedes Gramm zählte, das er mehr zu tragen hatte und es gab Schlitten, die das transportieren konnten. Einen Grund, sich mehr aufzuladen, als notwendig war, gab es nicht. Wer hier im Nirgendwo den Anschluss an die Expedition verlor und nicht gefunden wurde, war ohnehin erledigt und er war genau aus diesem Grund hier hinten – um zu verhindern, dass das geschah. Erst in drei Tagen wollte er sich absetzen und so packte er auch seinen Rucksack abends immer, plus zwei Tage Reserve für einen eventuellen Notfall. Er musste mit Umwegen rechnen, auch damit, dass man ihn suchte und er sich eine Zeit lang verstecken musste.
Vielleicht hatte er sie zu lange angesehen. Sie setzte die Schneebrille auf und zog den Gesichtsschutz hoch, als sei beides Bestandteil einer Rüstung. „Mach dir keine Gedanken. Ich kümmer mich nur ganz gerne selbst um mich. Hier, mein Seil.“
Er schlang es sich um den Körper und ruckte einmal kurz daran, um sicher zu sein, dass sie es auch ordentlich befestigt hatte.
„Reiß mich nicht in Stücke“, lachte sie, dann drehte sie ihm wieder den Rücken zu. Gerade rechtzeitig, denn vor ihnen erschallte ein Ruf, der Hundeschlitten vor ihnen an ruckte an und die Expedition setzte sich wieder in Bewegung.
Am Anfang war es noch leicht, die Sicht reichte bis zur Hälfte des Zuges und der eisige Wind war auszuhalten, er war Schlimmeres gewohnt. Doch mehr und mehr musste er sich klein machen, um die Angriffsfläche für die Luft zu verringern, weil der Wind immer mehr zunahm. Erst konnte er den letzten Schlitten noch sehen, dann nur noch undeutlich die Umrisse von Johannes Gestalt, schließlich schluckte die weiße Wand auch sie. Der Schnee fiel jetzt nicht mehr, er raste parallel zur Eisfläche dahin und biss sich in jeder noch so kleinen Lücke in seinen Sachen wie mit eisig brennenden Widerhaken fest. Aus dem Sturm war ein Blizzard geworden.
Er verkürzte die Seillänge so weit, dass er Johanna gerade noch nicht in die Hacken trat, aber sie wenigstens noch geisterhaft durch das Schneetreiben sehen konnte. Eine Verständigung war unmöglich, der Blizzard heulte ihm um die Ohren und hätte ihm jedes Wort vom Mund gerissen. Blind folgte er dem Zug des Seiles, das ihn mit Johanna, kämpfte sich tief gebückt voran, den Blick auf den wirbelnden Schnee direkt vor seinen Füßen gerichtet und fragte sich, wie Granerud es vorne fertig brachte, bei null Sicht den richtigen Weg zu finden.
Sven hatte keine Ahnung, wie lange sie sich schon durch das Inferno der Elemente kämpften, als er spürte, dass sich etwas veränderte. Aus dem Heulen und Orgeln des Sturms wurde ein hohes Pfeifen, der Druck der tobenden Luft auf seinen Körper nahm ab, wurde unregelmäßig, wechselte sogar die Richtung und statt Eis schien sich plötzlich Felsen unter seinen Füßen zu befinden. Links von ihm tauchte ein Schatten aus dem Schneetreiben auf, schmerzhaft stieß er sich den linken Ellenbogen daran und da wusste er, wo sie jetzt sein mussten. Die kilometerbreite Gletscherzunge hatte sich über hunderte Meter tief in den Fels gegraben und auf beiden Seiten steile, teils über einhundert Meter hohe Wände zurückgelassen, in die das Sommerschmelzwasser in den letzten Jahrtausenden tiefe Schluchten eingefräst hatte. Offenbar hatte es Granerud tatsächlich geschafft, sie in eine davon zu führen.
Das Heulen des Sturms verlagerte sich immer weiter über Svens Kopf, das Schneetreiben ließ mehr und mehr nach und gab die Gestalt von Johanna vor ihm frei. Schließlich wurde es so licht, dass er hätte auch den Hundeschlitten vor sich erblicken müssen, doch alles, was er sah, war der nächste Knick der Felsschlucht, und in der gab es nur ihn und Johanna. Kein Hundeschlitten, kein Hundegebll, keiner davor und überhaupt niemand sonst.
Er zog am Seil und blieb stehen. „Wo sind die anderen?“, schrie er.
„Abgerissen. Wir müssen weiter! Hier sind wir noch nicht sicher!“
Sie zog an der Leine. Er löste das Seil von seiner Hüfte, rollte es zusammen und schloss zu ihr auf. Die Schlucht war breit genug, dass sie nebeneinander gehen konnten. „In Ordnung. Bis der Sturm aufhört oder wir ans Ende dieser Schlucht kommen. Ich hoffe, du hast eine wirklich gute Erklärung.“
„Du wirst überrascht sein.“
„Halte ich für die Untertreibung des Jahrhunderts. Aber mach mal, ich bleib dir auf den Fersen.“
Der Boden der Schlucht war eben wie eine Straße und vielleicht eine gute halbe Stunde marschierten sie noch, dann versperrte ihnen eine senkrechte Wand den Weg. An ihrem Fuß hatte das herabstürzende Schmelzwasser eine Vertiefung ausgewaschen, der hereingerieselte Schnee hatte sie gefüllt und damit einen perfekten Platz für ein Lager geschaffen. Die Wände links und rechts waren nur noch knappe drei Meter voneinander entfernt und als er sie anleuchtete und die einzelnen Schichten im Licht seiner Lampe untersuchte, konnte er sich fast vorstellen, wie sich das Schmelzwasser jeden antarktischen Sommer hier immer tiefer in das Gestein gefressen und so diese Schlucht aus dem Fels gefräst hatte.
Über ihnen tobte der Sturm noch immer mit ungebrochener Kraft und das Pfeifen der Luft nervte, doch hier unten kam wenigstens nicht mehr viel von der Luftbewegung an. Sie handelten, als wären sie schon immer ein Team gewesen. Gemeinsam schaufelten sie die Hälfte des Schnees nach draußen und während Johanna schon ihren Platz vorbereitete, spannte er eine Zeltbahn schräg über ihr Nachtlager, so dass sie von oben geschützt waren. Dann packte er seinen Rucksack aus und bereitete sich für die Nacht vor. Zuerst kam eine dicke Folie, die die Wärmeabstrahlung nach unten verhinderte, damit der Schnee darunter nicht taute. Darüber legte er eine sich selbst aufblasende, dünne Matratze, die die Wärme unter dem Schlafsack hielt. Beides waren Produkte aus der Raumfahrt, von denen er sich schon oft gefragt hatte, wieso Ängström über so etwas verfügte. In einem Outdoorladen gab es sie jedenfalls nicht zu kaufen. Als er fertig war mit seinem Nachtlager, rollte er den Schlafsack darüber, zog seinen Parka und die Stiefel aus und legte sich so, dass seine Füße nah an dem Heizbrenner waren, über dem Johanna bereits Schnee für Teewasser schmolz.
Das Seil, mit dem sie sich am Schlitten festgebunden hatte, lag achtlos neben ihrem Rucksack. Als sie sich umdrehte und etwas in ihrem Rucksack suchte, schnappte er es sich. Auf den ersten Blick sah es gerissen aus, die sieben Hauptfasern waren aufgedreht und standen nach allen Seiten ab. Doch als er genauer hinsah, wurde ihm klar, dass vier von ihnen wenigstens vorher angeschnitten worden waren, so dass das Seil bei einem heftigen Ruck reißen musste. Johanna war eine erfahrene Alpinistin, die genau wusste, dass ihr Leben von ihrer Ausrüstung abhing. Er hatte mehr als einmal gesehen, wie sorgfältig sie ihre Ausrüstung prüfte, bevor sie aufbrach und die Schnitte im Seil wären ihr heute Morgen nicht entgangen. Was bedeutete, dass die Schnitte heute gemacht worden waren, als ihr Rucksack auf dem Hundeschlitten gelegen hatte, oder ...
Unauffällig legte er das Seil wieder an seinen Platz. Keine Sekunde zu früh, denn Johanna drehte sich gerade wieder um. „Tee?“, fragte sie.
„Natürlich. Ich glaube, irgendwo habe ich sogar noch Zucker.“
Sie verzog das Gesicht. „Das ist nicht dein Ernst? Tee mit Zucker?“
„Was denn sonst?“ Er wühlte in seinem Rucksack und schimpfte dabei. „Mist. Irgendetwas hat sich verknotet. Hast du mal ein scharfes Messer für mich?“
Wortlos griff sie in eine der Außentaschen ihres Parkas und reichte ihm ihr Messer. Ihre Augen funkelten, aber sie sagte nichts und er tat so, als zerschnitte er etwas im Inneren des Rucksacks.
„Schade, hab mich getäuscht“, sagte er schließlich, schob ihn zur Seite und griff nach der Tasse Tee, die sie ihm reichte. Vorsichtig schlürfte er die heiß dampfende Flüssigkeit und genoss die aufkommende Wärme in seinem Körper. Früher hatte er nie etwas von Tee gehalten. Erst hier in der Kälte hatte er seinen Wert schätzen gelernt und erfahren, wie sehr nichts weiter als ein paar Blätter in heißem Wasser Leben bedeuten konnten. Auch Johanna schwieg, zumindest sagte sie nichts, aber ihre Augen funkelten ihn voller Spott an.
Er brummte: „Worüber lachst du?“
„Weil du jetzt deinen Tee ohne Zucker trinken musst?“
„Wüsste nicht, was daran so lustig ist.“
„Du hättest mich auch fragen können, ob ich noch welchen habe.“
Er schwieg. Der Zucker interessierte ihn nicht die Bohne. Ihn interessierte etwas anderes. Nämlich, ob jemand sie beide hatte loswerden wollen, oder Johanna oder ihn oder ... Es war dieses dritte oder, das ihm Kopfzerbrechen machte. Johanna hatte das Messer aus der vorderen Tasche ihres Parkas genommen.
„Du bist ein schlechter Schauspieler“ Sie lachte jetzt tatsächlich. „Bevor du dir deinen Kopf zermarterst – ja, ich war es, die das Seil durchschnitten hat, Sven.“
Es war seine Ausbildung, die verhinderte, dass er zusammenzuckte, als sie seinen wirklichen Vornamen nannte. Scheinbar entspannt nahm er einen Schluck Tee. „Mein Vorname ist Joachim. Vergessen?“
„Ich vergesse nie etwas. Du offenbar schon.“
Sie schlüpfte aus ihrem Parka, griff mit beiden Händen nach oben und öffnete das dicke Bündel Haare auf ihrem Kopf. Ein Schütteln ließ es nach allen Seiten fliegen, mit zwei Handbewegungen ordnete sie sie und warf sie über die Schulter. „Habe ich damals so wenig Eindruck auf dich gemacht? Ich sollte enttäuscht sein.“
Wie poliertes Kupfer schimmerten ihre Haare im Licht des Heizbrenners und der Glanz ihres Haares passte ebenso wenig hierher wie das grüne Leuchten in ihren Augen. Die Antarktis kannte alle möglichen Varianten von Schwarz, Weiß und mindestens fünfzig Schattierungen von Grau, aber nicht Tizianrot und Katzenaugengrün. Er auch nicht, bis jetzt jedenfalls und deshalb war er sich sicher, sie zum ersten Mal auf dem Schiff gesehen zu haben, wenn auch nie mit offenen Haaren. Aber das spielte keine Rolle. Haare konnte man wechseln, färben, schneiden ... nein, Gesichter waren das Entscheidende und Gesichter vergaß er nie. Es war Teil seines Berufes, sie sich zu merken, und eines wusste er genau: Ihres hatte er noch nie zuvor gesehen.
„Schade.“ Sie zog einen Schmollmund. „Wie geht es Chrrristian?“
„Wem?“ Er fühlte sein Blut in den Ohren rauschen.
Mit der flachen Hand vor Mund und Nase, als wäre es ein Gesichtsschutz, sagte sie: „Ich bin errrkältet ... Sven Oldenburg.“
Er saß nur da, starrte sie an und die Gedanken in seinem Kopf rasten. Er selbst hatte sie der Krankenschwester beschrieben: ca. einen Meter achtzig groß, kräftige Figur, hüftlange, lockige rote Haare, grüne Augen. Er sah sich mit Müller im Lazarett in Bad Saarow stehen und die Ärztin aus Christians Zimmer kommen; hörte Müller sagen: Die Spur führt nach Norwegen ... Johanna Hakonsen also. Agentin irgendeines Geheimdienstes, Ärztin und die Frau, die die übermenschlichen Anstrengungen, an denen er fast gescheitert wäre, gemeistert hatte; die Frau, die Granerud als Perpetuum mobile bezeichnet hatte und von der Thore gemeint hatte, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sven wusste jetzt, was.
Er stöhnte und schallend lachte sie los. Es kam so plötzlich, dass er zusammenzuckte.
„Was ist daran so lustig?“
„Gar nichts, Sven, gar nichts. Ich habe nur so lange keinen Grund mehr zum Lachen gehabt ...“
„Was zum Teufel spielst du hier für ein Spiel?“
Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und drückte ihn. „Zieh keine voreiligen Schlüsse, bitte.“
Langsam fand er seine Worte wieder und er sagte das erst Beste, was ihm einfiel: „Du hast mich nicht verraten.“
Sie zog ihre Hand zurück von seinem Arm und wo sie gelegen hatte, wurde seine Haut wieder kalt. „Natürlich nicht.“
Sie band ihre Haare wieder hoch und es passte noch immer nicht hierher und wiederum irgendwie doch. Ein paar simple Handbewegungen einer Frau, Zehntausendmal gesehen und doch erzeugten sie in dieser Umgebung eine Wärme, die der Heizbrenner vor seinen Füßen nicht einmal dann geschafft hätte, wenn er mit Kernbrennstäben gespeist worden wäre.
Mit einem leisen Rascheln verschwand sie in ihrem Schlafsack. „Leg dich hin. Wenn ich in den Himmel blicke, kann ich besser reden.“
„Die Zeltbahn ist davor“, knurrte er.
„Nimm sie weg. Der Sturm ist vorbei. Es schneit nicht mehr.“
„Man kann auch freundlicher keifen.“
„Mann ... schon ...“ Wieder lachte sie, aber diesmal mit viel Weiblichkeit darin. Er nahm die Plane weg, drehte den Heizbrenner ein wenig herab und legte sich ebenfalls hin. „Ich höre dir zu.“
„Wo soll ich anfangen?“
„Wer, wo, wann, was. Lass nichts aus.“
Sie schwieg so lange, dass er schon nachhaken wollte, doch gerade, als er den Mund öffnete, begann sie zu sprechen.
„X-44 wurde in der Sowjetunion entwickelt. Ich weiß, dass du verstehst, wovon ich spreche. Orstchov war der führende Kopf dabei. Nach der Katastrophe floh er nach Oslo. Als Ruud Ängström von seinem Vater übernahm, bot Orstchov ihm an, die Entwicklung für ihn fortzusetzen. Ängström baute ihm ein Labor und dort entwickeln sie weiter. Fünf Jahre lang habe ich versucht, sie immer wieder in Sackgassen zu führen; Testreihen unbrauchbar gemacht; Ergebnisse gefälscht und Proben vernichtet. Trotzdem kamen sie voran, wenn auch nur sehr langsam. Sie nennen es Perverdrin, Erweiterung der nutzbaren Gehirnareale; Selbstregeneration; Gedächtnisleistung; Kraft/Ausdauer; Nervenleitgeschwindigkeit. Keine Übermenschen, nur Steigerungen im zweistelligen Prozentbereich, aber immerhin. Schlimmer ist, sie zu widerspruchslosen Befehlsempfängern zu machen, jede gesellschaftliche Konditionierung, Ethik, Moral – ausgeschaltet. Als ich aufbrauch, hielten die Probanden das maximal eine Stunde aus, dann kollabierten sie. Dann geschah der Unfall in der Ostsee. Ängström und der Geheimdienst haben auf Betreiben von Orstchov diesen Bereich schon lange überwacht. Als das als Frachter getarnte Schiff die Meldung über den Fund absetzte, waren eure Männer schon im Wasser und jede Aktion wäre zu spät gekommen. Orstchov hat noch immer Kontakte nach Moskau und so erfuhr er auch von der Anforderung der sowjetischen Blutspezialistin. Es wurde beschlossen, mich an ihrer Stelle zu schicken, weil Orstchov sich von Christians Blut ein Vorwärtskommen versprach. Das habe ich mitgemacht, allerdings auf dem Rückweg die Ampulle ausgetauscht.“
„Unsere Ärzte sagen, da war nichts.“
„Sie wussten auch nicht, wonach sie suchen mussten.“
„Möglich. Was ist mit Christian? Warum hat er überlebt?“
„Ich habe ihm ein ... bisschen geholfen. Sagte ich nicht, dass ich insgeheim an einem Gegenmittel geforscht habe?“
„Nein. Was interessant ist, weil du noch vor fünf Minuten behauptet hast, nichts zu vergessen.“
Das, was sie erzählt hatte, deckte sich in etwa mit dem, was er und Müller sich ausgerechnet hatten. Wenn man einmal von ihrer Rolle dabei absah. Letzten Endes hatte sie mit ihrer Erklärung mehr Fragen aufgetan, als sie beantwortet hatte. Für wen arbeitete sie, war die wichtigste Frage. Wer sie wirklich war, wo sie herkam und warum sie das tat war eher sekundär. Warum sie so verdammt gut war, würde sich dann von alleine klären. Sie wollte etwas von ihm, das war klar, aber bis jetzt war sie noch nicht wirklich damit herausgerückt.
„Warum hast du dich nicht alleine abgesetzt? Nach dem, was ich gesehen habe, kommst du hier besser klar als ich. Und erzähl mir nicht, dass du eine sentimentale Anwandlung hattest und nicht alleine sein wolltest.“
Sie nestelte an dem Reißverschluss ihres Schlafsacks, zog ihn herunter, dann wieder hoch, schließlich setzte sie sich auf.
„Orstchov ist ein Monster, Sven. Ihn interessiert nicht, was das, was er macht, den Menschen antut. Ich habe gesehen, was geschehen ist, nachdem sie es einer jungen Frau gespritzt hatten. Als sie kollabiert ist, hat sie ....“
Johanna stockte mitten im Satz. Sie schluckte mehrmals, dann setzte sie fort: „Sie hatte nichts Menschliches mehr. Wie eine Furie hat sie getobt ... Sein Labor muss vernichtet werden, alle Forschungsergebnisse und er selbst auch. Wenn jemand das Perverdrin in die Hände bekommt ... es ist die Hölle ... Dafür brauche ich deine Hilfe. Ich kann keinem Menschen etwas zu leide tun.“
Er erinnerte sich an das, was Christian ihm erzählt hatte. Die beiden Kampftaucher hatten sich von einer Sekunde auf die andere verändert, waren plötzlich wie Mordmaschinen gewesen und hätte Christian sie nicht getötet, hätten sie ihn umgebracht. Selbst noch im Todeskampf hatten sie es versucht ... Dabei waren sie doch seine Freunde gewesen ... Sven lief eine Gänsehaut den Rücken herunter.
Er fragte bedächtig: „Warum lässt du es nicht deine Leute machen?“
„Weil da niemand ist, zu dem ich rennen und um Hilfe bei der Ermordung eines Menschen bitten kann. Könntest du das?“
Er dachte Christian und daran, wie der in der Finsternis der Ostsee um sein Leben hatte kämpfen müssen, weil jemand ihn da runter geschickt hatte und was er derjenigen angetan hatte.
„Ja“, sagte er und es klang, als pfiff die Klinge eines Samuraischwertes durch die Luft. Obwohl er ihr wahrscheinlich die Antwort gegeben hatte, die sie hatte hören wollen, sah sie nicht aus, als wäre sie zufrieden. Ihre Mundwinkel waren herabgezogen, sie zitterten und wenn er je Bitterkeit gesehen hatte, dann war es jetzt.
„So einfach, Menschen zu töten ...“ Sie legte sich wieder hin und starrte in den Himmel.
„Ja, es ist einfach“, wiederholte er. „Ein simpler technischer Vorgang, nichts weiter. Ein Faustschlag, ein Messerstich, das Krümmen eines Zeigefingers um einen Abzug oder das Drücken eines Knopfes und auf der anderen Seite der Erde sterben ein paar tausend Menschen. Manche töten sogar mit einer simplen Unterschrift. Mit der gleichen, mit der sie auch die Geburtsurkunde ihrer Kinder zeichnen. Töten ist einfach. Damit leben können, nicht.“
Er zog den Reißverschluss seines Schlafsacks bis zum Kinn. „Wir reden Morgen weiter, ich bin müde. Bis zu der alten australischen Forschungsstation sind es mindestens vier Tage. Bis dahin hast du Zeit, mich zu überzeugen und mir ein paar Fragen zu beantworten. So viel ich weiß, hat niemand auch nur die geringste Kontamination mit X-44 überlebt. Warum mein Sohn? Das mit dem Gegenmittel glaube ich dir nicht. Und wenn Orstchov nicht ein Pfuscher ist, hättest du auch den Auftrag haben müssen, Christian umzubringen, um alle Spuren zu beseitigen. Warum hast du es nicht getan? Das du selbst niemandem etwas tun kannst, mag sein. Ich würde es gerne glauben, weil Frauen Leben spenden sollten, statt es zu nehmen. Aber das ist nur Männerwunschdenken. Du lässt es eben andere tun. Ich habe Thores Tagebuch gelesen, und da hast du Sörensen zum Tode verurteilt. Willst du mich jetzt für Orstchov vor deinen Karren spannen? Ist schon schwierig, das mit dem Waschen, ohne sich nass zu machen, was? Soll ich die Dusche abkriegen? Dass du nicht von irgendjemandem ausgebildet wurdest, kannst du dem Mann im Mond erzählen. Woher kommst du, in wessen Auftrag handelst du – das sind die Antworten, die ich will. Dann, und nur dann helfe ich dir. Vielleicht. Vor allem aber will ich wissen, wer du bist, Johanna Hakonsen.“
„Und wenn ich es nicht weiß?“
„Was?“
„Wer ich bin ...“
„Dann hast du ein Problem. Gute Nacht.“
Mit einem Ruck zog er den Reißverschluss seines Schlafsacks ganz hoch, aber ließ noch einen kleinen Spalt für seine Augen offen, damit er sie beobachten konnte.
Lange sah sie zu ihm herüber. Schließlich drehte sie ihm den Rücken zu, bewegte sich noch in ihrem Schlafsack, als zöge sie etwas aus, dann wurde sie ruhig. Er hatte mit voller Absicht zum Schluss so harsch mit ihr gesprochen. Bis hierhin hatte er noch keinen Grund, ihr wirklich zu misstrauen. Weder hatte sie ihn verraten, noch enthielt ihre Erzählung etwas, was dem widersprach, was er wusste. Doch Misstrauen war sein Beruf. Dass etwas mit ihr nicht stimmte, hatte ihm Thore gesagt, Svens Gefühl sagte das Gleiche und sein Verstand fand, dass er das so schnell wie möglich herausfinden sollte, weil sein Leben davon abhängen könnte.
„Warum bist du hier?“
Johanna war offenbar noch nicht fertig. Er fragte nicht, was sie mit ‚hier‘ meinte. Es war klar, ebenso, wie er wusste, dass sie nicht interessierte, in wessen Auftrag. Sie kommunizierten auf einer anderen Ebene und so war die richtige Antwort die, die er selbst erst in dem Moment begriff, als er sie aussprach: „Hakonsen und Ängström suchen hier nach einer Waffe. Oder nach Wissen, um Waffen zu bauen. Sie wollen keinen Fortschritt, von dem die Welt profitiert. Nur für sich. Ich wollte etwas dafür tun, dass die eine Waffe, die meinen Jungen tötet, nicht gebaut wird.“
„Erzähl mir von ihm.“
„Erzähl mir, warum du ihm geholfen hast.“
„Weil er etwas ... Besonderes ist.“
„Jo. Er ist der intelligenteste Dummkopf, den ich kenne.“
„So siehst du ihn?“
„Nein!“
Er zog den Reißverschluss seines Schlafsacks wieder auf. Luft war es, was er brauchte, zwanzigtausend Kilometer entfernt von seinem Sohn und noch immer nahm der ihm den Atem. „Hochintelligent und schwierig. Angst vor jeder Berührung. Denkt alles bis zu Ende, selbst da, wo normale Menschen aufgeben. Lässt niemand an sich ran, nicht einmal mehr mich. Nicht einmal ich weiß, was in seinem Kopf vorgeht.“
Es brach einfach so aus ihm heraus. Vielleicht machte es die Antarktis mit ihm, die lange Expedition, die Erschöpfung. Vielleicht waren es aber auch die Augen Johannas. Groß und fragend waren sie auf ihn gerichtet, ihre Lippen waren halb geöffnet und wenn er je brennenden Wissensdurst gesehen hatte, dann war es jetzt. Er winkte ab und dass sie es nicht sehen konnte, weil er seine Hände im Schlafsack hatte, bemerkte er nicht einmal.
„Er war vielversprechend, aber auch unberechenbar. Als er zwölf war, prügelte er sich mit drei Jungen. Jemand hatte sie auf ihn gehetzt und es war keine Schlägerei unter Kindern, es war ... Sie hatten ihn bis zur Weißglut gereizt. Alle drei landeten im Krankenhaus, einer davon starb. Er kam nicht in die Jugendstrafanstalt, weil der Gleiche, der die drei angestiftet hatte, mir einen Handel vorschlug. Es war ein abgekartetes Spiel gewesen. Ich sollte für ihn arbeiten, Christian später auch. Ich ging darauf ein, was blieb mir anderes übrig? Niemand hätte mir damals geglaubt und falls doch, hätte niemand etwas unternehmen können. Christian weiß es bis heute nicht. Ich konnte es ihm nicht sagen, sonst wäre nur noch Hass in ihm gewesen. Auch so schon hat er alle Gefühle in einen Panzerschrank gesperrt und den Code weggeworfen, weil er glaubte, dass sie ihm das eingebrockt haben. Als seine Mutter ging, war er sechzehn, da hat er noch eine Kette mit einem Schloss davor gemacht. Seit dem komme ich gar nicht mehr an ihn heran. Wahrscheinlich erreicht ihn gar keiner mehr. Jetzt ist er wie ein Hochleistungsrechner mit einem fünfhundert-PS-Diesel auf Raupenketten und mit Planierschild, von dem niemand weiß, was in ihm vorgeht. Andererseits ...“
Er unterbracht sich, erstaunt von seinem eigenen Gedankengang. „Wenn ich ein echtes Problem hätte, nicht mehr weiter wüsste und auch meine Beziehungen nicht helfen, sondern es nur eiskaltes Denken braucht und den Willen, es auch umzusetzen – dann würde ich zu ihm gehen. Aber vielleicht ist das nur väterliches Wunschdenken. Er ist voll mit ungelebten Gefühlen, die er versucht, eisern unter Kontrolle zu behalten. Ich möchte nicht in seiner Nähe sein, wenn sie mal hochgehen.“
„Doch. Genau das möchtest du.“
„Ach ja?“
„Weil es das ist, was du dir am meisten wünschst. Ich bin Ärztin, schon vergessen? Ich verstehe ein bisschen von dem, was in den Köpfen von Menschen vorgeht und deswegen war es auch richtig, dass du ihm nicht gesagt hast, wer dahintersteckt.“
„Ich hatte Angst, dass er sich entweder würde rächen wollen oder dass er noch mehr Schuld fühlt als ohnehin schon.“
„Belüg dich nichts selbst. Nicht sich, sondern dich. Er ist dein Sohn, weißt du?“
Er hatte keine Antwort für sie. Verständlich. Wer lässt sich schon gerne beim Lügen erwischen. Er zog den Reißverschluss wieder hoch. Es war ein Zeichen, dass er das Gespräch für beendet hielt und schlafen wollte.
Ein paar Minuten schien es auch, als hätte Johanna den Hinweis verstanden, doch dann flüsterte sie: „Sven?“
„Schlaf endlich“, murmelte er.
„Warum seid ihr nur so ... dumm?“ Sie sprach so leise, dass er es kaum verstand. „Dabei gibt es Menschen, die wie ein Leuchtfeuer sind und den finsteren Abgrund der Zeit überstrahlen. Nichts kann je ihr Licht zum Verlöschen bringen. Thore war so einer, aber ihr habt es nicht einmal gesehen, bis er dann für immer gegangen ist. Die Mondfischer hätten es gekonnt.“
„Schlaf endlich“, wiederholte er. „Wir brauchen unsere Kräfte morgen. Mondfischer. Wer soll das sein?“
„Sie segeln den Strom der Zeit aufwärts und reisen vom Ende allen Seins bis zu seiner Quelle, dahin, wo alles einmal begann. Sie erinnern sich an die Zukunft und träumen von der Vergangenheit. Als sie noch über die Erde wandelten, erkannten sie solche Menschen und nahmen sie mit auf ihrer Reise, wenn ihre Zeit gekommen war.“
Eine Gänsehaut lief ihm den Rücken herunter, aber nicht wegen dem, was, sondern wie sie es gesagt hatte. Schaurig hatte es geklungen, als hätte sie aus einem Loch getönt und die Wände hätten das Echo zurückgeworfen. Es sah so aus, als sei sie tatsächlich in einem Loch, aber in einem psychischen. Es konnte nur die Antarktis sein und das, was sie erlebt hatten in den letzten Wochen. Sie machte so etwas mit denen, die ihr ausgeliefert waren und er wusste davon nicht erst, seit er Amundsen und Scott gelesen hatte. Thore hatte die Eishölle so erwischt und jetzt Johanna offenbar auch. Sie hatte Übermenschliches geleistet und nun zahlte sie wahrscheinlich den Tribut dafür, was dann wohl bedeutete, dass er in den nächsten Tagen auf sie aufpassen musste.
Er schälte seinen Kopf aus dem Schlafsack. Doch sie starrte in den Himmel, ohne Notiz von ihm zu nehmen. Er räusperte sich und sagte mit einem leisen Lächeln, um ihr Mut zu machen: „Tja, irgendwann kommen wir alle mal an unsere Grenzen. Irgendwie beruhigend, zu wissen, dass auch du kein Übermensch bist. Schlaf ein bisschen, sammel deine Kräfte und morgen lachst du über den Blödsinn, den du eben von dir gegeben hast. Sieht leider so aus, als wärst auch du nur ein ganz gewöhnlicher Mensch, Johanna Hakonsen.“
Er hatte sie mit einem Scherz ein bisschen aufbauen wollen, doch als sie den Kopf drehte, erschrak er. Eine einzelne Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel, rann über die Wange, den Hals, verschwand im Kragen ihres Pullovers und in ihrem Gesicht war die gleiche Bitterkeit wie vor ein paar Minuten.
„Bist du dir sicher?“, flüsterte sie.



„Niemand ahnt es, wie der Würfel fällt. Doch nichts geschieht durch Zufall auf der Welt.“
Juliane Werding

Kapitel 12


Schwerin, Sandstraße, November 1992


Es war ein Geräusch, wie er es schon zu oft gehört hatte, trotzdem riss es ihn aus seinen Gedanken: Ein Knirschen, knapp zwei Sekunden Stille, dann der dumpfe Aufschlag. Ein Stück Putz hatte sich von der Fassade gelöst und war auf den schon ewig nicht mehr gemähten Rasen im Hinterhof geknallt, mitten hinein zwischen seine Vorgänger.
Das Haus war ein Altbau, Stück für Stück lösten sich die Außenwände in ihre Bestandteile auf, außen bröckelte der Putz von der blassgelben Fassade, innen die Farbe von den Treppenhauswänden und die Hälfte der Fenster in den untersten Etagen waren nur noch glaslose schwarze Löcher.
Wer ihn besuchen wollte, hatte einen gefährlichen Weg über acht Halbtreppen vor sich, jede besaß zehn Stufen aus Holz und da war keine, in der nicht Würmer eine Party nach der anderen feierten. Hatte derjenige das überlebt, stand er in der vierten Etage vor einer verzogenen Holztür mit einem Schild aus Porzellan in der Mitte und seinem Namen darauf: „Christian Oldenburg“.
Aber es wollte ihn keiner besuchen und der, auf dessen Besuch er schon längst aufgegeben hatte, zu warten, kam nicht. Wenn es ein Schmerz war, so ließ er ihn nicht an sich heran. Seine Mutter hatte immer gesagt: „Schmerzen tun nicht weh“ und die Zähne zusammengebissen. Sie hatte gelogen, zumindest was die Zähne betraf. Als er sechzehn war, war sie zu einem Zahnarzt gegangen und nicht mehr zurückgekommen. Die Spezialausbildung bei den Kampfschwimmern hatte dann noch einmal scharf nachgewaschen und seine Fähigkeiten, Schmerzen zu ignorieren, auf ein nahezu unmenschliches Niveau gehoben. So glaubte er zumindest.
Er klappte das Buch zu, das Geräusch hatte ihn aus seinem Gedankenfluss gerissen. Der Einfluss von Legenden über Seeungeheuer auf die Festlegung von Schifffahrtsrouten im östlichen Mittelmeer im Mittelalter - so sperrig wie der Titel las es sich auch. Von seinem Vater wusste er so wenig, dass er dessen Lebenslauf auf seine Bierdeckelsammlung hätte schreiben können: Irgendwo im Ausland den Sozialismus verteidigt, ohne Uniform, im Auftrag der Stasi und mit Sicherheit unter falschem Namen. Jetzt hatte es die DDR gerissen, Sicherheit gab es nicht mehr, auch nicht die Sicherheit, doch Major jetzt a. D. Sven Oldenburg war immer noch nicht nach Hause zurückgekehrt und das einzige, was Christian wusste war, dass sein Vater vor zwei und einem halben Jahr aufgebrochen war, nachdem er Christian aus etwas herausgeholt hatte, was seine eigenen Leute eingebrockt hatten.
Es ist mein letzter Auftrag für Bernard Müller, hatte er gesagt, dann komme ich nach Hause, und: Merk dir den Namen. Er verteidigte jetzt die Freiheit und ganz sicher immer noch ohne Uniform. Es war nur eine Vermutung für Christian, aber immerhin wahrscheinlich, Immer noch schickte jemand regelmäßig Geld, nur kam es nicht mehr von der Staatsbank der DDR, sondern meistens von den Caymaninseln, manchmal auch direkt aus Washington und es war immer ein maschinengeschriebener Brief, der Name des Empfängers mit Hand eingetragen, mit einer Handschrift, die nicht viel Unterschiede zu einem Druck auswies und immer mit schwarzem Kugelschreiber.
Eine Tür quietschte und es konnte nur die unten zur Straße sein. Er war der letzte Hausbewohner hier, alle anderen hatten das Weite gesucht. „Entmietet“ hieß das Wort, nicht einmal gekannt hatte er es vorher. Aber er war stur geblieben und als man ihm Wasser und Strom abgestellt hatte, hatte er es wieder angestellt. Sie hatten es ein zweites Mal versucht und da war er in den Keller gegangen. Es war ziemlich finster da unten gewesen, er war gestolpert und irgendwie dabei gegen den Monteur gefallen. Die Wand hatte es überlebt, der Monteur nicht so gut.
Der war nicht noch einmal wiedergekommen und auch kein anderer. Nur die Anwälte des Hausbesitzers schickten noch mit schöner Regelmäßigkeit wichtig aussehende Schreiben aus Hamburg, die Christian mit der gleichen Regelmäßigkeit ungeöffnet im Mülleimer versenkte. Sein Mietvertrag lief noch zwei Jahre und wenn sie etwas wollten, mussten sie es sich schon selbst holen kommen.
Er griff nach der Krücke. Die neunzig Kilo, die er einmal als Kampfgewicht bezeichnet hatte, hielt sie locker aus und wahrscheinlich noch einiges mehr. Er hinkte durch den Flur zur Wohnungstür und legte ein Ohr an das Holz. Keine der morschen Holzstufen knarrte, er überlegte, ob sie ihm wieder Wasser und Strom im Keller abstellen wollten, da hörte er doch Tritte auf der Treppe. Es gab nur einen außer ihm, der wusste, welche es Stufen knarrten; einer, dessen ganzes Leben darauf aufgebaut war, morsche Stufen zu meiden, lautlos zu sein, unerkannt und unhörbar.
Einmal hämmert sein Herz gegen die Rippen und er wechselt den Krückstock in die linke Hand, damit die Rechte frei ist für den Händedruck, den er so lange vermisst hat. Die Schritte verstummen, er holt tief Luft und öffnet die Tür.
Eine Frau nimmt die letzte Treppenstufe, der Duft frischer Süße, von Erde und dem Holz uralter Bäume geht ihr voraus und er weiß, dass er diesen Duft schon einmal gerochen hat. Ihr Gesicht ist herzförmig und schmal, mit hohen Wangenknochen und leicht schrägen Augen, der lange Zopf über ihrer Schulter lässt sie auf den ersten Blick mädchenhaft aussehen, auf den zweiten Blick machen sie der kühle Ausdruck auf ihrem bleichen Gesicht und die harten Kanten darin zu einer Frau, die zu viel von etwas erlebt hat, was sie nicht hat erleben wollen. Fast so groß wie er ist sie und der knielange, kornblumenblaue Mantel lässt sie schlank aussehen, aber nicht zerbrechlich. Er steht ihr, die rot geäderten Augen tun es nicht, sie muss ungeheuer müde sein, aber trotz der acht Halbtreppen und der Reisetasche in ihrer linken Hand atmet sie nicht viel schneller als er. Er registriert es und auch, dass sie ihren sandfarbenen halblangen Lederhandschuh nicht auszieht, als sie die Hand ausstreckt und sagt: „Ich bin Johanna. Ich war eine Freundin deines Vaters.“
Es klingt so erschöpft, wie sie auch wirkt. Er denkt, dass sie eine verdammt gute Freundin seines Vaters gewesen sein muss, wenn er ihr sogar gesagt hat, auf welche Stufen sie nicht treten darf und erwidert: „Das Letzte ist nicht unbedingt eine Eintrittskarte. Gewöhnlich melden sich die Verflossenen meines Vaters nicht hier.“
Er gibt ihr die Hand und sie blinzelt, als hätte sie bei klarem Himmel einen Regentropfen ins Gesicht bekommen. Wenn sie weiß, wie schön sie ist, hat sie eine andere Begrüßung erhofft. Vielleicht hätte er sie nicht spüren lassen sollen, dass er für eine Sekunde jemand anderen erwartet hat.
Aber sie hält noch immer seine Hand mit festem Griff, als wollte sie ihm Halt geben. Etwas ist in ihren Augen und es ist nicht die Reaktion auf seine harsche Antwort. Wie in Zeitlupe lässt er sie los, braucht plötzlich die Hand, um sich am Türrahmen abzustützen.
Ihre Stimme klingt so dumpf, als müsste sie sich erst einen Weg durch einen Ballen Watte graben: „Es tut mir leid. Dein Vater wird nicht mehr kommen. Lässt du mich herein? Ich kann nirgendwo anders hin.“
Er nimmt ihr nicht die Tasche ab, geht ihr nicht voraus und lässt sie auch den Mantel alleine ablegen. Erst als sie hinter ihm sagt: „Bitte komm herein“, gibt er seinen Halt auf. Er schließt die Tür hinter sich, geht in die Küche, nimmt ein Bier aus dem Kühlschrank und wirft einen prüfenden Blick auf die Hand, die die Flasche hält. Sie zittert nicht, er ist im Kampfmodus und kein Gefühl kann ihn erreichen. So hat man es ihm beigebracht und es funktioniert noch, wenn auch sonst nichts anderes mehr funktioniert.
Er stellt sich ans Fenster und schaut hinaus in den verwilderten Garten im Hinterhof. Er hört, wie Johanna durch die Wohnung geht, die Tasche irgendwo zu Boden fallen lässt und die Badtür schlägt, als hätte sie es eilig. Alles registriert er, nichts entgeht ihm.
Verwildert ragt unten ein Kirschbaum mit seinen kahlen Ästen in den grauen Himmel. Er müsste mal wieder geschnitten werden, denkt er und weiß doch, dass er ihn nie mehr anfassen wirt. Weil das immer sein Vater gemacht hat.
Er fühlt, wie Johanna ihm das Bier aus der Hand nimmt; hört, wie sie es öffnet und auch den harten Ruck, mit dem sie es auf die Tischplatte stellt, doch es geschieht wie hinter einer Wand aus Milchglas. Auch, dass sie ihre Hände auf seine Schultern legt, ihn auf einen Stuhl drückt und es ist dieses Milchglas in ihm, das sie rettet. Noch, denn die Wand ist dünn, die Wellen rollen heran, eine nach der anderen und der Tsunami ist nicht mehr fern ...
Sie steht wieder auf, kramt in den Schubladen, als wäre sie hier zu Hause und kommt mit einer Kerze zurück. Sie zündet sie an, stellt sie auf eine Untertasse neben ihn, und setzt sich so, dass ihr Gesicht im Schatten bleibt.
Er fragt, obwohl er Augen hat zu sehen: „Ist es schon dunkel“, sie antwortet: „Sehr dunkel“, und wie er, meint sie nicht das Licht.
Irgendwann, die Kerze ist halb herunter gebrannt, weiß er die Mauer stark genug. Trotzdem wundert er sich, wie sachlich seine Stimme klingt: „Wer, wo, wann, was. Lass nichts aus.“
Ein Laut kommt aus der Dunkelheit hinter der Kerzenflamme von dort, wo Johanna sitzt. „Das hat dein ...“
„Ja“, sagt er, und: „Das hat er gesagt und es hieß: keine Ausflüchte. Genau wie: Ich höre dir zu. Dann hat er jedes Wort registriert, jede Schwankung in der Stimme und hat auch das verstanden, was ich nicht ...“
Die Bierflasche ist ein Rettungsanker, ihr Glas dick und es ist auch besser so. Die Sehnen in seiner Hand, die sie umkrampft, sind stark und straff gespannt wie Klaviersaiten. Er atmet ein paar Mal durch, dann stellt er die Flasche auf den Tisch. „Also ... ich höre dir zu ... Johanna.“
„Nein.“
Sie berührt seine Hand mit einer Fingerspitze und zieht sie wieder so schnell zurück, als hätte sie diese Berührung wie einen elektrischen Schlag empfunden. Ihre Stimme ist nur ein Hauch. „Er ist gestorben und was auch immer ich dir jetzt erzähle, wird ihn dir weder zurückbringen noch den Schmerz geringer machen. Du kannst ihn fühlen, als würde er hier neben uns sitzen, das sehe ich dir an. Ich kann es nicht, aber ich spüre es durch dich. Das ist ... es ist ein Geschenk für mich, das ich nicht erwartet habe.“
Sie greift nach dem Ende ihres Zopfes, als brauchte sie etwas zum Festhalten. „Ich werde hier sitzen, schweigen und bei dir sein, während du dich von ihm verabschiedest. Alles andere kann warten.“


„Irgendjemand spielt hier falsch.“ Mikkelsen griff nach der Klinke an der Innenseite der Beifahrertür des alten Volvo, da wurde sie von außen aufgerissen. Einer von Ängströms Bediensteten war schnell gewesen.
„Finger weg!“, blaffte Mikkelsen ihn an. „Sollte ich einmal nicht mehr in der Lage sein, alleine eine Autotür von innen zu öffnen, ist es ein Leichenwagen. Bis dahin nehmen Sie gefälligst Ihre Griffel aus meinem Schwenkbereich!“
Er warf Wielander, der sich gerade hinter dem Lenkrad hervor quälte, einen wütenden Blick zu. „Und du hör auf zu grinsen!“
„Haben wir heute aber wieder gute Laune.“
„Warte, bis ich vor Hakonsen stehe. Dann weißt du, wie gut.“
Mikkelsen knallte die Tür zu und stürmte die Freitreppe zum Herrenhaus der Ängströms empor. Er war nur knapp einen Meter sechzig groß, aber fast so breit wie hoch. Er wirkte wie aus einem Granitblock geschnitten und sein grimmiges Gesicht passte bestens dazu. Alles an ihm wirkte auf eine graue Art verwittert, obwohl er erst dreißig Jahre alt war. Er trug nur Schuhe, die Schnürsenkel hatten, vielleicht, weil er sich nicht allzu tief bücken musste, um sie zu binden. Wenn er das tat, machte er immer ein feines Doppelschleifchen, nichts war ihm verhasster, als Sachen, die genau dann nicht funktionierten, wenn man sich am dringendsten auf sie verlassen musste. Diplomatie gehörte nicht zu seinen Stärken, obwohl er sich sehr präzise ausdrücken konnte und wenn er jemandem seine Meinung geigte, war das für gewöhnlich ein lebenslaufeinschneidendes Erlebnis für denjenigen. Dass er nicht zuletzt deswegen bei all denen, mit denen er zu tun hatte, auf der nach unten offenen Beliebtheitsskala in etwa auf Höhe des Erdmittelpunktes rangierte, interessierte ihn nicht. Trotzdem verfügte er über hervorragende Beziehungen, denn wenn er sich in ein Problem verbiss, gab er nicht eher Ruhe, als bis dass es gelöst war und er nie einen Zweifel daran ließ, was mit denen geschah, die sich ihm dabei in den Weg stellten oder nicht mitzogen. So machte man besser, was er wollte, umso schneller war man ihn wieder los.
Wielander musste sich nicht sehr beeilen, ihn einzuholen. Wo Mikkelsen zwei Schritte machte, brauchte Wielander nur einen. Er besaß eine angenehme, melodische Stimme, einen erstaunlichen Wortschatz an Allerweltsfloskeln und war das genaue Gegenteil des ehemaligen Kriminalkommissars. Wenn der aus einem Felsblock geschnitten schien, wirkte Wielander wie eine Douglasie – groß, schlank, dass schwarze Haar nach hinten gegelt, der Anzug stets modisch, figurbetont und teuer. Ein Mann, der aussah, als könnte er in einer dunklen Gasse schnell und effizient mit einem Messer umgehen und auch noch Spaß dabei haben.
„Was meinst du, Ryland? Wäre es nicht besser, wenn nicht ich lieber die Ergebnisse unserer aufopferungsvollen Ermittlungen in der entsprechend gebotenen – will sagen: freundlichen – Form darlege?“
„Deine Frisur wird es überleben, wenn ich ein bisschen Wind mache.“
„Die schon. Bei dir bin ich mir da nicht so sicher.“
Mikkelsen zuckte die Schultern und strafte den nächsten Bediensteten, der ihm den Mantel abnehmen wollte, mit Nichtachtung. Er marschierte durch das Portal, als hätte er eine Burg erobert, fegte die Treppe in die erste Etage hinauf, riss, ohne eine Sekunde zu zögern, die zweiflüglige Tür an deren Ende auf, stürmte hinein und ließ sich auf einen Stuhl krachen. Erst ein paar Schritte hinter ihm kam Wielander, grüßte lächelnd und ließ sich rechts von Mikkelsen nieder.
„Sie sind ein wenig spät, meine Herren.“ Ängström hob mokiert eine Augenbraue.
„Seien Sie froh, dass ich überhaupt zu diesem Dillettantendebattierklub gekommen bin.“
Mikkelsen warf einen Aktenordner auf den Tisch. „Nach der Kette von Fehlern, die ich hier aufgelistet habe, müssten wir jetzt eigentlich gestreiften Kattun tragen und ein paar Wächter vor den Gittern würden statt Ihrer Lakaien aufpassen, dass wir keine Kraftausdrücke verwenden. Und Kaffee würden sie bestimmt nicht servieren, eher Prügel mit dem Gummiknüppel. Verdient hätten wir es.“
Er sprach nicht laut, aber etwas war in seiner knarzenden Stimme, dass Ängströms Standardlächeln austrocknen ließ. Hakonsen setzte einen blasierten Gesichtsausdruck auf und kreuzte die Arme vor der Brust und Holger Weinberg, das kleinste Licht in dieser Runde, machte sich schmal auf seinem Stuhl. Nur Wielanders Gesicht zeigte Amüsiertheit. Einen großen Teil dessen, was in dem Aktenordner stand, hatte er zusammengetragen.
Ängström erwiderte: „Nun, bevor wir zum Inhalt dessen kommen, was Sie da zusammengetragen haben, würde ich doch gerne noch einige Dinge erwähnen. Selbstverständlich nur, wenn Sie nichts dagegen haben. Immerhin sind Sie – bitte korrigieren Sie mich, falls ich mich da irren sollte – immer noch mein Angestellter und da muss ich Sie ja wohl fragen. Oder ist mir entgangen, dass Sie eben eine etwas unglücklich formulierte Kündigung eingereicht haben, mein lieber Ryland?“
„Natürlich nicht. Ich will nur ...“
„... mit der Ihnen üblichen Feinfühligkeit und Zurückhaltung darauf hinweisen, dass wir ein paar Probleme haben.“ Mit schneidender Kälte fiel Ängström Mikkelsen ins Wort. „Danke, aber das war mir bereits im Vorhinein klar. Möchten Sie Ihre Kündigung aufrecht erhalten?“
Hakonsen, Weinberg und selbst Wielander hielten den Atem an. Die Luft zwischen Ängström und Mikkelsen schien zu knistern. Für einen Moment wirkte Mikkelsen, als wollte er es bis zum Äußersten treiben, dann blickte er an Ängström vorbei. Doch so leicht ließ der sich nicht abspeisen.
„Ich habe Ihre Antwort nicht verstanden, Ryland. Was hatten Sie doch gleich gesagt?“
Noch einmal blickte Mikkelsen ihm ins Gesicht, nur einen Sekundenbruchteil lang, dann nickte er. „Ist gut.“
War es offenbar nicht, denn Mikkelsen bekam kaum die Zähne auseinander dabei, aber Ängström wirkte nicht, als würde ihm das schlaflose Nächte bereiten. Er stand auf, schaltete, obwohl es heller Tag draußen war, dass Licht des Kronleuchters ein und ließ mit einem weiteren Schalter die Stahljalousien vor den Fenstern herab. „Manche Dinge sind einfach zu wichtig, um sie anderen zu überlassen“, sinnierte er dabei halblaut vor sich hin.
„Dann möchte ich Sie gerne in Kenntnis meiner nächsten Pläne setzen.“ Er setzte sich wieder, knöpfte sein Sakko auf und lehnte sich zurück. „Für Sie mag es scheinen, dass sich mit dem Brand in unserem Forschungskomplex hier in Oslo und dem damit verbundenen Tod von Boris Orstchov die Kette von Fehlschlägen fortgesetzt hat, von denen mein Unternehmen in den letzten Jahren gebeutelt worden ist. Unabhängig davon, was uns Ryland sicherlich gleich an Erkenntnissen über Motiv, Ursache und Hintergrund dieser Operation sagen wird, kann ich Ihnen mitteilen, dass ich unsere bisherigen Unternehmungen absolut nicht als Fehlschlag werte. Ganz im Gegenteil – mit Gewissheit steht jetzt fest, dass unser verehrter Johannes hier mit seiner Theorie grundsätzlich Recht hatte, wenn wir sie selbstverständlich auch ein wenig modifizieren müssen. Dahingegend, dass dort am Mount Kirkpatrick irgendjemand oder irgendetwas ganz nach Belieben Stürme und Erdbeben nicht nur auslösen, sondern auch steuern kann. Seit der Rückkehr von Johannes, bedauerlicherweise nur als einziger Überlebender, haben wir alle verfügbaren Quellen angezapft und ich sage Ihnen hiermit definitiv: Keine Regierung der Länder, deren technologische Basis auch nur ansatzweise dazu fähig sein könnte, weiß etwas davon und weil ich will, dass das auch so bleibt, habe ich hier etwas für Sie. Herzlichen Glückwunsch, meine Herren, Sie sind gerade Millionäre geworden. Natürlich nur dann, wenn Sie unterschreiben. Auf dem ersten Blatt unten rechts bitte.“
Nonchalant und mit viel Schwung schob er jedem der vier Männer einen weißen, mit einer goldfarbenen Kordel verschlossenen Ordner zu. Jeder reagierte anders. Weinberg griff danach wie ein Ertrinkender nach dem Rettungsring und Hakonsen rührte den Hefter nicht einmal an. Wielander griff sich seinen, schlug ihn routiniert auf und überflog die Seiten darin nur.
Mikkelsen war der Schnellste gewesen. Er hatte sich seinen geschnappt, sich dann aber viel Muße gelassen beim Aufbinden der Kordel und dabei unter halbgeschlossenen Lidern die anderen beobachtet. Erst dann studierte er den Inhalt des Ordners.
Er enthielt die Gründungsdokumente der Firma „NordicSF“, das Gründungskapital betrug fünfzig Millionen Dollar und Hakonsen, Weinberg, Mikkelsen und Wielander waren die eingetragenen Geschäftsführer mit einem Jahresgehalt von fünfhunderttausend Dollar.
Holger Weinberg stotterte: „Aber ... aber ... ich weiß ... ich meine, ich weiß doch gar nicht ... was ... also was ich dafür tun soll?“
Hakonsen schnarrte: „Den Mund halten und Orstchovs Arbeit fortsetzen, was sonst?“ Er hatte sich die Dokumente vor sich noch nicht einmal angesehen.
„Vorzugsweise das Erste, vermute ich.“ Wielander grinste.
Mikkelsen blickte ihn an und viel Nachdenklichkeit war in seinen grauen Augen. „Interessant, was du so beim schnellen Blättern alles siehst.“
„Was meinst du damit?“
„Wir sollten uns mal kurz draußen unterhalten.“
„Wüsste nicht, worüber. Ist doch richtig gemütlich hier, findest du nicht?“
„Nein!“
Ängström klopfte mit zwei Finger auf das alte Holz der Tischplatte vor sich. „Gentlemen!“
„Sind nicht hier“, knurrte Mikkelsen und zeigte mit dem Finger auf Hakonsen. „Der da hat eiskalt vierundsechzig Menschen ersäuft, denen er in den Monaten davor zig Mal sein Leben verdankt hat.“ Er zielte auf Weinberg. „Der da ist ein Verräter und hat Orstchov geholfen, die Versuchskaninchen auf zwei Beinen zu massakrieren, die Wielander und ich ihm besorgt haben und kann es wahrscheinlich gar nicht abwarten, bis er den nächsten eine Spritze setzen kann und dem hier“, er blickte Wielander neben sich an, „sollte man besser keine Sekunde den Rücken zudrehen.“
Wielander lächelte mit Eis in den Augen. „Haben wir schlechte Laune heute?“
Sehr ruhig und sehr leise fragte Ängström: „Wie passen Sie und ich in diese Runde, ihrer Meinung nach?“
„Sie sind derjenige, der sich diese kranke Mörderbande finanziert und ich ...“ Mikkelsen zog einen Kugelschreiber hervor, unterschrieb schwungvoll seinen Vertrag, klappte demonstrativ den Hefter zu, warf ihn zu Ängström herüber und setzte fort: „ ... bin dann wohl der Einzige, der noch einigermaßen klar im Kopf ist und deshalb derjenige, der ab jetzt aufpasst, dass hier keiner mehr so eine Anfängerscheiße baut wie diese hier! Das beleidigt meine Berufsehre!“
Wie ein Felsbrocken knallte seine Hand auf die Unterlagen, die er mitgebracht hatte, dann beugte er sich halb über den Tisch und bellte: „Aber eines ist hier ganz gewiss keiner, Ängström: ein Gentleman!“
Zornbebend funkelte er Ängström an, dem stand blanke Mordlust im Gesicht und es war Wielander, der mit seinem Grinsen die Situation rettete: „Ich korrigiere mich: richtig miese Laune. Bist du heute in Hundekacka getreten? Gib Ruhe, du hast gerade deine Lebensversicherung unterschrieben. Das Kleingedruckte kannst du ja später lesen.“
„Oder mir von dir erklären lassen, weil du es geschrieben hast, wie?“
„Gentlemen!“ Wieder klopfte Ängström auf den Tisch. „Ich darf doch bitten. Sie irren übrigens gleich zwei Mal, mein lieber Ryland, denn genau das ist es, was Gentlemen heute ausmacht. Sie haben Geld und Macht, reden eloquent, sind gut angezogen und riechen gut, deswegen denkt auch jeder, sie seien so. Für die ersten beide habe ich gerade gesorgt, um die beiden anderen kümmern Sie sich bitte endlich selbst und bevor wir uns mit dem Grund ihrer tatsächlich ausgesprochen schlechten Laune beschäftigen, gestatte ich mir noch ein paar Ergänzungen.“
Er räusperte sich, nahm einen Schluck Wasser und Wielander stöhnte leise: „Jetzt kommt wieder eine seiner langen Reden. Wollen wir etwas essen gehen?“
„Das habe ich gehört!“ Ängström räusperte sich noch einmal. „Es gibt zwei Dinge, die Menschen motivieren, über das Äußerste hinauszugehen: Geld und Macht. Beides habe ich Ihnen eben gegeben und ich bin der Letzte, der Ihnen dabei im Wege stehen wird, es auch anzuwenden. Ich denke, das sollte ausreichen, jedwede Versuchung von dritter Seite von Ihnen abperlen zu lassen. Sie müssen nichts weiter dafür tun, als auf dem Festlandssockel der Anatarktis, der an das Filchner-Ronne-Schelfeis grenzt, eine nicht ganz so kleine Forschungsstation aufzubauen. Dank dem Brand in unserem Laborkomplex sind wir jede staatliche Einmischung und Kontrolle los. Herr Weinberg war so freundlich, mir jeden Abend eine Kopie der Fortschritte Orstchovs zukommen zu lassen. Wir starten also nicht bei null und wir verfügen bereits über eine ansehnliche Menge einsatzfähigen Perverdrins. Johannes wird sich darum kümmern, wie wir an das herankommen, was sich unter dem Mount Kirkpatrick verbirgt und sollte das zwanzig oder dreißig Jahre dauern, ist mir das auch egal. Ich kann lange warten, mindestens aber so lange, bis ich sicher bin, dass wir es besiegen können. Nur eines kann ich nicht: Noch einen Fehlschlag hinnehmen. Damit so etwas nicht wieder vorkommt, werden wir uns jetzt anhören, was unser in seiner Berufsehre gekränkter ehemaliger Kriminalist uns zu sagen hat. Also bitte Ryland, ich bin wirklich gespannt auf Ihren Vortrag.“
„Ich glaube nicht, dass Sie das auch noch sagen, wenn ich fertig bin“, knurrte Mikkelsen und schlug seinen Hefter auf. Einen Moment sammelte er sich, dann begann er: „Der Brand vor drei Wochen in unserem Laborkomplex war exakt geplant und professionell durchgeführt. Die Sprinkleranlage und das Meldesystem wurden manipuliert. Es war ein Sonntagabend, im Gebäude hielten sich zum fraglichen Zeitpunkt zwei Wachmänner, Orstchov und drei Probanden auf. Wir haben aber nicht sechs, sondern sieben Leichen gefunden. Die beiden Wachmänner wurden durch einen mit großer Kraft und Geschicklichkeit geführten Schlag in den Nacken getötet, Orstchov durch einen Kopfschuss. Alle Forschungsunterlagen, alle Computerbänder wurden auf einen Haufen gestapelt und angezündet. Von hier ging der Brand aus, wahrscheinlich mit Brandbeschleuniger. Die Eingangskameras haben jemanden mit zwei großen Taschen beim Hineingehen aufgezeichnet. Hinausgegangen ist niemand mehr und es gab keinen anderen Ausgang.“
Hakonsen winkte ab. „Das wusste ich schon. Kommen Sie endlich zur Sache. Kommen Sie!“
Mikkelsen blickte von seinen Unterlagen hoch. „Aber wir wussten bis gestern nicht, dass wir weder einen Knüppel noch eine Eisenstange oder ein anderes Schlaginstrument finden würden. Wir wussten auch nicht, dass wir an den Handkanten und den Fingerknöcheln einer der Leichen Mini-Stauchungsfrakturen finden würden, die auf ein lebenslanges Karatetraining hindeuten und wir wussten ebenfalls nicht, dass die Neunmillimeterkugel, die Orstchov getötet und ihm dabei den halben Hinterkopf weggerissen hat, aus einer Makarow stammte. Was uns wiederum zu der Schlussfolgerung führt, dass hier jemand aus dem ehemaligen Ostblock seine Finger im Spiel hatte. Klingelt da bei irgendjemandem etwas?“
Ängström beugte sich vor. „Der Kampfschwimmer in Ostdeutschland! Sie sind Johanna gefolgt.“ Er überlegte einen Moment, dann schüttelte er den Kopf. „Nein, nicht logisch. Den Ostblock gibt es nicht mehr. Wenn da jemand auf eigene Faust gearbeitet hat, hätte er die Unterlagen gestohlen und verkauft, aber nicht vernichtet. Er musste wissen, dass ihm alle auf den Fersen sein würden, wenn er so ein Freudenfeuer veranstaltet.“
„Vielleicht wollte er das ja und es war ein Unfall?“ Weinberg kratzte sich an der Stirn.
„Mit zufällig sechs Toten? Ich sage doch, Dilettanten!“ Mikkelsen blätterte weiter. „Der Name des Mannes war Christian Oldenburg. Dank X-44 wird er nicht mehr alt werden. Ohnehin steht die Frage im Raum, warum er überhaupt noch lebt, denn sowohl X-44 als auch Perverdrin haben eine Mortalitätsrate von einhundert Prozent und die Antwort kann nur sein, dass ihm jemand ein Gegenmittel gegeben hat, von dem wir glauben, dass es nicht existiert. Das war der gleiche jemand, der darauf bestanden hat, nach Deutschland zu fliegen und selbst eine Blutprobe zu entnehmen, obwohl Weinberg schon vor Ort war und es hätte selbst tun können. Aber dazu komme ich noch. Der Name des Vaters ist Sven Oldenburg. Olaf hat das herausgefunden und auch ein Bild von ihm aufgetrieben. Es stammt von einem Empfang in der ehemaligen Botschaft der DDR hier in Oslo. Der Mann links hinter dem dicken Botschafter mit dem perfekten Linksscheitel.“
Er schob jedem eine vergrößerte Aufnahme zu, lehnte sich zurück und ließ seine Blicke zwischen Hakonsens und Ängströms Gesicht hin und her wandern.
Weinberg warf ein: „Nie gesehen. Den Mann kenne ich nicht. Während ich drüben war, ist er nie im Lazarett aufgetaucht.“
Hakonsen reckte das Kinn hoch und machte sein übliches Gesicht in solchen Momenten, eine Mischung aus Trotz und Blasiertheit. Ängström war es, der das Schweigen brach: „Joachim Detjen, der Geologe aus Westdeutschland, wenn ich nicht irre.“
„Sie irren. Der echte Detjen lässt sich in Südamerika auf einer Rinderfarm die Sonne auf den Bauch scheinen. Fehler Nummer eins: Wenn man jemanden umbringen will, schaut man sich vorher mehr an als einen handgeschriebenen Lebenslauf und das Bewerbungsschreiben. Ich weiß nicht, welcher Komikertruppe sie den Job gegeben haben, mir und Olaf jedenfalls nicht.“
„Aber der ist doch zusammen mit Johanna im Sturm umgekommen!“ Zum ersten Mal schien Hakonsen ein wenig die Fassung zu verlieren.
„Wenigstens als Stichwortgeber taugst du. Immerhin.“ Mikkelsen knurrte wie ein hungriger Wolf. „Ich weiß ja nicht, was in deinem Familienleben noch so alles schief gelaufen ist, aber eines weiß ich – die Frau, die du geheiratet hast, ist nie als Johanna Roiseland geboren worden, wie es auf ihrer gefälschten Geburtsurkunde stand. Davon gab es nur eine im passenden Alter, die auch Ärztin war und die liegt seit zehn Jahren hier in Oslo auf dem Friedhof. Ist mit dreißig an Leukämie gestorben. Fehler Nummer zwei: Ehemann hat keine Ahnung von dem Vorleben seiner Frau. Soll auch anderen schon passiert sein. Endet meistens wie hier in einer Katastrophe.“
Er blickte Ängström an. „Sie vertrauen dem Mann, der Mann vertraut seiner Frau, die Frau wird nicht ernsthaft überprüft. Die arbeitet im angeblich geheimsten Projekt der Welt mit, führt es fünf Jahre lang in die Irre und lässt es zum Schluss auch noch durch einen ehemaligen Stasimann abfackeln. Findet das jemand lustig hier?“
Offenbar nicht. Alle saßen mit verkniffenem Gesicht da. Weinberg fasste sich als Erster, vielleicht, weil er nicht von Anfang an dabei gewesen war.
„Was meinen Sie mit in die Irre führen?“
Wielander mischte sich ein. „Tja, das ist eine wirklich gute Frage. Kurz nachdem Hakonsen wieder aus der Antarktis zurück war, ließ Orstchov in einem Nebensatz fallen, dass er irgendwie das Gefühl hatte, dass er in dem Jahr, seit Johanna weg war, viel schneller vorangekommen ist. Er hatte das scherzhaft gemeint, schließlich war sie ja die Frau des großen Johannes Hakonsen und wollte ihr wohl nicht Unrecht tun, aber ich habe ein Ohr für solche Zwischentöne. Deshalb kann ich auch mit Ryland, nicht wahr?“
Er stupste Mikkelsen mit Schulter, aber der knurrte nur etwas Undefinierbares und Wielander fuhr fort: „Ich habe dann ein bisschen gegraben und es schien tatsächlich so, dass er recht hatte. Aber wer bin ich schon, dass ich Göttern in Weiß widerspreche? Das Perverdrin funktionierte, also gab es keinen Grund, da nachzuhaken.“
Er bleckte ein Gebiss voller perfekter weißer Zähne. „Ich meine, ihr habt Studien, Doppelstudien, Blindstudien, Doppelblindstudien und was weiß ich nicht noch alles, mit denen ihr exakt Fortschritte, Wirkungen, Nebenwirkungen und sogar Statistiken exakt dokumentieren könnt. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ihr tatsächlich wie blinde Alchimisten auf einem Drogentrip in Alices Wunderland herumgetappt seid, weil ihr unbegrenzte Geldmittel hattet, jede Menge Spaß haben wolltet und es gar nicht für nötig hieltet, wenigsten ein paar wissenschaftliche Standards einzuhalten, die es sogar in der Kriminologie gibt. Das war dann Fehler Nummer drei. Der Letzte und deswegen hat Orstchov jetzt auch ein hübsches Loch in der Stirn und sieht aus wie ein gegrilltes Huhn. Bleibt mir nur noch zu erzählen, was im Labor wirklich passiert ist. Haben Sie schon etwas gegessen?“
Wielander lachte schallend, als er die verdutzten Gesichter sah und tippte sich mit dem Finger an die Nasenspitze. „Das ist nur Theorie und es kann auch zeitlich anders abgelaufen sein, aber die Fakten und das, was wir gefunden haben, lassen kaum andere Schlussfolgerungen zu. Wie er in den Laborkomplex hineinkommt und was ihn dort erwartet, diese Informationen hat Oldenburg von Johanna bekommen. Sein Ziel war die Vernichtung der Forschungsunterlagen, aller Proben und die Tötung von Orstchov. Wir fanden keine Anzeichen körperlicher Gewalt, also wurde der nicht gefoltert, Oldenburg wollte ihn nur umbringen.“
„Nur umbringen ... In welchen Kategorien denken Sie eigentlich? Boris war ein Genie!“ Weinberg stöhnte.
„Halten Sie den Mund und hören Sie zu!“, fauchte Ängström. „In den gleichen, in denen Sie denken, wenn Sie einem der Probanden eine Spritze setzen!“
„Aber das sind ...“
„Menschen. Zwar Verbrecher, Obdachlose, Asoziale, aber trotzdem Menschen. Also tun Sie nicht so, als wären Sie schockiert, dann sind Sie hier falsch. Hier geht es ums Geschäft, alles andere kann ich hier nicht gebrauchen und Ihr Genie hatte damals in der Sowjetunion ein paar tausend Tote auf dem Gewissen. Machen Sie weiter, Olaf.“
„Es ist mir ein ausgesprochenes Vergnügen. Der Rest ist sowie so kurz. Falls die beiden noch miteinander geredet haben, hat Borstchov vor seinem Ableben wohl vergessen, zu erwähnen, dass er einem der drei Probanden bereits eine Perverdrinspritze gesetzt hatte. Oldenburg wollte die drei armen Menschen retten, öffnete ihre Zellen und zündete dann das Labor an. Kurz davor oder danach hatte dann der eine Proband, der unter Perverdrin stand, seine kritische Phase erreicht. Ich erinner mich da ein ein Video, in dem in dieser Phase mal ein Pavian in eine Zelle mit einem solchen Typen gesteckt worden war. Von dem war hinterher nicht mehr viel übrig und ein Pavian nimmt es in freier Wildbahn mit einem Geparden auf. Oldenburg hatte also keine Chance, trotz seiner Pistole, die beiden anderen sowie so nicht und so sind sie alle, wenn auch nicht in Frieden, aber auf jeden Fall dahingegangen und das Feuer hat die Spuren verwischt, aus denen sich die Polizei hätte einen Reim machen können. Möge der Herr Oldenburg in Frieden ruhen. Hat er fein gemacht. Gibt es hier eigentlich auch etwas zu essen? Ich fühle mich ein wenig hungrig.“
Mikkelsen war der Einzige, der es schaffte, bei den letzten Sätzen Wielanders ein ungerührtes Gesicht zu zeigen. Selbst Ängström murmelte: „Sie sind krank, Olaf. Gehen Sie mal zum Arzt.“
Wielander feixte: „Wir haben ja einen hier. Wollen Sie mich untersuchen, Doktorchen? Aber keine Spritze geben, ja?“
Kreidebleich im Gesicht starrte Weinberg Wielander an. Mikkelsen brummte: „Hör auf, es reicht.“
„Tatsächlich.“ Ängström griff nach den Dokumentenmappen vor ihm und legte sie säuberlich auf einen Stapel. Dann fasste er sie mit beiden Händen, stieß ihre Rücken auf den Tisch, um sie zu begradigen, und legte sie peinlich genau auf Kante ausgerichtet, wieder vor sich hin. „Wir sind soweit fertig. Johannes, Holger – warum gehen Sie nicht schon hinunter und trinken etwas? Ich muss noch mit Ryland und Olaf ein paar organisatorische Dinge besprechen, das würde Sie nur langweilen.“
Die beiden Angesprochenen standen auf, Weinberg ging hinaus, Hakonsen blieb hinter seinem Stuhl stehen. „Was ist mit Johanna? Ich will wissen, was mit meiner Frau ist!“
„Darüber wollen wir gerade reden, Johannes. Wir werden sie finden, sei dir sicher.“
Ängström wendete sich Mikkelsen und Wielander an der anderen Seite des Tisches zu. Mikkelsen sagte: „Darauf können sie Gift nehmen. Ich habe da eine Menge Fragen: Wer sie ist, wo sie herkommt, wer sie geschickt hat -verdammt, alleine mit den Fragen könnte ich ein Buch schreiben. Ihre Antworten sollten dann besser eine Bibliothek füllen.“
„Wenn Sie sie gefunden haben, will ich der Erste sein, den Sie benachrichtigen!“
„Selbstverständlich, Johannes. Warum gehst du jetzt nicht etwas trinken? Du siehst aus, als könntest du es gebrauchen und mach bitte die Tür hinter dir zu, ja?“
Hakonsen ging tatsächlich hinaus, Ängström drehte sich auf seinem Stuhl herum und folgte ihm mit seinen Blicken. Erst als der Geologe die Tür hinter sich schloss, drehte er sich wieder herum.
„Er liebt sie doch nicht etwa?“ Wielander sah auf seine Uhr.
Ängström stand auf und knöpfte sein Sakko zu. „Johannes liebt nur Johannes und seine Spielzeuge. Johanna war eines davon, es hat nicht so funktioniert, wie er es wollte und das macht ihn fürchterlich wütend, auch wenn Sie es ihm nicht ansehen.“
„Was ist mit Ihnen? Sind Sie wütend?“ Mikkelsen erhob sich ebenfalls.
„Fragen Sie mich das noch einmal, nachdem Sie sie gefunden haben.“
„Das wird schwierig werden“, sinnierte Wielander. „Sie hat über viele Jahre allein gearbeitet, nie einen Fehler gemacht. Wir kenner weder ihr Ziel, noch ihren Auftraggeber, noch ihre Herkunft. Wir wissen gar nichts, außer, dass sie eine schöne, hochintelligente Frau ist und die Erde ist ziemlich groß für so jemanden, sich zu verstecken. Das wird uns noch Kopfzerbrechen bereiten.“
Ängström winkte ab. „Deswegen mache ich auch die Kopfarbeit und nicht Sie. Fangen sie in Deutschland an mit suchen. Bei dem Sohn von Oldenburg. Es muss da eine Verbindung zwischen den Dreien gegeben haben, davon bin ich überzeugt. Erst, wenn Sie da keine Spuren finden, weiten Sie die Suche aus. Fliegen Sie gleich morgen früh.“
„Falls wir sie finden ...“ Wielander fuhr sich mit dem Finger über die Nase, „... darf ich dann Hakonsens Lieblingsspielzeug kaputtmachen?“
„Nein.“ Ängström öffnete die Tür. „Sie dürfen mich davon in Kenntnis setzen, mehr nicht.“


Kapitel 13

Christian war erst gegen Morgen eingeschlafen. Es war wieder eine jener Nächte gewesen, die er seit Bad Saarow nur zu gut kannte, Gedanken und Gefühle waren in seinem Kopf herumgewirbelt wie in einer Waschmaschine im Schleudergang. Jetzt zog der Geruch von frisch gebrühtem Kaffee in seine Nase. Der Duft kam aus seiner alten Emailletasse auf seinem Arbeitstisch. Brauner Kaffeeschaum stand bis zu ihrem Rand, gerade so, dass er nicht überlief; gerade so, wie er es mochte und die Frage, wer sie da platziert hatte, stellte sich für ihn nicht wirklich. Höchstens, wie Johanna es geschafft hatte, ohne das er es bemerkt hatte. Bis jetzt war er davon ausgegangen, dass niemand an ihn herankam, ohne dass er es mitbekam.
Er trank den Kaffee aus, stand auf, öffnete das Fenster und atmete tief frische Luft ein, bis ihm schwindlig wurde. Dann ließ er sich nach vorne fallen und pumpte Liegestütze.
„Guten Morgen. Der Kaffee hat geschmeckt?“
Ein paar halbhohe schwarze Damenstiefel mit bestrumpften Beinen darin erschienen in seinem Sichtfeld und er hob den Kopf. Sie trug ein knielanges, kornblumenblaues Wollkleid, das ihre Figur umfloss, als wäre es ihr auf den Leib geschneidert, hatte eine Jacke in der gleichen Farbe wie das Kleid über den Arm gelegt und in ihren Haaren steckte eine Sonnenbrille mit großen, dunklen Gläsern. Wie gestern Abend duftete sie nach frischer Süße, Erde und dem Holz uralter Bäume und wieder war er sich sicher, diesen Duft schon einmal gerochen zu haben.
„Moin ... mit dem Anklopfen ... hast du es nicht so ... was?“, schnaufte er und machte weiter.
„Ich muss ein Telefongespräch führen. Begleitest du mich?“
„Schwerin ist nicht so groß ... dass man sich verlaufen kann ... oder nimm meins ... steht im Flur.“
„Nicht von hier.“
Er drückte sich hoch und warf ein Hemd über. „Kein Problem. Ich geh gleich duschen. Dann bist du ungestört.“
„Nicht von deinem Telefon,“ wiederholte sie.
Er knöpfte sich das Hemd zu und ließ sich Zeit mit einer Antwort. Sein Vater war Agent des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen und er hatte die Ausbildung eines Elitesoldaten. Ihr musste klar sein, dass sie nicht mit einem weltfremden Studenten sprach. Er erwiderte: „Auf meinem Tisch liegt ein Buch, das ich noch durcharbeiten muss.“
Sie reckte den Hals und blickte an ihm vorbei. „Raymond Chandler: ‚Lady in the Lake‘?“
„Ich wollte höflich sein.“
„Ehrlichkeit ist mir lieber.“
„Dann fang an damit.“
Kaum merklich zuckte sie ihre Schultern. „Sven wollte auf keinen Fall, dass ich diesen Anruf von hier aus mache. Er hat aus Oslo zweimal mit dem Mann telefoniert. Sein Name ist Bernard Müller.“
„In dem trüben Teich schwimmst du auch? Ich bin raus aus dem Geschäft. Egal, was mein Vater dir gesagt hat.“
„Und wenn man dir diese Wahl nicht lässt?“
„Sehe ich so aus, als würde ich mich noch einmal von anderen durch mein Leben schubsen lassen? Lad ihn doch zum Kaffee ein. Irgendwo habe ich noch Rattengift rumliegen.“
Einen Moment blickte sie ihn an, den Mund zusammengepresst, die Lippen gerade wie ein Strich und mit bleichem Gesicht, dann drehte sie sich um und ging. Sie schloss die Wohnungstür so leise hinter sich, als wäre sie hochzerbrechlich und auch auf der Treppe hörte er nicht einen Laut, als sie hinunterging. Er wusste, dass sie wiederkommen würde. Sie hatte ihre Tasche nicht mitgenommen.
Am Abend zuvor hatte sie ein erstaunliches Maß an Einfühlungsvermögen gezeigt, auch am Morgen hatte sie unter den ähnlichen Tassen im Küchenschrank genau die herausgefunden, die die Lieblingstasse von ihm war und körperlich war sie so fit wie er in seinen besten Zeiten, trotz ihrer sichtbaren Erschöpfung. Sie machte auf ihn nicht den Eindruck, als täte sie etwas Unüberlegtes. Das hieß, dass dieser Dialog so gelaufen war, wie sie es gewollt hatte und damit stellte sich die Frage, warum sie ihm nicht einfach gesagt hatte, dass sein Vater bis zu seinem Tod mit Müller zusammengearbeitet hatte.
Er ballte seine rechte Hand zur Faust und schaute sie an. Mit ihr hatte er seine zwei besten Freunde und ein Kind getötet. Vielleicht war er nicht schuld gewesen, vielleicht war er zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, vielleicht war er mit den falschen Leuten zusammen gewesen. Es waren zu viele ‚vielleicht‘, zu viele ‚falsch‘, die Verantwortung trug er trotzdem und er hatte nicht vor, sie sich noch einmal aufhalsen zu lassen.

Ein paar Minuten wartete er in seinem Arbeitszimmer, bis er sich sicher war, dass sie das Haus verlassen hatte, machte sich in der Küche ein paar Spiegeleier mit Schinken auf Toast und spülte das Geschirr ab. Dann ging er die Post holen. Zwei Briefe steckten im Kasten, einer von einer Rechtsanwaltskanzlei in Hamburg, der ungeöffnet in den Rundordner wanderte, für den anderen nahm er sich Zeit und eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank. Mit beidem zog er sich in sein Zimmer zurück und machte die Tür hinter sich zu.
Eine ganze Weile saß er an seinem Schreibtisch, nahm ab und zu einen Schluck und erst, als die Flasche leer war, griff er nach dem Brieföffner. Es war ein schönes Stück, geformt wie ein mittelalterlicher Ringknaufdolch mit Intarsien aus Perlmutt und einer stumpfen Edelstahlklinge. Bedächtig schob er sie unter den Papierfalz des Umschlages und öffnete den Brief. Ein einziges Blatt fiel heraus, auf einer Schreibmaschine waren außer dem Kopf nur weitere fünf Zeilen beschrieben. Er las nur die Erste. Betreff stand da und dahinter: Ablehnung Ihres Antrags auf Fördermittel.
Eine ganze Weile betrachtete er das Blatt, ohne es wirklich zu sehen und wahrscheinlich hätte er noch lange so da gesessen, wenn ihn nicht das Geräusch der sich öffnenden Wohnungstür aus dem Grübeln gerissen hätte. Er stand auf, heftete das Blatt mit einer Reißzwecke an die Tür, nahm im Zurückgehen den Brieföffner vom Tisch und ging zum Fenster. Zweimal ließ er ihn auf seiner Handfläche kreisen, dann warf er ihn und mit einem Krachen, das durch die ganze Wohnung zu hören sein musste, schlug die Spitze des Brieföffners in der Mitte des nur daumennagelgroßen Logos der Universität auf dem Brief ein.
Johanna riss die Tür auf: „Ist etwas passiert?“
„Der Brieföffner ist mir aus der Hand gefallen.“
„Brieföffner? Hörte sich wie eine Lanze aus der Steinzeit an.“ Sie blickte um die Tür herum. Die Klinge zitterte immer noch im Holz, als wüsste sie nicht wohin mit der Energie, mit der sie geschleudert worden war. „Mitten im Logo. Damit solltest du im Zirkus auftreten. Geht es dir gut?“
„Ging mir nie besser.“
Sie schloss die Tür, öffnete sie gleich noch einmal und sagte mit dem Kopf zwischen Tür und Angel: „Du bist anders, als Sven erzählt hat.“
„Menschen sind immer anders. Passen in keine Schablone.“
„Auch die, die nach deiner Meinung in einem trüben Teich schwimmen?“
Er fischte hinter sich nach einem Gegenstand zum Werfen, ertastete irgendetwas, aber bevor er ausholen konnte, war sie mit einem winzigen Lächeln im Gesicht verschwunden. Es hatte nicht ausgesehen, als hätte sie viel Übung darin.
Er legte sich auf die Couch, griff nach dem Chandler und blätterte seine liebsten Szenen durch. Er hätte es nicht tun müssen, das Buch hatte er Wort für Wort im Kopf, aber es war eine gute Ablenkung für seine Gedanken.

Er hörte, wie die Tür aufging und dann eine Stimme: „Du warst so zornig vorhin und dabei wollte ich dich nicht verletzen. Ich möchte ein wenig ... plaudern. Oder ist es das falsche Wort im Deutschen?“
Es war eine schöne Stimme. Deutliche, fast ein wenig überbetonte Vokale, ein dunkler Samthandschuh, der die Seele streichelt ...
Er brauchte einen Moment, bis er wach wurde. Es dunkelte schon draußen und Johanna stand in seiner Tür. Er war eingeschlafen und sie hatte sie so leise geöffnet, dass er es nur im Unterbewusstsein mitbekommen hatte. Wie heute Morgen, als sie ihm den Kaffee hingestellt hatte, war sie ohne Anklopfen hereingekommen. Mit Höflichkeit hielt sie sich nicht auf und ihm war es recht.
Er richtete sich auf und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. „Plaudern tut man, wenn man seine Zeit gerne mit jemandem verbringt. Meinst du, dass das auf uns zutrifft?“
Ein paar Fältchen bildeten sich um ihre Augen, obwohl sie fast amüsiert wirkte und so klang auch ihre Stimme: „Dass du dich nicht magst, habe ich schon verstanden, aber mit wem ich gerne meine Zeit verbringe, überlässt du bitte mir, ja?“
„Ist das der Grund, warum du zurückgekommen bist?“
„Das ich dich mögen könnte? Oh Gott, wovon träumst du nachts?“
Ein leichtes Pochen meldete sich hinter seinen Schläfen, er rieb sich die Nasenwurzel. „Von aufgedunsenen Wasserleichen. Willst du Details?“
„Nein. Höchstens, ob du wirklich so kalt und herzlos bist, wie du tust.“
„Das geht dich einen ...“ Er unterbrach sich. Noch im Mittelalter hatte man die Überbringer schlechter Nachrichten geköpft und er benahm sich ihr gegenüber nicht viel besser. Er wusste weder, wie sein Vater umgekommen war, noch ob sie daran eine Mitschuld trug, behandelte sie aber so. Vielleicht hatte sie ihn ja nur schützen wollen, als sie Müller die Nachricht vom Tod seines Vaters übermittelt hatte. Falls das der Grund für das Telefongespräch vorhin gewesen war. Vielleicht war sie tatsächlich auf der Flucht, vielleicht brauchte sie tatsächlich seine Hilfe ... So viele „Vielleicht“, schon wieder ...
„Also gut“, sagte er schließlich. „Sehen wir, ob uns Plaudern weiter bringt. Ich bin manchmal ein bisschen ...“, ihm fiel das passende Wort nicht ein.
„... sperrig?“, half sie ihm.
„Hm ...“, brummte er.
„Ich nehme das einmal als Entschuldigung. Das hört sich eher nach dem Mann an, von dem mir Sven erzählt hat.“ Sie kreuzte die Arme unter ihren Brüsten. „Ich habe ihn auf einer Antarktisexpedition kennengelernt. Ich war die Ärztin dabei. Davor habe ich in Oslo an der Weiterentwicklung von X-44 mitgearbeitet, dem Gift, mit dem du in der Ostsee in Kontakt gekommen bist.“
Sie machte eine Pause, als erwartete sie, dass er etwas sagte, doch er blickte sie nur stumm an. Auf einen Schlag war er hellwach und konzentriert. So viel zum Thema nur plaudern, dachte er.
Sie zuckte die Schultern und fuhr fort: „Sven hatte den Auftrag, herauszufinden, was in diesem Labor geschieht. Ich konnte es ihm sagen und war auch die, die ihm den Zutritt dazu verschafft hat. Müller wollte, dass er die Forschungsergebnisse stiehlt, doch Sven wollte sie vernichten und hat das Labor niedergebrannt. Etwas ist dabei schief gegangen, ich habe drei Wochen auf ihn gewartet, aber er ist nicht wiedergekommen. Dann habe ich erfahren, dass alle im Labor umgekommen sind, Sven selbst auch und ich habe daraufhin das getan, was er mir für diesen Fall gesagt hat: Zu dir fliehen.“
„Zu mir, hm?“ Er rutschte von der Wand nach vorne, fischte nach seinen Schlappen auf dem Boden, schlüpfte hinein und setze sich auf die Kante der Couch. Er war zu lange manipuliert worden, um nicht zu erkennen, dass es gerade wieder jemand versuchte. Die Frage war nur wer. Johanna stand vor ihm, sein Vater war tot und der Einzige aus diesem Dunstkreis, den er noch kannte, war Bernard Müller.
„Zu mir hat er dich geschickt?“, wiederholte er. „Irgendwie kann ich das nicht glauben. Auch wenn er nie da war, wenn ich dachte, ich brauchte ihn am dringendsten; wenn er mich auch nie verstanden hat und mich für einen lebensuntüchtigen Phantasten gehalten hat, war er doch ...“, er schluckte, dann fuhr er fort: „... mein Vater. Er hätte dich eher auf die andere Seite der Erdkugel geschickt als zu mir, weil er genau wusste, dass ich ausgestiegen bin. Reden wir hier über den gleichen Mann oder ist mir da gerade etwas entgangen?“
„Ist es tatsächlich. Aber nicht jetzt, sondern schon vor über zwei Jahren.“
Ein Geräusch am Fenster ließ ihn herumfahren. Es war nicht laut gewesen, aber stark genug, dass sein Unterbewusstsein es als unnatürlich klassifiziert hatte. Er hinkte zum Fenster, sah sich das Glas an, dann öffnete er die Flügel und schaute hinaus. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und in dem Schummerlicht war nichts Ungewöhnliches zu sehen. Achselzuckend schloss er das Fenster wieder. Sein Arbeitszimmer befand sich in der Nordostecke des Hauses und auf der Rückseite war vor einigen Wochen ein Baugerüst aufgestellt worden. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Kinder darauf herumkletterten.
Er hinkte zu dem Stuhl vor seinem Schreibtisch, ließ sich auf die Sitzfläche fallen und sagte: „Dann klär mich auf.“
„Als du aufgewacht bist, damals, in Bad Saarow, hast du etwas Ungewöhnliches bemerkt. Da war ein Sinneseindruck, und du hast Sven danach gefragt. Erinnere dich.“
Es war etwas Suggestives in ihrer Stimme und es zwang ihn zurück in der Zeit. Schmerz war der erste Eindruck gewesen, dann die Stimme seines Vaters, dass Gefühl der Sorge und da war noch etwas gewesen ... Er schloss die Augen und das lausige Zimmer erschien wieder vor ihm, er sah wieder das Gitter vor dem Fenster, roch Urin, kaltes Essen, Desinfektionsmittel. An seinem Vater war etwas gewesen, etwas Ungewöhnliches, ein Geruch nach frischer Süße, nach uralten, aber immer noch kräftigen Bäumen und ihrer Rinde ... der gleiche Geruch, den er ... jetzt? Gegen seinen Willen sog er den Duft ihres Parfüms ein.
„Sandelholz. Ich nehme nie etwas anderes.“ Ihre Stimme war so sanft, wie in dem Moment, in dem sie ihn aus dem Schlaf geweckt hatte. „Hast du dich nie gefragt, warum du ein Gift überleben konntest, das auch in der kleinsten Dosis absolut tödlich ist?“
Sie hätte blind sein müssen, um nicht das ‚Warum‘ in seinem Gesicht zu sehen.
War sie nicht. Sie lachte. „Dafür ist es noch zu früh. Wir Frauen haben gerne unsere kleinen Geheimnisse. Ich bin hungrig. Magst du mit mir zu Abend essen? Als du geschlafen hast, habe ich Königsberger Klopse gemacht.“
„Das ist mein ...“ Er brach mitten im Satz ab.
„Dein Lieblingsgericht, ich weiß. Genau wie ich auch weiß, dass es die Stufen sieben, dreizehn, vierundzwanzig und achtundvierzig sind, die immer knarren, egal wie vorsichtig man darauf tritt.“
Sie verließ ihre Position in der Tür, kam zu seinem Schreibtisch und beugte sich zu ihm herab, bis ihr Gesicht nur noch Zentimeter von seinem entfernt war. „Du weißt, wie misstrauisch dein Vater gegenüber jedermann war, vielleicht sogar noch misstrauischer gegenüber Frauen wegen dieser Kerstin Wendt. Trotzdem hat er mir alles über den Menschen erzählt, den er geliebt hat – über dich. Er hat mir vertraut. Ist es nicht Zeit, dass du es auch tust?“
Er stand auf, hinein in ihren Duft. „Wenn du nicht mehr auf jede Frage eine vorbereitete Antwort hast. Wenn du mich nicht mehr in eine bestimmte Richtung lenken willst. Wenn du mir sagst, wer diese Johanna ist, die mir da ins Haus geschneit ist und was sie wirklich von mir will. Ich denke, ein Abendessen wäre da ein guter Anfang.“
Vertrauen ist ein Gefühl. Man kann es nicht nach Belieben an oder ausschalten. Er war auf Misstrauen gepolt, seit er denken konnte, selbst seinem Vater gegenüber. Vielleicht war es tatsächlich Zeit für ihn, dem ein Ende zu machen. Ein Leben ohne Vertrauen ist ein armes Leben.
- 14 -

„Er hätte mich fast erwischt.“ Grinsend ließ sich Wielander auf den Beifahrersitz fallen. „Aber nur fast. Du hattest recht, vom Baugerüst kommt man an die Fenster heran. Ich habe eine Wanze an das Glas geklebt, sollte reichen, dass wir mitkriegen, was sie da reden. Leider nur Schlafstube und Arbeitszimmer. Johanna schläft wahrscheinlich da, er auf seiner Couch im Arbeitszimmer, da lag noch Bettzeug. Gequatscht haben sie auch in seinem Zimmer. Jetzt gehen sie in die Küche, an die bin ich nicht herangekommen.“
Sie hatten nicht gedacht, dass es so einfach sein würde. Eine bessere Idee als Ängström hatten sie auch nicht gehabt und deshalb tatsächlich hier mit der Suche begonnen. Vom Hamburger Flughafen waren sie mit einem Mietwagen hier her gefahren und hatten gerade noch gesehen, wie Johanna im Eingang des Hauses mit der Nummer 13 verschwunden war. Daraufhin hatten sie den Wagen in der Fritz-Reuter-Straße an der Ecke zur Sandstraße geparkt, so, dass sie vom Fahrersitz gerade noch das dunkle Küchenfenster im vierten Stock sehen konnten. Als es dunkel geworden war, hatte Wielander sich das Haus angesehen und war dann auf das Baugerüst an der Rückseite geklettert.
Er machte die Abhörausrüstung klar und sagte dabei: „Irgendwie gefällt mir das nicht. Sie serviert uns sich und den Jungen auf dem Silbertablett. Es ist zu einfach. Wenn sogar Ängström auf die Idee kommt, sie hier zu suchen, muss ihr das doch auch klar gewesen sein. Sind wir sicher, dass wir nichts übersehen haben?“
„Das werde ich in ein paar Stunden wissen.“ Mikkelsen zog den Reißverschluss seiner Jacke zu. „Du machst die erste Schicht.“
Er stieg aus und ging zum Obotritenring. Knapp fünfhundert Meter weiter war da eine Taxihaltestelle. Er stieg in den ersten Wagen der Schlange und las dem Fahrer von einem Zettel vor: „Stasi-Unterlagen-Archiv Leezen, please!“

Die Klopse waren nicht wirklich gut gewesen, doch er hatte es kaum mitbekommen. Johanna hatte während des Abendessens und auch noch danach von der Antarktisexpedition erzählt; warum sie sich mit Sven auf dem Rückmarsch abgesetzt hatte und wie er gestorben war. Darüber waren nicht nur die Klopse alle geworden, sondern auch zwei Flaschen Rotwein leer und er ahnte, dass er es bereuen würde. Er nahm noch immer Medikamente, von denen er zwar wusste, dass sie ihm zusammen mit seiner Lieblingsnahrung Bier keine Probleme machten, aber bei Rotwein war er sich da nicht so sicher.
Das ‚Warum‘, das im Arbeitszimmer in seinem Kopf aufgeleuchtet hatte, hatte jede Menge Kinder bekommen, während sie erzählt hatte und weil er nicht wusste, welches davon er zuerst zu Wort kommen lassen sollte, entschied er sich für das, welches zuerst geschrien hatte: „Warum hast du mir das Leben gerettet? Dein Auftrag war ein anderer, das, was du wolltest auch.“
„Wäre das ‚Wie‘ nicht interessanter?“
„Nur, wenn du um das ‚Warum‘ herumkommen willst.“
„Vielleicht kann ich es nicht?“ Sie drehte das Weinglas am Stiel zwischen Daumen und zwei Fingern, als wollte sie Zeit gewinnen. Es war immer noch ihr erstes und immer noch nicht leer. „Ich bin mir darüber selbst nicht ganz im Klaren. Weil ich Ärztin bin und es meine Aufgabe ist, Leben zu retten? Weil sich in dem Moment, als ich deine Haut berührte, alles geändert hat und ich es immer noch nicht verstehe? All das wäre wahr und auch wieder nicht. Ich habe nicht viel Erfahrung mit Männern, weißt du?“
„Was hat das damit zu tun? Du bist verheiratet ...“
„Ach, das ... er war mein erster und einziger Mann und so richtig ... ich habe ein bisschen Angst, dass du das nicht verstehst. Ich verstehe es selbst nicht. Es war ... “, sie hob das Weinglas vor ihre Augen und blickte hinein, als wäre es ein Orakel, „... so nicht vorgesehen, fürchte ich.“
„Wie war es denn vorgesehen?“
Eine Falte furchte ihre hohe Stirn. Sie rang um Worte und ihm schien, als säße er einer anderen Johanna gegenüber. Die, die während des Essens erzählt hatte, hatte nicht gezweifelt, hatte geredet und alles hatte eine kausale Abfolge ergeben. Sie war logisch gewesen und hatte ihn verstehen lassen, dass sein Vater gar nicht hatte anders handeln können. Perverdrin war anders als jede bekannte Waffe, jedes bekannte Gift und Orstchov hatte noch eine Option hinzugefügt: Die Opfer wurden auf denjenigen geprägt, der ihnen das Gift verabreichte. Wie ein Küken, dass die Augen aufschlägt und für immer auf das erste Lebewesen geeicht ist, dass es erblickt. Es war pervers und Perverdrin der durchaus passende Name.
Sie verbarg ihre Augen noch immer hinter dem Weinglas. „Hast du schon einmal das Gefühl gehabt, eine Marionette zu sein? An Fäden zu hängen, die du nicht sehen kannst? Genau so wenig wie den, der sie lenkt? Eine hochintelligente Maschine, in die jemand ein Programm geladen hat und egal, was du auch tust, was du auch selbst willst, du must es ausführen und kannst nichts dagegen machen? Dass du wissen würdest, was heute Nacht passiert, morgen, in zehn, ja sogar in dreißig Jahren, weil es so in deinem Programm steht? Und du könntest nichts dagegen tun, denn wenn du es jemandem erzählst, würde es nicht mehr passieren und es müsste doch geschehen, selbst um den bittersten, unvorstellbarsten Preis?“
„Was wird denn heute Nacht geschehen?“ Es war der Wein, der ihn das sagen ließ, bevor er darüber nachgedacht hatte. „Entschuldige“, setzte er sofort hinzu. „Du wirkst verunsichert. Vielleicht liegt es daran, was du alles mitgemacht hast; weißt nicht, wo du hin sollst; bist in der Fremde und allein. Das ist verdammt hart.“
Wenn es stimmt, hätte er fast hinzugesetzt, aber er schluckte die drei Worte noch rechtzeitig hinunter. Er hatte ihr einen Vertrauensvorschuss versprochen und er wusste, dass nur das, was geschah, zeigen konnte, ob einen damit Fehler gemacht hatte. Stattdessen sagte er: „Das Gefühl mit den Fäden hat wohl jeder irgendwann mal. Während der Armee kannte ich das auch, aber ich wusste wenigstens immer, wer die Fäden hält.“
„Wusstest du nicht.“
„Aber sicher doch. Es gibt keine anonymen Befehle. Die würden nicht ausgeführt werden.“
Mit einem harten Ruck setzte sie das Weinglas ab. Jede Nachdenklichkeit verschwand aus ihrer Stimme und kristallklar sagte sie: „Nein. Du weißt es nicht. Die drei Jungen, die dich damals bis zur Weißglut gereizt haben, hatte Müller auf dich gehetzt. Dein Vater hat es dir nie gesagt. Er wollte dich vor dir selbst schützen. Müller hat immer deine Fäden in der Hand gehabt. Von ihm ist das Geld für dich gekommen und auch die Medikamente, dein Vater hat es von ihm verlangt, sonst hätte er Müllers Auftrag nicht ausgeführt. Jetzt will Müller dafür die Forschungsergebnisse haben. Jeder wird sie haben wollen, wenn er davon wüsste. Sie sind Millionen, wenn nicht sogar Milliarden wert. Ich habe insgeheim an einem Gegenmittel geforscht, doch ich konnte es nur an mir auf Verträglichkeit testen, nicht, ob es auch gegen Perverdrin wirkt. Dazu hätte ich es mir selbst spritzen müssen. Ich habe es überlebt und als ich dir Blut von mir injiziert habe, hat es dich retten können. Aber für wie lange? Wenn Ängström und Hakonsen das herausbekommen, werden sie dich rund um die Welt jagen, denn sie werden vermuten, dass es auch ein Mittel gegen Perverdrin ist und du der Schlüssel dazu. Allerdings ist Perverdrin viel weiter fortgeschritten als X-44, aber das Gegenmittel in dir kann die Wirkung vielleicht wenigstens abschwächen. Es tut mir so leid, wirklich ...“
Jetzt war er es, der schwieg. Er hätte eintausend Fragen stellen müssen und hätte doch nichts weiter als ihre Antworten gehabt, wenn sie ihm denn überhaupt noch welche gegeben hätte und diesen Eindruck machte sie gerade nicht. Sie wirkte ausgelaugt, als hätte das, was sie gesagt hatte, sie völlig erschöpft. Die Frage für ihn war nicht, wie er diese Fäden zerreißen sollte, die ihn mit seinem alten Leben und mit Bernard Müller verbanden – das würde sich finden, im Zerreißen von irgendetwas war er schon immer gut gewesen. Die Frage war auch nicht, ob er ihr glaubte oder nicht – auch das würde die Zukunft zeigen. Die wirkliche Frage für ihn war, ob er nicht den Teufel mit dem Beelzebub austrieb und Johanna seine Fäden in die Hand gab.
Er sagte: „Es gibt keinen Grund, dass dir etwas leidtun müsste. Nicht alles hat mir geschmeckt, aber das Essen schon. Ohne dein Eingreifen damals würden wir uns jetzt nicht unterhalten. Sieht zwar so aus, als hätte das noch mehr Konsequenzen gehabt, aber mit denen muss ich klar kommen, nicht du. Falls du dir deswegen Vorwürfe machst – lass es. Ich bin erwachsen und kann alleine aufs Klo gehen.“
„Was hast du jetzt vor?“
„Die Küche aufräumen, das Rattengift suchen, den Baseballschläger bereitlegen und dann schlafen gehen.“
Wie gestern Abend berührte sie ihn mit einem Finger auf dem Handrücken. „Du bist zornig.“
„Nein. Oder ja, bin ich. Aber nicht auf dich. Statt uns über uns zu unterhalten, reden wir über die schlimme Welt da draußen und was sie uns antut. Weder ist die Welt böse – das sind nur einige von denen, die auf ihr rumtrampeln – noch gehört sie hier rein und die Leute, über die du geredet hast, schon gar nicht an meinen Tisch. Ich konnte es aber nicht verhindern und das macht mich zornig. Viel lieber hätte ich einfach nur mit meinem Gast geredet.“
„Ich heiße Johanna. Hast du ein Problem damit, dass ich eine Frau bin? Oder war das ‚Du‘ dir schon zu nahe?“
„War es, ganz sicher, aber es hat nichts mit dir zu tun. Ich hasse es, jemanden unter meine Haut zu lassen. Tatsächlich bin ich zornig genug, das zu sagen. Lass es uns also lieber nicht vertiefen.“
Mit beiden Händen strich sie die Serviette glatt, die er nicht benutzt hatte und drehte das Messer ein paar Mal hin und her, dann sah sie ihn an. „Danke.“
„Wofür?“
„Dass du für eine Minute du selbst warst.“
Er zuckte die Schultern. „Ich kann manchmal ziemlich biestig sein.“
„Nein, gar nicht. Authentisch.“
Ein wenig zögernd, erhob sie sich. „Dann gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Er blickte ihr nach, bis die Schlafzimmertür den Klang ihrer Schritte verschluckte. Sie war weder blond, noch superschlank und die Art, wie sie sich präsentierte, von einer kühlen Selbstsicherheit, der auch die Momente, an denen sie zweifelte, nichts hatten anhaben können. Er wusste nicht, was zwischen ihr und seinem Vater gewesen war, aber wenn doch, hatten sie zueinander gepasst. Sie wäre eine Frau auf Augenhöhe gewesen, jemand, der sich nicht von Major a.D. Oldenburg die Butter vom Brot hätte nehmen lassen.


Wird fortgesetzt
 

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