III Werke
12 Was vom Tage übrig blieb
Ob man das Buch gelesen hat von Kazuo Ishiguro (1989), oder die superbe Verfilmung von James Ivory (1993) mit Anthony Hopkins und Emma Thompson gesehen hat, es ist eine beeindruckende Geschichte, langsam erzählt, mit viel Platz für eigene Gedanken.
Die Geschichte ist leicht erzählt. Der Butler Stevens wirkt auf Darlington Hall in Südengland. Der zweite Weltkrieg ist seit neun Jahren zu Ende, der alte Lord seit drei Jahren tot; nun besitzt ein reicher Amerikaner Darlington Hall; das Personal ist reduziert, die Zeit der gesellschaftlichen und politischen Bedeutung ist nicht nur dort vorbei, die Stellung des Butlers eine pittoreske Reminiszenz, die sich nur noch reiche Amerikaner leisten können. Aber auch daran will sich Stevens anpassen, das entspricht seinem seine gesamte Person umfassendes Credo, dass er nur allein mit sich Nicht-Butler sein könne und seine Wertigkeit sich in der Qualität seines Dienstes und der Bedeutung desjenigen liege, dem er dient.
Diese Reflexionen darüber, was einen ‚großen Butler‘ ausmache und welchen Anteil daran die Haltung seines Herren daran habe, führt in die Vergangenheit.
Im Jahr 1923 beginnt eine Reihe von Geheimgesprächen und -verhandlungen in unterschiedlicher Besetzung an Akteuren, die auf Einladung Lord Darlingtons darüber sprechen und Einfluss ausüben sollen auf die aktuelle Politik der Siegermächte gegenüber dem besiegten deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik. Lord Darlington ist erschüttert über die Zustände in Deutschland, das unter dem Druck der Reparationen nicht wieder auf die Beine kommt. Es widerspricht seinem Ethos als Gentleman, einen darniederliegenden Besiegten noch mit Füßen zu treten. Im Laufe der Jahre wird aus diesem edlen Handlungsimpuls – auch unter dem vorübergehenden Einfluss englischer faschistischer und auch antisemitischer Organisationen - und am Ende mit Hitlers deutschem Botschafter von Ribbentrop und dem englischen Außenminister eine ‚Verschwörung‘ daraus, die aufgedeckt und Lord Darlingtons Ruf ruinieren wird.
Und mittendrin dieser Butler, der mit seiner Hingabe den reibungslosen Ablauf von Konferenzen und Geheimtreffen organisiert und beaufsichtigt. An dem Tag, als von Ribbentrop und der britischen Außenminister sich zu einem Geheimtreffen in Darlington Hall zusammenfinden, empfindet Stevens seinen größten Triumph, ganz nah zu sein an der Nabe des Rades, mit der die Welt sich dreht.
Aber es geht auch um eine nicht stattgefundene Liebesgeschichte. 1956 geht Stevens auf eine kleine Reise, um eine ehemalige Hauswirtschafterin zu fragen, ob sie wieder zurückzukehren beabsichtige, nachdem sie vor zwanzig Jahren das Haus für ihre Heirat verlassen hatte. In einem Brief hatte sie den Eindruck erweckt, dass sie nicht glücklich sei.
Auf dieser mehrtägigen Reise geht er in Gedanken nicht nur diesen letzten Brief durch, ob er den denn richtig interpretiere, sondern die verschiedenen durchaus auch konfliktreichen Begegnungen mit der damaligen Miss Kenton. Wie bei dem Versuch, am Morgen seine Träume zu erinnern, ruft er sich Begegnungen und Gespräche in Erinnerung und weiß letztlich nicht mehr, was genau passierte, unfähig, zwischenmenschliche Codes zu entschlüsseln, unfähig, seine gewählte Rolle zu verlassen oder auch nur durchlässig zu machen.
Den Film sah ich damals bei Erscheinen; mein Fokus lag auf der hervorragenden Darstellung des Butlers und das in meiner Generation vertraute Zusammenspiel von Pflichterfüllung und individuellem Selbstausdruck. Heute wäre für mich ‚Selbstwert‘ das Thema: Wodurch erlangen und behalten wir es? Aber natürlich hat dieser Stoff auch eine politische und historische Perspektive, die mich aber damals wie heute nicht so sehr interessiert, obwohl es erschreckende Parallelen zu heute gibt, zum Beispiel bei der Hinterfragung der Demokratie und ob es nicht Zeiten gäbe, in denen starke Führer und autokratische Strukturen zu bevorzugen, ja notwendig sein könnten.
Bevor ich den Text aufnahm, las ich das Vorwort von Salman Rushdie, ein sicher auch sehr zu schätzender Autor; aber ich las das Vorwort nicht so gerne. Es entstand der Eindruck, dass sich jemand nicht offen einem Gegenstand der Betrachtung näherte, sondern schon einen Eindruck reproduziert, eher von sich selbst spricht.
Etwas störte mich besonders: Die Bemerkung, dass politische Großereignisse in ‚Was vom Tage übrig blieb‘ – die Suezkrise 1956 – keine Erwähnung fände wie schon in einem früheren Werk ‚Damals in Nagasaki‘ von der Bombe kaum die Rede sei.
Das scheint mir doch recht schwach: Ein Autor tadelt einen Autor, weil der nicht schrieb, worüber er nicht schreiben wollte?
Auch an anderer Stelle merke ich auf – die Person des Lord Darlington sei im Film beschönigt worden im Gegensatz zum Buch; er würde eher wie ein Narr denn wie ein Schurke dargestellt. Mitnichten wird Lord Darlington anders als im Film dargestellt und hier ist es Rushdies Urteil, das den Blick auf etwas sehr Wirkmächtiges im Buch verstellt: Der Autor urteilt eben nicht, er erzählt die inneren Dramen, wobei beim Butler Stevens nicht einmal klar ist, ob er sich seines Dramas wirklich bewusst ist – und ob man es ihm wünschen sollte, dass er sich dessen bewusst wird – und ob es nicht Schwäche und Stärke zugleich ist, so weiter machen zu können wie er es dann tut. Der Einwand ist auch deshalb nicht berechtigt, weil Buch und Film ein anderes Zeitfenster haben: Während der Film auf Mitte der Dreißiger Jahre fokussiert, beginnt die Geschichte der Großen Politik im Buch im Jahr 1923. Das legt den Verdacht nahe, dass Rushdie, dessen Vorwort von 2012 stammt, eher den Film gesehen oder erinnert als das Buch gelesen hat.
Wer das Buch oder den Film noch nicht kennt: Beides unbedingt empfehlenswert!
Aus heutiger Sicht und dem gesellschaftlichen Fokus auf ‚Haltung zeigen‘ – wobei das Zeigen wichtiger geworden zu sein scheint als die Haltung selbst – ist es geradezu wohltuend, wie es dem Leser selbst überlassen wird, aus den dramatischen Entwicklungen beteiligter Akteure seinen Schluss zu ziehen.
Ich habe keine ‚Schurken‘ und keine ‚Narren‘ gesehen. Im Gegenteil sind das völlig unzureichende Kriterien, um ein Leben zu beurteilen oder bestimmte Handlungen. Es sind die Summen aus den Handlungen in der Gemengelage von persönlichen Ambitionen und den historisch relevanten politischen Entwicklungen, die das Skript schreiben.
Die Knackpunkte sehen wir nur bei anderen und aus der Rückblende. Das Buch kann daran erinnern, dass wir alle diesen Limitierungen unterworfen sind und bei aller Fähigkeit zur rationalen Antizipierung nicht davor gefeit sind, ‚am Ende des Tages‘ feststellen zu müssen, dass zu wenig übrig blieb und wir einen Gutteil davon verschwendet haben.