Balladen und Moritaten - Kritiken und Wertungen

5,00 Stern(e) 1 Stimme

Didi Costaire

Mitglied
Weiter geht's...


James Blond: Am Himmelssee (Ballade)
Eine unterhaltsames und lehrreiches Märchen in Balladenform, meiner Meinung nach auch nicht zu lang. Die Zeilen fließen flüssig dahin; was nicht passt, wird relativ elegant passend gemacht (Augenäpfel, Schufte). Nur die Bioglyphen wirken verdammt wissenschaftlich.
Formtreue: 2,0
Originalität und Kreativität: 2,5
Sprachliche Gestaltung: 2,5

Oscarchen: Richtige Auswahl (Moritat)
Eine Geschichte, die beginnt, als wäre sie aus dem Leben gegriffen, um dann völlig abzudrehen. Herrlicher Trash also, bloß die Splatter-Strophe hast du ausgelassen. Unterhaltsame Lektüre; meine Favoriten sind das Scheitern beim Wasserkochen und die 2,03 m.
Formtreue: 2,0
Originalität und Kreativität: 2,7
Sprachliche Gestaltung: 2,0

Joe Fliederstein: Ballade vom Franz
Eine kühl-distanzierte und zugleich (abgesehen vom Schlussreim rein/ herein) versierte und originelle Umschreibung, die dem Leser viel Freiheit gibt, sich die Handlung auszumalen. Das hat einen speziellen Reiz.
Formtreue: 2,0
Originalität und Kreativität: 2,5
Sprachliche Gestaltung: 2,5
 
Didi Costaire – Wenn’s bei Reimers zweimal klingelt (Ballade)

Ganz offen: Das verstehe ich nicht. DC weiß, dass er da keine Ballade geschrieben hat. Nach der Beurteilung seines ersten Eintrags muss er es wissen. Und dann kommt er mit einer endlosen Schütelreimrei, die keine Geschichte erzählt, die allenfalls einen Zustand beschreibt, die hin und wieder ganz witzig ausfällt und hin und wieder ziemlich gequält daherkommt. Warum? Keine Ahnung. Ich kann diese Arbeit nicht wirklich beurteilen – nicht im Zusammenhang mit dem Wettbewerb. Meine Bewertung fällt willkürlich aus.

Formtreue: 1,0
Originalität und Kreativität: 1,5
Sprachliche Gestaltung: 2,0
 

Oscarchen

Mitglied
Didi Costaire: Wenn`s bei Reimers zweimal klingelt (Ballade)

Ja, ich muss da Joe uneingeschränkt zustimmen. Wie muss ich grübeln und basteln, um annähernd der betreffenden Formvorgabe gerecht zu werden!
Didis Werk ist eine schwungvolle Wortspielerei, die mich über kleine Schwächen hinwegsehen lässt. Im Großen und Ganzen sauber getextet.

Formtreue: 1,0
Originalität und Kreativität: 1,8
Sprachliche Gestaltung: 2,4
 

Didi Costaire

Mitglied
Oscarchen: Glückliche Fügung (Ballade)
Die Fußballballade an sich ist geglückt, und wenn man bedenkt, wie der Holsten Sauf Verein noch heute unter dem Hoyzer-Trauma leidet, sind Alkohol und Schiebung stete Begleiter dieses Sports. Das Vokabular passt abgesehen von der bunten Beflockung zum guten alten Arbeiterkampfstil Seelerscher Prägung, insgesamt wirkt das sprachliche Niveau der Verse aber nicht ganz erstklassig. Die Art der Spielmanipulation durch den Parteiischen erscheint gleichermaßen originell wie abwegig.
Formtreue: 2,0
Originalität und Kreativität: 2,2
Sprachliche Gestaltung: 1,3
 
Oscarchen: Glückliche Fügung (Ballade)

Um es ganz schlicht zu sagen: Ich hab mit Fußball nix am Hut, ich kann nicht beurteilen, ob das Tor gezählt werden durfte. Ein originelles Tor, keine Frage, und der gesunde Menschenverstand sagt mir, der Schiri hätte tot sein müssen: Gewaltschuss an seine Schläfe, der Ball prallt ab und ab ins Tor. Ich nehme es einfach hin, dass sowas geht. Jedenfalls in einer Fußballballade. Die Schilderungen der letzten zwei Minuten, man hört die Uhr ticken, die Herrschaftn pinkeln unter die Bank, um nichts zu verpassen, ich nehme zur Kenntnis: Fußball ist so, Fans sind so, und das Tor zählt.

Formtreue: 2,5
Originalität und Kreativität: 2,5
Sprachliche Gestaltung: 2,0
 
Oscarchen: Unbelehrbar (Ballade)

Das ist eine philosophische Betrachtung in sechs perfekt gereimten Strophen. Eine Ballade ist dieses Gedicht nicht. Ich habe versucht, es als überzeitliche Ballade von der Zugrunderichtung der Welt durch den Menschen zu sehen, dafür läuft der Text nach meiner Einschätzung zu glatt, zu undramatisch. Auch stört mich der Moralist hinter den Strophen, die eine Ballade zusammenhalten sollen, die mich aber eher an die Resignation des Barock-Dichters Andreas Gryphius erinnern. Und ich vermisse Oscarchens Humor, der, bespielsweise in der Mitte des Textes platziert, zu all dem «Ungemach» der Betrachtung eine heitere Episode hätte entstehen lassen können. So wärs dann, kontrastierend, vielleicht doch eine Ballade geworden.

Formtreue: 1,0
Originalität und Kreativität: 2,0
Sprachliche Gestaltung: 2,5
 

Oscarchen

Mitglied
Tula: die Sturmfreie Ballade (Ballade)

Ja, der Zauberlehrling. Warum nicht? Die Taktung ist dem Original schon sehr nahe. Vielleicht zu Anfang: "und nun juckt's mich stark am Leibchen".
Schwungvoll und mitreißend wie die Vorlage. Die Handlung ist an sich schlüssig. Kleinere Fehler gehen in dem Galopp unter. Originell relalistisches Ende.

Formtreue: 2,0
Originalität und Kreativität: 1,8
Sprachliche gestaltung: 2,3
 
Tula: Die sturmfreie Ballade (Ballade)

Erst mal alles in allem: Ein hinreißendes Besäufnis! Ich musste den Text dreimal lesen, schon beim zweiten Mal ganz langsam, am Detail "arbeitend", dann tat es sich auf, dann wurde das Chaos konkret, dann kam noch ein Hauch von Gruppensex hinzu, der am Schluss der Ballade aufgegriffen wird. Der Goethe läuft nicht durchgehend
drunter weg (vielleicht irre ich mich auch), hat mich nicht gestört. Diesen Text muss ein "den Suff glaubhaft darstellender" Vortragender rüberbringen, damit der Wahnsinn seinen Charme behält.

Formtreue: 2,8
Originalität und Kreativität: 2,5
Sprachliche Gestaltung: 2,3
 
Oscarchen: Kinderfreuden (Moritat)

Das ist eine haarsträubende runde Sache. Eine Moritat vom Feinsten. Hier habe ich mir Musik drunterweg vorgestellt, um mir den "Lausbub" nicht als unaufhaltsamen Terroristen vorstellen zu müssen. Eine Drehorgel könnte das Unvorstellbare moritatenhaft einfangen und "zumutbar" machen. Im Erfinden von schauerlichen Details arbeitet Oscarchen hier auf hohem Niveau. Das Lachen bleibt dem Leser zwar im Halso stecken, aber immerhin, es wollte raus.

Formtreue: 2,5
Originalität und Kreativität: 2,5
Sprachliche Gestaltung: 2,5
 

Oscarchen

Mitglied
Joe Filderstein: Badenwannentraumballade (Ballade)

Kommt mir auch irgendwie bekannt vor. Wie dem auch sei... eine Ballade. Kein festes, starres Reimschema, im Grunde schlüssig.
Witzige Männerträume, die sich erst von der Realität befreien müssen.
Formtreue: 2,8
Originalität: 2,7
Sprachliche Gestaltung: 2,8
 

James Blond

Mitglied
Liebe Balladiener,

wir haben uns ein schwieriges Metier gewählt. Mit der Dramatik scheint sich die Lyrik zu verkrümeln und umgekehrt, die beiden sind nur schwer zu ehelichen, wie mir scheint. Zu gern verweilt die Lyrik in der Betrachtung des Augenblickes, während der dramatische Fortgang das Ausloten einer Stimmung blockiert.

Joe Fliederstein: Ballade vom Franz

Enthielte nicht der Titel den Hinweis, wer würde hier eine Ballade erkennen? Ein wunderbares Gedicht über das älteste Gewerbe der Menschheit. Eine nachdenkliche, keinesfalls moralinversäuerte Betrachtung menschlichen Umgangs, gemildert, gerahmt, auch fast schon versöhnt durch das Mondlicht. Das sich wiederholende Motiv menschlicher Vereinsamung in ein ansprechendes Sittenbild gefasst.
Nur leider keine Ballade. Denn Mondenblick, Spinnenfall, Schnörkelbildengel und Ungeduldsermahnung signalisieren nur die Wiederholung des Immergleichen. Die Dramatik des Betruges verbirgt sich in Gefühlsschichten unter der Oberfläche eines Stilllebens.


Formtreue: 0,8
Originalität: 2,2
Sprachliche Gestaltung: 2,8
 

James Blond

Mitglied
Didi Costaire: Wenn’s bei Reimers zweimal klingelt (Ballade)

Ein wunderbare, sehr trefflich und locker ausgeschüttelte Betrachtung des reimenden Poeten. Es ist schwer genug, die passenden Schüttelreime zu finden, weit schwieriger ist es, sie in einen sinnhaften Zusammenhang zu bringen, in den die Skurrilität der Wortspiele sich passend einfügt. Dies ist hier in phantastischer Weise gelungen, ich staune über die sprachliche Leistung.
Allerdings birgt dieses sprachliche Wunderwerk, tief in der Betrachtung poetischen Schaffens versunken, leider keinen Stoff zu einer Ballade. Es bleibt beim Bild über die Höhen und Tiefen der Dichterexistenz, dem auch der finale Seufzer keine Dramatik entlockt.


Formtreue: 0,7
Originalität: 2,3
Sprachliche Gestaltung: 3,0
 

James Blond

Mitglied
Oscarchen: Glückliche Fügung ( Ballade)

Gute Idee, sich ein Gebiet, oder besser: einen Platz zu wählen, der bereits auf Dramatik programmiert ist. Die Fußball"schlacht", in der weniger Blut als andere Körperflüssigkeiten fließen, lässt kein Auge trocken und was zum Sieg noch trocken blieb, wird hinterher noch nass gemacht. So kommt es hier zu einer saftigen Betrachtung fussballernder Unsitten, die im dramatischen Einsatz des Schiedsrichters zur Entscheidung des Spielgeschehens gipfeln, was ja eigentlich auch sein Job ist. Und so bleibt trotz der Tatbeteiligung des Schiris und seiner ergänzenden Entlohnung das Geschehen im Rahmen des Üblichen.
Das Gedicht sucht etwas angestrengt seine Balance zwischen kritischer Betrachtung und dramatischer Schilderung, wobei die knappe Zeitvorgabe der Restspielzeit vermutlich auch die sprachliche Gestaltung in Mitleidenschaft gezogen hat: Manches wirkt übereilt, mit der heißen Nadel gestrickt.

Formtreue: 2,5
Originalität: 2,0
Sprachliche Gestaltung: 1,5
 

James Blond

Mitglied
Oscarchen: Unbelehrbar (Ballade)

Nein, eine Ballade ist das nicht, vielmehr eine gut geformte pessimistische Betrachtung der Welt, bzw. des Menschen. Zwar kann ich das innere Bedürfnis einer moralischen Abrechnung gut nachvollziehen, möchte aber zugleich davor warnen, ihm nachzugehen, denn hier laufen wir über ein ausgiebig erkundetes Gebiet, eine Erzdomäne großartigster poetischer Schöpfungen, in der vieles epigonal und schwach wirken muss, sofern es nicht durch Witz und Originalität gewürzt ist.

Formtreue: 0,5
Originalität: 1,2
Sprachliche Gestaltung: 2,0
 

James Blond

Mitglied
Joe Fliederstein: Badewannentraumballade

Huckenbeck, den ich fortwährend Palmström nennen möchte, versteht es, sich das Bad mit Phantasie zu würzen. Sein Gedankentraumboot durchschwimmt das Meer der Phantasie mit solch zauberhafter Leichtigkeit, Anmut und Naivität, dass lesende Badegäste unvermeidlich sind. Im absichtlosen Spektakel der Schaumgebilde zwischen Insel, Affe, Palme und Weib verbreitet sich trotz aller selbstinszenierten Dramatik an der Oberfläche eine tief entspannte Behaglichkeit, die uns schließlich glücklich ertrunken zurücklässt.


Formtreue: 2,5
Originalität: 2,7
Sprachliche Gestaltung: 2,4
 

Tula

Mitglied
Hallo in die Runde
Nur damit mir niemand böse wird, bis zum Wochenende gehe ich die bisher eingestellten Werke durch, d.h. gelesen habe ich alle, bewertet noch nicht.
LG
Tula
 
Liebe Mitstreiter,

vorab Chapeau vor euren anspruchsvollen Texten - bislang hat es mir sehr viel Spaß gemacht, sie zu lesen - von euch kann ich wirklich eine Menge lernen!
Bin mit meinem zweiten Text fast fertig und hatte zunächst vor, ihn abzuliefern, bevor ich mit nur einem eingereichten Text in die Bewertung gehe. Allerdings erscheint es mir nun sinnvoller und fairer, doch schon mit der Bewertung zu starten, was ich jetzt zeitnah tun werde ....

Viele Grüße,
Artbeck
 
Wasserfreuden (Moritat, Oscarchen)

Die Stärke dieser Moritat liegt in ihrer sprachlichen Gestaltung - sie liest sich sehr rund und flüssig. und man spürt die Erfahrung des Autors im Reimen. Ich finde allerdings, dass das dramatische Element stärker ausgebaut werden könnte: Man nimmt zur Kenntnis, dass es mit den (an sich) ungeheuerlichen Vorgängen "halt irgendwie so weitergehen wird" - ohne Tusch und Schlusspunkt.

Formtreue: 2,5
Originalität und Kreativität: 2
Sprachliche Gestaltung: 3
 
Zuletzt bearbeitet:
Ärztlicher Notdienst (Ballade, James Blond)

Diese Ballade ist sowohl numinos (Wiedergängermotiv) als auch sehr pointiert und witzig. Genau das macht sie so reizvoll. Die (humorvolle) Begegnung mit dem Toten ist durchaus komplexer als spontan zu vermuten - schließlich muss man nicht nur lachen, sondern spürt auch Mitleid mit dem Begrabenen. Und wer hat nicht schon mit Grausen daran gedacht, wie es sein wird, wenn die Nekrophagen sich über einen hermachen. Dieser konkreten Angst wird mit Humor begegnet. Lediglich der erste Vers ist eventuell zu oft für parodistische Zwecke verwendet worden, zumindest kommt es mir so vor.

Formtreue: 3
Originalität und Kreativität: 2,9
Sprachliche Gestaltung: 3
 
die Moritat von Schneewitzchen (Moritat, Tula)

Die Kombination aus altem Märchenstoff und modernen Themenbereichen ist sehr kreativ umgesetzt worden und könnte von daher auch viele Leser ansprechen, die ansonsten mit Moritaten nicht so viel anfangen könnten. Witz und Ironie dominieren gekonnt den Text, diese halten den Leser aber auch emotional ein wenig auf Distanz.

Formtreue: 2,5
Originalität und Kreativität: 3
Sprachliche Gestaltung: 2,5
 

Oben Unten