Das Schweigegelübte
Figeac, 25. Juni 2008
Als ich erwache, schimmert das erste Licht des Tages durch die Gardinen. Für einen Moment weiß ich nicht, wo ich bin. Ich drehe mich nochmal um, das Bett ist angenehm und die Beine schwer von den Kilometern der vergangenen Tage.
Dann kehren die Bilder zurück: die engen Gassen von Figeac, das gute Essen, das Gelächter am Abend, der Wein und schließlich der langsame Heimweg entlang des Flusses.
Ich trete ans Fenster und schiebe die Gardinen zur Seite. Die Célé liegt glatt wie geschmolzenes Blei zwischen den Ufermauern. Die Häuser spiegeln sich im Wasser, leicht verzerrt von der Strömung. Über die schmale Brücke tastet sich ein Lieferwagen, ein alter Mann führt seinen Hund aus, aus der Bäckerei auf der anderen Seite des Flusses dringt der Duft frischer Croissants. Frankreich versteht es, den Tag würdig zu eröffnen.
Unser Hotel liegt unmittelbar hinter der Brücke am Ufer, wie ein fest vertäutes Schiff, das sich nach langer Fahrt zur Ruhe gelegt hat. Während der Nacht muss ich Teil seiner Besatzung geworden sein. Aus einem benachbarten Zimmer dringt das dumpfe Poltern eines Rucksacks der zu Boden fällt. Irgendwo quietscht eine Tür. Ein Wasserhahn wird aufgedreht. Die Mannschaft erwacht.
Im Frühstücksraum herrscht jene eigentümliche Morgenstimmung, in der alle bereits wach, aber noch nicht vollständig in der Welt angekommen sind. Das Klappern von Tassen ersetzt die Unterhaltung. Kaffeeduft zieht durch den Raum wie Weihrauch durch ein Kirchenschiff. Die Gesichter wirken friedlich, solange niemand nach der heutigen Etappe fragt.
Ralf erscheint als Erster.
„Morgen allerseits. Lebt ihr noch?“
„Frog i eire Stund nomal“,
brummt Beat und greift nach der Kaffeekanne. Die Schweizer scheinen am Morgen grundsätzlich mit einem gewissen Misstrauen gegenüber der Welt zu beginnen.
Vera lacht. „Mit Lüüt redt er erscht nach em zweite Kafi.“.“
„Und du John, bist du schon wach oder dichtest du noch?“
„Beides Ralf“, sage ich, „reich mal den Kaffee rüber!“
Kurz darauf erscheint Katrin mit dem Wanderführer unter dem Arm. Sofort verstummen die Gespräche. Pilger besitzen einen feinen Instinkt für schlechte Nachrichten. Katrin setzt sich und schlägt den Führer auf.
„Keine Sorge“, sagt sie gut gelaunt. „Heute nur zweiunddreißig Kilometer.“
Für einen Moment herrscht vollkommene Stille. Selbst die Kaffeetassen scheinen innezuhalten.
Ralf beißt in sein Croissant. „Katrin lebt längst in einer anderen Realität.“
„Pilgerrealität“, verbessert Eva.
Beat nickt langsam. „Zweiunddrißg Kilometer sind nümme: nur.“
Erika rührt friedlich in ihrem Kaffee. „Der Herr gibt die Kraft.“
„Kann er mir zuerst noch ein Croissant geben?“, fragt Ralf.
Gelächter rund um den Tisch. Die Anspannung löst sich. Was sollen wir auch tun? Die zweiunddreißig Kilometer werden dadurch nicht kürzer.
Während dessen kämpfe ich mit einer dieser winzigen Marmeladenportionen, die offenbar von denselben Ingenieuren entwickelt wurden, die auch U-Boot-Luken konstruieren. Zunächst versuche ich es mit den Fingern. Dann mit dem Messer. Dann mit roher Gewalt. Die Marmelade bleibt unbeeindruckt.
„Brauchst du Werkzeug?“, fragt Ralf.
„Einen Schweißbrenner.“
„Ich hab‘ nur einen Wanderstock.“
Schließlich platzt die Folie auf. Aprikosenmarmelade verteilt sich explosionsartig über Finger, Messer und Tischdecke.
„Treffer!“, ruft Ralf.
„Zwei Pünktli für d'Konfi!““, ergänzt Beat.
Der Speisesaal lacht. Mir platzt ein unaussprechliches Wort aus dem Mund.
Dem heutigen Tag hatte ich immer mit einem flauen Bangen im Herzen und mit Ehrfurcht entgegengesehen. Seit Le Puy hatte ich ihm entgegengefiebert, denn er trägt die längste Etappe der ganzen Wanderung im Gepäck. Nach beinahe 250 Kilometern zu Fuß sollten weitere 32 Kilometer bis Cajarc hinzukommen, über weite Strecken auf den Chausses ohne Schatten und unter der angekündigten Sommerhitze.
Oft hatte ich mir in den vergangenen Tagen zugeredet, diese Etappe werde zwar lang, aber nicht schwierig sein und nicht jene steilen, steinigen Prüfungen bereithalten, wie das Zentralmassiv. Aus dieser Hoffnung war nach und nach eine beruhigende Zuversicht geworden. Heute würde sich zeigen, ob sie berechtigt war.
Cajarc zu erreichen, bedeutet mir mehr als das Ende eines langen Wandertages. Es bedeutet, den Weg nach Cahors beinahe in den Händen zu halten. Noch nicht geschafft, aber sichtbar, greifbar, erreichbar.
Auf geht's!
Es ist das Aufbruchssignal an jedem Morgen.
Flott erklimmen wir die Höhen westlich von Figeac. „PGV!“, ruft uns ein Urschweizer Pilger entgegen. In Anlehnung an den französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV klassifiziert er unsere Gruppe als Pèlerin Grand Vitesse, Großgeschwindigkeitspilger. Diese unverblümte Aufrichtigkeit trifft mich derart unerwartet, dass mir die passende Erwiderung zunächst fehlt. Schließlich schenkt mir seine Bemerkung aber auch eine beruhigende Erkenntnis: Auf diesem Weg gibt es Menschen, und seien es Schweizer, die noch erheblich gemächlicher unterwegs sind als ich.
Unser Express rollt zügig über die Causses de Quercy oberhalb des Lot nach Faycelles, einem reizvollen, blütengetränkten Flecken mit grandiosem Blick über das Tal. Hier könnte ich mir durchaus einige Ferientage vorstellen. Doch der heilige Jakobus in der Dorfkirche mahnt mit unübersehbar gebieterischer Miene zur Weiterreise. Mit Frischwasser versorgt und von mancherlei Ballast erleichtert beenden wir die höchst willkommene Rast.
Die Causses, gesprochen „Koohs“, zählen wegen ihrer herben Schönheit und ihrer außerordentlich geringen Besiedlungsdichte zu den eindrucksvollsten Landschaften Frankreichs. Es sind karstige Hochflächen von beinahe steppenartigem Charakter. Der Kalkstein speichert kaum Wasser, das meiste versickert rasch im Untergrund. Nur vereinzelt liegen Gehöfte und kleine Dörfer in der weiten Landschaft verstreut. Tiefe Schluchten und Flusstäler zerschneiden die sanft gewellten Höhen.
Von einer frühen Besiedlung zeugen zahlreiche Dolmen, steinerne Monumente aus vorgeschichtlicher Zeit. Vermutlich dienten sie einst als Grabstätten oder Kult Orte. Seit Jahrtausenden trotzen sie Wind, Wetter und dem Vergessen.
Die heutigen Opfersteine liegen jedoch weit zahlreicher unter meinen Füßen. Pilger haben sie entlang des Weges gesammelt und auf Sockeln von Wegkreuzen, Mauern oder Grenzsteinen abgelegt. Dort symbolisieren sie Hoffnungen, Bitten und Dankbarkeit.
Für mich sind die Dinge bislang gut gelaufen, und ich bin zuversichtlich, dass es so bleiben wird. In meiner Brust schlägt ein Herz voller Dankbarkeit, ohne dass ich sagen könnte, wem dieser Dank eigentlich gebührt. Dem bezaubernden Tag? Der unbändigen Natur ringsum? Dem beschwingten Leben selbst? Oder dem Himmel, der sich so grenzenlos über diese Landschaft spannt?
Die lautlose Verwandlung des Gewöhnlichen in einen Rausch aus Bewusstsein und Empfinden verleiht Flügel. Alles scheint heller, bedeutungsvoller, gegenwärtiger. Mir ist, als hätte ich etwas Wesentliches erkannt, etwas, das sich jeder Formulierung entzieht. Doch der Gedanke, jemand könnte Zeuge meiner stillen Verzückung werden, ist mir peinlich. Also gehe ich weiter. Den Blick auf den Weg gerichtet, die Hände an den Rucksackriemen, trotte ich schweigend dahin und tue so, als beschäftigten mich lediglich die nächsten Kilometer.
Anne schließt zu mir auf. „Du bist heute so still“, sagt sie. „Iss was?“
In ihrer Stimme liegt keine Neugier, sondern Anteilnahme. Gerade das macht die Frage so schwierig.
„Nö.“ Mehr bringe ich nicht hervor. Ein paar Schritte gehen wir schweigend nebeneinander her.
„Warum sagst du denn nichts?“
Nun sitze ich in der Falle. Eigentlich möchte ich allein sein mit meinen Gedanken. Zugleich will ich sie nicht vor den Kopf stoßen. Zwischen Schweigen und Erklären suche ich nach einem Ausweg.
„Ich habe heute mal ein Schweigegelübde abgelegt.“
Kaum ausgesprochen, bereue ich den Satz. Herrgott! Nicht genug damit, dass du körperlich ein Tollpatsch bist, jetzt stolperst du auch noch über die Gefühle anderer Menschen.
Doch Anne reagiert völlig anders, als ich befürchtet habe.
„Oh“, sagt sie leise. Sie nickt verständnisvoll. „Das tut mir leid.“
Nach einer kleinen Weile fügt sie hinzu: „Ich versteh das gut. Dann lass ich dich in Ruhe. Entschuldige bitte.“
Sie bleibt zurück. Ich gehe weiter. Eine Zeitlang begleitet mich nur das Knirschen meiner Schritte auf dem Weg. Eigentlich hätte ich ihr sagen sollen, dass ich nur meinen Gedanken nachhing. Dass die Landschaft, die Hitze und die vielen Eindrücke mich schweigsam gemacht hätten. Stattdessen hatte ich mich hinter einem erfundenen Schweigegelübde verschanzt. Anne hatte mir ihre Offenheit geschenkt, und ich hatte sie mit einer Ausrede beantwortet. Je länger ich darüber nachdenke, desto schlechter gefällt mir meine kleine Notlüge. Manchmal sind es nicht die großen Verfehlungen, die einem nachhängen, sondern die kleinen Unaufrichtigkeiten gegenüber freundlichen Menschen.
Im schattigen Licht des späten Nachmittags stehen wir auf den Klippen hoch über Cajarc und dem weiten Bogen des trägen dahinfließenden Lots. Wahrlich, ein Anblick zum Ertrinken. Das schmucke Dorf liegt friedlich in die Landschaft gebettet. Die Dächer leuchten im warmen Licht, während sich der Fluss gemächlich durch das Tal windet, als hätte er alle Zeit der Welt.
„Wisst ihr eigentlich, dass Françoise Sagan hier geboren wurde?“, fragt Katrin und deutet hinunter auf den Ort.
„Die Schriftstellerin?“, frage ich
„Genau die. Mit achtzehn hat sie bereits ihren berühmtesten Roman geschrieben.“
„Bonjour Tristesse“, ergänzt Anne.
Katrin nickt. „Der hat sie praktisch über Nacht berühmt gemacht.“
Ich lasse den Blick noch einmal über das Tal schweifen.
„Bonjour Tristesse“
Ein denkbar unpassender Titel für diesen Anblick.
„Ich habe immer eine große Lebenslust gehabt und immer Lust zu schreiben. Das Glück wollte es, dass mir beides gelungen ist.“
>Dieser Satz von Françoise fällt mir beim Schreiben ein. Und wirklich, kaum jemand dürfte ihn glaubwürdiger ausgesprochen haben. Ich hingegen würde mir wünschen, wenigstens einen Teil davon für mich beanspruchen zu dürfen.<
Während ich über das Tal blicke, empfinde ich jene lautlose Verwandlung des Gewöhnlichen in Staunen, die mich auf diesem Weg immer wieder überrascht. Nicht allein der Ausblick ist dafür verantwortlich. Vielleicht ist es die Summe all der Schritte, Gedanken und Begegnungen der vergangenen Tage.
Bei aller Seligkeit ist mir beinahe entgangen, dass die längste Etappe unserer Wanderung nun hinter uns liegt. Merkwürdigerweise stellt sich kein Hochgefühl ein.
Kein Triumph.
Kein Jubel.
Stattdessen empfinde ich eine eigentümliche Mischung aus Erleichterung, Müdigkeit und Schmerz. Der Körper hat seine Rechnung präsentiert und fordert nun unmissverständlich seinen Anteil.
Vielleicht verhält es sich mit großen Herausforderungen wie mit Berggipfeln: Solange man ihnen entgegenstrebt, füllen sie die Gedanken aus. Hat man sie erreicht, bleibt oft nur stille Erschöpfung zurück.
Immerhin verströmt die Aussicht auf das Schwimmbecken unseres Hotels eine gewisse Glückseligkeit, und nach zweiunddreißig Kilometern unter südfranzösischer Sonne erscheint mir ein Bad im kühlen Wasser, als eine der großartigsten Errungenschaften der menschlichen Zivilisation.
Alles in Fluss