Bis ans Ende der Welt

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Vielleicht muss auch nicht alles begriffen werden, vielleicht genügt es manchmal, die Dinge anzunehmen, wie sie sind: flüchtig, widersprüchlich und unvollkommen.
Gewiss, John, man läuft sonst Gefahr, sich aufzureiben. Jene Wattestöpsel benutze ich auch schon seit Jahrzehnten - nach einer strapaziösen USA-Reise ohne die kleinen Kugeln. (Übernachtungen vor allem in YMCA-Häusern - schlaflos in New York ...)

Jetzt habe ich mir Bilder und Karten von einigen der zuletzt hier beschriebenen Orte und Gegenden angesehen. Der Haupteindruck auf mich: ausgesprochen herb. Die Ausstrahlung der Häuser und Straßen passt, wie mir scheint, zu der deiner Wirtin bei der vorigen Übernachtung. Nur dass diese Gebäudeensembles dabei einen ganz eigenen ästhetischen Wert haben. Lustig, dass in den alten Häusern am Lot in Espalion früher Gerbereien waren - sie sehen ja selbst wie gegerbt aus. Die gotische Brücke fand ich auf dem Foto auf Anhieb altertümlich respektabel und las dann, dass sie ursprünglich auch noch Türme aufwies.

Deine Reiseerzählung - vielleicht ist das ein zutreffenderer Begriff? - passt zu meiner jetzigen Lektüre, d.h. einem kleinen Teil davon. Gide schildert in seiner Autobiographie das Milieu der väterlichen Herkunft. Seine Vorfahren waren hugenottische Bauern in den Cevennen. Die nähere Verwandtschaft lebte im späten 19. Jahrhundert vor allem in Uzès, also doch schon sehr am Rand des von dir bereisten Gebiets.

Ich bleibe dir auf den Fersen.
Arno
 

John Wein

Mitglied
Alles im Lot am Lot

Espalion, Sonntag, 21.Juni 2008

Ein Sonntagmorgen kann unglaublich still sein. Vom Wehr am Pont Neuf dringt nur das gleichmäßige Brausen des Wassers in die Ruhe Espalions. Friedlich und in sich versunken liegen die Straßen da, die noch in der vergangenen Nacht vom Knattern der Motoren erfüllt waren.

Wir verlassen die Stadt auf dem Uferweg und folgen dem Fluss. Seit einer Woche sind wir nun unterwegs, eine Zeit, die wie im Flug vergangen ist und uns eine Fülle von Erlebnissen und Eindrücken beschert hat. Mit nur zwölf Kilometern ist die heutige Etappe vergleichsweise kurz, beinahe ein Sonntagsspaziergang. Die angekündigte Hitze des Tages wird durch die schattenspendenden Kronen der Kastanien angenehm gemildert.

In Bessuéjouls lädt uns die romanische Kirche Saint-Pierre in ihr kühles Inneres ein. Hinter ihrem eher schlichten Äußeren verbirgt sich eine Besonderheit: Hoch oben im Turm befindet sich die dem Erzengel Michael geweihte Oberkapelle. Über eine schmale Treppe gelangen wir in diesen ungewöhnlichen Raum, der zu den ältesten und am besten erhaltenen romanischen Kapellen Frankreichs zählt. Getragene Säulen mit reich verzierten Kapitellen, kunstvolle Flechtornamente und ein seltener romanischer Altar verleihen dem Raum eine beinahe zeitlose Atmosphäre. Besonders eindrucksvoll sind die Darstellungen von Fabelwesen und die fein gearbeiteten Reliefs, in denen noch die Formensprache der karolingischen Epoche nachklingt. Das warme Licht fällt durch die kleinen Fensteröffnungen und streicht über die jahrhundertealten Steine. Die Figuren wirken plötzlich erstaunlich lebendig. Ihre geschwungenen Formen heben sich aus dem Halbdunkel hervor, als hätten die Steinmetze ihnen bewusst einen Hauch von Sinnlichkeit mitgegeben.

„Schaut mal“, Katrin deutet auf eines der Kapitelle. „Für eine Kirche aus dem frühen Mittelalter sind die Herrschaften hier erstaunlich freizügig.“

Ich trete näher und betrachtet die Figuren.

„Das hätte ich jetzt auch nicht erwartet. Die Bildhauer hatten offenbar einen recht aufmerksamen Blick für weibliche Formen.“

„Und das ausgerechnet in einer Kapelle“, antworte Katrin. „Man könnte fast meinen, die Mönche hätten gewusst, dass Verbote die Fantasie nur noch mehr anregen.“

„Jedenfalls“, sagt Ralf, „haben die Künstler damals verstanden, dass der Mensch nicht nur aus Geist besteht.“

Ich nicke. „Aber vielleicht macht gerade das den Reiz dieser Kapelle aus: Zwischen Frömmigkeit und Versuchung liegen manchmal nur wenige gemeißelte Zentimeter.“

Hinter dem Weiler steigt der Pfad in steilen Serpentinen zwischen Steineichen bergan. Oben angekommen eröffnen sich herrliche Ausblicke auf das Tal und das hinter uns liegende Espalion. Weiden, Wälder und Felder fügen sich zu einem farbenfrohen Landschaftsteppich an den Hängen beider Talseiten. An den nach Westen gerichteten Lagen reifen die Trauben in der Sonne.

Hinter dem morbiden Landschlösschen Beauregard wird der Pfad talwärts zum Wanderweg. Wir gehen nun in einer anderen Dimension. Knallrot locken Kirschen aus den säumenden Gärten. Der Wille alles reifen und gedeihen zu lassen, liegt zum Greifen in der Luft.

Die letzten Kilometer der Etappe führen uns durch schattigen Laubwald, der sich an die Hänge der Flussschleifen schmiegt. Die Straße ist für den motorisierten Verkehr gesperrt. Tief unter uns begleitet der Lot unseren Weg, still und träge gleitet er durch das Tal. Ein Angler steht reglos im Wasser.

Dann, ganz unvermittelt, erscheint auf der gegenüberliegenden Flussseite das mächtige Burgschloss von Estaing. Wie ein Felsmassiv aus Stein ragt es weit über die Baumkronen hinaus. Über die stattliche fünfbogige Pilgerbrücke betreten wir den Ort, der zu den schönsten Dörfern des Aveyron zählt.

Überwältigend beherrscht das Schloss mit seinem mächtigen Donjon, den Burgberg und das gesamte Tal. Es wirkt wie ein steinernes Signal aus einer fernen Vergangenheit. Der Ort verdankt ihm seinen Namen, und die Geschichte der Herren von Estaing ist eng mit der Geschichte Frankreichs verwoben. Angehörige der Familie zogen auf Kreuzzüge, dienten Königen und erlebten die Wirren der Revolution; manche verloren unter der Guillotine ihr Leben. Mit dem Aussterben der Linie schien ihre Geschichte beendet.

1922 erwarb Edmond Giscard das Schloss und erhielt die Erlaubnis, den Namen Giscard d’Estaing zu führen. Sein Sohn Valéry sollte später als Präsident der Französischen Republik Geschichte schreiben.

Noch steht die Sonne am westlichen Himmel. Mit unseren Kräften haben wir gut gehaushaltet und eine Erkundung des hübschen, verwinkelten Dorfes erscheint als lohnende Zugabe zur heutigen Etappe. Allzu weitläufig ist Estaing ohnehin nicht.

Nachdem die letzten Schweißperlen getrocknet sind, belohne ich mich mit einem, nein, zwei kühlen Pressions. Von der Galerie am Quai du Lot genießt man einen heiteren Blick auf das gemächliche Treiben auf der Promenade. Über allem wacht das Schloss auf seinem Felsen, während über dem Fluss das Licht langsam verblasst.

Ich öffne die Tür zu meinem Zimmer. Mir wird schwindelig! Lilien, Lavendel und Verbenen schweben auf Tapeten und Gardinen, wie ein ewiger Frühling. Die Blumen, zartrosa, hellblau und violett, wachsen weder aus Erde noch aus Licht, sondern unmittelbar aus den Wänden selbst. Wer lange genug hinsieht, könnte meinen, die ganze Kammer stünde kurz davor aufzublühen. Ich fühle mich wie eine verirrte Hummel. Nach den Pilgertagen zwischen Schieferdächern, Feldwegen und romanischem Gemäuer wirkt diese florale Pracht beinahe unwirklich, als hätte sich ein Stück Garten heimlich unter das Dach des Hotels verirrt.

Das Restaurant des Hauses schmückt sich mit einer Kochmütze und weckt entsprechende Erwartungen. Die Vorfreude auf einen genussvollen Abend steigert sich von Minute zu Minute: gute Küche, guter Wein und die entspannte Stimmung eines entspannten Pilgertages. Ich werde nicht enttäuscht.

Der Wein fängt das Licht der Kerzen ein, Stimmen und Gelächter verweben sich mit dem Klirren der Gläser.

Beat hebt sein Glas.

„Morge gönd mer wieder wiiter und am Abe säged mer wieder: So schlimm isch's gar nöd gsi.“

Draußen schlägt irgendwo eine Glocke die Stunde.

„Was nehmt ihr eigentlich von diesem Weg mit?“, philosophiert Anne.

Niemand antwortet sofort.

Erika blickt in ihr Glas. „Dankbarkeit“, sagt sie schließlich.

Wolfgang nickt. „Gelassenheit.“

„Hunger“, sagt Ralf.

Gelächter.

Doch hinter diesem Scherz steckt mehr Wahrheit, als er zugeben würde.

Wir sitzen noch eine Weile beisammen. Niemand hat es eilig. Morgen wartet wieder der Weg. Heute genügt die Gesellschaft guter Menschen, ein Glas Wein und das Gefühl, genau dort zu sein, wo man sein sollte.


Alles in Fluss
 

John Wein

Mitglied
War es auch in real,
und jetzt kannst du das alles im Sitzen nacherleben. Ist doch praktisch; oder?
Gruß, John
 

John Wein

Mitglied
Ich und der liebe Gott in Frankreich


Estaing, Montag 22. Juni 2008

Über die historische Brücke verlassen wir Estaing und steigen durch einen schattenspendenden Buchenwald hinauf und über die Höhen des Lots. Je weiter ich laufe, desto mehr komme ich an, in diesem Teil Südfrankreichs. Es ist eine liebliche und fruchtbare Gegend mit einem freundlichen Menschenschlag.

„Heut wird's a schweißtreibende G'schicht“, prophezeit Ralf und zieht seine Kappe tiefer ins Gesicht.

„Haben alle genug Wasser?“, fragt Katrin und kontrolliert routiniert ihre Flaschen.

Die Gegend ist längst nicht so menschenleer wie das Aubrac. Immer wieder passieren wir kleine Weiler und Gehöfte und es gibt überall die Möglichkeit Wasser zu schöpfen.

Espalion, Estaing, Espeyrac. Ist es Zufall, dass die Namen in dieser Reihe ähnlich klingen? Noch vor einer Woche waren sie mir gänzlich unbekannt. Während wir einen holprigen Feldweg entlangwandern, erzählt Katrin von der Geschichte dieser Region.

„Wir sind in Okzitanien“, erklärt sie, „einer Landschaft mit einer ganz eigenen Kultur. Die Sprache hier ist dem Katalanischen verwandt. Im Mittelalter war dies das Land der Troubadoure und der Katharer.“

Ich nicke interessiert.

„Von den Katharern habe ich mehrfach gehört. Die hatten es mit der Kirche nicht immer leicht, war es nicht die Zeit des Hexenwahns und der Scheiterhaufen?“

„Das ist milde formuliert“, antwortet Katrin. „Die Kreuzzüge gegen die Katharer gehören zu den dunkleren Kapiteln der französischen Geschichte.“

„Wieder was gelernt“, sagt Ralf, „man pilgert und bildet sich gleichzeitig weiter.“

Uschi fotografiert eine alte Steinscheune.

„Wartet kurz“, ruft sie leise, „das Licht ist gerade perfekt.“

Niemand drängt sie. Auf dem Jakobsweg hat die Zeit ihre eigene Geschwindigkeit.

Gegen Mittag erreichen wir Golinhac. Auf 650 Metern Höhe öffnet sich ein weiter Blick über Berge und Täler. Das Aussicht ist von einer Schönheit, die beinahe unwirklich scheint. Wir machen eine Pause. Während einige den Schatten suchen, lasse ich mich auf einer Wiese am Ortsrand nieder. Die Schuhe und Socken abgestreift, das Hemd aufgeknöpft, den Kopf in die Hände gebettet, träume ich tief ins Blaue hinein.

Nicht weit von mir sitzt Erika auf einer Bank.

„Ist das nicht wunderbar?“, fragt sie.

Ich nicke.

„Man spürt hier oben etwas Besonderes“, sagt sie leise.

Ja, denke ich, sie hat recht!

Unter uns breitet sich das weite Land aus, in allen Varianten von Grün: ein paradiesischer Garten. Sich nichts vorzustellen und sich diesem schönen, abgerundeten Augenblick einfach nur hinzugeben, ist wie ein Geschenk. Es verleiht dem Leben seine Intensität und ist Erfüllung für einen kurzen Moment.

„Du siehst aus, als wärst du schon im Himmel angekommen“, ruft Ralf von der anderen Seite der Wiese."

Gelächter.

„Lasst ihn“, witzelt Eva freundlich, „er dichtet bestimmt wieder.“

„Einer muss ja das Tagebuch schreiben“, fügt Anne hinzu.

Wäre ich Maler, würde ich jetzt zu Palette und Pinsel greifen. Doch auf diesem Stern bin ich nur ein Wanderer, der diese Landschaft mit Worten malen muss.

„Aufbruch!“, ruft Katrin schließlich.

Der Zauber des Augenblicks löst sich auf wie eine Wolke am Sommerhimmel.

Espeyrac, unser Tageziel, versteckt sich hinter einem kleinen Eschenwäldchen. Als wir aus dem Grün hervortreten, werden wir augenblicklich von einem Labyrinth aus grauem Gemäuer eingefangen, ein pittoresker Ort aus Stiegen, schmalen Gängen und verwitterten Mauern. Hier begegnet man nur jenen, die hierhergehören und sich nicht mehr verpflanzen lassen, laut Reiseführer 83 Männer und 137 Frauen.

Aus verschlossenen Toren und verriegelten Türen raunt das Wort Landflucht. Nur einmal alle vier Wochen kommt der Priester noch, um den Gläubigen die Messe zu lesen. Dabei hätte Saint-Pierre noch heute Platz für das Vierfache der Einwohnerzahl. Über dem Dorf liegt ein Hauch morbider Vergänglichkeit. Stein um Stein holt sich die Natur zurück, als wolle sie geduldig ihre alte Herrschaft wieder antreten.

Wieder ein „Hôtel La Vallée“! Es liegt am unteren Ende der Hauptstraße. Kaum zwei Armlängen breit zwängt sie sich zwischen den Häusern hindurch. Ein Tankwagen zockelt die Gasse herauf. Ich weiche an den Rand, trete unglücklich auf und knicke um. Ein jäher Stich fährt in den linken Knöchel! Es ist wie verhext! Alles Glück und jede Leichtigkeit dieses Tages verwandeln sich innerhalb eines Augenblicks in eine angsterfüllte Mischung aus Schreck und Schmerz. Ein geschwollener Fuß und mein Weg wäre morgen zu Ende.

Wer jemals auf dem Jakobsweg unterwegs war weiß, dass Schmerzen und Unwohlsein dazugehören, aber wichtiger ist die Bereitschaft, etwas auszuhalten und wer davon betroffen wird, den sollte eine höhere Zuversicht trösten. Ich tröstete mich mit einem Absinth. Die grüne Fee sollte den Schmerz nicht vertreiben, wohl aber die düsteren Gedanken, die bereits um meinen Knöchel kreisen. Schließlich lebe ich noch!

Die Kammer ist winzig, nicht einmal ein Stuhl findet hier seinen Platz. Das Doppelbett teile ich mit meinem Gepäck. Noch bevor die Dämmerung der Nacht weicht, sind alle Läden Espeyracs geschlossen und sämtliche Türen verriegelt.

Ich schaue noch einmal aus dem geöffneten Fenster nach draußen in die steile Gasse hinauf. Stille und Abendfrieden breiten ihre schummrige Decke über die verwitterten Mauern. Ich schließe Fenster und Läden und füge mich der Stunde. Mit bangem Herzen erwarte ich den neuen Morgen.

Gute Nacht, Espeyrac.

Der Schlaf ist mein sanfter und gutherziger Tröster.


Alles in Fluss
 
Jetzt habe ich's verstanden, John. Mein Unverständnis verrät wohl den Kirchenfernen, für den der Begriff Einwohner etwas so Säkulares ist, dass er in ihnen alles Mögliche erkennt, nur zunächst keine Messebesucher.
 

John Wein

Mitglied
Dem Himmel so nah

Espeyrac, Dienstag, 23. Juni 2008

In der Nacht habe ich mir zwischen Patchworkdecke, Rucksack, Tasche und verschwitzten Kleidern eine weiche Mulde erschlafen, ein Nest für einen müden Pilger.

Der Morgen schimmert bereits durch die Ritzen der Fensterläden. Ich stoße sie auf und trinke den jungen Tag mit einem tiefen Atemzug.

Vor mir, kaum zwei Meter entfernt, streift ein Kater über die steinerne Stiege hinauf ins obere Dorf. Lautlos und vorsichtig setzt er Pfote vor Pfote, vorsichtig, als gehöre ihm Espeyrac allein. Für einen Herzschlag begegnen sich unsere Blicke. Dann entscheidet er, dass seine Geschäfte wichtiger sind, als meine Neugier und verfällt in einen geschmeidigen Trab.

Nebenan, im Garten, duckt sich die Angebetete im Busch des Estragons. Die Katzen haben die Morgendämmerung längst in Besitz genommen. Ihnen gehört diese Stunde zwischen Traum und Tag. Sie besetzen Mauern und Simse, hocken auf Treppen und Fenstersimsen, spähen aus Schatten und Nischen. Überall stieren Augenpaare. Sie beobachten, wittern, lauschen, prüfen die Welt und melden sie dem anbrechenden Licht, und langsam erwacht ein Dorf unter ihrer Herrschaft.

Es schleicht ein Duft von frischem Kaffee durch Espeyracs Gassen. Wie ein unsichtbarer Finger tippt er gegen meine Sinne und öffnet meinem Tag die Augen.

Vorsichtig horche ich in den linken Fuß hinein.

Au!

Der Schmerz ist noch da, klein, noch störrisch und unerquicklich. Doch zum Glück fehlt jede Spur einer Schwellung. Nach einigen zaghaften Schritten, einem Hinauf und Hinunter über die knarrende Treppe, gewöhnen wir beide uns wieder aneinander: mein Fuß und ich. Wir sollten es noch einmal miteinander versuchen.

Adieu, Espeyrac.

Du hast mir deine Schönheit gezeigt, deine Stille und deine Katzen. Doch ich hätte gern einen etwas freundlicheren Abschiedsgruß mitgenommen.

Eine Stunde ist vergangen, da grüßen uns aus weiter Ferne die Zinnen eines Dornröschenschlosses. Wie aus einem Märchen erhebt sich das Gemäuer über den Hügeln. Nicht nur das Schloss scheint in tiefen Schlaf versunken, sondern auch das Dorf zu seinen Füßen.

Sénergues.

Kein Mensch regt sich. Kein Auto rollt über die Straße. Kein Hund bellt. Nicht einmal ein Huhn scharrt im Staub. Nur wir Pilger durchqueren die stille Kulisse. Es ist, als hätten sich die Bewohner hinter Fensterläden und Gardinen verborgen, um uns lautlos vorbeiziehen zu sehen.

Am kleinen Dorfplatz rasten wir nahe dem Kriegerdenkmal.

Diese steinernen Wächter begegnen einem im Süden Frankreichs auf Schritt und Tritt. Sie stehen auf Dorfplätzen, vor Rathäusern und Kirchen, manchmal heroisch, manchmal kitschig, oft erschütternd. Doch stets erzählen sie dieselbe Geschichte.

Ich trete näher.

Name um Name.

Jahrgang um Jahrgang.

Gefallen für Frankreich.

Die Listen des Ersten Weltkriegs sind lang. Viel länger als jene des Zweiten. Manchmal zehnmal länger. Während ich die eingemeißelten Namen lese, öffnet sich vor mir ein unsichtbares Buch.

Ich sehe junge Männer, die einst über diese Plätze gingen. Ich sehe ihre Mütter, ihre Verlobten, ihre Frauen. Dann die Schützengräben an Marne und Somme, Schlamm, Granaten und das namenlose Sterben.

Manche Dörfer verloren fast eine ganze Generation.

Zurück blieben Witwen, unverheiratete Frauen und Greise. Wer hätte zwanzig Jahre später noch einmal zu den Waffen greifen sollen?

Der Platz liegt still unter der Sonne.

Doch die Schatten der Namen sind geblieben.

Plötzlich fühle ich mich in das Dorf meiner Kindheit versetzt. Die Geschichten der Alten. Die Fotografien in Schwarzweiß. Die leeren Plätze am Familientisch.

Hier im Süden Frankreichs erkenne ich etwas, das größer ist als nationale Grenzen.

Ihre Geschichte ist unsere Geschichte.

Ihre Trauer ist unsere Trauer.

Wie ähnlich das alles! Wie sinnlos der Hass! Wie schwer das Leid auf beiden Seiten!

Heute lebt kaum noch jemand, der diese Zeit bewusst erlebt hat. Vielleicht ist deshalb die Stunde des Verzeihens gekommen und die Erkenntnis, dass wir einer großen Familie angehören und das dieselben Ängste, Hoffnungen und Träume in uns wohnen. Es verbindet mehr als jede Grenze uns trennen könnte.

Auf meinen Wegen durch Frankreich sollte mir dieses Gefühl immer wieder begegnen.

Es sind selten die Menschen selbst, die Krieg wollen. Es sind die Inhaber der Macht, die ihre Völker gegeneinander führen und ihre Söhne aufeinander schießen lassen.

Der Wind fährt durch die Bäume von Sénergues.

Keiner spricht.

Die Schatten aller Sénergues’ zwingen uns zum Nachdenken.

Heute, wo niemand mehr ist, der sich dem Geschehen gegenüberstellen kann, ist die Zeit des Vergebens.

Am frühen Nachmittag steigen wir auf einem steilen Schotterpfad hinab nach Conques. Der Weg fällt in engen Kehren zwischen Gestrüpp, Wurzeln und Felsen talwärts. Jeder Schritt verlangt Aufmerksamkeit. Unwillkürlich frage ich mich, wie die Pilger vergangener Jahrhunderte diese Passage bewältigt haben. Sie verfügten weder über GTX-Schuhe mit dämpfender Zwischensohle noch über Vibram-Profil und ausgeklügelte Stabilisierungssysteme, die uns modernen Wanderern das Gefühl vermitteln, über Geröll und Klippen zu schweben.

Und doch sind sie diesen Weg gegangen. Davon erzählen die glattgeschliffenen Steine unter meinen Füßen. Jahrhunderte von Schritten haben ihre Spuren hinterlassen. Abgenutzt vom Glauben, von Hoffnung, Not und Sehnsucht.

Dann erscheint Conques, erwacht aus einem Dornröschenschlaf.

Wie ein Adlernest klammert sich das Dorf an den Hang über dem Tal der Dourdou. Schieferdächer und Natursteinmauern drängen sich um die mächtige Abtei, als suchten sie Schutz unter ihrem steinernen Mantel. Seit Jahrhunderten ist Conques Ziel unzähliger Pilger. Heute leben hier kaum dreihundert Menschen, doch die Vergangenheit scheint noch immer jeden Winkel zu bewohnen.

Die Abtei geht auf die Zeit der Karolinger zurück. Ludwig der Fromme ließ sie im 8. Jahrhundert errichten. Ihren Namen verdankt sie der Form einer Herzmuschel, derselben Muschel, wie wir sie am Rucksack tragen: Conques. Berühmt wurde sie durch die Reliquien der heiligen Fides, deren Grab die Pilger aus ganz Europa anzog.

„Das ist ja wie im Mittelalter“, staunt Anne, als wir durch die engen Gassen steigen.

„Fast“, antwortet Ralf. „Nur die Souvenirläden sind etwas jünger.“

Trotz ihrer Abgeschiedenheit blieb auch Conques von den Stürmen der Geschichte nicht verschont. Religionskriege und Revolution hinterließen ihre Spuren. Erst im 19. Jahrhundert erkannte der Schriftsteller und Denkmalpfleger Prosper Mérimée die Bedeutung der Anlage und leitete ihre Rettung ein.

Als ich die Basilika betrete, verstummen alle Gedanken, man ist sprachlos!

Das Kirchenschiff erhebt sich in schlichter Größe. Keine überbordende Pracht lenkt den Blick ab. Das Licht fällt durch moderne, grauschattierte Fenster und verwandelt den Stein in etwas beinahe Schwereloses. Die mächtigen Pfeiler tragen die hohe Kuppel mit einer Selbstverständlichkeit, als hätten sie nie etwas anderes getan.

„Unglaublich“, flüstert Uschi und richtet ihre Kamera nach oben.

Ich kann nur nicken.

Wie überwältigend muss dieser Anblick für die Pilger früherer Jahrhunderte gewesen sein, nach Wochen und Monaten auf staubigen Wegen?

Beeindruckend ist auch das Tympanon über dem Hauptportal. Dort entfaltet sich in Stein gehauen das Jüngste Gericht. Heilige und Verdammte, Himmel und Hölle, Hoffnung und Furcht, fast tausend Jahre alt und doch voller Ausdruckskraft. Es gehört zu den großen Meisterwerken romanischer Bildhauerkunst.

Im Hotel Saint-Jacques schleppe ich mein Gepäck die steilen Treppen hinauf. In Conques streben nicht nur die Gebete zum Himmel. Wegen des knappen Platzes am Hang wachsen auch die Häuser Stockwerk um Stockwerk nach oben. Im Erdgeschoss der Gîte befinden sich Rezeption und Bistro, darüber Restaurant und Aufenthaltsräume, darüber die Zimmer.

Mein Quartier liegt weit oben unter dem Dachjuché.

Vier frisch bezogene Betten erwarten mich dort.

Vier!

Nach den bescheidenen Herbergen der vergangenen Tage erscheint mir dieser Überfluss geradezu dekadent.

„Du kannst heute Nacht stündlich das Bett wechseln“, meint Ralf grinsend.

„Eine Art Pilger-Luxus-Suite“, ergänze ich.

Durch die kleine Gaube fällt der Blick weit über die Dächer von Conques hinunter ins Tal der Dourdou. Die Abendsonne vergoldet Schiefer, Mauern und Kirchturm. So nah dem Himmel, im heiligen Conques, erscheint mir dieser Schlafluxus beinahe wie eine kleine Gnade des Herrn.

Am Abend erfüllt Orgelmusik die Basilika.

Die Töne steigen hinauf in die Gewölbe, verweilen einen Augenblick zwischen den alten Steinen und verlieren sich schließlich in der Dämmerung.

Ein schönerer Abschluss dieses Pilgertages wäre kaum denkbar.

Ich steige hinauf in mein Himmelreich. Unter den alten Balken der Dachstube hat der Herrgott heute gleich vier Wolken für mich aufgeschüttelt. Welche davon mich durch die Nacht tragen soll, vermag ich nicht gleich zu entscheiden.

Durch die kleine Gaube schaue ich ein letztes Mal hinaus. Alles ist so friedlich. Unter mir, die Dächer von Conques, sie liegen wie dunkle Inseln im Meer der Dämmerung während im Tal ein zarte Schleier die Auen der Dourdou verhüllen.


Alles in Fluss
 
Es sind selten die Menschen selbst, die Krieg wollen. Es sind die Inhaber der Macht, die ihre Völker gegeneinander führen und ihre Söhne aufeinander schießen lassen.
Auch das sollte in Stein gemeißelt werden, Deine hier vorangegangenen Eindrücke und Gedanken, weiser Pilgersmann, erinnern mich an meine eigenen Empfindungen an anderen Orten, etwa auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf. Da gibt es z. B. eine Abteilung für tote Soldaten des II. Weltkriegs aus den Commonwealth-Ländern mit Hunderten von Gräbern und den Daten dazu. Die meisten waren Anfang zwanzig, viele Australier darunter.

Zum Zahlenverhältnis der Gefallenen beider Weltkriege. Ja, Frankreich hatte im II. Weltkrieg nur einen Bruchteil der Zahl des I. Weltkriegs. Die Erklärung dafür dürfte im unterschiedlichen Kriegsverlauf zu suchen sein.

Eben Bilder aus Conques im Netz angesehen, vor allem von der Kirche (innen und außen). Sehr urtümlich. Eine vergleichbare Stimmung glaube ich in der Stiftskirche Gernrode am Harzrand wahrgenommen zu haben (bei aller Verschiedenheit im Detail, natürlich).

Schön, dass du auch die Katzen beobachtet und das Wahrgenommene festgehalten hast.

Komme gut durch die weiteren HItzetage.
Arno
 
Irgendwann seid ihr wohl morgens ohne mich weitergegangen. Ich dachte zwischendurch, ihr wäret schon am Ende der Welt angekommen.
Schön, dass es doch noch weitergeht.
 

John Wein

Mitglied
Vom Himmel zurück in die Welt

Conques, Dienstag, 24. Juni 2008

Die Spatzen auf der Dachrinne vor dem Fenster tschilpen vielstimmig gegen die ersten Strahlen der Sonne an. Ein neuer Morgen macht Lust auf neues Leben. Tag für Tag wiederholt sich dieses Abenteuer, und gerade, weil wir inzwischen damit vertraut sind, finden wir immer wieder die Kraft und die Freude, Neues zu wagen. Vielleicht unterscheidet uns das von den Tieren, deren Tun vor allem dem Instinkt folgt.

Aufstehen oder liegen bleiben ist auch heute keine Frage. Flugs helfen mir die Frische des Tages und der verlockende Kaffeeduft, der aus dem Bistro im Erdgeschoss heraufzieht, in die Puschen.

„Guten Morgen, ihr Lieben! Sieben Uhr! Es ist Kaffeezeit!“, ruft Katrin von unten.

Wenig später sitzen wir beim Frühstück beisammen. Katrin wirkt bereits hellwach und hat sich als Erste über den Brotkorb hergemacht.

„Heute machen wir es uns leicht“, sagt sie und hebt ihre Kaffeetasse. „Andere pilgern, wir lassen pilgern.“

Draußen vor der Pforte brabbeln unentwegt die Motoren dreier Taxen in die morgendliche Stille. Sie sollen uns den Weg nach Figeac verkürzen. Decazeville, die von der Montanindustrie geprägte Kleinstadt, lassen wir heute links liegen und verkürzen damit zugleich die Etappe. Nach den Anstrengungen der vergangenen Tage erscheint uns diese kleine Nachsicht gegenüber den eigenen Beinen durchaus vertretbar.

„Ja sicher nöd eifach!“, widerspricht Beat lachend. „D'Kilometer, wo mer uslaht, mues mer sich am Schluss trotzdem no im Chopf erkläre.“

„Dann überlasse ich das Rechtfertigen euch Schweizern“, entgegnet Katrin. „Ihr seid schließlich neutral.“

Selbst um diese frühe Stunde sorgt das für Heiterkeit.

Als wir unsere Rucksäcke schultern, wirft Ralf einen Blick auf die wartenden Fahrzeuge.

„Der bequemste Pilgerweg meines Lebens“, stellt er trocken fest.

„Genieß es“, sagt Katrin. „Spätestens morgen holt uns die Wirklichkeit wieder ein.“

Wahrscheinlich hat sie recht. Doch heute überlassen wir den ersten Teil des Weges den Taxifahrern und sparen unsere Kräfte für die Kilometer auf, die noch vor uns liegen.

Unsere Wanderung beginnt bei Montredon, einem verschlafenen Weiler hoch oben an den nördlichen Hängen des Lots, der hier in einer weiten Schleife nach Westen fließt. Die Strecke von 20 km erscheint wenig anspruchsvoll. Hinter dem Dorf wird die Landschaft lieblich und einladend. Über die sanft gewellte Flur hinweg verliert sich der Weg vor unseren Augen im fernen Dunst. Ländliche Aromen liegen über den Feldern und vermitteln eine heitere Behaglichkeit.

Zwischen Äckern und von Sträuchern gesäumten Weiden sind kleine Höfe und Weiler wie zufällig in die malerisch verträumte Landschaft eingestreut. Hier und da setzen dunkle Steineichen markante Akzente ins satte Grün. Auch die Namen der Ortschaften klingen wie Musik: Montredon, Guirande, Gévaudan, La Rajoulie, Saint-Jean-Mirabel, Peyre-Levade, La Maleyrie. Südliches Flair weitet Herz und Geist. Vielleicht ist es aber auch nur das freundliche Wetter, das die Gefühle so munter hüpfen lässt. Das Gehen vollzieht sich beinahe wie von selbst, nicht einmal das Zwicken im linken Fuß vermag die Gedanken zu trüben.

Nach der letzten Rast in Saint-Félix, erreichen wir eine schattige Eichenallee auf einer Kammhöhe oberhalb der Stadt. Es ist ein eher unscheinbarer Ort am Rand einer Landstraße, doch der Blick entschädigt. Tief unten leuchten die Schieferdächer Figeacs in der Nachmittagssonne.

Nach Tagen zwischen Hügeln, Wäldern, Weilern und romanischen Kirchen erscheint Figeac beinahe wie eine Metropole. Natürlich würde jeder Pariser bei diesem Gedanken in schallendes Gelächter ausbrechen, doch für einen Pilger, dessen letzte große Herausforderung im Auffinden eines funktionierenden Dorfbrunnens bestand, besitzt Figeac geradezu urbanen Charakter.

Schon von Weitem kündigt sich die Stadt an. Straßen werden breiter, Häuser dichter, der Verkehr lebhafter. Die ersten Kreisverkehre seit Tagen wirken auf uns wie technische Meisterwerke der Zivilisation.

„Achtung! Autos!“, ruft Ralf theatralisch.

„Und Menschen“, ergänzt Anne.

„Sogar mehrere gleichzeitig“, staunt Wolfgang.

Tatsächlich scheint Figeac von einer geradezu verschwenderischen Menge an Einwohnern bevölkert zu sein. Menschen sitzen in Straßencafés, unterhalten sich, telefonieren, eilen geschäftig durch die Gassen oder betrachten Schaufenster, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt.

Wir Pilger hingegen bewegen uns zwischen ihnen wie Angehörige eines fremden Stammes. An unseren Schuhen klebt noch der Staub der Causses. Unsere Gesichter tragen die Sonne des Weges. Unsere Rucksäcke verraten schon von Weitem, dass wir einer anderen Zeitrechnung folgen. Während die Bewohner Figeacs in Stunden denken, rechnen wir längst nur noch in Kilometern.

Die Altstadt empfängt uns mit honigfarbenem Stein, mittelalterlichen Fassaden und schmalen Gassen. Über allem liegt jener unaufdringliche Wohlstand, den viele südfranzösische Kleinstädte ausstrahlen. Nichts drängt sich auf. Nichts protzt. Alles scheint seinen Platz gefunden zu haben.

Auf dem Place des Écritures bleiben wir stehen. Vor uns liegt die berühmte riesige Nachbildung des Steins von Rosette.

„Was steht da drauf?“, fragt Wolfgang.

Beat betrachtet die Zeichen einen Augenblick. „Wahrschinlich, wo's s nöchscht Bier git!“

Ralf nickt anerkennend. „Ein Mann mit Bildung.“

Gelächter.

Dabei war es ein Sohn dieser Stadt, Jean-François Champollion, der die Hieroglyphen der alten Ägypter entschlüsselte und damit einer versunkenen Welt ihre Sprache zurückgab.

Ich betrachte die Zeichen im Stein. Wie seltsam. Wir Pilger suchen auf unseren Wegen ebenfalls nach einer Sprache. Nicht nach jener der Pharaonen, sondern nach den Zeichen des eigenen Lebens. Manche finden Antworten. Andere finden neue Fragen. Und manche finden einfach ein freundliches Straßencafé mit Ausschank.

Was ebenfalls kein schlechtes Ergebnis ist.

Am späten Nachmittag sitzen wir schließlich auf einem belebten Platz. Vor uns ein großes Glas Bier. Hinter uns Jahrhunderte Geschichte. Über uns die milde Sonne des Quercy und für einen Augenblick fühlt sich die Welt erstaunlich vollständig an.

Vor der großen Brücke liegt reizvoll, beinahe wie ein am Ufer der Celé vertäutes Schiff, unser heutiges Quartier: das „Hotel des Bains“.


Alles in Fluss
 
Über allem liegt jener unaufdringliche Wohlstand, den viele südfranzösische Kleinstädte ausstrahlen. Nichts drängt sich auf. Nichts protzt. Alles scheint seinen Platz gefunden zu haben.
Könnte das nicht auch noch für andere Regionen Frankreichs gelten? Ich verfüge nicht über genügend Vergleichsmöglichkeiten, ich frage nur. Mir scheint möglich, dass hinter dem Phänomen eine allgemein hohe Geschmackskultur steht, frankreichweit. Äußert sie sich nicht ebenso im Film, im öffentlichen Auftreten usw.? Ich habe das immer bewundert, diese Wertschätzung fürs Formale.

Bis zur nächsten Station
Arno
 

John Wein

Mitglied
Das Schweigegelübte

Figeac, 25. Juni 2008

Als ich erwache, schimmert das erste Licht des Tages durch die Gardinen. Für einen Moment weiß ich nicht, wo ich bin. Ich drehe mich nochmal um, das Bett ist angenehm und die Beine schwer von den Kilometern der vergangenen Tage.

Dann kehren die Bilder zurück: die engen Gassen von Figeac, das gute Essen, das Gelächter am Abend, der Wein und schließlich der langsame Heimweg entlang des Flusses.

Ich trete ans Fenster und schiebe die Gardinen zur Seite. Die Célé liegt glatt wie geschmolzenes Blei zwischen den Ufermauern. Die Häuser spiegeln sich im Wasser, leicht verzerrt von der Strömung. Über die schmale Brücke tastet sich ein Lieferwagen, ein alter Mann führt seinen Hund aus, aus der Bäckerei auf der anderen Seite des Flusses dringt der Duft frischer Croissants. Frankreich versteht es, den Tag würdig zu eröffnen.

Unser Hotel liegt unmittelbar hinter der Brücke am Ufer, wie ein fest vertäutes Schiff, das sich nach langer Fahrt zur Ruhe gelegt hat. Während der Nacht muss ich Teil seiner Besatzung geworden sein. Aus einem benachbarten Zimmer dringt das dumpfe Poltern eines Rucksacks der zu Boden fällt. Irgendwo quietscht eine Tür. Ein Wasserhahn wird aufgedreht. Die Mannschaft erwacht.

Im Frühstücksraum herrscht jene eigentümliche Morgenstimmung, in der alle bereits wach, aber noch nicht vollständig in der Welt angekommen sind. Das Klappern von Tassen ersetzt die Unterhaltung. Kaffeeduft zieht durch den Raum wie Weihrauch durch ein Kirchenschiff. Die Gesichter wirken friedlich, solange niemand nach der heutigen Etappe fragt.

Ralf erscheint als Erster.

„Morgen allerseits. Lebt ihr noch?“

„Frog i eire Stund nomal“,

brummt Beat und greift nach der Kaffeekanne. Die Schweizer scheinen am Morgen grundsätzlich mit einem gewissen Misstrauen gegenüber der Welt zu beginnen.

Vera lacht. „Mit Lüüt redt er erscht nach em zweite Kafi.“.“

„Und du John, bist du schon wach oder dichtest du noch?“

„Beides Ralf“, sage ich, „reich mal den Kaffee rüber!“

Kurz darauf erscheint Katrin mit dem Wanderführer unter dem Arm. Sofort verstummen die Gespräche. Pilger besitzen einen feinen Instinkt für schlechte Nachrichten. Katrin setzt sich und schlägt den Führer auf.

„Keine Sorge“, sagt sie gut gelaunt. „Heute nur zweiunddreißig Kilometer.“

Für einen Moment herrscht vollkommene Stille. Selbst die Kaffeetassen scheinen innezuhalten.

Ralf beißt in sein Croissant. „Katrin lebt längst in einer anderen Realität.“

„Pilgerrealität“, verbessert Eva.

Beat nickt langsam. „Zweiunddrißg Kilometer sind nümme: nur.“

Erika rührt friedlich in ihrem Kaffee. „Der Herr gibt die Kraft.“

„Kann er mir zuerst noch ein Croissant geben?“, fragt Ralf.

Gelächter rund um den Tisch. Die Anspannung löst sich. Was sollen wir auch tun? Die zweiunddreißig Kilometer werden dadurch nicht kürzer.

Während dessen kämpfe ich mit einer dieser winzigen Marmeladenportionen, die offenbar von denselben Ingenieuren entwickelt wurden, die auch U-Boot-Luken konstruieren. Zunächst versuche ich es mit den Fingern. Dann mit dem Messer. Dann mit roher Gewalt. Die Marmelade bleibt unbeeindruckt.

„Brauchst du Werkzeug?“, fragt Ralf.

„Einen Schweißbrenner.“

„Ich hab‘ nur einen Wanderstock.“

Schließlich platzt die Folie auf. Aprikosenmarmelade verteilt sich explosionsartig über Finger, Messer und Tischdecke.

„Treffer!“, ruft Ralf.

„Zwei Pünktli für d'Konfi!““, ergänzt Beat.

Der Speisesaal lacht. Mir platzt ein unaussprechliches Wort aus dem Mund.

Dem heutigen Tag hatte ich immer mit einem flauen Bangen im Herzen und mit Ehrfurcht entgegengesehen. Seit Le Puy hatte ich ihm entgegengefiebert, denn er trägt die längste Etappe der ganzen Wanderung im Gepäck. Nach beinahe 250 Kilometern zu Fuß sollten weitere 32 Kilometer bis Cajarc hinzukommen, über weite Strecken auf den Chausses ohne Schatten und unter der angekündigten Sommerhitze.

Oft hatte ich mir in den vergangenen Tagen zugeredet, diese Etappe werde zwar lang, aber nicht schwierig sein und nicht jene steilen, steinigen Prüfungen bereithalten, wie das Zentralmassiv. Aus dieser Hoffnung war nach und nach eine beruhigende Zuversicht geworden. Heute würde sich zeigen, ob sie berechtigt war.

Cajarc zu erreichen, bedeutet mir mehr als das Ende eines langen Wandertages. Es bedeutet, den Weg nach Cahors beinahe in den Händen zu halten. Noch nicht geschafft, aber sichtbar, greifbar, erreichbar.

Auf geht's!

Es ist das Aufbruchssignal an jedem Morgen.

Flott erklimmen wir die Höhen westlich von Figeac. „PGV!“, ruft uns ein Urschweizer Pilger entgegen. In Anlehnung an den französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV klassifiziert er unsere Gruppe als Pèlerin Grand Vitesse, Großgeschwindigkeitspilger. Diese unverblümte Aufrichtigkeit trifft mich derart unerwartet, dass mir die passende Erwiderung zunächst fehlt. Schließlich schenkt mir seine Bemerkung aber auch eine beruhigende Erkenntnis: Auf diesem Weg gibt es Menschen, und seien es Schweizer, die noch erheblich gemächlicher unterwegs sind als ich.

Unser Express rollt zügig über die Causses de Quercy oberhalb des Lot nach Faycelles, einem reizvollen, blütengetränkten Flecken mit grandiosem Blick über das Tal. Hier könnte ich mir durchaus einige Ferientage vorstellen. Doch der heilige Jakobus in der Dorfkirche mahnt mit unübersehbar gebieterischer Miene zur Weiterreise. Mit Frischwasser versorgt und von mancherlei Ballast erleichtert beenden wir die höchst willkommene Rast.

Die Causses, gesprochen „Koohs“, zählen wegen ihrer herben Schönheit und ihrer außerordentlich geringen Besiedlungsdichte zu den eindrucksvollsten Landschaften Frankreichs. Es sind karstige Hochflächen von beinahe steppenartigem Charakter. Der Kalkstein speichert kaum Wasser, das meiste versickert rasch im Untergrund. Nur vereinzelt liegen Gehöfte und kleine Dörfer in der weiten Landschaft verstreut. Tiefe Schluchten und Flusstäler zerschneiden die sanft gewellten Höhen.

Von einer frühen Besiedlung zeugen zahlreiche Dolmen, steinerne Monumente aus vorgeschichtlicher Zeit. Vermutlich dienten sie einst als Grabstätten oder Kult Orte. Seit Jahrtausenden trotzen sie Wind, Wetter und dem Vergessen.

Die heutigen Opfersteine liegen jedoch weit zahlreicher unter meinen Füßen. Pilger haben sie entlang des Weges gesammelt und auf Sockeln von Wegkreuzen, Mauern oder Grenzsteinen abgelegt. Dort symbolisieren sie Hoffnungen, Bitten und Dankbarkeit.

Für mich sind die Dinge bislang gut gelaufen, und ich bin zuversichtlich, dass es so bleiben wird. In meiner Brust schlägt ein Herz voller Dankbarkeit, ohne dass ich sagen könnte, wem dieser Dank eigentlich gebührt. Dem bezaubernden Tag? Der unbändigen Natur ringsum? Dem beschwingten Leben selbst? Oder dem Himmel, der sich so grenzenlos über diese Landschaft spannt?

Die lautlose Verwandlung des Gewöhnlichen in einen Rausch aus Bewusstsein und Empfinden verleiht Flügel. Alles scheint heller, bedeutungsvoller, gegenwärtiger. Mir ist, als hätte ich etwas Wesentliches erkannt, etwas, das sich jeder Formulierung entzieht. Doch der Gedanke, jemand könnte Zeuge meiner stillen Verzückung werden, ist mir peinlich. Also gehe ich weiter. Den Blick auf den Weg gerichtet, die Hände an den Rucksackriemen, trotte ich schweigend dahin und tue so, als beschäftigten mich lediglich die nächsten Kilometer.

Anne schließt zu mir auf. „Du bist heute so still“, sagt sie. „Iss was?“

In ihrer Stimme liegt keine Neugier, sondern Anteilnahme. Gerade das macht die Frage so schwierig.

„Nö.“ Mehr bringe ich nicht hervor. Ein paar Schritte gehen wir schweigend nebeneinander her.

„Warum sagst du denn nichts?“

Nun sitze ich in der Falle. Eigentlich möchte ich allein sein mit meinen Gedanken. Zugleich will ich sie nicht vor den Kopf stoßen. Zwischen Schweigen und Erklären suche ich nach einem Ausweg.

„Ich habe heute mal ein Schweigegelübde abgelegt.“

Kaum ausgesprochen, bereue ich den Satz. Herrgott! Nicht genug damit, dass du körperlich ein Tollpatsch bist, jetzt stolperst du auch noch über die Gefühle anderer Menschen.

Doch Anne reagiert völlig anders, als ich befürchtet habe.

„Oh“, sagt sie leise. Sie nickt verständnisvoll. „Das tut mir leid.“

Nach einer kleinen Weile fügt sie hinzu: „Ich versteh das gut. Dann lass ich dich in Ruhe. Entschuldige bitte.“

Sie bleibt zurück. Ich gehe weiter. Eine Zeitlang begleitet mich nur das Knirschen meiner Schritte auf dem Weg. Eigentlich hätte ich ihr sagen sollen, dass ich nur meinen Gedanken nachhing. Dass die Landschaft, die Hitze und die vielen Eindrücke mich schweigsam gemacht hätten. Stattdessen hatte ich mich hinter einem erfundenen Schweigegelübde verschanzt. Anne hatte mir ihre Offenheit geschenkt, und ich hatte sie mit einer Ausrede beantwortet. Je länger ich darüber nachdenke, desto schlechter gefällt mir meine kleine Notlüge. Manchmal sind es nicht die großen Verfehlungen, die einem nachhängen, sondern die kleinen Unaufrichtigkeiten gegenüber freundlichen Menschen.

Im schattigen Licht des späten Nachmittags stehen wir auf den Klippen hoch über Cajarc und dem weiten Bogen des trägen dahinfließenden Lots. Wahrlich, ein Anblick zum Ertrinken. Das schmucke Dorf liegt friedlich in die Landschaft gebettet. Die Dächer leuchten im warmen Licht, während sich der Fluss gemächlich durch das Tal windet, als hätte er alle Zeit der Welt.

„Wisst ihr eigentlich, dass Françoise Sagan hier geboren wurde?“, fragt Katrin und deutet hinunter auf den Ort.

„Die Schriftstellerin?“, frage ich

„Genau die. Mit achtzehn hat sie bereits ihren berühmtesten Roman geschrieben.“

„Bonjour Tristesse“, ergänzt Anne.

Katrin nickt. „Der hat sie praktisch über Nacht berühmt gemacht.“

Ich lasse den Blick noch einmal über das Tal schweifen.

„Bonjour Tristesse“

Ein denkbar unpassender Titel für diesen Anblick.

„Ich habe immer eine große Lebenslust gehabt und immer Lust zu schreiben. Das Glück wollte es, dass mir beides gelungen ist.“

>Dieser Satz von Françoise fällt mir beim Schreiben ein. Und wirklich, kaum jemand dürfte ihn glaubwürdiger ausgesprochen haben. Ich hingegen würde mir wünschen, wenigstens einen Teil davon für mich beanspruchen zu dürfen.<

Während ich über das Tal blicke, empfinde ich jene lautlose Verwandlung des Gewöhnlichen in Staunen, die mich auf diesem Weg immer wieder überrascht. Nicht allein der Ausblick ist dafür verantwortlich. Vielleicht ist es die Summe all der Schritte, Gedanken und Begegnungen der vergangenen Tage.

Bei aller Seligkeit ist mir beinahe entgangen, dass die längste Etappe unserer Wanderung nun hinter uns liegt. Merkwürdigerweise stellt sich kein Hochgefühl ein.

Kein Triumph.

Kein Jubel.

Stattdessen empfinde ich eine eigentümliche Mischung aus Erleichterung, Müdigkeit und Schmerz. Der Körper hat seine Rechnung präsentiert und fordert nun unmissverständlich seinen Anteil.

Vielleicht verhält es sich mit großen Herausforderungen wie mit Berggipfeln: Solange man ihnen entgegenstrebt, füllen sie die Gedanken aus. Hat man sie erreicht, bleibt oft nur stille Erschöpfung zurück.

Immerhin verströmt die Aussicht auf das Schwimmbecken unseres Hotels eine gewisse Glückseligkeit, und nach zweiunddreißig Kilometern unter südfranzösischer Sonne erscheint mir ein Bad im kühlen Wasser, als eine der großartigsten Errungenschaften der menschlichen Zivilisation.


Alles in Fluss
 



 
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