Bis ans Ende der Welt

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John Wein

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Abschied

Cahors, 27. Juni 2008

Am nächsten Morgen sitzen wir ein letztes Mal gemeinsam zusammen im Frühstücksraum des Hotels.

In der Kanne dampft der Kaffee, das Baguette liegt auf dem Tisch und doch fühlt sich alles anders an als an den vielen Morgen zuvor. Niemand fragt nach der Wegmarkierung, keiner prüft mehr den Rucksack, niemand zählt mehr die Kilometer des kommenden Tages.

Der Weg liegt hinter uns.

„Komisch“, sagt Anne und streicht mit dem Messer über ihr Brot. „Vor zwei Wochen waren wir uns noch völlig fremd.“

„Und jetzt wissen wir alles voneinander“, meint Eva.

Ralf hebt die Augenbrauen.

„Alles ist vielleicht übertrieben. Ich weiß zum Beispiel immer noch nicht, warum John so viele Gedanken in einem Kilometer unterbringt.“

Gelächter.

„Und ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, jeden Berg mit einem Spruch zu bekämpfen“, erwidere ich.

„Das ist meine Spezialausrüstung“, sagt Ralf. „Andere haben Stöcke, ich habe Humor."

Katrin lächelt.

„Aber ihr müsst zugeben: Der Weg hat uns zusammengeschweißt.“

Sie hat recht.

Wir sprechen noch einmal über Le Puy, die ersten Schritte, die Weite der Margeride, die Einsamkeit des Aubrac, die nassen Morgen, die langen Anstiege, die kleinen Dörfer, die Begegnungen und die vielen Abende, an denen wir erschöpft, aber glücklich zusammen am Tisch gesessen haben.

„Was bleibt wohl am meisten?“, fragt Uschi leise.

Eine kurze Stille.

„Die Landschaft“, erwidert Wolf.

„Das Essen“, Ralf.

„Natürlich“, meint Eva lachend.

„Die Menschen“, sagt Katrin.

Ich schaue in die Runde. Vielleicht ist es genau das: nicht nur der Weg, sondern die Menschen, mit denen man ihn gegangen ist.

Dann kommt der Augenblick, den jeder hinauszögern möchte.

Rucksäcke und Gepäck stehen bereit.

Die einen nehmen den Zug Richtung Paris und von dort den Weg nach Hause. Die anderen fahren mit dem Bus nach Toulouse, um von dort zurückzufliegen. Plötzlich werden aus Pilgern wieder Reisende.

Wir stehen unten vor dem Hotel.

Umarmungen.

Händedruck.

Ein letztes Lachen.

Ein paar Tränen

„Macht’s gut.“

„Kommt gesund heim.“

„Vielleicht sieht man sich wieder.“

Niemand weiß, ob es so sein wird. Aber jeder weiß, dass diese Tage in uns bleiben.

Als der Bus abfährt und die anderen mit ihren Taschen Richtung Bahnhof gehen, bleibt für einen Moment nur die Stille des Platzes. Vor wenigen Stunden waren wir noch gemeinsam unterwegs auf der Via Podiensis. Jetzt führen unsere Wege wieder in verschiedene Richtungen. Doch ein Stück dieses Weges tragen wir alle weiter mit uns.

„À l'année prochaine?“ – „Bis nächstes Jahr!“


Alles in Fluss
 
Es ist dir hier gelungen, John, die besondere Atmosphäre eines solchen Auseinandergehens gut zu treffen. An sich (d.h. bei anderen Gelegenheiten) wenig bedeutsame Aktionen bekommen in der speziellen Situation ein besonderes Gewicht. Ich bin neugierig, ob es in der Folge zu Wiederbegegnungen kam.

Ich musste etwas im Gedächtnis kramen, um auf Vergleichbares zu stoßen (gewöhnlich Reisen nur allein oder mit Freunden von zu Hause gemacht). Dann fiielen mir Abschiedsszenen nach einer Massenwochenendparty am Rand von New York ein. Es taucht ein hübscher, freundlciher junger Mann auf, mit dem ich nur ab und zu einige Sätze gewechselt hatte. Jatzt höre ich ihn als Letztes sagen: "See you next year at Fire Island!" Weder habe ich diese Insel noch mal besucht noch ihn je erneut getroffen. So bleibt er seit 50 Jahren in meinem Gedächtnis: ein Contergan-Opfer, das nur mit Krücken gehen konnte und mit Krücken Billard spielte. Er sagt bis heute immer wieder: "See you next year ..." Ohne sein besonderes Schicksal wäre es mir nicht im Gedächtnis geblieben. Ich finde die Erinnerung zwar auch etwas belastend, möchte sie gleichwohl nicht missen. Bei solchen Erinnerungen muss ich an Hebels Erzählung "Das Bergwerk von Falun" denken. Die Toten in unserer Erinnerung altern nicht mehr.

Schöne Montagsgrüße
Arno
 

John Wein

Mitglied
Es ist dir hier gelungen, John, die besondere Atmosphäre eines solchen Auseinandergehens gut zu treffen. An sich (d.h. bei anderen Gelegenheiten) wenig bedeutsame Aktionen bekommen in der speziellen Situation ein besonderes Gewicht.
Danke Arno,
Ja darum ging es mir, einen Abschied als Kopfkino aufzuführen. Hier kann man eine Stimmungslage, die man selbst oft auch erlebt hat, bildlich besser nachempfinden, als einfach nur: Aufwiedersehn und tschüss!
Gruß, John
 

John Wein

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Die Geschichte geht weiter


Cahors, Sonntag 07. Juni 2009

Der Jakobsweg lässt einen nicht los. Man verlässt ihn zwar, aber er verlässt einen nicht.

Zwischen Nacht und Morgen, pünktlich um 5:23 Uhr, rollt der Nachtzug aus Paris in die gewaltige Bahnhofshalle von Cahors im Südwesten Frankreichs. Wir sind die einzigen Reisenden, die hier aussteigen. Für die kleine Stadt im ländlichen Südwesten Frankreichs erscheint der gläserne Dom des Schienenverkehrs vollkommen überdimensioniert. Die Station an der Strecke nach Toulouse träumt an diesem schläfrigen Morgen in eine gähnende Leere hinein.

Bahnhofsaromen aus Bremsabrieb, Öl und Dieseldämpfen wabern träge über Bahnsteige und Gleise. Melodisch dahinscheppernd unterbricht der Abfahrtsgong die Stille. Dann gleitet der TGV lautlos aus der Halle. Zurück bleiben drei übernächtigte Personen, auf dem gähnend leeren und langen Perron.

Über dem Pflaster der Bahnhofs-Allee liegt der süße Duft von Robinien. In diese feiertägliche Dämmerung grüßt ein unaufgeregter Sonntagmorgen mit der Milde eines Maientages. Die Beklommenheit, die einen beim Betreten einer unbekannten Stadt und in einem fremden Land befällt, verliert sich jetzt mit jedem Schritt und in uns erwacht eine neue Zuversicht. Sie schärft die Sinne und wischt die schläfrige Müdigkeit aus Augen und Gliedern.

Wir sind keine Zufallsbekanntschaft: Erika, Wolf und ich. Im Vorjahr waren wir als Fremde in Le Puy aufgebrochen und als Weggefährten in Cahors angekommen. Die gemeinsamen Wochen auf dem Jakobsweg hatten etwas entstehen lassen, das über die Reise hinaus Bestand hatte. Aus zufälligen Begegnungen war Vertrauen gewachsen, aus Mitpilgern Freunde.

Im Laufe der Zeit war der Entschluss gereift, den begonnenen Weg auf der Via Podiensis weiterzugehen. Wir planten den Faden wieder aufzunehmen und ihn auf elf Etappen gemeinsam weiterzuspinnen, weiter nach Südwest, nach Aire sur L’Adour, dem Scheidegebirge der Pyrenäen entgegen. Jetzt, ein Jahr danach, stehen wir wieder an jenem Ort, an dem wir uns damals verabschiedet hatten.

In der Avenue Jean Jaurès, an der Pforte des „Hôtel de France", drücke ich die Glocke.

Nichts.

Kein Licht. Keine Bewegung. Nur die Stille des frühen Sonntagmorgens.

Wolf stellt den Rucksack ab.

„Um die Uhrzeit macht uns doch kein Mensch auf“, meint er. „Die schlafen alle noch.“

Ich drücke abermals....

... wieder rührt sich nichts.

„Es ist einfach zu früh“, erwidere ich.

Erika, kontert:

„Ach, wart's nur ab. Der liebe Gott wird‘s schon richten.“

Wolf verdreht die Augen.

„Meinst du, er hätte auch einen Zimmerschlüssel?“

„Bestimmt“, antwortet Erika ungerührt. „Und wenn nicht, kennt er jemanden, der einen hat.“

Ich drücke ein drittes Mal.

Da hört man tatsächlich ein Klicken.

Wolf dreht sich um.

„Also gut. Eins zu null für den Herrgott.“

Die Tür öffnet sich und Monsieur le Patron, ein sanftmütig älterer Herr begrüßt uns und bittet uns herein. Bald danach sitzen wir vor einer dampfenden Kaffeekanne, frischem Baguette und einem Frühstück, das keine Wünsche offenlässt.

Glück muss man haben!

Da liege ich nun, auf dem großen Bett, geräumige zwei Meter im Quadrat, die Arme weit ausgebreitet, erschöpft und gedankenbewegt. An Schlaf ist trotz aller Mattigkeit nicht zu denken. Ich starre auf die kalkweiße Zimmerdecke und sehe darauf ein unbeschriebenes Blatt, eine Tabula Rasa, auf der sich die Erwartungen, Sehnsüchte, Hoffnungen, aber auch die leisen Besorgnisse der kommenden Tage schemenhaft abzuzeichnen beginnen. Was werden sie bringen? Werden sie die Fortsetzung all jener Eindrücke und Erfahrungen bereithalten, die uns im vergangenen Jahr auf dem Weg von Le Puy bis hierher begleitet haben?

Heute ist dieser Tag gekommen und was hinter dem Horizont auf uns wartet, wissen wir noch nicht. Vor uns liegen elf Etappen. Die Route führt weiter nach Südwesten, durch die Gascogne, eine Landschaft, die wir noch nicht kennen und die darauf wartet, von uns entdeckt zu werden. Das Ziel, im Angesicht der Pyrenäen, heißt Aire-sur-l’Adour.

Der Weg ist derselbe geblieben,

drei Menschen,

drei Rucksäcke

und elf Etappen.

Mehr braucht es nicht.

Bon chemin! Los geht’s!


Alles in Fluss
 
Eine Überraschung: Drei Reisegruppenmitglieder stehen nun ganz auf eigenen Füßen, damit hatte ich nicht gerechnet. Es wird den Charakter der Fortsetzung verändern, verglichen mit dem ersten Teil. Auf die Unterschiede in den Abläufen bin ich neugierig.

Übrigens hat jetzt die unerwünschte Werbung, über die wir neulich klagten, John, bei mir noch weiter zugenommen. Bei diesem neuen Beitrag von dir werden jetzt einzelne Wörter aus deinem Text farblich hervorgehoben und unterstrichen (davor ein mir unbekanntes Symbol) und wenn ich den Begriff anklicke, bekomme ich a) Werbung und b) allerhand kluge Ausführungen zu diesem Stichwort von einer KI Gemini geliefert. Beispiel: Das Wort Rucksack im Satz "Wolf stellt den Rucksack ab." Es nervt wirklich. Ich habe mal den Browser gewechselt - erfolglos. Ob andere hier Ähnliches erleben? Um es ganz klar zu sagen: Es gibt Grenzen des Erträglichen.

Schöne Grüße
Arno
 

John Wein

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Ein neuer Abschnitt beginnt

Cahors – Moncuq, Montag, 07. Juni 2009

Fest verankert im Fluss hat die Pont Valentré seit dem 14. Jahrhundert die wechselhafte Geschichte unbeschadet überdauert, wobei selbst der Teufel laut einer alten Sage den Bau der Brücke nicht verhindern konnte. Sie ist Übergang des Flusses und Stadttor zugleich. Neben ihrer ehemaligen Schutzfunktion, wurde hier auch der Zugang in die Stadt hinein und aus ihr heraus kontrolliert. Heute dient sie nur noch den Fußgängern und ist das historische Wahrzeichen von Cahors und ein Beispiel für die hohe Kultur mittelalterlicher Baukunst.

Es ist Montag, ein wolkenverhangener und milder Junimorgen. Wir überqueren die Brücke und starten die Etappe nach Montcuq im Herzen des Quercy Blanc. Der Wanderführer gibt die Entfernung mit 31,5 km oder 8 Stunden Gehzeit an und meldet keine kritischen Stellen. Am gegenüber liegendem Ufer des Lots führt der Pfad steil bergan und über Treppen und Vorsprünge hinauf zum Croix de Magne, einem mächtigen Kreuz hoch über der Stadt.

Wolf lehnt sich auf seine Stöcke und blickt zurück.

„Jetzt gibt's kein Zurück mehr.“

„Doch“, erwidere ich, „einfach umdrehen.“

„Das zählt nicht“, lacht er.

Erika betrachtet die Pont Valentré tief unten im Tal.

„Eigentlich schade“, sagt sie. „Man kommt gerade erst an und geht schon wieder fort.“

„Das ist ja der Sinn des Pilgerns“, meint Wolf. „Immer dort weggehen, wo es einem gerade gefällt.“

Wir verabschieden uns von Cahors, und mit zunehmender Entfernung verblasst das Gesicht der Stadt im grauen Dunst des Morgens.

Später, zur Mittagsstunde, öffnet sich allmählich der Himmel und macht der Sonne Platz. Der Weg führt beschwingt durch Mohnblumenwiesen und windet sich dann aufwärts in ein modriges Eichengehölz nach Lascabanes. Langsam komme ich ins Schwitzen. Als wir das weltabgeschiedene Nest erreichen, sind wir bereits fünf Stunden unterwegs. Lascabanes liegt unter der Sonne wie ein vergessenes Wort auf einer vergilbten Seite. Es ist ein eigentümlicher Ort: kein Laut, keine Bewegung, kein Zeichen von Geschäftigkeit, als hätte das Leben für einen Augenblick den Atem angehalten. In der Sakristei des Kirchengemäuers brummt ein Kühlschrank und bezeugt, dass die Zeit noch nicht völlig zum Stillstand gekommen ist. Im Inneren finden wir Karaffen mit kühlem Wasser. Wir erfrischen uns, rasten ein paar Minuten und ziehen weiter, während Lascabanes still und reglos in seinem Dornröschenschlaf verharrt.

Noch eine letzte Anhöhe, und wir erreichen am späten Nachmittag das verschlafene Montcuq. Hier im Herzen des Quercy Blanc liegt unser Tagesziel. Über wohlbestallte Dächer grüßt uns ein mittelalterlicher Bergfried, ein klobiger Rest der ehemaligen Burgfeste. Die aus dem 13. Jahrhundert stammende Anlage wurde in den Wirren des Hundertjährigen Krieges bis auf die Reste des Turmes geschleift. Vor dem Café du Centre finden wir, geschützt von einer Lorbeerhecke vor der Hauptstraße, ein hübsches Plätzchen zum Verweilen. So ein Weißbier ist nach 32 km einfach köstlich. Ich lehne mich zurück und betrachte den Donjon, der über den Dächern des Dorfes wacht.

„Vor einer Stunde hätte man mir auch einen Sessel mit Lehne und zwei Trägern verkaufen können“, sage ich.

Wolf schaut mich an. „Du siehst noch erstaunlich lebendig aus.“

„Das täuscht. Innerlich bin ich bereits seit fünf Kilometern zusammengebrochen.“

Erika schüttelt den Kopf. „Davon merkt man aber nichts.“

„Pilgerstolz“, erklärt Wolf. „Man jammert erst am Abend.“

„Nein“, sagt Erika. „Morgen früh erzählt er wieder, wie wunderbar alles war.“

Für einen Augenblick schweigen wir und lassen den Blick über die Dächer des Dorfes schweifen.

„Eigentlich verrückt“, sage ich schließlich. „Heute Morgen standen wir noch an der Pont Valentré in Cahors. Jetzt sitzen wir hier und morgen ist auch das schon wieder Vergangenheit.“

Erika nickt. „Damit aus einem Tag eine Erinnerung wird.“

Das Weißbier schmeckt nach Gerste, Hefe und einem langen Tag auf staubigen Wegen. In diesem Augenblick erscheint es mir als eine der gelungensten Erfindungen der Menschheit.

Unten in einer Talaue liegt, versteckt hinter moosbegrünten Mauern und in einem Garten voller Wildwuchs, das verschlafene „Hotel du Parc“. Der ehemalige Gutshof ist unsere Herberge für die Nacht. Das trutzige Gemäuer mit seinen verwinkelten Korridoren, knarrenden Dielen und dunklen Stiegen ist ein sicheres Refugium und macht einen heimeligen Eindruck. Mit seiner rustikalen Möblierung vermittelt es ein gediegenes Wirtshausambiente.

Ich habe Blei in Beinen.

Abends im Speisesaal studiert Wolfgang mit ernster Miene die Karte.

„Was hoffst du zu finden?“, frage ich.

„Etwas mit Kalorien.“

Kurz darauf stellt die Wirtin die Teller vor uns ab. Lammkarree mit Bohnen. Wolfgang betrachtet die Portion prüfend.

„Bohnen?“

„Was hast du erwartet?“, fragt Erika.

„Pommes, Berge von Pommes!“

„Du bist in Frankreich.“

„Eben.“

Wolf kostet vorsichtig.

„Und?“, frage ich.

Er legt Messer und Gabel kurz beiseite. „Ich nehme alles zurück.“

„Was genau?“

„Alles!“

Erika nickt, „Die französische Küche hat wieder einen Ungläubigen bekehrt.“

„Nein“, ich schneide bereits das nächste Stück ab, „sie hat einen Hungrigen bekehrt.“

Wir lachen, während sich draußen die Dämmerung im Garten einnistet und der lange Wandertag endlich seinen Frieden findet.

In meiner Kammer verschwimmen die Blümchen an der Tapete in gediegener Weise mit den Spitzengardinen vor dem Sprossenfenster und der Wasserblüten Patina an der Decke. Das altersschwache Lotterbett ächzt missmutig unter meinem Hintern.

Was macht's? Der Gaul ist matt.

Das Lammkarree mit den Bohnen liegt wohlig und zufriedenstellend in meinem Magen und verbreitet dort eine friedfertige Schwere. Dazu gesellt sich ein halber Liter Rotwein, der seine versöhnlichen Hände über Muskeln, Gelenke und Gedanken legt. Die Strapazen des Tages verlieren ihre Schärfe, werden weichgespült und in eine angenehme Ferne gerückt.

Für große philosophische Betrachtungen fehlt mir jetzt die Kraft. Selbst die Sorge um Füße, Knie und Hüften erscheint plötzlich unerquicklich anstrengend.

Mein armer Rücken!

Er meldet zwar vorsorglich Bedenken gegen die Beschaffenheit der Matratze an, doch seine Proteste verhallen in allgemeiner Erschöpfung.

Das Bett knarzt.

Ich knarze zurück. Wer von uns beiden älter ist, lässt sich schwer entscheiden. Wird mein Rücken morgen früh diese Matratze verzeihen? Wahrscheinlich nicht. Aber darüber können wir morgen immer noch verhandeln. Heute Abend sind wir zu müde für einen Streit.

Ich lösche das Licht.


Alles in Fluss
 
Die Kilometerleistung löst wieder einmal Staunen und Bewunderung bei mir aus, lieber John. Über 30 km an einem Tag, das ist mit meinen eigenen Dreißigern zu Ende gegangen. Was entnehme ich sonst noch dem Tagesbericht? Dass in Frankreich auch in recht kleinen Nestern Weißbier zu haben ist, immerhin. Daran habe ich selbst von meinem Aufenthalt in der französischen Provinz keine Erinnerung. Dagegen sind mir ähnliche Probleme mit der Bettbeschaffenheit noch gut im Gedächtnis. Da war mal ein unförmiges, sehr historisches Bett in einem Hotel in Brig / Wallis. Und tatsächlich, wenn man so müde ist, hadert man nicht lange. Ich weiß nur nicht mehr, wie ich mich dort am nächsten Morgen gefühlt habe.

Wünsche, wohl geruht zu haben. (Wir werden sehen.)
Arno
 

John Wein

Mitglied
Bester,
Na immerhin bist du bis hierher noch virtuell mitgelatscht! 4km/ph macht 7,5 Stunden über den Tag verteilt. Das war rel. gut zu schaffen. Ich kenne da noch ganz andere Rekordhalter. Aber das ein ander Mal.
Gruß und guten Weg,
John (Walker)
 

John Wein

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Aube Nouvelle

Dienstag 09. Juni 2009

Nicht einmal ein Wecker vermag dich so gründlich wachzurütteln wie das eiskalte Wasser aus diesem Hahn. Zwei Sterne garantieren offenbar nicht zwingend warmes Wasser inklusive.

Draußen hat der frühe Morgen den zarten Charakter eines Frühlingstages. Der Himmel spannt sich blitzblau über die Landschaft, während über dem Wiesengrund noch nebelversponnen die Schleier liegen. Die Sonne meint es gut mit uns.

Alles ist zum Besten gerichtet. Wir schnüren die Stiefel, schultern die Rucksäcke und geben dem Tag seinen Lauf.

Ringsum ist das Land wellig modelliert und der Horizont vom Licht mit kraftvollen Konturen gezeichnet. 1151 km Saint Jacques de Compostelle steht oben im Dorf auf dem Wegweiser, der uns hinaus ins Land führt. Ein hübsches Stück Weg ist das noch! In diesem Jahr wird das nichts mehr werden Dann geht es weiter, mit vielen Steinen unter den Sohlen, bergauf und bergab. Ein Weg, wie das Leben ihn schreibt: mal leicht, mal beschwerlich, selten geradeaus – und doch immer weiter.

Auf der Höhe verschluckt uns ein Steineichenhain mit seinem Schatten. Hier riecht es frisch und würzig und der federnd, modrige Boden des Wäldchens schont Füße und Kniee. Hier und da gibt es freundliche Ausblicke ins weite Land. Da leuchten wohl bestellte Felder im abgestuften Grün und hier und da grüßt ein Hof.

Es ist jene besondere Zeit im Jahr, in der der Frühling seinen Stab an den Sommer weiterreicht. Überall ist Wachstum und Fülle. Das Getreide schießt kraftvoll in die Höhe, die ersten Sommerfrüchte reifen, und ringsum erfüllt eine trällernde, summende Geschäftigkeit die Landschaft. Die Natur ist auf ihrem Höhepunkt des Jahres, alles wächst, alles reift, alles drängt dem Sommer entgegen.

Im Süden, hoch über den Feldern und auf einem Bergkegel thronend, wächst Lauzerte in den Himmel des Quercy Blanc. Noch windet sich der Weg eine gute halbe Stunde bergan, bevor wir das mittelalterliche Städtchen erreichen. Dicke Mauern umgeben den Ort. Flechten, Moos und Mauerpfeffer haben sich ihrer bemächtigt und ihnen jene morbide Patina verliehen, die nur die Zeit hervorbringen kann.

Lauzerte ist eine typische Bastide, eine jener Wehrstädte Aquitaniens, die einst auf den Höhen über dem Land angelegt wurden. Hier oben suchte die Bevölkerung Schutz, wenn unten im Tal Gefahr drohte. Der Aufbau folgte einem einfachen und zweckmäßigen Prinzip: ein rechtwinkliges Straßennetz, in dessen Zentrum ein ebenfalls rechtwinkliger Platz lag. Im Inneren lebte man geschützt und geborgen; im Ernstfall war der umschließende Mauerring schnell erreicht und die Verteidigung konnte beginnen.

Heute hat sich die Aufgabe des Ortes gründlich verändert. Lauzerte muss keine Feinde mehr fürchten. Heute heißt es die Fremden willkommen. Und wir gehören für diesen Tag dazu.

Der Grand Place ist von einem mittelalterlichen, mit Arkaden geschmückten Geviert umgeben. Die nahezu vollständig erhaltene Befestigung mit Toren und Wehrtürmen schnürt das Dorf noch immer in ein enges Korsett. Doch bei aller Wehrhaftigkeit blieb auch Lauzerte von den Religionskriegen nicht verschont und wurde schwer verwüstet.

Heute wohnen nur noch wenige Einheimische hier, die Pfarrstelle ist verwaist. Das geschlossene Ensemble aus Fachwerk, Naturstein und Arkaden wirkt beinahe wie ein lebendiges Museum. Über die Jahre hat sich eine andere Welt eingenistet. Aus Paris, Toulouse und Bordeaux kommen die Wochenend- und Feriengäste und füllen die alten Häuser mit neuem Leben, zumindest dann, wenn sie gerade da sind. Ansonsten bewacht Lauzerte seine Vergangenheit in beinahe vollkommener Ruhe.

Die Sonne steht senkrecht am Himmel. Die große Kastanie neben Saint-Barthélemy ist jetzt ein wahrer Segen und spendet uns ihren großzügigen Schatten. Wir stärken uns beim Picknick und genießen dabei den Blick auf das Panorama des Platzes.

Ein kräftiges Stück Pyrenäenkäse und ein ofenfrisches Baguette aus der örtlichen Boulangerie bilden unsere Wegzehrung.

Wolfgang betrachtet sein Mittagessen mit gespieltem Ernst.

„Pilgern senkt die Ansprüche.“ Er nimmt einen Bissen und kaut bedächtig.

„Und?“, frage ich.

„Hat Potenzial.

Erika schüttelt den Kopf. „Du denkst wirklich immer nur ans Essen.“

„Nicht nur“, erwidert Wolfgang. „Manchmal denke ich auch ans Trinken.“

„Und ans Gehen?“

„Nur wenn es sich nicht vermeiden lässt.“

Ich blicke über den Platz. „Eigentlich erstaunlich. Man läuft seit Tagen durch Frankreich, sieht Kirchen, Burgen, alte Dörfer und grandiose Landschaften.“

„Und?“

„Am Ende erinnert man sich trotzdem nur an das süffige Bier und den besten Käse.“

„Sprich für dich selbst“, sagt Erika.

„Mach ich ja.“

*Boamm!* Die Glocke schlägt eins.

Wolfgang seufzt. „Schade. Ich dachte schon, wir wären angekommen.“

Wir schultern unsere Rucksäcke und folgen dem Ruf der Glocke hinab ins Tal, treten heraus aus der Geschichte und zurück ins 21. Jahrhundert, Wald und Feld im Wechsel, das ist wenig spektakulär.

Vorn am Waldrand liegt ein alter Hof, viel Fachwerk und Wilder Wein, eingebettet in einen üppigen Blumengarten. Stockrosen, Bartnelken, Kapuzinerkresse und allerlei anderes Geblüh‘ umrahmen das Anwesen. Claude Monet fällt mir ein.

Ich hebe die Kamera. Da tönt es plötzlich:

„Privée!“ Und noch einmal, diesmal unmissverständlich: „Monsieur! Privée!“

Verdattert lasse ich den Apparat sinken.

Auf der Veranda lehnt eine alte Frau über die Brüstung. Eine wahre Flut französischer Vokabeln ergießt sich über mich. Ich verstehe kein Wort, doch Tonfall und Lautstärke lassen kaum Raum für Missverständnisse. Mit höflichem Lächeln und einer Reihe untertäniger Gesten, bitte ich stumm um Vergebung.

Wolf spricht Französisch.

„Was hat sie denn gesagt?“, als wir außer Hörweite sind, frage ich.

„Dass das ein Privatgrundstück ist.“

„Na klar“, erwidere ich. „Das habe ich auch verstanden.“

„Außerdem meinte sie, du solltest dir das fürs nächste Mal merken.“

„Ach so.“

Einen Augenblick des Schweigens.

„Und das war alles?“

„Im Großen und Ganzen.“

Sein Gesichtsausdruck verrät mir, dass Madam die Botschaft etwas farbiger formuliert hat. Ich beschließe, nicht nachzufragen. Den Vorfall ignoriere ich, vergessen werde ich ihn aber nicht. Es war weniger der Inhalt, als der Ton, der mir in Erinnerung bleibt. Dieses „nächste Mal“ sollte uns tatsächlich später noch einmal begegnen, wenn auch deutlich weniger scharfkantig in einem anderen Zusammenhang.

Es folgen zwei elende Kilometer bei brütenden Hitzewerten auf einer baumlosen Chaussee. Unsere Fußsohlen brennen auf dem Asphalt und aus den Gräben links und rechts summt und zirpt es um die Wette, als wolle uns die Welt der Insekten das Fersengeld geben. Je schneller wir werden, um den schattigen Saum am Ende der Landstraße zu erreichen, desto lauter wird das sonore Gezirp um uns herum.

Dann endlich hat auch diese Plackerei ihr Ende. Nach insgesamt 27 Kilometern stehen wir um siebzehn Uhr vor unserem Tagesziel in Douffur-Lacapallet. „Aube Nouvelle“, Neue Morgendämmerung, heißt unsere Herberge. Das schattige Idyll ruht tief in ländlicher Abgeschiedenheit verborgen unter hohen Bäumen.

Meine Kammer liegt hoch oben unter den Dachbalken. Ich schaue über das Blätterdach des Gartens ins weite Land hinaus. Die Abendsonne liegt noch warm über den Felder und die Welt ringsum steht still. Ich streife die Schuhe ab, und augenblicklich rinnt neues Leben durch meine Adern.

Beim Abendessen greife ich beherzt zu. Der Rote, auch hier ein allerliebster Begleiter der Mahlzeit, verschleiert sanft meine Gedankenwelt. Er glättet die Falten des Tages, besänftigt die Beschwerden der Glieder und wiegt die Sorgen in angenehme Ferne. Mit jedem Schluck wird die Last des Weges ein wenig leichter.

Wieder oben, stehe ich noch einen Augenblick am Fenster. Die Dämmerung sammelt sich zwischen den Bäumen, und über der Natur des Quecy Blanc sinkt langsam die Nacht herab. Wie leicht schreitet es sich jetzt über die Brücke zum Traum, wie süß wiegt da der nächtliche Schlummer in eine neue Morgendämmerung.

„Aube Nouvelle“

Alles in Fluss
 
Da konnte ich es doch nicht lassen, lieber John, gleich ein wenig im Internet herumzuspionieren. Den Weg von Lauzerte unmittelbar in die Landschaft hinein habe ich auf Luftbildern gefunden. Für das Erlebnis dort beim Fotografieren kommen mehrere Bauernhöfe in Frage, doch habe ich bei keinem solche Blumenpracht entdecken können. Eher gibt es die Tendenz, sich mit Gebüsch zum Weg hin gegen Einblicke zu schützen. Nun habe ich vielleicht nicht den rechten Hof gefunden (meine Idee war, z.B. über Google Streetview die Blumen doch noch zu sehen) und dann ist deine Zurückweisung ja auch schon bald zwanzig Jahre her. Oft geschieht es, dass bei hohem Alter oder Tod solcher Blumenfreunde der Nachfolger das Ganze herunterwirtschaftet oder ganz aufgibt.

Immerhin habe ich mir mit dieser Recherche einen guten Eindruck von der Gegend verschafft. Sie zu durchstapfen, hätte mir auch Spaß gemacht.

Schöne Montagsgrüße
Arno
 

John Wein

Mitglied
Ich finde es auch nicht mehr, aber ich habe das Anwesen und die Situation im Kopf: ein alter Hof, etwas abseits des Weges, mit einer Veranda, alte Balken und alles im Blumenschmuck.
 

John Wein

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Der Kirschtag

Durfort Lacapelette, Mittwoch 10. Juni 2009

Draußen, unter dem Fenster, spielt der Morgenwind mit den Kronen des Ahorns. Die Blätter wispern leise, als wollten sie mich zum Aufstehen überreden. Mein Körper ist anderer Meinung. Die Beine erinnern mich an die gestrigen Kilometer. Irgendwo knackt das Gebälk des Dachstuhls und von unten dringt das Klappern von Geschirr herauf, Geräusche mit denen ein Haus erwacht.

Widerwillig schwinge ich die Beine aus dem Bett. Die kühlen Dielen empfangen meine Füße mit einer Nüchternheit, die ein Morgen mit sich bringt. Ich trete ans Fenster, breite die Arme aus und hole tief Luft in meine Lungen. Im Osten ist die Sonne ist längst aufgestanden, über den Feldern spannt sich ein Himmel im endlosen Blau.

Unten warten Erika und Wolfgang zum Frühstück. Der Duft von frischem Kaffee, Baguette und Aprikosenkonfitüre erfüllt den Raum.

„Gut geschlafen?“, frage ich.

Wolf streicht sich durch die Haare und nickt: „Wie ein Stein.“

„Du hast auch geschnarcht wie einer“, bemerkt Erika trocken.

Er hebt erstaunt die Augenbrauen.

„Ich schnarche nicht!“

„Natürlich nicht“, erwidere ich. „Das war bestimmt das alte Fachwerk.“

Erika zwinkert mir zu.

Unsere Rucksäcke stehen gepackt an der Tür und warten geduldig darauf, geschultert zu werden.

Heute ist ein Kirschtag, nicht Kirchtag: Kirschtag! Prall und verführerisch hängen die dunkelroten Früchte wie Trauben an den Ästen entlang des Weges. Kaum ein Baum, der nicht schwer an seiner süßen Last trägt. Gemeinsam mit Hummeln, Wespen und allerlei geflügelten Volk, bedienen wir uns an diesem reich gedeckten Tisch der Natur.

Wolf streift eine ganze Handvoll ab.

„Heute ist eindeutig Kirchtag.“

„Kirschtag“, verbessere ich.

„Ich habe aber schon drei Kirchen gesehen.“

„Und wie viele Kirschen gegessen?“, fragt Erika.

Er zählt kurz mit den Fingern nach.

„Ungefähr vierzig.“

„Dann ist die Sache wohl entschieden.“

Hier und da lehnt eine Leiter am Stamm. Offenbar lohnt es sich nicht mehr, die vollreifen Früchte zu pflücken, zu verarbeiten und zu vermarkten, so bleibt ein Teil der Ernte den Vögeln, den Insekten und uns Vorüberziehenden überlassen.

Überall am Straßenrand liegen, achtlos ausgespuckt, Kirschkerne. Vielleicht werden eines Tages spätere Pilgergenerationen unter den langen Alleen aus Kirschbäumen wandern. Sie werden im Schatten der ausladenden Kronen rasten, die Hände nach den Früchten ausstrecken und, wie wir heute, sorglos die Kerne ins Gras spucken. Und vielleicht werden auch sie daran denken, dass ein Weg nicht nur aus Steinen und Kilometern besteht, sondern manchmal einfach nach reifen Kirschen schmeckt.

Die Etappe nach Moissac ist mit sechzehn Kilometern recht kurz, technisch unbeschwerlich und beinahe ein Spaziergang. Das Land ist sanft modelliert, die Augen folgen dem Weg weit voraus. Wie ein schmales Band verabschiedet er sich in die Senken, taucht über den nächsten Kuppen wieder auf und verschwindet schließlich, zur Winzigkeit geschrumpft, hinter dem letzten Höhenzug. Vereinzelt liegen kleine Höfe und Weiler rechts und links in die Landschaft gestreut.

Locker und leicht führt uns der Weg durch weitläufige Weinberge und Obstplantagen weiter nach Süden. Der Blick schweift weit voraus. Auf dem Hügelkamm bei Espins, kündigt sich in der Ferne das weit geschwungene Tal der Garonne an. Sanft abfallende Terrassen geleiten uns hinunter in die weite Ebene des mächtigen Stroms im Südwesten Frankreichs. Er sammelt die Wasser des westlichen Zentralmassivs und der nördlichen Pyrenäentäler und trägt sie auf ihrem langen Weg über Bordeaux dem Atlantik entgegen.

Das Tal gleicht einem fruchtbaren Garten Eden. Felder, Obstgärten und Weinberge überziehen die Ebene in verschwenderischer Fülle. Über den Dörfern flimmert die Mittagssonne, und die Landschaft strahlt jene heitere Freundlichkeit aus, die nur Gegenden besitzen, denen die Natur besonders zugetan ist. Wir gehen ihr ein kleines Stück entgegen.

Moissac ist eine alte Handelsstadt am Zusammenfluss von Tarn und Garonne. Zu diesem Bund der beiden Flüsse gesellt sich ein drittes, nicht minder bemerkenswertes Gewässer: der Canal des Deux Mers. Unter Napoleon vollendet, verwirklichte er einen jahrhundertealten Traum der Wasserbauer, eine schiffbare Verbindung quer durch Südfrankreich.

Der Kanal führt in einem gewaltigen Brückentrog über den Tarn hinweg und dann mitten durch Moissac. Es ist ein Bauwerk von beeindruckender Kühnheit und technischer Raffinesse. Auf seinem gesamten Verlauf überwindet der Canal des Deux Mers einen Höhenunterschied von nahezu zweihundert Metern. Mehr als neunzig Schleusen, Aquädukte, Dämme und sogar ein Tunnel machen den Wasserweg zwischen Mittelmeer und Atlantik möglich. Je länger man darüber nachdenkt, desto erstaunlicher erscheint diese Leistung. Was uns heute selbstverständlich vorkommt, war einst ein kühnes Unternehmen von beinahe abenteuerlichem Ausmaß. Menschen haben hier Wasser über Berge geführt, Flüsse überquert und mit Geduld, Muskelkraft und technischem Erfindungsgeist eine Verbindung zwischen zwei Meeren geschaffen. Moissac ist also nicht allein eine Stadt am Fluss.

Doch Wahrzeichen der Kleinstadt ist die ehemalige Benediktinerabtei Saint-Pierre mit ihrem wuchtigen romanischen Kirchenbau aus dem 11. Jahrhundert. Besonders beeindruckend ist das reich geschmückte Portal und der prächtige Kreuzgang mit 116 schlanken, filigran verzierte Säulen und Bögen, die ein quadratisches Geviert umschließen. In den alten Arkaden scheint noch immer etwas vom Geist vergangener Jahrhunderte zu schweben, ehrfürchtig, fromm und der Welt entrückt. Es ist ein eindrucksvoller Ort der Stille und Sammlung, eine Zuflucht vor dem Lärm und der Geschäftigkeit der Stadt.

Wie der Tag begonnen hat, so endet er auch: leicht und unbeschwert. Der noch junge Sommertag gleitet langsam über in einen Abend voll südlichem Flair.

Oben in meinem Zimmer verhängt eine Gardine aus wildem Wein die Fenster. Ich ziehe mich zurück, schlage das Buch dieser schönen, fast mühelosen Etappe zu und lasse den Tag in Gedanken noch einmal vorüberziehen.

Morgen wartet ein neuer Weg.


Alles in Fluss
 



 
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