Aube Nouvelle
Dienstag 09. Juni 2009
Nicht einmal ein Wecker vermag dich so gründlich wachzurütteln wie das eiskalte Wasser aus diesem Hahn. Zwei Sterne garantieren offenbar nicht zwingend warmes Wasser inklusive.
Draußen hat der frühe Morgen den zarten Charakter eines Frühlingstages. Der Himmel spannt sich blitzblau über die Landschaft, während über dem Wiesengrund noch nebelversponnen die Schleier liegen. Die Sonne meint es gut mit uns.
Alles ist zum Besten gerichtet. Wir schnüren die Stiefel, schultern die Rucksäcke und geben dem Tag seinen Lauf.
Ringsum ist das Land wellig modelliert und der Horizont vom Licht mit kraftvollen Konturen gezeichnet. 1151 km Saint Jacques de Compostelle steht oben im Dorf auf dem Wegweiser, der uns hinaus ins Land führt. Ein hübsches Stück Weg ist das noch! In diesem Jahr wird das nichts mehr werden Dann geht es weiter, mit vielen Steinen unter den Sohlen, bergauf und bergab. Ein Weg, wie das Leben ihn schreibt: mal leicht, mal beschwerlich, selten geradeaus – und doch immer weiter.
Auf der Höhe verschluckt uns ein Steineichenhain mit seinem Schatten. Hier riecht es frisch und würzig und der federnd, modrige Boden des Wäldchens schont Füße und Kniee. Hier und da gibt es freundliche Ausblicke ins weite Land. Da leuchten wohl bestellte Felder im abgestuften Grün und hier und da grüßt ein Hof.
Es ist jene besondere Zeit im Jahr, in der der Frühling seinen Stab an den Sommer weiterreicht. Überall ist Wachstum und Fülle. Das Getreide schießt kraftvoll in die Höhe, die ersten Sommerfrüchte reifen, und ringsum erfüllt eine trällernde, summende Geschäftigkeit die Landschaft. Die Natur ist auf ihrem Höhepunkt des Jahres, alles wächst, alles reift, alles drängt dem Sommer entgegen.
Im Süden, hoch über den Feldern und auf einem Bergkegel thronend, wächst Lauzerte in den Himmel des Quercy Blanc. Noch windet sich der Weg eine gute halbe Stunde bergan, bevor wir das mittelalterliche Städtchen erreichen. Dicke Mauern umgeben den Ort. Flechten, Moos und Mauerpfeffer haben sich ihrer bemächtigt und ihnen jene morbide Patina verliehen, die nur die Zeit hervorbringen kann.
Lauzerte ist eine typische Bastide, eine jener Wehrstädte Aquitaniens, die einst auf den Höhen über dem Land angelegt wurden. Hier oben suchte die Bevölkerung Schutz, wenn unten im Tal Gefahr drohte. Der Aufbau folgte einem einfachen und zweckmäßigen Prinzip: ein rechtwinkliges Straßennetz, in dessen Zentrum ein ebenfalls rechtwinkliger Platz lag. Im Inneren lebte man geschützt und geborgen; im Ernstfall war der umschließende Mauerring schnell erreicht und die Verteidigung konnte beginnen.
Heute hat sich die Aufgabe des Ortes gründlich verändert. Lauzerte muss keine Feinde mehr fürchten. Heute heißt es die Fremden willkommen. Und wir gehören für diesen Tag dazu.
Der Grand Place ist von einem mittelalterlichen, mit Arkaden geschmückten Geviert umgeben. Die nahezu vollständig erhaltene Befestigung mit Toren und Wehrtürmen schnürt das Dorf noch immer in ein enges Korsett. Doch bei aller Wehrhaftigkeit blieb auch Lauzerte von den Religionskriegen nicht verschont und wurde schwer verwüstet.
Heute wohnen nur noch wenige Einheimische hier, die Pfarrstelle ist verwaist. Das geschlossene Ensemble aus Fachwerk, Naturstein und Arkaden wirkt beinahe wie ein lebendiges Museum. Über die Jahre hat sich eine andere Welt eingenistet. Aus Paris, Toulouse und Bordeaux kommen die Wochenend- und Feriengäste und füllen die alten Häuser mit neuem Leben, zumindest dann, wenn sie gerade da sind. Ansonsten bewacht Lauzerte seine Vergangenheit in beinahe vollkommener Ruhe.
Die Sonne steht senkrecht am Himmel. Die große Kastanie neben Saint-Barthélemy ist jetzt ein wahrer Segen und spendet uns ihren großzügigen Schatten. Wir stärken uns beim Picknick und genießen dabei den Blick auf das Panorama des Platzes.
Ein kräftiges Stück Pyrenäenkäse und ein ofenfrisches Baguette aus der örtlichen Boulangerie bilden unsere Wegzehrung.
Wolfgang betrachtet sein Mittagessen mit gespieltem Ernst.
„Pilgern senkt die Ansprüche.“ Er nimmt einen Bissen und kaut bedächtig.
„Und?“, frage ich.
„Hat Potenzial.
Erika schüttelt den Kopf. „Du denkst wirklich immer nur ans Essen.“
„Nicht nur“, erwidert Wolfgang. „Manchmal denke ich auch ans Trinken.“
„Und ans Gehen?“
„Nur wenn es sich nicht vermeiden lässt.“
Ich blicke über den Platz. „Eigentlich erstaunlich. Man läuft seit Tagen durch Frankreich, sieht Kirchen, Burgen, alte Dörfer und grandiose Landschaften.“
„Und?“
„Am Ende erinnert man sich trotzdem nur an das süffige Bier und den besten Käse.“
„Sprich für dich selbst“, sagt Erika.
„Mach ich ja.“
*Boamm!* Die Glocke schlägt eins.
Wolfgang seufzt. „Schade. Ich dachte schon, wir wären angekommen.“
Wir schultern unsere Rucksäcke und folgen dem Ruf der Glocke hinab ins Tal, treten heraus aus der Geschichte und zurück ins 21. Jahrhundert, Wald und Feld im Wechsel, das ist wenig spektakulär.
Vorn am Waldrand liegt ein alter Hof, viel Fachwerk und Wilder Wein, eingebettet in einen üppigen Blumengarten. Stockrosen, Bartnelken, Kapuzinerkresse und allerlei anderes Geblüh‘ umrahmen das Anwesen. Claude Monet fällt mir ein.
Ich hebe die Kamera. Da tönt es plötzlich:
„Privée!“ Und noch einmal, diesmal unmissverständlich: „Monsieur! Privée!“
Verdattert lasse ich den Apparat sinken.
Auf der Veranda lehnt eine alte Frau über die Brüstung. Eine wahre Flut französischer Vokabeln ergießt sich über mich. Ich verstehe kein Wort, doch Tonfall und Lautstärke lassen kaum Raum für Missverständnisse. Mit höflichem Lächeln und einer Reihe untertäniger Gesten, bitte ich stumm um Vergebung.
Wolf spricht Französisch.
„Was hat sie denn gesagt?“, als wir außer Hörweite sind, frage ich.
„Dass das ein Privatgrundstück ist.“
„Na klar“, erwidere ich. „Das habe ich auch verstanden.“
„Außerdem meinte sie, du solltest dir das fürs nächste Mal merken.“
„Ach so.“
Einen Augenblick des Schweigens.
„Und das war alles?“
„Im Großen und Ganzen.“
Sein Gesichtsausdruck verrät mir, dass Madam die Botschaft etwas farbiger formuliert hat. Ich beschließe, nicht nachzufragen. Den Vorfall ignoriere ich, vergessen werde ich ihn aber nicht. Es war weniger der Inhalt, als der Ton, der mir in Erinnerung bleibt. Dieses „nächste Mal“ sollte uns tatsächlich später noch einmal begegnen, wenn auch deutlich weniger scharfkantig in einem anderen Zusammenhang.
Es folgen zwei elende Kilometer bei brütenden Hitzewerten auf einer baumlosen Chaussee. Unsere Fußsohlen brennen auf dem Asphalt und aus den Gräben links und rechts summt und zirpt es um die Wette, als wolle uns die Welt der Insekten das Fersengeld geben. Je schneller wir werden, um den schattigen Saum am Ende der Landstraße zu erreichen, desto lauter wird das sonore Gezirp um uns herum.
Dann endlich hat auch diese Plackerei ihr Ende. Nach insgesamt 27 Kilometern stehen wir um siebzehn Uhr vor unserem Tagesziel in Douffur-Lacapallet. „Aube Nouvelle“, Neue Morgendämmerung, heißt unsere Herberge. Das schattige Idyll ruht tief in ländlicher Abgeschiedenheit verborgen unter hohen Bäumen.
Meine Kammer liegt hoch oben unter den Dachbalken. Ich schaue über das Blätterdach des Gartens ins weite Land hinaus. Die Abendsonne liegt noch warm über den Felder und die Welt ringsum steht still. Ich streife die Schuhe ab, und augenblicklich rinnt neues Leben durch meine Adern.
Beim Abendessen greife ich beherzt zu. Der Rote, auch hier ein allerliebster Begleiter der Mahlzeit, verschleiert sanft meine Gedankenwelt. Er glättet die Falten des Tages, besänftigt die Beschwerden der Glieder und wiegt die Sorgen in angenehme Ferne. Mit jedem Schluck wird die Last des Weges ein wenig leichter.
Wieder oben, stehe ich noch einen Augenblick am Fenster. Die Dämmerung sammelt sich zwischen den Bäumen, und über der Natur des Quecy Blanc sinkt langsam die Nacht herab. Wie leicht schreitet es sich jetzt über die Brücke zum Traum, wie süß wiegt da der nächtliche Schlummer in eine neue Morgendämmerung.
„Aube Nouvelle“
Alles in Fluss