Die letzte Reise der Cannonball, 5. und letzter Abschnitt

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Die letzte Reise der Cannonball, 5. und letzter Abschnitt

Der Held hat auf einen ganz anderen Schiffstyp gewechselt. Rückblickend berichtet er von der abenteuerliche Landung, dem bösen Krach mit dem Chef, der Einweisung in die Geschlossene und seiner Rettung. Der Aufbruch in ein neues Leben funktioniert auch nicht ganz problemlos ...



Seit 4 Wochen auf See

Wieder auf einem Schiff. Dieses mal aber nicht im Meer der Sterne, sondern auf dem des Wassers, auf großer Fahrt. Mit einer feinen, sehr tüchtigen Segelyacht. Ruhiges Wetter. Auch hatte es vorher überhaupt keinen Krach mit meiner Frau gegeben, sie hatte das Schiff schließlich gechartert. Der Skipper ist unter Deck und spielt mit seinen Funkgeräten.

Ines sonnt sich auf dem Vordeck. Ich habe eine dicke Sonnenbrille und eine neue Kapitänsmütze auf und tue so, als müsse ich an diesem Steuerrad drehen. Brauche ich aber nicht, der Autopilot hält den Kurs. Mein Segelschein, auf einer Jolle im Baggersee erworben, würde wohl nicht ganz ausreichen. Aber ich lerne schnell und es macht richtig Spaß. Dackel Waldi ist auch dabei und hat sich schon ein wenig an das Geschaukel gewöhnt. Anfangs ist er zwei mal mit starren Pfoten, starrem Blick und quietschenden Krallen quer über Deck und durch die Reling gerutscht und wir mussten ihn wieder herausfischen; das hat wohl sein Zutrauen in das Boot erschüttert. Jetzt haben wir ein Netz gespannt, wo er nicht durchfallen kann, und sein Vertrauen in das Boot wächst. Wenn man ihn lockt, kommt er schon mal an Deck. Wir haben uns das Netz per Hubschrauber hierher bestellt und abwerfen lassen, solche Späße können wir uns locker leisten.

Aber nun der Reihe nach. Es sah ja nicht so gut aus mit mir in der Cannonball da oben. Ich durchsuchte das Schiff gründlich, holte auch meine Goldstücke aus ihren Verstecken. Zum Glück waren keine im großen Vorratsregal gewesen. Wasser gab es genug, außerdem eine Großpackung Müsliriegel von der Sorte, die ich gar nicht mag, und diverse Notrationen, Vitaminbrause usw. Und die Jubiläumsflasche des pangalaktischen Donnergurglers, die ich eigentlich Charly überlassen wollte, hatte das dann vergessen. Egal. Ergiebiger war die Suche im Reparaturschrank. Stahlseil, Profileisen, Schrauben usw., sowie ein kleines Schweißgerät, dazu Lack, Farben, Klebstoff. Alles was mir brauchbar erschien schleppte ich in den Steuerraum. Das war jetzt meine Werkstatt. Zum Schluss fand ich unter Putzlumpen noch eine ordentlich zusammengelegte, anscheinend ungetragene Pracht- und Ausgehuniform. Mit unglaublich viel Lametta, Klappen, Beschlägen Zierknöpfen, Schnüren, Epauletten und sonstigem Glanz- und Gloria-Zeug. Schätze, das war einmal die Galauniform eines Oberingenieurs oder leitenden Navigators auf einem Touristenkreuzer. Vermutlich war ich sogar befugt, so ein Ding zu tragen. Sie passte mir. Gut, dass jemand sie bei den Putzlumpen vergessen hatte.

Zunächst war Metallbearbeitung angesagt. Ich sägte, schweißte und bohrte, und bald konnte ich eine enorm hässliche, grob aber fest zusammengefügte Konstruktion mit Widerhaken und Ösen außen an die Cannonball schrauben. Das Stahlseil ragte wie eine große Schlaufe in den Raum und eine Reihe stabiler Fanghaken, Schnappösen, Klappschließen, Stachelstangen und Klemmfallen vervollständigten das Werk. Das musste reichen. Dann kümmerte ich mich um die Goldstücke. Schwierig. Goldschmiedearbeiten? Zunächst mal etwas unauffälliger machen, dachte ich und malte sie mit Klarlack an, dem ich vorher etwas Dreck beigemischt hatte. Wie lange nicht geputztes, fleckiges Messing sah das aus. Wie ihr wisst, haben die pangalaktischen Sternentaler alle ein Loch in der Mitte. Auf manchen Planeten pflegt man sie stolz wie eine Perlenkette um den Hals oder am Armkettchen zu tragen. So kam ich zunächst auf die Idee, irgend etwas zusammenzuschrauben und sie als Unterlegscheiben zu verwenden. Nur, was sollte das werden? Und wie und wann würde ich Gelegenheit bekommen, die kostbaren Scheibchen in aller Ruhe zu bergen? Alles höchst ungewiss!

Da fiel mir die Uniform ins Auge. Das wars! Ich schnitt die Knöpfe ab, klebte die Goldscheiben darunter und nähte sie wieder an. Das sah so aus, als wäre die Uniform im Original so geplant gewesen. Ein paar Sternentaler blieben übrig, die nähte ich mit den Ersatzknöpfen ins Futter. Alles sah völlig tipptopp aus und passte prima!

Der Zeitpunkt der Landung rückte näher.

Der Donnergurgler. Der musste doch auch für irgend etwas gut sein! Es würde wohl nichts schaden, den Innenraum des ganzen Schiff nach der Landung , falls mir die gelang, mit kräftigen Schnapsdünsten zu vernebeln, dachte ich. Auf alle Fälle füllte ich einen Flachmann ab. Dann fiel mir Charlys Donnergurgler-Mixgetränk mit dem Multivitaminsaft ein und ich mixte einen Schluck des Kultschnapses mit der Vitaminbrause aus den Vorräten. Das roch extrem eklig und bekam eine unbeschreiblich hässliche gelbe Farbe. Gut so. Das Gebräu füllte ich in eine Plastiktüte und verschloss sie dicht. Dann entfernte ich den Deckel vom Druckwassertank, leer war er ja schon, da das Wasser während der Reise als Waschwasser verwendet wird. Das Unterteil polsterte ich schön weich aus. Das musste reichen. Jetzt erschien bereits der Zeitplan des Raumflughafen für die Starts und Landungen auf meinem Schirm. Außerdem kam eine Meldung von einem Schiff hinter mir. Die „Stylus”, das Schiff war noch kleiner als die Cannonball, funkte: „He, du hast meinen Arsch gerettet!” Prima.

Normalerweise müsste ich jetzt meine Landung anmelden. Müsste natürlich erst recht melden, dass ich viel zu wenig Treibstoff für eine Landung habe. So etwas kommt schon mal vor, man bekommt in solchen Fällen eine Erdumlaufbahn als Warteschleife angewiesen und wird irgendwann abgeholt. In meiner Dienstzeit habe ich einige Kollegen heil runterholen können, es ist natürlich immer ein mächtiges Trara. Mein Problem: Auch um eine Parkbahn anzusteuern, braucht man Treibstoff, und zwar mehr, als mir verblieben war. Und in einer zufälligen Umlaufbahn, die ich gerade so erreichen würde, war die Chance verdammt groß, mit irgendwelchem Weltraumschrott zusammenzustoßen. Treidelmeister wäre das bestimmt recht gewesen. Vielleicht würde er mich auch gar nicht runterholen lassen, es wäre für ihn und seine seine merkwürdigen Exporte das Sicherste, mich dort oben zu vergessen.

Immer wieder haben wir bei Pilotentreffen rumgeblödelt: Wo einer startet, muss er auch landen können. Das gelte natürlich auch für die Armbrust. Aber versucht hat das noch keiner. Zum Glück lag laut Flugplan dort gerade kein startbereites Schiff. Das wäre für meinen Plan extrem ungünstig gewesen.

Ich zog meine goldgespickete Paradeuniform an, setzte mich in mein Drucktank-Bettchen, zog die Steuerkonsole heran und steuerte mit dem verbliebenen Treibstoffrest genau zur Armbrust hin.

Getroffen! Die Seilschlaufe umschlang die Lafette, die Cannonball knallte auf die Gleitschiene der Armbrust und ich auf das Drucktanklager, die Widerhaken und Ösen griffen in die Spannvorrichtung der Armbrust und mit einem gewaltigen Getöse spannte meine Cannonball mit ihre kinetischen Energie die Armbrust und wurde dabei heftig, aber einigermaßen gleichmäßig abgebremst. Noch ehe sie richtig still stand, war ich – sämtliche Knochen taten mir weh, aber das war jetzt egal – war ich also aufgesprungen und zur Ausstiegsluke gehechtet, schmetterte zum Abschied noch die Jubiläumsflasche Donnergurgler gegen die Steuersäule und war draußen. Das Schiff hing schräg und leicht angedetscht auf der Armbrust. Mühsam kletterte ich die lange Lafette hinunter, das war ja nun nicht der offizielle Weg, sondern nur eine leichte, schwankende Notleiter. Egal, ich war angekommen, und zwar heil.

Kaum stand ich auf festem Grund, da ertönte ein lautes Knacken, ein Reißen, ein Quietschen und Scheppern und die Cannonball raste wieder in die Höhe. Hatte meine genial zusammengepfriemelte Verriegelung nicht gehalten oder irgendein Blödmann im Kontrollraum in verständlicher Verwirrung auf den Abschussknopf gedrückt? Jedenfalls entstand eine schöne Flugparabel. Ein fetter Aufschlag würde bald folgen. Gut, dass ich vorher noch herausgekommen war!

Ich zückte meinen Nahfeldkommunikator (früher nannte man so etwas Handy) und schickte eine Anfrage an meine Frau: „Hast du meinen Geburtstag vergessen?” Das war ein Code. Ines würde ihn verstehen.

Dann hörte ich das donnernde Grollen und Zischen eines kleineren Raumschiffs im Landeanflug. Es ritt ordentlich auf seinem Feuerstrahl, schaltete diesen rechtzeitig ab und kam wippend auf seinen Landestelzen zum Stillstand. So sollte es sein. Es war die elegante kleine Stylus. Aber, was war das? Wie eine schräg angesetzte Schärpe war ein großes, langes Bild um das schlanke Raumschiff gewickelt. Ohne jeden Zweifel das Bild, das ich von meiner Frau gemalt hatte. Hatte zusammengerollt im Vorratsregal gesteckt, sich dann vermutlich entrollt und war von der Stylus aufgespießt und mitgerissen worden. Das war die größte aller Katastrophen! Wenn sie je erfährt, dass sie hier als Nackedei auf einer Rakete präsentiert wurde, egal wieso und warum, nicht auszudenken!

Irgendwas musste ich tun, rannte so schnell ich konnte zum Landeplatz. Vermutlich ist noch nie ein pensionierter Pilot in einer Paradeuniform so schnell über diesen Platz gerannt. Als ich vor der Stylus ankam, wölbte sich das Bild in der Mitte nach außen, die Ausstiegsluke wurde geöffnet, dann zerriss das Bild und der Pilot erschien. Es sah absolut verboten und obszön aus, wie er durch die Bildmitte stieg. „Ich sehe du bist gut durchgekommen, hast meinen Funkspruch gehört und ordentlich gegengesteuert. Und nun hilf mir, dieses Poster abzureißen!” Der Mann, ein relativ junger Pilot, guckte verblüfft und verständnislos. Hätte ich an seiner Stelle auch.

„Dann warst du es, der mir den Arsch gerettet hat – was ist hier überhaupt los, Mann?”

„Keine Fragen! Das Poster runter, und dann ab in den Kontrollraum und Meldung machen!” Ich musste ihn loswerden, ehe er noch mehr wissen wollte. Tatsächlich half er mir, das Bild zu bergen und trabte gehorsam davon. Mein Gemälde sah allerdings ziemlich mitgenommen aus, nur der Kopf war noch in Ordnung. Den trennte ich ab und steckt ihn unter die Uniformbrust. Nun hatte ich doch wieder ein schönes Mitbringsel. Den Rest stopfte ich in einen Müllcontainer.

Ich war unschlüssig, was jetzt zu tun sei. Mich in den Eingangsbereich durchschlagen, versuchen, mich dort unsichtbar zu machen, bis meine Frau auftauchte? Oder wohin? Schnurstracks zu Treidelmeister gehen, ihm meine Aufwartung machen? Warten, bis er mich holen ließ? Es gab mehr Fragen und Probleme als beim Anflug auf einen unbekannten Planeten!

Und schon stand ein weiteres Problem vor mir, in Gestalt eines kleinen Mannes: „Ist ja echt geil, was hier abgeht! Warum habt ihr mir nicht rechtzeitig Bescheid gegeben, ich hätte das Ganze dann doch viel besser rausbringen können!” Es war die Stimme des Pressemännchens, des Herausgebers, Redakteurs, Fotografen und einzigen Mitarbeiters unserer „Raumgazette”, dem halboffiziellen Mitteilungs- und PR-Blättchen. Ich hatte ihn nicht kommen hören, war wohl zu beschäftigt gewesen. Jetzt stand er vor mir und wollte ein Interview.

„Ich finde es ja auch toll, wenn jetzt nicht nur nachhaltig gestartet, sondern auch gelandet werden kann, scheint aber nicht ganz gelungen zu sein. Und dann, Pin-Ups auf den langweiligen Raketen, vom fotografischen Standpunkt aus kann ich das nur begrüßen Das scheint aber, obwohl ja eigentlich keine Raketentechnik, auch noch nicht ganz ausgereift zu sein. Nun erzählen sie doch endlich ...”

Der hatte mir grad noch gefehlt. Ich beschloss, es mit Autorität zu versuchen. Hatte ja auch die Prachtuniform an, etwas zerknittert inzwischen, trotzdem wirkt das immer. Selbst bei denen, die glauben, nicht an Uniformen zu glauben. „Alles streng geheim! Gib sofort die Kamera her! Das Gerät ist konfisziert bis zur Klärung der Vorgänge”, so herrschte ich ihn an. „Aber das können sie doch nicht tun. Ich bin doch ein Vertreter der freien Presse!” „Und ob ich das kann!” So ging es hin und her, und ich beschloss, einzulenken, jedenfalls scheinbar. „Wir gehen jetzt in die E45, dort werden die Bilder kopiert und sie können ihre Kamera behalten.” In der Elektronikabteilung 45 arbeitet normalerweise Karl, ein guter Kumpel von mir, auf den ich mich unbedingt verlassen kann. Hoffentlich war er anwesend.

Er war da. Das Pressemännchen gab ihm die Kamera. „Warten sie draußen”, befahl ich ihm, und er gehorchte. „Mensch, Karl, bitte, es ist dringend, frag nicht, hol den Speicherchip raus, die letzten Bilder müssen weg!” Karl schaute mich nur an: „Bist du OK?” „Ja doch, aber mach, ich erkläre alles später”.

Die Fotos ploppten auf dem Bildschirm auf. „Die letzten zwölf Bilder müssen weg, und zwar unwiederherstellbar!” „Gut, sagte er, „ich speichere einfach die vorhergehenden drüber. Er wird denken, dass die Kamera eine Fehlfunktion hatte.” Und dann verschwanden die Zeugnisse meiner Malkunst, eines nach dem anderen, unter den Bildern der schräg und verbeult auf der Armbrust hängenden und dann durchstartenden Cannonball. Diese netten Fotos sollte er ruhig behalten! Erleichtert verabschiedete ich mich von Karl, reichte dem Zeitungstypen seine Kamera und verließ das Gebäude.

Wohin jetzt? Diese Entscheidung wurde mir von zwei stabilen Typen in schwarzen Jacken mit der Securityplakette abgenommen. „Sie kommen jetzt mit!”, raunzten sie mich an und versuchten, mich zu packen. Ich klopfte ihnen symbolisch auf die Finger und sagte, dass ich sowieso gerade zu Treidelmeister wolle. Sie ließen los, waren wohl zu der Ansicht gelangt, dass ich ihnen so oder so nicht entfliehen könnte.

Treidelmeister gab den Choleriker. Das war vielleicht nicht seine beste Rolle, aber vermutlich seine liebste. Was mir überhaupt einfiele …, so brüllte er los. Am meisten hatte ihn wohl die „obskure Rechnung” der Werkstatt geärgert, mehr noch als der Riesenschaden an der zur Landung missbrauchten Startrampe. Vermutlich war es das beste, auf jede ernsthafte Entgegnung zu verzichten und meine Rolle zu spielen, die eines komplett durchgedrehten Raumpiloten. Es war eine Premiere, auf die ich mich gut vorbereitet hatte. Ich zog den Flachmann mit dem Donnergurgler hervor, schraubte den Deckel ab und hielt die Flasche unter seine Nase: „He Teidlmeistlchen, komm trinkn Tschluck auf meine glückliche Rückkehr”, lallte ich ihm entgegen, und er wandte sich angewidert ab. „Sie sind ja besoffen”, brüllte er, während ich – „Nurrn kleeiin-n aufe glückliche Landung”, die Flasche ansetzte und – natürlich nicht trank, sondern nur markierte. Das Telefon klingelte. Treidelmeister nahm ab, plusterte sich dann zu voller Größe auf und schrie los: „Mann, sie sind ja komplett übergeschnappt! Die Cannonball wurde gefunden und innen war alles total versifft, und wegen des Gestanks musste die Bergungsmannschaft Atemmasken tragen. Haben wohl die ganze Zeit durchgesoffen, was? Ich werde sie rausschmeißen, relegieren, unehrenhaft entlassen, sie fliegen!”

„Das kannst du nicht tun, Treidelmeisterchen!” Ich grinste ihn an. „Schon vergessen, ich bin bereits außer Dienst, entlassen, pensioniert.”

Nur kurz zeigte er Verblüffung. Dann ging er zu einem klagenden Ton über. Er könne überhaupt nicht verstehen, warum einer seiner besten Männer ihm das antue usw. Ich beschloss, dass es Zeit sei für den Höhepunkt meiner Vorstellung. Während ich den Flachmann weg steckte, zog ich unauffällig die kleine Plastiktüte mit dem gelben Donnergurgler-Gebräu hervor und schob sie mir in den Mund. „Da, dicke Backe, Zahnweh! Da muss man doch mal kleines Schlückchen ...” und biss todesmutig auf das Plastiksäckchen. So ähnlich müssen sich früher die Typen mit den Zyankalikapseln gefühlt haben. Ich spülte das Zeug ein bisschen im Mund hin und her, es war das ekelhafteste, was ich je im Mund gehabt habe. Ich brauchte das kaum zu spielen, ein heftiger Würgreiz fuhr mir in den Magen, und ich spuckte Treidelmeister eine Ladung von dem gelben Zeug auf seinen hochglanzpolierten Schreibtisch. Dann beugte ich mich über seinen Papierkorb, ließ sabbernd und unter den allerschönsten Würgegeräuschen die ausgelutschte Plastiktüte in den Papierkorb gleiten – das muss richtig toll ausgesehen haben – und achtete darauf, dass einiges daneben ging und auch meine Prachtuniform besudelt wurde. Es sollte ja alles ganz echt wirken.

Dann wurde meine Vorstellung abrupt durch die beiden Security-Typen beendet. Er muss sie wohl per Knopfdruck gerufen haben. „Bringt den ins Marinehospital – in die Geschlossene!”

Ehe ich mich versah, fand ich mich in einem Zimmerchen wieder mit Tisch, Stuhl und Bett. Toilette und Dusche waren auch vorhanden. In einem Regal lag, in Plastik eingeschweißt, ein grauer Jogginganzug. War alles gar nicht mal so unkomfortabel, aber ich hatte nicht vor, länger zu bleiben. Nun gut, endlich mal wieder geduscht, Zähne geputzt, etwas Wasser getrunken, und ich fühlte mich wie neu geboren. Nur hundemüde. Aber ich durfte mich nicht ins Bett legen. Ich zog den Jogginganzug an und wickelte meine Uniform in die Verpackung. Die Tür war nicht abgeschlossen. Ich denke, wenn das nicht alles so holterdipolter gegangen wäre, dann wäre sie bestimmt abgeschlossen gewesen.

Auf dem Flur ging ich nicht in die Richtung, aus der sie mich hergeschleppt hatten, sondern in die andere. Am Ende gab es eine Tür, die auf einen Balkon führte. Von dort sah man in einen kleinen Park mit Gebüsch, der von einer hohen Mauer umgeben war. Die Geschlossene eben. Der Balkon lag zu hoch, um hinunter zu springen. Aber es gab eine Feuerleiter. Nicht ganz in Griffnähe, aber vielleicht doch erreichbar. Das Bündel mit der Uniform stopfte ich in die Jogginghose. Falls ich abstürzte, würde ich etwas weicher aufkommen, dachte ich. Aber ich schaffte es. Die zweite Leiter, die ich heute erfolgreich hinabgestiegen bin. Jetzt bin ich ganz unten und kann nicht mehr weiter runter kommen, dachte ich. Ich war allmählich in dem Zustand, wo ich das witzig fand. In dem kleinen Park, oder vielleicht doch eher Hof mit Gestrüpp, schlurften teilnahmslos ein paar traurige Gestalten, alle in den gleichen grauen Jogginganzügen, herum. Ich glaube, sie hatten mich nicht mal bemerkt. Vermutlich hatten die alle ihre pharmakologische Dröhnung weg. Zum Glück hatten sie die bei mir vergessen, es war wohl zu schnell gegangen so ohne jede formale Einweisung. Außerdem wähnten sie mich in tiefer Donnergurgler-Betäubung.

Der Park führte um eine Hausecke herum, und von dort sah man einen Eingang mit Pförtnerhäuschen. Sicherlich lassen die mich nicht so ohne weiteres hinaus spazieren, dachte ich. War ich jetzt am Ende? Und während ich so vor mich hin starrte, geschah das kleine Wunder: Ines schritt durch die Pforte! Sie entdeckte mich sofort, kam zu mir. Wir begrüßten uns äußerst zurückhaltend, es sollte ja nicht auffallen. Sie sagte „Glückwunsch zum Geburtstag! Es war nicht leicht, dich hier aufzustöbern. Ich musste Treidelmeister erst klar machen, dass er keinerlei Befugnisse über dich hat und mit allerlei juristischen Konsequenzen drohen, bis er endlich deinen Aufenthaltsort preisgab. Was hast du eigentlich angestellt?” Ich sagte: „Später. Aber hast du eine Leiter mitgebracht, damit ich über die Mauer klettern kann?” – „Ich habe was besseres”, antwortete sie und zog eine dünne Windjacke aus ihrer Tasche. „Da, überziehen”, sagte sie. Dann drückte sie mir eine neue Ausweiskarte in der Hand. „Gute Beziehungen zum Personalwesen können von Vorteil sein. Wir heißen jetzt Weidenhaus.” Das war ihr Geburtsname „Na,” sagte ich „dann hast du ja doch noch gewonnen”, und sie grinste. Wir sind zwar schon lange verheiratet, haben aber nicht vergessen, wie schwierig es war, uns auf einen Familiennamen einigen. Jeder wollte seinen behalten. „Was schleppst du eigentlich da für einen Müll mit, kann das in die Tonne oder bist du jetzt doch echt bekloppt?”, fragte sie. „Bloß nicht wegwerfen, das ist extrem wichtig, ich erkläre es dir später. Aber wie hast du das alles so schnell hinbekommen mit den Ausweisen und so?” „Erkläre ich dir auch später. Jetzt sei mal ganz unauffällig.”

Wir hielten lässig unsere Ausweiskarten hin. Der Pförtner scannte sie nicht einmal ein, warf nur einen Blick auf seinen Schirm, wo unsere neuen Namen ja nicht gelistet waren, und winkte uns durch. Das Auto stand zwei Ecken weiter. „Ein Mietwagen. Unser Auto steht vor dem Haus und das wird überwacht, wie mir auffiel, als ich von Treidelmeister zurück kam. Ich habe mich dann mit dem Hund unauffällig davon geschlichen. Also, was hast du nun eigentlich ausgefressen?”

Während Waldi einen begeisterten Begrüßungstanz im engen Auto versuchte, fuhren wir direkt zum Hafen. Wir ließen das Auto stehen, steckten die Schlüssel in den Briefkasten des Hafenmeisters, damit der auch mal was zu tun bekam, und stachen in See. Ines Geschichte war kurz. Sie habe es endgültig und komplett satt gehabt, dass ich nun doch immer wieder fort sei, sobald „Treidelmeister auch nur mit den Fingern schnippst”, so sagte sie. Und als eine liebe alte Schulfreundin erzählte, dass sie ein paar Ferienhäuser auf Sainte Josie, dieser netten kleinen Antilleninsel, geerbt habe und dringend Hilfe brauche, da habe ihr Entschluss fest gestanden. „Egal, ob du mitkommst oder nicht, mein Lieber!” Das Schiffchen sei zu überführen und sollte dann dort das Angebot aufstocken und noch attraktiver machen. „Und wieso das mit den Namen?” „Nun”, erklärte sie, „Treidelmeister wird nie locker lassen. Das ist doch klar. Aber wenn er uns nicht finden kann, hat er eben Pech gehabt.”

„Und was ist mit dem Kätzchen?”, fragte ich. Das musste sie leider einschläfern lassen, antwortete sie. Ihr kleines Schnäuzchen sei auf einmal ganz schwarz und grindig gewesen, wie verbrannt, und blind sei sie auch geworden, es sei völlig unerklärlich, wie das passiert sei. „Oder gibt es vielleicht wirklich Menschen, die mit einem Schweißbrenner auf so ein armes kleines Tierchen los gehen?”

Als ich ihr dann meine Geschichte erzählte, ließ ich den Zusammenstoß mit der Raumraubkatze vorsichtshalber weg. Ines hatte das Kätzchen sehr gemocht, und sie ist eine strenge Rationalistin. Folglich wäre ihre Reaktion unvorhersehbar. Gut, ich glaube auch an das Rationale, aber mir will doch scheinen, als fiele im hyperkomplexen Gewirk des Raumzeitkontinuums, vielleicht sagt man besser Diskontinuum dazu, manchmal die eine oder andere Masche, und dann passieren sehr, sehr seltsame Sachen. Schließlich gleiten auch die Raumschiffe andauernd schneller als ein Lichtblitz durch diese Hyperchannels, und keiner weiß wie, weiß nur dass es funktioniert. Vielleicht hatte sogar die komische alte Dame mit ihren Sternentalern die Hand im Spiel?

Nun gut, manches berichtete ich nur oberflächlich, aber im Ganzen ehrlich und korrekt. Über das leicht zerknitterte Portraitbild freute sie sich riesig. Gemeinsam glätteten und rahmten wir es, reinigten die Uniform, sie stumpfte mit mattem Nagellack einige verdächtig blinkende Knopfkanten wieder ab. Die Uniform wird einen Ehrenplatz in unserer Inselresidenz bekommen, so beschlossen wir. Das eine oder andere Knöpfchen werden wir abtrennen und vom Erlös diese Residenz zu einem richtig feinen Ort machen, wo uns auch alte Freunde gerne besuchen kommen.

Gerade kommt der Skipper an Deck. „Kinder!”, rief er, so hat er uns noch nie angeredet, „geht mal runter, steckt alles in die Schränke, macht alles fest, bindet den Dackel an und legt die Schwimmwesten bereit. Es kommt ein Wetter auf, ich sage euch, das werden wir so schnell nicht vergessen!”

„Dass du es aber auch nicht lassen kannst”, sagte Ines zu mir, und ich musste lachen. „Wir kommen da bestimmt gut durch”, antwortete ich zuversichtlich, und dann, dort auf der Trauminsel, dann werden wir endlich Ruhe haben!”
 
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